——— Eye
Presented to
The Tibrarp
L
ot the
University of Toronto
cr. :
Educal, i
"Bilder: Mfademie
für die Jugend.
Abbildung und Befchreibung der vornehmſten
Gegenſtaͤnde der iugendlichen Aufmerkfamfeit —
aus der. biblifhen und Profangeſchichte,
aus dem gemeinen Leben, dem Naturreiche
und den Berufsgefchäften, aus der heidniſchen
Götter und Alterthums - Lehre, aus den
beiten Sammlungen guter Sabeln und moralt-
ſcher Erzählungen — nebſt einem Auszuge
aus Heren Baſedows Elementarwerke. —
In vier und funfzig Kupfertafeln und zweyen Baͤnden
Erklaͤrung herausgegeben von %. ©. Stoy,
Prof. der Pädagogik in Nürnberg.
Zweiter Band,
*
Pa te AR
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Nürnberg 1784 4 u
gedruckt mit Sixiſchen Schriften, und zu finden
bei dem Verfaffer, pr. 2 Louisd'ors.
Zufammenhang der Vorſtellungen.
XXXI. Der ein und dreyßigſten Tafel.
I,
[687
A:
D
on,
Nebucadnezar; fein Feuerofen, fein Stolz, feine Be—
firafung. Erfterer giebt Gelegenheit
. vom glüenden Ochfen des Perillus , und
. von der Glashütte zu reden.
. Nebucadnezars Stolz giebt Anlaß zur Schilderung e%
nes Stolzen,
. zur Fabel von der Zufriedenheit der Dunfe, und
‚zur Grjehlung vom Weifen und dem Narren.
debucadnezar lauft mit den Thieren herum, tie iene
verwilderte Menſchen,
‚ menfhenähnliche Ihiere, Affen und dergl. ⸗
. Wald» und Feld⸗Goͤtter.
XXXII. Der zwey und dreyßigſten Tafel.
1, Daniel. Belfazer. Auf Daniels Schieffal bezieht fi
aaO Su $. or ®
‚ die Menagerie,
. die Gefhichte Belifars
. die Wirfung der Religion auf dem Throne,
. die Naturgefchichte des Löwen,
. der Bauer mit den Srüchten,
. da5 Ampbhithester, und
. die gerettete Unfhuld eines Minifters,
. Belfaserd Gaſtmahl — der Sleifcher,
l
XXX,
Zufammenhang
XXXILIII. Der drey und dreyßiaften Tafel.
I.
a” Aa 2 wm B
©
Ahasverus und Eſther. Mardachai. Haman.
Eſthers Tugend, Gluͤck und Klugheit geben Anlaß
. bon der wahren und falſchen Schminte,
som Aofenfefte zu Saleney,
. von klugen und fleifigen Svauen,
‚vom Flachſe, der vornehmlich
. für den Weber und Schneider zugerichtet wird,
. von den Göttinnen- ver «alten Griechen und Römer ,
und
. von der Alugheit , die öfters vom Tode —
zu reden.
7. Hamans Schickſal — Berill und die Gluͤcks Goͤttin,
XXXIV. Der vier und dreyßigſten Tafel.
ut;
D J aM >» DD
I
Hiobs Probe, Bothen, Gluͤck. Zu dieſer Gefehichte
ſchicken ſich
. die Abbildung einiger ——
die Geſchichte des unglücklichen Calas, |
. die Wirfungen der Sreude und der Trauriafeit,
„die Gegenwart des Geiffes tenes abgebrannten Baus
ern,
die Erzehlung von den Grazien und Furien. (Hiobs
Toͤchter waren die ſchoͤnſten im Lande — aber ſeine
Frau und ſeine Freunde aͤngſteten ihn tie Furien.)
Gutherzige Leichtglaubigkeit. — Ein Beweis, wie
man oft durch eigne Schuld in allerley Unglück kommen
Tann.
‚Da Gott mit Hivb in einem Wetter redete, ſtellte er
ihm unter andern feine Weisheit an den größten Thie—
ven vor Augen — zu denfelben gehören der Klephant
und
6.
der Dorftellungen.
und das Naſenhorn. Die Zähne der erſtern bear:
beiten
der Drechsler und der Kammacher.
XXXV: Der fünf und dreyßigſten Tafel.
I,
u DB
—
Chriſti Geburt. "Berfindigung derſelben der Maria
— den Hirten. Auf iene wichtige Bigebenheit bezieht
fi *8 ⏑⏑ ————— Tr
„die Befchreibung des heiligen Hauſes zu Loretto,
‚ein Eurer Auszug aus der roͤmiſchen Geſchichte,
(unter Auguſto, dem erſten roͤmiſchen Kaiſer ward Chri⸗
ſtus gebohren.)
. die Freude bey der Wiederkunft des Geliebten,
. die Befchreibung der Sonne; (chriſtus, Die Sonne
der Gerechtigkeit — der Aufgang aus der Höhe. )-
». Der Sonne verfehiedenes Berhältnif gegen die Erde macht
das Jahr — daher die Kintheilung der Zeit, umd
der Aalender.
. Der Mond und die Sonne, eine Fabel.
. Die Sonne, nad) den Begriffen der Alten,
. Der KErlöfte.
XXXVI Der ſechs und dreyfigften Tafel.
I,
Ehriftus im Tempel. Die Weifen aus dem Mor
genlande. Flucht nah Egypten. Die fihine Ju
gend Ehrifti fol iunge Gemuͤther antreiben
2. dem Tempel der Tugend entgegen zu gehen, -
7. keine Schwierigkeiten fih davon abſchrecken zu laſſen,
fondern
dem Lehrer mit Fremden zu gehorchen,
3. Chri⸗
Zufammenhang der Vorſtellungen.
3, Chriſtus unter den iuͤdiſchen Lehrern —
neuern iuͤdiſchen ee Den Argung aue der
6. Chriſti Pfleghater — ein Zimmermann:
9. Seine Eltern finden ihn wieder — wie iener Vater
feinen Sohn.
5. Weil in der vorigen Tafel die Sonne befchrieben wurde,
fo fommt hier der Mond vor — Diefer und der von
Shrifto befuchte Tempel, giebt dann Anlaß
8. von der Diana, und ihrem Tempel zu Epheſus ;u
s zu reden.
Zuſammenhang
der Vorſtellungen.
XXXVII. Der ſieben und dreyßigſten Tafel:
1. Die Taufe Chriſti — feine Verſuchung — Die
Enthaupfung des Johannes. Erſtere giebt Anlaß von
der Taufe
2. der Ratbolifen und Griechen,
4 der Reformirten und Lutberaner su reden;
3. und überhaupt, die ebriftliche Gefebichte zu entwerfen.
5. Das Waller, das zur Taufe gebraucht wird, bat auch vor
das gemeine Leben, allerley Reichthuͤmer und Vortheile;
man findet in vemfelben Perlen und Borallen;
6. man führt es in Schöpf + Roͤhr⸗ und Sprinabruns
nen, zum Nujzen und zum Dergnügen, wohin man will
' 8. Der Bott des Waſſers, Neptun.
9. Die Geheimniße, von welchen bey der Taufe Ehrifti
Ä geredet wird, geben Gelegenheit von der Unmöglichkeit
Gebeimniße zu faſſen, und
7. von dem blinden Glauben mander Menfchen zu
reden.
XXXVIII. Der acht und dreygigften Tafel:
or Erſte Rlafie der Wunderwerfe Chriſti; feine
twunderbaren Curen, die er als Arzt verrichtet, führen
sur Betrachtung
4. einiger
ne
Zufammenhang
4. einiger cbiruraifchen Operationen,
5. des Auges und des Ohrs,
6. des Arztes,
8. des Aeſkulaps,
9, der merfwiärdigen Handlungen eines blinden Srauen:
zimmers.
7. Hieher gehoͤrt auch die Fabel vom Apollo und der
Minerva; ingleichen
2. das Wunderbare der Elektricitat.
3. Auf die römifihe, iuͤdiſche und chriftliche Gefhichte,
fonımf hier, der Ordnung nad), ein Entwurf der ma.
bomedaniiwen Geſchichte.
XXXIX. Der neun und dreyfigften Tafel:
* Zweyte Klaße der Wunderwerke Chriſti —
Dieſe zeigen von Gottes Groͤße, welche man auch im
Naturreiche, z. €.
5. vermitteiſt des Mikroſcops,
6. und mehrerer Werkzeuge und Verſuche der Erperimens
tal Phyfik wahrnimmt.
2. Chriſti Wunder — Etwas von den Wundern der
Heiligen und
8. von der Wunderſeule des Memnon.
9. Chriſtus, ein Wohlthätr — der wohlthaͤtige
Mann,
7. Undankbarkeit gegen Wohlthaten.
4. Chriffus , der wahre Meſſias — ein falfcher
Meflias,
heidniſche Geſchichte.
3. heidniſche Geſchich KL.
der. Dorftellungen.
XL. Der viersigften Tafel:
1. Jeſus und Nikodemus. Die Samariterin. Maria
XLI.
I.
DB on @& »
und Martha — Beyhyde geben Anlaß
‚und 4. anftändige Srauenzimmer :Befchäftigungen;
und des Hrilandes erwünfchter Beſuch,
. einen unerwarteten woblthätigen Beſuch vorzu⸗
ſtellen.
.Bey dem Bad der Reinigung, und dem Waſſer des
Lebens , von welchen Ehrifius mit Nikodemo und mit der
Samariterin ſpricht, laßt fi) etwas vom Gefundbrun:
nen, von den Bädern,
. vom Särber und Seifenfieder, und
. bon den Baͤdern der Alten reden.
.Nikodemus kann die Echren Jeſu nicht begreifen — er
hält fie für dunkel — Phöbus und fein Sohn.
chineſiſche Geſchichte.
Der ein und vierzigſten Tafel:
Chriſti Liebe zu den Kleinen — und der Kleinen
Liebe
.und 4. zu Kinderſpielen,
zu den beiten Rinderfreunden,
. und 6. zum Zucker- und Spielzeug.
. Rinder müfjen folgen, fonft werden fie um
gluͤcklich —
Mythologiſche Fiktionen, nad Kinder-Begriffen
tabellirt.
9. Geſpraͤch eines frommen Vaters mit feinem
Rinde,
XL,
—
Zufammenhang der Porftellungen.
XLI. Der zwey und vierzigften Tafel:
1, Das Gleichniß vom Saamen — giebt Gelegenheit,
etwas
3. bon den Saamenförnern und Pflanzen,
6. som Gartner, um
3- von den babilonifhen Gärten zu reden.
2. Der Saamen des goͤttlichen Wortes faͤllt meift auf ein
ſchlechtes Land;
‚ felten auf ein autes Land.
7. Die Leute fehlafen und gehen muͤſſig, wenn fie arbeiten,
und wachen follten — Die Fabel von der Grille und
Ameife,
8. von Epimenides , und den Giebenfhläfern —
» Der Nachtwanderer.
E >,
So
Zufammenhang
der Borfellungen.
XL. Der drey und vierzigſten Tafel:
1. Das Gleichniß vom barmberzigen Samariter, gieht
Gelegenheit
3. von den Werfen der Barmherzigkeit,
‚3. von der Barmherzigkeit der Sreymauser ,
4. von mitleidigen Rindern,
5. von heilfamen Aräutern für Franke,
$ von Hoſpitale,
7. von der Vergeltung der Barmherzigkeit,
8, von der Gaflfreybeit der Alten, und
9, von einer edelmütbigen Handlung eines Barmhern⸗
gen zu reden,
XLIV. Der vier und viersigften Tafel:
1. Der verlohrne Sohn —
a. Ungeratbene Söhne =
3. Spizbuben —
! + Unge
4
Zuſammenhang
ungerathene Toͤchter —
x, Wirbel, Strudel, Klippen — fo gefaͤhrlich mie
6.
dieſe, find der Jugend, Ausſchweifung, boͤſe Gefel;
ſchaft, Wolluſt —
Das Zuchthaus, das Tollhaus.
7. Ueble Folgen der Zuͤgelloſigkeit.
8.
\
9:
Bachus, Backbanalien.
Trauriges Schiekfal eines Küderlichen.
XLV. Der fünf und vierzigften Tafel:
1.
60 N. — —
Das Gleichniß vom reichen und armen Manno.
Zu demfelben ftimmen gleichfals alle übrige Vorſtellun⸗
gen, nehmlich
. der Verfhwender,
‚ das Ende des reihen Eröfus,
‚der Geizige,
. Steine, insbefondere Föftlihe Steine,
‚die Münze, der Steinfchneider ,
‚ der Genüofame und Ungenfgfame ,
‚der veiche aber ungeſchickte Midas,
. der Ducaten: Regen.
XLVI. Der ſechs und vierzigften Tafel:
L,
Das Gleichniß von den zehn Tungfrawen , giebt
Gelegenheit
2. OR
der Vorſlellungen.
2; von fünf Tugenden ,
3. von berühmten Srauenzimmer der Vorwelt, und
8. von den Veftalinnen zu reden.
s. Das Hel in den Lampen ver Sungfrauen — Zurich—
tung des Oels,
4. der Kraͤmer — Die Meſſe —
6. die Mitternachtfiunde — Ubren —
7. die thörichten Jungfrauen verfäumten die Gelegenheit
su ihrem Gläde, daher die Fabel —
9. Befler machte es der Rönig auf ein Jahr:
XLVII. Der fieben und viersigften Tafel:
1, Das Abendmahl — Das Sußwafchen ; ienes gicht
Gelegenheit
e. und 4. vom Abendmahle der vornehmſten chriftichen
Religions-Partheyen,
3. don der hohen Meße der Katholicken,
s. von Wein⸗ und Hopfen: Bau,
6 vom Koch und Wirth,
8. von den Gaſtmahlen der Alten, und
9, von der theuren Geſundheit zu reden,
7. Das Geheimniß des Abendmals und andrer Glaubens
lehren giebt Anlap zur Fabel vom Afrikaner und der
XLVII.
Zufammenhang der Vorftellungen.
XLVIT. Der adyt und vierzigften Tafel:
1, Chriftus leidet und flirbt als Erlöfer der Menfchen,
daher
3. die Gefchichte des für fein Volk fterbenden Codrus und |
Lurtius,
7. der KErrettete,
9. der Menfcherrettr Woltemade, ber zum Bellen an
derer fein Leben läßt.
8. Apollo toͤdtet die ppthiſche Schlange —
s. Bey Jeſu Tode ereignete fih eine Finſterniß — Son-
nen » und Monds: Sinfterniße.
9. Das beilige Grab zu Serufalem —
4. Die Rreuszüge —
6, Reliquien —
an EN (mer,
Zufammenhang
Der Vorſtellungen.
XLIX. Der neun und vierzigſten Tafel:
1. Die Ausgießung des heil. Seiſtes giebt Gele—
genheit
. von ben Früchten bes Geiſtes, der Gerechtigkeit
dem Frieden zc. zu reden, ingleichen
‚ von dem nicenifhen Concilio,
. von der augsburgifcben Confeſſion,
. von ben boben und niedern Schulen,
. vom Apollo und den Wiufen, und
von dem Hauptentzwecke aller Wiflenfchaften, bie
Ehre Gottes zu befördern.
7. Mancher Lehrer aber befolgt basienige nicht, mag er
andern als gut anweißt — baher die Fabel von der
Weofäule.
5. Bey der Sendung des heil. Geiftes hörte man bag
Braußen eines großen Windes — Daher hier etwas
von ben Sturmwinden. :
L. Der funfigften Tafel:
1. Die Evanaeliften und Apoftel.
3. Berühmte Lehrer und Gelehrte unter den Griechen
und Römern,
2 Mönde,
4. Nonnen, |
2. Prise:
D
DO oo AN»
en ae ie aan ai
Zufammenhang
z. Priefter und Gottheiten der alten Deutfchen;
7. Die Macht der Heberzeugung beym Lehrvortrage, in
einer sabel;
9. Eben biefelbe erläutert dur) eine Befehrungss
gefchichte.
5. Fromme Lehrer und Zuhoͤrer werben Bäume der Ges
rechtigkeit genannt, daher hier zwölf der berühmieften
Baͤume.
6. Eine gute Lehre oͤffnet gleichſam die Pforten der Ers
kentniß und des Lebens — der Schloſſer. (Ich
will euch des Himmelreichs Schluͤſſel geben, ſagt
Jeſus zu ſeinen Apoſteln —)
LI. Der ein und funfzigſten Tafel:
1. Die Steinigung des heil. Stephanus und andere
Qualen der Märtyrer in ben erſten Zeiten bes Chris
ſtenthums, neben Anlaß
2. von der Toleranz,
3. und 8. von einigen Miärtyrern aus der alten Ge,
ſchichte und Fabellehre,
4. dor der Inquiſition zu reden ; und den Unfinn bee
Haßes der Wahrheit und der Verfolgung
7. in einer Sabel, und
9. in einer Erzeblung vor Augen zu flellen.
5. Bey Gelegenheit des vielen Blut-Vergieſſens in ben
erften Jahren der chriftlichen Kirche, fann vom Blute
und deffen Umlaufe,
6. und überboupt von ber Anatomie, gehandelt
werben.
LM.
M.
B.N In 2
w 0
der Dorftellungen. >
Der zwey und funfjigfien Tafel:
Das Ende der Welt; daßelbe fol
. zur richtigen Erkentntß Gottes,
. zu heiligen Betrachtungen, und
. zum Auffuchen immer befjerer Welten ermuntern.
. Tod und Zufunft führen zur Betrachtung ber Manch⸗
faltigkeit der Todtenkoͤpfe,
. ber Raupen und ihrer Verwandlung,
. de Himmels und der Hölle, nach) den ge
der Alten,
. des Zuftandes nach dem Tode, und
, ber einzelen Gerichte Gottes über ganze Länder und
Nationen, z. €, über Jerufalem sc.
An
An die Herren Buchbinder.
Das die 54 Rupfertafeln in Einen Band zufammen gebun,
den
werben; und zwar fo, baß das Titelblatt zuerft, dann
bag Debikationsblatt mit dem Portraite des Durchlauchtigen
Kronprinzen von Schweden, und nach demfelben die üb-
rigen, von Tab. I. big Tab. LII. fommen, brauche ich nicht
su erinnern. Bey der Erklärung aber, welche zwey vollkom⸗
men gleihe Bände ausmacht, ift folgendes zu beobachten:
1. Zum erftien Band gehöret
Pau -
un
|
‚ber Titel deffelben,
‚bie Debifation,
‚ die Vorrede,
die Anmweifung zum nüslichen Gebrauch ber Bilderaka—
demie, welche der zweyten Ausgabe Erklaͤrung
vorgeheftet iſt,
‚bie Probe von den verfchiedenen Combinationen aller,
Vorſtellungen einer Tafel, welche man vor dem Texte
der dritten Ausgabe Erklaͤrung finder,
‚ der Zufammenhang ber Vorftellungen, vor der erften,
zweyten, dritten, vierdten und fünften Ausgabe
Erklärung.
Die Erflärung felbft, oder der Tert von pag. r. big
80. (Begreift alfo der erſte Band bie fünf erſten
Ausgaben Erflärung. )
if, Zum zweyten Band gehoͤret
I»
der Titel deffelben ,
o, ber Zuſammenhang der Vorſtellungen vor der fechften,
fiebenten, achten und lezten Ausgabe Erflärung.
5. Die Erklärung diefer wier lezten Ausgaben , ober der
A.
Text von pag. 582. bie zu Ende.
Die Regifter:
— — — —
‚Ein ur — 32 Tafel.
AH
Nebucadnezar.
Er trauriges Beyſpiel der goͤttlichen Strafgerechtigkeit,
die endlich über ein boͤſes Volk, das ſich gar nicht befe
fern will, ausbrechen muß, giebt die Wegführung des iſrae⸗
Keifchen und iuͤdiſchen Boltes in die babylonifdhe Gefans
genſchaft.
Gott ſandte einen Propheten nach dem andern zu
denſelben. Bald ließ er fie bitten und ermahnen von als
ler Abgstterey und Gottloſigkeit abzulaffen — bald ernfilich
warnen und Strafen drohen, wenn fie ſich nicht beſſern
wollten — aud) bisweilen wirklich allerley Ungluͤck über
fie kommen — aber alle Bitten, Warnungen und Drohungen
waren bey ihnen fruchtlos. Darum ließ es Gott gefchehen,
daß Salmanaffar , der König von Affyrien, den lezten ifs
raelitifchen König Hoſea, nebſt den meiften feiner Untertha—
nen gefangen nach Affyrien führte; wodurch dag ifraelitis
ſche Reich, im Jahr der Welt 3282 zerfisret wurde, nachs
dem es 254 Jahre gedauret hatte,
Die Einwohner des Boͤnigreichs Juda bätten fich
durch diefes Beyfpiel follen warnen und zur Befferung er»
muntern laffen. ber fie achteten es nicht, und fragten
nichts nach der Drohung Gottes: wofern ſie ſich nicht befe
fern würden, follten fie aus ihrem Lande hinaus getrieben,
und in fremde Länder, und unter ihre Feinde zerſtreuet
werden. Daher trafen endlich auch die göttlichen Strafge—
richte das Rönigreich Jude. Der lejte Koenig deſſelben,
Nr Zedekic
582 Ein und dreyßigſte Tafel.
Zedekia, einer von den Nachkommen des frommen Koͤniges
Hiſkias, der ohngefehr 100 Jahre nach demſelben den Thron
beftiegy war ein gottloſer Mann. Vebucadnezar, ver
Koͤnig von Babylon, machte ihn ſeiner Gewalt unterwuͤrfig,
bekriegte ihn mit einem zahlreichen Heere7 und eroberte die
Stade Jeruſalem, nach einer jmeyiährigen Belagerung.
Der Tempel ward beraubt und verbrannt, die Stadt zer—
ſtoͤrt, unfchuldige Kinder und alte ſchwache Leute mit dem
Schwerdte getödtet. Der Koͤnig Zedefia-mußte erſt fehen,
daß alle, feine Sinder vor feinen Augen niedergehauen wur⸗
den; Darauf wurden ihm feine Augen mit einem glücnden
Eiſen blind gemacht — er wurde in Neften gelegt, und, ale
ein Gefangener nach Babel geführt. Zugleich wurden bie
‚meiften noch übrig gebliebenen Einwohner der Stadt und
des Landes, wie das Vieh, nad) Babel getrieben.
Auf: diefe ſchreckliche Art gieng auch das Königreich
Juda zu Grunde; nachdem es, nach der Theilung 0682 Reichs
387 Jahre, und 134 Jahre länger als das Königreich Iſrael
gedauret hatte.
Db nun gleich der gerechte und —5* Gott t bie Sin.
den der. Iſraeliten dadurch ſtrafte, daß er ſie in eine harte
Knechtſchaft kommen ließ; ſo hatte er doch dabey zugleich
die allerweiſeſten und gnaͤdigſten Abſichten. Da nehmlich
die Juden auf dieſe Art faſt unter alle Voͤller der Erden
zerſtreuet wurden; fo kam eben dadurch die Erkentniß des
wahren Gottes: zu allen Voͤlkern. Denn ſie erfannten in
ihrem Elende, weiches , von der. legten Wegfuͤhrung an ger
rechnet, fiebenzig Jahre vauerte, daß der Gott, dem ih>
re Väter gediener, fie aber verlaffen „hatten, der allein
wahre Gott und Schöpfer Himmels und ‚der Erde fen.
Sie verabfcheueien aus diefem Grunde die Abgoͤtterey, um
welcher willen fie gefieaft worden Maren, vın der Zeit an
mehr, als alle andern Sünden. . Sie hielten. nun größten
theils
Nebucadnezar. 583
theils veſte an dem Geſeze des Herrn, und ſuchten auch an
vielen Drten andere Menfchen zur Erfentniß Gottes zu brins
gen. Ja, eg zeichneten fich, wahrend diefer Gefangenfchaft,
einige fromme und rechtfchaffene Sfraeliten durch ihre vors
zügliche Gottesfurcht und Standhaftigfeit, zur Verwunde—
rung der damals regierenden aflyrifchen, babylonifchen und
perfifchen Könige, herrlich aus. |
Schon unter dem Könige Nebucadnezar fam Daniel,
einer der berübmteften Bropbeten, in Babylon zu folchem Anſe⸗
ben, daß die wahre Neligion durch diefen Mann einen ungemein
großen Vortheil erhielt. Denn da der König einft ein
Traumgefichte gehabt und wieder vergeifen hatte, und dieſen
Traum niemand als Daniel finden und auslegen Fonnte ;
fo erkannte Nebucadnezar, daß der Gott, den Daniel vers
ehrte, der wahre Gott ſey. Diefe Erkentniß des Allerhöche
fien wurde bey Nebucadnezar durd) ein zweytes Wunder noch
größer. Es hatte nehmlid) diefer König ein großes Bild
aufitelen lajjen, und befohlen, daß alle feine Unterthanen
und Diener daffelbe anbeten füllen, Nun waren unter den
Amtleuten Neducadnezars einige gelehrte Zuden, Sadrady
Meſach und Abednego, die der König auf Daniels Bits
ten, über verfchiedene Kandfchaften gefezt hatte. Diefe weis
gerten fich das Bild anzubeten. Darüber ward der König
bermajjen aufgebracht, daß er fie in einen großen, voll Feu⸗
er brennenden Dfen werfen ließ, und noch dazu fagte, ex
wolle doch fehen, wer der Soft fey, der fie aus feiner Hand
erretten koͤnne. Aber zum größten Erflaunen mußte diefer
trozige König gerwahe werden, daß diefe Männer, nebfk
noch einem, welcher ein Engel in menfchlicher Geftalt
war, unverfehrt im glüenden Dfen herumgiengen, und Lob⸗
lieder anftimmeten, Er ließ fie alfo mwicder herausgehen —
und man fand nicht dag Geringſte an ihnen verſengt, ia man
konnte nicht einmal einen Brand am ihnen riechen (a).
Nr Dieß
14
384 Ein und dreyßigſte Tafel.
Die rührte den König dermaffen, daß er'zur Erfentniß des
wahren Gottes Fam, und allenthalben die Anbetung deffel-
ben gebot.
Allein Nebucadnezar blieb nicht lange bey diefer gu;
ten Sefinnung. Nachdem er die Stadt Babylon recht Ei.
niglich ertweitert und mit den prächtigften Palaͤſten gezieret
hatte, wandte fich fein, durch Reichthum und Wolluſt bee
thörtes Herz von Gott ab. Er vergoͤtterte fich felbft, und
fagte einft, da er auf der Foniglichen Burg gieng, vol
-Stol : Das ift die große Stadt, die ich zum Föniglis
chen Haufe, durch meine große Macht, zu Ehren meis
ver HerrlichFeit erbauet babe (b). Aber kaum hatte er
diefe Worte auggeredet, fo zeigte ihm eine Stimme vom
Himmel an, daß ihm fein Königreich, und fein großer Glanz
genommen werden — daß er vom Throne verſtoßen und lan»
ge bey den Ihieren auf dem Felde bleiben folle.
Diefe Drohung wurde auch fogleih an ihm erfüllet.
Er verlohr feine Vernunft, wurde von feinen eigenen Uns
terthanen verfioßen, lief unter freyem Himmel unter den
Thieren herum, aß Gras, und verwilderte nach und nach
dermaffen , daß er mehr einem Vieh, als einem Menfchen
ähnlih war (c). Endlich aber gab ihm Gott feine Ver»
nunft wieder — er erkannte alle feine Ihorheiten, ex be-
reuete fie, bat um Gnade und Vergebung, preifefe und lo—
bete Gott, und Fam wieder zu feinen Königreich, und zu
noch größerer Herrlichkeit, als er vorher hatte,
WARNTE
Wie könnt’ ich mih, o Gott, der Güter. uͤberheben,
Und meines Ihiwachen Lichts ?
as ich beſitz', fi dein; Du fprichft ! fo bin ich Leben ?
Du ſprichſt fo bin ich Nichte,
Bon
=,
Nebucadnezar. 585
Bon Dir kommt das Gedeyhn und iede gute Gabe
Bon Div, Du hoͤchſtes Gut!
Bemwahre mich, o Gott! son bem ich alles habe,
Bor Stol; und Uebermuth!
nn ALRTNLLERLÄEN
2;
Ganz verwilderte Menfchen.
ir bilden uns alezeit nach denen, die um ung find,
oder deren Sitten wir in Schriften gefchildert finden. Fine
ber nehmen das DBetragen ihrer Wärterinnen, Gefpielen
und Eltern an. — Schuͤler und Schülerinnen bilden fi
nac) ihren Bräceptoren, Hofmeiftern und Öouvernanfinnen—
Nomanen=fLefer und Keferinnen nach den Helden und Helditte
nen ihrer Romane. — Dienftbothben nad) ihrer Herrfchaft,
u. ſ. w. Aber Denfchen, die den Umgang mit andern Men—
fehen entbehren müffen, gelangen nie zu dem Gebrauche ih—
res Verftandes, fondern nehmen unter Schaafen, die Sit:
ten der Schanfe, unter Gemſen und Eichhörnern, die Sit—
ten der Gemfen und Eichhörner,, und unter Bären,bie Sit:
ten der Bären an ; denn das Vermoͤgen nachzuahmen ift
nicht nur Affen und andern Thieren, fondern auch dem
Menfchen eigen.
Diefe ausgemachte Wahrheit kann durch viele Benfpie-
le unglücklicher Menfchen beffätiget merden , welche in ihrer
Kindheit, aus der Geſellſchaft der Menfchen verlchren ges
sangen, und in der Wildniß aufgewachien find. So fans
den vor hundert Jahren die Jäger in Litthauen einen zehn⸗
iährigen Knaben, in einem Walde, unter den Bären (a),
der wie ein Hund um fich biß, auf allen Vieren lief, nichts
als Bären - Futter aß, und wie ein Bär die Leute mit feinen
Rr3 Fire
86 Ein und dreyßigſte Tafel,
Fingernaͤgeln zerkrazte, als ſie ihn fon Bi n fand au⸗
dere, die in der größten Geſchwindigkeit die hoͤchſten
Bäume Eletterten (c), wie Genmfen auf den Gipfeln der
Berge herum fprangen, ‚wie das Dieh bloͤckten, ſich von ro—
hem Fleiſche und Wurzeln nahrten, und wie Spürhunde ih»
rem Raube nachliefen.
Hieher gehören vornehmlich die Gefchichten eines Men-
fhen aus Küttich, und einesl Mädchens aus Champagne.
Der erſtere war im fünften Jahre feines Alters verlohren
gegangen, und fechjehen Jahre hernach]erft wieder gefunden
worden, ba er denn unterdeffen vornehmlich feinen Geruch
bergefialt gefchärft hafte, daß er dadurch eßbare Wurzeln,
die feine Nahrungsmictel waren, in der Erde aufzufuchen
und zu unterfcheiden im Stande war. Das Madden aus
Champagne hingegen war ohngefehr zehen Jahre alt, alg
es in einem Dorfe Chalons in Gefangenfchaft gerieth. Es
war ungemein beherzt, und wußte fich mit einer Keule fo
geſchickt zu vertheidigen, daß ein großer Hund, welchen man
108 ließ, um es veft zu halten, das Leben verlor. Sie er-
hub über diefen Sieg ein fücchterliches Freuden - Gefchren ,
und tanzte einige Minuten auf ihrem erlegen Feinde herum
kb). Auf den Bäumen Eletterte es faft wie ein Eichhorn her—
um, indem es fi) an den Aeſten mit feinen Daumen beve-
fligte, die Davon auch weit dicker waren, alg fie von Natur
hätten feyn follen. Laufen konnte es mit erflaunlicher Ge:
fhwindigfeit , ohne jedoch große Schritte zu machen. Eben
fo verfland es auch die Kunft zu fchwinmen und unterzutau—
chen, um Fifche und Froͤſche zu fangen, die es roh verzehrte,
fehr volfommen. Um den Leib, welcher weiß ausfah, nach- -
dem er abgewafchen war, hatte es ein Sell gebunden. Re—
ben fonnte es anfänglich eben fo wenig, wie die vorigen : aber
hernach lernte es die franzoͤſiſche Sprache, und gewoͤhnte fich
mit Berluft feiner Gefundheit, an eine menfchliche Lebensart.
F Dan
Nebucadnezar. 587.
Man fragte es fodann, wie es in die Wildniß gefommen,
und was daalles mit ihr vorgefallen wäre : allein es mußte
fich weiter auf nicht8 zu erinnern, als dag e8 noch eine Ge—
fellfchafterin gehabt babe, mit welcher eg einft über ein
breites Waffer geſchwommen fey, und diefe feine Geſellſchaf—
terin habe e8 fur; vorher, ehe e8 gefangen worden, wegen
des Beſizes eines Spielzeuges getödter.
Als fie ihre Wildheit fo ziemlich abgelegt haffe, und
. in den Örundfäzen der chriftlichen Neligion mar unterrichtet
toorden, twurde fie gekauft, und befam den Namen le Blanr.
Da fie einige Jahre darauf fih in Paris in fehr elenden
Umftänden befand, fragte fie ein Neifender, wie fie denn in
einem fo verlaffenen Zuftande leben koͤnnte? Sollte, gab
fie zur Antwort, Gott mid darum von den wilden
Thieren weggenommen, und mich zu einer Chriftinn
gemacht baben, um mid) Junger fterben zu laflen ?
Das ift nicht mögli — ich Fenne niemand als ihn;
er ift mein Vater, und er wird ſchon für mich forgen!
Ä 3.
Der eherne Ochfe des Perillus.
S).. Künftler ift mehr durch feine Graufamfeit, als
Gefchicklichfeit befannt geworden. Er verfertigte nehmlich
dem Phalaris, einem tyrannifchen Deren von Ugrigent, in
Eicilien, einenebernen Ochſen, damit er darinn die feute,
durch ein unter demfelben gemachtes Feuer , auf eine lang-
fame Art ums Leben bringen koͤnnte. Diefer Dehfe war auf
eine folche Art gemacht, daß, wenn Biefe unglückfeligen
Leute in demfelben heulten und fihrieen, man die Stimme
eines natürlichen Ochfen zu hoͤren glaubte. Phalaris bes
Rr4 lohnte
588 Ein und dreyßigſte Tafel.
lohnte dieſe Arbeit des Kuͤnſtlers, der fuͤr die Erfindung eine
große Summe Geldes verlangte, dadurch, daß er ihn zuerſt
bey dieſem langſamen Feuer braten ließ. Allein bey einer
Empoͤrung der Agrigentiner wider den Phalaris, mußte
endlich dieſer Tyrann ſelbſt, zur Strafe fuͤr ſeine grauſame
Regierung, in demſelben ſein Leben laſſen.
Es wollen einige ſagen, die Agrigentiner haͤtten dieſen
ehernen Ochſen ind Meer verſenket; aber andere Schrift⸗
ſteller behaupten mit mehrerer Gewißheit, daß er nach der
Einnahme von Agrigent, von dem Eroberer deßelben, Imil⸗
Far, nebſt allen andern Koſtbarkeiten dieſer Stadt nach
Karthago gebracht worden fey. Und Cicero berichtet, daß
Publ Scipio in der dritten punifchen Kriege, und alfo einige
Jahrhunderte darauf nach der Eroberung von Karthago, den
Agrigentinern diefen ehernen Dehfen wieder zugeftellt habe;
und zwar, wie Scipio felbft fagt, in ber Abficht, damit fie
fich bey Betrachtung diefes Ochſen, der Graufamfeit ihrer
eigenen Regenten, und der Gelindigkeit der römifchen Herr⸗
fchaft erinnern, und zugleich bedenfen möchten ‚ daß es den
Einwohnern Siciliens weit zuträglicher wäre, den Römern
gehorfam, als ihren eigenen Beherrfchern dienftbar zu feyn.
4.
Der Stolze.
Elementarw Tab. XXVII, 4.
ener Thor in der Halbchaiſe hat eine große Meinung von
der Anmuth ſeiner Geſtalt und ſeiner Sitten, und von der
Groͤße ſeines Verſtandes und ſeiner Geſchicklichkeit, weil es
ihm ſeine einfaͤltige Mutter, welche eine Affenliebe zu ihm
hatte, beſtaͤndig vorgeſagt, und einige Schmeichler es beſtaͤ⸗
tiget
Nreburadnesar. 589
tiget haben. Er glaubt bey feinem Fürften in hoher Gunſt
zu fiehn, weil derfelbe, tie er fich ihm einmal zu Gnaden
empfahl, antwortete : daß er gerne tugendhafte und ger
fchicfte Männer in feine Dienfte nähme. Sein angeflammter
Name ift David Lumpmann; und man fagt, ber Name
habe daher feinen Urſprung, daß fein Eltervater, ein braver
Mann, mit Lumpen gehandelt habe ; wodurch auch ber
Reichthum feiner Familie erworben feyn fol. Weil er nun
zum mindften ein Stadthalter zu werden hoffte, und weil er
glaubte, diefer Sprung würde ihm leichter werden, wenn er
Herr von Cumpenſchild hieße: fo gab er einen großen
Theil feines Vermögens an bieienigen, die als Unterhändler
und Hauptperfonen folche Namen verfchaffen Finnen. Von
diefer Zeit an verachtete er alles, was nicht Herr von dieß
oder von das hieß , und folglich nicht vom Adel war.
Aber der erlangte Adel befriedigte ihn nicht; denn er hieß
noch niht Baron oder Graf, war nod) nicht Stadthalter,
und es fehlte ihm die Erlaubniß, ein Band von gemiffer
Farbe, und einen geftichten Stern auf feinem Kleide zu tra-
gen. Denn ob er auch gleich dafür Geld geboten hatte;
fo hatte man ihm doch geantwortet : weil das Zeichen folcher
Bänder noch fein Erbgut geworden wäre; fo wollte man es
nicht verkaufen, fondern nur denienigen geben, von deren
Verdienſten oder Nemtern e8 ein Zeichen ſeyn follte. Er fischte
fich aber durch übermäßige Pracht fchadlos zu halten. Seht
wie er fich in feiner Chaife bruͤſtet. Kaum zuckt er den Hut
für diejenigen, welche, weil fie etwas von feinem Gelde
verlangen, ihm fehr ehrerbietig grüffen.
Du Thor, wenn du dag Anfehn eines mohlerzognen
und vornehmen Mannes haben mwillft, warum fezeft du denn
auf eine unanftändige Weife die Hand in die Seite? D,
wuͤßteſt du zu deiner Beſſerung, wie iene dort im Fenſter,
und dieſe, die neben deinem Wagen gehn, über deinen un-
Rr5 ge
590 Ein und dreyßigfte Tafel.
gefchliffenen Stolz lachen? Warum mußt du eben bie beften
Pferde in der Stadt halten? DBielleicht deswegen, daß man
diefe wenigſtens bewundere, wenn man bich verachtet ?
ag fol dir dein fehneller, wohlgebildeter und prächtig ge⸗
Hleideter Lauffer ? Du haft ia feine Verrichfungen, die einen
Thnellen Bothen erfordern. Und warum foll denn ein ieder
eine Minute vorher wiſſen, daß die fehenswürdigen Pfer
oe des Heren von Lumpenfchild kommen ? gereicht eg bir zur
Ehre, daß man die angenehme Gefalt und Stellung deines
Laͤuffers mit der deinigen vergleiche? Was follen zwey
müffige Bediente bey einem noch müffigern Heren? Warum
muß dein fchöner Jagdhund allemal mit dir Gefellfchaft ma—⸗
chen? Man weiß ja, daß du Fein Pulver riechen mögeft,
und akſo nicht auf die Jagd gehfl. Deine thörichte Begierde
nach unverdientem und überflüßigem Anfehn wird dich genug
firafen. Sie wird durch iede Sättigung hungriger werden,
umd dich, wenn du dich nicht befferft, von der Tugend, von
der Ehre ben den Vernünftigen, und von der Glückfeligfeit
immer meiter entfernen.
5
Die Affen.
N, Affen find vornehmlic deswegen merkwuͤrdig, weil
fie unter allen vierfüßigen Thieren, in Anfehung der Auffer-
lichen Bildung, die meifte Aehnlichkeit mit dem Menſchen
haben. Sie haben an beyden Augenliedern Haare — ihre
Hinter - und Vorder » Füße gleichen den Armen und Beinen
der Menfchen — die Pfoten der vordern find der menfchlichen
Hand Ähnlich, und fie thun damit eben die Berrichtungen —
Die Zehen gleichen den Fingern einer Hand, auch if die
mittelfte die längfte.
Man
Nebucadnezar. 591
Man findet ſie nicht nur in Aſien und Afrika, ſondern
auch in den heiſſen Ländern von Amerika. Die meiſten Urs
ten berfelben wohnen zu hunderten und faufenden beyſam—
men, legen gemeinfchaftlihe Magazine an, ftellen Schildwa⸗
chen aus, und beftrafen diejenigen , die fich einer Nachläßige
feit fchuldig mahen. Ihre gemöhnlichfte Nahrung befteht
in Obſt und andern Früchten, welche ſie wegen ihrer Ge-
fchicflichfeit in Klettern , von den höchften Bäumen leicht
herunter holen Eönnen. Die Weibchen der Affen bringen
gemeiniglich nur ein Junges auf einmal zur Welt, welches
fie eben fo, mie die Indianer ihre Kinder, auf dem Ruͤcken
tragen, und mwenn fie es fäugen wollen, in bie Arme
nehmen.
Veberhaupt ſuchen fie alles das nachzumachen , mag
die Menfchen vornehmen , und diefer Neigung zur Nachahs
mung der menfchlichen Handlungen, bedienen ficy die Indi—
aner, um fie zu fangen, mit vielem Vortheile. Sie ziehen
3. E. unter den Bäumen , auf denen fie Affen bemerfen,
ihre Stiefeln eininemal aus und an, gehen hierauf fort,
und laffen Fleine Stiefeln , die befonders hierzu verfertiget,
und inmwendig mit Leim beftrichen find, unter den Bäumen
ftehen. Weil nun die Affen ihnen diefes nachthun (h), die
Stiefeln aber nicht wieder von den Füßen bringen , auch
barinnen nicht gut fortgehen Finnen , fo gerathen fie den
Indianern leicht in die Hände. Einige fangen diefe Thiere
auf folgende Art: Sie beftreichen nehmlich ihr Geficht,
vor den Augen der Affen, mit Honig, und laffen beym
Weggehen einen Topf mit Leim zurück, womit hernach die
Affen ihr Geficht befchmieren , und dadurch geblendet mer-
den. Durch flarke Getränfe Fann man diefe Thiere ebenfals
fangen, wenn man einige damit angefüllte Gefäße in die
Gegend fezt, wo fie ſich aufhalten, und fich ſtellt, als wenn
man ſelbſt davon traͤnke. Denn fobald die Affen davon trin-
® fen
592 Ein uud dreyßigſte Tafel.
Ten und beraufcht werden, fchlafen fi e ein, und laffen fich
alsdenn leicht fangen. Man fielt auch öfters eine Slafhe
mit, einem engen Halfe bin, und thut Mais / ‚oder türfifches
Korn hinein, welches fie fehr lieben... Wenn fie num mit
der Pfote hinein fommen, und Korn in diefelbe faffen, mit
der zuſammen ygeballten Fauſt aber nicht wieder durch dem
engen Hals herausfommen koͤnnen, fo find fie fo geizig
auf ihren Raub, daß fie fich eher fangen, als den Raub
los laffen (g)-
Wenn ein Affe von einem Menfchen oder Thiere an-
orsriffen wird, fo fommen ihm die andern, welthe diefeg
fehen, zu Hülfe Ihre Waffen find Steine und abge
brochene Zweige, in deren Ermangelung fie ſich auch ihrer
Excremente bedienen, die fie ihren Feinden an den Kopf wer—
fen. Sie befizen viele natürliche Gefchicklichfeit, und koͤn⸗
nen abgerichtet werden, den Bratſpieß umzudrehen, das
Gefäße zu ſcheuern, auf dem Seilezu tanzen, und andere
dergleichen Verrichtungen vorzunehmen. Sie lernen auch
die menfchliche Sprache fehr bald verftehen, find aber nicht
im Stande Wirter nachzufprechen, ob fie gleich eben fo gut,
wie die Menfchen, alle Werkzeuge haben, welche zur Bil-
dung der Töne näthig find.
Veberhaupt find fie fehr Fünftlih und finnreich in al
lem, was fie vornehmen. Empfindlih, wenn es ihnen
wohl geht, und Angftlich in der Noth, geben fie ihre Lei-
denfchaften zu aller Zeit durch ihr Stampfen mit den Füßen
und Veränderung ber Gefihtszüge aufs nachdrüdlichfte zu
erfermen. Sie feufzen, wehklagen, weinen, zifchen, la—
chen, ie nachdem fie Entfezen, Zorn oder Berfpottung aus—
druͤcken wollen. Sie wiffen fo lächerliche Stellungen anzu—
nehmen, daß, bey deren Anblicfe der ſchwermuͤthigſte
Menſch, fich des Lachens nicht würde enthalten Finnen.
Anter fich felbft beobachten diefe Thiere eine gute Difciplim.
Kommt
Tr
—
Nebucadnezar. 393
Kommt es darauf an, ein betraͤchtliches Melonenland zu
verwuͤſten „ſo gehen fie in ſtarker Anzahl nach dem Garten.
Hier ſtellen fie fih fo in eine Reihe, daß zwifchen zweyen nur
ein mirtelmäfiger Zwiſchenraum bleibt. Mach Endigung dies -
- fer Fugen Anſtalt, werfen fie fi die Melonen von Hand
zu Hand. jeder won ihnen fängt die ihm zugenworfene Mes
lone geſchickt, und mic aufferordentlicher Geſchwindigkeit
auf. Die Linie, welche fie machen, endigt fich gemeiniglich
auf einem Berge. Alle dieſe Anftalten gefchehen beym tiefe
fen Stillſchweigen.
Dan theilet das Affengeſchlecht gemeiniglich in drey
Hauptgattungen ein, nemia) in eigentliche Affen, in Bas
viane,. und Meerkazen.
1. Zu den eigentlichen Affen, welche ungeſchwaͤnzt
find, gehöret vornehmlich, als die größte und merkwuͤrdig⸗
ſte Art derſelben, der Orang Utang (a), welcher auch g
im Deutfchen, den Kamen Waldmenfch führet, und im
Dftindien gefunden wird, auch die meifte Aehnlichkeit mie
dem Menfchen hat. Er geht blos auf den Hinterfüßen, wie
die Menfchen, und bedienet fich der Vorderfüße nur zum '
Angreifen. Die größere Gattung derfelben wird Pongo
und die Eleinere Jocko genannt. Sie find nicht boͤsartig
und wild, und laffen fich leicht zahm machen und regieren;
Sie jezen ſich, wenn fie nur ein wenig abgerichter ſind,
tie die Menſchen zu Zifche, bedienen fich auf eine fehr ger
ſchickte Art der Meier, Gabeln und Loͤffeln, effen und frins
fen faft alles ohne Unterſchied, iedoch am liebſten Früchte
und Milch. DerGibbon (b), welcher auch in einigen Kei:
febefchreibungen unter dem Namen Fefe vorkommt, unter⸗
ſcheidet fich von dem Drang-Utang vornehmlich durd) bie
auſſerordentliche Länge feiner, Arme, ift aber übrigeng, dem
Geſicht nach, dem Menichen eben fo aͤhnlich als icner,
2. Die -
594 Ein und dreyßigſte Tafel.
2, Die; Baviane oder kurzgeſchwaͤnzte Affen (Ce) ha-
ben ein länglichtes Geſicht, gehen gemeiniglich auf vier
Füßen, und find überaus wild und unverjchämt. Die vors
nehmſten derfelben haben eine blaurothe Nafe, zwifchen er-
babenen fchiefgefurchten, himmelblauen Sleden, große ro—
the Schwielen am Hintern, und über den ganzen Leib
wollichte dimfelgraue Haare.
| 3. Die Meerkazen oder lang geſchwaͤnzten Affen ma»
then die geößte Zahl aus, und find ſowohl an der Größe
als an der Farbe von verfchiedener Art. Kinige find ſehr
wild und unbändig, und fahren den Leuten nad) dem Öefichte;
andere hingegen lajfen fich ohne große Mühe zahm machen,
Die meiften bedienen fich ihres Jangen Schwanzes, wie einer
Hand. Sie wickeln die Spize deffelben um die Aeſte der
Bäume, und halten fich nicht nur damit an, wenn fie auf
und nieder fleigen, oder wenn fie auf den Bäumen ſchlafen;
fondern fie fchleudern ſich auch oͤfters vermittelft deſſelben,
von einem Baume auf dem andern. Mird einer von ihnen
verwundet, fo kommen die andern gleich herbey, befehen
die Wunde, und halten fie fo lange zu, big fie fo viel Blaͤt—
ter Elein gefaut haben , daß fie das Loch damit zuftopfen
fönnen. Auf der Tafel find die merfwürdigften derſelben
abgebildet, nehmlich : der Affe mit der Chinefermüse (c),
Der Mone (d), und der Coaita (f). -
| 6,
- Die Glashütte, Zurichtung der Gläfer.
DD. Glas ift ein harter durchfichtiger Körper, welcher
aus Aſche ; SKıefelfteinen,;, Sand, und Salz, durch das
- Teuer verfertiget wird. Dieß gefchieht in den fogenannten
Glas⸗
Nebucadnezar. 5953
SGlashuͤtten (A), welche aber nur in folchen Ländern anges
legt werden dürfen, wo es Hol; im Ueberfluße giebt; weil
ein einziger Dfen gemeiniglich ein halbes Jahr in einem fort,
Tag und Nacht geheizet werden muß, und nicht eher der
erforderlichen Grad der Hiße haf, als bis so Klafter in
demſelben verbrannt find, Es find aber gemeiniglich drey⸗
erley Oefen in einer Glashuͤtte, welche ſelten uͤber ein
halbes Jahr dauern, nach deſſen Verlauff ſie wieder friſch
geſezt werden muͤſſen. In dem erſten, welcher auch Calci⸗
nirofen heiſſet, werden die zum Glasmachen gehoͤrigen
Materialien (die Fritte) gebrannt und bereitet; in dem zwey⸗
ten, dem Schmelz + oder, Werkofen, werden dieſelben y
oder das fogenannte ‚Gemenge des. Ölafes in großen Ties
geln geſchmolzen; und in dem dritten , welcher der Kuͤhl⸗
ofen genannt wird, das verfertigte Glas eingefezet, daß eg
nad und nach erfaltet,
Es giebt eigentlich breyerley Arten Glas, grünes,
weißes und Kryſtallglas; die Bearbeitung aber deſſelben
in den Glashuͤtten kann nur im Sommer getrieben werden;
und gefchieht auf folgende Weiſe: der Glasmacer hat
eine eiſerne Röhre mit einem hölzernen Mund ſtuͤcke im
der Hand, und ftößt dag Ende derſelben in den Ziegel, ‚big
fich fo viel Glas daran feget ;. als er zu feinem Stücke nöthig —
hat — dann zieht er es heraus, blaͤſet drein, daß es zu
einer Blaſe wird, ſchwinget die pfeife mit der Glasblaſe
in der Luft, und verwandelt hierdurch die runde Blaſe in
einen laͤnglicht runden Koͤrper, und giebt ihm die Form mit
der Glasſcheere. Wenn es erkalten will, hält er es in die
Glut, und treiber diefes fo lange, bis das Glag feine Ge:
Halt, die er ihm geben wollen, erlangt; und wenn er ihm
die aus freyer Hand nich! geben Fann, braucht er dazu ei-
‚ferne oder fieinerne Sormen. Wenn eg fo meit fertig iſt,
wird es am Male abgezwickt, und in den Kuͤhlofen ge-
” ſezt —
596 Ein und dreyßigſte Tafel.
ſezt — dann in das Magazin oder Glasfammer gebracht,
und entweder zur Stelle verfauft, oder durch Glasträger
in andern Drten, tveit und breit verhandelt.
Auf folche Weife werden allerley Trinfgläfer, Rrüs
ge, Becher, Slafchen, Recipienten, Rolben, Aetor⸗
ten , helme, Wettergläfer, Schaslen, Sprizen, He
ber, SchröpfFöpfe, felbft die Fenſterſcheiben, Tafelglas
and Spiegelglas verferfiget ; und die berihmtefte Glag-
fabrif war in den vorigen Zeiten in der Fleinen Stadt
Murano bey Venedig, woher das berühmte venetianis
ſche Glas fam, welches von befonderer Koſtbarkeit war.
Tun aber wird daßelbe in den böhmifchen, preußiſchen,
heſſiſchen und fächfifchen Glashütten eben fo fchin ges
macht, und von unfern deuffchen Ölasfchleifern weit inf
Ticher gefchliffen.
Mit allen Arten der Gläfer handelt der Glafer , ivele
‘cher fi) aber vornehmlich mit Senftermachen befchäftiger.
Er fchneidet nehmlic, die Glasfheiben, vermittelſt eines an
einem Stifte bevefligten fpijigen Diamantes zu, faßt fie
in Bley, welches vorher durch eine bejondere Maſchine,
die das Streckwerk heiſſet, gezogen worden, und loͤthet
ſolches mit Zinn zuſammen. Auf dieſe Art werden auch von
ihm Katernen und dergleichen Hausrath nerfertiget.
Dieienigen großen und Fleinen Glastafeln,, die zu
Spiegeln gebraucht werden follen, werden auf den Spier
gelfabriken entweder felbft gegoffen, oder wenigſtens, ver»
'mittelft großer duch Wafferräder getriebener Mafchinen,
geſchliffen und polirt, und mit ber Spiegelfolie durch
Hülfe des Gueckſilbers belegt.
Durh Glagfchneiden und Schleifen verfertigt der
Brillenmacher dieienigen Gläfer, welche zur Vergroͤße—
zung der Gegenflände, und zur Stärkung der Augen ges
Braucht werden ; nehmlich die Glaͤſer zu Brillen, Seheroͤh⸗
ren,
=
Nebucadnezar. 597
ven, Mikroſcopien, Zauberlaternen , Dunkelkam—
mern — die DBrenngläfer, und die Serngläfer, deren
einige erhäben (CoNver), andere vertieft (concav) ſeyn
muͤſſen, und von welchen iene für Weirfichtige, diefe für
Kurzſichtige dienlich find: Dazu muß er eine Maſchine har
ben, welche die Schleifmühle genennet wird (B. b.).
Su der Schleiffehüfjel werden die vorhin fchon rund ges
fhnittenen Gläfer im Sande geſchliffen, auf hölzernen,
mit Filz oder Leinwad bezogenen Kehren poliert, und her
nad) auf verſchiedene Weiſe gefaͤſſet.
Das Glasblaſen bey der Lampe (B. a.) geſchieht
an einem Tiſche, unter welchem ein Blaſebalg liegt, den
man mit dem Fuße tritt. Vermittelſt deſſelben und einer
Lampe, und einem kleinen Blaſeroͤhrchen, verrichtet der
GSlasblaſer alles im Kleinen, was auf der Glashuͤtte im
Groſſen geſchieht. Sein Athem und eine Fleine Zange bil.
den Rugein ,; tleine Fartefianiihe Teufelchen von Emal-
ge, u. dergl. Er ſpinnt ſogar von dem zerbrechlicher
Glaſe eine biegjame zitternde GBlasfeide,; Haare zu Glase
perücken und Faͤden zu Federbuͤſchen. Seine Materialien
find lange; dicke und dünne Roͤhrchen von meiffen Kris
ſtallglaſe; ingleihen eine Menge dünner Emalgefiängchen
von rother, grüner, gelber, fchwarzer Farbe, u ſ. w.
Das Glas kann auch auf allerley Art blau, roth,
Hrün, braun, von calcinieten Mineralien gefärbt , auch
mit Dehl- Keim oder Gummi: Farben darauf gemablet,
und die Bilder und Figuren durchs Feuer darein gebrannt
‚werden. Es ift aber die, heut zu Tage befannte, Art auf
„Glas zu mahlen und zu brennen nur ein Schatten von der
"alten , aber leider verlohren gegangenem herrlichen Wiffen-
Schaft, dergleichen Kunſtſtuͤcke zu verfertigen, von welchen
man noch bin ımd wieder in den —— ſchoͤne Webers
bleibſel findet. R
S 8 Endlich
»r,.
.
598 Ein und drevfigfte Tafel.
Endlich giebt e8 auch noch Verier s und andere Slaͤ⸗
fer, womit allerley phyfif de Verſuche gemacht werden füne
nen — Glastropfen, die, wenn man die Spize davon
bricht, in einen feinen Staub zerplagen — bologneſiſche
Flaͤſchen, welche fo dick und ftark find, daß man fie auf
Holz; heftig ſchlagen kann, und doch zerfpringen, wenn
man ein kleines fpiziges Stücdchen Kiefelftein bineinfallen
läffet — und bergl.
Re —— EEE 1 NZ REIT
7.
Die Zufriedenheit der Dunſe.
N. Gang fpreitete die Flügel aus, und fchnatterte mit
heiferm Halfe. Ich finge auch, Nachtigall, fagte fie. '
Die Dole fand eine Pfeife, fie blies darein, und brachte
einige falſche Töne heraus. Ich kann flöten, Amfel,
wie du, ſprach fie. Der Affe nahm dem Mahler fein Pas
let, und fhmiß die Sarben mit den Pinfeln gegın eine
Hand. Das find Wolken, fagte er, das ift fchlafriche
Wetter; ich bin ein Wiabler. Kine Violin hieng an der
Wand, er. nahm fie herunter, und firich mit dem Bogen
über tie Saiten , die vermwirrte Tone von fi) gaben.
Das ift Mufif, fagte er, ih bin ein Virtuos. Kin Kind
wiegte fich auf einem hoͤlzernen Roße. Gehabt euch wohl,
rief eg, ich reite von Kande..
Salmoneus ritt mit Roß und Wagen über eine eher⸗
ne Drücke daher, und fchrie ; ic) donnere. Stentor
seimte und fprach : ich denfe. Bavius fchrieb Lieder und
rief: ich Dichte!
8.
|
Nebucadnezar. 599
B,
Die Wald- und Seid: Götter,
J.; das Feld, die Viehzucht und die Wälder hatten;
nach ben Erdichtungen der alten Griechen und Roͤmer, ih—
re eigenen Gottheiten. Die vornehmften berfelben waren
folgende:
1. Det Dan (a) Er wurde als ein Gott der Schd«
fer, Walser und Jaͤger, als ein Heerfuͤhrer der Nymphen,
als ein Borfteher der Berge und der Ackersleute, und als
ein Befchüzer der auf den Bergen herumfchweifenden Heer:
Den verehret. Er wird halb alg ein Menfch, und halb als
ein Ziegendock abgebildet — hat Hörner auf dem Kopfe,
und einen Kranz von Fichten, einen Mund; der zu
lachen fcheinet ; einen grogen Bart, Bocksfuͤße und einen
Bocksſchwanz. Anſtatt des Kleides hat ex eine fledichte
Bockshaut um. rn der einen Hand hält et oͤfters eine
fiebenzöhrige Bfeife, Syrinx genannt, und in det andern’
einen oben krumm eingebogenen Stab: Bon biefer Pfeife
oder Floͤte erzehlt die Fabel folgendes : Pan babe ſich
einft in eine ſchoͤne Nymphe, Namens Spring verliebt =
diefe aber babe ihm geflohen, und fich deswegen in ein
Rohrgebuͤſche verwandeln laſſen. Aug dieſem Schilfeohre
habe ſich Ban nachher feine Floͤte verfertiget. hm zu Eh⸗
ten wurden zu Ron iaͤhrlich im Februar Feſte gefeyert,
welche Lupercalia genannt murben:
E53
SE 3. Sy
600 Ein und dreyßigſte Tafel.
2. Sylvanus (d). Derfelbe wurde für einen Gott der
Wälder und der Hirten, und vor einen Vorfteher der Gren-
zen gehalten, und beynahe eben wie Pan, ale ein alter
Mann vorgeſtellt, welcher einen Kranz von filien und andere
Blumen auf feinem Haupte hat. Er hat ein menfchliches
Geſicht und Fiegenfüße — ift nicht gar zu groß, und halt
in feiner Hand einen Cnpreßen » Zweig. Ihm wird nachge-
ruͤhmt, daß er der erfte gemwefen , der die Pflanzung der
Bäume eingefübhret hat.
3. Die Satyren (b). Man verehrte fie als Feldgötter
oder Seldteufel, damit fie den Heerden in den Wäldern
nichts fchaden folten. Sie werden halb als Menfchen und
halb als Boͤcke vorgefielt. Auf dem Kopfe haben fie. Hsr-
ner — frumme Hände, und in denfelben mufifalifche Inſtru—
mente, einen rauhen Leib und einen Fleinen Pferdeſchwanz
und Ziegenfüße. Sie fcheinen meiftentheilg auf eine unan-
ftändige Weife zu lachen und zu tanzen. In ihrem Alter
wurden fie Silenen genannt, da fie hernacy den Bacchus
auf feinen Zügen begleiteten.
4. Die Saunen (ce). Ihnen wurden gleich ihrem Vater,
den Saunus, alle ungewöhnlichen Stimmen und Gefichter
zugefchrieben, die man sfters auf dem Felde, oder in Wäl-
dern zu fehen und zu hören glaubte. Sie haben, wie die
Satyren , Hörner auf dem Kopfe, und Ziegenfüße, über
das aber auch einen Kranz von Fichten — und werden übri-
gens wie nackende Menfchen abgebildet , nur daß fie Ziegen»
ohren und einen Ziegenfchwanz haben.
Aufferdem gehörten noch unter die Feld - und Garten:
Gottheiten : Priapus, Ariftäus, Terminus, und Bonus:
Eventus.
9.
Nebucadnezar 601
— 9.
Der Weiſe und der Narr.
>
©. Weifer fah mit innigem Vergnügen,
Mit Ahnung von Unfterblichfeit
Sein Lob durch faufend Städte fliegen :
„Fuͤrwahr! ich bin der Phoͤnix unfrer Zeit;
„Die Bormelt felbft ſah meines Gleichen felten;
„Gewiß werd ih, und ich allein, den Solgewelten
„Fuͤr einen Stern der erſten Größe gelten.
So fprach der Philoſoph; doch, merf eg, nur für fich;
Denn ſehr befcheiden war er aufferlic) ,
Er fchien fogar die Dunkelheit zu lieben,
Verbat fich iedes Lob, und hieß es übertrieben.
Einſt gieng er in ein Narrenhaus —
Mas Fann ein Weifer bier erlangen?
Was? Weisheit. Wartedoc den Markt nur aus,
So wirft du fehn, daß er nicht Fehl gegangen.
Der Narren einer ſtellt fich vor ihn hin;
„Knie nieder! fängt er an, und lerne, wer ich bin:
„Den groͤßten Weifen, den die Welt geſehen,
„Siehſt du leibhaftig vor dir ftehen,
„Ich bin der Phoͤnix, das Orakel meiner Zeit,
„Die Vorwelt felbft fah meines Gleichen felten;
„Auch fchieß ich fchon auf kuͤnft'ge Welten
»Die Stralen der Unfterblichkeit.
83 Der
602 Ein und dreyßigſte Tafel:
Der Weife, welcher nur mit halbem Munde lacht ,
Gedenkt an fich, und fen; : An biefem efeln Drt
Sizt diefer Narr um das, was ic) faſt Wort für Wort
In meinem Herzen oft gebacht. ’
Wie? hat von ums denn ieder einen Sparten
Zu viel? Sch glaub es faft — Der ganze Unterfcheib
Iſt diefer : Alles fagen Narren — |
Die Weilen denkens nur — und heiffen drum gefcheiß.,
Zwey
Swen — RT Tafel.
1 0
Daniel.
Hi berühmte Prophet, der zur Zeit der babyloni⸗
fchen Gefangenfchaft lebte, und die Zierde feines
Volkes, und ein Ermunterer zur Tugend unter Juden und
Heiden war, führte fich fchon in feiner Jugend, als ein
kluger und gutartiger Knabe allezeit wohl auf. Daburch
machte er fich bey Gott und Menfchen, und jelöft am Hofe
des Koͤniges Nebucadnezar fo beliebt, daß er an bemfelben
unter die Edelfnaben aufgenommen wurbe.
Er ließ fich durch die Neizungen zur Sünde, bie junge
Leute an Höfen haben, nicht von der: Frömmigkeit und Zur
gend abwenden. Er vertiefte ſich wicht fo weit in die Luſt⸗
barfeiten des Hoflebeng, daß er. daruͤber ein Mülliggänger
und Wollüftling worden wäre Er mar arbeitfam, und
befleißigte fi) , von der guten Erziehung , die er hatte,
Nuzen zu ziehen. Er lebte fehe mäßig. und ordentlich mit
den andern ifraelitifchen. Knaben, die nebft ihm erzogen wur⸗
den; und diefe gute Lebensart erhielt ihn gefund, umd machte
ihn zur Exrlernung der Künfte und Wiffenfchaften viel tuͤch⸗
tiger, als wenn ex fich mit Speifen und Getränke überladen
hätte,
Seines Verſtandes, feiner großen Gefchicflichfeit und
guten Aufführung wegen, fam Daniel bey dem Könige in
Gnaden. An dem Hofe beßelben zeigte er fich nicht nur: ims
Ss 4 mer
604 Zwey und dreyßigſte Tafel,
mer als ein einfichtsvolfer und gelehrter, fondern auch aks
ein ſehr reblicher Mann. Er war cın Feind von aller Ver»
flelung , Falſchheit und Schmeicheley , und ſagte dem Köni-
ge iederzeit freymuthig die Wahrheit. Deswegen, und weil
ihm die Gabe Träume und dunkle Ausfsrüche zu deuten von
Gott gegeben war , gewannen ihm der König und feine
Nachfolger ungemein lieb,
Nah Nebucadnezars Tode trat Belfazer die Negies
zung an, welcher gleichfals. die großen Gaben Daniels fen-
nen lernte. Einſt gab diefer König allen feinen Fürften umd
Gemaltigen ein herrlihes Mahl, wobey es über die Maren
ausſchweifend und üppig jugieng. Alein, da fie im größten
Zaumel der Freude und der Trunfenheit waren, zu welcher
fie felbft die heiligen Gefäße misbrauchten, welche aus dem
Tempel von Serufalem mit fortgeführer wurden, zeigte fich
eine Menfchenhand, welche in dem Füniglichen Saale an die
Wand einige Worte fchrieb (b), Der König erſchrack über
diefe fürchierlihe Erfcheinung und lies alle Weife und Ge:
lehrte feines Königreichs berufen, dieſe wunderbare Schrift
auszulegen. Uber Feiner war im Stande dieß zu thun —
bis endlich Danielberufen wurde. Derſelbe erkannte fogleich,
was Gott mit diefen vier Worten , die an ber Wand ge-
fchrieben ſtunden, fagen wollie; und zeigte dem Könige an,
tie ihm hiemit von Gott angezeigt würde, daß er von ihm
verworfen fen — daß fein Künigreich nicht länger beftehen,
“ fondern unter die Wieder und Perfer zertheilt werden wuͤr⸗
"de. Und dieß gefchahe auch noch in derfelbigen Nacht, da
Delfazer umgebracht, und fein Keich von dem medifchen
Könige Darius eingenommen wurde,
Und feiner von den bisher erwähnten Köhigen erkannte
die Verdienſte Daniels mehr, als diefer, Darius, Da ders
felbe ſchon jech;ig Jahre Alt war, mie er das babylonifche
Königreich gewann, fo feite er, zur Erleichterung feiner
; Regie:
Daniel. 605
Regierungsgeſchaͤfte, eine gewiſſe Anzahl Regenten uͤber ſein
ganzes Land, die alle unter drey Oberaufſehern oder Für-
fien ſtehen, und denfelben Nechenfchaft geben follten. Kir
ner von diefen Fürften war Daniel, der gar bald foldhe
Proben feiner Einficht und Nedlichkeit gab, daß ihn der
König feinen Miträthen weit vorzog , und endlich damit
‚umgieng, ihm alleine die ganze Neichövermaltung aufzu—
ragen, |
Aber — iemehr der König den Daniel hochſchaͤzte und
liebte, defio mehr beneidefen ihn Die großen Herren am Ho—
fe — und fie dachten auf Mittel ihn in bes Koͤniges Ungnade
und ing Unglück zu bringen. In demienigen, was er zu
verrichten hatte, konnten fie ihm Feines Verſehens befchuldi-
gen, denn er that das Seinige immer mit aller Sorgfalt
und Treue. Sie erfannen aber folgendes Mittel ihm zu
ſtuͤrzen. 9
Sie wußten es, daß Daniel den wahren Gott aufrich-
tig verehrte, und fleißig betete. Nun verleiteten fie den
König durch allerhand Schmeicheleyen und Lügen, den Be—
fehl zu geben, daß innerhalb dreyßig Tagen niemand von
einem Gott oder Menfchen etwas bitten folle, ohne von dem
Könige ſelbſt. — Wer diefen Befehl übertreten würde, der
folle in die Loͤwengrube geworfen werden,
Daniel , ber ein eifriger Verehrer deg wahren Gottes
war, konnte diefen Befehl nicht beobachten, fondern er Fnie-
fe alle Tage dreymal vor Gott nieder, betete zu Gott, lobte
ihn und dankte ihm, wie er eg immer gethan hatte, Seine
Feinde meldeten e8, daß er den finiglichen Befehl übertre:
ten — und er wurde in die Loͤwengrube geworfen (a). Der
König ließ e8 ungern und gezwungen gefcheben. Ihn iam-
merte bes Daniels, den er lieb hatte. Er fagte mitleidig
zu ihm ; Dein Gott, dem du ohne Unterlaß dieneft, der
“helfe dir iegt ! Er verfiegelte auch die Thuͤre zu dem Loͤwen—
Ss5 graben
60% Zwey und drenkigfte Tafel.
graben mit feinem Petſchaft, damit niemand ihm etwas zu
Leide thäte.
Vor Bekimmerniß fonnte der König des Abends nicht
effen, und bes Nachts nicht fchlafen, weil er wußte, was
er an Daniel für einen Flugen und treuen Diener verloh.
ven — und teil fein Gewiſſen ihm ſagte, mit welchen Un⸗
gecht er ihn, feinen weifeften und beften Freund , zum Tobe
verurtheilet hatte. Gleich an dem früheften Morgen gieng
er an den Löwengraben und rief mit wehmüthiger Stimme:
Daniel, du Sinecht des lebendigen Gottes! Hat dich auch
dein Gott, dem du ohne Unterlaß dieneft, von den grimmi—
sen Löwen erretten fünnen ? Daniel antwortete : mein
Herr König! Gott verleihe die langes Leben! Mein Gott
bat feinen Engel gefandt, der den Löwen ben Nachen zuges
halten bat, daß fie mir fein Leid gethban haben. Denn vor
ihm bin ich unfchuldig, und auch wider dic, meinen Herrn
und König, habe ich nichts Ungerechtes begangen. Der
König ward hierauf fehr froh, da er Daniel nod) lebendig
fand, und ließ ihn gleich wieder herausziehen. Die gottlos
fen falfchen Leute aber, die den unfchuldigen Daniel ing
Unglück brachten , und ihre Schadenfreude darüber hatten,
ließ er num mit ihren Weibern und Kindern in die Grube
werfen — und ehe fie auf den Boden famen, wurden fie
ſchon von den Loͤwen ergriffen, und in Stücken zerriffen.
Darius gab hierauf einen Befehl, daß jeder Fünftig den
&stt Daniels verehren und fürchten folle.
BANNER
Yuf Chriſten, die ihr Gott vertraut,
Laßt euch kein Drohn erſchrecken!
Der Gott, der von dem Himmel fchaut,
Mird und gewiß bedecken.
Der Herr, Here Zebaoth
alt über fein Gebot
2 ‘ | Siebt
Daniel. 607
Giebt ung Bedult in Noth
Und Kraft und Muth im Tod —
Mas will uns denn erfchrechen?
2.
Die Menagerie,
I. wird bey fürftlichen Luſthaͤuſſern und Gärten berienige
Drt genannt, two allerley fremde und feltene Thiere ges
halten und ernehret werden. Es befteht aber eine Mena
gerie aus einem weitläuftigen Naume, der verfchiedene Ab»
theilungen mit leeren Plaͤzen oder Hufen enthält, darinn bie
fremden Thiere, Löwen, Leoparden, Tieger, Bären,
Kameele, Ayänen, Baviane, Adler und vergl. aufbe-
halten werden. Die Behältniße derfelben find, nach Art der
Thiere, mit eifernen durchbrochenen Thuͤren ober Dratgit-
tern verfehen, daß man diefelben dadurch, ohne Gefahr,
befehen kann. Insgemein befindet fich auch in der Mitte
des Hauptplazes ein Wafferbehälter , mit lebendigem, ſprin⸗
genden Waffer, vor dag Geflügel. Privat = Perfonen aber
begnügen fich , zur Zierde ihrer angelegten Gärten, nur
mit einem Theile der Menagerie, und. laffen nur für allerlen,
Geflügel ein wohleingerichtetes Behaͤltniß anlegen.
Die herrlichſten groſſen Menagerien, deren man
faſt bey allen koͤniglichen und fürftlichen Luſtſchloͤſſern fin⸗
det, find in Deutichland : zu Berlin, Dresden, Salz.
dahlen und Herrnhauſen — in Holland : zu Logs Hon-
deslärdic, und in den Gärten zu Sorgvliet und &t. Ans
nenland — in Sranfreich: zu BVerfailles, Mary, St,
Coud und Chantiliy — zu Kom, bey ber Villa Borg.
befe, Pamfili und be Medicis — zu Slorenz, hinter dem
Neuen
68 - Zwen und dreyßigfte Tafel,
neuen Palaft des Grosherjogg — in Dänemark, auf
Friedrichsbur 9, uf, w, \
Auffer den Menagerien laffen große Herren bey ihren
Luſthaͤuſſern aud) Thiergarten anlegen, welches meitläuf-
tige, mit Gras, Holzung, Quellen und Zeichen verfehene
und mit Wänden eingefchloßene Plaͤze find, darinn aller:
ley Ichendiges Wild an Rehen, Hirſchen und Dannpirfchen
eingefchloffen gehalten wird. Sie find gemeiniglich mit Al-
leen und angenehmen Spaziergängen, mit Statuen, Fon
tainen und Gafcaden verfehen. Es wirb auch ein Jagd—⸗
Haus mit unterfchiedenen Gemächern, theils vor die Jagd»
bediente, welche die Aufficht über den Thiergarten haben,
theils auch vor die Herrſchaft felbft bey denſelben ange
bracht , und die Zimmer mit allferley Gemaͤhlden, die fich
zur Jaͤgerey ſchicken, mit raren Geweyben und Gehörs
nen der NHirfche gezieret, |
3.
Beliſar.
DD. wandelbar die Gunft der Groſſen und das Glück bey
Hofe fen — und wie leicht auch der Rechtſchaffene durch
Liſt, Betrug und Verläumdung geflürt werden Fann,.er-
hellet unter andern aus der Geſchichte und den Schickfalen
"des berühmten Beliſars.
Derfelde lebte im fechfien Jahrhunderte nach Chriſti
Geburt, und war ein Eluger und trefflicher Feldherr bey
der- Armee des Kaifers Juſtinian, und einer der größten
Helden feiner Zeit. Er leiftete dem Sailer und feinem
Reiche imausfprechlich große Dienfie — ſchlug die Perfer
in mie Schlachten — -gieng , nachdem ihnen der Sriede
be⸗
Daniel. eg
bemwilliget worden, nad) Afrifa, überwand die Vandalen,
nahm ihren König gefangen, unterwarf Afrika dem Kaifer,
und zog mit den eroberten Schäzen zu Konſtantinopel, der das
maligen Hauptſtadt de3 morgenlandifhen Kaiſerthums, im
Triumphe ein. Hierauf fezte er feine Siege in Sicilien
und Stalien fort, eroberte Nom, und bemaͤchtigte fich des.
oſtgothiſchen Koͤniges Vitiges Er flillete manchen Auf—
ruhr in der Hauptſtadt, und vertrieb, noch in ſeinem hohen
Alter, die Hunnen, welche in Griechenland und Thrazien
eingefallen waren.
Aber der Dank fuͤr dieſe ſeine viele Treue und Tapfer⸗
keit war ſchlecht. Denn im Jahre 561 wurde eine gefaͤhr⸗
liche Verſchwoͤrung wider den Kaiſer entdeckt — und da die
Haͤupter derſelben abgeſtraft wurden, ſo klagten ſie unter
andern, aus Neid und Bosheit, auch den Beliſar an,
daß er Wiſſenſchaft davon gehabt habe. Der Kaiſer, un—
eingedenk der vielen treuen Dienſte dieſes ſchon beiahrten,
ehrwuͤrdigen Feldherrn, und ohne die Wahrheit oder Un—
wahrheit dieſer Anklage zu unterſuchen, ließ ihn ſogleich,
mit ſeiner ganzen Familie ins Gefaͤngniß werfen. Einige
Schriftſteller ſagen, es haͤtte ihm der Kaiſer beyde Augen
blenden, oder ausſtechen, und alle fein Haab und Gut eins
ziehen laffen, fo daß er feine übrigen Lebenötage, von einem
armen Knaben geleitet, das Brod vor den Thüren füchen
mußte, mit den Worten : gebt dem Belifar einen Heller,
den die Tugend erhoben, der Neid aber geftürzet bat.
Er fol dieſes Elend mit geößter Gedult, nnd ohne unr int
geringften fich über den Kaiſer zu beſchweren, ertragen has
ben — ber auch nach Verlauf einiger Zeit, fein Unrecht
amd Belifars Unſchuld erfaunt,; und ihn wieder in die groͤf—
ten Ehrenftellen eingefejt hätte.
Diefer Kaifer Juſtinian machte fich auch dadurch be-
ruͤhmt, daß er durch einen erfahrenen Rechtsgelehrten feiner
Zeit,
610 Zwey und dreybigfte Tafel.
Zeit, ben Tribonianus, und einigen Gchülfen deſſelben,
ein vollſtaͤndiges vömifches Geſezbuch ausfertigen ließ.
Es befteht daffelbe aus folgenden vier Theilen: aus dem
Loder, oder einer Sammlung der gültigen Faiferlichen Ge-
fege — aus den Panderten, das heift, einem vollftändigen
Lehrbegrif der roͤmiſchen Rechtsgelehrſamkeit — aus ben
inftitutionen, meiche ein kurzes Handbuch eben biefer
Mechte zum Gebrauch der Anfänger in denfelben vorftellen—
und aug den Novellen, in welchen der Kaifer feine neue>
ften Gefeze zufammen faßte. Diefes Geſezbuch wird Cor⸗
pus Juris genannt, und noch von allen fleifig fiubiert ,
die ſich mit der alten roͤmiſchen Nechtsgelehrfanfeit befannt
machen wollen, von welcher noch ein großer Theil in vielen
Ländern brauchbar iſt. |
Eben diefer Kaifer machte fich auch durch ben beför,
derten Uebergang des Seidenbaues aus Alien nad Eus
ropa berühmt ; indem er durch einige Mönche, Eyer von
Seidenwürmern zur Fortpflanzung derfelben, mit guten Ers
folg , aus Indien fommen lief. uch legte er eine Menge
vortreffliher Gebaude in feinen Städien an, vornehmlich
die berrlichfie Kirche der Chriftenheit in den damaligen Zei:
ten, die Kirche der beiligen Sopbia zu Konſtantinopel,
bie aber iezt ein Bethaus, oder eine Moſchee der Türfen
abgiebt.
A;
MWirfung der Neligion auf dem Throne:
Elementarw. Tab. XLVIE 2.
er König der Könige; ber Herr aller Herren = Gott;
der allwiffende, allmaͤchtige und algütige Vater der Ihrits
ichen — fowohl derer; die anf Thronen herrſchen, als de—
“ee.
Daniel. 611
rer, die des Tages Laſt und Hitze ertragen. — Gott —
wird euch vergelten, wie ihr handelt, ihr Monarchen
und Fuͤrſten! Er bat eg euch, wenn auch goͤttliche Offen⸗
barungen fehlten, durch eure Vernunft ins Gewiſſen ſehr
vernehmlich geſagt: Ich will vergelten, ſpricht der
Herr!
Eint leſe Guſta ph Adolph II, Guftapbs
Sohn, Kronprinz der Schweden und vieler Deut
ſchen, und ieder Erbe eines Throns oder Fürftenfiuhlg ,
mit. Wohlgefallen die Begebenheiten Agatbofr a⸗
9178, eines Monarchen in dem enffernien Aletbinien.
Che er zum erfien mal mit Seyerlichfeit den väterlichen
Thron beflieg, überdachte er alles Gute, mag er zu unter
laſſen, und alles Bofe, was er zu thun, nach vielfälziger
Erfahrung bey den Fürften, in Verfuchung gerathen koͤnn—
fe. Er mar überzeugt von dem allerhöchflen Richteramte
des Königes aller Koͤnige, und des Herrn aller Herreh,
Aber, dachte er mit Zittern, werde ich mich jeiner auch
oft und lebhaft gnug erinnern, wenn die Gejchäfte
und Zerftreuung der Könige befiandig unmittelbar
mit einander abwechjeln ? Diefe Surcht zu vermindern,
Jieß er die heilfamen Worte : Ich will vergelten, fpricht
der Herr! an die fichtbarften Stellen der Derter ſeines ges
möhnlichen Aufenthalts fchreiben. Er las fie fehr oft, und
allemal nach einer Stille einer Minute. Und menit er fie
las, fo dachte er, und beugte fich tief zur Erden. Er lich
fie auch auf feinen Thron fehreiben. And bey ieder Feher—
lichkeit, da er denfelben beflieg, ertoͤnte in Harmonie mit
Elingendem Spiele eine maiefiatifch erufihafte Stimme :
Gott, der Herr aller Herten, wird ARönige richten,
and ihnen vergelten. Bey biefen Worten beugte er jich
tief, und beftieg den Thron, Eben daffelbe gefchah, wenn
es von bemfelben wieder berunterikies. £
i Diefer
\
612 3wey und drenfigfte Tafel.
Dieſen eingeführten Throngebrauch ſollte, auf Anra—
then einiger Unbedachtſamen, einer von Agathokrators Nach—
folgern, Agathokrator der dritte, abſchaffen. Denn,
fagten fie; dadurch wird’ das Volk zu lebhaft erinnert, daß
auch Könige abhanglihe Menſchen find, und mit ihm einen
Hemeinfchaftlihen Herrn und Nichter haben. Solchen
Rathgebern ſagte der weiſe Monardı: Dieſe Gewohn—
heit ift zwar nicht des Volks, ſondern der Konige
wegen von meinen Vorjahren eingeführt und beybe
balten ; dennoch fey es fern von mir zu glauben,
dab das gemeinnüzige Verhaͤltniß des Volks und des
Sürften dadurch fohlte gehindert, und nicht vielmehr
befördert werden. Wenn das Volk meine Abhaͤng⸗
lichkeit von Gott, dem allerböchiten Richter, nicht
mehr lebhaft denft: jo wird fowohl mein Jaus und
Geſchlecht, als auch die größte Zabl meiner Unterthas
nen, die Ueberzeugung von der göttlichen Gerechtig⸗
Feit bald verlieren. Und was babe ich Einziger auf
dem Throne alsdann für Sicherheit gegen den un:
bekannten Willen derer, die ihn nach mir befteigen;
ich einziger Menſch gegen den unbekannten Willen
vieler Taufenden, welche dem, der auf dem Throne
fist, feine Beduͤrfniße und Sebler, ia, felbft feine ver
Fannten Tugenden zur Kaft legen Fönnen? Der Koͤnig
folgte alſo diefen Rathgebern nit, fondern behielt den
gemeinnuͤzigen Throngebrauch, und gab überdem eine neue
Kerordnung : Daß niemand im Lande zu einem Amte bey
Hofe, oder zu irgend einer obrigkeitlihen Verwaltung be-
fördert werden follte, der nicht vor dem Antritte feiner
Bedienung das oͤffentliche Bekentniß ablegte : Ich glaͤu⸗
be von Herzen, und werde dieſen Glauben nach
meinem Vermögen befördern, daß ein allmächtiger,
allwiffender und allguͤtiger Boͤnig der Könige ſowohl
uͤrſten
Daniel. 613
Sürften und Obrigkeiten, als Unterthanen mit Ge:
rechtigfeit richten wird; iene, nachdem fie entweder
gewifienhaft, oder wider das Gewiſſen geherrſcht;
Diefe aber, nachdem fie entweder dem Gewiffen ges
mäß gehorſam, oder wider daſſelbe ungehorſam ges
wefen find. Der König felbft giaubte in der Religion
zwar weit mehr als dieſes, aber mar nicht der Meinung,
daß es die Sache der Fuͤrſten wäre, wegen anderer Reli—⸗
gionsfäze irgend einen Unterſchied unter ihren Unterthanen
gu machen.
ERAETLE
5.
Der Löwe, Die Lömweniaad.
’ N. Löwe (A) ift das ſtaͤrkſte, verwegenſte und ſchreck⸗
lichfie Thier auf dem Erdboden, das ſowohl an dem maie—
ftärifchen Anfehen, als an Großmuth und Stärfe feinem
andern etivas nachgiebt.. Es hat einen großen Kopf, ein
faft vierecfiges Geficht, und einen ſchlanken Körper, deſſen
Zarbe auf dem Rücken rothfahl oder gelblih, am linters
leibe aber mweißlich -ift. Der männliche Löwe tragt eine
Mähne, nehmlich ein langes Haar, welches alle Vorder⸗
theile feines Leibes bedeckt, und mit dem Alter immer Länger
wird. Die Loͤwin aber hat feine Mähne und überhaupt
kuͤrzere Haare, iſt aber eben ſo grimmig, abſonderlich wenn
ſie Junge hat. Die Laͤnge des groͤßten Loͤwen betraͤgt ohn⸗
gefehr acht oder neun Fuß, ohne den Schwanz zu rechnen,
welcher faft vier Fuß lang, und am Ende mit einem Bus
fchel langer Haare gezierer if. Die Stimme diefes Thiers
befieht in einem fürchterlichen Brüllen, welches bisweilen,
. fonderlich wenn der Löwe zornig iſt, ſo flarf wird, daß es
| zt dem
’
FRE
614 Zwey und dreyßigſte Tafel.
dem Srachen des Donmners nahe kommt. Faſt alle vier
fügige Thiere zittern vor feinem Anblick, um fuchen ihm
auszuweichen benn wenn er hungrig ift, geht er auf Thies
re los, e ihm in den Weg Fommen , fogar auf dieienigen,
die ihn an Groͤße weit übertreffen. Doch hat man biefeg
bemerkt, daß, wenn er Menfchen und Thiere bey einander
anfrifit, er allemal über die Thiere und niemals über bie
Menſchen herfält, mofern er nicht von ihnen beleibiget
wird. Er ift nicht fo tücifch und graufam, wie die Tieger.
Er toͤdtet die Thiere nur, um fich zu fättigen, und niemals
mehr, als er zu feiner Mahlzeit nöthig hat, Er verbindet
mit feiner Etärfe und Unerfchrocdenheit viel Großmuth.
Gr verachtet die Beleidigungen Kleiner Feinde, und ift
dankbar gegen dieienigen, die ihm eine Wohlthat erzeigt
haben. Wegen diefer edlen Eigenfohaften ift er von ben
Poeten zum König unter den vierfüfligen Thieren gemacht
worden.
Er Iauret, wie ein Hund, im Gebüfche auf Leufez
se
anfehen, ob er aufgeräumt oder verdrüßlich ifl. Wenn er
in dem Gebüfche füile liegt, und Feine Bewegungen mit
dem Echwanze macht, fo fann man ohne Gefahr vor ihm
vorüber gehen. So bald er aber mit einer Heftigkeit aufe
fpringt, die Mähne fehüttelt, und den Schwanz einmal
nach dem andern mit einem Geräufche auf den Ruͤcken ſclaͤgt,
fo weiß man, daßer von Hunger oder von der Wuth aufe
gebracht ift, umd man darf fich nur die gewiffe Rechnung '
ntachen , daß man in dem Lingemweide defielben eine Stelle
befommt. Bor andern Thieren verfolgt er auch die Pfern
de , und diefe muͤſſen gewiß ihre Kräfte anftrengen, wenn
fie feinen Klauen entgehen wollen. Er tödtet einen Och⸗
fen mit einem Schlage, und trägt das, was der Hunger
übrig gelaffen bat, in feine Hole mit fich fort und ver⸗
ſcharrt
PR‘
Daniel. 615
fchartt es. Die Fameele, das Nindvieh, und alle groffe
Zhiere, an denen er eine gute Mahlzeit zu finden pflegt,
find vor feinen Nachſtellen am wenigſten ſicher. Er vers
ſchluckt auf einmal bien, fauft aber wenig. Er zerfleifche
nur seinen Kaub, er zertaut ihn nur obenhin, und ſchlu—⸗
det, wie der Hund, ganze Stuͤcken hinab; ex ſpeyet fie,
WER er gezwungen worden, ſehr ſtark zu laufen, mie der
Hua, riechend wieder aus, und verfchluckt eg von neucm.
Er ſcharret ſich ein Loch in die Erde, und lieget darinn,
wie ein und, krumm zuſammengebogen.
Das eigen liche Vaterland der Löwen find die afrifa-
nijchen Wuͤſteneyen, und die heiffeften Gegenden von Afien,
Sie werden auf mancherley Ari gefangen (B). Man iagt fie
mit großen Hunden: doch muͤſſen aud) immer Leute zu Pfer-
de dabey, und beydes, Pferde und Hunde abgerichtet ſeyn,
weil alle Thiere vor dieſem ſchrecklichen Monarchen der
Waldber zittern. So dicht feine Haut iſt, fo halt fie doch
feinen Schuß noch Wurfſpieß aus, ob er gleich nicht von
Einer Wunde pirbt, Oft fange man ihn, wie die Wolfe y
in Fallraͤſen ober tiefen Gruden, die man oben ber duͤnne
beicgi, und daſelbſt ein lebendiges Thier beveflige, Sa
bald der Loͤwe gerangen iſt, wird er fanfımichig, und nimme
man bie erſten Augenbüicke wahr, da er gang beſtuͤrzt und
beichäme iſt; ſo kann man ihm eine Sefte anlagen, einen
Maulkorb anyangen, und ihn, wo man will, berumführen.
Ein andermal raubt man ihnen die Jungen, und wenn die
Loͤwin den Jaͤgern nachfezt, fo werfen fie ihr ein Junges
zu; fie kehret damit wieder zuruͤck, indeſſen eilen die Jaͤger
mit den andern davon, und machen fie zahm.
Tt 2 6.
616 Zwey und dreybigfte Tafel.
nz rn ———
6,
Der Sleiicher.
N. Gefchicflichfeit eines Sleifhers, der an einigen Or;
ten Schlächter , Mezger oder Sleifhhauer genannt wird,
beruhet vornehmlich auf zwey Dingen 5 nehmlich auf dem
vortheilhaften KinFauf, und auf dem Ausbauen des lei:
fches beym Verkaufe in dem Sleiſchſcharn oder Fleiſch—
baufe. Er kauft das Schlachfoieh entweder von den Vieh»
haͤndlern und andern Verkäufern, die Vieh zum Verkauf
bringen; oder er fchieft feine Schlächterfnechte. auf das plat—
te Land, oder in fufterreiche Gegenden und Länder, da
man Vieh im Ueberfluſſe einhandeln kann. Von denienigen
Laͤndern aber, in welchen ſonderlich gutes Schlachtvieh ge—
zogen wird find vornehmlich Frießland, Holland, Juͤtland,
Boͤhmen, Polen, Ungarn und Siebenbuͤrgen beruͤhmt.
Beym Einkauf des Viehes muß ſich ieder Schlaͤchter
durch die Uebung eine Fertigkeit erwerben zu beurtheilen,
wie ſchwer ohngefehr ein Stuͤck Vieh wiegen mag, und ob
es fleiſchig und fett iſt. Er muß alſo bey dem kleinen Vieh,
das er aufheben kann, das Gewichte gleichſam in der Hand
haben, und bey einem Pfunde treffen koͤnnen; das groͤſſere
Vieh aber nach dem Gefuͤhle, oder dem Griffe beurtheilen,
und auch da nicht uͤber 10 Pfund irren. Was das Schlach⸗
ten ſelbſt betrift, ſo wird der Ochſe (A. a) mit einem
Schlaͤchterbeile vor den Kopf geſchlagen, dann mit einem
groffen Schlachtmefier, dergleichen der Schlächter in feis
nem Meſſergurte hat, in die Bruſt geftochen, daß die
Herzadern getroffen werden; alsdenn auf einen ſtarken hoͤl—
zernen Schragen gelegt, die Haut abgezogen, oder abge:
ſchlachtet,
Daniel. 617
ſchlachtet/ an den Haͤngeſtock mit der Winde aufgezogen,
der Wanft (d. i. der Magen und die geoffen Gedärme,)
der Miefer (die Eleinen Gedärme, das Gekroͤſe) und
das Gefihlinge (Leber , Lunge, Herz) herausgenommen,
alles fauber gewafchen, und dann zum Verkauf ausgehauen.
Bey den Juden ift das Schechten der Dchfen gewöhnlich.
Sie werden gebunden zur Erde geworfen, und der Schech-
ter, oder Roller fchneidet die Kehle mit drey Zügen derge—
ftalt ab, daß der Schlund big auf die Knochen abgefchnitten
it. Sf der Schlund nicht vollig zerfchnitten, fo nehmen
die Suden nichts von dem gefchlachteten Dehfen ; fo wie
auch nicht, wenn das Nez angewachfen ift, oder der Ochſe
ihnen nur einigermaflen unrein fcheinet. Das Balb wird
folgender Geſtalt gefchlachtet (b): Man bindet ihm die Fuͤſ—
fe und legt es auf einen Schragen. Auf demfelben werden
die Herzadern mit einem Meffer abgefiochen, da wo fie nad)
dem Halfe gehen, dann wird ein Fleiner Haͤngeſtock in bie
Heßen (Schenkel) eingefteckt, und das Kalb mit dieſem
an einem Macken aufgehangen, und wie der Ochſe ausge—
nommen. Beynahe eben fa mird auch der Hammel oder
Schoͤps und das Kamm gefhhlachtet (ec). Das Schwein
flicht der Schlächter gerade wie den Dehfen (d). Weil _
aber die Adern mit Fett verwachfen find, fo fliht er nad)
dem Herzen, und laßt das Blut mit Gewalt aus den Adern
drucken. Die Borſten werden entweder mit kochendem Waf-
fer abgebrühet, oder mit brennenden Stroh geſengt, und
mit einer eifernen Schabe und einem fiharfen Meſſer ab-
gefchabet,, und abgefchoren, darauf wird dag Schwein ſelbſt
aufgehangen, ausgenommen und ausgehauen ; woben noch
zwey Neben-Verrichtungen vorfallen, nehmlich das Würft,
ftopfen und das Einböckeln und Einfalzen des Fleifches.
Was endlich das vortheilhafte Aushbauen und Ver:
kauffen des Sleifches betrift, fo müffen fich die Schlachter
Lg und
518 Zwey und dreyhigſte Tafel.
und ihre Frauen durch die Uebung eine Fertigkeit erwerben,
nach dem Augenmaaße gerade ein fo großes und ſchweres
Stück auf dem Haͤublocke, mit einem großen Schlachter:
beile, abzubauen , al ieder Käuffer verlange. Denn —
iſt ein ſolches Stück zu Elein abgehauen, fo geht der Käuffer
weiter; ift e8 aber zu groß, fo thut fih der Schlächter
feldft Schaden. Alle ausgehauenen Stüce aber von iedem
Schlachtvieh haben ihre eigenen Benennungen. So ift z. €.
1) am voͤrdern Viertbel eines Ochſen (B.a) der Bug
pder die Schulter, mit der Maus und dem Knieſtuͤck, das
Stück unter dem Bug mit der Vorbruſt und dem Bruflfern,
der Schild mie dem Riebſtuͤck, das Zwergſtuͤck und bie
Nachbruſt — 2) am bintern Viertbel eines Ochſen (b),
die Schaale, der Kendbraten, die runde Wurzel, das Hüfts
fiück, mit den Span » und Zwergwuͤſten und das Arfchflück
mit feinen ausgekoͤrnten, beinigfen und voͤrdern Riemen —
3) am vördern Ralbsvierthel (c), der Ruͤcken, bie
Here , das Strätlein und die Bruft — 4) am bintern
Balbeviertbel (d) der Schlegel und der Nierenbraten.
Die Stücfe von einem Hammel oder Lamm haben eben diefe
Benennungen, nur daß gemeiniglich die Schlegel derfeiben
Beulen genannt werden. Bon dem Schweine werden die
Schinken und Speckfeiten von vielen eingeböctelt oder
eingefalzen und gerdäudert; und vom Blute und dem
Gefchlinge allerley Würfte, frifche und geräucherte , Leber—
wuͤrſte, Blutwürfte, Brat » und Bregen⸗(Hirn⸗) Wuͤrſte
auch Saͤuſaͤcke und Tümpfel gemacht (B).
Daniel. 619
a — —— FINE PN
7B
Der perfifhe Bauer mit den Fruͤchten.
ge
In Erivan
War einſt ein armer ſchlechter Mann.
Sein ganz Vermoͤgen war ein kleiner Garten,
Sein ganz Geſchaͤft ihn abzuwarten.
In dieſem ſeinem Gaͤrtchen ſtand
Ein Obſtbaum, weit umher bekannt.
Die Frucht des Baumes war ſo ſchoͤn,
So ſchmackhaft, und ſo groß dabey,
Daß man dem Manne rieth, nach Iſpahan zu gehn,
Und, da der Schach auf Früchte lecker fep,
Ein Körbchen vol dahin zu fragen.
„Was duͤnket Div ? Sch wette fall,
„Du kriegſt, ich will nur menig fagen,
„So ſchwer am Golde heimzutragen,
„Als du an Früchten hingetragen haft —»
„Je nun ! ich ſollt' es felber meynen —
Er kauft ein feines Körbchen ein,
Hack feine fchöne Frucht hinein,
Nimmt freudig Abfchied von den Seinen,
Und tritt den Weg nah Iſpahan
Schon mit Entwürfen fchmwanger an;
Macht mit dem Golde von dem SKaifer
Sein Gaͤrtchen größer, baut fich neue Gartenhäuffer ;
Kommt endlich, eh ers benft, nad) Iſpahan,
Und meldes ſich beym Dbermarfchal an. —
Man kennt den Hof; Wer bringt, dem, fiehn bie Thüren
offen;
Tt4 Mer
620 Zwey und dreyßigſte Tafel.
Mer holen will, kann lange hoffen —
Der Maͤrſchall nimmt die Frucht, und Furze Zeit hernach
Berichtet er dem Manne, daß der Schach)
In eigener Perfon dag Obſt allein verzehret,
Es fehr gelobt , und mehr begehret.
Der arme Perfer zehlt auf ein gewiſſes Glück,
Und fpannt nur auf den Augenblick
Dem Saifer glimpflih zu berichten,
Er fey der Bauer mit den Früchten.
Er fielt fih in das Vorgemach, befchauf,
Begafft die Hoͤflinge, die hier demuͤthig ſtehen,
Und ſieht, in dem er gafft, ein kleines Zwerglein gehen,
Krumm, bucklig, lahm, ſo mißgebaut,
Daß fich mein guter armer Mann
Des Lachens nicht enthalten kann.
Zum Ungluͤck war dies Zwerglein der Miniſter,
Ein Männchen ſchwarzer Galle voll,
Bon Blicken fharf, von Stirne düfter.
Er fieht fih um, erblickt den Fremden : „Biſt du toll,
Dermeffener? „ Er winkt: Man pacet ihr
Gar unfanft an, und fchleppt ihn nad) dem Kerker hin.
Hier mag er fein Gefchenf erwarten.
Er fluht dem Baum , er flucht dem Garten,
Er flucht den Freunden , deren Rath
Ihn in dies Ungemach geftürzet hat.
Doch alles Fluchen Fann die Sachen
Nicht ungefchehn, noch beſſer machen.
- Ein Fahr flieht nach und nach bahin,
(Ach! eine lange Zeit für ein fo Fumes Lachen. ))
Und feine Seele denft an ihn.
Yun Ffommt die Zeit der Früchte wieder.
Man bringt dem Schach die fchönften dar.
Er ruͤmpft die Nafe , legt fie nieder; ’
„Nein!
Daniel. 621
„Nein ! das ift Feine Frucht , wie das vergangne Jahr.
»Was für ein herrlich Obſt das mar!
„Wird wohl der Mann zuruͤcke kommen?
„Hat man noch nichts von ihm vernommen?
„Wo fam er ber, mo kam er hin?
„Hat man ihn auch bezahle ? Erfragt mir ihn!
Man forfcht, und man erfährt die Flägliche Gefchichte,
Der Kaiſer lacht bey dem Berichte;
„Gut ! bringt ihn her ! ich will ihn fehn
„» Den armen Schelm ! Nun fols ihm beſſer gehn.
He! guter Sreund ! ich weis, mie dirs ergangen —
(Sp fpricht der Schady.) Es thut mir leid.
Doc) kurz und gut, für Kerker, Obſt und Zeit
Kannſt du nunmehr , was dir beliebt , verlangen.
Ein Beil, verſezt der arme Mann,
Erbits ich mir, und einen Alkoran.
Der Faifer fängt zu lachen an,
Und fpriht : Was nüzt dir Beil und Alkoran?
„Das Beil, den DObftbaum umzuhaun; der Alkoran,
„Den größten Eid darauf zu ſchwoͤren,
»Daß ich und die mir zugehören
» Zeitlebend nie nach Hofe wiederkehren.
N ERNALTEER
8.
Das Amphitheater.
Auſer dem Circus ( Tab. XXIII, 8.) hatten die Römer
noc) zweyerley Arten öffentlicher Gebäude, in welchen fey⸗
erliche Spiele und Belufligungen des Volkes angeftellt wur⸗
den; nehmlich das Theater, und das Amphitheater.
In ienem, welcher die Geſtalt eines halben Eirfels hatte,
zt5 wur⸗
’
622 Zwey und dreyßtgſte Tafel.
wurden gemeiniglich Die Schaufpiele gegeben; dieſes aber
mar zu den berühmten gechterfpielen, und Thier + Gebese
beftimmt. Das Ampbitheater hatte eine ovalsunde Ges
ſtalt, und beſtund gleihfam aus zweyen zuſammengeſezten
Theatern. Unten auf der Erde hatte es einen großen freyen
Plaz, der mit Sand uͤberſtreuet war, damit von dem Blu⸗
te, fo darauf vergoffen wurde, der Boden nicht fchlüpfrig
toerden möchte. Um diefen Pla; herum waren alierley Be—
haͤltniße für die wilden Thiere, und für die Fechter. Ueber
denſelben waren die Size der Zufchauer ; zuerft des Narbe,
und anderer obrigfeitlihen Perfonen,, der Kaifer und der
veftalifchen Jungfrauen; für welche Gegenden auch, zu
mehrerer Sicherheit vor den wilden Thieren, Gitter gezogen
waren. Ueber diefen- Famen 14 Reihen Size, auf denen
nur die Ritter figen durften; dann die übrigen für die Zu«
ſchauer, welche immer höher hinauf giengen, und in fo
großer Menge waren, daß über 80000 Menfchen bequem
ſizen konnten. Zwifchen diefen giengen von unten bis oben
hinauf, Gänge, auf denen die Leute in die Höhe fliegen,
und fi) von da feiiwärts in ihre Size begaben. Zu oberft
gieng noch eine Galerie herum , welche allein bey 20000
Menſchen fallen fonnte, und auf welchen vornehmlich die
Srauen, und alle, bie in Trauerkleidern giengen, jufahen.
Unter dem Gebäude waren Roͤhren, durch welche der Boden
mit Waffer Fonnte angefüllet werden, wenn ein Geetrefjen
follte vorgeftellt werden; auch waren hin und wieder Fleine
Möhren oder Fontainen angebracht, durch weiche zur Er—
feifchung der Zufchauer , wohlriehende Waſſer Fonnten aus⸗
gelaffen werden. Wenn die Sonne zu heiß ſchien, wurden
über die Zufchauer Tücher gefpannt, melche anfangs von
Segeltuch, bey überhand nehmender Pracht aber, von Seide
uno Purpur gemacht Maren.
Die
Daniel. 623
Die Sechter, welche auf diefem Schauplase ihre Leben -
wagen follten, waren Gefangene, Miffethäter, und Knech—
te; oft auch voruehmer Leute Söhne, welche fich bey dem
Raifer und dem Volke beliebt machen wollten. Sie ließen
nicht eher nach zu kämpfen, bis einer unter ihnen halb,
oder ganz od zur Erde fiel; gefchahe dag erfie, fo durften
die Zufchauer entfcheiden, ob ihm das Geben gefchenft, oder
gar genommen werden follte,
Die Tbiere, welche auf diefem Schauplage an einan—⸗
der gehezet wurden, waren bald zahme, bald wilde. Gie
firitten entiveder mit ihres Gleichen, oder mit andern Thie-
ren, oder mit Menfchen — dazu fich manche aus Kuhmbes
gierde gebrauchen , oder mit einer Summe Geldes erfauffen
liefen. Gemeiniglich aber wurden große Verbrecher, und
zu den Zeiten der Chrifien » Verfolgungen, die Ehriften dazu
verurtheilet mit den wilden Thieren zu Fampfen. Schade,
daß e8 jemals folche Schaufpiele gab, deren man nie andere
als mit Schauer , und zur Schande der Menfchheit gedens
fen muß!
9.
Die entdeckte Unſchuld eines Miniftere,
der fann fich in feinem Stande einen guten Namen,
machen. Go gieng es auch mit einem geringen Viehhirten.
Sein auf Ehrlichkeit und gefunde Begriffe gegrindetes
Berhalten machten ihn in feinem Dorfe groß. Man fand
feinen, der fich nicht gern auf fein Wort verließ — feine
Meblichkeit gab Gelegenheit, daß flreitige Guter bey ihm,
bis nach ausgemachter Sache, niedergeſezt wurden — fein
gutes
624 Zwey und dreyßigſte Tafel.
gutes Gemüthe war allezeit bereit , Zwiſtigkeiten beyzule—
gen — und feine gefunden Begriffe lehrten ihn gerechte Aug:
fprüche, fo oft feine Dorfleute eine Entfcheidung verlangten.
Wie ein klarer Himmel allmäblic) die ſchwarzen Wolfen
vertreibt, und die Luft erheitert, fo verhält ſichs auch mit
einem guten Namen. Er breitet fich in die Ferne aus, und
wird allenthalben wohl aufgenonmen. Der König, welcher
zu eben der Zeit das Land, beherrfchete, war ein milder und
erleuchteter Herr ,„ der ohne Abfichten, den Verdienten
Würden ertheilte. Er ließ den Hirten zu fich rufen, prüfte
bald feine Ehrlichfeit, bald feinen Verſtand — und fo wie
derfelbe zunahm, gab er ihm eine Ehrenftelle nach der andern,
bis der Hirte, ohne Schmeicheley und Kunſtgriffe, gleichfam
mit den Flüge ded Windes, die Zinnen des Tempels der
Ehre erreichte, und zu ſolchem Anfehen gelangte, dag ohne
feinen Nath nichts Wichtiges vorgenommen wurde,
Kluge Näthe find einem Negenten eben dag , was der
Eompaß dem Steuermann ifl. Folge man demfelben, fo
geht alles wohl — und fo gieng ed auch bier. Der König
war auffer Gefahr, denn er war geliebet — dag Volk fchlief
ruhig , denn die Arbeitſamen haften ihr fägliches Auskom—
men — die Unfchuld war unbefümmert, denn fie war des
Schuzes verfihert — das Lafter zitterte allein, denn eg
wurde verfolge ; und die Mißgunft wachete auf deffen
Seite mit Unruhe; denn die Tugend wurde gekroͤnet.
Unter fo allgemeiner Stille gefchahe es einft, daß ein
betagter Mann, des Hirten alter Freund, von einer weiten
Reiſe nach Haufe kam. Sein erfter Trieb führte ihn nach
Hofe, um die Sonne, von welder fih eine fo fruchtbare
Waͤrme über dag Land ausbreitete, zu verehrten. eine
Verwunderung, da er den Hirten an der Seite des Koͤniges
erhaben fahe, mar nicht geringe; und der Hirt, der bey
geuem Schickfale, fein voriges unveränderliches Gemüthe
behal⸗
Daniel. 625
behalten hatte, freuete fich über des Freundes Ankunft.
Als fich beyde gegen den Abend alleine beyfanmen fanden —
fo glaubte der alte erfahrne Mann , es wäre Pflicht, den
Liebling des Königes zu warnen — Freund, fprach er, dir
bift auf dem fchlüpfrigen IBege der Ehre, und einem Blinden
gleich, welcher, als er feinen verlohrnen Stab unter den
Steinen und Straͤuchen fuchte , eine erflarrete Schlange
fand, und aufnahm. Ein anderer fcharffichtigee Wanderer
bat ihn, das waserin den Händen hielte, wegzuwerfen —
allein der unglückjelige Dlinde verachtete den Nath, und
glaubte eine fichere Stüze zu haben , bis ihn die erquickte
Schlange endlich einen tödtlichen Stich verfeste — Du haff
Derftand, fuhr der Erzehler fort, du Fanft felbft die Anwen—
dung machen.
Der Hirte wurde zwar etwas befümmert tiber diefe
Sprache des Alten; weil er ſich aber nichts Boͤſes bewuſt
war, fo fuhr er mit Treue und Muth fort fein Amt zu ver-
twalten — und er würde darinn bis an feinen Tod unermuͤ—
det geblieben feyn , wenn es nicht feinen liftigen Neidern
endlich , nach vielen weit hergeholten Verſuchen geglücket
hätte, beym Könige Argwohn zu erwecken. Ihr erfies Ans
geben war, daß der Hirte vom erpreßten Gelde armer Leu—⸗
te, und vielleicht auch von Beflechungen der Neichen ſich ein
rächfiges Haug erbauet hätte. Der König wollte in einer
Sache, welche die Ehre eines redlichen Mannes angieng,
einen- andern , als feinen eigenen Augen, Glauben
eymeſſen. Er Fam alfo zu dem Hirten und befahe feine
ohnung — fand aber, daß meber das Gebäude und
die Auszierung deffelben feinen Stand übertraf, uoch die
Koften fich höher beliefen, als die belohnende Enade feines
Heren ihm dazır'gereichet hatte. Der Hirte wurde aljo auf
das Neue gerühmt, daß er feine Stelle nicht verunehref
haͤtte, und daß er den Handwerkern das, Brod zufommen
laſſen,
626 Zwey und dreyßigſte Tafel.
laffen, welches fie billig von den Vermögenden des Rande
erwarten muͤſſen. Die mißgunſtvollen Angeber wurden hers
bey gerufen und. ihnen ihre Falſchheit vorgehalken. — Zur
Entfchuldigung aber erdachten fie eine neue Unwahrheit.
Gnaͤdigſter Herr ! fagten fie, der Hirte nimmt fic) wohl in
acht, daß er vor aller Augen feinen Schaz zeige — aber bey
feinem Bette fteht ein mit Gold und Edelſteinen gefuͤllter
Kaften, der mehr an Gütern und Werth in fih haft, als
alle andere Unterthanen im Reiche beſizen — Der Wahrheit
liebende König begab fich aufs Neue zu feinem Diener —
er fand den Karten und befahl, benfelden zu eröfnen ; ber
Hirte entſchuldigte fich, und verficherte, es waͤre nichts das
rinn zu finden, dag die Neugierde feines gnädigften Foͤniges
reizen koͤnnte — ie mehr er fich aber weigerte, deſto mehr
wurde feine Aufrichiigieit in Zweifel gezogen. Der Kaffe
wurde aljo mit Gewalt aufgefchlagen — aber was fand der
König und feine Schmeichler- Schaar in demfelben? Nichts
anders als ein Hirtenfleid und einen abgeſchaͤlten Hirteh-
fiab — dag ehemalige Gewand des treuen Miniſters, das
er forgfältig verwahrte, um fich dann und wann bey Erbli-
ckung deßelben, feiner niedrigen Herkunft zu erinnern.
Und nım legte der Hirte, im Beyſeyn des erſtaunten
Koͤniges und feiner Feinde, fein Fofidares Kleid ab und
sog, indem er fich feines Freundes Fabel von dem Blinden
und der Schlange dabey erinnerte, fine alte Hirtentracht
an, wanderte nach feinem Geburtsorte, und ſchloß, ohne
fich durc) des Koͤniges Bitten und Verheiffingen von ſei—
nem gefaßten Schluße abbringen zu laffen, feine Tage in
eben der Hütte, in welcher er die Welt zuerſt gefehen hatte,
Drei
Drey-und drenßigfte Tafel,
1 +
Eſther.
Sr dem Tode des Koͤniges Darius folgte Cyrus
(Tab. XIII, 3.) der in der heil. Schrift Kores heißt,
weicher zuvor König in Derfien, und bes Darius Schiier
geriohn und Erbe war. Er eroberte Babylon, faft ganz
Afien, und mehrere Länder, und war gegen die hin und
wieder zerfireuien Juden fehr gnaͤdig geſiunet. Denn er
gab ihnen gleich im erfien jahre ſeiner Regierung den Ber
fehl, daß fie in ihr Land wieder ziehen, die Stadt Jeruſa—
lem und den Tempel wieder bauen, und daſelbſt den Sffents
lichen Gottesdienjt wieder anfangen ſollten. Dies gejchahe
ohngefehr fechsthalb hundert Jahre vor Ehrifti Geburt; es
verzog fich aber der Zempelbau, wegen allerley Uneinigfeis
ten unter den Juden, wohl funfjehn Jahre, bis der König
Derius Hyſtaſpes den Befehl feines Vorfahren, des Cys
zus erneuerte, und Anftalten machte, daß biefer Bau in
wenigen Jahren vollendet wurde. Eben fo eifrig_betrieb
einige Zeit hernach Ahasverus (welcher von einigen für
ben Artaxerxes Kongimanus, von andern aber für den
durch feine grojfen Armeen berühmten Keryes gehalten wird),
die Wiedererbauung Jerujalems und die Herſtellung des
Snttesdienfies. Unter diejem Ahasverus irug fich folgen.
de merkwuͤrdige Gefchichte zu ;
In der Hauptſtadt diefes perfifchen Koͤniges lebte da—
mals ein verſtaͤndiger frommer Iſtaelite, Mardochai, wel.
cher ſowohl feine Gottesfucht, als feine Treue gegen den
König
628 Drey und dreyßigſte Tafel.
König auf verfchiedene Weife an den Tag legte. Sein
gutes Herz bewieß er insbefondere dadurch, daß er fich einer
armen vater» und mutterloſen Waife, der- Kfther vaͤterlich
annahm, und fie an Kindesflatt auferzog und liebte. Diefe
Jungfrau hafte nicht nur eine angenehme Bildung, fondern
auch eine feine Seele, und richfete fich in allen nach den
guten Lehren ihres Anverwandten. ie blieb bey ber
Verehrung des einzigen wahren Gottes — lebte eingezo—
gen — mar demäthig , befcheiden , ftille md arbeitſam —
wofür fie der liebe Gott auch ausnehmend fegnete, und das
Schickſal ihres Lebens fo wunderbar leitete , daß man die
Erzehlung davon nicht ohne Nührung Fefen kann.
Es begab fich nehmlich, daß Abasverus einft allen
Sürften und Befehlshabern feines Reichs ein herrliches
Gaſtmahl gab, mo er diefelben fieben Tage lang mit er-
ſtaunlicher Pracht bewirthete. Zulezt wollte er, aus befon»
derer Gnade, ihnen auc noch feine Gemahlin, die ſchoͤne
Vaſthi zeigen, welche er jur dem Ende erfuchen ließ, daß fie
in ihrem Finiglihen Schmucke zu ihm kommen, und feinen
Unterthanen dag Vergnügen gönnen möchte, ihre Königin
und Landesmutter zu fehen. Allein Vaſthi war eine übers.
aus ſtolze und hochmuͤthige Königin, die ihre Unterthanen
perachtete, und felbft nach dem Könige ihrem Gemahle nicht.
viel fragte. Sie fhlug es alfo ab, und wollte nicht kom—
men. Dieß brachte den König in einen gewaltigen Zorn —
Er verfammelte feine Näthe, vernahm ihre Gebanfen über,
diefe hoͤchſt fträfliche Verachtung, und befchloß die Königinn
Vaſthi zu verfioßen, und fich eine beffere und mürdigere
Gemahlin zu ſuchen. Diefer Befehl wurde fogleich vollzo—
gen, und aus dem ganzen Königreiche die fchönften Jung»
frauen in des Königes Schloß gebracht, damit er fih aus
denfelben dieienige zu einer neuen Gemahlin auswählen moͤ⸗
ge, bie ihm die liebenswuͤrdigſte feyn wuͤrde. Bu
Daniel, 0 ah
Durch die Sorgfalt Mardachai gefchähe es nun,
daß Eſther auch unter die Zahl diefer auserlefenen Frauen:
zimmer begriffen wurde, — Man führte fie in den Valaft,
und nachdem fie die gehörige Ausfchmückungszeit überftans
den, vor den König; da denn ihre ſanftes Weſen, die An«
much und Schoͤnheit ihrer Bildung, und der Derfiand ihe
rer Neden, die Gnade und Fiebe des Monarchen dermaffen
erweckte, daß er fie allen andern vorzög, Und ihr die der
Vaſthi genommene Krone auf ihr Haupt feste (a) — So
ward Eſther aus einer unbefannien, verachteten Waiſe, eine
der größten Fuͤrſtinnen der Erde! Aber diefe große Veraͤn—
derung veränderte ihre Herz nicht. — Sie blieb auch demuͤ⸗
£hig in ihrer koͤniglichen Höhe — Wie fie in ihrer Nies
drigfeit Gott geliebet hatte, fo dachte fie auch in ihrem
großen Gluͤcke mit unveränderter Ehrfurcht an ihn. In als
len ihren Anliegen und Bekuͤmmernißen betete fie mit grofs
fem Eifer und Vertrauen — und zeigte als Königinn gegen
ihren Vormund Mardachai Dankbarkeit und Liebe, und
gegen ihre Landsleute Zuneigung und Treue — ia es fund
nicht lange an, fo wurde fie die Netterin ihrer Nation.
Haman nehmlich, der Liebling des Koͤniges, ein ſtol⸗
zer, boshafter Miniſter, beſchloß ben Untergang des iuͤdi⸗
fen Volkes, Es verdroß ibn, daß Mardachai nicht
auch die Kniee ons ihm beugte wenn er vor ihm vorüber
gieng, wie es die Perſer thaten; daher wußte er den Befehl
som Könige auszumwirfen, daß Mardachai an einen funfz
zig Ellen hoben Baum gehängt, und alle Juden an einem
gewiſſen Tage getsdtet werden follten. Allein Gott verei-
telte diefe Anfchläge. Denn, da fich der König, in einer
ſchlafloſen Nacht, die Begebenheiten unter feiner Regie⸗
rung, auch die vom Mardachai einſt entdeckte Verrätheren
vorleſen ließ, und vernahm, daß biefer treue Iſraelite, dies
ſer Entdeckung wegen noch keine Belohnung erhalten hatte,
ur fragt
630 Drey und dreykigfte Tafel.
fragt er ben Hamann: was man dem Manne thun fol, den
der König gerne ehren wollte ? Haman gab den Kath,
man follie denfelben in präch igen Kleidern, int: der koͤnig⸗
lichen Krone, auf dem Leibpferde des Koͤniges in ter Stabt
herum führen. - Denn er glaubte, daß der Koͤnig auf nies
mand anders, als aufihn, mit diefer Frage zielen iiune. —
Allein er betrog ſich ſehr, denn der Koͤnig ſagte ſogleich zu
ihm: Eile, und thue alſo Mardachai dem JZuden. —
Und Haman mußte gehorchen (b). Darauf warb er nebſt
dem Könige, bey der Koͤniginn Eſther, die um alle feine
moͤrderiſchen Anfchläge wußte, zur Tafel geladen. Als nım
der König fehr aufgeraumt war, fo fügte er zur Eſther,
fie follte fih von ihm eine recht große Gnade augbitten. =
Eſther, die ſchon lange einen folchen günfiigen Augenblick
zur Rettung ihres Volkes fehnlich erwartete, entdeckte hier
auf dem Könige den ganzen ſchwarzen Anſchlag Hamans ge-
gen Marbachei und ihr Volk, und bat: er möchte hoch,
ba fie ſelbſt eine Juͤdin wäre, ihr Geſchlecht nicht ausrot—
ten. — Diefe Erzehlung brachte den Koͤnig in einen gr,
rechten Zorn, daß er fogleih fein Gebot gegen die Zuden
mit nothwendiger Eile widerruffte, ben Urheber diefer bos—
haften Anfchläge an eben den Galgen hängen ließ, den er
fiir Mardachai aufrichtete (c) — ihn ſelbſt aber, diefen treuen
Freunde des Koͤniges und der Koͤniginn, das Amt und bie
Wuͤrde des geſtuͤrzten Hamans übergab, und fid) von der
Zeit an gegen die Iſraeliten gefällig erzeigte,
Wirklich fchickte diefer Ahbasverus, oder Arthefafte
zwey gelehrte und weiſe Männer, den Eſra und den Yes
hemia, mit vielen andern vornehmen Juden nach Serufas
lem , um dag angefangene Werk zu beireiben, gute Anord«
nungen in der neu erbauten Stadt zu machen, und hin und
wieder Synagogen anzulegen. Dazu halfen auch bie
Propheten, Zacharias, Haggai und Malachias — und
von
Daniel. 631
von dieſer Zeit am haften die Juden einige Ruhe, und blie—
ben tiber 200 Fahre fremden Konigen, bald dem Alerander,
bald den egyptifchen, bald den forifchen Koͤnigen, unterthan.
Nach Verlauf diefer Zeit, ohngefehr 150 Jahre vor
Chrifti Geburt, kamen fie auf dag Neue in große Gefahr. '
Antiohus -Epipbanes , König von Syrien, batte einen
folchen unausloͤſchachen Haß gegen die Sjuden , daß er ihr
ganzes Land verheerie, Ne gu Tauſenden umbringen, und
wenn fie fi) weigerten, den Gözenbildern zu räuchern, auf
dag grauſamſte martern ließ. Don diefer Plage befrenete
fie Gott durch) den tapfern Mattathias und feine Nachfol—
ger, Die Maccabaͤer; durch einen Simon, Tobannes
Hyrtkanus und mehrere vornehme Iſraeliten, welche zu.
gleich Fuͤrſten und Hoheprieſter waren, ımd den Fein-
deu ihres Volkes Einhalt thaten. Diefe ihre Regierung
dauerte bis 50 Jahre vor Ehrifti Geburt, da fie unter vie
Oberherrſchaͤft der Roͤmer famen, und lange Zeit von
dem Ancipater und deſſen Sohne, Herodes, regieret
wurden. Dieſer wurde ſogar vom Kaiſer Auguſtus zum
Söng über dag ganze iuͤdiſche Land ernennet, ob er gleich
feyr grauſam war, und feine nechfien Anverwandten, felbft
feine Gemaͤhlin Marianne, und ihre Mutter Alexandra,
hinrichten ließ. Bey dem allen aber wußte er ſich doch bey
den Züden, feinen Unterthanen, ſehr beliebt zu machen, da
er ihren Tempel prächtig ausbauefe, alles was an demfel-
ben ſchadhaft war, verbefferte, und mit neuen Nebengebaͤu—
den verjabe,
— ER
Sey unbewegt, wenn um dich her
Sich Ungewitter ſammlen!
Gott hilft, wenn Chriſten, freudenleer,
Zu ihn um Snade ſtammeln.
Vu Die
632 Drey und dreyßigſte Tafel.
Die Zeit der: Qual,
Der Threnen Zahl
zahlt er — Er wiegt bie Echmerjen ,
Und waͤl fie von den Herzen,
* —
—
Die Schminke.
S. werden alle dieienigen Mittel genannt, durch welche
das Frauenzimmer die Schoͤnheit der Haut zu erhalten und
zu erhoͤhen ſucht. Es beſteht aber die Schminke in aller—
hand koͤſtlichen Waſſern, Tinkturen, Pomaden, Salben,
Pulvern, Olitaͤten und andern Sachen, die aus herrlichen
Spezereyen praͤpariret und zuſammengeſezt werden, und die
Haut vor Schuppen, Blattern, Unſauberkeiten und Run—
zeln verwahren ſollen. Man hat verſchiedene Gattungen
derſelben, als: venetianiſches Waſſer, imperial Waſ—⸗
fer, Schminkwaſſer der Großherzogin von Slorenz,
hollaͤndiſches Schminfwaffer , ſpaniſchen Anftrich,
weifies Melonenwaſſer, fpanifche Schminklaͤppchen,
rotben Schminkeſſig, Saflor: Lad, und deral, Das
Schminken ift vornehmlich in Frankreich, Spanien und
Rußland gebräuchlich — doch giebt es auch in Deirtfchland
manches Frauenzimmer, das fiundenlang vor der Toilette
und vor dem Spiegel fin, und das Angeſicht mit Materi-
alien belegen kann, die die fchöne Farbe der Natur verder⸗
ben, und aus gemahlten Schönen mit der Zeit häßliche
Matronen mac)en.
Ein vernünftiges Frauenzimmer, das ihren Werth in
edlern Vorzuͤgen ſucht, als ein übertünchtes Geficht iſt,
wird zwar eine Schönheit, die ihr Gott gegeben hat, nicht
ver⸗
— ⸗ —— —
Daniel. 633
verachten, aber fo viele Umſtaͤnde nicht brauchen um eine
ſchoͤne Haut zu baben, oder zu behalien — es wird trach—
ten den Geift immer fchöner zu machen, durch Tugend und
Leſung guier Schriften — und durch folgende Negein, als
durch die befte Schminke, ihre jugendliche Vollkommenheit
und Schönheit zu erhalten wiffen.
Man ſtehe des Morgens fein frühe, und im Sommer,
two möglich mit dem Tage auf. Die Morgenlüfte erfrifchen
dag Geblüt, und geben folglich tem Gefichte ein lebbafte>
res und munferes Anſehen — und das Einathmen der Luft
bey dem Aufgange der Sonne färbet die Kippen mit einer
fo angenehmen Roͤthe, als die Nöthe der Morgendämmes
rung ift. Ein langer Schlaf giebt den Geſichtszuͤgen ein
mattes, blafjes und fchläfriges Anſehen.
Wenn man aufgeflanden, nehme man zur Vorbereitung
faltes Waffer, fo frifch e8 aus den Brunnen fommt, und
mwafche fich damit die Hände und dag Geſicht. Warmes
Waſſer macht mit der Zeit eine gelbe und rungeliche Haut.
Pac) diefee Vorbereitung bite man fid) den Tag über
vor allen Feidenfchaften, befonders dem Weide, weil berfeibe
der Haut ein gelbes Anſehen giebt. Ale heftige Leidenſchaf—
ten verfiellen das Geficht und drücken demfelben wiedrige
Züge ein. Die Unmäßigfeit verdirbt die Taille des Leibes
und verurfacht Finnen, die man hernach auch durch die be—
rühmteften Waſſer nicht wird wegſchaffen koͤnnen. Statt
der gewoͤhnlichen rothen Schmincke braucht man eine maͤßige
Bewegung, welche eine ſo ſchoͤne Roͤthe auf den Wangen
hervor bringen wird, die keine Kunſt nachahmen kann.
Eine natuͤrliche Offenherzigkeit, ein immer heiteres und
vergnuͤgtes Gemuͤthe, und eine ſanfte und gefaͤllige Den—
kungsart, werden den Minen alle dieienigen Reize eindruͤ—⸗
cken, welche in der menſchlichen Geſellſchaft fo ſehr geſchaͤzt
werden, und die man von der Kunſt vergebens zu erhalten
Uu 3 ſucht.
634 Drey und dreyßigſte Tafel.
facht. Eine weiffe Hand iſt eine wahre Zierde einer fchönen
Derfon. Allein Feine Hand ift weiffer, als Ddieienige ,
welche beftändig rein gehalten wird, beſonders wenn man
fich dazu des frifchen Brunnenwaffers bedient. Freylich ift
ſolches noch nicht allein hinlänglich ; die Hände muͤſſen daben
in einer foridauerkden mäßigen Bewegung erhalten werben.
Zu diefer Aſicht iſt dieienige, melche die Naͤhnadel, dad
Epinnrad, oder der Strickbeutel gewähret, die bequemfte.
Die Spielcharte ift dazu vollig untauglich. Unſere Groß-
muͤtter haften bie fchenen weiſſen Hände, die wir noch auf
ihren Gemählden bewundern , blog ihrem ee Fleiße
zu verdanken.
Verbindet man mit dieſem allen einen netten, unges
jwungenen, und reinlichen Anzug, ein zur Gottesfurcht und
Zugend geneigtes Her; — fo wird man einen Neiz haben,
welcher dem Körper und der Seele bis in das hochſte Alter
ein bluͤhendes, gefälliges und ſchoͤnes Anfehen giebt — eine
Wirkung, welche von allen Schmincken vergebens erwartet
wird,
3.
Das Roſenfeſt zu Salency.
ER merkwuͤrdige und alte Feſt ift blos der Tugend
gewidmet, und hat feit feiner Stiftung aufferordentlich vielen
Ruzen geflifter, Man halt den heiligen Wredardus , Bi⸗
fchof zu Noyon in der franzsfifchen Provinz Isle de Trance
der in dem fünften Jahrhunderte lebte 2 für den Stifter
diefer Seyerlichkeit. Diefer Bifchof war Herr von Saleney,
das eine halbe Meile von Noyon lieg, und hatte den Eins
fall, daß er iährlich einem Maͤdchen diefes Dorfes, welche
1%
Daniel. | 635
en größten Ruf einer unbefleckten Tugend hatte, 25 Livres
und einen Kranz von Roſen verehrte. Es wird erzehlt,
er babe ſelbſt dieſe ruhmwuͤrdige Belohnung einer feiner
Schweflern gegeben , die mit allgemeinen Beyfall zum Nos
fenmädchen erwehlt worden. In der Kapelle des heiligen
Medardus ; die an dem einen Ende des Dorfes Salency
fieht , fieht man noch iezt Über dem Altare ein Gemählde,
weiches diefen Brälaten vorſtellet, ver in priefierlicher Klei—
dung feiner Schweſter, die mit blofien Haaren vor ihm
knieet, einen Kranz von Nofen aufſezet. Diefe Belohnung
ermunterte bie Träschen von Salency, auf eine ausnehmen⸗
de rt, zur Tugend. Auſſer der Ehre, welche das Roſen—
mädchen dadurch erhielt , Eonnte fie fi) in dem Jahre auf
einen guten Braͤutigam gewiffe Hoffnung machen.
- Der heilige Medardus wollte: dieſes unvermufheten
Nuzens wegen die Stiftung verewigen, und ſezte dazu von
feinen Gütern 12 Morgen Landes aus, deren Einkünfte zur
Bezahlung der 25 Livres, und zur Beſtreitung der zufälligen
Nebenunkoſten des Roſenfeſtes angewendet werden ſollten.
Es wurde gleich anfangs bey dieſer Stiftung ausgemacht,
daß nicht allein Dieienigen, welche diefe Belohnung erhalten,
ein tugendhaftes Lehen geführt haben müffen, Sondern daß
auch ihrem Water, Mutter, Brüdern, Schweſtern und
Vorfahren bis ins vierte Glied, in auffteigender Linie, Fein
Vorwurf gemacht werden koͤnne. Der Eleinfte Fleck, der
geringfte Verdacht in ihrer Familie, twürde eine völlige
‚Ausfchlieffung nach fich ziehen.
Der Befijer von Salency hat iederzeit das ausfchlief
fende Recht, das Nofenmäbchen unter drey Mädchen zu
wehlen, die in dem Dorfe Salency gebohren find, und ihm
einen Monat vorher vorgefteket worden. Wenn er eine
gewehlt hat, fo muß er feine Wahl in dem Kicchfpiele von
der Kanzel abkuͤndigen laſſen, damit ihre Nebenbuhlerinnen
ua zeit
636 Deren und dreyßigſte Tafel.
Zeit haben, die Wahl zu unterſuchen, und ihre Einwen—⸗
dungen zu machen, wenn fie nicht mit der ſtreugſten Gerech—
tigkeit uͤbereinſtimmet. Diefe Unterfuchung gefchieht mit der
größten Unvartheylichfeit , und nur diefe Probe kann die
Wahl des Guthsherrn beftätigen.
Am achten Junius, dem Tefitage des heiligen Mies
dardus, begiebt fi das Aofenmädcen um zwen Uhr des
Nachmittags in weißer Kleidung, mit gefräufelten Haar,
das in große Locken um ihre Schultern fallt, unter dem
Schalte der Trommeln, Biolinen und Sackofeifen, nach dent
Schlofe Saleny. Ihre Verwandten und zwoͤlf Mädchen
bes Dorfs, auch in weißer Kleidung mit Gürteln von blauen
Bändern, von eben fo viel Zünglingen des Dorfs geführet,
machen ihre Begleitung aus. Der Herr des Dorfg , oder
fein Bevollmächtigter empfängt fie perfönlihd. Sie macht
ihm ein Fleineg Kompliment , und dankt ihm megen des
Borzugs, den er ihr gegeben hat. Der Herr, oder fein
Bevollmächtigter und Gerichtshalter , geben ihr alsdenn die
Hand, und führen fie, von den Muficanten und einem zahl-
zeichen Gefolge begleitet, in die Kirche, wo fie inder Mitte
des Chors, auf einem Stuhle fniend, die Veſper höre. Nach,
der Veſper geht die Geifklichkeit und das Volk in Proceffion
nach ber Stapelle des heiligen Medardus. Hier weihet der
Pfarrer den Kranz, ber auf dem Altare liegt. Diefer Kranz
oder Hut iſt mit einem blauen Bande umwunden, und vorne
mit einem filbernen Ninge gezieret, welche Augzterung von
dem Könige Ludwig XIII ihren Urfprung bat. Nach ges
fchehener Einweihung, wobey eine Nede gehalten wird, die .
fich zur der Gelegenheit ſchickt, fezt der Geiftliche dem Nofen-
mädchen , dag vor ihm niet, den Kranz auf, und giebt ihr
zugleich die 25 Livres in Gegenwart des Herrn und feines
Gerichtsbedienten. Der Here des Guthes, oder fein
Perglimächtigter führer das gefränzte Nofenmädchen , mit
dent
Daniel. | 647
dem ganzen Sefolge begleitet, wieder nach ber Pfarrfirche,
wo man dag Te Deum und einen Sirchengefang auf den
heiligen Medardus abfingt , wobey die tungen, Leute des
Dorfd eine Salve von Muffeten » Feuer geben. Der
Guthsherr, oder fein Bevollmächtigter führer darauf das
Nofenmädchen aus der Kirche auf die große NHeerfiraße von
Salency. Hier haben die Unterthanen fchon einen Tifch
decken laffen, worauf ein Tafeltuch, 6 Servietten, 6 Teller,
2 Meffer , x Salzfaß mit Sal, rother Wein in zween
Keügen, > Glaͤſer, halb fo viel frifches Brunnenwaſſer,
und zwey weile Brode, für einen Sol, ein halb hundert
Ruͤſſe, und ein Kaͤſe von 3 Sols befindlih find. Mar
giebt dem Nofenmädchen noch überdies, als zum Zeichen
einer Huldigung , einen Pfeil, 2 Bale, und eine Horn⸗
pfeife, worauf einer von den Unterthanen dreymal pfeift,
ehe er fie übergiebt. Diefe find ſchuldig, alles was her-
beygebracht ift, aufs genauefte, bey Strafe von 16 Sols,
zu beobachten. Hernach verfügt fih die ganze Gefellfchaft
auf den Schloßhof unter einen arofen Baum , wo ber
Here mit dem Nofenmädchen den Ball eröfnet. Diefer
laͤndliche Ball endiget fi) mit dem Intergange der Sonne.
Das Nofenmadchen bittet alle tungen Mädchen des Dorfg
auf den folgenden Nachmittag zu fich, und. giebt ihnen einen:
großen Schmauß, worauf alle Luftbarfeiten folgen, die bey
folchen Fällen gewöhnlich find.
Man follte nicht glauben, mie fehr diefe Stiftung die
Einwohner von Salency zur Tugend und guten Sitten
reist, Die Einwohner des Dorfs, welches obngefehr 148
Feuerfiellen ausmacht, find fanftmüthig, ehrlich, mäßig und
arbeitſam. Ihre Anzahl macht ohngefehr zoo aus. Man
pfluͤgt dort nicht , ein ieder gräbt fein Stückchen Land um.
Ein ieder lebt in edler ländlicher Einfalt mit feinem Schick;
fale zufrieden, Man hat verfichert,, daß man Fein Beyſpiel
Uns eines
658 De und dreyßigſte Tafel.
eines begangenen Verbrechens wüßte, auch nicht einmal
eines groben Laflers , deſſen fich ein Einwohner won Sa:
lency fchuldig gemacht hätte, Ein Fehltritt des weiblichen
Gefchlechts wäre aber ganz was unerhoͤrtes, obgleich alle
benachbarte Landsleute eben fo aros und lafterhaft, als an
andern Orten find.
4.
Die fleißige und freundliche Hausfrau,
Elementarw. Tab. LI. 2. 4.
PL ehrwuͤrdig ift ienes fchöne , ehrbare, haushälteri-
fche und fanftmithige Eheweib (a) ! Sie iſt in isrer Wehn-
ſtube, nicht vor einem überflüffigen Nachttiſche, fondern
in der Geſellſchaft ihrer theils Iefenden ,. theils arbeitenden
Kinder, Sie felbft naht, und unferrichfet diefelben, Der
iunge Mann, den ihr vor ihre fizen fehet, iſt ein Nachbar,
der ſie in Abweſenheit ihres Mannes bat, mit ihm in das
Schauſpiel zu fahren, welches ſie aber auf die beſcheidenſte
Art abſchlug, indem ſie ſich auch vor der bloſſen Meinung
einer zu großen Vertraulichkeit mit fremden Mannſen
ſcheute.
Dort (b) iſt fie im Geſpraͤche mit ihrem von der Reiſe
Fonmenden Manne , der fie in dee Küche antraf, mo fie
Anftalt zur Abendmapizeit machen wollte. Er batfe vor dem
Stadtthore von feinem Labendiener eine verdrüßlihe Nach—
richt erhalten , welche eg nöthig machte, fünf Durchreifende
denfelben Abend zu beiirthen, weil fie ihm in ber erzehlten
Sache dienen koͤnnten. Er war alfo beyfeinee Ankunft went-
ger freundlich, als fonfl, gegen feine Sophronte, und am bald
mit den Worten hervor : Mache gefhwind Anſtalt,
ich
Daniel. 639
ih) habe fünf Gäfte gebeten, Sophronia, etwas nieders
geſchlagen über Die ſcheinbare Saltfinnigfeit des Mannes,
antivortete : es wird Faum moͤglich feyn, in fo Kurzer
Zeit dein Verlangen zu erfüllen. Seine verdrüßliche
Faune gab ihm die Worte en » Du madbft mir oft
Schwierigfeiten, wo Feine find.. Hier lächelte Sophro—
nia, (fo freundlich fie konnte,) und freichelte ihren Che»
freund, in mwelcher Stellung fie hier gefehen wird; dabey
fagte fie : Gieb dich nur zufrieden, mein Einziger,
es fiel mie nicht alfobald ein, wie ichs machen Fönns
te, nun weiß ib es ſchon; wir Weiber Fönnen uns
nicht fo gut in unvermuthete Zufälle ficken, els
die Maͤnner, und befonders, als du. Da enbigte fich
diefe kleine Mißhelligkeit mit derſelben freimdlichfien Mine
des Sophrons, welche Die Ehefreundinn gleich im erſten
Augenblicke erwartet harte, Dies Baar lebt fehr glücklich,
weil ein iedes von ihnen ve die Vorzüge feines Geſchlechts
erworben hat.
5
Flachs md Hanf. Das Spinnen,
HN, Flachs hat eine zarte Wurzel, aus welcher ein
dünner, hoͤchſtens anderthalb Ellen hoher Stengel wacht,
der lange ſchmale Blätter und eine blaue Blüthe hat, und
endlich eine runde Samen - Sapfel mit breiten Körnern be—
fomint, die man Keinfame nennet, Sobald diefe Kno—
ten oder Ballen gelb werden, fa wird der Flachs gerams
fet, dag iſt, mit dee Wurzel aus der Erde gezogen; dann
geriefelt , wenn man nehmlich zwiſchen den eifernen Zaͤh—
nen
640 Drey und drengigfte Tafel.
nen ber Kaufe die Knoten davon abfteeift ; dann im Waſ—
ſer geroͤſtet, das ifl, in Bündel gebunden, und (um ben
Baſt oder die Yülfen ‚der Stengel muͤrbe zu machen und
von ihren Faſern zu Trennen) im Waſſer eine Zeit lang
erweichet; ferner an ber Sonne, oder im Backofen gedörs
vet, (A. a) mit hökernen Schlägeln geblsuet (b),
auf der Breche gebrochen und endlich geſchwungen und
gebechelt, (c) das iſt, von dem Werg over Heede auf
der Hechel gefäubert, Die abgefireifien Samenknoten wer:
den gebrofchen, oder in der, Sonne fo lange getrocknet, big
fie aufplazen, und aller Same herausfällt. Derfelbe wird
alsdenn, theils zur Fünfrigen Ausſaat, theils um daraug
Beinöhl, und Keinfuchen, ein Sutter für das Vieh, zu
preßen, gebraucht. Der Hanf ift viel länger und dicker
als der Flachs, und wird zu grober Leinwad, infonderheit
zu Pack- und Segeltüchern , zu Nezen — und von den
Seilern zu Bindfaden, Schnuͤren, Straͤngen, Striden,
Anferfeilen und andern Tauen gebraucht.
Der Flachs wird an Reifen gelegt, und kommt alg-
denn unter die Hand der Spinnerin (B). Diefe legt ihn
an die Runfel (den Roöcken), und fpinnt an der Spins
del (b), oder am Spinnrade (a) den Faden. Die Fd-
den fommen an die Spuble und auf den Aafpel (d).
Einiges gefponnenes und mehrfach zufammengedrchtes Garn
oder Zwirn wird zum Nähen, Ausnaͤhen, Sticken, u. ſ. w.
verbraucht ; einigeg zum Stricken der Strümpfe vermittelft
der Stricknadeln ; einiges zum Klöppeln der Spijen auf
dem Klöppelpulte — das meifte Garn aber wird zu Tüchern
perwebt, wenn eg vorher, vermittelft des Spuhlrades
auf Spuhlen und. auf Röhren vom Rohre gemwunden if,
Die Keinwade, welche aus diefem Garne gewebt wer-
den, find entweder grob, oder mittelmäßig, oder fein,
oder
Daniel. Gi
oder fehr fein, wie z. €. die hollaͤndiſche, die ſchleſiſche;
Batift, Rammertuch und Schleier.
Auf den Wollrade (c) wird die Wolle gefponnen,
Die Scheerwolle wird von lebendigen Schafen geſchoren,
Die ſchlechtere Raufwolle aber von geflachteten abgerupft,
iede Sorte von Schmuz gereinigt, getroknet, geflüct, ges
fämmt, gefponnen, und in die Weberey geliefert. Die
Baunwolle waͤchſt auf gemilfen Sträuchern und Bäumen
in Kapfeln, welche zu der Zeit, da die Wolle reif ift, und
abgelefen werden muß, auffpringen.
Das Neſſeltuch wird aus den großen Brenneſſeln ge-
macht, welche, tie der Hanf und Flache, lange Fäden
geben. Sa, man bat fogar aus einer gemwiflen Sorte
son Steinen, die man Asbeft, oder Amiant nennet, und
welche fo weich und zähe find, dag man fie in lange Fäden
zertheilen Fann, Leinwad gemacht, und zwar eine folche,
bie im Feuer nicht verbrennt. Die alten Roͤmer haben bie
Leichname ihrer Könige und anderer großen Herren darein
gewickelt, und fodann verbrannt, um die Afche der Verſtor—
benen vein zu befommen.
NT m RER
6,
Der Weber, Der Schneider,
Wen dag geſponnene Garn, in einer ſcharfen Aſchen—
lauge abgeſotten worden, welches an manchen Orten,
unter dem Namen der Garnſiederey ein eigenes Gewer-
be iſt, fosfommt es unter die Hände der Weber (A),
welche von mancherley Art find, und theils "gemeine, theilg
zierliche und Fünftliche Arbeit verfertigen. Ein ietss Ge
webe
642 Drey und dreyßigſte Tafel.
webe befteht aus Zettel und Kintraa : Zettel heilen die
langen gedrehten Fäden, welche auf dem greffen Zettel
haſpel und Zettelftuhle angezettsit, und ſodann auf dem
Weberfishle, ober Webgeruͤſte aufgezogen werten, davon
einige in die Höhe, einige herabwechfeln, zmwifchen deren lee»
ten Raume ein anderer Faden, der EKintrag cder Eins
ſchuß genennet, duch Hülfe des Weberſchuͤzens, gezo—
gen wird. Dieß Werkzeug hat bie Geftalt eines Schiff:
gens mit zweyen ſpizigen Enden, darinn die Spule laufft,
auf welche der Faden zum Eintrag gewidelt if. Stuhl
und Schiff find alfo die Hauptwerkzeuge aller Arten von
Weber; vi erfieen aber findet man immer, ie nachdem es
zu ieder Act der Zeuge erforbert wird, in Nebendingen ab»
-geändert, Die vornehmſten Theile eines Weberfiubls
find : Die Walse, oder der Bruftbaum, der Garn
baum, der Streisbaum, der Zengbaum, die Dueers
ftangen , die Ramme , die Lade ; dazu nech der Siz,
der Tritt, der Anſchlag, der Spanner, bie Bürfte und
der Theiler gehören. Die gewoͤhnlichſten Arten der We—
ber find folgende.
1, Der LKeineweber. Gr wirft aus Flache » und
Hanffaden alle Arten von Leinwad.
2. Der Lottunweber. Er verferfiget aus Garn von
Baumwolle, Kottime und Bomaſine, auch mit darein ge-
ak geinenfaden, Barchet, Schnurtuche u. dergl.
Der Seidenweber. Er macht halb und ganz. feis
dene nn Sene find mit Leinen oder Wolle vermifcht,
diefe von Seiden allein. Sie find fehr verfinieden, indem
immer neue erfinden werden. Stoff und Sammet erfors
bern die. meifte Arbeit, und befonders find die geblümten
Stoffe ein ſehr kuͤnſtliches Gewebe. Manche find auch mit
Gold und Silberfäden durchwirfet und geben ein prächtiges
Anſehen. Die Geide aber muß vor dem Gebrauche entf.
weder
Daniel. 643
weder weiß gebleichet, oder gefaͤrbet werden, mich gezwir⸗
net ſeyn; welches in den Seidenmanufackuren, permittelfi
großer an manchen Deten durch) Wafferräber getriebenen
Maſchinen geſchichet.
4. Der Tuchmacher oder Tuchweber. Er verar-
beitet gefponnene Schafwolle, welche vorher gefchlagen,
gewaſchen, gekaͤmmet und kartetſchet ſeyn muß, ehe fie zum
Spinnen geſchickt iſt. Er macht die eigentlichen oder voll—
kommenen Tücher, die allein aus Schafwoflengarn, ohne
andern Zuſaz, gewebet werden,
5. Die unvollkemmenen Tücher , oder tuchartigen
Zeuge , wie Boy; Slanell umd vergl, werden von ben
Zeugmachern verfertige, Wenn das Tuch gewebet tft;
wird es auf der Walkmuͤhle, um es rauh und filzig zu
machen , damit e8 beffern Halt befomme, gemalfer; fo»
dann aber durch die Tuchſcheerer, die eine eigene Pro»
feffion find, abgeſchoren und gepreßt. Kerner gehören hieker
6. Die Topetenweber, von deren Arbeiten befon—
ders die fogenanten Hauteliſſe und Baſſeliſſe merkwuͤrdig
ſind, die nur zur Auszierung fuͤrſtlicher Palaͤſte, oder der
Zimmer ausnehmend reicher Leute gebraucht werden, und
den prächtigften Gemaͤhlden gleich kommen.
*. Die Band : und Bortenwirker, Dofamentier,
welche Bänder und Borten von Seiden, Baumwolle,
Kameelhaaren und Leinenfüden verfertigen.
8. Die Strumpfweber oder Strumpfwirfer, deren
Arbeiten die Strümpfe von Seide oder Wolle find; und
die alle dergleichen, iedoch immer zu verfchiedenen Gebrau⸗
che eingerichtete Stuͤhle und Werkzeuge fuͤhren.
9. Dieſe Weber insgefamt, haben andere Handwerks—
leute nöthig, die ihnen in die Hand arbeiten und zurichten,
nehmlich die Blätterfezer. Diefe verfertigen aus gefpals
tenen Rehn⸗ die in Rahmen geſezt werden, dieienigen
Werk⸗
544 Drey und dreyßigſte Tafel.
Werkzeuge, welche Blätter genennt werden, durch welche die
Faden des Zettels laufen, und womit der Einfchuß veſt ge
ſchlagen wird.
Auch der Seiler bearbeitet geſponnenen Hanf, Werg;
und felbft an einigen Orten gefpennene Baumwolle. Eelte-
ner gebrauchen fie Haare und Baſt. Diefe Deaterien wer—
den von ihnen ſortirt, oder ausgeleſen, geiponnen , und
über das Rad, auf einem langen Pla; gezogen, fo daß
Hiele gefponnene Faden in einen fich wickeln. Auf folche
Weiſe werden Bindjaden, Strike, Seile und Taue verfer-
figet. Aus den erſtern macht man Neze für die Zifcher und
die Jäger, Mürfengarn für die Pferde, und dergl. Die
ſtarken Taue aber werden bey den Schiffen, und überhaupts
alle Arten von Seilen , vornehmlich zum binden gebraucht.
Gurte von DBindfaden gewirkt, find gleichfals Arbeiten der
Seiler, die gewiffermaffen zu den Kleidungsſtuͤcken und
Hausrath gehören.
Nenn die Zeuge gehörig zubereitet find, fo Fommen fie
unter die Scheere , und merden zu Kleidungsftücken zuge
fhnitten. Das Werarbeiten der Leinwad , ſowohl zu
Hemden, als zu Betttuͤchern und dergl. ift meifteng das
Geſchaͤfte fleißiger Hausmuͤtter, und ihrer Vaͤherinnen.
Andere Tücher und Zeuge kommen unter die Hände der
Schneider (B). Bon diefen werden fie, nach vorher ges
nommenen Maaße, mit der Scheere zugefebnitten, und
die Stücke mir Faden von Leinen oder Seide, durch Huͤlfe
der Vaͤhnadel und des Singerbutes zuſammen genähet,
bernach mit einem befondern Eifen, dem Bögeleifen, die
Nathen gebögelt. Das Maaß befieht aus einigen doppelt
zufanımen gelegien fchmalen Papierftreifen, in welches beym
Ausmeffen, verfchiedene Einfchnitte gemacht werden. Nach
Inleitung diefes Maaßes fchneider der Schneider, oder ein
beiahrter verftändiger Gefele das Kleid zu; welches Zus
ſchneiden
Daniel. 645
fchneiden, die größte Gefchicklichfeit des Schneiders erfor-
dert. Dann machen die Öefellen durch benäben, fteppen,
verbrämen, ftichen zc. dag Kleid fertig — Und dann iſt
der Schneider zu loben: wenn er die Kleider alfo verferti⸗
get, daß ſie ſchicklich und bequem anliegen — wenn er
neue Moden ausdenken, oder gut nachmachen kann — wenn
er eine gründliche Wiſſenſchaft von allen Arten Zeuge und
Tücher hat — wenn er ein gutes Augenmaaß hat — feine
Elle wohl verfieht, und ehrlich ifl. Es giebt Wiannss
und Stanuen: Schneider; und die Kleider die fie verfer—
tigen, werden in Wlanns: und Weibs Rleider, in Ober
Unter: Sommer : Winter: Nacht : Beife + Jagd :,gelds
Trauer: tägliche: und Seyerfleider. eingetheilt. Jede
Nation und faſt ieder Stand unter denſelben, unterſcheidet
ſich durch den Schnitt und die Farbe der Kleidung; und
vermittelſt der abwechſelnden Moden erſcheinen taͤglich neue
Trachten.
— —— —— ——
Berill und die Gluͤcksgoͤttin.
Sera! wollteft du der Menfchen wahres Gluͤck,
So müßte dem gefchärften Blick
Die Zukunft offen ſtehn.
Sm Kummer würden wir alsdann auf nahe Freuden
Mit hoffnungsvollem Muthe fehn,
Und , eingedenf der Fünft’gen Leiden,
Uns nie zu fehr im Glüde blahn.
So ſprach Berill. Wohlan, ließ fich bie Göttin hoͤren,
Ich mil Die deinen Wunfc gewähren;
Ex Hier
646 Dreh und dreyßigſte Tafel.
Hier iſt mein Buch, und dieß
Das Blatt, das Dein Geſchick enthaͤlt. Nimm hin, und lies.
Ein Boͤnigreich wird einſt Berill erwerben,
Und endlich auf der Folter ſterben.
Berill erblaßt und ſchweigt. Nun will ich ſehn, Berill!
Spricht ſie, wie gluͤcklich Dich die Nachricht machen werde.
Mit ſtoiſcher Geberde
Erwiedert er: Dieß iſts, was ich Dir zeigen will.
Der Fuͤrſt laͤßt ihn nach Hofe kommen;
Er wird in ſeinen Dienſt genommen,
Wird ſchnell erhoben, wird der Liebling. Ihn erwehlt
Der Herr zum Fuͤhrer ſeiner Heere,
Und ihn zum Raͤcher feiner Ehre,
Wenn irgend ein Vaſall in ſeiner Pflicht gefehlt.
Du ſiehſt, Berill! Du naͤherſt Dich dem Throne.
Allein Berill fieht nicht den Neiz der nahen Srone.
Tieffinnig , traurig, ohne Troſt,
Ringt er in feinem Glück die Hände,
iind malet fich bald Ersfus Ende,
Bald Guatimozins heißen oft.
Ach, Göttin! ruft er aus: in Einem Stüd
Hetrog ih mich. Die Kenntniß ferner Pein
Vergaͤllt dag gegenwaͤrt'ge Gluͤck.
Das Sute nur allein
Sollt' uns bekannt, die Qual verborgen ſeyn.
Wohl! hebt die Goͤttin an, auch dieß will ich dir
ſchenken.
Sogleich verliert Berill der Folter Angedenken.
Nichts ſieht er mehr, als den verheißnen Thron.
Zwar groß und mächtig iſt er ſchon;
Allein dieß rührt ihn nicht. „Eilt, eilt, verhaßte Stun—
den!
Erwünſchter morgens komm! damit ih Koͤnig fen!
Der
Daniel. 647
Der Morgen fommt, der Morgen geht vorbey.
Der Tag in Luft vollbeacht , wird nicht empfunden.
Wird ihm ein Jahr durch Ungedult —
„O Boͤttin, hilf! Es ift richt länger auszuftehen! „
Dre Goͤttin fpricht: Und ift es meine Schuld,
Daß Dich ein Gluͤck gequält, was Du vorher gefehen ?
lern Du dauerfi mih. Sey ruhig, armer Thor!
Sie macht ihn wiederum unwiſſend, wie zuvor,
— —————
vr —
| 8.
Die vornehmften Göttinnen der Griechen
und Homer,
DH. merfwürdigften weiblichen Gottbeiten , welche die
alten Griechen und Roͤmer, nach ihrem fabelhaften Keligie
ons-Syſtem verehrten, waren folgende:
1. Juno (a), die Öemahlin Jupiters, und die Git-
tin des Reichthums, der Ehre, der Koͤnigreiche und des
Ehefiandes. Sie wird abgebildet als eine Koͤniginn mit
Krone und Zepter, mie fie entweder auf einen goldenen,
Don zwey Pferden gezogenen Wagen fährt, oder auf einem
Föniglichen Throne fizer, und neben fich einen Pfauen bat,
Sie machte ihrem Gemahle, durch ihre Widerſpaͤngſtigkeit
und Eiferfucht vielen Verdruß.
2. Minerva oder Dallas (b), die Göttin der Weis—
heit, des Krieges und der Fünfte, welche als eine gemaffnes
te Sunafrau aus dem Sopfe des Supiters fprang, Gie
wird als eine ſchoͤne Jungfrau abgebildet, bie einen Helm
auf dem Haupte, um die Bruſt ein Yegis, ober ehernes
Bruftichild, in der einen Hand einen Spieß, in der andern
Rx2 einen
648 Drey und dreyßigſte Tafel.
einen Schild mit dem Medufa- Haupt, und neben ihr einen .
Hahn, oder eine Nachteule Bat.
3. Venus (c), die Östtin der Liebe, der Schönheit,
der Anmuth und Freude, welche aus dem Schaume deg
Neers entfiund. Sie hat ihren Sohn Cupido, mit Bo-
gen und Pfeilen, auch die JZuldgöttinnen und andere Fleis
ne Kiebesgötter zur Begleitung, und wird mit einem Ro—
ferfrange auf dem Haupte, auf einen elfenbeinernen Wagen
fizend abgebildet, welcher von Tauben, oder Schwänen,
oder Sperlingen, auch dann und wann von Löwen gezogen
wird.
4. Diana (d), die Göttin der Jagd, der Berge und
Wälder. Sie wird als ein großes Frauenzimmer, mit ge
bundenen Haaren, aufgefchürzten Kleidern, Pfeil und Bogen
in den Händen, und einen halben Mond auf dem Haupte ges
bildet. Ihren Wagen zogen gemeiniglich zwey weile Hir—
ſchen.
5. Cybele (e), welche die Erde vorſtellen ſollte, wird
als eine Frau, mit einer Mauer-Krone auf dem Haupte,
undteine Trommel, oder einen Schlüßel in der Hand abge-
bilder — auf einen Wagen, der von zwey Löwen gezogen
wurde,
6. Veſta (f), welche als eine Beſchuͤzerin der Häuf-
fer verehret wurde. Sie wird bald als eine fizende Frau,
mit einem Kranze gefrönet, und mit allerhand Blumen und
liebfofenden Thieren umgeben, bald mit einer Fackel in der
Hand, bald als ein Altar mit brennendem Feuer vorgeftellt.
Zu ihrem Dienft waren die vefislifchen Jungfraͤuen
(Tab, XLVI, 8.) beftellt.
7. Aurors (g), die Östtin der Morgenröthe und die
Mutter der Sterne, fährt auf einen goldnen Wagen, den
bald zwey Pferde, bald vier, bald nur ein Pferd (der Pega—
ſus) ziehen. Auf dem Kopfe bat fie einen Stern mit Strah⸗
Im
ı Daniel. 219
Ten, und in ber Tinfen Hand eine Fadel. Sie bat einen
glänzenden Mund, rofenrothe Finger, und ein hellgelbes
Gewand.
8. Bellona (h), auch eine Goͤttin des Kriegs, welche
den Wagen ihres Gemahls, des Mars, regieret. Sie wird
mit gelben, mit Blut befprengten Haaren, und einer Peit
fche in der Hand abgebildet.
9. Hebe (i), die Göttin der Jugend, wurde anfangs,
wegen ihrer Schönheit zur Mundfchenfin des Jupiters bes
ſtellt; weil fie fi) aber einft fehr ungefchickt in ihrer Ver⸗
richtung bezeigfe, abgefezt — und endlich, da Herkules unter
die Östter verfegt wurde, an denfelben verheirathet. Man
ftellet fie vor mit Blumen befränget, mit einer golduen Trinfs
Schale in der Hand, wie fie den Göttern Neetar einfchenfer.
An ihre Stelle kam Ganymed.
u —— EEE ENTE TEN
9.
Klugheit errettet vom Tode.
in Tirann pflegte alle Fremde, die an feinen Hof ka—
men, zur Tafel zu bitten. Unter andern Speifen ließ er
ihnen dann einen gebratenen Fifch vorfezen , und alles fahe
genau drauf, ob der Fremde die eine Seite des Fiſches
aufzehrete, und ihn umwendete, um die andere auch zu eſ—
fen. Gefchahe dieß, fo wurde er nach drey Tagen umge-
bracht, und war ohne Rettung verlohren. Doc durfte
er , fein Leben ausgenommen, alle Tage etwas von dem
Tirannen bitten, das ihm nie abgefchlagen wurde. Diefer
Verſuchung unterlagen viele, und alle fanden ihren Tod.
Einft Fam an diefen Hof ein fremder Ritter mit feinem
Sohne. Jedermann empfieng fie mit Achtung — fie wurs
xx3 den
650 Drey und dreyßigſte Tarel.
den von des Tirannen Tafel geſpeißet und nen unter ans
bern ein gebratener Fiſch vorgeſezt. Beyde beten die eine
Seite ganz auf, und der Bater wendete ihn auf die atidere.
Kaum fahen dieß die Hofbedienten,, die eben fo grarfam
bachten, als ihr Herr , fo zeigten fie es an. Sogleich Fam
der Befehl , den Alten gefangen zu nehmen, und zu ber
gewoͤhnlichen Strafe zu verurtheilen. Der Sohn, voll
Betruͤbniß über das unglückfelige Schicffal feines Waters ,
bat, ſtatt feiner fterben zu dürfen, Es wurde ihm gewährt
— er ward gebunden, und fein Vater in Freyheit gefezt.
Da er nun wußte , daß er. fid) die drey Tage vor feinem
‚Tode dreyerle) Sachen ausbitten durfte, bat er fi am
erften Tage bie ältefte Tochter des Tirannen zur Gemahlin
aus — umd der Tirann , der an fein gegebenes Wort ges
bunden war, geftund es ihm zu. Am zweyten Tage bat er
um die Schäze des Tirannen. Auch diefe erhielt er, Er
vertheilte fie dann unter die Hofbedienten, machte fich diefe
geneigt und erwarb ſich ihre Sreundfchaft, Am dritten Tage
verlangte er, man folle jedem die Yugen ausftechen laffen,
der feinen Vater den Fiſch umwenden ſah. Nun wollte es
feiner gefehen haben, und fo fehr der Tirann nachforfchete,
fo fehr laͤugneten es alle. Die Tochter des Tirannen,
die ihren Mann liebte, fagte nenn : Man fann den Sohn
nicht umbringen, meil niemand feinem Vater den Zifch ums
menden fah. Der Tirann bemunberte die Weisheit des
Sünglings ; und da er ſah, daß feine Tochter ihm liebte, _
und daß er von allen Hofbedienten geehret wurde, ſezte er
ihn zum Erben feiner Länder ein, bie er nach feines
Schwiegervaterd Tod, auch ruhmvoll und weislich regierte,
a
Vier
84
Vier und dreyßigſte Tafel.
I,
Hiob.
S chon vor Moſis Zeiten, lebte in Arabien Hiob, ein
vornehmer, angefehener und reicher Mann. Er hatte
große Heerden Vieh, Gold und Silber, und viele Kinder,
Knechte und Maͤgde.
Er war ein frommer Mann, der in ſeinem irdiſchen
Gluͤck und Anſehen den lieben Gott nicht aus den Augen
ſezte — der nicht ſtolz und unbarmherzig wurde, wie die
Menſchen oft thun, wenn es ihnen wohl gehet. Er war
ein treuer Vater ſeiner Kinder, der fuͤr ſie betete — der
recht bekuͤmmert daruͤber war, wenn er befuͤrchtete, daß ſie
geſuͤndiget hatten — der ſie ermahnete, Gott um Vergebung
zu bitten und nach ſeinem Wohlgefallen zu leben.
Damit es aber nicht das Auſehen haben moͤchte, als
lebte Hiob nur darum fromm und tugendhaft, weil es ihm
ſtets wohlgieng, und er Reichthum und gute Tage genug
hatte, fo ließ es der liebe Gott geſchehen, daß allerley An—
gluͤck uͤber ihn kam, und ſeine Umſtaͤnde ploͤzlich die elende—
ſten wurden. Gott wollte zeigen, daß Hiob ein frommer
Mann bleiben wuͤrde, wenn es ihm auch in der Welt übe
gieng.
Eines Tages, da feine Kinder eben ein Gaftmahl anges
Kellt hatten , daben er felbft nicht zugegen war , befam er
eine ſchlimme Bothfchaft über die andere (b). Zuerft hief
as, die räuberifchen Araber hätten feine Kinder und Efel
24 wegge⸗
652 Pier und dreyßiafte Tafel.
mweggenommen, und die Hirten erfchlagen. — Bin anderer
Bothe berichtete gleich darauf , feine Schaafheerden nebft
den Hirten wären vom Blize getödtet und verbrannt wor—
den — der dritte fam und fagte, die Chaldaer haften ihm
alle feine Rameele geraubt, und die Hirten umgebracht —
und, indem diefer noch redete, Fam der vierdte und brachte
die ſchreckensvolle Nachricht, das Haug, worinn feine Kits
der vergnügt beyfammen gewefen, fey von einem heftigen
Sturme umgeſtuͤrzt, und habe fie alle zerfchmettert.
Als ein Menſch, und als ein Vater, der feine Kinder
zärtlich liebte, wurde er durch diefe hoͤchſt empfindlichen
Bothſchaften in die heftigfte Betrübniß geſetzt. Als er fi
aber aus derfelben wieder erholt, und fein Gemuͤthe beruhi-
get hatte, ergab er fih in den Willen Gottes und fagte:
Der Herr. hat es gegeben, der Herr hat es genommen!
‚der Name des Herrn fey gelober!
Nach diefen großen Wiverwartigkeiten befam Hiob an
feinem Leibe folche Krankheiten, Schmerzen und abfcheuliche
Dlagen, daß man fich Feinen elendern Menfchen denken kann,
als er war (a). Dazu kam noch, daß es ihm in dieſem
feinen unausfprechlichen Elende an mitleidigen Freunden fehl»
te, die ihn aufrichtig tröffeten — daß fein eigenes Weib (a)
ihn bereben wollte , das Vertrauen auf Gott, der ihm ia
nicht hülfe, wegzumerfen, und feiner Noth, feinem elenden
Leben felbft ein Ende zu machen. Seine nechfien Anver-
wandten vermehrten noch dadurch feine Duaalen , daß fie
ihm Schuld gaben, er habe bisher nur vor den Augen ber
Menfchen fromm gefchienen, heimlich aber fey er ein böfer
Mann geweſen; darum ſtrafe ihn Gott feiner Heucheley
wegen num sffentlih. O wie muß ihn diefes gefranftg ba-
ben, da er ſich feiner Verbrechen bewußt war ! Er geftand
e8 gerne, daß der Menfch in den Augen Gottes niemals
ohne Schuld und Fehler fen; aber ſtandhaft behauptete er,
daß
Hiob. 653
daß der alliwiffende Gott feine Unſchuld kenne; und daß er
feines bisher geführten Lebens wegen, ein gutes, freudiges
Gemiffen habe. Er that vor ihnen herrliche Befenntnife,
von feinem Glauben an die Größe, Gerechtigkeit, Allmacht
und Weisheit Gottes. Er führte verfchiedene Reden, dar
raus man lernen kann, wel ein wahrer Menfchenfreund
er immer gewefen. Er konnte mit gutem Gewiffen von fich
fagen : Von Tugend auf bin ich gegen ieden aut ges
finnt gewefen , wie ein Pater gegen feine Rinder,
Don meiner Rindbeit an babe ich gern den Nothlei—
denden geholfen, und gedienet. Ich aß mein Eſſen
nicht allein, ich ließ bungrige Waifen mit effen. Ich
babe Feinem Dienftboten unrecht gethban. Ich babe
Feinen gefchlagen und gequälet, weil ih mächtiger
als er war. Nein ich fürdhtete Gott, und that nichts
Böfes, um nicht feine Gnade zu verlieren. So beherzt
Eonnte ſich Hiob auf feine Unſchuld berufen !
Unterdeffen war er doc) in feinem Leiden und in der
Erdultung und Beurtheilung deffelben nicht ganz ohne Feh—
ler. — Auch er fühlte die fo tief eingewurzelten Schwach—
heiten der Menfchheit. — Da die Hize der Trübfalen zu—
nahm, wurde er auf einige Augenblicke ungedultig. — Oft
frat er in feinen Neden der Weisheit und Guͤte des Schs-
pfers zu nahe, und behauptete, daß Gott willfürlich nach
feiner bloffen Macht handele, und ſich gar nichts einreden
laffe, wie etwa ein flolger König, der nach niemand fragt
— oft gieng er auch in der Darfiellung feiner eignen Ge—
rechtigfeit zu weit.
Endlih , nachdem fein Leiden lange genug daurete,
legte fich Gott ins Mittel. Erſt redete er maieftätifch aus
einem Donnerwetter mit Hiob, und zeigte ihm, wie ſchwach
feine Einfichten waͤren, und wie er billig von der Weisheit
des Hschften edler hatte denken ſollen, als Daß er nur fa
&FS nach
Dh HE en
654. Dir und dreyßiafte Tafel.
nach Willführ, mit den Sterblichen handle. — Er follfe
nur erft die Werfe der Natur recht betrachten, wie weife fie
eingerichtet wären, und daraus die Weisheit Gottes recht
Eennen lernen , fo werde er dann von ihren Wegen ımd
Führungen mit den Menfchen nicht mehr fo blind urtheilen.
Dann redete er mit Hiobs Freunden, und verwieß
ihnen die ungereimten Vorwuͤrfe, die fie ihm gemacht; und
daß fie die Ehre der Vorſehung nicht beffer retten zu koͤnnen
geglaubt, als wenn fie fein Elend für eine Strafe gewiſſer
"perborgener Sünden, die er müffe begangen haben , aus—
gaben. Und um ihnen zu zeigen, daß fie noch lange nicht fo
fromm und gut waren, al® diefer fein Freund, wollte er
ihnen nicht eher ihren Fehler verzeihen , als bis Hiob für
fie gebetet hätte; da er ihnen dann um Hiobs willen Gnade
wiederfahren ließ,
Jezt war es noch darum zu thun, dem Leuten zu zeigen,
daß Hiob noch, wie vormals, wegen feiner Frömmigkeit bey
Gott in Önaden fiche, und daß das, was ihm boͤſes wies
derfahren, gar Fein Beweiß fey, daß Gott ihn verworfen
oder Boͤſes am ihm. gefunden habe, Er machte ihn alſo ges
find — gab ihm fein voriges Glück wieder — ia noch mehr
alg er vorher hatte. — Er bekam nieder Kinder, und ers
lebte von denfelden eine zahlreiche und begluͤckte Nachkom⸗
menfchaft — fo daß Fein glücfliherer Mann auf Erden als
Hiob war (ec).
So iſt es alfo auch an Hiob wahr worden , daß
denen die Gott lieben, alle Dinge, auch bie fraurigften,
sum Beften dienen, — Wer in der Trübfal Gedult
und Vertrauen 3u Gott behält, der wird zulezt
herrlich erretter , und mac) der Zuͤchtigung findet er
Gnade
BINLINLETE
Saͤumt
Saͤumt fie, meines Helferd Nechte
Stets noch? Werden meiner Nächte,
Meiner Leiden immer mehr?
Immer nieinee Threnen mehr ?
Nah’ ift meines Nelfers Rechte,
Zieht fie gleich mein Auge nicht:
Weiter hin im Thal dee Naͤchte
St mein Netter und fein Licht.
Ja — bort wird mir Gott begegnen,
Dorf wird mich fein Antliz fegnen:
Jezt, iezt iſt die Prüfungszeit; |
Set fey, Seele! ſtark zum Streit!
24
Abbildung einiger Tugenden.
Dr... Liebe, Hoffnung, Gedult und Standhaf
tigkeit befördern des Menfchen Erleuchtung, Glück und
Ruhe. An der Eeite diefer Gottesfräfte und Tugenden
blickt der Fromme in die Bücher der himmliſchen Geheim—
niffe — fühlt dag Glück des gefellfchaftlichen Lebens —
freut fich der Zukunft — wird unempfindlich für gegenwaͤr—
tige Schmerzen und unuͤberwindlich in der Wahrheit, im
Öuten.
Das Wefentlihe diefer Tugenden und ihren wahren
Reiz gleihfam fichtbar zur machen, wagte die Einbildungs-
fraft der Kuͤnſtler einige Abbildungen berfelden, Sie geben
dem Glauben der Chriffen (a) bald ein Kreuz und einen
Kelch, bald ein Evangeliumbuch in die Hand — aus dem«
felben zu erforfchen die Wege des Glaubens, die helfe
Bahn der erhabenften Erkenntniß und das Heil des Gehor—
ſams.
—
656- Vier und dreyßigſte Tafel.
ſams. Die Kiebe (b) ift mit Kindern umgeben — fie trägt
dag eine auf dem Arme, nahe an ihrer Bruft; und führt
das andere an der Hand, umd ihre Miene ift holdfelig. —
Die Hoffnung (ec) flüget fih auf einen Anfer — und es
Gebt die Augen gen Himmel, dem Vaterlande der Guten —
sol Erwartung der Schäze, welche der unendlich Gute fei-
nen Kindern zu geben verheiffen hat. — Sie geht gerade —
voll Gewißheit und Zuverfiht. — Die Gedult (d) —
von Laſten etwas gebeugt, fpricht fie dem Herzen Muth zu —
und erinnert fich an der Seite des Lammes, , aller guten
Eigenfchaften dieſes liebenstwürdigen Gefchöpfes — der
Folgſamkeit, des ſtillen Wefens, der willigen Ertragung alles
Widerwaͤrtigen. — Die Standbaftigfeit (e) An einer
unbeweglichen Seule gelehnt , die fo menig als fie ſelbſt
wanken kann, hält fie mit Entfchloffenheit und Heldenmuth
ihre Nechte, mit dem Schwerdte, über eine fenrige Glut —
und zittert, und klagt, und meicher nicht — und fingt;
Miterben * haltet an, und feht
Empor zum großen Lohne —
Denn nur durch unſre Feinde geht
Der Weg zu iener Krone.
Ob taufend auch zur Nechten euch
Zur. Linfen tanfend fänfen,
So finft doch nicht! Wird uns fein Reich
Der Kraft zum Streit gab, fchenfen,
Wenn mir darinn erliegen ?
ERITTR NE
3
Das traurige Schidfal des Calas.
Da Mord des Calas, der zu Toulouſe, einer Haupt⸗
ſtadt in Kanauedoc, den 9. Merz 1762, durch den Arm der
Gerechtigkeit verübet worden , iſt eine der fonderbarjten
Degebenheiten, die bie Aufmerkfamfeit unfers Zeitalters und
der Nachkommenſchaft verdienen. Man flieht aus derfelben,
mit Zittern und Erflaunen, mie weit eg mit einem Unſchul⸗
digen kommen kann, wenn derfelbe den Händen des Jrr-
thbums, der Leidenfchaft und des Fanatismus überliefert
wird — wie unerhoͤrt und fürchterlih fih Menfchenherzen
verhärten fönnen, wenn fie einmal taub gegen die Stimmen
der Wahrheit und der Menfchenliebe find.
Dean Ealas, acht und fechzig Jahre alt, trieb feit
vierzig jahren die Handlung zu Toulsufe, und wurde von
allen denen, die mit ihm gelebt haben, für einen guten
Vater gehalten. Er war ein Proteſtante, fo wie feine Frau
und Kinder, auffer einem, der jeine Religion abgeſchworen
hatte, und dem der Vater einen Fleinen Gehalt gab. Er
fhien fo weit entfernt von dem abgefchmaften Fanatiſmus
zu feyn, der alle Bande der Gefellfchaft zerreißt, daß er
feines Sohnes Louis Calas Religions » Aenderung billigte,
wenn er von der Wahrheit feines neuen Glaubens wirflich
überzeugt wäre; und daß er feit dreyßig Jahren eine fehr eif-
zigfatholifche Magd duldete, die alle feine Kinder erzogen hatte,
Einer der Söhne des Tean -Lalas , Mare Antoine,
hatte fiudire: man hielt ihn für einen unruhigen, finftern
und heftigen Menfchen, Da er ſich aber zur Handlung
sicht ſchickte, und auch nicht als Advocat zugelaffen wurde,
ib
658 | Vier und dreyßigſte Tafel.
ſo beſchloß er fein Leben zu endigen; gab dieß Vorhaben
felbft einem feiner Freunde zu verfichen, und bevefiigte fich
in feinem Entfchluße, indem er alles lag, was nur über den
Selbſtmord gefchrieben war,
Endlid) eines Tages, ba er fein Geld im Spiele ver-
lohren hatte, wehlte er denfelben zu Ausführung feines
Borhabens. Ein Freund von feiner Familie und ihm ſelbſt,
Namens Asvaiffe, ein iunger Menſch von neunzehn Jah—
ven, ber wegen feiner edlen und fanften Sitten bekannt
war, Sohn eines berühmten Advocaten zu Touloufe, Fam
denfelben Abend (den 12. October, 1761,) von Bourdeaux,
und fpeifte von ohngefehr bey dem Calas. Der Vater, die
Mutter, Marc Antoine, ihr altefier Sohn, Pierre, ihr
zweyter Sohn, fpeiften zufammen. Nach dem Eijen gieng
man in einen Fleinen Eaal; Marc Antoine verſchwand —
endlich gieng der iunge Lavaiſſe fort. Als er, und Pierre Ca:
las, der ihn begleitete, hinunter Famen, fanden fie unten,
bey einer Niederlage, den Marc Antoine an einer Ihu-
re hängen, und fein Kleid auf dem Tiſche liegen. Sein
Hemde war nicht einmal in Unordnung, feine Haare fehr
ordentlic), und an feinem Leibe fand man nicht die gering»
fie Spur einee Wunde oder eines Schlageg.
Man kann fi den Schmerz, bie Verzweiflung und
das Gefihrey des Taterd und der Mutter und der ganzen
Samilie über diefen unvermutheten Auftritt vorfielen. —
Lavaiſſe und Pierre Calas, auffer ſich ſelbſt, liefen nad)
MWundarzten und den Gerichten — und auf das Heulen und
Wehklagen verfammelte fi) dag Volk von Touloufe um das.
Haus. Das Volk ift aberglaubifch und höchft ungefiümm —
es ficht feine Brüder, die nicht- von feiner Religion find ,
für Ungeheuer an — und eg währte nicht lange, fo fchrieen
ſchwaͤrmeriſche Köpfe unter dem Volke, Jean Calas babe,
feinen eignen Sohn Marc Antoine gebhangen, weil er den
nechiien
Hiob. 059
nechften Morgen zur Eatholifchen Neligion übergehen wollte.
Die Geſchrey Fam bald zu den Ohren der Richter — und
Calas mit feiner Familie, die Fatholifhe Magd und Las
vaiſſe wurden in Ketten und Banden gelegt.
Inzwiſchen wurde der Selbſtmoͤrder, Marc Antoine
alas, als ein Märtyrer, mit großer Bracht begraben.
Das ganze Volk ſah ihn als einen Heiligen an — meil fie
derauf bejiunden, feine Familie babe ihn aus Neligiong-
Haß ermordet. — Einige rufften iin an — andere beteten
auf feinem Gtabe — wieder andere forderten Wunder von
ibm. — und nody andere erzehlten ſchon einige, die gefchee
hen waren.
Dieß alles zufammen genommen, machte unter dem
Volke und den Nichtern eine große Gaͤhrung. Man be-
fchleunigte die DVerurtheilung diefer Unglücklichen, wegen
der Annäherung des befondern Feſtes, welches von ben Tou—
loufern iährlich zum Andenken einer Niedermezelung vor
4000 Hugenotten gefeyert wird. Das Fahr 1762. war die
hunsertiährige Subelfeyger — und man glaubte, daß dag
Schaffot, auf dem die Calas foliten ermordet werden, bie
größte Zierde des Feſtes feyn würde. Denn lange beftund
der größte Theil der Richter darauf, den Sean Calas,
feinen Sohn und den Pavaiffe zum Nade, und die Frau deg
Sean Calas zum Scheiterhaufen zu verdammen,
Zwar fprachen einige von den Nichtern fehr lebhaft
fuͤr das Beſte dieſer ungluͤcklichen Familie. — Es ſchien
auch ganz unmoͤglich, daß Jean Calas, ein Greis von
acht und ſechzig Jahren; der ſchon ſeit langer Zeit geſchwol⸗
lene und ſchwache Füße hatte, einen Sohn von acht und
zwanzig Sahren, der überdieß mehr als gewöhnliche Leibeg-
fräfte befaß, allein hätte follen erdroßeln und aufhängen
fönnen. — Es war unumgänglich norhmwendig, daß ihm
feine, Frau , fein Schr, Pierre Calas, CLavaiſſe und die‘
| Mage
. 660 Bier und dreyßigſte Tafel.
Magd bey der That müßten beygeftanden haben. Sie hat:
ton einander an dem Abende vor -diefer unglücklichen Bege—
benheit, auch nicht einen Augenblick verlaffen. Aber diefe
Vorausfezung mar eben fo abgefchmadt, als iene. Wie
würde eg eine eifrig Fatholifche Magd haben zulaffen Fön-
nen, daß Hugenotten einen inngen Menfchen, den fie erzos
gen hatte, zur Strafe für die Neigung zu der Religion bie:
fer Magd, hätten ermorden dürfen ? Wie hätte eg dem La—
vaiffe einfallen follen, ausdrüclid, von Bourdeaur zu kom—
men, um feinen Freund zu erwuͤrgen, von deſſen vorgege—
bener Befehrung er nichts wußte? Wie hätte eine zärtliche
Mutter die Hände an ihren Sohn legen Finnen ? Wie
hätten Alle Hände an ihren Sohn, Freund und Bruder les
gen Finnen ? Wie hätten alle zufanmen einen iungen Mann,
der fo ſtark, alg fie alle zufammen war, ohne einen langen
und heftigen Kampf, ohne ein ſchreckliches Gefchrey, welches
die ganze Nachbarfchaft herbey gerufen hätte, ohne wieder:
holte Schläge, ohne Wunden, ohne zerriffene Kleider er»
droſſeln fönnen ?
Es fallt in die Augen, daß, wenn ein Mord hätte be—
gangen werden können, alle Beklagte gleich fchuldig hätten
feyn müffen, weil fie einander nicht einen Augenblick verlaf-
fen hatten : es fällt in die Augen, daß fie es nicht waren—
daß der Vatter allein es nicht feyn konnte — und doch
ward zu Touloufe das Urtheil gefällt, den Vater auf dem
Rade fterben zu laſſen, die Mutter und den Sohn zu ver
bannen, die Töchter aber in ein Klofter zu fperren.
Man ſtelle fih das Entfegen diefer Familie vor, da
ihr dieß Aufferft übereilte und auf allen Seiten widerſprech—
ende Urtheil befannt gemacht wurde. — Die Todesqualen,
in iener ſchauervollen Stunde — in welcher der ehrwuͤrdige
Mater aus dem Gefängniße zum Tode geführt wurde. —
Das Händeringen des Sohnes und des Freundes — ber
Toͤchter,
Diobean mim 661
Toͤchter, die Ohnmacht der Mutter — die Beklemmung
ſo vieler Herzen — das Seufzen aller Rechtſchaffenen. —
Seht ihn, auf der Tafel, wie ihm die Feſſeln abgenom⸗
men werden, um ſeine Gebeine dem Zerſchmetterer derſelten
zu uͤbergeben. Seht, fuͤhlt ſeinen Abſchied —
Gott ſtaͤrkte ihn, daß er mit maieſtaͤtiſcher Stands
haftigkeit, die ee. ſchon vorher, auch unter den Qualen
der Folter bewieß, zum. Tode gehen Eounte, Als er den
ungluͤcklichen Wagen beſtieg, ſagte er zum Volke: Ich
bin unſchuldig! Indem er vor ſeinem Quartiere vorbey⸗
gebracht wurde, gruͤßte er Jedermann, den er kannte.
Ehe der Henker ſein Amt verrichtete, nahete ſich der Pater
Bourges, umarmte und druͤckte ihn in ſeine Arme, und
fagie : Mein lieber Bruder, Ihr habs noch einen Augene
blick zu leben. Den dem Gott, den Ihr anbetet, auf
den Ihr hoffe, und der für Euch geſtorben ift, beſchwoͤ⸗
re ich Euch), der Wahrheit die Ehre zu geben ! Ich has
be fie gefagt, verſezte Lalss, und bob feine Augen gen
Himmel. Hierauf warf er auf diefen Geifilichen einen
Blick des Erſtaunens und der Zärtlichkeit ; Wie, fagte cry
auch Sie Fönnen glauben, daß ein Vater jeinen Sobn
babe umbringen Fönnen ? Hierauf erhob der Henter
auf ihn fein fchredliches Eifen. Bey diefem Anblicke
‚„fchauderte das ganze Volk; ieder Echläg, der den Calas
traf, toͤnte im Grunde der Seelen wieder, und Threuen⸗
ſtroͤme ſtuͤrzten, wiewohl zu ſpaͤt, aus aller Augen.
Der erſte Schlag entriß dem Leidenden einen ſehr
maͤßigen Schrey: die andern erhielt er ohne die geringſte
Klage. Als man ihn hierauf aufs Kad gelegt, beiste er
aufs neue ju Gott, und flehte ihn alt) einen Richtern ſei⸗
nen Tod nicht zuzurechnen; erhob fich duch ſeine eignen
Leiden zu den erhabenſten Tetrachtungen, und. rief dem Pa⸗
3 Bohrges die ruͤhrenden TU orte u; Ich Nerbe, un
a ya» ſchul⸗
662 Vier und breyßigſte Tafel.
fhuldig — Jeſus Ebriftus, die Unſchuld felbft, ſtarb
nod einer grauiamern Totesftrafe — Gott ſtraft an
mir die Sünde des Unglüdlichen, der ſich felbfi hin
gerichter — er ſtraft ihn an jeinem Bruder und an
meiner Stau — er ift gerecht, und ich bete ihn :n
feinen Zuͤchtigungen an. — Aber der iunge Sremdlina,
dem ich eine Ehre zu erzeigen glaubte ‚indem ich ihn
Abends zu Tiſche bat; diefer gute Tüngling, der
Soͤhn des Herrn Lavaiſſe, wie bat ibn die Vorfe
bung mit in mein Ungluͤck verwideln können ? Su
dem er noch redete, fiärzte fich der Kapitoul David, der
vornehmſte unter den unerbittlihen Nichtern des Calas,
zu dem Schaffot hin; und fchriee, um fein Werk zu troͤ—
rien : Boͤſewicht, fieheft du den Scheiterhäufen, der bald
deinen Leid zu Afche verbrennen fol ? Rebe die Wahrheit!
Statt allee Antwort, kehrte Calas mit vieler Mühe feinen
Kopf weg, und fah den Henker an: dieſer ſchlug, und
ber Unſchuldige gab feinen Geiſt Auf.
Nun wurde zwar auf das Nuffen diefer unglücklichen,
verwaiſten Familie, und vieler mitleidigen Menfchenfreuns
de, das durch ganz Frankreich; und bis zu den Thron des
Koͤniges drang — und dürch forgfältige Unterfuchung bier
ſes unerhoͤrten Proceffes, von den größten Gelehrten und
Staatsmaͤnnern, Lalas und feine Familie, unfchuldig er-
klaͤrt, und bewiefen, daß das Parlament zu Toulouſe unges
techt und gemwältfam richtete. — Man fprady dag Anden,
fen ded guten Calas von aller Schuld frey. — Man ers
läubte dee Familie, ihre Gerechtfame meiter zu fuchen,
Advocaten anzunehmen, und von den ZTouloufer Richtern,
die Unkoſten, die Schadloshaltüng fanit den Intereſſen wie»
der zu fordern. — Der König felbft ließ der Mutter und
den Kindern fech®- und drevfig taufend Livres auszahlen ,
wovon die tugendhafte Magd, die in Vertheibigung ihrer
Herr⸗
Hiob. 663
Herrſchaft die Wahrheit ſtandhaft bezeuget hatte, drey
tauſend Livres erhielt. — Die ganze Familie gewann das
Mitleiden, die Liebe und Achtung von ganz Europa. — —
Aber — wer gab derfelben den guien Vater wieder? eg
wiſcht diefen Schandfieck aus der Gefhichte der Menſch⸗
beit ?
SIIREITRSITE
4.
Freude und Traurigkeit.
Elementarw. Tab. XXVII, . 2.
Sreuse und Traurigkeit folgen im menfchlichen Leben
gemeiniglich ftets auf einander: ie find heiljume After:
‚ten, wenn ihnen bie Vernunft Maaß und Ziel vorſchreibt —
aber graufame Feinde, wenn fie daßelbe überfihreiten.
Seht (a) ein in den Hafen anfommendes Sciff.
Der Mann; der dag Schnupfiuc wie eine Fahne wehen
läßt, hatte mit feiner Frau die Abrede genommen, daß er
es thun wollte, damit fie ihn, wenn fie bey feiner Ins
kunft am Ufer wäre, deſto früher entdecken möchte Der
Abſchied war traurig geweſen, denn fie liebten fich fehr.
Nun aber hatte er gifchrieben, er wuͤrde bald zuruͤcke kom⸗
men. Dir Frau hoffte alfo ieden Tag; ihren gelichten Mann
wieder zu fehen ; aber diefe Hoffnung blieb anfangs fein
Affect; ſondern ihr Gemuͤth Fam einige Zeit nach der Durchs
lefung des Briefes wieder in Rühe. Sobald fie aber hör
te, es nähere fi dem Hafen ein Schiff; verſaͤumte ſie oft
viele noͤthige Gefchäfte; und eilte mit Unruhe zum Hafen,
ob fie gleich von ferne ſehen konnte ; das Schiff würde noch
in einigen Stunden nicht landen: Oft mar fie vergeben
| 9,3 und
664 Pier und dreyßigſte Tafel.
und allein. hingesangen ; test hatte fie ein. paar Fremde
mitgenommen — fie fah dag Schnupftuch — ta ward aus
Hofſnung Freude, eine Affectvolle Freude; denn fie ward
dadnrch fo unvorſichtig, bag fie beynahe in das Waſſer ge⸗
fallen waͤre.
Seht ihr (6) bie Leiche eines verfiorbenen Menſchen,
innerhalb des Cabinets im Sarge liegen? Die zur Linken
am Tiſche iſt die Witwe. Ihr ſeht an derſelben offenbare
Zeichen einer bis zum Afſecte angewachſenen Traurigkeit.
Dun denkt ſie nur, was fie verlohren; nicht, mas ſie be—
halten hat. Nun glaubt ſie, daß ſie allezeit Witwe, und
allezeit traurig bleiben werde; und kann ſich der vielfälti«
gen Erfahrungen des Gegentheils nicht erinnern, oder ſie
nicht lebhaft denken, nicht auf ſich ſelbſt anwenden.
Nun glaubt fie, daß ihr in dem Reſte ihres Lebens lauter
Hebel bevorſtehe. Eine Freundinn iſt gekommen fie zu troͤ⸗
ſten: eine verſtaͤndige Freundinn, der fie ſonſt zu glauben
pflegte : aber. die Witwe iſt im Affecte; der Troſt kann ale
fo anfangs nur wenig ausrichten. - Selbſt das Mitleiden
dieſer Freundinn fcheint fchon Affect geworden zu feyn.
Auch der dabey flehende Knabe iſt in einer affectvollen
Furcht vor dem Hunde. Er kann ſich nicht beſinnen, daß
ſolche Huͤndchen ihn nie gebiſſen haben. Er wuͤrde, ihm
zu entgehn, vielleicht unvorſichtig gnug ſeyn, von einer
Treppe herunter zu flürgen; weiches dad) ein weit groͤſſe⸗
ces Uebel ift, als der Hund ihn zufügen Fann.. Durch
den Affect des Ekels und Abfcheues iſt der andere Knabe
beunruhiget, ber auf dem Schooße feiner Waͤrterinn Arz⸗
ney nehmen fol. Er denkt an nichts, als an den bittern
Geſchmack; nicht aber an den Schmerz; und Verdruff der
Krankheit , der durch diefes bittere Huͤlfsmittel fol vers
trieben werben. bi
F Ss
Hiob. 665
So raubt dag Uebermaaß biefer und dhnlider Ge
muͤthsbewegungen dem Verſtande, den innen, den
Sitten und dem ganzen Leben der Drenfchen, Kraft, Wahrs
heit, Neinigfeit und Dauer; indem Gemüthsruhe und Y7AF
figfeit diefe Schäje des Gemuͤths ſammlen, vermehren und
verwahren helfen.
Te un ZEN NEST
5,
Der Elevhant. Das Nafenhorm,
N. Elephant (A) ift dag größfe unter allen Landthie-
sen. Er erreicht oft eine Höhe von ſechs, und eine Laͤn⸗
ge von fünf Ellen, und halt fih in den heiffen Gegenden
von Alten und Africa auf. Er hat einen großen Kopf,
lange und diefe Ohren, einen hängenden Bauch, gekeuͤmm⸗
ten Nücden , und dicke unfoͤrmliche Süße, welche über ei—
nen Fuß did find. Das fonderdaifte an ihm find feine
Stafe und feine Zähne. Seine Nafe ift fo dick imd Lang,
daß fie die Erde berühret, und wird der Air genannt.
Er iſt hohl wie eine Roͤhre, laͤſſet fi) biege: und bewes
gen, ausſtrecken und wieder einziehen , und beizt eine füls
che Stärke, daß ber Elephant mit beinfelben Baume aus—
zeiffen und geoße Lafien von ber Erde aufheben Fann. Dies
fe Nafe it für den Elephanten das müzlichfie Glied, weil
es ihm nich: nur ſtatt der Hände und Arme, ſondern auch
fintt des Halfes diene. Sein eigentliher Hals iſt ſo did
und ſteif, daß er ihn nicht bewegen kann, daher er fein.
Futter vermittelft feines Nüßels fuchen und zum Munde
bringen muß. inter dem Nüßel, nicht weit von dee
Bruſt, fie dag Maul, und über beisfelben in ber Kinn⸗
293 lade
666 Vier und dreyßigſte Tafel.
lade bat er, zwey lange große Hunds aͤhne, welche oft
drey Ellen lang find, und im zu feiner Vertheidigung
dienen, Die Elephanten haben eine fehr dicke runzeliche
Haut, melde mehrentheils ſchwarz von Farbe ift, und
von feiner Büchfenfugel durchdrungen werden kann. Ban
. hat geglaubt, dag er in feinen Fuͤſſen Feine Gelenke habe;
allein mau bat fich geirret. Er ift fo ſchnell, wenn er
will, daß ihn Fein Pferd einholen Fann; ob er fich gleich
nur felten fo fehr angreift, vermuthlich , weil ihm bey
feinem großen Körper das Laufen zu befhmwerlich fällt.
Es ift eine befontere Wohlya der "orchung, baf
diefes ungeheure Gefehöpfe zu juiner Nahrunz Fein Zleiſch,
fondern blos Gras und Blätter braucht, Haͤtte er Fleiſch
nöthig, wie viele Thiere würden nicht erjorbert werden ,
feinen Wanft täglich zu füllen, zumal da die Ele; hanten in
Afien und Africa in großen Heerden, die oft einige hun—⸗
dert ſtark find, herumziehen. Gras ift jeine vornehmſte
Nahrung, und wenn er fein Gras hat, Blätter, S.ohr ,
Binfen und allerley Seldfruchte. Im Sale der Roth kann
er auch acht bis zehn Tage Hunger leiden, Gin anderes
Gluͤck für die Nachbarn der Elephanten iſt es, daß fie
nicht wild oder graufam find, indem fie niemanden einigen
Schaben thin, wenn man fie nicht vorher beieidiget, Die
Mohren gehen daher ohne Sucht, durch ganze Heerben von
Elephanten hindurch, ohne von Ihnen beſchaͤdiget zu wer⸗
den. Doc find fie ein wenig toͤlpiſch, und wenn ihnen
die Mohren nicht ſorgfaͤltig aus dem Wege geben, ſo
werden fie von ihnen zu Boden gefreten, fp wie wir etwa
einen Käfer , oder eine Schnecke zu gertreten pflegen. Zu—
teilen ftoßen die Elephanten auf ihrem Wege des Nachts
auf die Doͤrfer der Mohren, welche aus Heinen elenden
Hütten befiehen ; und alsdenn find fie fo ungeſchickt, bag
fie
Hiob. 667
fie alle Hätten, die ihnen unter die Füße fommen, wie
Schneckenhaͤuſſer niedertreten, oder umftoßen.
Der Elephant erreicht gemeiniglich ein Alter von 150
Jahren, und mit dem Alter nimmt auch ſeine Schoͤnheit
zu. Die vorhin gedachten Hundszaͤhne liefern ung das
ſchoͤne Elfenbein, und da der Elephant fie alle drey Jahre
zu verlieren, und neue zu befommen pflegt, fo ift bieß
die Urfüche, daß das Elfenbein bey ung nicht theuer ift.
Der Elephant ift ven Natur il und verträglig. Cr
beleidiget niemanden ; aber er will auch von niemanden ber
leidiget feyn. Bringt man ihn in Wuth, fo ift.er ein
fehr furchtbarer Feind. Wenn er einem Menſchen begeg-
net, und diefer ihn nicht beleidiget, fo feget er feinen Weg
fort, ohne fi) um ihn zu befümmern. Iſt er eben bey
guter Laune, fo hebet er ihn zumeilen behutfam mit feinem
Küfel auf, halt ihn einige Minuten lang in bie Höhe,
und fezt ihn fäuberlicy wieder auf die Erde.
So groß und ungeſchickt der Elephant if, fo gelehrig und
fünftlich ift er, menn er iung gefangen, und zahm ge
macht worden. Er hebt mit feinem Nüffel die kleinſten
GSoldſtuͤcke von der Erde auf, pflücket Blumen und Kraͤu⸗
ter damit ab, und fuchet eine verlangte Blume unter einer
anfehnlichen Menge aus — er löfet von Stricfen gemachte
knoten auf, oͤffnet und verfchlieft die Thuͤren durch Um⸗
srehen der Schlüffel, und bewegt fogar durch Huͤlfe deffels
ben ziemlich fchwere und große Körper. Er reißt damit
mittelmäßige Bäume, nebft der ganzen Wurzel aus der
Erde, und fchlägt dem größten Pferde die Beine entzwey.
In Dflindien hat man eine Menge zabmer Elephan⸗
ten, wo man fie flatt der Pferde und Ochſen gebraucht.
Die großen Herren in Dftindien halten fie zum Staate,
Yy 4 und
668 Vier und dreyßigſte Tafel. i
amd wenn die Fuͤrſten fremden Gefandten Uydienz geben y
fo fommen fie mebhrentheils auf einem gepusten Elephanten
in den Zubienzfaal geritten, um fich ein deffo größeres
Anſehen zu geben. kan braucht fie auch im Kriege , fo
wie man bey ung bie Gavallerie braucht. Man fehnallet
alsdann dem Elephanten große hölzerne Thuͤrne auf den
Ruͤcken, welche ehedem wohl mit dreyfig Soldaten befezt
wurden, die diefes TIhier fragen mußte. Oft braucht man
die Elephanten auch flatt der Scharfrichter ; man gräbet
alsdann den Verbrecher bis an die Schulter in die Erde,
und der Elephant fchlägt ihm mit feinem Nüffel oder mit
dem Fuße den Kopf hesimter. Kurz, man fann mit dem
zahmen KElephanten "alles machen , und fie werben fo ge-
ſchickt, daß fie auch mit ihrem Küffel ein Glas Wein aus:
£rinfen lernen , ohne das Glas zu zerbrechen.
Das Rhinoceros, oder Naſenhorn (B) bat feinen
Namen von dem dichten, Fegelförmigen und etwas zurüc-
gebogenen Horne, das ſich auf. deſſen Nafe befinder.
Diefes Thier iſt nad) dem Elephanten, dem es auch faft
an der Fänge, nur nicht in der Höhe gleich kommt, dag
größte Landthier. Es hat eine Schnauze, die wie ber
Ruͤſſel eines Schweins gefaltet, nur am Ende fpisiger if,
fleine Augen, welche fehr nahe bey der Nafe liegen, lange,
aufreht flehende Ohren, und eine fehr dicke, runzlige,
faſt nackte Haut, welche dag Anſehen hat, ale ob fie übers
Kreuz und in die Duere mit eitem Meffer geferbt märe.
Die Farbe der Haut ift ſchmußig afchgrau oder fhwärzlich,
doch unter den Salten roͤthlich. Der Schwanz iſt kurz und
etwas haaricht.
Main findet dieſes Thier ſowohl in Aſien, als auch in
Africa. Das afrikanifche hat nur ein einziges Horn auf der
Nafe, welches ohngefehr einen auch zwey Schuh lang ifl.
Das
Hiob. 669
Das afiatifche Nafenhorn aber , welches fonft von dem
efricanifchen faſt in nicht? unterfchieden ift, führt zwey
Horner auf der Nafe, wovon das hinterfte Eleiner als das
voͤrderſte iſt. Diefe TIhiere follen faft fünf und zwanzig
Jahre zu ihrem Wachsthum noͤthig haben, und ihr Alter auf
150. Jahre bringen. Shre Länge von der Spije der
Schnauze bis an den Anfang des Schwanzes, , beträgt
wenigſtens zwölf Schuh, und ihre Höhe fehs bis fieben
Schub. Sie find zwar fehr wild, aber weder grimmig
noch fleifchfreffend. Sie befchädigen die Menfchen nicht,
wofern fie nicht von ihnen beleidiget werden. Geſchieht
aber diefes, oder erblicken fie einen Menfchen in einem
rothen Kleide, fo rennen fie mit voller Wuth auf ihn Iss,
und fiogen alles zu Boden, was ihnen in ben Weg kommt.
Henn fie ihren Gegner eingeholt haben, fo packen fie ihn
gemeiniglich mit ihrem Horne bey der Mitte des Leibes an,
und fchleudern ihn mit einer folchen Gewalt über den Kopf,
daß er meiſtentheils durch die Heftigfeit des Falles getoͤdtet
wird. Man Fann ihnen aber, ohngeachtet fie fehr ſchnell
find, ohne viele Mühe entgehen, wenn man nehmlid),
fobald fie fih bis auf einige Schritte genäahert haben, bes
ſtaͤndig zur Seite ausweicht, weil fie ſich nicht anders,
als mit großer Befchwerlichkeit menden Finnen. Mit
Slintenfugeln, Wurffpießen und Säbeln richtet man nicht
viel gegen fie aus. Ihre Haut iſt fo ftarf , daß die bley-
einen Slintenfugeln davon abyprallen, und die eifernen nicht
völlig durchdringen. Die einzigen Stellen, wo man fie
durch Hülfe diefer Waffen gefährlich verwunden kann, find
der Bauch, die Augen und die Gegend um die Ohren.
Das Fleiſch diefer TIhiere wird von den Indianern für eine
angenehme Speife, und das Horn, ingleichen, faft alle
übrige Theile für ein Fräftiges Mittel wider Vergiftung
und verfchiedene andere Krankheiten gehalten. Die Haut
95 giebt
6:0 Vier und dreykigfte Tafel.
giebt dag befie und härtefte Leber, das man nur in der Welt
fiiden kann.
Auſſer dem Nafenhorne wird von den ältern Schrift,
fiellern noch eines andern vierfüfligen Thieres gedacht,
das nur ein einziges Horn und zwar nicht auf der Nafe,
fordern auf ver Stirne führen fol. Allein den neuern
Naturforichern iſis noch nicht geglückt ein ſolches vierfüßiges
Einhorn ausfindig zu machen, daher deffen Mirftichkeit
heut zu Tage mit Necht in Zmeifel gezogen wird.
6, | |
D Der Drechsler. Der Kammacher.
F
⸗as Elfenbein, oder die Elephantenzaͤhne werden ges
woͤhnlich von den Drechslern und Kammachern bearbeitet.
Der Drechsler oder Dreher (A) bedienet fich zur
Bearbeitung des Eifenbeins , des Holzes , der Metalle,
der Knochen, des Horns und anderer Materialien vors
nehmlich der Drechfelbanf oder Drebbanf. Es gehöret
zu berfelden : der Vordertheil, woran ber Hfeiler, die
Pinne, der Reitſtock, bie Armſchiene und das Löcherhol; —
die Wippe, oder fehlanfe elafiifche Stange, der Do
ckenſtock, die Spindel, die Schnur, Ver Schraube
ſtock, die Banf mit der Ruͤckenlehne. Er bevefliget,
zwiſchen den beyden Docken cber Reitſtoͤcken einen ivale
zenförmigen Körper, und ſchlingt um denfelben die Schnur,
die unten an dem Sußtritte, und oben an dem Ende ber
Mippe veft if. Schiebt er nun den Fußtritt, und zieht
er zugleich die Schnur , und dag eine Ende der Wippe
herunter, fo wird auch eben dadurch der ven ber Schnur
umfchlungene Körper herumgebreht, an welchen er allerley
ſcharfe
Hivb. 671
fcharfe Eifen , die mit Griffen verfehen find , anhält,
und wovon er rund umher auf folche Weiſe Späne ab»
fhabet. Einige dieſer Drechfeleifen ftecfen da an der
Band , und heiffen der Meiſſel, die Aohre zum Aus
böhlen , das Hohleifen zu erhabnen Nündungen , 049
Bohreiſen zum Ausbohren, Das Schraubeneiſen, mit
deſſen einem Ende man die äuffern Schraubengänge an einer
Schraube , und mit deffen andern Ende man die Gange
der innern Schraubenmutter, welche man um die äuffern
Gänge drehen fann, herausdrechſelt. Mit dem Taſter—
sirfel unterſucht man die beſtimmte Dicke der gedrechſelten
Koͤrper. Die aus Hol; gebrechfelten Waaren werden mit
Spänen, mit Schafthalm, und mit ber fcharfen Haut vom
Rochenfiſch polirt, zumeilen mit etwas eindringenden Far
ben gebeizt, oder nur mit fchwarzen Ningeln geziert, welche
ter Drechsler nermittelft eines an ihnen beffig gericbenen
Holzes herumzieht. Die Kunſtdrechsler fönnen nicht nur
fraisförmige Ruͤndungen und Kugeln mächen, fondern auc)
auf Sigurbänfen vielfeitige eyförmige Figuren und halb
erhobene Bilder drechfeln. Die Waaren felbft ſowohl
der gemeinen als der Kunſtdrechsler, find von fo unende
licher Verſchiedenheit, daß fie nicht alle Eönnen beſtimmt
werden. Die gewoͤhnlichſten find : Seulen, Geftelle,
Füge, Spinnraͤder, Hafpel, Seuerfprien, Kugeln, Kegel,
Stöcke, Nolen, Schrauben, Dofen, Nöhren, Knoͤpfe,
Vuͤchſen u. dergl.
Der Kammacher (B) macht aus Horn, Elfenbein
und Schildfröten - Schaalen allerley Arten von Raͤmmen;
vornehmlich Haar» Frunme» Chignon » Frifir- und Staub«
fänme. Er zerfiücht nehmlich dag Horn oder den Elephan-
tenzahn, nach ber Dide in Schrote oder Rlöze. Diefe
Klöze werden alsdenn der Länge nach, in duͤnne Tafeln
öber Platten zerfchnitten, biefelben an ber Zabnfeite ge
ſchaͤrft,
672 Dier und dreyßigſte Tafel.
ſchaͤrft, und in die Bluppe gefpannt ; Dann fchneibet er
auf beyden Seiten der Platte, mit dem Schneideeifen
oder Kumpel die Zähne aus. Diefe Zähne werden als—
denn mit einer Meſſerfeile gefpist, und endlich mit einem
dandmeſſer gefcehabet und mit einem Filztuche glatt geries
ben. Zu allen diefen Arbeiten braucht der Kammacher die
Schrot⸗ und Ö©erter: Säge, den Schraubſtock und
die Aluppen, das Behau- und Schabmeffer, die Be
ſtoß⸗ Horn +» Pfropf: und Spisfeile, und die Silsgeige
zum Poliren.
nn GT TE
—
Der abgebrannte Bauer.
Dr feindlichen Gefchick zum Truz
Mach felbft das Unglüd Dir gu Nuz!
Bey einen flarfen Winterfroft ,
ind bey geringer fchmaler Soft,
Behalf ein armer Bauer fi
Gar eiend, und gar iämmerlich.
Dem ward von Bofewichtes Hand
Sein Heines Häuschen ungebrannt.
Er lief hinaus — Die helle Glut
Rahm überhand. Der Nachbarn Muth
Half ihm zwar treulich; doch zulezt
Ward alles Loͤſchen ausgeſezt,
Da bey ſtets wachſender Gefahr
Das Haus nicht mehr zu retten war.
Der Bauer ſah hierauf in Ruh
Den ſchoͤnen hellen Flammen zu;
ERSTER
Treat
Hiob. 673
Trat näher, und hub lächen!d an:
Kans ich nicht Isfhen , nun mohlen !
‚Sp will ich , ohne mich zu haͤrmen,
Mih an dem Feuer doch noch marmen !
Rn En HLNNELGRÄL LER
8.
Die Grazien. Die Surien.
Su dem Gefolge der Venus gehoͤren die Grazien (a);
welche auch Huldgoͤttinnen und Charitinnen heiffen. Sie
waren Jupiter Töchter, und Goͤttinnen der Wohlthaten,
der Unnehmlichfeit und Dankbarkeit. Ohne fie war nicht
anmuthig und gefällig — fie eribeilten den Menfchen die
Sreundlichfeit, das- aufgeräumte Wefen, die Holdfeligfeit
und Gefprächigfeit. Man hat in der neuern Dichtkunſt
ihre Zahl auf drey eingefchrenft, ihnen auch griechiſche
Namen gegeben, Aglaia, Thalia und Euphroſine, wel«
he das Schöne, dag Mimtere und Lebhafte, das Erfreit
ende bedeuten. Man bildet fie als nadende, ſchoͤne,
wohlgewachſene, laͤchelnde Zungfrauen, die einander an⸗
faſſen, und ſingend tanzen..
Die goͤttliche Rache, und die Unruhe des boͤſen Ge—
wiſſens ſuchten die Alten unter der Fabel von den Fu—
rien (b) deutlich und fehreclih zu machen. Sie waren
Kinder der Nacht und der Holle, Strafaöttinnen, wel⸗
che bieienigen nach Verdienſt peinigten, die etwas Boͤſes
begangen, und ſich mit den Goͤttern nicht verſoͤhnt hatten.
Die Götter brauchten fie auch, die Menſchen mit Krieg,
mit der Peſt und andern Plagen heimzuſuchen — und eg
fheint, daß ſolche dergeftalt unter fie vertheilt geweſen,
dag Alecto den Kriegl, und Tiſiphone die anſteckenden
Seuchen
674 Dier und Dreyfigfte Tafel.
\
Seuchen zu erregen und zu befordern hatte ; Megara
aber gebraucht murbe, wenn iemand zum Tode follte ges
bracht werden. Ihre eifernen Betten hatten fie im Eins
gange der Hide fiehen ; fonft aber befanden fie fich ſelbſt
in dem Tartarus, mo fie die Verdammten quälten , und
unter andern bergeftalt mit ihren Schlangenpeitfchen auf
fie zufchlugen, daß man es weit bören fonnte. Sie wa—
ven daher auch alkezeit nüchtern , um Jupiters Befehle und
Rache augenblicklich ausüben zu Fünnen. Cie werden ge
bildet als fürchterlich ausjehende Weibsperfonen mir Schlan«
gen um den Kopf, flatt der Haare — mit einer brennen-
den Fackel in der einen Hand, und in der andein mit
einer Peitſche von Schlangen.
— RA ENELETELEER
9.
Gutherzige Leichtglaͤubigkeit.
As durch eigenes Verſchulden, durch Unvorfichtigkeit,
Einfall und Keichigiaubigfeit Fann der Menſch in manchers
ley Unglück, Angſt und Elend gerathen.
Ein thaldäifher Bauer führte eine Ziege nach der
Stadt Bagdad, Er ritte auf einem Efel, und die Ziege
folgte ihm mit einer Schelle an. ihrem Halſe. ch werde,
fagte er ben fich ſelbſt, dieſes Thier für dreykig Silber⸗
ftüce verkaufen: Für dieß kann ich mir einen neuen Zur:
ban und ein ſchoͤnes Kleid son Taffent Kaufen, das ich mit
einem purpurnen Guͤrtel von Seide binden will. Dann
werden die dungen Schönen mic) freundlich anlaͤcheln, und
ich der huͤbſchſte Mann in der Moſchee feyn:
Indem der Bauer im Geifte fein kuͤnftiges Gluͤck ſchon
borher ſchmeckte, verabredeten ſich brey liſtige Diebe, ihn
um
Hiob. 675
um ſeinen gegenwaͤrtigen Schaz zu bringen. Da er ſehr
langſam ritte, fo band einer von ihnen der Ziege die Schel—⸗
le ab, beveftigte fie unvermerkt an den Schwanz des Eſels,
und führte feinen Raub fort. Der Mann, der inner
noch auf feinem Efel die Schelle hörte, fuhr ohne den
geringften Verdacht feines erlittenen Verluſtes fort, jeir
nem Gluͤcke nachzudenken. Da er indeflen ein Weilchen
darnach feinen Kopf umdrehete, fah er mit Schmerz und
Erfiaunen, daß das Thier fort war, welches einen geofs
fen Theil feines Reichthums ausmachte. Er forjchte hiers
auf bey iedem Neifenden, den er begegnete, mit der größten
Yengftlichfeit, ob er nicht feine Ziege gefehen hätte?
Der zweyte Dieb redete ihm an, und ſagte: Se ig,
eben habe ich dort drüben im Selde einen Dann mit ber
größten Eile eine Ziege vor fi her treiben fehen. Der
Bauer flieg geſchwind ab, und bat den gefälligen Fremb⸗
ling, doch ein wenig feinen Efel zu halten, damit cr Zeit
gewaͤnne, den Dieb einzuholen. Kr trar feinen Lauf an,
und nachdem er vergebens die Gegend durchſtrichen, bie
man ihm angemwiefen, Fam er müde und odemlos an den
Ort zurüd, wo er ihn angetreten hatte: Hier fand er
aber weder den Efel, noch den betrügerifchen Anzeiger,
deſſen Fürforge er ihn andertrauet hatte,
Da er nun ganz traurig vor ſich weg gieng, von
Echaam, Unruhe und Verdruß niedergebeugt,; zog das Tau:
te Klaggefchrey eines Mannes, der an einen Teiche faß,
feine Aufmerffamteit auf fih. Er gieng von der Straße
ab, um mit feinem weinenden Bruder zu weiten; erzehl⸗
te ihm fein eigen Ungluͤck, und fragte; was er für Urſache
zu dem heftigen Schmerz habe, der ihn ganz jü —
cken ſchien. Ach! ſagte der Mann, mit bem klaͤglich—
Tone von bes Welt; als ich mich bier herſezte, üum zu
trinken
676 Vier und. deeyßigfe Tafel.
trinken , ließ ich ein SKäftchen sol Diamanten in dag
Waſſer fallen, dag ich dem Califen in Bagdad überbringen
follte; und ganz gewiß wird es mir das Leben Folien , weil
man den Argwohn haben mird, daß ich einen fo großen
Schaz entwendet Habe. Warum foringe She denn nicht in
den Teich, und ſucht dag Kaͤſtchen heraus zu bringen, ber:
fezte der Bauer, voll Erſtaunen über die Dummheit feineg
neuen Bekannten. Weil es tief ift, erwiederte der Mann,
und ich weder tauchen noch fchwimmen fann. Aber wenn
Ihr mir den Gefallen erweifen, und es ſtatt meiner über-
nehnten wollt, fo will ich euch dreyßig Silberftücfe geben.
Der Bauer übernahm den Auftrag mit Frohlocken, und ers
goß feine Seele in Danffagungen an den heiligen Prophe—
ten für diefe fo willfommene Hülfe, mährend daß er fein
Dberkleid, Weltsund Pantoffel auszog. Aber in dem Aus
genblick, da er in das Waffer fprang, das angezeigte Kart
chen zu fichen, nahm der Mann (der einer von den drei
Spijbuben war, die den Anfchlag gefaßt hatten, ihn zu bes
fiehlen) feine Kleider, und brachte fie zu feinen Kameraden
in Sicherheit. . 5 |
So ward der unglücliche Chaldäer aus Unvorfichtig-
feit, Einfalt und Leichigläubigfeit um feine ganze Feine Has
be gebracht. Er eilte zuruͤck nad) feiner Hütte, und hatte
nichts weiter übrig , feine Blöße zu bedecken, als einen zer⸗
lumpten Sittel, den er auf der Straße burgte.
[7
*
Fuͤnf
un und d örenfigte TAN
I.
Die Geburt Chriſti.
A⸗ Zerodes der Große über das iuͤdiſche Volk Koͤnig
war, wurde Chriſtus zu Bethlehem gebohren,
Dieſe große, aller Welt heilſame Begebenheit trug fich zu
um das Jahr von Erfehaffung der Welt 4000, — 1506
Sabre nach dem Ausgange der Sinder Iſrael aus Egypten,
und uber 500 Jahre nach der babylonifchen Gejangenfchaft:
Schon Jahrtauſende vorher wurde diefe große wundervolle
Erfcheinung, die fichtbare Erfchemung Gottes auf Erden —
und fein Wandel als Menſch und Menfchen » Netter dert
Voͤlkern, und insbefondere dem iuͤdiſchen Volke verheiffen. =
Endlich gieng diefe große Verheiſſung in ihre Erfüllung.
Ehe aber diefer erhabene Wohlthäter der Menschen
im iuͤdiſchen Lande auftrat, wurde Johannes der Täufer
und Vorläufer Ehrifti gebohren — der Morgenſtern,
der der Sonne baldige Ankunft verkuͤndigte — Mit der
Geburt beffelben befam fein Vater Zacharias die Sprache
wieder, die er verlohr, da er dem Engel, ber ihm diefe
Geburt feines Sohnes anzeigte, nicht glauben wollte. Ein
halbes Fahr darauf erfchien der nehmliche Engel Gabriel
der ſtillen, frommen Jungfrau Maͤria, von welcher der
Sohn Gottes , der Meflins und Weltheilaud gebohren
werden follte (b). Er fagie ihr, daß fie die gluͤcklichſte
unter allen Weibsperfonen ſeyn, und auf eine uͤbernatuͤr⸗
liche Weiſe einen Sohn gebähren , und denfelben Jeſus,
Bi Heilandy
638 Fuͤnf und dreyßigſte Tafel.
Heiland , nennen folltee Maria erflaunte über dieſe
Nachricht, — erhub ven Herrn — freute fich ihres Jeſus —
und ergab fich in allen dem göttlichen Willen.
Diefe holdfelige und gebenedeyte hatte fich eben
damals mit einem rechtichaffenen, froumen Manne verfsro-
“chen, ber Joſeph hieß — ein geringer Handwerfsmanny
ein Zimmermann, der aber doch, wie Wisria , feine Bere
lobte, vom Könige David abſtammte. Auch ihm zeigfe der
Engel diefe große Gnade Gottes. an, und er freuete fich mit
Maria, daß Gott fie gewürdiget hatte, vie Mutier des
göttlichen Meflias zu fenn.
Beyde wohnten zu Nazareth, einer kleinen Stadt in
Galiläe , welches eine große Landſchaft, in Palaͤſtina,
dem gelobten Kande, war. Über der Heiland follte nicht
bier, fondern zu Bethlehem gebohren werden. In dieſer
Stadt, welche auch die Stadt David hieß, mußten eben
damals, da die Zeit der Geburt Chrifti herbey Fam, Maria
und Sofeph fich einftellen. Denn Auguſtus, damaliger
roͤmiſcher Kaiſer, der zugleich die höchfte Obrigkeit über
das iudifche Land war, befahl, daß ale Einwohner veffel«
ben , ein ieder an dem Drte, wo feine Samilie herſtammte,
follte aufgefchrieben, und ihre Anzahl, Vermoͤgen u. f. m.
berechnet werden. Weil nun Joſeph und Maria von dem
&efchlechte David waren, fo mußten fie nach Bethlehem
reifen — da ward Jeſus gebohren !
Nach feiner Geburt wurde er, mie ein anders Find,
in Windeln eingewunden, aber anftatt in eine Wiege, nur
in eine Rrippe gelegt (a) Denn Maria und Joſeph
mußten aus Mangel einer beſſern Herberge, (welche alle
damals mit vielen Seuten befezt waren) mit einem Stafe
oder einer Hirtenhoͤhle vorlieb nehmen. Sie waren am — .
wären fie reich getwefen , fo wuͤrde man ihnen in der
Herberge fchon Plaz gemacht haben, — Aber unfer Heiland
ſollte
Die Geburt Chriſti. 679
ſollte von feine Geburt an big in den Tod arm ſeyn —
uns zu lehrem, daß Reichthum uns Gott nicht angenehmer
macht, und Daß auch der aͤrmſte Menfch Gott dem Herrn
wohlgefaͤllt, wenn er fromm ift, und recht thut.
Daher vernahmen auch die erfte Nachricht von diefer
merkwürdigen Begebenheit nicht die Neichen und Vornehmen
zu Bethlehem, fondern gecinge arme Hirten, die in iener
Nacht ihre Heerden auf dem Felde huͤteten. Ploͤzlich ward
es vom Himmel herab aufferordentlich heiter, und fie ſahen
einen Engel Eo tes über innen Ichweben. (ce), Sie er:
fchracfen — der Engl aber fprach ihnen Muth ein — fie
ſollten fih freuen, der Heiland fey gebobren — fie Toll:
ten nur hingegen nach Beiylehem — in der Krippe liegend
werden fie ihn finden — den verheiffenen Konig und Troͤ—
fier, — Zugleich ſtimmten ganze Echaaven von Engeln das
Loblied an: Ehre fey Gott in der Höhe, Sriede auf
fErden, und den Menſchen ein Wohlgefallen!
Die Nieten eilien, ſich von der Wahrheit dieſer trsft-
lichen Geſchichte zu überzeugen — fie famen nach Betkles
hen, an den von den Engeln ihnen angezeigten Ort —
fanden das Kind, den Meffias — und Joſeph und Maria
bey demfelben (a) froh und lobfingend — und redeten vor
diefer Gefchichte, und lobten und dankten Gott mit allen
Frommen in Iſrael, daß er erfchienen ift der gerechte =
der längfi erwartete Helfer!
O ſey mit dankerfuͤllter Bruſt
Geprieſen, großer Retter!
Du! Erſter Bruder! Hoͤchſte Luſt!
Herr ! Mittler! Heil! Vertretter!
Unendlich mehr haft bu gethan,
Als Menſchen Sinn ie faſſen kaun =
Anbetung dir, und Liebe!
333 Huf,
680 Fünf und dreyßigſte Tafel.
Hilf, Gottesktud! Here Jeſus Chrift
Daß wir die Tugend lernen;
Bon den, was uns Verderben ift,
Uns ewiglich entfernen — »
Daß wir von Furt, von Bosheit rein,
Dir , Beſter! Befter ! aͤhnlich feyn
An Weisheit, Kraft md Güte !
\ 2: |
Das heiltge Haus zu Loretto.
Sg ie italienifche Stadt Loretto, welche im päpftlichen
Gebiete , nicht weit von dem adriatifchen Meere auf einen
Hügel liegt , ift wegen des in der Domkirche dafelbft fie-
henden heiligen Hauſes (la Cafa Santa), und der beruͤhm⸗
ten Wallfarth dahin, befonders merkwürdig.
Dieß heilige, von Leimen erbaute, Eleine Haus ſoll
eben das Zimmer feyn, in welchem die heilige Mutter
Gottes gebohren , und von dem Engel Gabriel befücht
wurde. Mean fagt, daß daffelbe im Sjahre 1291, durch einen
Engel, von Nazareth nad) Dalmatien, und ohngefehr drey
Jahre hernach, in diefe Gegend gebracht, auch dafelbft auf
ein Feld gefezt worden ſey. Es befieht daffelbe aus einer
einzigen, 40 Schuhe langen , und 20 Schuhe breiten, und
eben fo hohen Kammer. Die Mauern find ohngefehr 2
Schuhe dick, und von gemeinen Steinen unfoͤrmlich zufams
mengefejt. Der Boden iſt nun mit rothen und weiſſen
Marmor gepflaftert , und die Balfen, morauf das Dach
ruhet, mit filbeenen Bleche überzogen. Die Dede ift mit
himmelblauer Farbe gezieret, uno mit goldenen Sternen
bemahlet. In der einen Wand fieht man noch das Fenſter,
durch
Die Geburt Chriſti. 681
durch welches ‘der Engel Gabriel zus Maria Fam, da er
ihr die Geburt Jeſu verfündigte. Anfangs war nur eine
einzige Fleine Thür, durch weiche man hinein gehen founte;
allein, wegen der häuffigen Pilgrime, wurde biefelbe ver-
mauref, und drey neue gemacht.
Ben dem erſten Eintritt in dieß heilige „aus erblickt
man dag Bild der Mutter Gottes, welches obngefehr
jwen Ellen hoc) ift, und von dem Evangeliften Lucas aus
Cedernholz fol verfertiget worden feyn.- Auf ihrem linken
Arme ruhet das Iefus: Rind, fo in der Linfen die Welt
fugel Hält, und in der Kechten die Finger zum Gegen aufs
hebt. Die Farbe diefes Bildes iſt filbern, wiewohl fie
bereits durch den Dampf der vielen Fichter ziemlich verduns-
felt ift, Des Bildes Haupt ift mit einer dreyfachen golde-
nen, mis Diamanten beſezten Krone gezieret, und der übrige
Theil auf das prächtigfte bekleidet. Vor dieſem Bilde hän«
gen unzehliche goldene und filberne Lampen und Leuchter.
Die Wände find mit goldenen Tafeln bevedet — und foll
der Altar in diefer Kapelle von den Apofteln felbit mit eiges
nen Händen verfertiget worden feyn , und auf demfelben
Petrus die erfte Meſſe gelefen haben.
Neberhaupt befindet fich dafelbft ein unglaublicher
Schaz, der durch die Freygebigkeit der Pilgrime und hoher
Potentaten nach und nach gefanımlet worden , und noch
immer vermehret wird. Schon im Sabre 1400 wurde der:
felbe auf 600000 Ducaten gefchäjt, indem‘ ganz goldene
und filberne Statuen, goldene Gefäße, Ringe, Perlen und
Kleidungen von unfchazbaren Werthe von Zeit zu Zeit zur
Berherrlihung diefes Heiligthums gefliftet wurden.
Nings herum ift dieſes heilige Haus mit Wänden von
Marmor eingefaßt, zur ewigen Dauer deſſelben. Die meis
ften Pilgeime kommen am Fefte der Geburt Maris dahin,
um welche Zeit auch die berühmte Meffe zu Recanati ein-
343 faͤllt,
683 Zuͤnf und dreyßigfie Tafel.
fallt, welche Stadt mit ber Stadt Loretto Einen Biſchoff
bat.
Auf der Tafel ſtehet man die vier Wände des heiligen
Hauſes, nehmlid : die Mitternashtferte (a), die Mittag»
feite (b), die Abendfeite (ce), die Morgenſeite (d ); Fer
ner : das Marienbild (e); und das Fenfler (F), durch
welches der Engel Gabriel zur Maria fan,
3.
Roͤmiſche Geſchichte.
Mom wurde um das Jahr der Welt 3231 von Romulus
und Remus (Tab. IV, 3), die von den Koͤnigen zu Alba
in Stalien, wie diefe von den Troianern abflammfen, zuerſt
angelegt; umd anfangs als ein fehr Fleines Neich, von eben
ſo kleinen Königen beberrichet. Aomulus war der erfie —
nach ihm kamen noch fechfe , unter denen Numa, und
Terquin , der lezte umier diefen Königen, berühmt find.
Sener, weil er den Nömern allerley gute Geſeze gab, und
dabey verficherte , daß er dieſelbe von einer Goͤttin, mit
melcher er fich oͤfters im Walde unterredete (a), erhalten
habe. Diefer, nehmlich Targuin , wurde wegen feines
Stolges, nom Throne geſtoſſen, und aus Nom vertrieben.
Darauf erwehlten die Roͤmes, 244 Jahre nach Erbauung
ihrer Stadt, Lonfules oder Burgermeiſter, on die
Stelle der Könige. Es regierten allezeit zwey ein Jahr
fang; aber in aufferordenilichen Fallen wehlten fie einen
Dictator, welcher mehr Gewalt als die Bürgermeifter
hatte, aber eben deßiwegen nur 6 Monathe fein Amt behab
ten burfte, Statt ger Bürgermeifter regjerten hierauf einige
"ahre hinter einundeg Tribunen mit Burgermeifterlicher
Gewalt,
- Die Geburt Ehrifi. 633
Gewalt. Andere Dbrigfeitsperfonen hieſſen: Prätores,
vder Stadtrichter, Cenfores, oder Sittenrichter, Aediles,
oder Banmeifer, Guaͤſtores, oder Kriegszahlmeifter und
Tribuni Plebis, oder Diertelgmeifter , welche die Vor—
theile des gemeinen Bürgerffandes beforgen mußten. Als
Rom 366 Jahre geftanden haette, wurde es von ben Senor
nen, einer fremden Nation aus Gallien, oder dem iezigen
Frankreich eingenommen und zerſtoͤrt. Camillus aber, ein
Feldherr, den die Roͤmer Fur; zuvor verwiefen haften,
fan mit einem benachbarten Volke feinem Baterlande zu
Huͤlfe, und befteyete nicht allein feine Landsleute, die auf
dem Bapitole oder Schloffe belagert wurden , fondern
nischte auch, daß die Stadt aufs neue erbauet wurde,
Sodann hat Kom mit den Cartbaginienfern, die in Africa
waren, den dreyfachen Punifchen Krieg geführt, welcher
wegen der Landfchaft Sicilien feinen Anfang nahm. In dies
fem dreyfachen Kriege hat fich befonders Aannibal berühmt
gemacht, und die Roͤmer fehr geängfliger. Lin Roͤmer
eber, Duintus Fabius, that ihm durch vorfihtiges Zau⸗
dern Einhalt, und wurde deswegen der Zauderer- genens
net. Neben ihm find noch. zwey Scipionen durch diefen
Krieg bekannt worden, welche beyde den Zunahmen, der
Afvicaner , erhielten ; der erſte, weil er den Krieg aus
Italien nach Africa brachte, und der andere, weil er die
Stadt Carthago zerftörte. Nachdem die Römer diefen Feind
fih vom Halſe gejchaft hatten, fo führten fie nadı diefem
viele glücfliche Kriege , und eroberten ein Land nach dem
andern.
Mie fie von den auswärtigen Feinden- nichts mehr zw
befürchten hatten, und an Macht und Reichthum groß wurs
den, fo erhuben fich unter ihnen felbft Bartheyen und in—
nerliche Seiege. Die Dberhäupter derfelben waren etliche
sornehme Herren , welche den Namen Triumviri annah⸗
* 334 Mei,
634 Fünf und dreyßigſte Tafel.
men, endlich aber uneins wurden, und ihr Vaterland durch
Kriege zerfiörten. Die eriten Triumviri waren Sylla,
dinna und Marius, Mmorunter der erfie die Oberhand
behielt, doch aber den Staat bey feiner Freyheit ließ. Die
zweyten waren, Lalar, Dompeius und Erafius. Der
lezte wurde-in dem Kriege wider die Parther erfchlagen.
Pompeius aber wurde von dem Caͤſar, in den Pharſali—
fiben Seldern in Theffalien gefchlagen , und auf feiner
Flucht nad) Eghpten auf dem Meere meuchelmoͤrderiſch von
Egyptern ermordet. Worauf Caͤſar die Dberherrfchaft bes
Fam und nicht wieder abgeben wollte, endlich aber auf dent
Rathhauſe mit 23 Stichen ermordet wurde (b), wobey
Brutus und Caſſius die vornehmften waren. Nach Cafarg
Tode wurde das dritte Triumvirat von dem Octavius,
Antonius und Kepidus errichtet ; worunter der leste bald
auf die Seite gefchafft wurde; die erfien beyden aber bey
Actium in Öriechenland eine Seeſchlacht lieferten. Das
zinnen wurde Antonius gefchlagen, welcher fich zu der
Königin Cleopatra in Egypten flächtefe. Er heirathete
fie — und entleibte fich felbfl. Octavius aber eroberte
Egypien, und nahm die Cleopafra gefangen, die fich durch
Schlangen an der Bruſt dag Leben nahm, weil fie nicht im
Triumphe von ihrem Ueberwinder nach Nom geführt wer—
den wollte. Unter diefem Detaviug, der hernach Auguftus
genennet wurde, und vornehmlich für den Stifter der
zömifchen Monacchie angefeben werden mag , verlohr Nom
gänzlich die Sreyheit, und befam Aaifer zu DOberherren.
Etliche Jahrhunderte nach einander regierten die Kai—
fer zu Rom. Aber Lonftentin der Große, der erffe
chriſtliche Kaifer verlegte feinen Siz nach Konftantinopel ,
and ſchwaͤchte dadurch ſchon Pie Örenzen feines Reiches auf
der Seite gegen Abend, daß bie fremden Nationen deſto
Jeichier einfallen Fonnten, Dtefes gefchahe im Anfange des
vierten
nu
Die Geburt Chrifti. 685
vierfen Jahrhunderts; ımd am Eande deſſelben theilte es
Theodoſius der Große zwifchen feine Söhne, aljo, daß
Arkadius das morgenlaͤndiſche oder griechiſche, und Ho⸗
norius dag abendlaͤndiſche oder roͤmiſche Kaiſerthum
befam. Zu ienem gehoͤrten dag ganze vordere Aſien, Sy⸗
rien, Egypien, Lybien, Griechenland, und die über Gries
henland und der Donau gelegene Länder. Dieſes Kaifer-
thum blieb einige Jahrhunderte in guten Anſehen, ſchwaͤch—
te fich aber immer mehr durch Empoͤrungen, Neligisusfpals
fingen und andere inneriiche Unruhen, bey welchen auch
die Einfälle der Hninen, Saracenen oder Araber, und der
Türken, ihm großen Schaden zufuͤgten, welche leztere eg
endlich, im Fahre 1459 ganz zu Grunde richteten. Zum
adendländifchen Kaiſerthume gehsreten: ganz Stalin, Spas
nien, Öallien, Britannien, Deuifchland und die africanis
ſche Küfte gegen Abend zu. Allein die fchlechte Regierung
der Kaiſer, febr ſchwacher Herren, von welhen Romus
lus Momyllus Auguftus der lezte war ; und die Einfälle 7
und Wanderungen der nordifchen, vornehmlich deuffchen
Voͤlker, machten diefem Neiche gar bald ein Ende.
Heberhaupt kann die Gefchichte der romifchen Kaifer in
neun Perioden abgetheilt werden; Sie find
1, Die Zeit der heidnifchen Raifer, von Fahre ber
Welt 3973 bis zu dem Jahre Chriſti 306, Unter diefen Kais
fern war Auguſtus der größte Eroberer, Nero der graus
famfte Tirann, Traian aber der Defle, unter deffen vor«
frefflicher und glücklicher Regierung dag roͤmiſche Neich den
größten Umfang hatte. Er übergab, beym Antritt feiner
Regierung, feinem Obermarſchall ein bloffes Schwerdt mit
ben Worten; wenn ich gut regiere, fo gebrauche diefeg
Schwerdt für mich, wenn ich aber böfe regiere, wieder
mich (d).
335 2, Die
636 Fünf und dreyßigſte Tafel.
2. Die Zeit der erſten chriſtlichen Kaiſer, von 306,
bis 476. Unter denfelben ift Lonftantin der Große, der
beruͤhmteſte. Er fol einft in einer Schlacht ein helles Kreuz
mit den Worten, in diefem ſollſt du fiegen, gefeben has
ben (ec), welches ihm in feinem Chriſtenthume noch mehr
bevefligte.
3. Die Zeit ber Barbaren, welche ſich der Länder bes
esmifchen Reichs im Occident bemächtigten, von 476, big
800. Diefe fogenannten barbarifchen Völker waren: Die
Heruler, die Oſtgothen, die Longoberden.
4. Die Zeit der carolingiſchen Reifer, von 800, big
912; unter welchen Carl der Große zuerſt wieder ben Fais
ferlihen Titel annahm, und nicht nur Stalin, ſondern
auch Sranfreih, Spanien, Dentihland, Böhmen, und
wiele andere Länder inne hatte, auch allenthalben dag Chri—
ſtenthum und gute Ordnung einführte.
5, Die Zeit der ſaͤchſiſchen und fränfifchen Raifer,
won 912, bis 1138. Inter denfelben war, vor allen, „eins
rich der Vogelfteller berühmt, welcher viele Staͤdte ane
legte, und andere guie Einrichkungen in Deutfchland machte,
6. Die Zeit der ſchwaͤbiſchen Raifer, und des grofe
fen Interregnum oder Zwifihen- Reiche, von 1138, bie
12735 zu welcher Zeit fich vornehmlich Friedrich der Roth⸗
bart merfwärdig machte,
7. Die Zeit der Raifer aus verfchiedenen Häuffern,
won 1273, big 1438. Rudolph, von Habsburg, einem
Schloße in der Schweiz, war der erſte derielben, ber
Stammpater der nachmaligen sfterreichifchen Kaifer,
8. Die Zeit dee oͤſterreichiſchen Kaiſer, von 1438,
Bis 1740; unter denen Carl der fünfte und 8er fechfte,
Jerdinand der zweyte und der dritte, und Leopold der
Sroße am merkwuͤrdigſten find.
9. Die
——
Die Geburt Chriſti. 687
9. Die Seit der drey neueſten Raiſer, von 1740 bis
auf gegenwaͤrtige Zeiten. Ihre Namen ſind im Himmel und
in den Herzen ihrer Voͤlker ein Heiligthum — Carl der fies
bente, Srancifeus, und feine Gemahlin, die unflerbliche
Maris Therefia — und Joſeph der zweyte — ein
Licht, zu erleudten die Volker —
4.
Empfindungen der Freundſchaft und der Liebe, |
bey der Ankunft der Geliebten,
Elementarwm. Tab, XVIU, 4.
— Mann in Reiſekleidern kam von einer Reiſe nach
Haufe, und zwar unvermuthet — Traurig und aͤrtlich war
der Abfchied geweſen von jeiner geliebten Ehegattin, von
ſeinem kleinen wohlgerathenen Sohne und von ſeiner ver—
ehrungswuͤrdigen alten Mutter; aber deſto erfreulicher war
bie Zuruͤckkunft. Der Knabe hatte den Vater zuerſt geſe⸗
hen, warf Steckenpferd und Peitſche an die Erde, und
lief dem herzlichgeliebten Vater in die Arme. Geht, mit
welchen Freuden die redliche Frau dem Manne entgegen
eilt, und die Arme offen haͤlt, ihn zu empfangen. Die
gebrechliche alte Mutter kann es nicht erwarten, bis der
Sohn ſich naht. Sie ſtuͤzt ſich auf ihre Kruͤcke, um
einen halben Schritt naͤher zu ſeyn. O Liebe, Liebe!
Freundſchaft, Freundſchaft! Du biſt die edelſte Neigung,
die vollkommenſte Gluͤckſeligkeit der Menſchen auf Erden!
Aber, leider! es iſt auch zuweilen Feindſchaft unter den
Menſchen. Der Mann, der ſich mit verdrießlichen Mie—
nen auf ben Lehnſtuhl fit, ſcheint ein Feiad deſſen zu
ſehn/
6. Sinfund dreyßigſte Tafel.
fenn, der nah Haufe gefommen ift, und fi) darüber zu
betrüben. Binder, haft Niemanden! Haß iſt euze eis
gene Quaal, und zeist andere euch gleichfals zu haſſen.
Hüter euch , Jemanden zu beleidigen, oder ihm Argwohn
zu geben, daß ihr es gethan habt, oder thun wollt.
Merkt ihre etwas Haß im euch gegen Andere, oder in An-⸗
dern gegen euch; fo reißt dag iunge Unkraut aus, damit es
den guten Samen nicht erſticke, woraus eure Gläckfelig-
feit wachfen wird. Schonet der Schwachen, weichet dem
Starken ; feyd nicht argwoͤhniſch; vergebt gern den Feh—
ler, welcher den Beleidiger gereut, — So wird der Haß
und die gegenfeitige Teindfchaft, welche die Plage fo vieler
Menfchen find, fern von euch bleiben !
Liebet Gott und feinen Sohn! Sreuet euch feiner
Ankunft — Seiner Geburt — einer Lehren — Geis
ner Liebe — fo werdet ihr fühlen, daß Menſchen eure
Hrüder find — daß Mitfreude, NMitleiden, Dienfifer:
tigPeit und iede Tugend ein Himmelreich ift.
a
5.
Die Sonne, Die Tageszeiten.
WRIRSIE
„N, Sonne (A), iener große maieftätifche Weltkoͤrper,
iene vortreffliche Feuerkugel, ift fchon feit ſechs faufend
Sahren, der Mittelpunkt unfers Weltſyſtems — der Wohl-
thäter des Erdbodens — die Duelle alles Lichts, aller
Waͤrme, aller gefegneten Veränderungen durch alle Tas
ges⸗ und Jahreszeiten — ber Uriprung unzehlicher Freu—
den. — :
Welche
— — Willen "oe
Die Geburt Chriſti. 689
Welche Sinfterniß würde nicht auf dem Erdboden herr-
fchen , wenn wir das Sonnenlicht entbehren müßten! Und
wie unmwirthbar würde diefe Finfternig die Erde, und wie
fraurig und unthaͤtig die meiſten lebendigen Gefchöpfe mas
chen. Alle Thiere werden durch den Anblick dieſes Lichtes
erfreuet, und die Menschen felbft fühlen, daß fich in ih—
rem Herzen eine neue Duelle zur Luft öffnet, wenn fie den
Strahl der Morgenfonne und das ei des BR Himmels
empfinden.
Es gefchahe nicht umfonft, daß fo viele abgoͤttiſche
Voͤlker die Sonne anbeteten. Leuten, die feine höhere
Weisheit erleuchtete, als die fie aus der Empfindung ber
inne hatten, kann man es vergeben, daß fie die Vergöt-
terung mit in ihre Danfbarfeit mifchten, wenn fie diefes
maieftätifche Feuer alle Drorgen aus den Wellen des Mee-
res herauffteigen fahen, ihre Gefiide und Wohnungen zu
erleuchten, und Freude und Wolluſt in ihre Seelenzu er
Sieffen. Hier Feimte dag frifche Gras — dort fenfte fi
son fruchtbarer Laft der ſchwache Halm der fchweren Kom:
ähre — dort färbten fich der Sonne gegen über die Fruͤch⸗
te der Gärten, und zeigten ihre fhönfte Seite; dort blühes
ten die Blumen und grüneten die Wiefen. — Die Sonne
zieht den Regen zuſammen, menn e8 nöthig ift — trock—
net die Feuchtigkeit wieder aus, welche die Gewaͤchſe er:
fäufen koͤnnte. Sie entzündet die Gewitterwolken, daß
fie den flüßigen Dünger auf dag Land herabfchieffen mit
fen, der deffen verlohrne Kräfte wieder erfest. — Sie ers
quicket die ganze Natur — ingbefondere wenn fie im Früh:
linge mit ihren ermwärmenden Strahlen wieder kommt —
wie froh wird dann der Menfch nach tberfiandenen Win:
ter ! Und wie leicht konnte nicht ein dankbarer Heide, der
es für Fein Verbrechen hielt, fich Goͤtter zumachen, ein fo
praͤch⸗
690 Fuͤnf und dreygiafte Tafel.
prächtiges und mwohlthätiges Wefen, als die Sonne iſt, fei-
ner Anbetung würdig halten ?
ber was ift diefes für ein Weſen? Wie groß ift
ed ? Mie weit iſt es von uns entfernt ? Und woraus bes
fienet es ?
Die Meßkuͤnſtler haben zuwerläffige Mittel, Körper‘
auszumeſſen, zu denen fie nicht kommen koͤnnen. Durch
dieſelben haben fie gefunden, daß die Sonne beynahe neun—⸗
zehn Millionen Meilen von uns entfernet if. Eine ſchreck⸗
licye Weite, die ich kaum denfen und noch weniger begreifen
laͤſſet! Eine Kugel, die aus einer Kanone gejchöffen
wird, Fann in eier Minute beynahe zwey deutſche Heilen
zurüce legen, welches auf eine Stunde 108, und in einem
Sabre 946080 beutrche Dreilen betragt. Nehmen wir nun
an, daß cine Kanonentugel in diefer Geſchwindigkeit ihren
Lauf bis zur Sonne fortfegen Eönnfe, fo wurde fie beys
nahe zwanzig Jahre brauchen, ehe fie in derfelben anlangen
wuͤrde.
Bey dieſer ungeheuren Entfernung wuͤrde uns die
Sonne ſehr klein vorkommen, wenn fie nicht ein fo unbe—
greiflich großer Körper wäre, Denn es iſt erwieſen, daß
fie beynahe ein Millionenmal groͤßer iſt, als unſre Erde,
Wir wiſſen ferner, daß ſie die Quelle alles Lichtes und alles
Feuers iſt, welches die Erde und die übrigen Planeten
erleuchtet und erwärmet. Wir mwilfen, daß die Materie,
moraus fie gebildet iſt, nicht aus Inufee Ähnlichen Theilen
beitchet, meil man öfters ſchwarze Flecken in berjelben
wahrnimmt, davon einige verſchwinden, ehe fie noch ihre
ganze Oberfläche durchlaufen haben. Wenn man diefe Zle—
cken mit bloffen Augen betrachten will, darf man nur durch
ein Stück Zenfterglag, welches man über einen Talgiichte
mit
Die. Geburt Chrifti. 691
mit Ruß ſchwarz anlaufen laſſen, in die Sonne ſehen,
weil man alsdann von ihrem ſtarken Lichte nicht geblendet
wird. Wir wiſſen ferner, daß dieſes Licht, welches die
Sonne über die Erde und alle andere Planeten verbreitet,
eine unbrgreifiiche Gefc;mwindigfeit hat, indem es den unge⸗
heuren Raum zwifchen ung und der Sonne in acht Minuten
und dreyzehn Secunden zuruͤckleget, fo daß ein Lichtſtrahl
in ieder Secunde 38000 deuifche Meilen durchlaufen muß.
Und ieder Etrahl, den die Sonne auf die Erbe- fchießt,
and der fo einfach zu ſeyn ſcheint, iſt von fieben andern zus
farımengefezt, davon der eine roth, der andere pomerangengelb,
der dritte gelb, der vierdte grän, der fünfte blau, der fechfte
puepurroth, und der fiebente violet ift, umd deren Vermi⸗
fhung dieſe verfchiedene Farben unfern Augen entziehen,
Ueberdies ift uns befannt , daß fh die Sonne um ihre
Achfe drehet , und zu diefer Bewegung um ihre Achfe 25
Zage und 6 Stunden braucht ; und daß fie nicht vollig
rund, fondern an ihren Polen etwas eingedrucft iſt, mie
alle Himmelskoͤrper, welche fih um fich ſelbſt herum bes
wegen.
Dieß ift das vornehmſte, was wir von biefer maie—
fötifchen Feuerkugel wiſſen. Über, wie vieles bleibt ung
noch unbefannt ! Mir Finnen nicht einmal ihren Anblie
ertragen, und ihre innere Beſchaffenheit ift ung gänzlich
unerforfchlich. Iſt fie eine Kugel, die ganz aus Feuer bes
fiebt ? Was ift das für ein Feuer und Licht, das fie von
ſich ausgehen laͤſſet? Wie kann dieſe Kugel fo mächtig
und in fo weiter Entfernung wirken, daß uns ihre Strah—
len in einer Weite von neunzehn Millionen Meilen noch oft
fo unerträglich fallen ? Wie kommt es, daß fie feit ſechs⸗
faufend Jahren der Natur Licht und Hize gegeben, und fi)
dennoch nicht verzehret hat? If ſie blos darum da, die
dunke⸗
692 Fünf und dreyßigſte Tafel,
dunkelern Weltförper zu erleuchten und zu erwärmen) über
wird fie auch von Gefchöpfen bewohnet, von Geſchoͤpfen
höherer Art, deren Natur dem feurigen Wefen dieſes Köre
pers gemäß ift ? Alle diefe umd taufend "andere Fragen
laffen ſich nur durch Muthmaffungen beantworten , big eg
dem Schöpfer dieſes maieftätifchen Himmelstsrpers vielleicht
einmal gefallen wird , und auch in diefem Stuͤcke höhere
Einfihten und fiefere Kenntniffe zu verleihen. -
Die Sonne macht den Tag, und ıhre Entfernung die
Nacht. Man fagt, es iſt Morgen, twean die Sonne nach
den Begriffen der Unwiſſenden, aufgebt, und eg iſt Abend,
wenn fie untergebt. Allein ganz anderſt verhält ſich vie
Sache. (Tab. 1,5.) Wenn wir ung an der Grenze der
finftern und erleuchteten Halbfugel der Erde befinden, und
ung fofort immer weiter gegen Morgen, unter der Sonne
hin drehen, fo haben wir Morgen (B, a.) — und fingen?
Sey mir, o heitrer Morgen, gegrüßt! Komm, feige
hernieder
Bon den vergüldeten Höhn in wieder ermunterte Thaler!
Eich’ die Blume richtet ſich aufs; voll bligenden Perlen
Lacht fie fchöner umher, von deinen Stralen geörnet:
Und indem die Muſik deg belebten Waldes erwachet,
Dog du von Jubelgeſchrey und iauchzenden Choͤren be—
gruͤßet —
Durch den unendlichen Raum des weiten ätherifchen
Reiches. —
Um die Yrittaaszeit (b) haben wir die Hälfte unfers
erleuchteten Weges zurückgelegt.
Der feurige Mittag — Ihm glüht fein männliches
h Antliz;
Faͤchelnde Winde ſchwaͤrmen um ihn, und kuͤhlen die
Wangen,
Welche Milde beſeelt und himmliſches Lächeln erbeitert.
i Som
Die Geburt Chriſti. 693
Ihm ruht im wohlthaͤtigen Arm ein goldenes Fuͤllhorn,
Voll von Fruͤchten. Es harrt die Natur auf ſeine Ge—
ſchenke;
Und er ſchuͤttet mit Milde ſie aus fuͤr alle Geſchoͤpfe —
Wenn es endlich Abend wird (c), dann ſtehen wir
ebermal zwifchen der dunklen und erlcucyieien Halbfuge‘, —
Der Abend — Aus feinen biumichtin Haaren,
Aus dem friihen Gewand verbreiten fich ſtaͤrkre Gerüche,
Balfamduftender Thau fleigt von den dunkleren Wiefen
Lieblich Fühlend empor; und wie eim ruhiges Eden
Lächelt die ganze Natur in ihrer neuen Erfrifchung.
Endlich wälzen mir uns wieder in den Schatten zu—
zäde, welcher Nacht beiſſet (d), und uns nicht cher
verläffet ; als bis ſich unfer Gefichtsfreis hinter der Erde
herum gedrehet hat, und nun wieder aufs neue erleuchtet
wird. —
Melancholiſche Stille begleitet von ſchwaͤrzeren E chat;
ten,
Schwebet über ber Welt. Tiefſchweigend lieget der Hin el
Di in Wolken gehüllt und feyerlich harret die Erde.
Sie erfcheint die heilige Nacht. — — —
Und — geheiligt fey dir, Gott! mein Tester Gebaufe, -
Wenn einft Schlummer des Todes mein brechendes Auge
verdunfelt,
Menn mich umgiebt die Nacht des Grabes und der Ver.
wefung.
Halleluiah! denn bald erfcheiner ein fchinerer Morgen
Halleluiah! dann werd ich dir Lob, Allerherrlichſter! fin
gen —
Dunkel ift dann nicht mehr! In allen Bezirfen des
Himmels ;
Wird ein ewiger Tag ben ewig ©eeligen leuchten,
Aca 6.
634 Fünf und dreyßigſte Tafel.
6,
Eintheilung der Zeit. Der Kalender,
Sons zur ordentlichen Verrichtung unferer Gefchäfte,
alg auch zur Bemerkung der unter den Menfchen vorfallen«
den Begebenheiten , ift es hoͤchſt nuͤzlich und nothwendig,
die Zeit genau umd richtig einzutbeilen. Diefes aber ges
fehiehet nad) dem Kaufe der Sonne und des Miondes,
und zwar in Tage, Wochen, Monathe und Jahre.
Ein Tag ift die Seit, wenn die Sonne dem Anfehen
nach, einmal um die Erde herum kommt. &o lange fie
über dem Horizonte, das ift, fo lange es helleift, heiſſet eg
Tag, und wenn fie darunter, oder wenn es dunfel iſt,
Nacht; zufammen, der bürgerliche Tag.
Diefer Tag wird in 24 Iheile oder Stunden, iede
von biefen in 60 Miinuten, und eine Minute in Ce Secuns
den eingetheilt. _ Die vier Tageszeiten find : Morgen,
Mittag, Abend, Mitternacht.
Zu Eintheilung der Tage in Stunden hat man
Sonnen : Wafler : Sand und Aäder » Uhren. Die
meiften Europäer fangen die Stunden um Mitternacht zu
zählen an. Sie zählen zwoͤlfe bis Mittag, fedann fangen
fie wiederum an, und ;ählen bis Mitternacht eben fo viel.
Die Staliener zählen vom Untergang der Sonne bis wieder
dahin 24 Stunden. Die Juden zählten, als fie noch dag
gelobte Land bewohnten, gleichfais nach Sonnenuntergange.
Ber) ihrem Aufgang zahlien fie zwoͤlfe, und fodann fiengen
fie von neuem an. Die Türken fangen eine Viertelfiunde
nach Sonnenuntergang an zw zählen; im übrigen faft wie
die Juden.
Eine
Die Geburt Chrifti. 695
Bine Woche ift eine Zeit vom fieben Tagen. Cie
beiffen bey une : Sonntag, von der Sonne; Montag,
vom Monde ; Dienftag, oder Tuysteg von Tuifco , dem
ältefien Goͤzen ind Siammpafer der Deuifchen ; Mitwoch,
weil er der mittelfte Tag in der Woche ift, hieß auch ſonſt
Wodenstag von Den oder Wodan, einer mitrernätlis
chen heidniſchen Gottheit; Donnerstag, oder Thorstag,
von dem alten Donnergott, Thor, alſo genannt; Freytag,
von der Goͤttin Freya oder Sriga; Sonnabend , oder
Samstag, Sotentag, von dem alien deutschen oft
Satar oder Krodo (f. von diefen deutjchen Gottheiten Tab;
1,8.) Dan giebt dieſen Wochentagen auch die Zeichen der
Planeten, nehmlich, ©, d; 7, 8%, 4 2, +. Cum)
find Bilder der Sonne und des Mondes; 7 ift dag Zeichen
des Mars und bedeutet einen runden Schild mit einem das
runter bervorgehenden Spieße; 2 Ioll einen Heroldg - oder
Mercurius » Stab vorfiechen ; A ift dag Zeichen des eins
fchlagenden Donners, oder des Blizes als des Sinnbildes
des Jupiters; 2 flellet einen runden Spiegel mit einen
Handgriffe vor, ein befanntes Werkzeug der Venus; ende
lich muß man fi bey dem Zeichen 5 den Senfenftiel des
Saturns gedenfen. (Dieſe Zeichen der Wochentage bezies
ben fih auf die lateinische Benennung derfelben : Dies
Solis, Kung, Yiartis, Mercurii, Jovis, Veneris
und Saturni )
Monaͤthe, teorein das Jahr getheilet wird , find
zwoͤlfe. Sie beiffen nach lateinischer und deutfcher Benens
nung, wie felgt, und haben beyſtehende Zahl der Tage:
i) Sanuarius, Tenner oder Wintermonatb 31 Tage:
2) Sebruartus oder Hornung von dem alten Worte Hor,
oder Dreck, weil denn der Schnee ſchon fehmilzt, 28 oder
29 Tage. 3) Martius oder Kenzmonsth , 31 Tage
4) Aprilis oder Oſtermonath, 30 Tage. 5) Majus
Aaa2 oder
636 6 Fünf und dreyßigſte Tafel
oder Wonnemonath, 31 Tage. 6) Tunius, ober
Brachmonathe, wo brachliegende oder gleichjam rubende
Aecker von neuem bearbeitet zu, werden pflegen, 30 Tage.
7) Julius oder Heumonath, 31 Tage. 8) Auguſtus
oder Erndtemonatb, 31 Tege. 9) September oder
Serbfimonatb , 30 Tage. 10) October oder Weinmo:
nath , 31 Tage. 11) November oder Windmonatb,
30 Tage. 12) December oder Chriſtmonath, 31 Tage.
Vermuthlich Hat der Lauf des Mondes um bie Erbe
zu diefer Eintheilung Gelegenheit gegeben. Es haben auch
die alten Voͤlker Mondenmonathe gehabt , welche von
einem Neumonde zum andern etwas über 29 Tage enthal⸗
ten. Man hat hernach bei iedem Monathe einige Tage
zugeſezt, um ſie mit dem Laufe der Sonne zu vergleichen.
Ein Sabr iſt eine Zeit von 12 Monathen oder 363
Sagen. Ein fogenannter Schaltiahr aber, meldet alle
vier Jahre fait, bat 366 Tage. Die Urſache der Schalt—
iahre ift diefe : Nach dem Laufe der Sonne hat ein uhr
6 Stunden über 365 Tage. Diefe 6 Stunden machen in
vier Jahren 24, und alfo einen Tag, welcher im Hornung
Des vierten Jahres eingefchaltet wird. Ein Mondeniahr
hat zwölf Miondenmonstbe Sie waren ehemals bey
den Juden, umd find noch bey den Tuͤrken gebraͤuchlich.
Die Jahrszeiten find : Srübling, Sommer , Herbſt,
Winter. Eine Zeit von 100 Jahren heißt man ein Jahr:
Hundert oter Sreulum.
Eine Epocde, oder der Anfang einer Zeitrechrung ,
wird meiftens von einer fehr wichtigen Begebenheit herges
nommen. Dergleichen find: die iüdifche Rechnung von
Erſchaffung der Welt, welche, nad den Neuern, 3983.
Jahre por Chriſti Geburt anfängt; und die chriftliche Rech—
nung, welche von dieſer Zeit der Geburs Chriſti angeht,
und
Die Geburt Ehrifti. 697
und bis iezt fortdauret. So find ;. E, die vornehmfien
Epochen: Jahrszahlen in dieſem Sabre 1) feit der Ges
burt Chrifti 1782; 2) feit der Erfchaffung 57315, 3) nach
der Erbauımg Noms, 2535; 4) nach Erfindung der Buch—
drucheren 3425 5) nach dee Uebergabe der Augfp. Con—
feffion 252; 6) nach dem Weſtphaͤliſchen Sriedensfchluffe
1345 7) nach der Wahl und Kroͤnung des römischen Sri
fers Joſephs IL, zum römifchen Könige 18 Jahre. Die
Öriechen zählen vom Anfange der Olympiſchen Spiele,
die Roͤmer von Erbauung der Stadt Nom, die Türten
von Mahomeds Flucht aus Mecca und Medina, welches
fie die Hegyra nennen. A
Die ſchriftliche Eintheilung eines ganzen Jahres nad)
den Monathen, Wochen und Tagen, mit Anzeige der Feſt⸗
tage, Mondsveränderungen, Finſterniſſe und andern nüjlis
chen Beobachiungen und Anmerfungen, nennet man einen
Balender, oder einen Almaͤnach. Dan findet in. demfel«
ben gemeiniglich auch die Veränderung des Wetters und
andere aſtrologiſche Wahrfagereyen ; ingleichen allerlen His
forien, Gefprache, fogenannte Banernregeln, Geſundheits⸗
regeln, Abgang und Ankunft der Poften, Jahrmaͤrkte, Meſ—
fen, u. a. m.
Unter den chriftlichen Nationen giebt es dreyerley
Kalender; den Julianiſchen, den Gregorianifchen und
den neuverbeflerten. Der Julianiſche ift von Julius
Cäfar, dem berühmten Kriegs» und Staatsmanne, auf Ana
geben des Sofigenes, eines gelehrten Sternfündigen, im
Roͤmiſchen Neiche eingeführet worden. Nach diefem Bat
ein gemeines Jahr 365, ein Schaltiahr 366 Tage. Er uff
noch in Rußland gebräuhlid. Der Gregorianifhe Hat
den Namen vom Pabſt Gregorius XIII, und den Sefuiien
Clavius zum Urheber. Diefer merfte die Unrichtigkeit ber
Anaz °
TEL
698 Fünf und dreyßigſte Tafel.
Sulianifchen Berechnung, die feit der Zeit, da fie angenoms
men worden, fchon II Zage vom Laufe der Gone abges
wichen war, welche daher bey Einfuͤhrung diefes Kalen—
ders ausgelaffen werben mußten: Der Hauptunterſchied
zwifchen dem Julianiſchen und Gregorianifchen Jahre ift
alſo, daß diejes iezt, nachdem ſeit defjen erſter Berechnung
abermals beynahe 200 Jahre, die einen ganzen Tag mehr
betragen, verfloffen, volle 11 Tage früher anfängt alg
das Juitanifche. Wenn diefes den erſten Jenner zehlt,
hat ienes fchon den 12 dejfelben. Der andere Unterſchied
ift diefer : Dreymal hinter einander fell das hunderte Jahr
nad) dem Gregorianifihen ein gemeines ſeyn, das vierdte—
mal aber iſt es nach eben diefem Kalender ein Schaltiahr,
3. E. wenn die Sabre 1700, 1800, 1900 gemeine Jahre
gemwefen , fo ift das Jahr 2000 ein Schaltiahr. Die Zeit
des Dfierfeftes wird darınn nach dem Wronds;irkel beftim-
met, welcher den Unterfchied von bem neuverbefjerten aus»
macht, wo es, feit 1700 nach aſtronomiſchen Tabellen, be-
rechnet wird,
Sefte find Tage , welche zum Andenken befonderer goͤtt—
licher Wohlthaten , bey den Chriften , auffer den Sonnta-
gen, gefeyert werden. Sie find entweder bewegliche,
und fallen nicht immer auf einerleyg Monathstage, oder
unbeweglide, und werden an einem und eben demfelben
Tage gejeyert.. Die beweglichen Selttage find folgende.
1) Das Oſterfeſt. Es fäll: daſſelbe allezeit auf den ers
ften Sonntag nach dem erſen Vollmonde des Frühlings,
Die verfchiedene Berechnung des gregorianifchen und neus
verbefferten Kalenders macht, daß es zumeilen von Katho⸗
Jifen und Broteftanien nicht zu gleicher Zeit gefeyert wird;
2) das Himmelfartsfeſt, 40 Tage nad) Oſtern, jederzeit
an einem Donnerfiase; 3) das Pfingſtfeſt, 50 Tage, das
ik, ſieben Wochen nach Dflern; 4) das Feſt der beil,
Dreyfali
Die Geburt Chriſti. 639
Dreyfaltigfeit, 8 Tage hernach. Dach dem Dfterfefte
richten fich die folgenden und andere Feſte und Feyertage,
die Benennungen einiger Sonntage in der Saften, die
Charwoche ꝛc. wie auch bey den Katholifchen das Sronleichs
namsfefl. Don den unbeweglichen Seft: und Seyerta:
gen find folgende die wichtigften: 1) der Neujabrs:
tag, den 1. Januar; 2) Epiphanid oder der Erfchei:
nung Ebrifti, den 6 Januar; 3) Maris Reinigung oder
© Lichtmeß , den.2 Febr. 4) Mariaͤ Verkündigung den 25
Mer; 5) Das Felt Johannis des Täufers, den 24.
Sun. 6) Mari& Heimſuchung, ben 2. Jul. 7)-das
Michaeliss oder Engel: Set, den 29. Sept. 8) das
© Wweynachtsfeft, den 25. Dec. Vier Sonntage vorher geht
‚ die Adventszeit, und mit derfelben das neue Rircheniche
a
Die Katholiſchen haben neben den angezeigten Feſten,
noch viel mehrere Fefte und Feyertage. Wir merken dar—
unter beſonders die vier iaͤhrliche Faſtenzeiten oder Qua⸗
tember. Bon diefen faht das erfte auf den Mitwoch nac)
dem Sonntage Invocavit; das 3weyte auf den Mitwoch
nach Pfingſten; das dritte ar uf den Mitwoch nach Kreuz-
erhoͤhung, das vierdte auf den Mitwoch nach Lucia.
Nach dieſen Quatembern richten ſich nicht nur an einigen
Orten die Buß⸗Bet⸗und Saft: Tage, welche gemeiniglich
den Sonntag hernach gefeyert werden, ſondern man richtet
ſich auch darnach in Bezahlung der en , Schul:
gelder, Arbeits- ımd Taglohne,
Auf der Tafel fieht man (A) einen Tbeil des Ras
lenders, die fieben erfien Tage des Monaths November
1782; und zwar: a) die Monathstäge, b) die Wocentä-
ge, c) die Namenstäge, d) Sonnen Nufgang, e) Son-
nen=intergang, f) Aufgang des Mondes, g) lintergang
Aaa 4 | bes
— —
— —
—— —
I,
— —
— —
700 Fuͤnf und dreyfigfte Tafel.
des Mondes, h) Stand des Mondes und der Sonne ge
gen die übrigen Vlanrten.
Unter dieſem Satenderchen find (B) die zwölf Mo—⸗
netbe, in fombolifhen Abbildungen nehmlich: a) Janus
arius, b) Sebruarius, c) Martius, d) Aprilis, e)
Marius, f) Tunius, g) Julius, h) Augufius, i)
September, k) October, 1) November, m) Decem⸗
ber.
Heilig fen der Monath November, und der erfte
Tag deffelben iedem treuen Schweden — iedem Deuts
feben, der nie vergißt, was Deutfchland der Krone Schiwes
den, und ihren Guſtaphen zu dbanten hat. — Er fey ein
Tag der erſten Größe unter den übrigen Tagen des Jahre&
— diefer Geburtstag Guftaph Adolphs des zweyten,
Durkblauctigen BRronprinzens von Schweden —
geb. 1778. den ı. November!
⏑
*
Der Mond und die Sonne.
D), Mond fprach einftend zu dee Sonne:
Wie dünfet mich dein heiffer Schein
So munderli und fremd zu feyn!
Sıralft du auf Wachs, fo iſts zertonnen,
Und flralft du auf den teichen Thon
So wird er fprdd und hart davon —
Die graue Leinwad Fanft du bleichen
Daß fie den Schloffen zu vergleichen;
Singegen wird Europens weiß Geficht
Dem Neger gleih in deinem Licht —
Roh
Die Geburt Chriſti. 701
Noch mehr — wie waͤſſerſt du die Menſchen und das Vichy
Wenn ſie, oft unverlangt, gehaͤufte Schweiſſe ſchwizen;
Und trinkeſt doch, mit gleicher leichter Muͤh,
Das Waͤſſer oft aus Baͤchen und aus Pfuͤzen.
Drum, Liebe, drum erfuh’ ich dich,
Daß du, wo möglich, mir erkläreft,
Warum du jo veranderlich
Sn deinen Wirkungen verfähreft ?
Sieh’ , ſprach die Sonne brauf, liegt wohl bie
Schuld an mir?
Liegt fie vielmehr nicht an den Dingen
Sin welche meine Stralen bringen?
Was kann mein lichier Schein dafür?
Nach der Natur des Stofs fann. ich bald etwas bleichen,
Dald etwas härten — bald, mas hart iſt, leicht
erweichen.
Die Büte Gotted iſt mit iedem Morgen neu,
Und ihr Gefchäfte täglich einerly —
Zu fegnen alles — Allen wohl;utbun,
Die ftille, fromm und gus in ihrem Schatten ruhn,
Iſt ihre Luſt —
Sie nicht , dee Menfh allein, der felsft fein Ziel
verruͤcket,
Iſt Schuld, wenn fie ibn nicht, mie Tauſende,
begluͤcket.
TR EN
Yaag 8
.r
702 Fünf und dreyßigſte Tafel.
8.
Die Sonne nach den Begriffen der Alten.
Phaeton.
G, haben zwar die meiften alten Bölfer den Apollo
oder Phoͤbus anftaft der Sonne, und die Sonne anfkatt
des Apollo verehret; allein es haben nicht nur die Poeten,
fondern überhaupt die meiften Griechen und Roͤmer, der
Sonne oder Helios, als einer von dem Apollo unterfchies
denen Gottheit , ihre befondern Tempel und Opfer ge—
weiber.
Es wurde aber die Sonne unter der Geftalt eines
Sünglings vorgeftellet, welcher mit Straelen gefrönet, und
mit einem leichten Mantel bevecket war, Insgemein halt
er Sadeln in der Hand. Dann und wann ſizet er auf
einem Wagen, ber vonvier Pferden gezogen wird, melde
Pyroeis, Eous, Aethon und Pblegon hiefien, goldene
Zügel hatten und aus ihren Nafenlöchern das Licht blieſſen.
Er bekam dieſen praͤchtigen Wagen und eine glaͤnzende
Krone vom Jupiter, nachdem er demſelben in dem Streite
wider die Titanen beygeſtanden hatte. In dieſem Wagen
fuhr er taͤglich um die ganze Welt herum, und erleuchtete
dieſelbe. Abends verkroch er ſich mit ſeinem Wagen unter
das Meer und wuſch denſelben ab; oder er ſchlief in einem
goldenen Bette, welches Vulkanus gemacht hatte — oder
er ſchiffte in einem goldenen Becher gegen Morgen.
Von Phaeton, dem Sohne des Phoͤbus oder der
Sonne , dichteten die Alten folgende Fabel: Er und
Epapbus, ein Sohn des Jupiters, gerieihen über ihre
Herkunft in einen hizigen Streit. Phaeton gieng zum
Phoͤbus
Die Geburt Chrifti, 703
Phoͤbus und beklagte ſich, daß man ihn nicht für feinen
Sohn halten wollte; worüber die Sonne fo böfe ward,
daß fie ihm beym Styx ſchwur, ex follte fi) etwas von ihr
ausbitten. Diefer Schwur war bey den Göttern unver-
| bruͤchlich — Und Phaeton war gleich mit einer unuͤberlegten
Bitte bereit, und verlangte auf Einen Tag den Sonnen;
wagen zu regieren. So ſehr der Vater ihm dieſes auch
abzurathen ſuchte, ſo war der verwegene Juͤngling doch
nicht davon abzubringen. Er unterrichtete ihn alſo ſo gut
er konnte, ſagte ihm, wie er ſich verhalten, und was fuͤr
Abwege er vermeiden ſollte. Die Morgenroͤthe brach an,
und die Zeit der Abfahrt war da — Phaeton konnte den
Augenblick kaum erwarten, und fuhr davon.
Die Pferde merkten gar bald, daß ſie ihren rechten
Fuͤhrer nicht hatten , und daß der Wagen zu leicht war.
Sie folgten den Befehlen ihres Führer nicht, und fuhren
„bald zu hoch, bald zu tief. Der furchtfame Phaeton wußte
| nicht mehr, wie er fich helfen und die wilden Dferde bandi-
gen follte. In der Höhe fiengen die Wolfen an zu brennen
und in ber Tiefe verdorrete das Grad. Insbeſondere festen
ihn die Geſtirne in Schrecken — und als er fi dem Scor⸗
pion mäherte, iagte ihm dieſes Ungeheur eine folche Furcht
ein, daß er die Zügel fallen lieh.
Sobald die Pferde dieſes merkten, Tiefen fie wild
umher, und kamen der Erde fo nahe, daß ganze Berge und
Völker verbrannten, und Städte zu Staub wurden. Alle
Quellen bes Berges da verfiegren, und das ewige Eis der
Scythen zerſchmolz. Phaeton fahe die ganze Erde unter
ihm brennen , und Fonnte die Hize von dem aufſteigenden
Dampfe nicht mehr vertragen. Damals ward der Nethiopier
zuerſt ſchwarz — die größten Fluͤße vertrockneten — der Ril
verfieckte feine Duelle — Pluto und Proferpina erfchracken,
weil das Licht durch die aufgeborftene Erde zu ihnen hinab
ſchien —
104 Fünf und dreyßigſte Tafel.
tiefſten Hoͤlen — und Neptun verfuchte es dreimal die.
Hände aus dem Waſſer hervor zu firefen, mußte fie aber
gefchtwind mirder zuruͤcke ziehen.
gen. Sie Ela — dem Jupiter ihre Noth, daß ib Hals gang) | ki
vertrocfnet wäre, und fie kaum mehr reden koͤnnte — ſie
zeigte ihm ihre verſengten Haase, und bat um Crloͤſang
von dieſer Quaal. Darauf verkroch fie ſich geſchwind mies |
der in das Innerſte einer Hoͤle. Jupiter rief die andern ft
Goͤtter, und den Phoͤbus felbft zu Zeugen, daß eine (heul
nige Hülfe nöchig wäre, und fehleuberte den Phaeton |
durch einen Blitz auf bie Erbe hinab. Er fiel mi dem im
Stücden zerfhmetterten Wagen in der Gegend des Flußes
Eridanus hinab, da ihm die heſperiſchen Nymphen ein
Srabmal errichteten.
Elymene, feine Mutter Fam zu demfeiben und bes
weinte feine Gebeine. Seine Schweftern, die Heliaden,
beflagten ihn vier Monathe, und verließen das Grab mes
der Tag noch Nacht, bis fie in Pappelbäume, und ihre
Threnen in Agtfleine verwandelt wurden.
Zu dieſer Fabel hat vermuchlich ein großer Brand,
oder eine große Dürre in Italien unter dem Könige Phaeton
Gelegenheit gegeben — und fie ifE ungemein lebricich und
warnend für flüchtige, unuͤberlegte Gemüther, tie wichtige
Dinge ohne genugfamen Verſtand und hinlängliche Kräfte
auszuführen gebenfen.
Va
Die Geburf Thrifti. 785
EIER u EEE TE GENE GER,
9.
Der Erlöfete,
—— Gefangener ſahe feinen Erretter vor ſich ſtehen —
er hatte ihm ſchon alle Bande und Feſſeln abgeloͤſet, zeig—
e ihm die offne Thuͤre, deren Schloß ſonſt niemand auf
hun konnte. Stehe nun auf, ſagte er zu ihm, du Ge—
ebter, und gehe frey und ledig hinaus; in dad vor dir ofe
en fiehende Land, mo du richtige Bahn und Herbergen fin,
en wirft — bis du an deinen Geburtäort, in deine liebe:
Raterftadt heimkommeſt.
D ia, fagte der Befangene! Ad, mie feyd ihr ein
uter Herr ! Sch weiß, ihr habt feibft euer Leben daran
ewagt, vd euch durch Finfternige, Dornen und Schwerd.
er durchgedruagen, damit ihr mich fo auf freyem Füß ftel-
n koͤnnet. Ich danke euch taufendmal dafür; ich fehe es,
ie mir die Bande weggefallen find — ich ſehte die Thuͤre
> weit'offen ; gewiß, das hätte niemand als ihr vermocht
u Stanve zu bringen.
Nun denn, fd gehe iezt freudig hinaus —
Ach Herr, ich bin gewiß unausfprechlich froh darüber,
aß ihr mir fo geholfen habt, ia ich will aufſtehen, und
ald allmählich hinausgehen!
Ey, du Geliebter! feze dich unverzüglich in Sicherheit;
h werde nicht immer jo fihtbarlich bey dir feyn, dich auf.
muntern und zu führen; und ich fage es dir vorher, die
huͤre bleibt nicht allezeit offen — fie geht, du weißt nicht
yann, plözlich wieder zu, und dann ewig nicht mehr auf —
nb überdieß, bift du ia noch nicht daheim, wenn du dich
hon aufmacheſt! D mache mir die Frsude, daß dir meine
oskaufung auf das ehefle und vollkommenſte ju gute fomme,
Ach
7°6 Fünf und dreyßigſte Tafel.
Ach Here, ich willi gewiß nicht lange verweilen — bag
hoffe ich nicht, daß die Thüre fo bald zugehen werde; aber
das glaube ich gewiß von Herzen, daß ihr mir fie aufge-
than habet — es ift mir, alg ob ich ſchon drauffen wäre,
ein Freund, o betrüge dich nicht! Es find fchon
viele, in eben denfelben Umſtaͤnden wie du, unverſehens eins
gefchloffen worden ; Hüte dich, daß dir das nicht auch bes
gegne !
Kein, ich denke wenigſtens, mir weede es gemwißlich
nicht fo gehen; aber fehet, mein Herr und Helfer, wie es
eigentlich ift : Sch bin von meinen, Feſſeln an den Fuͤſſen
wund und fchwach worden — ich merfe es fehon, ich werde
fat nicht können bis dort zur Thüre hingehen; und dann ,
fo habe ich mich in der langen Zeit an das Eisen und Lie—
gen bier gewoͤhnet — hingegen ahndet es mir fchon, bie
frifche Luft drauffen moͤchte mir nur zu friſch, und die fe,
bensmiftel möchten mir auch fremde ſeyn, und bis ich ihrer
wieder gewohnt: bin, ein wenig bitter vorkommen. — Ich
fürchte mich auch vor den Feuten, mit denen ich werde reif-
fen follen — ich werde mich zu fehr vor ihnen fcheuen müfs
fen, und ihren Schritten nicht nacheilen können. —
Ey du armer Menfh, wie zaghaft und unbedachtfam
rebeft du ! Ich will dir ia hinaushelfen. — Sje länger du
da bleibeft, deſto mehr wirft du von deinen Kräften einbuͤſ—
fen; du wirft nach und nach dein übriges gutes Blut und
allen Kefi von Herzhaftigteit verlieren. Hier wird es nie
mals befier mit dir. Hingegen wird dag fchöne Land braufe
fen ein neuerfrifchtes Leben in deine Glieder und Adern,
in deine ganze Seele gieffen; deine Keifegefährten werden
die freundlichit an die Hand gehen; an mancher Stelie wirft
du deine Heimat von weitem ſchon erbliden, vie du iezt
halb vergeſſen haſt. Dieſer Anblick wire dic gleihfam
fortziehen — umd ich bin dir gur dafur, fo mie ich Kraft
gehabt
|
j
Die Geburt Ehrifti. "07
gehabt habe, dir diefen zivar weiten aber doch fchimpflichen
und eckelhaften Kerker aufzuthun, und dir eine freudige
Enilafung aus;umirfen; fo babe ich auch Anftalten gemacht,
daß es bios auf dich anfommen fol, zu deinem beften Gluͤ⸗
cke in deine Vaterftadt zu gelangen. Über von bier muft
du wegeilen, wenn eg dir auch anfangs Schmerzen verur-
faht — dieß muß ſeyn — du haft ia auch eine für dich
ziemlich lange Deife vor dir.
Ach wie ſeyd ihr doc fo gütig ! Machet euch doch nicht
fo viele Muͤhe mir mie — freylich muß ich mich wohl angeei-
fen; freylich wird es ſich nach und nach ſchon geben. —
ch wenn ich nur dieſer Aenderung fchon gewohnt wäre!
Hier entfernte ſich der Erloͤſer — die Thüre ſtund aber
doc) noch offen, und der Gefangene, aber ledig gefprschene,
verwunderte ſich darüber , und befann fich oft und viel:
ob er gerade iest feinen Weg antreten follte, oder ob fich eis
ne andere Woche, eine andere Keifegefellfchaft , die er etwa
durchs Fenfter koͤnnte fehen vorbeygehen, beifer dazu ſchi⸗
cken möchte.
Sein Erlöfer ließ ihm täglich alles zukommen, was er
zur voͤlligen Bereitſchaft auf die Reiſe vonnoͤthen hatte; er
ließ ihm durch ſeine Diener und Freunde ſagen, er werde
von einer Herberge zur andern dennoch immer bereit fin,
den, was zu feiner voͤlligern Öefundheit und zur Erheiterung
feines Gemürhes das dienftlichfte fen, aber iezo noch für
ihn zu flarf wäre — Db er denn noc immer bey feinen
Feſſeln fie, alg ob er fie bedauerte?
Die abgeordneten Sreunde des Heren trafen ihn noch
immer in feinem Gefängnige an. Bald weinte und winfelte
er über feine Schmwachheit ; bald ſtund er auf und ſchwankte
gegen die Thüre hin, und gieng denn wieder zurüde —
bald fchlief er, bald fang er Lieder zum Lobe feines Befrey⸗
ers. Endlich pflegte er oft fo um feine Erledigung zu
bitten
708 Fuͤnf und dreyßigſte Tafel.
bitten und zu flehen, als wenn ihm uw nichts daven be
Fannt waͤre.
Nach vieler angewendeter Mühe brachte einer das Ge—
ſtaͤndniß aus ihm heraus, daß er fih wirriicd, einbildete, er
brauchte die Neife felbft gar nicht zu ‘hun, ſondern dörfe
nur, wenn die Thüre zugehen wolle, geſchwinde zu derfelben
hinaugeilen; und dann werde er plözlich durch die Luft, in
die glänzende Vaterſtadt verſezet werden. Die Thuͤre gieng
ein paarmal nur halb zu, unigwenn er fichim Schrecken auf»
raffte, und gegen dieſelbe hinhinken wollte, gieng fie wier
der auf. — Da dachte er, mit dem ofjenbleiben der Thüre
babe es wenigſtens Feine Gefahr.
Und die Chüre ward zugeſchloſſen. —
Möchten doch unfre Chriften dem Herrn, ber fie er
£auft hat, beffer ale diefer Eiende entſprechen — Sich
feiner Geburt, feiner Liebe nicht blos erfreuen — —
Unnehmen, geborchen, nachgehen, durch ihn heilig, mit
ihm feelig werden — Dann fieht e3 gut um deine Seelen.
fregheit, Chriſt! um deine Heimreife gut — um bein Koͤ—
nigeeich herrlich !
Sechs
Sechs und dreyßigſte Tafel,
I,
Shrifti Jugend.
J ) Geburt des Heilandes war anfangs im iäbifchen
Lande nur wenig fronmen Leuten befannt. Aber
bald kamen etliche Maͤnner aus Morgenland, dag ift,
Arabien oder Perjien, nach Serufalem, und fragten nad
dem neugebohrnen Könige der Juden. Diefe Männer was
gen in ihrem Vaterlande ihrer Wiffnfchaft wegen berühmt,
und harten ein aufferordentliches Geſtirn am Himmel ents
becft, welches fie für einen Vorbothen großer Veraͤnde⸗
zungen hielten. Gott hatte es auch alfo geleitet, und ih»
nen durch eine Offenbarung einige Winfe gegeben, daß
durch diefes Zeichen die große Erfcheinung des Seeligmas
chers auf Erden angezeigt wuͤrde.
Eie machten fih alfe auf den Weg, Famen nach es
zufalem der Hauptſtadt des iuͤdiſchen Landes; fragten das
felbft nach dem neugebohrnen Könige, und mwunderten fich
nicht wenig , wie fie gewahr wurden , daß niemand von
diefer mwichiigen Begebenheit etwas miffen wollte. Endlich
vernahmen fie von ben Gelehrten , daß ihre Meffias in
Bethlehem follte gebahren werden. Sie fäumten fich alfo
nicht dahin zu gehen, nachdem fie der Koͤnig Herodes,
ber über dieje Nachricht erfchrack, verſtellter Weiſe bat, auf
der Nückreife wieder zu ihm zu kommen, und ihm Nachricht
zu geben, daß er auch kommen, und das neugebohrne
Bob Koͤnigs⸗
710 Sechs und dreyßigſte Tafel.
Königs » Kind anbeten’ koͤnnte. Im Herzen aber dachte ex
ganz anders — er wollte es umbringen, weil er befürchtete,
es möchte ihn diefes Kind um fein Königreich bringen.
Die RR Reifen waren intzwifchen ſehr
froh, da fie auf ihrer Neife nach Bethlehem, über dem
Haufe, da das Kind Jefus war, das himmlifche Zeichen
wieder fahen. Sie Fonnten alfo nicht wren — traten mit
Freude und Ehrfurcht in diefe Hütte — und da fie dag Kinds
Iein fanden , fielen fie vor ihm nieder, wie vor ihrem
Könige, und befchenften es mit allem, was ihr Fand koſt—
bares hatte, mit Gold, Weihrauch und Wiyrrben (b),
wie fie ihre Könige zu befehenfen pflegten. Sie wußten num
freylich nicht alles, was der Heiland an den Menfchen
thun würde; fie glaubten aber doch, feine Geburt fey ein
aufferordentliches Geſchenke des lieben Gottes, Erfeutniß
der Wahrheit und gute Sitten unter den Menfchen zu
befoͤrdern. Dafür ehrten fie ihn fo, daß fie fich feine Koſten,
und feine Mühe reuen ließen.
Nun wolten diefe Gelehrten wieder nach Serufalem,
und dem Könige Herodes alles anzeigen, weil fie nichtg
Boͤſes von ihm argroohnten. : Allein Gott befahl ihnen im
Traume, auf einer andern Strafe wieder in ihr Land zu
reifen — und fie gehorchien. \
Wirklich war Herodes ernftlich darauf bedacht, das
- Kind Jeſum umzubringen. "Er gab den graufamen Befehl,
alle zwey⸗bis dreyiaͤhrige Knaͤblein in Bethlehem und den
umliegenden Drten umzubringen; und glaubte nun zuverlaͤſ⸗
fig, der neugebohrne König der Juden mürde durch dieſe
Beranftaltung fein Leben verlieren. Aber der liebe Gott
vereitelte diefe Abfichten Herodis— er gab dem Tofepb in
einem Traume den Befehl, daß er das Kindlein und feine
— su ſich nehmen und nach Egypten flichen ſollte
denn
Chrifti Jugend. 711
denn Herodes wuͤrde trachten es umzubringen. Joſeph
ſtund auf, und noch in derſelbigen Nacht begab er ſich mit
dem Kinde und feiner Mutter auf die Flucht (c).
Nach dem Tode des graufamen Herodes zogen Joſeph
and Maria mit ihrem Jeſus-Kinde wieder nah Nazareth.
Daſelbſt nahm Jeſus, zur größten Freude der Seinigen, zu
an Alter, Weisbeit und Gnade bey Gott und den
Menſchen — und feine Eltern beeiferten fi, als gute
Beyfpiele der Tugend und des Fleißes ihrem Kinde vorzu⸗
keucjten.
Sie reifeten alle Fahre auf das Dfterfeft nach Serufas
lm — und da Jeſus zwölf Jahre alt war, nahmen fie
ihn mit fich dahin. ‚Sie verrichteten dafeldft ihre gottes—
Dienfilichen Gefchäfte, und reifeten mit ihrer Geſellſchaft wie=
der heim. Seine Aufführung mar iederzeit fo beſchaffen,
daß fie ihn wohl aus den Augen, und unter ihren Freunden
faffen fonnten. Da er nun bey ihrer Heimreise nicht zuge—
gen war, fo dachten fie, er wäre in der Gefellfchaft ihrer
Begleiter, die vor ihnen oder nach ihnen von Serufalem abe
giengen. Sie giengen auf ihrer Reife einen ganzen Tag
fort, und fragten bey allen nach ihm, und erfragten nichts,
Da fürchieten fie, daß ihm ein Unfall begegnet feyn moͤch—
fe. Voll Kummer Fehrten fie nach Jeruſalem zurück, und
fuchten ihn unter allen Bekannten, die fie da hatten. Und
erfi nach drey Tagen fanden fie ihn in der Tempelfchule bey
den Lehrern, denen er. begierig zuhoͤrte, und manche Fra⸗
‚gen auch an fie that (a). Er wollte alles, was zur Nelis
gion gehörte, nicht blos obenhin wiffen; ımd fahe bald’,
was einer Antwort fehlte, die ihm gegeben ward, Sjedere
mann verwmunderte fih über feinen Verſtand, den er in Fra—
gen und Antworten auiferte.
bb. Der
712 Sechs und dreykigfte Tafel.
Der heiligen Maria mußte e8 große Freude machen,
ihren Sohn wieder zu erblicfen, und ihn in Gefchäften zu
finden, die ihm nach dem Urtheile aller Anweſenden fo viel
Ehre machten, und die ihre große Hoffnung von ihm beftds
tigten. Aber Maria mar eine zärtlihe Mutter. Ihr
Mutterherz hatte diefe Tage über viel gelitten ; und fie war
gar nicht gewohnt, dag ihr Sohn ihre Kummer! machte,
Sie fonnte ſich alfo nicht enthalten , ſich deswegen gegen
ihn zu beklagen. ie fagte ihm, wie er doch fo ohne ihr
Vorwiſſen zurück bleiben wollen — er könnte doch ihr, feis
ner Mutter, und dem Joſeph, der ihn mehr als einen leib—
lichen Sohn liebte, bie Angft nicht haben verurfachen mols
len, die fie'diefe Tage über ausgeftanden, da fie ihm als
Ienthalben fuchten und nicht fanden ? Jeſus antwortete, fie .
hätten doch denken follen, daß er an feinem andern Orte
zurück geblieben wäre, als eben in dem Haufe feines
Vaters — und da folhen Verrichtungen abzuwarten, die
einft fein einziges Befchäfte feyn würden. Maria und os
feph verfiunden nicht genug, mas Jeſus damit meynte.
Sie waren es aber ſchon gewohnt, große und unerwartete
Dinge an ihm zu ſehen und von ihm zu hoͤren. Sie gaben ſich
zur Ruhe, und er kehrte mit ihnen nach Hauſe — und ſein
Zunehmen an Erkentniß und Tugend war immer mehr und
mehr offenbar — von Tag zu Tage war er allen, die ihn
kannten, lieber.
So war die Kindheit Jeſu, darinn er allen Kindern
ein Exempel gegeben, daß ſie thun, wie er gethan hat:
Er war in allen Dingen feinen Eltern gehorſam, ausge—
nommen 100 es offenbar war, daß er viel befier als fie
mußte, was dem Willen Gottes gemäß fey. Und ob er eg
gleich befler wußte, fo verachtete er darum feine Eltern
nicht. Und die Liebe feines Eltern und anderer Menfchen
wollte
Chrifti Jugend. 713
wollte er nicht anders als durch Wohlverhalten , burch fein
Zunehmen in Erfentniß und Tugend gewinnen.
WINNIE
Reich an ieder fchönen Gabe,
Reich an Tugend und Verſtand,
Jeſus! welch ein frommer Knabe
Warſt du an des Vaters Hand!
Marft du in der Mutter Hütte !
Marft du in der Lehrer Mitte !
Gott gehorfam in der Jugend,
Warſt ein Vorbild ieder Tugend!
Moͤchteſt, Jeſus! du allein
Meine Luft, mein Vorbild ſeyn!
2,
Tempel der Tugend und Glüdfeligfeit.
(ar |
Tugend um Sottes Willen auszuuͤben, dieß muß ein
Hauptzweck der wahren Religion ſeyn, welche man ohne
Widerſpruch der geſunden Vernunft fuͤr goͤttlich erkennen
kann. Dieſes und einige andere Lehren euch beſtaͤndig zu
erinnern, ſtelle ich euch den gezeichneten Tempel der Tugend
vor, mit der Inſchrift: Tugend um Gottes Willen.
Der Weg hinauf iſt etwas muͤhſam und ſteil, beſon⸗
ders fuͤr Schwache; aber die Staͤrkern, welche die mit der
Tugend verbundene und darauf folgende Gluͤckſeligkeit beſſer
kennen, bieten ienen ihre huͤlfreichen Haͤnde. Es ſtellt
aber dieſer Tempel nicht den ganzen Zuſtand eines Tugend⸗
haften vor, ſondern nur den Anfang deſſelben. Sobald
dieſer Berg erſtiegen iſt, gebt man auf anmuthigen und
Bbb 3 ebenen
714 Sechs und dreyßigſte Tafel.
ebenen Wegen von einem Tempel der Tugend, durch dafelbif
genoffene Gluͤckſeligkeit geftärft, zum andern und beſſern
fort. Iſt man in dag Reich der Tugend erſt weit gefommen,
fo findet man immer mweniger Abwege von der rechten
Dahn ; Abwege, die zwar von einigen gewehlt, aber meh—
rentheils nicht lange fortgefeet werden, weil man hin und
gvieder (auf demfelben) warnende Wegweiſer antrift, wel
che den Irrenden zeigen, wie fie durch Fußſteige, bie et—
was befchwerlich find , wieder auf den rechten Weg kom—
men.
Man Fann alfo die Tugend bey einigen Umſtaͤnden
leicht, bey andern aber fehwer nennen. Schwer ift fie
demienigen, welcher durch boͤſe Erempel, durch den Mangel
guter Erziehung , durch vielen Umgang mit Lafterhaften,
umd durch Lefung fhädlicher Bücher , Sich zu den Laſtern,
und vornehmlich zum Zweifel an der Linfterblichfeit der
Seele, und an der Vergeltung des Guten und des ofen,
hat verleiten laffen , befonders wenn er in dieſer Verwoͤh—
nung viele Jahre zurück gelegt hat. Leicht aber ift fie den
Wohlerzogenen, welche an Gottes Vorfehung und Gered)-
tigfeit nicht zweifeln, und in wohlangemandten Jahren der
Jugend die erfte etwas befchwerliche Anhoͤhe erfiiegen ha-
ben. Sie mag aber leicht oder ſchwer feyn, fo müffen wir
tugendhaft werden, wenn wir es noch nicht find — und
bernad) von einem Grade der Tugend zum andern fortfchreis
ten. Denn ein lafterhafter Wandel fezt den Menfchen,
auch fchon während des erften Lebens, in eine weit größere
Schwierigkeit, als er, um fid) zu beffern, und fugendhaft
zu werden, übernehmen dürfte. In der Tugend nehmlich
ift Mebereinffimmung mit unfern wefentlichen DBegierden,
mit den Wünfchen anderer Menfchen und mit den Geſezen
der Obrigkeit. Eine tede einzelne Tugend ſtimmt gleichfalg
mit iedee andern überein, und ift ein Huͤlfsmittel derfelben,
ins
Chriſti Fugend. —
Hingegen ſtreitet ein Laſter mit dem andern, ohne es zu
bezwingen — der Laſterhafte bedarf der beſchwerlichſten
Kuͤnſte, ſich zu verſtellen — er iſt ſelten frey von der
Furcht entdeckt zu werden; und wenn er einen Gott erkennt,
von der martervollen Gewiſſensangſt, welche, wenn ſie
gleich oft vertrieben wird, dennoch deſto oͤfter und maͤch—
tiger wiederfehrt , ie gemwiffer ihm die Nähe des Todes
wird. Folgt alfo der Stimme der Tugend , fie mag euch)
auf angenehme oder befchwerliche Wege führen — Alsdann
ift ihr Lohn, die wahre Gluͤckſeligkeit, euch nahe.
3
Juͤdiſche Geſchichte.
— das iuͤdiſche Volk unter die Botmaͤßigkeit der
Roͤmer Fam (Tab. XXXV, 1.), nahm ihre Gluͤckfeligkeit
und Ruhe immer mehr ab. Die roͤmiſchen Landpfleger⸗
welche über fie gefest waren ; verführen’ endlich fo. graufark
mit ihnen, daß fie fie) zulezi wider die Roͤmer empoͤrten;
welche dann dieß unruhige Volk demuͤthigten, Jeruſalem
zerſtoͤrten (Tab. LIE, 3.), und dem ifraelitifchen Reiche ein
Ende machten, nachdem es als ein eigentliches Königreic)
507 , und nachher, unter fremder Dberherrfchaft, noch 654
Sabre geſtanden hatte.
* So wurde alſo durch Gottes Hand, und durch die
gerechten Gerichte, welche er uͤber das iuͤdiſche Volk ver—
hieng, dem levitiſchen Gottesdienſte, mas die Opfer und
andere Ceremonien betrift, ein Ende gemacht, und dieß
Volk durch eine allgemeine Zerſtreuung in alle Welt ver—
theilt. Sie haben nun Fein eigneg Land, Feine eigne Stadt,
Bbb4 keine
716 Sechs und dreyßigſte Tafel.
keine eigne Regierung, kein Opfer, kein Geſchlechtsregiſter,
keinen Prieſter mehr; und ſtehen doch noch immer in dem
Mahne, ihr Mefias und König werde noch kommen, fie
wieder in ihr kand führen, und ein herrliches Reich aufs
richten.
Sie unterſcheiden ſich von andern Voͤlkern, auſſer
ihrer Bildung — zuvoͤrderſt durch ihre feyerliche Kleidung,
die ſie in ihren Synagogen, oder beym Gebete, nach den
Vorſchriften ihrer Lehrer beybehalten muͤſſen (a) Ueber
den Kopf decken fie einen Schleyer, den fie Taled, over
Talles nennen , an deffen vier Ecken die Zizis oder
Schnuͤre bangen. Denn tragen fie ein über die Bruft,
und hinten über die Schultern hinab hangendes Mäntelchen,
YArba : Canpbos , welches gleichfals an den vier Ecken
mit Franzen oder Zizis verjehen, unb ehedeffen fo lang
geweſen, daß fie auf der Erden nachgefchleppt find. An
ihrer Stien und auf dem linfen Arm tragen fie beym Gebete
die Haupt + und Hand » Tepbilim oder. Denksettel,
welche auf der Tafel (a) einzeln abgebildet find. Beyde
werden vom fchmarzen Kalbleder gemacht ; doch mit dem
Ynterfchiede , daß berienige, fo zur Stirn gehört, und
recht zmwifchen beyden Augen am Ende der Hirnfchale zu
figen kommt, aus vier Fächlein, der aber, fo für die Hand
beftimmt ift, nur aus einem Fache befteht. In dieſen Fäch-
kein bewahren fie allerley Sprüche aus der heiligen Schrift,
in bebräifcher Sprache , auf Pergament gefchrieben.
Unter den Büchern des alten Teftamentes verehren
fie vorgiglich die fünf Bücher Moſis, welche fie Thora
nennen, als ihr größies Heiligthum. Sie laffen diefelben,
mit vielee Sorgfalt, mit großen hebraͤiſchen Buchftaben,
auf Pergament abfchreiben; rollen diefe Thora auf zwey
runden Hoͤlzern, welche gemeiniglich mit filbernen Bleche
übers
Chriſti Jugend. 21;
bersogen find , zufammen Cb); verwahren es mit beſon⸗
dern Zierrathen und feidenen Teppichen, in einer befondern
Lade, wobey fie fich die Bundeslade denfen — und verbin«
den mit dem iedesmaligen Gebraud) diefer Sepher Thora,
oder Gefez » Rolle viele Ceremonien.
Derienige Drt, an telchem die Juden zum Gebet
sufammen Eommen, das Gefez und die Propheten lefen und
erklären hoͤren, und die Defchneidung famt andern Fire
chengebräuchen verrichten, wird Synagoge, Juden-Schule
genannt (c). Diefe ihre Tempel pflegten fie an den erha-
beniten Gegenden eines Drtes aufzurichten , inwendig mit
Gips oder Tafelwerk zu überziehen, und mit vielen Pulten
zu verfehen, in welchen fie ihre Bücher und Talles verwah-
ren. In der Mitte der Synagoge it der hölzerne Altar
oder Kefe +» Stuhl, worauf fie das Gefegbuch legen, wenn
daraus fol gelefen oder auch geprediget werden. — Auch)
find in denfelben die Männer von den Weibern abgefondert,
und viele Lampen und Hangleuchter in den beyden Abtheis
lungen angebracht.
Bey der Befuchung der Synagoge , des Morgens
und Abends, und insbefondere am Montage und Donners
flage, haben fie viele vorgefchriebene Ceremonien und Ges
bete — welche fi) am Sonnabende, als ihrem Sabbathe
und am Vorabende deſſelben, vor andern auszeichnen.
An diefem ihren heiligen Tage Fommen fie dreymal in dem
Tempel zufammen, bören daſelbſt aug der Thora vorlefen,
ſprechen viele Pfalmen und Lobgefänge, und hüten ſich aud)
in ihren Häuffern vor aller werftägigen Arbeit.
Auffer dem Sabbathe haben fie noch viele Sefte und
seyertage; z. E. ben erflen Tag eines ieden Monathes,
welchen fie den Neumond nennen, das Dfterfeft , das
Pfingfifeft, die Gedächtniß der Jerſtoͤrung Jerufalems,
Dbbhs das
718-° Sechs und dreyfigfte Tafel.
das Neuiahr, das Verjöhnungsfeft, oder der foges
nannte Aangetag , das Kaubhütten » Seft (d), da fie
fi zur Erinnerung der Neife ihrer Voreltern durch die
Wuͤſte, in Lauben von Zweigen aufhalten ; das Purims
Seft, zum Andenken ihrer Erlsfung durch Mardachai und
Efiher ; das Saftnacht oder Spielfeft, und dergl. Auffer
dieſen Feften unterfcheiden fie fich noch durch viele Gebräu-
che vor allen andern Voͤlkern und Neligionen, vornehmlich
durch ihre Gewohnheiten beym Gebete und Gefange, by
der Befchneidung und Auslöfung der Erſtgeburt; bey
ihren Derbeiraibungen , Eheſcheidungen, Eiden und
Gelübden, Allmoßen, Büffen, Rirdyenbanne, Se
gräbnißen und Trauren — in Anfehung ihrer Haͤuſſer,
Kuͤchengeſchirre, Tiſchordnung, Wafhungen, Sea
nungen, Schechten, oder Schlachten, und dergl.
Hey allen diefen Gebräuchen richten fie fich mit meift
abergläubifcher Genauigkeit, nach den Vorfchriften des Tal:
mud, welches auffer der Chora, ihr vornehmſtes Gefezbuch
ift ; welches ihre Rechte, Gebräuche und Meinungen enthält,
und das fie der Schrift gleich achten. Es wird in die
Miſchnah, oder den Tert, und in die Gemara, oder
die Auslegung eingetheilt. Die leztere ift voller abgefchmack-
ten lächerlichen Mährchen und mwiderfprehenden Meinungen.
Die Dberften ihrer Synagogen und Schulen, mel
che die Macht haben zu lehren, und in Keligions Sachen
das Necht zu fpreihen, werden Rabbinen genannt. In
den alten Zeiten gefchahe diefes vom Sanhedrim, dem
juͤdiſchen Nathe.
Zu Chrifti Zeiten waren, auffer den Samaritanern,
die Phariſaͤcr, Sadducaͤer und Eſſaͤer, dazu Auch die
Schriftgelehrten und Herodianer gehörten, die vornehm—
ften Secten unter den Juden. - Nach ber Aufhebung ihres
gemei—
— ——
— y
Chriſti Jugend. 719
gemeinen Weſens, und nach ihrer iezigen Verfaſſung, theis
len fie fich in Rabbaniten und Aarsiten. Jene verehren,
auffer dem Geſeze, den Talmud, als die Haupfgrundlage
ihres Lehrbegrifs und Gottesdienſtes — dieſe halten ſich
blos an den Text. des Geſezes, und verwerfen ale Sazun⸗
gen und mündliche Meberlieferungen.
Endlich unterfcheiden fih die Juden noch durch ihren
Kalender von andern Völkern. Ihre zwoͤlf Monathe, deren
Anfang fie iederzeit mit dem Neumond feyern, find :
ı) Tifri, welcher in der Mitte unfers Septemberg fällt.
Am erfien Tag diefes Monathes wird der Neuiahrstag,
am zehnten das Verſoͤhnungsfeſt, und am funfzehnten
das Laubhuͤttenfeſt feyerlich begangen. 2) Chesvan.
3) Chaslev. 4) Teveth. 5) Schebat. 6) Adar, in
welchem, am vierzehnten, das Purimfeſt faͤllt. 7) Ni—
ſan; am vierzehnten Tage deſſelben faͤllt das Pafchafeft.
8) Jiar. 9) Sivan; am ſechſten Tage fällt Pfingften.
10) Thamus. 11) Ab; am neunten Tage fält dag Ges
daͤchtniß der Zerftörung Jeruſalems. 12) EluL;
So verfchieben übrigens die Lehre und die Gebräuche
der Juden von den chriftlichen Gebräuchen find ; fo if eg
doch nicht recht, daß noch immer ein alter National» Hag
zwiſchen Chriften und Juden herrſcht. — Die Sfraeliten
find nicht zu haſſen, fondern zu beflagen— und durch fie
und ihre Schickfale wird die Wahrheit der göttlichen Offen.
barung und das Altertum derſelben nicht wenig beftätiger.
en
720 Schs und dreykiafte Tafel.
4.
Unterricht aus den Buͤchern der Natur, der
Sitten und der Religion.
Elementarw. Tab. XLVIII, 2.
U. der Tugend und Glückfeligkeit der Kinder willen, wird
ihnen von den Eltern und Privatlehrern, oder in oͤffentli—
chen Schulen, Unterricht gegeben. Die Laften deffelben
find faft gänzlich auf Seiten der Lehrer und Eltern ; und
ſowohl das Vergnügen, als der Vortheil für euch, lieben
Kinder ! dem ungeachtet tragen die Eltern und Lehrer diefe
Laſten fehr gerne, theils weil fie euch lieben, theils weil
es eine von der Religion vorgefehriebene Hauptpflicht
iſt, die Kinder zur Tugend und zur Öoftfeligkeit zu erzies
ben. Darum wirb euch hier auf ber Tafel ein Lehrer, ein
rechtfchaffener Binderfreund, vorgeftellt, welchem lern.
begierige Schüler willig zuhören, wenn er ihnen Linterricht
giebt, theils aus dem Buche der Natur und der Sit
ten , tbeils aus dem Buche der Keligion.
Den Unterricht aus dem Buche der Natur zu beför
dern, hat er an die Wand gehängt verfchiedene Borftelluns
gen von dem menfchlichen Körper, von Thieren, Pflanzen
und Mineralien, deren Urfprung, DBefchaffenheiten, Wirs
fungen und Nuzbarfeit er ihnen erklärt. Er zeigt ihnen
die merfwirdigften Werfe und Werkzeuge der Kunft, und
lehrt ihnen von ienen einige machen, und von diefen einige
brauchen. Diefe Kinder hatten allefamt ohne den geringe
fien Verdruß lefen lernen, und bie nöthigen Sprachen,
durch den Gebrauch derfelben im Umgange und im Unter
eicht. Sie lafen nicht öfter, als fie es felbft wünfchten;
aber
Chriſti Sugend. 721
aber ſie wuͤnſchten es oͤfter als ihre Eltern und Lehrer Zeit
hatten. Da ſtehn einige Knaben, die noch nicht ſchreiben
konnten. Sie ſahn, daß ihre geuͤbtern Mitſchuͤler durch
dieſes Mittel die Gedanken der Abweſenden verſtehn, ihre
eigne Gedanken denſelben mittheilen, und die angenehmen
Lehren, welche ſie gerne behalten wollten, zur kuͤnftigen
Wiederholung ſich aufbewahren konnten. Alſo erſuchten
fie ihren Lehrer um die Erlaubniß, geſchriebene Buchſta⸗
ben, Wörter und Zeichen nachzumachen. Diefe ward ih—
nen iedesmal gegeben, wenn fie in ihren Sitten, und in
ber vorgefchriebenen Handarbeit untadelhaft gewefen waren.
Der Lehrer fagte ihnen , diefeg und ienes aus der
Naturkunde müßten fie feinen Worten blog glauben ; denn
ohne Meßkunſt, oder ohne Größenlehre Eönnten fie zur eig»
nen Einficht davon nicht gelangen. Aber die lernbegieris
gen Knaben wuͤnſchten eigne Einſicht. Da wurden fie zu
gewiffen Zeiten anfangs in den Grundfäzen der Zahlenfunft
oder Arithmetif, hernach aber auch in andern Theilen der
Größenlehre unterrichtet. Zu diefem Zwecke dienen ber Zits
el und Transporteur, den ihr auf dem Tifche liegen ſeht.
Ihr feht dafelbft auch Landcharten, durch deren Hülfe ex fie
die Befchaffenheit der Gegenden, und die Lage der Länder,
Meere, Flüffe und Städte kennen lehrte. Bey diefer Gele
genheit erzehlte er ihnen nach der Zeitordnung die wichtig.
fien Veränderungen des menfchlichen Gefchlechtes und der
Voͤlker; beſchrieb die verſchiedenen Regierungsarten, und
verweilte ſich vornehmlich bey ſolchen Geſchichten, wodurch
dieſe Kinder weiſer und kluͤger werden konnten.
Die vornehmſten Regeln des Lebens ſammelte er in ein
Buch, welches er das Buch der Sitten, oder die natuͤr⸗
liche Weisheit nannte. Uber, fagte er, die Kehren der
Weisheit helfen euch wenig, wenn ihr fie nicht aus
übt;
722 Sechs und dreyßigſte Tafel.
uͤbt; und der Vorſaz fie auszuiben wird euch nicht
gelingen , wenn ihr nicht das Daſeyn und die Kigen
fehaften Gottes, die Unfterblipfeit der Seelen und
die Fünftige Vergeltung des Guten und des Böfen
von Herzen glaubt , und täglid Daran denft — wenn
ihr euch nicht genau nach allem richtet, was nadı der
göttlichen Offenbarung von euch gefordert wird. Cr
batte die Lehrfäze und Beweiſe davon in ein Buch getragen,
welches er ihnen gab. Und alfo wurden die Schuler immer
mehr mit den vortrefflichften Kentniffen bereichert. Sie
lernten vernünftig urtheilen, und (fo wie ihre Kentniß an—
wuchs) durch einen deutlichen, Furzen, mit ihrem Herzen .
übereinftimmenden Vortrag, ihre Gedanken fohriftlich und
mündlich ausdrücken. Dadurch wurden fie fähig, im männ-
lichen Alter der menfchlichen Gefellfchaft nüzliche und ehren-
sole Dienfie zu leiften.
5.
Der Mond.
D. Mond (A) welcher ſich binnen 27 Tagen, 7 Stun:
den, 43 Minufen, und 5 Secunden, um die Erde beivegef;
IRDITTNIIER
iſt vier und fechzigmal Fleiner, als die Erde; denn fein Diaz,
meter beträgt Faum den vierten Theil von dem Erddiameter.
Daß er ungaber fo geoß vorkommt, rührt von feiner gerin⸗
gen Entfernung her; denn fein größter Abſtand von der Erde
beträgt nur 78 halbe Erddiameter, oder 67080 Meilen,
nd fein Kleinfter 54 halbe Erddiameter oder 46440 Meilen.
Senn er der Sonne gegen über fieht, Fünnen wir Die ganze
erleuchtete Seite fehen, und haben alfo Vollmond; wern
er. aber zwifchen die Erde und Sonne kommt, fo fehen wir
nichts
Chriſti Zugend. 725
nichts von der erleuchteten Seite und haben daher Neu—⸗
mond, und wenn er um 90 Grade von der Sonne entfernt
ift , welches im erften und lesten Viertbel gefchieht, ſo
fehrt er ung nur die Hälfte von der erleuchteten Seite zu; |
woraus man leicht einfehen kann, wie er bey feinen übrigen
Stellungen gegen die Sonne erfcheinen muß, wenn man
nur dieß erwaͤget, daß er eigentlich ein dunkler Körper ift,
daß zwar immer die Hälfte feiner Oberfläche von der Sons
ne erleuchtet wird, dag aber nicht immer biefe ganze Haͤlf⸗
te gegen die Erde zu gekehrt iſt.
Schon mit bloßen Augen, aber noch beſſer durch ein
Fernglas, erblickt man auf der Oberflaͤche des Mondes
eine Menge Flecken, von denen einige veraͤnderlich, andere
aber unveränderlich find. Betrachtet man den zunehmenden
oder abnehmenden Mond durch ein Fermohr, fo fieht ders
ienige Nand, wo das Licht zu-oder abnimmt, in den hellen
Orten hoͤckericht, in den dunkeln aber gleich und eben aus,
Die großen Flecken, welche man mit bloßen Augen ſehen
kann, bleiben immer einerley ; bey den Fleinern aber , die
auch blaffer find, und nur durch Serngläfer geſehen werden, -
bemerkt man diefes befonders, daß fie von Tag zu Tag ihre‘
Figur, Große und Stelle andern, und fies der Sonne
entgegen gefezt find. Aus diefen Erfahrungen haben wie
Sternkuͤndiger gefchloffen, duß e3 im Monde Berge, Thaͤler
und Seen geben müffe. Nehmlich die ganzen heilen Tfeile
halt man für Berge , die dunkeln befiändigen Sieden Für
Thäler oder Seen, und die veränderlihen bloͤſen Flecken
für die Schatten der Berge. Man hat daher ordenili.he
Mondcharten verfertiget (B), und ven Flecken beiondrre
Namen gegeben. Die eine rüher von dem beruͤhmten Hepel
ber, welcher fi) der Namen der vornehmſten Gebirge und
Deere, die man auf der Erde antrift, zur Benennung ber
— Mondes
724 Sechs und dreyßigſte Tafel.
Mondsflecken bedienet hat. Die andere hat Ricciolus ent
worfen, welcher ftatt iener Benennungen, bie Namen be»
ruͤhmter Sternfündiger gewehlt hat, melche ſich aber auf
Diefen Heinen Abbildungen nicht haben ausdruͤcken laffen.
Der Mond zeigt ung beftändig einerley Hälfte von
feiner Oberfläche. Von der andern Hälfte kommt nur durch
eine befondere Bewegung , melde fen Weanfen oder
Schwanken genannt wird , ein fchmaler Streifen zum
Vorſchein, welcher auf der Mondcharte (B) deutlich ange»
zeig: if. Der Mond muß fich daher in eben der Zeit, in
welcher er feine Bahn durchläuft, auch um feine Are be-
“Wegen.
6,
Der Zimmermann,
Dir Zimmermann muß das Bauholz wohl abzurichten,
und aus bdemfelben entweder ganze Häuffer , oder einen
Theil derfelben aufzuführen wiſſen. Ganze Häuffer werden
entweder aus lauter Holz, von übereinander gelegten Bo⸗
len, welches man ein Schurzwerf nennet, oder allein mit
Stielen, die in gewiſſer Weite von einander auf bie
Schwellen gefezt und unter einander mit Niegeln und
Bandern beveftiget , die ledigen Fächer aber hernach mit
Reim oder Steinen gefüllet und ausgeflochten werben ,
aufgeführet, welches ein Sach» oder Riegel: Werk heiſſet.
An aufgemauerten Gebäuden hat der Zimmermann allein die
Balken zu firecfen , und das Dachwerf aufzufezen.
Das Bauholz wird im Walde gefället , an einem
geraumen Orte mit der Bindapt ausgefchlagen, mit dem
Schlichtbeil geſchlichtet, mit der Ereusart gelochet,
abge⸗
*
Chrifti Augend. 728
abgebunden , dag ift, die Stücke mit ihren Zapfen in die
Sugen gerichtet, alsdenn der Bau gehoben. Wenn er
völlig aufgefezt oder gerichtet ift, wird von dem Bauherrn
den Fimmerleuten ein Hebmahl gegeben, oder wie es ans
derswo heiffet, der Aranz (welchen einer von den Zimmer-
geſellen mit befondern Ceremonien oben auf die Firft des
Baues Heftecket) verſchenkt. Auſſer den fchon benannten
. Werkzeugen braucht ein Zimmermann noch: Sägen, Weis
feln, Klammern, ein Winfelmaaß, Maaßſtab, Meß⸗
ſchnur und Rötel, die nöthigen Zeichen zu machen.
leberdieh hat der Zimmermann viele Arbeit bey Bruͤ⸗
cken, Dämmen, Müblen, welche von Hol; gemacht werden.
Bey diefen werben die Pfähle, die in dem Waffer fliehen
müffen, vermittelt der Ramme oder Hoye in den Bo»
den getrieben. Er macht aud) viele Arbeit aus Brettern, die
auf der Säge s oder Schneid - Mühle dazu gefchnitten werden,
insbeſondere Fußboden, Wände und dergl.
Te
Das Kind und die Rofen.
Sin Kind gieng voller Luft in feiner Eltern Garten,
Da fah es, hoͤchſt vergnuͤgt, viel Roſenbuͤſche ſtehn,
Diefelben waren ihm recht lieblich anzufehn —
Das Kind war ganz entzückt, die Nofen abzuwarten.
Es machte fich gefaft, noch näher hin zu gehn.
Doch, als es näher Fam, und ihre Stacheln fah, &
So rief eg furchtfam aus: Ach nun bleib ich nicht da!
Weil es fich nicht entfchloß die Nofen abzubrechen ,
Und voller Bangigfeit in feinem Herzen fprach :
Nun denk ich erft betrübt der Sache reiflich nach ;
Die Rofen Fönnten mich wohl in die Finger ſtechen;
Drum baltich mich nicht auf — find fie gleich noch fo ſchoͤn
Ecc Die
|
|
|
|
726 Sechs und dreyßigſte Tafel.
Die Roſen riefen zwar: Laß dich doch nicht erſchrecken!
Wir Finnen dir gewiß die größte Luft erwecken.
Sieh' unfern Purpur an, wir dienen jum Geruch;
Brich uns nur herzhaft ab, mach ploͤzlich den Verſuch.
Kein, fprach das Kind, verzagt: Bleibt auf den Buͤſchen
| fliegen;
Vor euren Stacheln will mir alle Luſt vergehen.
Ich ſeh' euc) zwar entzuckt mit meinen Augen an,
Nur daß ich mit der Hand euch nicht ergreifen kann;
Denn diefes will fih nicht vor meine Yugend ficken +
Indeſſen follt ihr mich von ferne doch, erquicken.
So ift oft mancher Chrift, wie diefes Kind, beftellf.
Wenn ihm der Tugend» Weg gleich herzlich wohl gefällt z
So will er dennoch nicht die Bahn der Tugend brechen —
Er will fi) lange noch mit Fleiſch und Blut befprecdhen.
Und trift er bier und da des Kreuzes Stacheln an,
So fehrt er furchtfam um von feiner Wanderbahn
Blog duch Ein Hinderniß laßt er fid) abwärts lenken,
Und meinet doc), vergnugt ans Varadies zu denfen.
ee Leu ZLODZLLGERE ER
8:
Der Dianen- Terapel zu Ephefus.
pheſus, eine ehemals hoͤchſt berühmte Stadt in Klein-
afien, hatte ihren Ruhm und ihre Aufnahme vornehmlich dem
dafelbft erbauten prächtigen Disnen : Tempel zu danfen,
Es wurde derfelbe anfangs, nad) dem gemeinften Vorgeben,
Yon den Amazonen erbauet, hernach aber von den Ephefiern
dergeftalt vesherrlichet, daß ex für eins der fieben Wuns
Dderwerfe der Weit gehalten wurde (a). Er lag eigent-
lich zwiſchen ber Stadt und dem Hafen, an einem ſumpfigten
Orte, wohin man ihn mit Fleiß baͤuete, um ihn vor dem
Erdbeben in Sicherheit zu ſezen. Um aber eine folche Laſt
gragen zu koͤnnen, hatte der erſte und berühmteite —
Gr
Chriſti Jugend. 727
Cherſiphon/ zerſtoßene Kohlen in den Grund geworfen,
Schaafsfelle mit der Wolle darauf gelegt, und den Tempel
darauf gebauet. Er war 425 Fuß lang, und 220 Fuß breit;
und hatte von auffen, auf drey Seiten, zwey Neihen Seulen,
auf der vierdten aber acht Meiben. Inwendig ruhete er auf
127 Seulen, weldye 6o Zug hoc; waren, und von eben fo
vielen Koͤnigen gefhenft wurden. Die Thore waren von
Hole aus Cypern, welches immer neu bleibt, dag übrige
Holzwerk von Cedern ; und die Treppen, worauf man auf die
Höhe des Tempels flieg, von einem Stamme eines Wein⸗
ſtocks aus Cypern.
Das uͤbrige Gebaͤude war von weiſſem Marmor, wel⸗
chen man zuerſt aus der Inſel Paros wollte bringen laſſen —
aber zufaͤlliger Weiſe entdeckte ein Hirte, auf dem Gebiete
der Epheſier, einen ganzen Felſen von weiſſen Marmor, als
ein paar Boͤcke im Kampfe mit den Hoͤrnern ein Stuͤcke da—
von abgeſtoſſen hatten. Wegen dieſer guten Bothſchaft wur⸗
de Pyxidor, fo hieß anfangs dieſer Hirte, nachher Kvan⸗
gelus genannt. Ob fie nun gleich ven Marmor in der Naͤ⸗
be hatten, fo brauchten fie dad) 220 Jahre zur Erbauung und
Vollendung diefes Tempels, wozu ganz Kleinaſtent und viele
Koͤnige und Staaten große Koften beygeiragen hatten Er
wurde mit vielen herrlichen Statuen, Gemaͤhlden und Sel⸗
tenheiten gezieret, abfonderlic mit einer prächtigen Bild»
feule der Diana von Eifenbein, nach einer beſondern Ab—
bildung. Gewoͤhnlichermaſſen wird diefe Goͤttin der Jagd
mit einem zumehmenden Mond auf dem Kopfe, mit Bogen
und Preilen gebiiter. — Die epheſiniſche Diane aber (b)
‚hatte auf dem Haupte eine Mauerkrone, überaus viele Bruͤ⸗
fe, und dazwifchen alleriey Köpfe und halbe Leiber von Nies
fchen, Hunden und Ochſen. Jene waren ein Simbild der
Fruchtbarkeit, und zeigten an, daß fie eine Ernährerin ber
Menſchen und Ihie:re wäre; dieſe aber folten ſie als die
Goͤttin der Jagd vorüellen,
Kaum war dieſer ireffliche Tempel fertig, fo fleckte ihn
Heroftratus, um fich in der Gefchichte berühmt zu machen,
ecce | A. 3594;
“
‚728 Sechs und dreyßigſte Tafel.
A. 3594 , eben in ber Nacht, da Alexander ver Große gebohe
ren wurde, in Brand. Er wurde hierauf zum zweytenmale,
eben fo prachtig erbauet, und gaben die Weiber ihr Gefchmeis
de willig dazu her. Alexander wollte die Koſten dazu alleine
tragen, wenn fie ihm vergönnen wollten, feinen Namen mit
in die Heberfihrift des Tempels zu fezen. Allein die Ephefier
waren zu fiol; in diefe Gnade zu willigen — fie lehnten diefel-
be unter dem Vorwande ab: daß es nicht wohl flehen wuͤr—
de, wenn fich die Öötter unfer einander felbft Tempel wid:
men wollten.
Diefer zweyte Tempel fund noch, da der Apoſtel Dauı
lus das Evangelium zu Epheſus predigte — aber mit der Aus—
brettung des Chriftenthums ‚, nahm fein Ruhm immer mehr ab;
bis er endlich unter den Kaifern Gallus und Valufianus,
von den Scythen wieder verbrannt wurde, fo daß man iezt
von demfelben nichts mehr, als noch einige Weberbleibfel, vom
dauer-Gewoͤlbe und zerbrochenen Geulen fieht.
nz EEE NL GT
9.
Das unverhofte Wiederſehen.
&.. englifcher Kaufmann, mit Namen Edmund, reifete
nac) Tunis. Ihn begleitete ein iunger Menſch von ungefehe
14 Sahren, den er an Kindes Statt angenommen hatte, und
- welcher Barl hieß. Sein Geburthsname war unbekannt,
Keil nun diefer Juͤngling fehr mißbegierig war, fo gieng er
überall herum, um Alles zu befehen ; und weil er ſchon
Zeichnen. gelernet hatte, fo gieng er auch zuweilen aufg Land,
um ſchoͤne Gegenden aufzunehmen — unterdeffen beforgte
fein Pflegvater feine Handlungsgefchäfte,
Einftmale, da Barl durch ein angenehmes Wäldchen
ohnmeit dem Meere gieng, fahe er einen reis, der in tie
fen Kummer verfenkt, neben einer Duelle ſaß. Seine Klei—
ding zeigte, daß er einer von ben Ungluͤcklichen fen a
ie
Chriſti Jugend. 729
hier, wie an einigen andern Orten, unter dem Namen der
Sklaven, als Vieh verhandelt werden. Neben ihn lag ein
Jängft verwelfter Blumenfranz, den der Kite von Zeit zu Zeit
in die Hand nehm, ihn mit gefenktem Haupte traurig Ans
blickte, und eine Threne darauf fallen ließ. Mitleivige Neus
gier bewog den iungen Engländer, fi ihm zu nähern. —
Er redete ihn freundlich an, ſezte ſich vertraulich an feiner
Seite nieder, und fragte ihn um die Urſache feines Kum—
mers. Der Alte feufzte, fahe dem tungen Fremdling meh-
muͤthig ing Geficht und ſprach: Laß die meine Gefchichte
nicht erzehlen, o Züngling! denn wenn bu ein Herz Saft, wie
ich, und noch empfinden Fannft, was ich empfunden babe,
fo wäre deinem feben auf lange Zeit alle Freude benommen. —
Der Züngling, deſſen mitleidige Reubegierde hierdurch nur
noch mehr gereizt wurde, drückte ihm die Hand, und bat ihn
inftändigft, fich durch nichts abhalten zu laſſen, ihm fein
Unglück zu erzehlen.
Da hub der Alte an: So wiſſe dann, mitleidiger
Süngling! daß diefer Eleine Hügel, an dem wir fijen, ven
fierblichen Theil des treuſten, des beſten weiblichen Gefchspfe
bedeckt, welches ich einft die Meinige nannte. Gie beglei.
tete mich auf einer Seereiſe, weil ich ohne fie nicht leben
Eonnte. Ein heftiger Sturm verfchlug ung an die afrikanifche
Küfte, wo wir von Seeräubern überfallen und gefangen ge-
nommen wurden. Unterdeſſen milderte der Himmel unfer
Ungluͤck dadurch, daß wir nicht getrennt wurden; denn mein
gutes Weib und ich, nebfi einem unmuͤndigen Sohne, der noch
an ber Bruft feiner Mutter lag, wurden von einem und eben
demfelben Heren gekauft. Man wieß ung zwar die befchwer-
lichften Arbeiten an, und begegnete ung oft mit unmenfchli-
cher Härte; aber doch ertrugen wir unfer Schickſal mit Gedult,
weil unfre Liebe Troft und Linderung in alle unfre Leiden goß.
Sp waren num fchon zwey Jahre verfloffen, da es Gott
gefiel — Hier flürzte dem Greife ein Strom von Threnen aus
den Augen. Er mußte einhalten. Bag foll ich dir fagen, gy-
ser Juͤngling! fuhr er endlich fort. — Siehe dieſen Hügel, er
Ccc 3 ſagt
"30 Sechs und dreyßigſte Tafel,
fagt dir Alles. — In ihm liegt die Zufriedenheit und das Glück
meines ganzen Lebens vergraben. — Über noch war mir et
was übrig geblieben, welches meine gebeugte Seele mit
der Welt verband — Es mar dag theure Pfand unfter fie
be, mein Eleiner Sohn, ber nun das dritte Jahr zurück gelegt
hatte — Ein tröftender Engel für mein blutendes Herz —
Wenn er fo unfchuldig und ruhig in meinen Armen lag, fo oft
ich an diefer mir heiligen Stätte mich niederfete, um meinem
Herzen durch Threnen Luft zu machen; wenn er mit feinen
Heinen Händen mich fireichelte und mich bat, nicht fo zu wei-
nen, und ich in feinem Gefichte dann die Züge feiner theuren
Mutter erkannte, ihn mit Subrunft an meine Bruft druͤckte,
und in ihm feine verflärte Mutter felbft zu umarıen meinte;
o fo hätte ich eine einzige Minute diefer wehmuͤthigen Woluft
nicht um den Beſitz der ganzen Welt vertaufgt.
Einſt, da ich wie gewöhnlich, um diefe Zeit der Mittage-
hize, wo man mir verflattet ein wenig auszuruhn, an biefer
Stelle faß, und meiner Betruͤbniß nachhieng, beſchaͤftigte fid)
mein kleiner Giebling Blumen zu pflücken, und einen Kranz
davon zu winden, den er an diefem Strauche bier, über dem
Grabe feiner lieben Mutter aufhängen wollte. In der Abs
ficht noch mehr Blumen zu holen, ließ er mir ven Kranz, der
beynahe fertig war, und lief vem Strande zu. — Ein ploͤzli—
ches Gefchrey, worinn ich feine Stimme erfannte, wekte mich
aus meiner Schwermuthb auf — Sc lief eilend nach dem
Strande : und — o Gott! da mußte ich mein liebes Kind in
den Händen unmenfchlicher Räuber fehen, die ſchon mit vollen
Segeln davon eilten! Vergebens fiehte ich Erd' und Himmel,
Gott und Menſchen um Huͤlfe an — vergebens ſtreckte ich
meine zitternde Arme aus, und bat die Unmenſchen, mich
wenigſtens mitzunehmen! Aber die Raͤuber waren ſchon zu
entfernt, um mein Jammergeſchrey zu verſtehen, und mein
Sohn, mein armer kleiner Sohn —
Liegt hier an ihrem Buſen! — rief der iunge Englaͤnder
aus, indem er ſich mit wuͤtender Empfindung in die Arme des
Greiſes warf, Lange bielien beyde ſich ſprachlos umfchlungen,
bis
Ehrifti Jugend. 208
bis ihre gewaltſamen Empfindungen fich endlich in reichliche
Freudenthrenen ergoffen. Das väterliche Herz kam allen an«
dern Beweifen zuvor, und überzeugte den glücklichen Alten,
daß er von keinem Blendwerke getäufcht werde ; fondern dag
er wirflich feinen geliebten verlohrnen Sohn wieder in feinen
Armen halte,
Nachdem beyde dag Vermögen zu reden wieder befom-
nen hatten, erzehlte Rarl, daß er feiner Entführung, auch
des Umſtandes, daß er damals eben Blumen gepflückt babe,
da man ihn geraubt hatte, fich immer lebhaft bewußt geblie-
ben wäre; daß er aber weder des Namens feines Vaters,
noch des Landes, wo er als Kind mit ihm gelebt hatte, ſich
iemals wieder habe erinnern Finnen. Die Seeraͤuber hätten
ihn damals nah Amerika gebracht, und ihn einem fpanis
fchen Sklavenhaͤndler verkauft. Von diefem fey er an einen
englifchen Kaufmann verhandelt worden, der ihn bald, wie
feinen Sohn, lieb gewonnen, ihn mit fih nach England
gebracht, umd in Ermangelung eigener Kinder, ihn zum Erben
feines ganzen Vermoͤgens eingeſezt habe. Und diefer fein
Mohlthäter ſey iezt in Handlungsgefchäften nit ihm nad)
Tunis gefonmen — Diefe Erzehlung wurde oft durch neue
Umarmungen, und durch neue Ergiegungen des väterlichen
und Findlichen Herzens unterbrochen. h
Dann eilte der entzücdte Juͤngling feinen lieben Pfleg⸗
vater aufzuſuchen, um ihn zum Zeugen feines unverhoften
Gluͤcks zu machen. Der Greis und Edmund hatten ſich
kaum einander begrüßt, als ihre Blicke ſtarrend an einander
Hängen blieben. Dein Name, lieber Greis? — fragte ber
Kaufmann. Iſt Edmund, erwiederte ber Alte; und der
Deinige? — ft der Name deines glücklichen Bruders
ſchrie Edmund, und warf ſich fprachlog in die Arme des
ganz betäubten Greiſes — der iunge Menſch blieb mit ſtarren
Augen und mit offenem Munde, wie verfeinert, fliehen,
ohne ein Wort hervorbringen zu koͤnnen. — Was ieder von
ihnen in diefen Augenblichen einer ſtummen, uͤberſchwenglichen
Empfindung fühlte, kann mit Worten nicht befchrieben werden,
— Endlich
732 Sechs und dreyßigſte Tafel. Chriſti Jugend.
Endlich kam es zu Erlaͤuterungen; und da fand es ſich,
daß der iuͤngere Edmund ſeinen Bruder fuͤr todt gehalten
habe, weil er ſeit ſeiner Abreiſe von England nie wieder et—
was von ihm habe erfahren koͤnnen, daß er ihn betrauret,
und fein anſehnliches Vermögen in Befiz genommen habe.
Er erzehlte ferner, daß der iunge Karl zur Zeit da er ihn
kaufte, feine Mutterſprache verlernt gehabt habe, daf er da-
ber nie habe auf den Gedanken kommen koͤnnen, daß er fein
Neffe fen, weil er ihn für den Sohn irgend eines Spaniers
gehalten habe. —
Der iuͤngere Edmund eilte darauf zu dem Herrn feines
Bruders, uud Faufte ifu los. Du bift frey mein theurer
Bruder, rief er ihm zu, da er zurück kam — — und Mor:
gen fahren wir nach England —
Aber mit innigfier Wehmuth mußte er hoͤren, daß fein
Bruder veft entjchloffen war, den kleinen Ueberreſt feines
Lebens an dem Drte zuzubeingen, wo die Geliebte Hülle fei-
ner Gattin begraben lag. Alles Zureden mar vergebens.
Es wurde daher befchloffen, am diefer Stelle ein kleines
Haus bauen zu laffen.
„ Bart verlangte, bey feinem Vater zu bleiben, um fet-
neg Alters in dieſem Hauschen zu pflegen. Der iuͤngere Eds
mund. hingegen reifete nach England ab , verkaufte feine
Handlung, und kehrte darauf zurück, um gleichfals bey fei-
nem Bruder, fo lange er noch leben würde, zugegen zu
feyn.
Kan
733
ENTER a TRATEN ENTE
Sieben und dreyßigſte Tafel,
I,
Die Taufe Chriſti.
RUhngefehr um das ſechs und zwanzigſte Jahr nach
Chriſti Geburt, trat Johannes am Jordan auf,
und machte kund, dag der Heiland der Voͤlker nun bald
erfheinen und. fein geiftliches oder himmliſches Neich aufs
sichten werde. Er Eeidete fi nad) Art der alten. Bros
pheten, bielt fih in der Wuͤſte auf, und lebte von gerine
gen Speifen. Sein ganzer Wandel war fo ausnehmend
heilig, und feine Reden fo nachdruͤcklich, daß ihn bag
ganze iuͤdiſche Volk für einen großen Propheten hielt. Um
eben die Gegend , bey welcher ehedem die Kinder Iſrael
trechenes Fußes durch den Jordan in das Land Kanaan
Siengen , fieng er fein wichtiges Gefhäfte, die Taufe,
en. Dies folte nehmlid das Mittel ſeyn, wodurch die
Gemuͤther der Juden zur willigen Yufnahme des Meſſias,
der nun bald oͤffentlich erfcheinen follte, vorbereitet würven.
Denn er Ichrte bieienigen, welche er taufte, daß fie
rechtſchaffene Buße tbun, undan den glauben follen,
ver nach ihm Fommen werde.
Nachdem nun Zohannes fein Gefchäfte faft drey Jah⸗
te gefrichben , und eine große Menge Fünger oder Anhäne
ger fich erworben, alle Ssfraeliten aber nad) der Ankunft
des Heilandes der Menſchen besierig gemacht hatte; fo
fam Jeſus, da er in dag dreykiafte Tahr gieng, aus
Odd Galilaͤa
el
734 Sieben und dreyßigſte Tafel.
Galilda zu dem Johannes am Jordan, und ließ fich ven
ihm taufen. Dieſer verminderte ſich ſehr, daß Jeſus
die Taufe von ihm begehrte. Daß andere , bie der Beſ—
ferung nöthig hatten, die Bußtaufe von ihm begehrten,
war dag, was er nach feinem Amte erwarten Fonnte; als
lein mit Jeſu war es ganz ein auderd, weil er alle Pflich-
ten eines frommen Iſraeliten vollfommen erfüllete. So»
bannes fagfe ihm daher, wie er doc) die Bußtaufe von
ihm verlangen fönnte — er, ber die Buße nicht bebürfe,
und der fo viel froͤmmer wäre als er, der ihm taufen
folte — er wäre nicht würdig ihn zu taufen — Aber
Jeſus wollte getauft werden, wie alle Jünger des Sohans
nes getauft wurden. Er war fo befcheiden, daß er ver
den andern Siraeliten aus, nichts eignes haben wollte,
um fo weniger, weil er iezt noch ‚nicht Sffentlih für den
Meßias erfläret war. Und dann wollte er auch öffentlich
zeigen, baß er die Taufe und Lehre des Johannes für gut
und Gott gefällig halte. Er fagte daher dem Johannes,
daß es wohl gethan wäre, daß er von ihn getauft würde —
und Johannes widerfprach ihm nicht weiter. Jeſus flieg
alfo in das Waffer hinein (denn alfo ward die Taufe das
mals verrichtet), und ward vom Sjohannes getauft. Und
da er herausſtieg, fo öffnete fi der Himmel — ber
Geift des Herrn erfchien über Chrifto in Geftalt einer Taus
be, und es erfchallte eine Stimme : Das ift mein lie
ber Sohn, an dem ich Wohlgefallen babe (a). Dieß
war das Zeichen, an welchem Sjohannes erkennen follte,
welche Verfon der Meßias ſey — Daher zeugete er auch
von der Zeit an von Jeſu, daß er der Sohn Gottes, der
Heiland der Menfchen wäre, und wies feine eigene Juͤn⸗
ger zu ihm. Ueberhaupt machte Johannes unter den Füs
den ungemein viel Aufſehen; weil es aber die Sünden
des
Die Taufe Chriſti. 735
bes DVierfürften Herodes fehr ernftlich beftrafte, fo wurde
er von diefem Herrn ing Gefängniß geworfen, und ende
lich auf Bitten, feiner böfen Gemahlin enthauptet. (ec)
Jeſus gieng fodann nad) feiner Taufe in die über dem
Jordan gelegene große Wüfte, theils, fid) in der Stille zu
feinem wichtigen Amte durch Faſten und Beten vorzubereis
fen; theils aber auch, eine große Berfuchung vom Satan,
dem Erbfeinde der Menfchen und ihrer Erlöfung, auszuhale
ten. Derfelbe trat in Seftalt eines Menfchen zu Sefu (b),
und muthete ihm allerloy Dinge zu, die der Hoheit feiner
Derfon aͤuſſerſt unanfländig waren, und der Abficht feiner
Sendung gerade mwiderfprachen. Er. verlangte nehmlid)
von Jeſu, weil ihm nad) einem vierzigtägigen Faſten hun⸗
gerte, er follte feine Gottheit bemweifen, Wunder thun,
und Steine in Brod verwandeln — oder fih von ber
fürchterlichen Höhe des Tempels unbefchädiget herab fürs
zen — oder, indem er ‚ihn auf einen hoben Berg führte,
auf welchem eine weite Ausſicht in viele Länder war, er
follte ihn anbeten, fo wolle er ihm alle diefe Länder fchena
fen. — Diefer Vertwegenheit des Satans begegnete Jeſus
mit Worten ber heiligen Schrift, und ſagte: es ſtehet ges
fhrieben , der Menſch leber nicht vom Brode allein —
Du ſollſt den Herrn deinen Gott nieht verſuchen —
Du follft den Herrn deinen Gott anbeten und ihm
allein dienen — er follte alfo feinen unverſchaͤmten Zus
mufhungen ein Ende machen, und fich entfernen. Dieß
geſchahe — der Betruͤger war zu Schanden gemacht —
überwunden — verſtoßen — und Gottes heilige Engel
traten zu Jeſu, und dieneten ihm.
IEITRIR
Dbd a Hilf
‘
736 Sieben und dreykigfte Tafel.
Hilf mir ieden Reiz der Sünden
Jeſus Chriſtus, uͤberwinden!
Will ich fallen, irre gehn,
Laß auf dich, auf dich mich ſehn!
Nicht des Reizes, nicht des Spottes
Achten = Nur ber Worte GSottes.
Mein Gemiffen bleibe rein,
Und mein Herz wird Freude feyn.
RT LET 0
2 ME
Die Taufe der Katholifen und der Griechen.
N, Taufbandlung gefchieht in der römifhFatholifchen
Rirbe (a) folgender maffen : Nachdem der Priefler fich
vor Gott im Gebete gefammlet, die Hände gewafchen, bie
Amts » Kleider angethan, und in diefem Anzuge, von feinen
Zugegebenen begleitet, zur Kirchthüre gekommen iſt, wo
man drauffen auf ihn martef ; fragt er die Taufzeugen, was
für eisı Kind fie der Kirche zubringen, ob fie die Pathen
feyn , ob fie in dem Eatholifchen und apoftelifchen Glauben
zu leben und zu ferben gedenfen, und mag vor einen Na-
men fie dem Kinde geben wollen ? Darnach thut er an fie
eine Ermahnung zur Andacht, melde fie bey diefer Hand⸗
lung zu bezeigen haben. Er fährt fort, nennt das Kind
mit feinem Namen, und fpricht, was begehrſt du von
der Rirche? der Pathe antwortet : den Glauben. Der
Prieſter fährt fort und fragt : was iſt des Glaubens
Frucht? Antwort: das ewige Keben. Der Priefter :
wenn du zum ewigen Leben gelangen willft, fo halte die
Gebote Gottes: du follft den Herrn deinen Gott lies
ben
Die Taufe Ehrifli. 737
ben von deinem ganzen Zerzen, u. f. w. barauf bläst
er dem Kinde breymal ing Gefiht und fpricht zugleich :
Sabre aus! aus diefem Rinde, du unreiner Geift,
und mache dem heiligen Geifte Plaz ! Nach diefent
macht ee mit dem Daumen der rechten Hand ein Kreuz auf
des Kindes Stiene, und ein anders auf feine Bruft, und
fagt ; empfahe das Zeichen des Kreuzes auf die Stir—
ne und das Herz ıc. Er nimmt feine Müze ab, fpricht
ein Furzes Gebet , legt die Hand auf bes Kindes Haupt,
welches er fachte berührt, und betet zum andernmal. Als⸗
denn fegnet er das Salz, nimmt davon, und thut ein
wenig in des Kindes Mund mit den Worten : empfabe
das Salz der Weisheit. Kr betet zum brittenmale, bes
deckt fich und beſchwoͤrt den Fürften der Finſterniß. Am
Ende der Beſchwoͤrung macht er abermal ein Kreuz auf des
Kindes Stirne , legt ihm die Hand auf und thus noch ein
Gebet.
Nach dieſem vierdten Gebete bedeckt ers mit dem Ein,
de feines Rocks, zieht eg bey einem Zipfel der Windel,
und führt es fo in die Kirche. Die Pathen gehen mit bins
ein und fprechen , indem fie zum Taufſtein treten, mit
dem Prieſter dag apoftolifche Glaubensbekentniß und dag
Vaterunſer. Beym Zaufftein beſchwoͤrt der Priefter den
Teufel noch einmal , und nimmt dann mit dem rechten Dau—⸗
men Speichel aus feinem Munde : damit beftreicht er tie
Ohren und Nafenlöcher des Kindes und fpricht , indem er
das rechte Ohr berührt , ein bebräifches Wort, welches
heiſſet: werde aufgerban! mie ber_ Heilend zu ienen
taubgebohrnen Stunmen ſagte. Hierauf wird dag Kind
aufgewunden, menigftens bis unter die Schultern, da its
deffen ber Priefter das heilige Dehl zurechte machet — ber
Pathe nimmt das entbloͤßte Kind, und haͤlt es gerade über
Doddz3 den
138 Sieben und dreyßigſte Tafel.
den Taufftein ; die Amme halte bey den Füßen, fo, baf
das Kind gegen Niedergang gefehret iſt. Der Briefter fragt
das Kind, ob es dem Teufel, feinen Werfen und feinem
Weſen abfage, und der Parhe antwortet wie gewoͤhnlich.
Der Priefter falbt das Kind ztoifchen den Schultern creuz⸗
weiſe und legt darauf den violetbraunen Nod ab, zieht eis
nen weiffen an, fragt das Sind aufs neue wegen feines
Slaubeng , morauf der Pathe fiatt feiner autiwortef. Der
Schluß diefer langen Vorbereitung iſt, daß der Priefler
dag zur Taufe geweihete Waſſer nimmt, dreymal Freuzmeis
fe davon dem Kinde auf die Stirne geußt, und im Angief
fen ſagt: Ib tanfe dich ꝛe. dabey er fich forgfaltig in
acht nimmt, daß er bey iededmaliger Angießung einen der
Namen der heil. Dreyeinigfeit ausiprede. Nach der Bes
fprengung mit dem Waffer, falbt er das Kind kreuzweiſe auf
dem Haupte, und thut ihm eine meiffe Leinwad auf das
Haupt , melches das weiſſe Kleid bedeutet , deffen in heil,
Schrift gedacht wird. In die Hand des indes, oder
vielmehr des Pathen fteckt er eine brennende Wachskerze.
Dieß find die Taufgebräuche,, welche der Prieſter mit eis
ner Ermahnung endigt ; die er aber unterläßt, wenn dag
Rind in Todesgefahr ift, mit Vorbehalt , diefelbe nach-
zuholen, wenn es ſich mit demſelben wieder beſſert. Iſt
aber die Todesgefahr ſo groß, daß zu beſorgen iſt, man
moͤchte nicht den Prieſter erreichen, ſo wird das Kind von
der Wehemutter getauft.
Bey der Taufhandlung der Griechen, oder der Ruß
fen (b) kommen viele merkwürdige Umſtaͤnde vor. Sobald
das Kind zur Welt gebohren ift, beruft man einen Priefter,
um eg zu reinigen ; welche Reinigung fich denn über alle
Anweſende erſtrecket. In der Kirche ſteckt der Prieſter eis
nige brennende Kerzen, die ihm die Gevattern darreichen,
auf
Die Taufe Chrifti. 739
auf das Taufgefäffe: hernach räuchert er die Gevattern
und weihet dus Waffer ; darauf geht er mit denſelben drey⸗
mal in Proceffion um den Taufbrunnen, und der Geiftliche
der vorangeht , trägt dag Bildniß des heil. Johannes.
Nach dem Befentniffe,, welches die Taufzeugen im Namen
des Kindes hun, daß er dem Teufel, feinen Engeln und
feinen Werfen abfage, folget die Beſchwoͤrung, welche
auffer der Kirche verrichtet wird , damit der Teufel, wann
er aus dem Leibe des Kindes ausfährt , bdiefelbe nicht ents
heilige. Die Taufe felbft gefchieht durch eine dreyfache
Eintauchung im Namen des dreyeinigen Gottes, Nach
der Taufe legt der Priefter dem Kinde ein Körnchen Salz in
Ben Mund , verrichtet die Salbung Freusmeife , zieht ihm
ein weiſſes Hemd an , und fpricht: iezt bift du eben fo
rein als diefes Jemd , und von den Slecken der Erb»
fünde gereiniget. Endlich hänget man dem Finde, zum
Zeugniß, daß es die Taufe empfangen babe, ein kleines
Kreuz, von Gold, Silber ıc. um den Hals , welches
es bis in dag Grab fragen muß. Die Gevattern bey der
zuffifchen Taufe halten fih gegen die Zäuflinge fehr vers
pflichtet, und betrachten biefelben , als leibliches Ges
ſchwiſter. Auch heben die Pathen des erſtern Kindes als
le folgenden Geſchwiſterte aus der Taufe, Das Rind
befommt allezeit den Namen besienigen Heiligen, der om
Tage ber Taufe im Kalender fieht , daher denn bald mie
der Taufe geeilet ,„ bald diefelbe verfchoben wird, Bey
ieder Taufhandlung wird ber Brunn, oder dag groffe Ges
fäfe mit frifchem Waſſer angefüllet, weil fie glauben, daß
felbft das Waffer durch die Erbſuͤnde des Kindes ſey verun⸗
zeiniget worden.
u
Odd4
740 Sieben und dreyßigſte Tafel,
2
Chriſtliche Geſchichte.
DT), fo wichtige und aller chriftlihen Jugend zu wiſſen
unentbehrlihe, fchöne, Geſchichte der Chriften und ih⸗
ver Religion in einem kurzen und doch vollfiändigen und
faßlihen Auszuge zu liefern, wird es gut feyn, diefelbe
nach dreyen Abtheilungen zu entwerfen, und in der ers
ſten die Geſchichte der chrifilichen Religion überhaupt, in
ber 3weyten, die Gefchichte der größeen chriftlihen Reli—
gions » Partheyen,, und in der dritten, die Öefchichte der
kleinern chriftlichen Religiong - Partheyen abzuhandeln.
1. Die Geſchichte der chriftliben Religion über,
baupt fann in vier Perioden abgetheilt werden :
1. Die erfte Periode geht von dem Anfange des
neuen Teflamentes, oder von der Geburt Chriſti big auf
des Kaifers Conffantin des Großen öffentliche Bekentniß
zur chriſtlichen Religion; oder vom Jahre Chriſti ı big
211, und begreift alfo zıı Jahre. In dieſer Periode wur
de die chriftliche Religion von Ehrifto ſelbſt, feinen Apos
ſteln und Tüngern und den erfien Rirchenlebrern oder
Rirchenvätern ausgebreitet. Die Apoſtel, infonderheit
Petrus und Paulus, zogen in verfihiedenen Ländern ums
her und predigten das Evangelium, welches auch fogleich |
son vielen Zaufenden , fonderli in Iudda, Syrien,
Bleinafien, Griehenland,, Italien und Egypten ans
genommen wurde. Zu Antiochien wurden die Jünger zuerſt
mit den Namen Chriften benennet. Im zweyten Jahr⸗
hunderte breitete ſich die chriftliche Religion in Galler,
Spanien,
Die Taufe Chrifti. 741
Spanien, Brittanien, einigen Gegenden in Deutfch
land, Sarmatien ; im dritten aber auch in Arabien
und Schottland aus — doch waren in allen diefen Ländern
die Chriften nur hin und wieder zerſtreut, und Ichten un.
ter beſtaͤndigen Verfolgungen ; wie fie denn insbefondere,
unter den heibnifchen Kaifern, zehe harte und graufame
Verfolgungen zu erdulten haften. Unter den Kirchenlehs
rern machten ſich vornehmlich Clemens, Ignatius, Ter⸗
tullianus, Origenes und Gregorius berühmt. Sin dies
fer Periode behielt die chriſtliche Kebre ihre urfpringliche
Reinigkeit. Man wußte nod) nichts von prächtigen Tem⸗
peln und vielen Feſten, und die Kirchenzucht wurde gegen
grobe Sünder mit aller Schärfe geführt.
2. Die zweyte Periode geht von bem Befent
niße Conſtantin des Großen bis auf die Trennung der
Iateinifchen und grichifhen Kirche: oder von zıı, big 712,
und begreift 401 Jahre. Nachdem fih Kaifer Conftantin
Der Große zur chriftlichen Religion sffentlich bekannt hatte,
fo wurde diefelbe die herrſchende Neligion im römifchen
Reiche, obgleich nod) viele Heiden, fonderlich in den Doͤr⸗
fern waren. Auſſerhalb demfelben nahmen die Aethiopier,
die Iberier , die Gothen, die Irlaͤnder, Britten
und Sranfen, die Bayeın, Schwaben, Weltphalen,
Diederländer und Schweizer den chriftlichen Glauben an.
Es wurden Kirchen und ARlöfter gebaut, und der öffents
liche Gottesdienſt barinnen gehalten, auch neue Sefte, und
fichlihe Bedienungen verordnet ; Glocken und Orgeln
geſtiftet, und zur Erhaltung und Vertheibigung der reinen
Lehre einige Rivchenverfanimlungen gehalten, vornehms
lich zu Klices,. Ronftantinopel, Epheſus und Chal—
cedon. Die berühnitefien Lehrer in diefee Periode waren:
Euſebius, Atchanaſius, Bafılius, Ambrofus, Chry
Dbd5 ſoſto mus,
72 Sieben und dreykigfie Tafel.
foftomus , Hieronimus und Auauftinus. Auch zu
diefer Zeit hatten die Ehriften viele Werfolgungen von dem
Kaifer Tulianus , von den Urianern und Mahomeda—
nern zu erdulten.
3. Die dritte Periode geht von ber ' Trennung
ber Tateinifchen und griechifchen Kirche , bis zu den Anfang
der Trennung der roͤmiſchkatholiſchen und profeftantifchen
Kirche , oder von 712, big 1517, und begreift 805 jahre.
Die Trennung der lateinifchen oder occidentalifchen und
sriechifehben oder orientalifhen Kirche entflund im Anfan-
ge diefer Periode , nachdem die griechifhen Biſchoͤfe zu
Konſtantinopel anfiengen über das vorzügliche Anfehen ber
Biſchoͤfe zu Rom eiferfüchtig zu werden, auch die vielen
Bilder aus den Kirchen fchaffeten und lehrten, daß ber
heilige Geift nur vom Vater, und nicht vom Sohne aufs
gehe. Die chriftliche Religion breitete fich intzwiſchen uns
ter den Schfen, Dänen, Schweden, Böhmen,
Maͤhren, Polen , Bulgariern und Sclavoniern, un⸗
ter den Mormännern : Nuffen, Ungaen, Pommern ,
Norwegern, Finländern, Nügern, Lieffändern, Preuffen,
fithauern und Samogieten aus, Es wurden viele neue
Bisthuͤmer gefliftet , verfchiebene neue Sefte, die Inqui⸗
fition , die Hoftien oder Oblaten beym heil. Abendmahle,
und die Roſenkraͤnze eingeführt, auch verfchiebene Geſeze
wider die Ehe der Driefter gemacht, neue Orden geftif-
tet, und die Beiligen Kriege geführt. Die berühmtefien
Kirchenserfammlungen waren : die Iateranifchen , lionnis
fen, das coftnizer und basler — und bie berühmteflen
Lehrer : Damaftenus , Anaſtaſius, Bernbardus,
Thomas Aquinas, Duns Scotus, Taylerus und
Thomas von Rempen. Die Chriften wurden von den
Tuͤrken, ben heidniſchen Normaͤnnern, Dänen und
i Menden,
Die Taufe Chriſti. 743
Menden, Slaven, Preuffen und Fitthauern ; und unter
den Chriften, die Waldenfer , Wiklefiten und Hußiten
fehr heftig verfolgt.
4. Die vierdte Periode geht vom Anfange ber
römifchFatbolifchen und proteftantifchen Kirche , big auf die
gegenwaͤrtigen Zeiten. Zu diefer Trennung gab vornehms
lic) die Gerfündigung gewiffer Indulgenzien , oder eines
großen Ublaffes, welchen der Papſt allein verliche, und
welchen Johann Tezel, ein Dominikaner Minh , in
Sachſen verkuͤndigte, Anlaß. Gegen biefe Bredigten und ans
dere Lehren ber Fatholifhen Kirche, lehrten Luther und
mehrere Öelehrte — und es Fam endlich, nach vielen ges
haltenen Reichstaͤgen, vormehmlid den zu Augsburg
(Tab. XLIX, 4.), und nad) dem weſtphaͤliſchen Sries
ven fo weit, daß fih bie profeflantifche Kirche von der
römifchkatholifchen frennete. Dieß gefchahe vornehmlich
von 1517, bis 1648, , Beyde Religionen bereiteten fich ins
mer mehe aus, vornehmlich die Fatholiiche, in Indien,
China, und Tapan, am Kupbrat und in Armenien —
und die proteftantifche unter den Malabaren ; obgleich dies
felbe vornehmlich in ben Niederlanden , in Franfreich und
Salzburg, und durch das tridentinifche Concilium viele
Widerwaͤrtigkeiten erfahren mußte. Diefe Periode pranget
mit den frefflichfien Kebrern. In der roͤmiſchkatholiſchen
Kirche machten fich vorzüglich berühmt : Caietanus, Bel
Iarminus , Boſſuet, Senelon, Du Pin, A4uetius,
le Long, Maſſillon ze. In der reformirten Kirche:
Zwinglius, Calvinus, Spanbeim, Vitringe, Saw
win, Lampe, Watts, Doddridge , Stapfer ꝛc. In
der Lutherifchen Kiehe : Kutber , Melanchthon, Tu
fius Jonas, EChemnitins, Arndt, Gerhard, Carpı
300, Geier, Scriver, Spener, Sranfe, Buddeus,
Micha⸗
744 Sieben und dbreyßigfte Tafel.
Michaelis, Rambah, Teller, Mosheim, Baumgar
ten, Jeruſalem, Suͤßmilch ꝛc.
I. Was num die Geſchichte der groͤßern Religis
ons : Partbeyen insbefondere_betrift,, fo Fann biefelbe
nach) folgendem Plane am faßlichflen abgehandelt und bes
balten werden:
1. Die roͤmiſche Kirche. Die Glieder derfelben
nehmen die geiftliche Dberherrfchaft und Gerichtsbarkeit des
Dapftes , oder Bifchofs zu Nom an, und werden baher
bald Dapiften, bald Ratholifhe, auch Lateiner ge-
nannt. Bie ift nicht auf einmal entftanden , fünbern nad
und nach , durch die ſtufenweiſe herangewachſene Gewalt
und Herrlichkeit der römifchen Bifchäfe, und die von ihnen
vorgenommene Einführung mancher Lehren und Gebräuche,
aufgefommen. Die eigentliche Gründung derfelben gefchahe
sornehmlich im fiebenten, achten und neunten Sjahrhunders
te , da ber römifche Bifchof von den damaligen Saifern die
böchfte Gerichtsbarkeit in der Kirche erhielt. Vom neumten
Jahrhunderte an flieg fie zum hoͤchſten Anfehen, welches
von Zeit su Zeit abfenderlich durch die großen Trennungen,
bald verringert, bald wieder vergrößert wurde. Ihre Uns
terfheidungs : Kehren betreffen : 1) die Untrüglichfeit
und hoͤchſte Gerichtsbarkeit des Pabſtes, =) den unbeduns
genen Geherfam gegen die Kirche und ihre Verordnungen,
3) die Verdienflli_gfeit des Glaubens und der guten Wer-
fe, 4) bie Zahl und Befchaffenheit der Sacramente, deren
fie..fieben haben, nehmlich: die Taufe, die Firmung,
Bas Abendmahl, die Buße, die geiftlihen Drden, den
Eheftand und die legte Oehlung. 5) Die Nothwendigkeit
der DOhrenbeichte , 6) die rechtmäßige Entziehung des
Kelchs im Abendmahle, 7) die Verbindlichkeit menſchlicher
Yuffäze von Faſten, Unterfhieb der Speiſen, Buß» Uebim-
gen,
Die Taufe Chriſti. 745
sen, NHerfagung einiger Gebetsformeln , Verehrung ber
Heiligen und ihrer Leberbleibfel und Abbildungen auch Walls
farthen — 8) bas Fegfeuer, und bie moͤgliche Befreyung
aus demjelben durch anderer Verdienſt und der Kirchen Ges
walt. Der Papfi, welchen fie für den Stadthalter
Ehrifti auf Erden, für den Nachfolger Petri, und dag
fihtbare Oberhaupt der Rirche halten, hat feine Reſi⸗
den; feit etlich bumbdert Jahren in Rom, im lateraniſchen
Pallaſt, bey der Engelsburg. Die Wabl eines Papſtes
gefchieht duch die Rardinaͤle im Conclave, welches vies
le Eleine Zellen im vatifanifchen Pallaſte find, und in mels
chen fich die Kardindle einzeln verſchlieſſen. Sie gefihieht
entweder durch Eingebung (Rompromiß), oder am mei«
fien durch das Sfrutinium und Acces. Nach der Wahl
wird er mit der Tiara , oder großen Müze mit drey gold-
nen Kronen gekrönt, (a) und allgemein verehret. Auſſer
dem Papſte umd feinen fiebenzig Kardinälen, giebt es in
der römifchen Kirche noch : Erzbiſchoͤfe, Bifchöfe, Prä-
Isten , Uebte, Domberren, Rapitularen, und uns
zehlich vielerley Orden, Mönde und Nonnen (Tab. L,
2.4.). Sie ift die herrſchende Kirche in Spanien und
Dortugal , in einigen Landfchaften der Schweiz und in
den Sfterreihifgen Niederlanden , in Italien, Frankreich,
Nolen , Ungarn , ©iebenbürgen und einigen Ländern
Deutfchlandes.
3. Die griechiſche Kirche. Sie beſteht aus den
Gemeinen, melde die Ausfprüche der fieben erfien allge
meinen Kirchenverfammlungen annehmen, und mit Verwer⸗
fung der päpftlichen GerichtSbarkeit, unter den vier Patrir
erden, zu Konflantinopel, Alerandrien, Antiochien und
Serufalem , oder doch wenigftens in Gemeinfchaft mit den-
felben ſtehen. Sie ift im eilften Sahrhunderte duch Mich—
al
746 Sieben und dreyßigſte Tafel.
ael Cerulsrius völlig zu Stande gefommen , nachdem
fhon im zweyten, der Streit wegen beftimmter Geyer des
Diterfeftes, im fünften und fiebenten der Streit über den
Vorzug des römifchen Bifchofes, und im achten die Bilder.
ffürmerey , zu diefer Trennung Anlaß gegeben hat. Ihre
Unterfheidungsiehren betreffen : 1) das Ausgehen bes
heiligen Geiſtes vom Water alleine, 2) die Nothiwendig-
feit des dreymaligen Untertauchens in der Taufe, 3) den
nothivendigen Gebrauch des ungefäuerten Brodes im Abend»
mahle , wie auch den Genuß deßelben von Kindern, 4) bie
nothwendige Enthaltung vom Blut und Erftiten, 5) bie
Derwerfung des Papſtes, 6) die Verehrung und Anruf—
fung der Engel, Heiligen, Bilder und Reliquien, 7) bie
fieben Sacramente: Die Taufe, bie Salbung nad der
Taufe, die Communion, die Beichfe, die Ordination, bie
Ehe, die lezte Salbung. 8) Die Strafe einiger Ausers
mwehlten nach dem Tode, umd bie Fürbitte vor viefelben.
Der Patriarch zu Ronftantinopel (b), welcher die Ober,
ftelle unter den übrigen hat, mird von der ganzen Kleriſey
gewehlt, doc ift dieſe Wahl fo lange ohne Nachdruck, big
ihm der türfifche Kaifer nad) überreichtem Tribute, die Kon⸗
firmation ertheilet. Dieß gefchieht nicht nur vermittelft eis
nes Briefes, fondern auch durch Verehrung eines weißen
Dferdes, eines Patriarchen Stabs, einer ſchwarzen Kaps
pe, und eines geblumten Unterrocfes. Auffer den tier
Patriarchen, hat diefe Kirche zu Vorfiehern und Lehrern
auch Mietropoliten, Weltefte, DiaFonen, Archiman—
driten, Officialen und Popen, ingleichen viele Moͤnche
und Kremiten. Sie ift bie herrſchende Kirche in Ruß»
fand , hat aber auch im tuͤrkiſchen Neiche , in Polen,
Ungarn , Siebenbürgen und im ungarifchen Syrien freye
gottesdienftliche Uebung.
3. Die
Die Taufe Chrifls 747
3. Die evangelifh : Iutherifche Rirche, Sie
ift in der erſten Hälfte des fechzehnten Jahrhundertes durch
den Dienft Martin Luthers und feiner Gehuͤlfen, vom
Papſttume abgefondert worden, und bekennt fich zu den in
ver heiligen Schrift gegründeten Lehrbegriff, wie derfelbe
in den Yrormal: und fymbolifhen Büchern ſowohl, alg
öffentlichen Bekentnißen befonderer Gegenden enthalten
und vorgetragen if. Martin Luther (c) anfangs Aus
guftiner Moͤnch, nachmals Doktor und Profeffor der Theo,
logie zu Wittenberg, fieng 1517 an, wider die Sndulgen-
jien zu predigen , ward darüber zu Rede gefest, und, da
er fortfuhe feine Gründe zu vertheidigen, ia den Dann
gethan, und in die Reichsacht erklärt. Es fanden fich aber
Fürften , Gelehrte und Stande des deutfchen Reiches, die
feiner Lehre Beyfall gaben und ihn unterſtuͤzten; big endlich
er, und alle bie feiner Lehre beypflichteten, in einer
Schrift, welche die augsburgijche Konfeſſion genennet wird,
biefelbe Öffentlich behaupteten, und fo, nach und nach, eine
eigene Neligions » Parthey ausmachten. Zu biefem Ges
fhäfte half ihm vornehmlich Philipp Melanchthon (d),
Profeffor zu Wittenberg, und Johannes der Beftändige
Ehurfürft zu Sachfen. Diefe Proteftanten nahmen, nach
ihren Unterfiheidungs: Lehren; nur zwey Sacramente
on, die Taufe und das Übendmahl, welches leztere auch
den Layen unter beyderley Geflalt, unter Brod und Wein,
gegeben werden mußte. Berner behaupten fie, dag, um
Vergebung der Sünden zu erlangen, nichts anders nöchig
wäre, ald wahrer Glaube an Jeſum Chriſtum. Sie er.
flären aber dieſen Glauben fo, daß er mit Buße, oder
mit beftändiger Befferung der Seele entweder alfobald ver,
fnüpft wäre, oder daß er fie fogleich wirken müßte, wenn
er ein wahrer Ölaube ſeyn follte. Ueberhaupts nehmen fie
feine
748 Sieben und dreygigfte Tafel.
feine von den Unterfcheidungslehren ber Fatholifchen Kirche
an. Bie erkennen auch Fein fichtbareg Dberhaupt ber
Kirche, fondern haben zu Vorftehern und Lehrern berfel-
ben: Eonfifiorien, Superintendenten, Senioren, Aebte,
Doftores, Prediger, Pfarrer ꝛc. Sie ift die berrfchen:
de Kirche in Dänemark, Norwegen, Schweden, Preußen, in
Liefland, Sjngermanland und dem ruſſiſchen Antheile an
Sinnland; hat in Deutfhland, Siebenbürgen und Kurland
gleiche Nechte mit den NömifchFatholifchen , und cUe Re—
ligiong » Sreyheit in ben vereinigten Niederlanden, in Eng»
land , im ruffifchen und türfifchen Reiche , ift aber in Un»
garn und Polen ziemlich eingefchränft.
4. Die evangelifh » reformirte Rirche. Sie
iſt unter den neuern abendländifchen, von den lutherifchen
unterfchiedenen Kirchen , die erfte und ſtaͤrkſte, welche fich
im Anfange des ſechzehnten Jahrhundertes, bey der grofs
fen Reformation, mit den Lutheranern vom Papſtume abs
gefondert, denfelben auch am nechſten fommt, doch in vers
fhiedenen Lehren, fonderlih vom Abendmahle und der
Gnadenwahl von ihnen abgeht. Sie werden auch Zwing:
Tianer, Calviniſten, Hugenotten und Presbyterianer
genannt. Schon 1718 gieng bie Siechenverbefferung in
der Schweig durch Ulrich Zwinglius (e) zu Zuͤrch, und
Johann Decolompadius zu Bafelan. Nachdem aber zu
Wittenberg durch Andreas Larlitadt ız21, in ber Lehre
vom Abendmahle, und durch Abſchaffung mancher Kirchen -
gebräuche einige Unruhe entflanden ; fo beflritien die
fchmweizerifchen Lehrer 1524 einige von Luther behauptete
Lehren , und blieben auf ber zu Marpurg 1529 gehaltenen
Unterredung, verfchiedener Meinung. Endlich brachte
Johann Calvinus (NM, nebft feinen Gehülfen, zu Genf
und in der Schweiz, ſowohl den Lehrbegriff, als auch die
Kirchen⸗
Die Taufe Chriſti. 749
Kirchenverfaſſung derfelben, Gemeinen in mehrere Ordnung
und genauere Einſchraͤnkung; welchem nachher die meiften
Gemeinen, auch an andern Orten beygetretten find. Die
Unterfcheidungsiehren biefer Kirche betreffen: 1) dag
heil. Abentmabl, inden fie die wirkliche Öegenwvart deg
Leibes und Blutes Eyriffi verwerfen, und eine bios geiff«
lie Genießung dejfelden durch den’ Glauben zugeben !
2) die Gnade Gottes, Sowohl den Grund bderfelden im
unbedungenen Rathſchluß Gottes uͤber der Menſchen Se
ligkeit und Ve erdammniß, als auch der Urt ihrer unwider⸗
ſezlichen Wirkung; 3) die Kirchenverfaſſung und bie gottes—
dienſtlichen Gebraͤuche, dabey fie auf eine gaͤnzliche Abs
ſchaffung aller, aus dem Alterthume beybehaltenen Gewohn⸗
heiten, Bilder, Cruzifixe und dergl. dringen. Zu Vor—
ſtehern und Lehrern haben fie gleichfals Conſiſtorien, Ael-
teſte, Prediger und Diakonen. Sie iſt die herrſchen⸗
de Kirche in den vereinigten Niederlanden, in einem Theis
le von der Schweiz und in Schertland ; hat in Deutfch«
land und Siebenbürgen gleiche Rechte mit den Katholifen
und futheranern, und in einigen Öegenten der Schweiz
mit den Katholiken ; wird in England , Ungarn und Polen,
Curland, Daͤnemark, Schweden und RNußland gedultet ,
hat auch in Preuſſen alle Religions-Freyheit, wird aber
in Sranfreich "unterdrücfet.
5. Die engländifche evangeliſche Kirche. Es
theilet fi) dieſelbe in die bifchöfliche und presbyterianiſche
Kirche.
a: Die biſchoͤfliche Rirche iſt 1548 unter Beil
Könige Eduard VI entſtanden, nachdem ſchon Heinrich
VIE die Abſenderung vom Papſtume zu Stande gebracht
und vornehmlich den Kehrbegriff der Neformirten angenoms
men hatte. Sie wird dur; Behaͤuptung einer Nothwen—
Eee bigfeit
7x0 Sieben und dreyßigſte Tafel.
bigfeit der bifchsflichen Kirchenverfofims und Annehmung F
des Glaubensbefentnißes der 39 Art:Fel, mie auch der
P-iturgie, oder des gemeinen Gebefbuches, von den uͤbri—
gen Gemeinen unterfchieden. ie halten, nad ihren übs
rigen Unterfiheidungslehren, den König vor das Obers
haupt der Kirche, erheben das Anfehen der Kirdhenväter
fehr hoch, und dulten, in Anfehung der wichtigſten Leh—
ren fehr verfchiedene Meinungen. Ihre ZAlerifey wird in
die bobe und niedere cingetheilt. Zu jener gehören bie
Erzbiſchoͤfe, Biſchoͤfe und Praͤlaten; in diefen Orden
aber die Prieſter und Diakonen. Die zwey Erzbiſchoͤfe
zu Kanterbury und von Nork ſind die vornehmſten, und
zugleich Primaten des Reichs. Sie herrſchet in Eng—
land und Irland, und unter den Englaͤndern, welche
ſich in den vereinigten Niederlanden, in Schweden und
Nußland aufhalten ; haben auch dafelbft freye gottesdienftlie
che Uebung; ia man laffet ihnen auch den flillen Got,
tesdienft zu Bourdeaux und Livorno zu.
b. Die Presbyterianer , welche auch ons
Fonformiften und Puritaner genennet werben, haben fich
durch Verwerfung der Biſchoͤfe, und behauptete allgemeis
ne Gleichheit der gottesdienfilichen Lehrer, auch Gerichts,
barfeit der Berfammlungen derfelben in Kirchenfachen, von
den übrigen Genteinen abgefondert, fonft aber den Lehrs
begriff der reformirten Kirche angenommen. Sie find in
Schottland gleich bey der Reformation, in England aber
nach und nach, unter den Königinnen Maria und Klifas
betb eniftanden.
Ill. Auffer diefen groffern Neligiong - Partheyen gab
und giebt es in der, chrilichen Kirche noch Fleinere Pars
tbeyen, Seften, Rezereyen und Anhänger PER
dener Meinungen. Hieher gehören
s. vor⸗
Die Taufe Chriſti. 751
1. vormalige irrglaubige Partheyen des chriftlis
‚Sen Alterthuns: Die Eroflifer, welche in dem goͤttli—
chen Weſen eine manchfaltige Öartung von Geiſtes-Ausge—
burten annahmen , welche fie die Fülle naunien ; Die
Manichaͤer, die zwey hoͤchſte Grundweſen, ein gutes und
ein böfes gläubien ; Die Arianer , welde den. Sohn
umd den Geiſt Gottes für Gott» äßmliche Geſchoͤpfe bielien;
Die Delegianer, welche das allgemeine natürlihe Verden
ben der Menſchen Jeugneten.
2. Die Gemeinen, Tie ech vor der Aefor:
mation vom Papſtume abgeſondert baben, nehmlich:
Die Wiklefiien, welche vornehmlich ın England, ſchon von
1370 an, die Gewalt der Öeiftlichen und der Paͤpſte beſtrit—
ten, und die heil. Schrift zum einigen Grund der Cats
fcheidung der Glauberslehren annahnıen ; ein gleiches thaz
ten auch die Waldenſer und die Außiten, welche fich
vornehmlich uͤber der Vertheidigung dee Unſchuld des zu
Rofinis 1415 verbrannten Johann Auß, als auch der
wieder eingeführten Haltung des Abendmahls unter bey-
derley Gefialt, vom Papjtume abfonderten. Die boͤhmi—
fben Brüder haben fi) im 15 Jahrhunderte von den mit
den Papiften mehrentheils versinigten Raligtinern Umelche
den Kelch im Abendmahle gebrauchten, ihn auch zu ihreni
Seldzeichen machten) abgefondert und einen reinern Lehrbe—
geiff auch Gottesdienſt, gröftentheils nach waldenfifcher
Verfaſſung, nebſt einer eigenen genauen Kirchenzucht ans
genommen. ”
3. Dieienigen Gemeinen , die ſich jur Zeig
der Reformation, und narb derfelben durch eigene
Meinungen befannt madten, vornehmlich: Die So
cinianer, weiche Chriſtum blos für einen vergsiterten Mens
fhen hielten , die Erbfünde gänzlich Idugneten, und zum
Eerea Grund
|
752 Sieben und dreygigfte Tafel.
Grumd ihrer vermeinten Religion, nur die Schriften des
neuen Teflamentes annabmen ; Die Wiedertäufer, deren
Haupt Thomas Münzer u Hunfier m Weſtphaten mar,
welche vornehmlich die Nochwendigkeit der Wiedertaufe bes
haupteten, wenn man cin DUued cyieı Gemeine werden wollte).
wohin auch Mennoniſten geboren; Die Arminisner
oder Remonfiranten, vie von der refermirten Kirche aus—
gegangen find, und vornehmlich in Anfebung der natürlis
chen Kräfte des Menſchen, der Verföhnung Chriſti, und
anderer Grundlehren ehe unbeſtimmte und zrocifelhafte
Lehren vortragen; Die Schwaͤrmer, Sanstifer und In
fpirirten, unter welchen Mr Cuackers oder Tremulan-
ten die berübmteften find, welche ein inneres Licht allen
übrigen göttlichen Offendarungen vorziehen, auch in Ans
fehung der Suͤnde und der Kicchenverfaſſung eigene Meis
nungen haben, alle bejtellten Lehrer verwerfen, und jedem
den Vortrag des göttlicyen Wortes erlauben , welcher ies
derzeit mit vielen enthuſiaſtiſchen Bewegungen begleitet ift;
Die Separstilten, Schwenkſelder und dergleichen, mel;
che alles äufjire Worr uuo bie Sacramente verachten und
vorgeben, daß die Kirche in einer fihtbaren Gemeinfchaft
blos gläubiger Perfonen bejiehe — welches auch die Herrn—⸗
huter annehmen, welche Gemeine von einem Grafen von
Zinzendorf gefliftet wurde, und vornehmlich den Gebrauch
des Geſetzes verwirft, und den Glauben an Chriſtum in
finnliche innerliche Empfindungen feget; Die Dietiften, wels
ce mehr auf beſchauliche als gründliche Theologie halten,
und, aus üdertriebener Scheinheiligfeit, oft die beften, uns
fchuidigften Dinge, Reden und Handlungen, für Sünde
halten. — — Mehrerer unzehlicher chriftlicher Gemeinen
zu gefhmweigen. — — Auch der Religionsfpätter und
Freygeiſter, die die heil. Schrift, und alle gründliche Got»
tes⸗
Die Taufe Chrifti. 753
teslehre enſweder aus Bosheit, oder aus Unmiffenheit vers
werfen — der Arbeiten, welde die Mirflichfeit eines
geitlihen Weſens befireiten — der Deiften, welche wohl
eisen Sott, aber Eine nähere Offenbarung deffelden glau-
ber — der Indifferentiften, welche die Grundlage der
natürlichen Religion ri: binlängiih zur Beſtimmung und
MWohlfart der Menfhen, aber alle Berfihiedenheit und Er
weiterung derfelden durch frembe Zufäze, Für gleichgültig
halten. — —
4.
Die Taufe der Reformirten und der
Lutheraner.
DM der Taufe der Reformirten (a), melche über
baupt Feine Freunde von vielen ‘Ceremonien find, wird
aus der Fiturgie die hiezu dienende Formul vorgelefen, und
das Gebet verrichtet ; worauf der Kirchenticner tie Pathen
einfältig befragt, ob fie fi im Kamen und anfiatt des
Kindes zu demienigen verbinden, was diejes heilige Sa—
crament von einem Ehriften erfordert. Nach : calpinis
fchen Kirchendiſciplin fol fie nicht anders als oͤffentlich in
der Kicche gefchehen. Doch findet dieß eine Ausnahme,
wenn man unter den Unglaubigen, oder unter der Derfol
gung lebt. Bey der Taufe der Erwachſenen aus Juden
und Heiden, muß wie bey andern Chriſten Semeinen, gleich»
fals das Bekenntniß vorgehen.
Bey der Taufe der Autberaner‘b) hält der Seel.
forger eine Erinnerungs» Nede und fpricht den KExorciſmum
Gee 3 aus
4 "Sieben und dreyßigſte Tafel.
aus mit den Worten : Decke dieb fort, du unreiner
Beift l und made den beiligen Geiſte Pla; ! Er
macht hernach das Zeichen bes Kreuzes über das Kind,
und fpriche s Nimm das Zeichen des Kreuzes anı
Und indem er die Hand auf das Find legt, Ipricht er die
Gebete, und wiederholet den Erorcifmum. Kurz vor der
Zaufe werben die Pathen an des Kindes Statt befragt, ob
fie dem Teufel und feinen Werfen abfagen, ob fie an ben
dreyeinigen Gott glauben ꝛc. Die Änfprengung gefchieht zu
dreyen malen; und wird alles mit Danffagung und Gebet
und einer Ermahnung an die Taufpathen vollendet , welche
zulezt dem Kinde dag Bathengeld geben, als ein Pfand
ber Erfüllung ihrer Pflichten als Pathen.
TI Sl mm ——
5,
Der Perlenfang. Die Korallen: Sifcheren.
D ie Perlen werden in verſchiedenen Arten von Mits
ſcheln gefunden, die theils zu den Auſtern, theils zu
andern Muſcheln gehoͤren. Gemeiniglich hat eine Muſchel
che als eine Perle, und zuweilen hat fie deren fo viel,
8:5 das Thier daran fterben muß. Aber unter den vers
SHiedenen Perlen, die in einer Mufchel gefunden werden,
7 gemetniglich nur eine von befonderer Größe und Schoͤn⸗
hrit, die daher auch am meiſten geſchaͤzt wird. Die Per—
len werden in allen Theilen des Leibes desienigen Thieres
geſunden, welches die Muſchel bewohnet; in dem Kopfe,
dem Magen, Eurg , in einem ieden fleiſchigen Theile deſſel—
ben,
*
Die
Die Taufe Ehrifti. 255
Die Perlen find bey diefen Thieren eine Krankheit;
ohngefehr fo eine Krankheit, als der Stein bey Menjchen
und TIhieren if. Der Menſch, deſſen Eitelkeit auf die
ſeltſamſten Dinge gerathen if, ift auch auf den Einfall
gekommen, auf diefe Krankheit einen befondern Werth zu
fegen , und fie zu feinem Schmucfe anzuwenden.
Man findet die Mufheln, die diefer Krankheit unters
mworfen find, in allen Theilen der Welt, ſelbſt in einigen
Fluͤſſen Sadjfens. Die beſten Mufcheln diefer Art, dag
iſt, die Eränfeften und gebrechlichffen finden fid) aber nur
in den- Meeren um Afien , befonders in dem perfifchen
Meerbufen; und die Berlen , die man daher erhält, wer—
den orientalifche Derlen genernet, und am theuerften bes
zahlt, weil fie größer, heller und ſchoͤner ſind, als andere, .
f
Da fih die Perlenmufcheln tief in dem Meere an bie
Selfen unter dem Waffer vefte anhängen, und ihren Ort
niemals verlaffen, fo iſt es eine mühfame und gefährliche
Ürbeit, fie zu bekoumen. Man bat daher gewiſſe Leute,
welhe Taucher genannt werden, und bie fih von Zus
gend auf gewöhnen , eine Zeitlang, unter dem Waffer zu
“ bleiben, ohne Athem zu holen; ia einige haben es fomeit
gebracht, daß fie faft eine Halbe Viertelſtunde unter dem
Waſſer bleiben Finnen.
In dem perfianifchen Meerbufen fifchet man die Per-
lenmufcheln nur zweymal im Jahre, nehmlich im Frühlins
ge und Herbfie, weil die Krankheit alsdann am heftigſten
unter den Mufcheln wuͤthet. Es Fommen viele hundert,
ia oft einige taufend Fifcherfahne zufammen , in deren iden
fich ein oder ziweg Taucher befinden. Die Kaͤhne merfen.
an folchen Drten Anker, wo ſich Felfen unter dem Waſſer
befinden, und wo das Waſſer noch fünf Klaftern tief if
Eee 4 Als dann
756 ‚Sieben und dreyßigſte Tafel.
Alsdann bindet fi) der Taucher einen ſchweren Stein um
ben Leib , und noch cinen an den Fuß, damit er befto
geichiwinder auf den Grund komme, und von dem Waſſer
nicht forigetrieben werde. Ex bindet ſich uͤberdieß ein ſtar—
kes Seil um den Leib, deſſen anderes Ende an dem Kahne
beveſtiget iſt, und mit welchem man ihn wieder heraus
zieht, wenn er Athem holen will. In dieſer Verfaſſung
laͤſſet er ſich auf den Grund hinunter, wo er ſich ſeine
Zeit ſo gut als moͤglich zu Nuze zu machen ſucht. Er
reißt alle Perlenmuſcheln, die er ſieht, (denn in dieſer
Tiefe kann er unter dem Waſſer noch ganz bequem ſehen)
herunter, und ſtecke fie in ein Nez, das er ſich um den Hals
gebunden bat. Eobald fein Nez vol iſt, oder wen
ihm der Athem fehlet, fo ihui er einen Ruck an bas Geil,
hält fih mit beyden Händen an, und wird von denen,
bie in dem Kahne find, ten Augenblick herauf gezogen.
Oft bringet er fünfhimdert Muſcheln, oft aber kaum fünf
jig mit (a).
Das Waffer ift in dieſen Gegenden gemeiniglich fehr
belle ; fonft wärde der Taucher nicht fehen kͤnnen, mag
um ihn if. Wenn er aber einen Raubfiſch Fommen böret,
fo macht er dag Maffer zumeilen trübe, damit der Fifch
ihn nicht fehe. Allein demohngeachtet werden immer viele
Taucher von den groffen Fiſchen gefreffen, und andere
werden oft nur mit einem Arme, oder einem Beine herauf
gezogen. Auch find manche fo begierig mehr Muſcheln zu
befommen , als ihre Nachbarn, daß fie vor großer Begierde
auch das Athemholen vergeffen, und unter dem Waſſer
erſticken.
Wenn ein Taucher mehr Muſcheln findet, als er auf
einmal ſortbringen kann, ſo leget er ſie auf einen Hau—
fen zuſammen, kommt herauf, Luft zu ſchoͤpfen, und taucht
dann
Die Taufe Ehrifti. 757
dann wieder unfer , um feinen Schag zu holen, wenn ihm
derſelbe nicht geſtohlen werden ;, denn bier giebt es auch
Diebe unter dem Waller, Weil die Kähne fehr nahe bey
einander fieyen, fo geichieht es oft, daß die Taucher un—
ter dem Waſſer zufammen Fommen, und fich ſchlagen, wenn
einer den andern feinen zujammen gelefenen Haufen Mus
fiheln entwenden will.
Man fiſchet die Perlenmuſcheln nur des Vormitages,
und iſt dieſe Arbeit fo ſchwer, daß die Taucher des Tages
nicht über fieden big achtmal untertaucdhen Finnen. Menn
der Mitag beranrückt, fo fahren ale Kaͤhne an dag Ufer.
Hier machen fie eine große Menge viereckiger Gruben, bie
vier bis fünf Fuß tief find. Die Eide, tie fie aus den
- Gruben graben, werfen jean ber Seite, in Geſtalt klei—
ner Hug lauf. Auſſen an diefe Hügel legen fie Lie erbeu—
teten Perlenmuſcheln, eine lieben der andern. Da dag
Thier nur allein im Waffer zu leben gewohnt ift, fo. muß
es bier auf die grauſamſte Art verſchmachten. Indem es
ſticbt, öffnet fh auch die Echale, und bleibt offen,
Wenn nun das Sleifch verfaulet iſt, fo fallt die Perle
aus der Muschel, im die dabey befindliche Grube, aug
welcher man fie hernach hoiet , und fie von dem Sande
und andern Unreinigkeiten reiniget. Kan liefet fie aus,
fortiret fie nach der Größe , undverfauft fie.
Die Berlen haben den Vortheil, daß fie weder ges
ſchliffen ncc) poliret werden dörfen. Sie haben allen ih.
ren Glanz und ihre ganze Schönheit von Natur. Man
hat weiter nichts noͤthig, als ein Loch durch;ubohren,
wenn fie ein Loch haben follen. Die unäcten Perlen
weisen in Europe von ben Schuppen des Weißfifches ges
want, die faft eben den Glanz haben, als die natürlichen
Ferien Dan biäfer erfi geſchmolzenes Glas in befondern
Ceos For,
758 Sieben und dreyßigſte Tafel.
Formen zu fehe dünnen Perlen , läßt hernach eine Maffe,
bie von den Schuppen des Weißfiſches zubereitet wird,
hinein laufen, welche, wenn fie trocken geworden ift, durch
bas Glas durchſcheinet. Endlich füllet man diefe ges
machten Perlen mitt. weißem Wachſe aus. Der Eıfinder
dieſer Kunſt hieß Janin. Was man aber im gemeinen
geben Perlenminiter nennet, Fommt nicht von der Scha,
le der Perlenmuſchel, fondern ven einer ganz andern Mus
fhel her, die auch das Seeohr heiſſet. Sie har den
Namen blos daher, weil. fie inwendig fo weiß und helle
wie eine Perle ift, übrigens aber mit allerley Farben
ſpielet.
Die Korallen, deren es weiße und rothe giebt,
wurden ehemals durchgaͤngig zu den Pflanzen gerechnet, und
daher auch Steinpflanzen genannt. In den neuern Zei—
ten aber zeigten einige anſehnliche Naturforſcher, daß dieſe
Seekoͤrper, ohngeachtet ihres pflanzenartigen Anſehens,
nichts anders, als die Wohnung gewiſſer kleiner Thierchen
waͤren, und von den Thierchen ſelbſt gebauet muirden.
Denn man hatte nach fleißig angeſtellten Beobachtungen
wahrgenommen, daß die auf der aͤußerlichen Rinde der
rothen Korallen befindlichen Warzen ſich in dem Waſſer von
einander theilen, und gleichſam einen ſechseckigen oder acht»
ecfigen Stern vorfeller, welcher nicht, wie man fonft
glaubte , die Korallenbläthe, fondern ein lebendiges,
fchleimigeg Thierchen, nehmlich ein fegenannter Polype
ift; denn die Theilchen dieſer fogenannten Korallenblüchen
ziehen fich nicht ne auf die geringfie Berührung mieder in
die Smwifchenräume der Korallen zuruͤcke, fondern bewegen
fi) auchy wie die Füße und Arme Tebendiger Tiere, und
erſtarren in heiſſem Waffer, ohne ſich auffer deinfelben wies
der einzuziehen. Doch iſt es unter den heutigen Naturfors
ſchern
Die Taufe Chrifti. 759
fchern immer noch eine ſehr fireitige Sache, ob alle Kor:
allen und fleinige Seegewaͤchſe durch Polnpen gebaut wers
den, oder ob nicht wenigſtens einige Urren unter die Pflan-
zen gehören, und nur bios von den Polypen zur Woh-
nung aufyejucht werden.
Sie wachfen häufig in dem mitfeländifchen Meere um
Sardinien und Sicilien herum , ingleichen um Maiorka
und an den Grenzen um Katalonien. Die Sifcherey der
Korallen (b) gerchieht vom Aufange des Aprils bis zu
Ende des Juli, und werden öfters 200 leichte Fahrzeuge
dazu gebraucht, welche große Seegel fuͤhren, daß fie den
Korfaren und fürkifchen Galeeren entwifchen Einen. Das
mit nun die Sifcher die Korallen, welche unter hohen Fels
fen und Aigen, in einer Tiefe von funfzehn bis hundert
Klaftern, ım Deere wachen , hervor und herauf brin-
gen mögen, fo fügen fie zwey Hölzer kreuzweiſe zuſam—
men, und fen in die Mitte ein großes Stüf Bley, dag
Hol; dadurch finfend zu machen , alsdenn binden fie ges
wife Neze, oder nur Hanf und Flache daran, und lafe
fen denfelben zottig eines Fingers lang, herunter hängen:
das Kreuzholz aber binden fie mit zwen langen und flarfen
Seilen an dag Vorder. und Hintertheil des Schiffes und
fahren damit neben dem Felfen ber. Sobald der Hunf
oder Flachs an einen Korallenzweig kommt, wickelt er ſich
um denſelben, und ziehet ihn mit fort. Wenn denn dag
Kreuzholz fol gepoben werden, muffen wohl 15 bis 2a
Schiffe helfen , daß fie daffelbe mit den Korallen herauf
‚ beingen , davon iedoch noch viele abbrechen, und wieder ind
Meer fallen.
6,
160 Sieben und drenfigfte Tafel.
6,
Verfertigung der Schoͤpf⸗Roͤhr⸗ und
er ringbrunnen.
96
Wa weder dad See⸗-noch das Flußwaſſer zum Trinken
umd zur Zaͤrichrung Der Speiſen und des Getraͤnkes taug—
lic) iſt, fo wid. das Quellwaſſer auf allecley Art
und Weile, fowohi zu den Bebuͤrfnißen als zum Bergnüs
gen der Menſchen benuzet. Es giebt daher Schoͤpf—
brunnen , NRöbrbrunnen, Pumpen, Eifternen und
Springbrunnen, welche ale ber Brunnen- oder Röh-
renmeiſter verfertigek.
Der Schöpforunnen (A. b.) wird ein oder mehr
Slaftern tief ausgegraben, damit es ihm an frifchem Waſ—⸗
fer nicht fehlen me. Man ſchoͤpfet daraus dag Waſ—
fer mir einem Eimer, der an cine lange Stange gehangen,
und entweder aus freyer Hand, oder mit einem Sprengel
eingejenft und ausg haben, oder an einem Geil oder Keks
te, fo über ein Rad, oder um eine Rolle, Winde oder
Ziehbaum gefchlagen, niedergelaſſen und aufgezogen wird.
Diefe Brunnen mäffen, nachdem fir ausgegraben find, und
Maffer genug haben, mit Feidesjieinen ohne Kalk, damit
das Waſſer deffelben Geſchmaͤck nicht annehmen möge, aus—
‚geführt werben.
Durch eine Pumpe (e) wird dag Waffer in Nöhren,
durch Auf- und Niederdrucden, das ift, durch Bewegung
eines Kolben in einer Roͤhre und fogenaunten Stiefel in
bie Höhe gehoben , ımd damit viel höher gebracht, abs
fonderlih duch Drudwerfe, als durd) alle andere Ma—
fhinen. Es gehoͤret dazu, auffer dem Pumpenfioce,
ein Ausguß oder Kolbenroͤhre, ein Steckel oder Anſtock—
fiel,
— ——
— —
—
— Va
Die Taufe Ehrifli. 761
- fiel , ein Zugftengel mit tum Rolben und Leder, cin
Schlagthuͤrlein oder Ventil, damit man die Waſſer einige
Lachder hoch aus einem heben kann.
Die Röhrbrunnen (d) bekommen ihr Waſſer von ei
ner davon entlegenen Quelle unter Der Frden duch Röhr
ven, und geben ſolches verpendifular auf bie
liegende REN gezapften Ständer oder andern Aufſaz wies
ber von ſich.
durch einen
Wenn man Mangel am ſuͤſſen Waſſer bat, oder in
den Veſtungen, grabt man an einem dazu bequemen Det
in die Erde tiefe Gruben , welche man fuuber und rein
ausmauren läffet, um barinn das Regen- und Schnee—
Maffer , durch gewiffe dazu gemachte Köhren zu ſammlen,
und zum Gebrauch aufzuheben ; und folche Waffergruden
werden Ciſternen (c) genennet. Wenn man bergleichen
Gruben in der Erde nicht tief anlegen kann, fo verbauet
man diefelbe über der Erde mit einer guten Mauer, und
decket fie zu , damit die Sonne nicht dazu kommen, und
alfo das Waffer darinnen rein und frifch bleiben möge.
Springbrunnen oder Sontsinen (a) find. dieicnigen
Behältnige , darinnen das Waſſer von einer nahe oder
weit davon gelegenen Höhe , durch Möhren, geführt,
und dafelbft zum Springen gebracht wird, Es wird zu
denfelben erforbert : ein ziemlich erhabener Ort, wo in
einem Keffel, oder in einem Troge dag Waſſer geſammlet
wird, fo gemeiniglih Der Waferfhaz heiffer ; die Aoh:
ren, wodurd das Waſſer aus diefem in den Springbeuss
nen geleitet wird ; der Auffag, daraus er fpriuget, und
der Raum oder die Kinfaffung des Brunnes , welche auch
Baſſin genannt wird. Der Aufſaz fowohl als dag Bas
fin kann auf verfchiedene Art verändert , und dag hir;
Gilde
*
762 Sieben und dreyßigſte Tafel.
ausſpringende Waſſer in verſchiedene Figuren durch aller—
ley angenehme Veränderungen gebraht werden,
Zur Anlegung und Erhaltung diefer verfchiedenen Waſ—
ferwerfe werden gemeiniglich , vornehmlich in großen Staͤd—
ten, Brunnſtuben und Waſſerkuͤnſte angelegt. Die
Brunnſtube iſt ein eingefangener geräumiger Ort, da eine
oder mehr Adern einer Quelle, als in einem Gemache, zus
fammengebracht werden, von denen fie ordentlich ausge:
theilt werden und auslaufen. Die Wafferkunft iſt Cie
Maſchine, welche gemeiniglih auf einem Ihurme , oder
Berg , oder einem andern hohen Drie angelegt wird,
um das Waffer fo tief fallen zu laffen, als es in dem
Springbrunnen in die Höhe fleigen foll.
Die prachtigften Waſſerwerke findet man in Finiglis
chen oder fürftlichen Luſt-Gaͤrten, vornehmlich zu Verfaik
les (B), einem Föniglich = franzoͤſiſchen Luſtſchloſſe, vier
Stunden von Paris. Es ift daßelbe von König Ludwig
dem vietzehnten ven 1661 bis 1678, vermittelft eines Aufs
twandes von mehr als zwey Millionen Livres, zu einem
der prächtigiten Lufifchleffer in der Welt erbauet worden.
Die gröften Koften verurfachten die prächtigen und vorher
noch nie gefehenen Wafferwerfe, zu welchen die Seine durch
fünftlihe Maſchinen hat hergeleitet werden muͤſſen. Eini—
ge von diefen fpringesden Luſtwaſſern, welche meifiens aus
groffen Fupfernen Figuren, bis zu einer erflaunenden Hys
he , fpriigen, find mit Gittern verfchloffen und werden
nur bey großen Feyerlichkeiten losgelaſſen; die uͤbrigen
ſpringen den Sommer hindurch beſtaͤndig. Auſſer dieſen
unzehlich vielen und manchfaltigen Fontainen haben die Ge—
baͤude des Schloßes und die Gaͤrten zu Verſailles alles,
was die Augen entzuͤcken kann — Die ſchoͤnſten Auge
ſichten und Begenden — die anmuthigiten Gänge von ho—
ben
Die Taufe Chrifti. 763
ben Hecken, die in Figuren gefchnitten find, und beftändig
unter der Öcheere gehalten werden — ganze Walder von
Citroen » und Pomeranzen » Bäumen — taufendfache Ars
ten von Örotten, die mit Mufcheln und Bergerz gezieret
find — eine ungehliche Menge Bildfäulen von Erz, Mars
mor und Alabaſter — alte Gefälle von allen Arten von
Stein, in denen die Kunſt über ihre Schranken geſtiegen
zu feyn fcheinet — eine Baufunft von ber edelſten Einfalt,
aber, auch von mehr als Fönigliher Draht — der befte
Marmor aus allen Gegenden — die ſchoͤnſte Mahlerey,
Bildhauerey und Vergoldung. — Kurz, bier ſcheint ‚der
Yusbund aller europaͤiſchen Herrlichkeiten zu feyn. —
| 7 . |
Die Wirfung des blinden Glaubens,
>
E.. Wandersmann reifete einft durch eine große Stadt,
wo ihm auf feinem Wege zuerft ein fremder Bettler begegs
nete, der ihn um ein Allmoſen anfprach, indem er fügte,
er wäre der Religion wegen vertrieben, und bätte fein
ganzes Vermögen dabey eingebüffet, Ich habe, ſagte er,
lieber meine ganze Wohlfahrt verlieren, als den Glauben
verlaſſen wollen, in welchem ich bin auferzogen worden.
Der Wandersmann fieng darauf an, ihn zu examiniren,
und fragte: Wie viel find Götter ? Darauf antwortete
iener : Es find zwey Götter, nehmlich, dag alte und dag
neue Teflament. Der Mann wollte darauf nichts weiter
fragen, ſondern gieng fort, indem er fich darüber ver—
tunderte : Wie ſich einer der Armuth und Landfluͤchtig—
keit
764 Sieben und dreyßigſte Tafel.
keit aus Liebe zu einem Glauben unterwerfen koͤnnte, von
welchem er doch nicht die geringſten Begrifſe haͤtte?
Kurz darnach begegnete er einem andern, den man
zum Galgen fuͤhrte, weil er aus Eifer feinen Bruder ci»
mordete, welcher eine andere Neligion angenommen hatie,
Diefen eifrigen Moͤrder eraminirte er auch, und unier Ai
dein fragte er iyn: Wie viel find Sacramente ? Hierauf
erhielt er zur Antwort : Es find deren drey, Dar: 7
Sohn, und Heiliger Geiſt. Diefes verurſachte ihm eine
noch größere Verwunderung, weil biefer leztere aus Eiſfer
für eine Religion, die ihm unbekannt war, Leib und Lies
le aufopferte.
Seiner Ueberzeugung und feinem Glauben getreu biki-
ben, und demfelben alles aufopfern, ift gut — aber gleich)
gut und nothwendig ift : Glauben und Forſchen und im—
mer mehr fernen mit einander vereinigen, und dabey Die
zwey gefährlichen Klippen ber DBielwiffenpeit und der Un—
wiſſenheit vermeiden.
8:
Neptun.
U den Meergoͤttern, welche die alten Griechen und
Roͤmer verehrten , behauptet Neptun die erjie tele,
Er war ein Sohn des Saturns und der Rhea, und wur
de von der Arno in Baͤotien auferzogeny nachdem feine
Mutter »dem Saturn, der alle feine Kinder gleich nach
ihrer Geburt twieder fraß, ein iunges Fuͤllen zu verſchlin⸗
gen gab. Weil er feinem Beuder, dem Jupiter, nad) des
Satuens
Die Taufe Ehrifti.. —
Saturns Vertreibung aus dem Himmel, gegen die Tita—
nen getreulich beyſtund, bekam er, in der Theilung der
Welt, das Meer mit den darinn liegenden Inſeln, zu
feinem Antheile. Seine Gemahlin war, die Ampbitrite,
welche, als fie ihn durchaus nicht haben wollte, und daher
beftandig vor ihm flohe, endlich von einem Deiphin
beredet wurde, wofuͤr denn Neptun das Bild biefes Unter
händlers mit unter die Sterne verfeste. Als er mit der
Minerva in Streit gerieth , ob die Grade Athen von ihm
oder von ihr den Namen baben follfe, und im Areopage
der Ausſpruch geſchahe, daß, wer von Ihnen etwas vor
zuͤglich Nüzliches erfinden würde, ſolche Ehre haben folk
te, brachte er ein Pferd herfuͤr; verfpielte aber damit
gegen den Oehlbaum der Minerva, und mußte baher Athen
von berjelben benennen laffen. Da er fi mit andern
Göttern gegen den Jupiter auflehnte, wurde er verur:
theilet, mit dem Apollo, dem Laomedon die Mauern von
Troia bauen zu helfen ; den er aber auch gar empfindlich
bezahlte, als er ihm den beöungenen Lohn vorenthielt ;
indem er nicht nur beffen Land mit Waſſer uͤberſchwemmete,
fondern au ein graujames Seethier hervorbrachte — dem
endlich auch Defione , des Laomedon Tochter vorgeworfen
werden mußte — welche aber Herkules noch glücklich bes
freyete. Er fol die Kunſt zu reiten und zu fehiffen chs
funden haben ; und wird als eine nackende oder auch blau
bekleidete Mannsperſon, mit ſchwarzen Haaren, blaueit
Augen und einer Gabel mit drey Zaden in der Hard ges
bildet — der auf einen Wagen, welder wie eine Mu—
ſchel geſtaltet iſt, faͤhret, und vor ſolchem vier Bferde
geſpannet hat, welche von hinten wie Fiſche, mit einem
Schwanze geſtaltet waren. Die Tritonen, Nereiden,
Naiaden, welche von oben wie Menſchen und unten wie
Fff Fiſche
266 Sieben und dreykigfte Tafel.
Sifche ausſahen, und die Sirenen mit ihren Hoͤrnern
begleiteten ihn. Er hatte. feine Tempel vornehmlich zu
Kom, in Griechenland, auf dem taͤnariſchen Vorgebirge —
und weil er alg der Stifter der Erdbeben und ber Stürme
gefürchtet wurde, fo verehrten ihn vornehmlich die Schiff.
leute, welche ihm entweder einen Anker over ein Segel
tuch widmeten.
ELLE ——
| 9.
Das Kind am Rheinftrome,
En Knabe ſchoͤpfte, mit einem Loͤffel, Waſſer aus dem
Mheinftrome , und goß es in ein klein Naͤpfchen. —
Mas wilt du damit, fragte ihn ein worbeygehender Wan⸗
derer — Den ganzen Strom dahinein füllen, daß ich fein
inneres Weſen und den Grund deffelben Fennen lerne —
Einfältiges Kind , fagte der vernünftige Fremde — Doch
— dir kann man biefen lächerlihen Einfall verzeihen!
Henn aber der Menſch, in die engen Grenzen feines
Verſtandes, alle das Unendliche im gettlihen Weſen —
das Unerforfchlihe in den Gebeimnißen feiner Neligion
faften will — welch ein Findifehes, vergebliches Beginnen !
2
Acht
Acht und drepfigne Tafel,
I,
Erſte Klaffe der Wunderwerke Chriſti.
New Chriſtus iene große Verſuchung vom Satan
ausgeſtanden, und den Sieg davon getragen hatte,
Hieng er nad) Galilda zuruͤcke; trat als Lehrer von Gott
gekommen oͤffentlich auf, und verkündigte allen Meufchen
die große Veränderung , welche in Sachen der Neligion
nun mit dem wenfchlichen Geſchlechte Vorgehen follte. Er
firchte durch feine vortrefflicden Predigten, allen, bie ihn
herten , einen richtigen Verſtand des göttlichen Geſezes
beyzubringen — ihnen die Abfichten, in welcher er auf
die Erde gefommen war, zu erklären — bie Hoheit feiner
göttlihen Berfon ihnen zu zeigen, und alle Menſchen
jur würdigen Anbetung Gottes, und zur Ausübung fche#
ner Tirgenden zu ermuntern — frz, fie auf eine ehicklis
che Emwigfeit vorzubereiten — auf eine Emigfeit, in mels
he et endlich durch fein verdienftliches Leiden und Sterben
einen Glaubigen veran gieng. Kine ſo ſchoͤne Predigt
hielt er unfer andern einmal auf einem Berge (e), weil
ihm fo viel Volk nachfolgte, und er gensthiget wer, zu
ihrer Unterweiſung einen etwas erhabenen Drt aufzuſuchen.
In dieſer trefflihen Bergpredigt redet er von großen
Seligfeiten, deren bie Frommen, die geiftlih Armen und
Demuͤthigen, die Sanftmuͤthigen, bie Betrübten y. die
F ff: Barm⸗
768 Acht und dreypigfte Tafel.
B aemherzigen , Ybie Reinen, die Friedfertigen , die Der-
folgten, und alle, welche nach ber Gnade Gottes fich ſeh—
nen, theilhaftig werden follen — erklärt ihnen ſeines Va—
ters Gebote und ermuntert fie zum Gebet und zum Eins
gang durch die.enge Pforte in dag ewige £eben.
Alle diefe göttlichen Lehren zu befräftigen, und bie
Maiefiät feiner Perfon und Sendung zu beweifen, that
Jeſus auch viele und große Zeichen und Wunder, dag
ift, foldye Thaten, welche fein Menfch zu verrichten im
Siande ift, umd nicht nad) den gewöhnlichen Gefezen der
Natur erfolgen. Die große enge derfelben , durch wels
de er fih als einen Herrn über alles zeigte, kann in
zwey Hauptklaffen geordnet werden. Zur erften gehsren
ale Wunderfuren des Heilandes, durch welche er leib-
lih und geiftlich Kranke gefind machte; und zur zweyten
alle übrigen wunderbaren Begebenheiten, Verwands
lungen und Veränderungen der Dinge, durch welce
er alle Welt auf ihn aufmerkſam, und glaubig machen
wollte.
Auf der Tafel fieht man die vornehmſten Wunderfu:
ven Jeſu Ehrifii , bey deffen Wandel auf Erden man fas
gen Fonnte : Die Blinden fehben, die Lahmen geben,
die Auffäzigen werden rein, die Tauben hören, die
Todten fieben auf, und den Armen wird das Kvanı
gelium geprediget ! Wenn Blinde auf der Straße ihn
enziefen : Jeſu, du Sohn David, erbarme dich uns
fer! fo durfte er nur ihre Augen anrühren , alfobald
faben fie — fahen ihren Woltbäter vor ihnen ſtehen und
hatten das nüzliehfte Werkzeug der Sinnen wieder in ihrer
Gessalt (a). Wenn iener Lahme, der vom Echlagfluße
fo übel zugerichtet war, daß er weder gehen noch fliehen
fonnte, auf einem Tragbette zu Jeſu gebracht wurde, und
der
Erfte Klaffe der Wunderwerke Chrifli. 769
der Kranke vol Glauben feine Augen zu ihm aufhub, fo
fegnete Jeſus feinen Glauben und rief: Stebe auf,
nimm dein Bette auf, und gebe beim — und alfo»
build ſtund der Menfib auf, und gieng vor allen Leuten
beim in fein Haug (b). Wenn ein Ausfäziger rief:
Herr, jo du willt, kanſt du mich wobl reinigen!
fd hieß ed: ich wills tbun , fey gereiniget ! — und
ſogleich war nicht das Seringfte mehr von diefer efelhaften
Krankheit zu fehen (ce). Wenn Taube und Stumme zu
ihm gebracht wurden, fo berührte er ihre Ohren und Zun—⸗
ge, und fprach, mit gen Himmel gerichteten Augen,
Zepbata ! das ift, oͤffne dich, Isfe dich Ohr und Zune
gen; und augenblidlid hörten und. vedeten fie (d).
Seine Gorttesfraft bewieß er vornehmlich durch Auferwer
Kung der Todten, weiches ia fchlechterdings Feines
Menſchen Sade if. Noc lag Jairi Tochter auf dem
Bette, fchon erblaßt — und auf Jeſu Wort : Stehe
suf! wird fie lebendig. Stehe auf, fügte er zu einem
todten Sünglinge im Sarge — und er find auf, Schon
lag Lazarus, Sefu Freund, vier Tage im Grabe, ſchon
fieng fein Leichnam an in die Berwefung zu gehen — und
diefer Fuͤrſt des Lebens, der da bat die Schlüffel der
Hölle und des Todes, rief vor dem Grabe deffelben :
Komm beraus! und ſogleich fam der Derftorbene hers-
aus, noch mit feinen Öterbetüchern ummunden — kam,
und lebte, und lobete Bott (f). Kamen Beſeſſene zu Jes
ft, das iff, Leute, die durch den Einfluß böjer Geiſter faft
von Sinnen famen, und öfters die heftigften Zuckungen
und Erfchütterungen zeigten, jo befahl der Ueberwinder des
Satans : der böje Öeift ſoll von ihnen weihen — und ies
geſchahe (g). Am Teiche oder im Bade Bethesda, wo
ſich flets eine Menge Kranke aufbielten, fabe er einen
I f f 3 Elen⸗
770 Acht und dreyßigfte Tafel.
Elenden, welcher fehon acht und breyfig Jahre lang gu aller
Arbeit untächtig rar, und wegen der Menge anderer
Kranken immer noch nicht zur bequemjten Zeit diefes Bad
brauchen konnte. — Bol Mitleiden fagie er zu ibm; Ste
be auf, nimm Sein Bette und gebe — und auf ber
Stelle verliejfen in ale Schmerzen , und Stärke fam in
feine Glieder (Ch). Zu einem’armen Manne, ber eine lah—
me Sand hatte, melde er nicht mehr brauchen konnte,
fagte er : Strecke deine Hand aus! und er firecfte fie
aus, und fie ward augenblicklich fo geſund, wie die ans
dere (i). Es fam ein Weib, das eine ſehr fchmerzhafte
Krankheit hatte. Schon verwandte fie ihr ganzes Vermd,
gen an die Aerzte, und Feiner hatte ihr heifen koͤnnen. —
Sie denft, dieß Fann Jeſus thun — dringt unter dem vie—
len Volke hinzu, fo nahe, dag fie ihn anrühren kann —
und dag , denft fie, fey auch fchon genug; wenn fie ihn
nur anrühre, fo werde ihr geholfen feyn. Und wirfs
lich hatte fie faum den Saum feines Rleides berührt, fo
empfand fie, daß die Siranfheit weg war (k). Sa, mag
die meifte Aufmerffamkeit erwekte, Zefus konnte aud) in Abs
wefenheit Kranke gefund macdıen. Der Sohn eines vor,
nehmen Mannes murde toͤdtlich krank. — Sein betrübter
Vater geht eine Tagreife weit zu Jeſu, und bittet ihn,
er möchte mit ihm gehen, und fein Kind gefind machen.
Die war aber nicht nöthig — Jeſus fprah : Gehe bin,
dein Sohn ift gefund — und wirklich begegneten dem
beimgehenden Vater feine Knechte, und bezeugten, daß
fein Sohn wieder voͤllig geſund wäre ; und da er nach ber
Stunde der Geneſung fragte, fo vernahm er, baß fie in
eben der Stunde erfolgte , da eins fagte, dein Kind
lebet!
Erfte Klaffe der Wunderwerke Ehrifti, 774
Sp wmaͤchtig, ſo wohlthaͤtig und freundlich wandelte
Jeſus unter den Merfhen, feinen Brüdern, ale deu
Arzt Iſraels — den Blenden zu predigen — Die zer—
brochenen Herzen 3u verbinden — den Gefangenen
Begnadigung zuzurufen — zu tröften alle Traurigen
— zu predigen ein gnädiges Jahr des Herrn!
WIRSITERRSIE
Die größefte von deinen Freuden,
Iſt bie Vertilgung unfeer Leiden!
Ein Nelfer , wie fein Helfer ift,
Biſt du, Erbarmer, Jeſus Chriſt!
Muth ſprichſt du den Bedraͤngten zu —
Der Kranken Troſt und Licht biſt du!
D wohl dem, der zu Dir aufblidt,
Wenn fihwere Laft ihn niederdruͤckt!
Der deiner Macht und Freundlichkeit
Sn ieder Neth und Dunfelpeit
Sich ruhevsoll und herzlich freut!
VIRZTERSITE EEE ZzEREMIENELERELGER
2. |
Die Eleftricität.
5), Elektricitat iſt dieienige Erfcheinung verfchiedener
Koͤrper, nad weicher fie, wenn fie gerieben werden ,
andere leichte Körper anziehen und zuruͤckſtoſſen, die
Nerven erfpüttern und ein Kicht von fi) geben. Man
theilet fie in die urfprüngliche und mitgetheilte Elek—⸗
tricität ein. Die urfprünglich? oder eigentliche iff dies
ienige , welche durch Reiben erregt wird ; die mitgetheil—
te oder fortgepflanzte aber dieienige, welche durch die
3 rfA Vers
ä
772 Acht und dreyßigſte Tafel.
Verbindung mit einem urſpruͤnglich elektriſchen entſteht:
Die urſpruͤnglich elektriſchen Koͤrper find: Das Glas,
Schwefel, Pech, Siegellack, Bernſtein, Haare der
Thiere, blaue Seite und die Luft. Durch unelektriſche
Koͤrper verſteht man ſolche, welche nicht durch Reihen,
ſondern blos dadurch eleftrifirt werben Finnen, wenn man
fie mit einem durch Reiben elektriſch gewachten Körper wer
bindet ; 5. E. alle Metalle, dag Fleifeh ver Thiere , dag
Waſſer und andere flüßige Körper, die zum Theil aug
Waſſer befichen. Die eigentlihe Urfache der eleftrifchen
Erfcheinuigen wird von einigen Naturlchreen dem reinen
euer , welches durch das Meiben aus ben eleffrifchen
Koͤrpern hervorgelracht und in Bewegung gefezt worden —
von andern dem Aecher, und noch von andern einer bes
fondern eleftrifchen Materie zugefchrieben.
Die Hervorbringung oder Erregung ber Eleftricität
gefchieht durch das Reiben, daher eine gläferne Roͤhre
oder Stüf Bernſtein, oder Lack, ſo mit einem mwollenen
Zuch gerieben morden, kleine Stuͤckchen Papier, über
die man dieſe Körper halt, an fich ziehen ; und wenn dag
Reiben einer gläfernen Röhre lange genug fortgefezt wird,
fo bemerft man an derfelben im Dunfeln ein ſchwaches
Licht. Eben dergleichen Licht fieht man, wenn man bie
Haare einer Kaze oder eines Pferdes im Finfiern mit der
Hand auf und nieder reibet. Es kann um dieſe Eleftrici,
tät bequem hervor zu bringen, eine gläferne Kugel, ober
nur ein großes Bierglas, fo gehoͤrig eingefaffet, und zwi⸗
ſchen zwey eiſerne Spizen geflellt worden, an einem leber-
nen Kiffen oder nur an einer daran gehaltenen Fachen Hand,
vermittelſt eines Nades , oder auf einer Drebbanf, oder
auf andere Weiſe umgedrehet und gerieb.n werden. Eine
ſolchel Maſchine wird eine Elektriſir⸗Maſchine genennet,
welche
in
Erfte Klaffe der Wunderwerke Chrifti. 773
telche zuerft von Otto von Guerife angegeben worden.
Auf der Tafel fieht man eine ſolche Maſchine, oder eine
auf einer Eleftrifie » Maſchine umgebrehte und mit der Hand
geriebene Kugel, und einen aufgehängten eifernen Drath,
davon dag eine Ende nahe an der Kugel iſt. Diefer Drath
berühret einen Menfchen, der auf Harz ſtehet, und mit
dem ausgefireckten Finger Weingeift anzuͤndet, der ihm
in einem Löffel vorgehalten wird. Wenn diefer Menfch
auf dem Pechfuchen feine Hand an die gläferne Kugel halt
und von einem andern angerührt wird , fo entſteht zwi—⸗
fchen beyden ein praßelnder Funke. So fliehen auch aug
ben fpizigen Ecken metallener Körper, wenn ihnen die Elek—
tricität mitgetheilet wird, leuchtende Strahlen aus. Zur
Elektrifir- Mafchine gehören alfo : feidene Schnüre, Ret—
ten, Pechkuchen, gläferne Flaſchen oder Glastafeln.
Die Mittheilung oder Fortpflanzung der Elektrici—
tät geſchieht, wenn man einem eleftrifchen Körper andere,
welche aber auf urfpränglich elefteifche Körper z. €. auf
Glas, Pech oder blaue Seide geſtellt werden müffen, nahe
bringt ; da denn in denfelben ebenfalls und oft eine noch
viel flärkere Elektricicät bewirfet wird, als in den urs
fprünglich elekirifchen Körpern. Dieß gefchiebt vornehm⸗
lid) durch den fogenannten Conduktor; wenn man nehm⸗
lid) einen metalleuen Stab oder Röhre an feidenen Schnuͤ—⸗
ren bergeftalt aufhaͤngt, daß dag eine Ende nicht weit
von ber Kugel abſteht. Mit diefem Conduftor werden ald«
denn dieienigen Körper verbunden , welche man elektrifis
ten will. Iſoliren aber beißt, die zu eleftrifirenden Koͤr—
per non denienigen Koͤrpern abfondern , welche der mitges
theilien Eleftricität fähig find.
Stfs. Die
774 Acht und dreyßigſte Tafel.
Die Verftärkung der Elektricitaͤt gefchieht, wenn
man einen Drath eleftrißet , weicher in einer gläfernen mit
Waſſer, Dueckfilber oder Seilftaub gefüllten Flaſche haͤn—
get, oder in der Deffnung berfelden mit Lack beveſtiget
worben , indem ein ſolcher Drath einen großen knallen—
den Funken giebt, wenn man die Slafche mit der einen
Hand anfaffet, und dem Drathe mit einem Finger der ans
dern Hand nahe kommt. Man fann damit ben Schlag
alſo verſtaͤtken, daß Thiere, gleich als durch einen Bliz
geruͤhrt, augenblicklich todt hinfallen.
Einige elektriſche Verſuche macht man auch mit dem
Elektrophor, einem Inſtrumente, das aus einem Harz
fuhen und aus einem Neif von fieif geleimten Pappdeckel
beſteht, über welchem oben und unten dünnes, leineneg
Tuch gefpannt ift, und durch welchen feidene Schnüre ge>
ben. Die Verſuche felbft werden vornehmlich durch dag
Auf, und Abheben und Berühren diefer Trommel gemacht.
Der elektriſchen Verſuche und Kunftfiüce in des
nen man es feit einigen Jahren ungemein weit gebracht
hat, giebt es unzehliche. Hieher gehören 5. E. der leuch»
tende Stegen, der elefterifhe Tanz, das Glockenfpiel ,
der ES pringbrunnen, leuchtende Eier, ber Leidenſche Vers
ſuch, die eleftrifche Epinne , dee Eleine eleftrifche Jäger,
der fünftliche Zitterfifeh, ber eleftrifhe Drade ꝛc. Man
Fann durch die Eleftricität eine Zlafche alfo zurichten, daß
man einen Stoß befommt, wenn man ben Stöpfel her—
ausziehen will — machen, baß eine Derfon, tenn fie eis
ne Thüre aufmachen will, einen Stoß befommt — daß
viele Menfchen , die einander bey den Händen anfaffen,
biefen Stoß empfinden — daß der eleftrifche Funke ein
Loch durch ein Kartenblat ſchlaͤgt, oder ein Goldblaͤttchen
ſchmelzt
Erfte Klaffe ver Wunderwerke Chrifti. 775
ſchmelzt — daß durch einen elektrifchen Stoß der Maft
von einem Fleinen Schifihen , gleich als von einem Wet—
terfchlage zerbrochen wird — daß ein Menſch an dem. Ko—
pfe mit einen: ſelchen beilen Scheine umgeben wid, tie
. man se Köpfe der Heiligen vorzuſtellen pflegt. — Man
kann das Nordlicht und den Bü; nachahmen uno überhaupt
unzehlich viel Wirfungen durch das “euer und die Kraft
des eiefterifiben Sunfen bervorbringen — und doch ift
die ganze Wifjenfchajt der Elektricitaͤt noch in ihrer Kind—
heit. —
EEE T ———
RT NL
»#
Mahomedanifche Geſchichte.
D. Araber , welhe zum Theil auch Türfen ımd
Yisbomsdaner genenner werden, ſtammen arojtentheilg
von Iſmael, dem Sohne Abrabams her, der zu Mec—
ca gewohnet haben , und auch daſelbſt begraben ſeyn ſoll.
Died iſt auch die Urſache, warum die Araber dieye Stadt
von ie her, und fihon lange vor den Zeiten Mahomeds
für einen heiligen Det gehalten haben, weil Ifmael in
ihren Augen ein großer Prophet fi. Den Tempel zu Mec⸗
ca hielten fie für ein von Übraham erbautes Haus, und
der Brunnen an deffen Eingange fell noch eben der drums
nen feyn, den der Engel der Hagar, des Simaels Mute
ter zeigte. Wegen diefer Abftammung fand fich zu allen Zeis
ten eine große Uebereinſtimmung zwiſchen den Juden und
Arabern, forwohl in der Sprache , als auch in den Ge—
braͤuchen, in dem Gottesdienſte, und in der Regierung.
Die aͤlteſten Araber folgten berienigen Neligien , teiche
Abraham
75 . Abt und dreyßigſte Tafel.
Abraham ſeinen Nachkommen einpraͤgete; allein mit der
Zeit verlieſſen ſie ſolche, oder verſtellten ſolche vielmehr
durch den Goͤzendienſt, der in dem alten Tempel Iſmaels
zu Mecca getrieben wurde.
In dieſem Zuſtande befanden fi) die Araber um bas
Jahr 600 nad) Ehrifti Geburt, als einer ihrer Mitbürger
denfelben gänzlich veränderte. Er hieß Muhamed oder
Mohamed; ; welchen Namen die Griechen und andere Eus
ropaͤer nachmals in Mahomed verwandelt heben. Seine
Vaterſtadt war Mecca, im ſteinigen Arabien, der vor—
nehmſte Handelsplaz der Araber. Er war aus dem an—
fehnlichfien Stamme der Araber gebürfig, und gemwiffers
maffen von fürftliher Herkunft, indem feined Vaters Bru-
der das Oberhaupt feines Stammes, und alfo Befehlsha—
ber von Mecca und deſſen Gebiete war. Hein ſein Va—
ter, den er in der erfien Kindheit verlor, hinterließ ihm
zum Erbe nichts mehr, als fünf Kameele und einen däthios
pifchen Sflaven. Unterdeſſen hatte Mahomed Gaben ,
und erwarb fich bald Gefchicklichkeiten, welche ihm nüzlis
cher waren, als ein reiches Erbtheil. Er war von einer
fchönen Geflalt, und einem fehr einnehmenden Setragen.
Seine natürliche Beredtfamfeit unterfchied fih ſchon in feis
ner früheften Jugend von einer bloffen Geſchwaͤzigkeit, ins
dem er von nichts ohne Kentniß und Ueberlegung ſprach.
Auch wurde er durch die Aufrichtigkeit und Redlichkeit bes
liebt, die fich in allen feinen Worten und Handlungen zeig»
te. Seines Vaters Bruder ersog ihn zur HDandelfchaft,
die er felbft frieb, und die bey feiner Nation auch den
größten Familien nicht unanftändig gefchäzt wurde. Mitten
unter diefen Befchäftigungen legte er auch Beweiſe feiner
Tapferkeit in einem Fleinen Kriege zwifchen einigen arabis-
(hen Stämmen ab. Endlich wurde er Oberaufſeher oder
Factor
Erfte Klaffe der IBunderwerfe Chrifti. 777
Sector bey der Handlung einer reichen Kaufmannswitwe,
und betrieb dieſelbe fo Klug und gluͤcklich, dag fie ihn
beyrathete. Auf feinen häufigen Handlungsreifen, auch
aufferhalb Arabien, hatte er mancherley Nationen, Län«
der, Sitten, Religionen und Meinungen der Menſchen
fennen gelernt. Diefe Einfichten und Erfahrungen fuchte
er num zu nuzen, nachdem er noch vor feinem drenßigfien
Sahre ein reicher Herr geworden war, und es in feiner
Gewalt hatte, Fünftig ein ruhiges und bequemes Leben
zu führen. Anſtatt fich diefem zu ergeben, entfchlof er fich
vielmehr zu einer der Fühnften und fchwerften Unternehmun—⸗
gen, zur Kinführung einer neuen Neligion in Aras
bien. Ein ernfihaftes Nachdenfen über den Zuftand der
Religion in feinen Vaterlande erweckte diefen Entſchluß bey
ihm ; feine feur!Ie Einbildungskraft und fein Ehrgeiz bes
geifterte ihn zur Ausführung deſſelben, und im Vertrauen
auf feine vielerley Fähigkeiten fieng er in einem Alter von
ohngefehr vier und dreyßig Jahren an , bdenfelben ing
Werk zu fegen. n
Er behauptete alfo Sffentlih zu Mecca , daß er die
Nelision der Patriarchen , befonders des Abraham und
Sfmael, von dem die Araber abflammten, ia felbft die
Neligion des Mofes und Chriſtus wieder in ihrer Keinigs
Feit herftellen wolle, welche fie längft durch die Verfälfchs
ungen der Heiden, Juden und Chriften verloren hätte.
Er verfiherte dabey, daß ihn Gott felbft zum Verbeſſe—
rer der Neligion auserfehen, und unter die Menfchen ges
fandt habe. Daher war eg die erfie Lehre feiner Religion,
und blieb auch immer die wornehmfte : Ks ift nur ein
Gott, und Mahomed ift der Prophet Gottes. Er
wollte nehmlich vor allen Dingen die Abgstterey ſtuͤrzen,
und die Verehrung des einzigen mahren Gottes bafür herr»
» ſchend
778 Acht und dreyßigſte Tafel.
fihend machen. Ohne zu leunnen, daß Moſes und ans
bere iüdifche Lehrer, auc Chriftus ſelbſt, Propheten,
oder auferordentliche göttliche Gefandten an die Menfchen
zum Unterrichte derfelben gemwefen wären, behaupiere Mas
homed vielmehr, er fey der größte Prophet Gorieg, ber
die Neligion in den vollfommenften Zufiand fezen follen,
in welchem fie ſich noch niemals befunden hätte. Als er
diefe Lehren befannt machte, fund er anfänglid) , feine
Familie ausgenommen , nur wenige anfehnlidhe Maͤnner,
die ihn beyiraten. Zwar befam er bald mehrere Anhaͤn—⸗
ger in und auferhaldb Mecca ; allein die meiften und
mächtigften von feinem Stamme miderfegten fich feiner Nes
ligion. Er wurde alſo, nad) vielen Gefahren und Vers
folgungen, genöthiget, feine Zuflucht nad) Jatſchreb eis
ner mit Mecca in Neindfchaft lebenden Stadt, zu nehmen,
die feirdem , ihm zu Ehren, die Stadt Bes Propheten
(Medinat al Nabi) genannt wurde und iezt kürzer Wie
dina (die Stadt) heißt. Weil nun bdiefe Flucht des
Mahomed, im Jahr Chriſti 622, der Grund zu feiner nach«
maligen Größe und Herrfchaft wurde, und aud) fonft mit
gielen fonderbaren Umftänten begleitet geweſen feyn fell;
fo haben die Araber und andere Nationen, welche feinen
Glauben annahnıen , ihre Zeitrechnung von diefer Bege—
benheit angefangen. Sie rechnen alfo ihre Jahre von
der Hedſchra an, welches im Arabiſchen eine Flucht bes
deutet , oder, wie die Europder es ausſprechen, ven
der Hegira an; und find daher um 622 jahre weiter im
ihrer Zeitrechnung zurüc ale die Ehriften, haben auch Fürs
zere Jahre als dieſe.
Mahomed verſtaͤrkte iezt feine Warthey immer Mehr,
und fah fich im Stande feine Gegner mit Fleinen Haufen ans
zugreifen. Im Anfange veräbte er nur Streifereyen und
raͤuberiſche
Erfte Ktaffe der Wunderwerke Ehrifti. 779
räuberifche Anfälle; wach und nad aber, da ihm fein
Gluͤck, und feine Geſchicklichkeit ein kleines Kriegsheer
verſchafft hatten, breitete er ſeine Unternehmungen viel
weiter aus. Er hatte nun tapfere Feldherren; und ei—
nem derſelben übergab er feine Fahne, um unter derfels
ben für feine Neligion zu fechten. Aber eine wahre Reli—
gion , in welcher Sort die Menfchen unterrichten läßt,
braucht nicht des Schwerdtes und DBlutvergießens , um
ihre Herzen einzunchmen. Dur der Haß, die Derrichfücht
und Nachbegierde des Mahomed gegen feine Feinde bedurf:
ten eines fo gewaltfamen Mittels. Bald unterwarf er fich
alfo verfchiedene arabifche Staͤmme, eroberte feine Waters
fladt Mecca mit Sturm, fiel in benachbarte Länder ein,
und machte fich ihren Negenten furchtbar ; endlicy aber bes
zwang er ganz Arabien, nachdem er das Heidenthum
überall darinnen zerflört , und feiner Religion die völlige
Oberhand verfchafft hatte. So ftarb er im Jahre 632
zu Medina, als Herr feines Vaterlandes, Stifter ei
ner neuen Religion , und eines neuen Reichs.
Was feine Religion und feine Kehrfäze betrift, fo
machte er überhaupt von Gott, feinen Eigenfchaften und
Werken einen ziemlich erhabenen und verehrungswäürdigen
Begriff. Dabey ſchrieb er demfelben auch einen unver-
änderlihen und unvermeiblichen Rathſchluß zu, durch wel—
chen alles dergeftalt beſtimmt wäre, daß feine Bemuͤhung
etwas dagegen ausrichten koͤnne. Weiter lehrte Maho—
med auch einiges von den Dienern Gottes , oder Ensein,
j. E. daß beren 70000 mwären, beten ieder 70000 Koͤpfe,
und ieder Kopf 70000 Zungen hat, und iede Zunge Ge:
70000 mal in ieder Minute lobet. — Er redete von den
heiligen Büchern, die Gott an verfchiedene Menfchen vom
Himmel berabgelafien habe, und darunter er von une“
bihlz.
*
780 Acht und dreyßigſte Tafel.
biblifchen Büchern die Schrifien Mofis , die Yfalmen und
die evangelifchen Lebensgefchichten Jeſu rechnete. Auch die
Auferfiehung der Todten , ein Fünftiges allgemeines Ges
richt über die Menfchen, nebft Belohnungen oder Etras
fen , welche fie in der Emigfeit treffen würden, brachte
Mahomed unter feine Glaubenslehren — Auf der andern
Seite fehrieb er auch feinen Anhängern einiges vor, dag
fie , zum Beweiß ihrer Frömmigkeit und Gottfeligkeit, beobs
achten follten. Hauptſaͤchlich empfohl er ihnen ſehr haͤu⸗
figes und mit aller möglichen Andacht zu verrichtendes Ge,
bet, nebft der Vorbereitung zu demfelben durh Wafchen
und Faſten, williges und reichliches Almofen geben, Ents
haltung vom Weintrinfen , deffen übermäßiger Genuß fo
traurige Folgen hat, und welches daher fchon in Altern
Sahrhunderten, von vielen Diorgenländern gänzlich unters
laffen wurde; und einige andere Befehle oder Verbote,
Allerdings drang er überhaupt auf ein fugendhaftes Leben.
Unter den äufferlichen Gebräuchen aber , die er veft fezte,
ift befonders die Wallfarth merfiwürdig , melde ieber
Anhänger feiner Neligion, mwenigftens einmal in feinem Le-
hen, nad Mecca, zu einem alten für felig geachteten
Gebäude, to bereits Abraham Gott verehrt haben folle,
anzuftellen verbunden ift (Tab. XV, 3.). Diefe Kelis
gion, und befonders den Glauben an einen einzigen höch-
fien Gott nannte Mahomed in feiner Landesfprache Io:
Iam, dag beißt, glaubiges Vertrauen auf Gott; und da,
von haben die Bekenner diefes Glaubens den arabifchen
Samen Moslemin (Glaubige und Gortvertrauende) bes
fommen. Der Name Muſelmaͤnner, den wir ihnen beyles
gen, ift blos eine Verdrehung des angeführten Wortes,
Sie haben auch ein arabifch gefchriebeneds Buch, aus
welchem fie die zuverläßige Erfentniß ihrer Neligion ſchoͤ⸗
pfen,
Erfte Klaffe der Wunderwerfe Chrifi. 788
pfen , wie bie Chriffen aus der heiligen Schrift. Das
ift der Koran, oder Al: Roran. Dieſes Wort bedeus
tet im Arabifchen eine Sammlung ; und in der That fin—⸗
det man darinn die Keden und Predigten des Mahomed ,
welche er aus göttlicher Offenbarung und Eingebung wolls
te gehalten habın , wie fie nach feinem Tode gefammelt
worden find. Denn er gab vor, fo oft er einen Ans
fall von der fallenden Sucht hatte, er geriethe in Entzuͤ⸗
Kung — Gott fuͤhrete ihn gen Himmel, damit er ihn feis
nen Willen eroͤfnete. Er fol auch eine Taube abgerichter
haben , daß fie ihm zum öftern nad) dem Ohr flog, und auf
feiner Schulter ſizen blieb — bieß gab er-vor, wäre der
‚heil. Geift, von dem er allerley Eingebung befäme; u. f. m.
Die Mahonıedaner haben Tempel; welche in ihrer
Sprache Moſcheen heißen. Da fie allen Schein der Abs
goͤtterey auf das ernſtlichſte haſſen, fo dulten fie auch Feis
ne Brider im denfelden , fondern man findet darinnen nur
hin und wieder mit arabiſchen Buchſtaben geſchrieben,:
Es ift nur ein Bott, und Wiabomed it fein Pros
phet. In biefen Moſcheen muß ieber andaͤchtige Dias
homedaner ale Tage fünfmal fein Gebet verrichten, DBof
iedem Gebete mälfen fie ſich forgfäliig mwafehen ; bey dent
Gebete felöft machen fie Verbeugungen des Leibe , werfen
| fich zur Erde, und kuͤſſen dieſelbe. Den Freytag feyern
ſie als einen heiligen Tag; ſo wie die Juden den Sonn⸗
abend, und die Chriſten den Sonntag feyern. Die des
lopnung der Gerechten nad) diefem Leben ſezen fie in lau—
ter finnliche Bergnügungen, wovon fie taufend unpereimz
te Thorheiten erzehlen.
Auſſer dem reytage, ihrem Sabbalhe, haben fie
auch vier heilige Monathe, und verſchiedene große Feſte⸗
J. E. das große Bairamfeſt, welches einige Gleichheit
689 Haie
J— Acht und dreyßigſte Tafel.
mit dem neuen Jahre der Chriſten hat, woran ſie ſich al.
len Luſtbarkeiten ergeben, und ſich vornehmlich nit Schau—
keln auf oͤffentlicher Straße, und mit dem Gluͤcksrade be,
fdäftigen. — Die Faſten im Ramadan, welche auf
das firengfte beobachtet, auch mit Karnevals und anbern
gufibarfeiten gefeyert wird — das Tulpenfefi , an mel-
chem , weil die Türken der Tulpe vor allen andern Blu—
men den Borzug geben , im Hofe des neuen Serails viele
Gallerien und Bänfe mit Tulpenflafhen beſezt, und auf
den hoͤchſten Baͤnken die Kanarien-Voͤgel des Großfultang
in goldenen Kaͤfichen, und Ölasfugeln mit Liquers von
allerley Farben angefült, zur Belufiigung des Volks aus.
gefeßt werden.
Das türfifhe Reich, zu welchem ein großer Theil
von Europa , Aſien und Afrika gehsret , und weiches
auch die ottomanifche Pforte genennet wird, weil Ort:
tomann, um dag Jahr 1303 , den Grund zur türfifchen
Monarchie gelegt hat, wird von Kaifern dufferft deſpo—
tiſch regieret. Dieſelben werden auch Sultans, Groß:
ſultaͤns genennet, deren Reſiden; zu Bonſtantinopel
iſt, und Seraglio heiſſet. Sein erſter Miniſter wird
Großvezier genennet, welcher nebſt noch andern Vezie,
ren im Divan, das iſt, im Nathe ſizet. Ueber bie
Bropinzen find Puffen gefejt. Der Mufti ift dad Haupt
der tuͤrkiſchen Geiſtlichkeit, unter denen die Mollas,-'
Einivs, Imans und Derviſche oder Mönde fleben.
Auf der Tafel ift angezeigt: 1) Mahomed, Mie er
feinem Feldherrn die heilige grüne Fahne übergiebt, wel—
che noch als cin Heiligchum von den Türken aufbewahret
und nur bey den größten Seperlichfeiten gezeigt wird (a).
2) Der Großfulsan im Staatshabite , nebft einer Stan,
darte
—
Erſte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 783
darte und einem Roßſchweife, melde von * Tuͤrken
im Felde gebraucht werden (b). 3) Die große Moſchee,
St. Sophia, zu Konftantinspel, die ehemelige p ——
Haupfliche der Coriften , welche bequem 100000 en-
ſchen faſſen kann , und taͤglich 10000 Gulden Einkuͤnfte
haben ſoll (c). 4) Die Luſbarkeiten am greifen Bair⸗
amfeſte (d).
4.
Einige chirurgiſche Operationen.
Per dag allmaͤchtige Wefen kann augenblicklich, ohne al-
le Mittel und Werkzeuge , ale Krankheiten und Gebre—
en der Menſchen heilen — Die Menſchen brauchen oft
viele Mühe, Zeit, Mittel und Geſchicklichteit dauı —
doch haben fie es ſoweit gebiacht, daß ſie oft auch aus
der groͤßten Noth erreiten koͤnnen, weiches unter andern,
aus den ſogenannten chirurgiſchen Operalionen erheliet.
Auf der Tafel find viere vorgefielle::
. Das Staerfiecben (a). Inter die wichtigfien Au—⸗
Bee gehoͤret der ſhwarze und der graue Staar.
Durch ienen verlieret man Las Geſicht, ohne dag man che
nen Fehler in dem Auge ſireht. Er ak gemeiniguich
durch eine er des Sehe-Nervens, oder feiner
Sortfezung , Ber Nezbaut; und es ift mir ihe gemeiniglich
eine a der Pupille verknuͤpft. Dieſe bleibt
ſodann gegen das Licht unempfindliche, und zieht ſich nicht
mehr, wie fie ſonſt zu thun pflegt, zuſammen. Der
graue Saar iſt eine Verdunkelung de» Öefichtes, die duch
bie veränderie Durchſichtigkeit der Kryſtalllinſe hervorge—
Ögg2 bracht
84 Acht und dreyßigſte Tafel:
bracht wird. Wenn man nun biefen Staar ftiht, „der
operirt, fo wird entweder die verdunfelte Kryſtalllinſe,
durch die hineingebrachte Staarnadel in die aläferne Feuch—
tigkeit des Auges hineingedruckt , oder gar durch eine, iR
die Hornhaut gemachte Defnung, herausgezogen.
a. Die Amputation, oder Abnebmung eines Glier
des (b). Diefe wichtige Dperation beficht im Wegfchneis
den cineg Gliedes oder Theiles des Körpers. Abſezen
fagt man eigentlih, wenn man fich dabey einer Säge bes
dienet. Nicht nur alle Glieder und deren Theile, fon«
dern auch fleifchichte Theile z. E. die Bruſt ıc. koͤnnen ams
Yutirt werden. Man bedienet fi) der Amputstion haupt
‚ fachlich in den Fällen, mo Glieder mweggeriffen worden,
der fehr zerfchmettert und zerquetfcht find, der Falte Brand
fie befallen hat, oder der Krebs, Veinfraß se. bicfe
Dperation erforder. Man fchneidet die Glieder, vor—⸗
nehmlic Arm oder Fuß, theils in den Gelenken, theils
zwifchen den Gelenken ab. Mit den Sleiihlappen am-
putiren nennet man die Art , bey der man einen Lappen
Haut und Zleifch übrig läffet und damit den Stumpf bedecket.
3. Das Trepaniren (c), wenn man die Knochen
ganz, oder nur zum Theil durchbohrt. Man verrichtet
diefe Operation vornesmlih an den Knochen der Hirnfcha«
fe, menu folche eingedruckt, zerbrochen, und unter ide
nen durch einen Stoß oder Sturz, Blut und Eiter befind«
lich if. Das Inſtrument, mit dem man fie verrichtet, _
wird ein Trepan, fubtiler Bohrer genannt.
4. Die Rettung der Erſtickten (d). Wenn erſtick⸗
te Perſonen, bie fich entweder aufhiengen , oder im Fro⸗
fie , oder im Wafler ihrem Tode fchon nahe waren, noch
zu rechter Zeit, Huͤlfe finden „ fo können fie gleichfam wies
‚ber
Erfie Klaſſe der; Wunderwerke Chriſti. 785
der in das Leben gebracht werden. Weiſe Obrigfeiten has
ben dazır feit einigen Jahren die beſten Anſtalten getroffen —
und ieder Menſch, der feinen ‚auf irgend eine Art veruns
gluͤckten Bruder zu retten fucht , iſt nicht nur ehrlich, fon»
dern. unter den Ehrlichen und Nechtfchaffenen der Erſte.
Solche halb todte Körper werden an einen mäßig warmen
Dre gebracht und flarf gerieben — man oͤfnet ihnen eine
ber Hauptadern — bläfet ihnen DOdem in dem Mund,
applieirt Toback⸗Klyſtire, fcharfe Spiritus und dergl.
Man bat Beyfpiele von Unglüclichen , die beynabe eine
halbe Stunde lang im Waſſer lagen , und als todt hers
ausgezogen, und boch durch anhaltenden Fleiß noch gerets
tet wurden.
NS ———— — ——
5.
Das Auge. Das Ohr.
— dem Auge verſteht man im weitlaͤuftigen Verſtan—
de alle Theile, melche beyde Augenhoͤlen ausfüllen , im
engen aber nur den Augapfel. Die Augen liegen in den
Selen unter der hervorragenden Stirne beſchuͤzt. Die
aͤuſſern Theile find die Augenbrsunen und Augenlieder
it den Wimpern oder Haaren am Nande, welche zum
Schuz vor Staub und Inſecten dienen. Wo die Augen—
Keder zufammten floßen , find die Augenwinfel, und bins
ver ienen iſt ein Fhlüpfriges Fett, damit fie fich deſto
leichter bewegen Finnen. Im innern Winkel des Auges,
gegen die Naſe, liegt eine röthliche Drüfe, und am ars
bern Winkel eine andere, die man nicht ſieht. Sie
ſcheinen einen Saft zur Beweglichkeit des Auges abzuſon⸗
6883 dern,
786 Acht und dreyßigſte Tafel. -
bern, und, zumal die leztere, die Duclle der Threnen
zu ſeyn. Die Augenlieder werden inwendig mit der vor—
dern Hälfte des Augapfels buſch ein zartes Haͤutchen vers
bunden, Umier der hinter dieſer befindet fi) am Auge
apfel das weiße Haͤutchen, dad alfe genennet wird, weil
es Das Weiße des Auges «ausmachen fol. Auſſer dieſen
zwey Haͤuſchen, gehoͤren zum eigentlichen Augapfel fül
gende Iyeue : 1) Die Hautchen, wovon die erſte, die
den ganzen Augapfel amgtebt, das Hornhautchen heiſſet.
Sie iſt hinten am Sebenerven dick und undurchſichtig,
wird aber vorwärts un einem Zufel dünne und durchſichtig,
daher ver hintere Theil der dunfle , und der vordere ber
helle genenzet wird. Die andere Zaut, das Adernbauk
&ben befieyt aus vielen Geſaßen von braunroͤthlicher Sacbe
‚und hängt mit der innern Seite des Hornhaͤutchens durch
feine Gefaͤße überal zujanmen , bis an den Zirtelrand der
durchſichtigen Hornhaut. Hier verändert fie ihre Farbe,
machi einen veſten weißlichen Zirkel, und dann weichet fie,
nach innen zu von der Hornhaut ab, zieht fich etwas zus
ruͤcke und quer durch das Auge, fo daß ;wifchen diefer
Membrane und der durchfichtigen Hornhaut en Raum
bleidt, welcher die vordere Kammer des Auges beißt.
Die quer vorgezogene Haͤutchen hal faſt in der Mitte, eis
ne runde D.fnung, die id) verweitern Und verengern fann,
und der Augenſtern Pupille) heißt ; da hingegen der
von diefen Häuschen und dieſer Oefnung gemachte Rand oder
breiclihe Umkreis , das vegenbogenförmige Haͤutchen
genannt wird. E31 von verjchievener Sarbe, wid giebt
daher die Benennung von blauen , fchwarzen Augen 26.
Die hintere Flache diefes Haͤutchens ift ſchwarz und heißt
die traubenförmige Haut. Die dritte Haut fo die nez—
förmige heißt, iſt nichts anders, als das ausgebreitete
Mark
Erfte Klaffe der, Wunderwerke Ehrifti. 787
Mark des Sehenervens , und zerflieft beym Unterfuchen,
wie ein winner Schleim. Sie Überzicht die innere Fläche
des Adernhaͤutchens, umd von ihr hängt die Kraft zu fer
ben ab. Zum Augapfel gehören ferner =) dreyerley
Feuchtigkeiten, nehmlich: Die gläferne Seuchtigfeit,
welche einem gefchmolzenen Glafe ähnlich ficht , und den
ganzen hintern Raum des Augapfels ausfüket, fo weit
bie nezförmige Haut geht. Sie ift eigentlich ein helles
durchſich iges Gewebe, welches in fehr feinen Cellen einen
sallertariigen Safı enthält. An te: vordern Fläche die eg
Körpers gegen die Pupilie zu, beme ket man eine Aushoͤh⸗
lung, welche die Fryitallene Linſe oder Seuchtigkeit,
groͤßtentheils ausfuͤllet. Dieſe Einfe ift ein durchfichtiger
euf beyden Flächen etwas erhabener Körper, der aus
fHichtweife auf einander liegenden Blättchen beſteht, zwis
ſchen denen ein dem Leim ähnliches feuchteg Werten befinds
lich if. Die obgetachte vordere Kammer füllet endlich Die
wäflerige Seuchtigfeit, welche wirklich fluͤſſig, Helle
und durchfichtig if. Daß 3) auch Blut: und Puls Adırn
im Auge find, iſt leicht zu erachten ; ferner 4) Nerven,
deren fehr viele zum Auge gehen, und meiſtens zur Bewegung
des Augapfels tienen. Don dem Sehenerven hängt, wie
bereits erinnert worden, das Eıhen vornehmlich «ab.
5) der Muſkeln, welche den Augapfel bewegen, find
ſechs; wovon zwey, wegen ihrer Richtung, fibräge,
und vier gerade heiffen.
Auf der Tafel ficht man 1) das Auge von aufen
(Aa); 2) das Auge, wie es an den Sehenerven hängt
(b); 3) das Auge im Durdhfihnitte (ec); 4) Verbrei—
‚tung ber Adern in dem ſchwarzbraunen Gewande des Augs
apfels, melche allerlen artige- Bögen um den Stern her
um bilder (d); 5) das Auge mit feinen Muſteln in feiner
6994 beis
788 Act und drepfigfte Tafel.
| beinernen Hoͤle, bie hier der Länge nach mitfen vom ein-
IN ander geſchnitten ift (e).
| Das Ohr ifi derienige Theil des Hauptes, durch
1 welchen die Empfindung des Gehoͤrs gefchieht. Es befteht
ı aus äuffrrlichen und innerlichen Theilen. Der äufferliche
N Hr die Ohrenmuſchel mit den daran unten berabhangenden
y Ohrlaͤppchen. In der Mitte dee auſſern Ohrs, deſſen
3 verſchiebene Erhabenheiten und Vertiefungen von den Zer—⸗
gliederern mit verſchiedenen Namen belegt werden, iſt der
Eingang zu dem auſſern Gehoͤrgange. Dieſer iſt inwen⸗
dig mit einer ſehr feinen Haut bedeckt, und ſizen in ihm
viele kleine Druͤſen, die einen bittern Saft abſondern,
den man das Ohrenſchmalz nennet, und der theils die
Trockenheit dieſer Haut verhindert, theils macht, daß
feine Inſecten in das Ohr hineinkriecher. Nach hinten
| zu wird diefer Gehörgang durch ein dünnes, trockenes und
durchſichtiges Haͤutchen zugefchleffen , welches man die
Trommel, oder beffer Trommelbäutchen nennet. Hin⸗
ger dieſem Häuchen iſt eine große Hoͤhle, welche man
die Trommelböble nennet. In ſolcher liegen vier Fleine
Knochen , die nach Ihrer Geſtalt, Der Hammer, Ams
bas , Steigbügel und das runde Beinchen genennet
werden. Der Stiel des Hammers ıft unten mit dem Troms
melhäutchen verbunden , und sichet folches einwärts; oben
trift er auf den Kopf des Amboßes, der einen langen und
kurzen Fuß hat, davon der lange vermitteift des runden
Beincheng mit dem Wirbel des Steigbügels verbunden ift.
Diefe bedecket das eyrunde Loch, welches zu dem foge
‚nanten Vorhof führer. In diefem oͤfnen fich die nach hins
&en gelegenen bogenförmigen Roͤhren, deren drey find,
Rach vorne zu aber ift eine Deinung der Schnecke befinde
lich. Dieſe befleht aus zwey ſpiralgewundenen Gaͤngen,
die
Erfte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 789
die man Treppen neunet; die durch eine Scheidewand von
einander abgefondert find, und fi) in der Spire der Schne—
fe mit einander vereinigen. Die eine von diefen Trep—
pen hat ihre Defnung wie gefagt, in dem Vorhof; bie
andere aber durd) dag fogerannte runde Loch, dag unter
bem eyrunden liegt, in die Trommelböble Aug diefer
Trommelhoͤhle gehet ein, theild knoͤcherner, theils knorp⸗
licher Gang in den Mund, deſſen Oefnung hinten im
Schlunde befindlich if. Man nennet ſolchen die euftachir
ſche Trompete. Die Gehoͤrknochen haben verſchiedene
Heine Muſkeln, die fie nahe und weniger gegen einander
bringen, wodurch dag Trommelfell ftärfer gefpannt und
wieder erfchlaffet wird. Der Vorhof, die bogenförmir
ge Gänge unb die Schnecke werden zufamnien mit dem
Namen des Labyrinths belegt, und find mit vielen feinen
Dervenfaden verfchen.
Auf der Tafel fiehet man : 1) ein Stücde des felft
gen Theileg des Schlafbeines mit Sem Kabyrintbe, der
Trommelhöble, dem Gehörgange, den beinernen Ge
börbebeln, dem Trommelhaͤutchen und äuffern Oh⸗
ve — Lujtwellen , oder Schellibwingungen der Al
mosphäre, bie in dem Gehoͤrgang hinein führen, und von
dem Trommelhäutchen wieder zurückprallen (B.a). Denn
der Schalf pflanzet fich in ber Luft durch verfchiedene ziftern.
de, ſchwingende Bewegungen fort; 2) verfchiedene Bilder
der einzelnen Gebörhöhlden (b); 3) Durdfchnitt der
Gehörnerve (©); 4) der GBebörhebel, in feine einzelne:
Theile zergliedert (d); 5) eben derjelbe, fo wie er in der
Natur eigentlich an dem Trommelhaͤutchen wirklich hängt;
(e) ©) 9er Labyrinth (f).
68985 6.
— — mm
— — —
— ——
—
—
750 Abt und dreyigfie Tafel.
6.
Der Arzt
De Medicin oder Arzneykunſt iſt die Wiſſenſchaft,
die Geſundheit der Menſchen zu erhalten, und die verlohr⸗
ne nieder herzuffelen. Die einzelnen Wiffenfchaften,
welche zur Mevicin gehsren, find : die Zergliederungsfunft
“oder Anstomie — die Lehre von der Wirfung der Theile
des menſchlichen Körpers, oder Phyfiologie — die Leh—
se von der Erhaltung der Gefundheit, oder Diäterif —
die Therapie, oder kehre von der Heilung der Franfhei-
ten; und die Chirurgie, die fih mit der Kenntniß und
Heilung der Aufferlichen Krankheiten befchäftiger. Dazu
gehöret noch Die Materia medica, welche die Arzneymits
wel und ihre Kraft kennen lehrt; die Botanif, oder Kent
niß der Pflanzen und die Chymie, welche vornehmlich das
zu dient, die Miſchung der Iheile der Körper zu erfennen.
- Alle diefe midicinifche Wiſſenſchaften muß der Medi—
cus oder der Arzt wohl gelernet haben, und immer mehr
in denfelben forſchen, wenn er anderft eine Praxis bes
‚ Tommen, und in verfeiden glücklich ſeyn will. Er muß
dabey dir Niturlepre, tie Weltweißbeit und befonders die
Logik und Seelenlehre vollfiommen verfichen, damit er un—
trägliche Obſervationen und Schluͤſſe machen, und den Eine
fluß der Seele in den Körper und in die Kranfpeiten richtig
beurtbeilen Eann — muß, als ein Ehrift, das Leben der
Menfchen hochſchaͤzen — Feinem die Zt des Heils verkürs
zen — und ber empfindlichfte und mitleidigfte Menſchen—
freund ſeyn — As ein rechtichaffener Bürger wird er ies
des Mitglied des Staats hoch ſchaͤzen, und zur Erhaltung
deſſel⸗
Erfte Slaffe der Wunderwerke Chriſti. 791
deffelben fein möglichftes thun — und als ein wuͤrdiger
Menſch fih gluͤcklich ſchaͤen, wenn durch feine Wachfants
feit und durch feinen Fleiß die traurigen Trennungen der
Öatten, der Eltern und Kinder und zärtlicher Freunde
verhindert werden.
Hier (A) fit ein folder liebenswürdiger Yeis
land und Menſchenfreund, in feiner Studierſtube, vol
Trieb immer tiefer einzudringen in die Geheimniffe der Nas
tur — Er hat ein Rräuterbuch vor ſich — um fich herum
eine ausgefuchte Bıbiio:hef von meift medicinifchen Schrif.
ten — ein Merfchen - und andere Sfelete — im Weingeift
aufbewahr:e Fleine Kinder, Mißgeburten, Vrenfchen» und
Thies Theile — ein meitläufiiges Nerbarium, oder Frans
terbuh, das er fich ſelbſt geſammlet hat. Hier CB) fizt
er bey einem Patienten — fragt nach allen Umftänden
der Brankbeit, fuͤhlt an den Puls, um biefelbe aus dem
Gange des Blutes zu beurtheilen — fchreibt Recepte,
und verordnet jolde Arzneymittel, durch melde bie
Krankheit entweder gehoben, oder doch gemindert werden
fan.
Es ift daher nöthig und gut, wenn man fi die
vornehmfien Fragen befannt macht, welche der Arzt gleich
beym erfien Beſuche, an den Patienten ergehen laͤſſet —
gut insbefondere fur dieienigen, zu denen der Arzt nicht
ſelber kommen kann. Man fchreibe die Antworten auf alle
diefe Fragen auf, und ſchicke fie dem Doktor zu, fo ift eg
für denfelben beynahe fo gut, als wenn er den Kranken
felbft vor ſich haͤtte — und er Fann fogleich die gehoͤrige
Arzuey versrdnen. Folgende Fragen aber find die vor,
nehmfien, wie ein ieder Kranker feinem Arzte muß beant.
toorten koͤnnen: Wie alt ift der Rranfe? Iſt er bis
ber vollfonmen gejund gewefen oder nicht? Wie ift
bis:
N
792 Acht und dreykigfte Tafel.
bisher feine Kebensart befchaffen gewefen, mäßig
oder unmeßig? Wie lange ift er krank? Wie und
womit Ber fich feine Krankheit angefangen? Ver:
fpü:t er Sieber? ‚Wie gebt fein Puls? Iſt er noch
bey Kräften, oder ift er ſchwach? Kiegt er den gans
zen Tag im Bette oder nicht? Iſt es mit ihm den
ganze: Tag einmal wie das andere Iſt er unruhig
oder ſtille? Hat er Hize oder Sroft? In welchem
Theile des Keibes empfindet. er Schmerzen? Hat er
eine trofne Zunge ? Hat er viel Durft? Iſt ibm
bitter im Munde? Iſt ihm bisweilen, als ob er fi
brechen follte? Hat er Appetit zum Eſſen? Gebt
er oft oder felten zu Stuhle? Laͤßt er viel oder
wenig Urin, und wie ift er befhaffen? Hat er
Schweiß? Wirft er viel Speihel aus? Kann er
ſchlafen? Wird ihm das Athemholen nicht zu fehwer?
Was bat er bisher gegefjen und getrunfen? Was
für Arzeneyer bat er gebraudbt? Was haben fie ibm
geholfen? Hat er dieje Aranfheit ſchon vorber eins
mal gebabt oder nicht?
Wohl übrigens dem Lande, dag fromme, kluge und
erfahrne Aerzte hat, und hochſchaͤzet — und allen den Uns
fällen ‚Brenzen fest, bie fo haufig durch Die herumziehen⸗
den und furirenden Marktſchreyer, Charlatans, Duack
folder, Kaboranten, Urinſchauer und alten Weiber
verurſachet werden. |
WRITER
Erſte Klaffe der Wunderwerke Chriſti. 495
Apollo und Minerva.
Gott der Aerzt' und der Poeten
Und Pallas wurden einſt vom Himmel weggebannt —
Die Urſach iſt noch unbekannt,
Und ſcheint zu wiſſen nicht vonndihen,
Als dieſes Paar die Welt beivat,
Beriethen beyde fih, mas nun wohl anzufangen ?
Apollo ſprach: Ich ſchaffe Nath,
Mein Lebensoͤhl muß Brod erlangen.
Minerva rief frohlockend aus:
Auch meiner Kurft bedarf ein iedes Haus,
Man waget den Verſuch, und baut im nechflen Orte
Zwey große Bühnen eilends auf.
Apollo hat, als Arzt, viel Derrliches zu Kauf,
Und ruͤhmet was er hat, durch ausgeſuchte Worte.
Sein Wundereligir, das alte Haut veriuͤngt,
Den Achten TIheriac, die befien Augenfalben,
Ein Dehl, das iede Krantheit zwingt,
Und Apotheken gnug, zu ganzen und zu halben.
Die Tochter Jupiter nahm Seelen in die Kur;
Sie ſprach: Mein Gegengift wehrt Vorurtbeilen;
Mein Weisheits- Balfam ift die Stärfung der Natur,
Er kann den fchlimmfien Schaden heilen;
Den Aberglaubens Krebs, der viele Dienfchen plagt,
Die Ueppigfeit, tie Zehrung ganzer Neiche,
Den Wurm des Widerſpruchs, der Haupt und Zunge nagt
Den Neid, der ileinen Geifter Seuche —
Die Mittel, die ich zubereite,
Be:
794 Acht und dreyßigſte Tafel. |
Dertreiben ungefäumt ber Schwäger Lungenſucht,
Und die Vergeſſenheit, des rohen Undanks Frucht —
Die Taubheit und den Kropf, die Sranfheit großer Leute)
Des Geizes Hölendurft, der Einfalt Eigenſinn
Den tilg ich wunderſam; fo wahr ich Pallas bin!
Auch nehm ich die Bezahlung nur
Tach glücklich angefihlagner Kur.
Apollo machte fleißig Kunden —
Die arme Pallas batte Ruh.
Nur ihm warf man das Schnupffuch zu.
Er rieth den Kranken und Gefunden.
Wo wird die Weisheit Kranke finden ?
Ein ieder hält fih fchon für Flug,
Beſcheiden, liebreich, fromm genug.
Der Hochmuth hilfe ihm bald zu Gründen. —
RE LADEN
8
Mefculap.
N, man in ben älteften Zeiten die Krankheiten für etwas
Uesernatürliches gehalten, und fie für eine Wirfung bes
Zornes der Götter angefehen hatte; fo Fonnte es nicht an»
ders feyn, als dag man auch bieienigen , die durch ihren
Heobachtungsgeift und Scharffinn, ein Mittel, fie zu heben,
entdeckt hatten, für Ödtter hielt, und die Kranken in die Tem
pel brad;te — eine Gewohnheit, die noch in ſpaͤtern Zeiten
ſich nicht verlohren hatte. Deſto weniger iſt alfo ſich zu
verwundern, wenn Aeſculap, der Sohn bes Apollo, und der
Nymphe Koronig, der die Kenniniß der bamalının Arzney⸗
kunde von feinem Vater geerbi hatte, und fie durch feinen eis
genen Fleiß erweitert zu haben fcheint, goͤttliche Ehre erhielt,
Diefer
Erſte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 795
Dieſer Aeſculap ſell, als ein Kind, vom Merkur
noch errettet wor en ſeyn, da ſeine Mutter, welche von
der Diana erſchoſſen wurde, eben auf dem Scheiterhaufen
derbrannt werden follte. Andere fagen, daß er auf ei-
nen Hügel weggeſezt, von einer Ziege ernähret, und von
einem Hunde bewachet worden, bis ihn ein Hirte gefun—
den, und aus dem Ölanze feines Hauptes etwas Goͤttliches
an ihm cifaunte. In der Folge übergab ihn fein Vater
dem Unterrichte Chivons, des Kentauren, deſſen Hoͤle die
damalige Schule des griechifihen Adels war; in welcher
auch die, meiſten Helden des troianifchen Kriegs erzogen
tourden. In diefer Schule lernte er vornehmlich die Arze
neykunſt, in ber er fich hernach dermaffen hervorthat,
daß er felbft für den Erfinder derfelben gehalten, und das
ber nicht nur zu Epidaurus, als feinem Geburtsorte,
fondern auch zu Rom und andern Diten götilich verehret
wurde. Als er aber in feiner Kunft fo weit gieng, daß
er auch die Todten wieder lebendig machen wollte, beklagte
fih Pluto bey dem Sjupiter über ihn, daß er auf folge
Weiſe feinem Reiche Abbruch teue — murde auch deswe—
gen vom Jupiter durd) einen Bliz getödtel. Aber er fund
wieder auf, und war von nun an unfterblid).
Er wird als ein alter Dann mit einem großen
Barte gemacht, der einen Lorbeerfrang auf feinem Haupte
bat, meil dieſer Baum ein Frafiiges Mittel wider ver»
fchiedene Krankheiten iſt. Anſtatt eines Stabs, den er
fonfi in der Hand hat, bedienet er ſich auch einer knotigten
Keule, um welche fi eine Shlange winder, die Schwie—
rigfeit der Heilungsiunft anzıszeigen. Daher, und weil
aus den Schlangen viele Huͤlfsmittel gegen Krankheiten in
den alten Zeiten bereitet wurden, Ward ihm auch bie
Schlange heilig. Sehe oft hat er zur Seite den Teles
pho us
796 Acht und dreyßigſte Tafel,
phorus, als ein mit einem Mantel bedecktes Kind, wel⸗
cher ebenfals als ein Gott der Arzneykunſt verehret wurde.
9.
Merkwuͤrdige Handlungen eines blinden
Frauenzimmers.
— de Salignac, ein iunges Frauenzimmer
von einem guten Haufe in Kaintonge verlohr ihre Geſicht,
als ſie zwey Jahre alt war. Man hatte ihrer Mutter
geraten, Taubenblut auf die Augen zu legen, damit fie
in den Blattern, bie fie damals hatte, nicht Schaden
nehmen möchten. Das Mittel aber fiimmte fo wenig zu
der Abſicht, daß es fich vielmehr in die Augen einfraß.
Unterdeßen Fann man fagen, dag die Natur, zur Erjezs
zung Diefes traurigen Schadens, ihr Schönheit der Berfon,
Sanftmuth Ber Seele, Lebhaftigkeit des Geiſtes, Schnel—⸗
ligkeit der Begriffe und viele andere Gaben verliehen hat,
die das Ungluͤck ſicherlich etwas lindern Eönnen.
Cie fpielt Nevertis, ohne Anleitung und öfters ges
ſchwinder, als die andern von der Parthie. Erſt macht
fie die beyden Haufen zurecht, Die ihr zur Theil worden,
indem fie diefelben mit verfchiedenen Suchen, aber fo ums
merklich zeichnet, daß man bey dem ſchaͤrfſten Anſchauen
ihre Zeichen Faum unterfcheiben kann; fie ändert fie bey
teder Parthie, und niemand verſteht fie als fe allen; Sie
fondert die Folgen aus, und legt die Kakten fo, wie fie
folgen misffen, mit eben der Genauigkeit, und fr mit eben
fo vieler Leichtigkeit zurechte, als dieienigen gun Lemtelr,
bie
Erfte Klaffe der Wunderwerke Chrifti. 797
die ihr Gefiche haben. Alles, mas fie fich von denen,
die mit ihr fptelen , ausbittet, iſt: iede Karte zu nennen,
die ausgefpielt wird; und dieſe behält fie fo genau, und
fpielt fo fchön, daß man flets eine große Stärke in Vers
bindung der Begriffe und ein ſtarkes Gedaͤchtniß bemerfer,
Ein fehr wunderbarer Umftand iſt eg, daß dies Fraus
enzimmer ſogar leſen und ſchreiben gelernet. Sie fuͤhrte ei—
nen ordentlichen Briefwechfel mit ihrem Altern Bruder, der
fi) Handelggefchäfte wegen zu Bourdeaux aufbielt, und
e8 wurde ihn von ihrer Hand alles uberfchrieden, was feis
ne Sachen angieng. Wenn man an Ile Ichreibt, fo wer
ben die Buchſtaben nicht mit Dinte geſchrieben, ſondern
eingeſtochen, und mit ihrem zarten Gefuͤhl unterſcheidet
fie ieden Buchſtaben, indem fie deſſen Zügen mit dem Singer
nachfolgt, und fo Wort für Wort ließt. Sie feloft, wenn
fie fchreibt , bedient fich eines Pinſels, weil fie nicht wiß
fen fann, mann ihre Feder trocken iſt. Ihr Führer auf
bem Papier if ein Eleines Lineal, das fo breit ift als ihre
Schrift: Wenn der Brief zu Ende iſt, fo macht fie ihn naß,
wodurch die Züge ihres Pinfels veft werden, und nicht vers
dunkelt oder leichtlich entfielt werden fünnen: Die Zeilen
find fehr gerade; die Buchſtaben wohl geflaltet, und die
Rechtſchreibung vollkommen richtig. Man gab ihre Ans
fangs Buchſtaben, die in Karten oder Pappe geriffen mas
ren, zu fühlen, und brachte fie dahin, daß fie ein A
von einem B, und fo dag ganze AD € unterfcheiden
nachgehend® aber ganze Worte buchſtabiren lerute; worauf
fie anfieng, fo tie fie ſich der Geſtalt der Buchſtaben era
innerte, folche felbit auf dem Papiere zu zeichnen, und
endlich fie fo zu flellen , bie Worte und Ausdruͤcke daraus
wurden;
® 65 | Sie
798 Acht und dreyßigſte Tafel.
Sie hat die Either, und faft allein von ſelbſt, fo gut
fielen gelernt, daß ihre Fleinen Geſellſchaften darnach tan-
zen fünnen; um ihrem Gebächinige zu Hülfe zukommen,
hat fie velbft ein Mittel erfunden, ihre Melodien in Papier
zu jiechen. In der Folge lerute fie von einem ordentlichen
Lehrmeiſter fpielen, ausgenommen, daß fie ihre Art, die
Noten aufzufchreiben, beybehält, und um folche defto befs
fer zu unterſcheiden, werden ihr die Notenzeilen weitlaͤuf⸗
figer gezogen. Sie lernte auch fingen, und die Werkzeuge
ihrer Sinnen find fo fein, daß, wenn fie eine neue Mes
lodie finsen hoͤrt, Ne im Stande iſt, die Noten zu nennen,
und ſolche während bes Singens niedesfchreiben zu laffen.
In figurirten Tänzen weiß fie ihre Sachen recht wohl
gu machen, ud ein Menuet tanzt fie mit unnachahmlicher
Leichtigkeit und Annehmlichkeit. Fuͤr die Frauonzimmerars
beiten hat ſie eine Meiſterhand. Sie macht Geldbeutel
von vielen Farben — ſie naͤhet und ſaͤumet vollkommen
wohl, und weiß eben fo geſchickt mit Marli und Filet
und aller Knoͤtchenarbeit umzugehen. Bey aller ihrer Ars
beit faͤdelt fie fih die Nadeln, fo Elein fie auch find, felber
ein — Cie bat eine Uhr an der Seite hängen, und ihr
Gefühl läßt fie in Zahlung der Stunden und Minuten kei—
nen Fehltritt thun.
Kent
Neun
799
Neun und drengigite Tafel,
I,
mente Klaffe der Wunderwerke Chriſti.
D 0 den Wunderkuren lieg Jeſus Chriftug feine Gofs
iesfraft, die alies wirken kann, noch durch viele
andere berrlihe Wunderwerfe ſehen. Wenn er nuf
feinen Mund aufihat zu predigen, fo wurden bie Herzen
Vieler auf eine uͤbernatuͤrliche Art geruͤhret, daß fie ihr
nicht mehr verliefen, fondern willig und freudig alles hint—
anfesten und feine Befehle beobachteten. Einſt war die
Menge feiner Zuhoͤrer fo groß, daß er in ein Schiff tres
ten mußte, das eben in der Kühe war, um aus demjelben
am Ufer mit ihnen zu reden (e). Auf iener Hochzeit zu
Rang, bey der er ſich mit feiner Mutter und feinen Juͤn⸗
gern einfand, fehlte es zulezt am Weine. Sogleich ließ
er durch die Diener Waſſer ſchoͤpfen, und ſehr große Ges
faͤße damit füllen — und wie man auf ſeinen Befehl das
von bey Tiſche Gebrauch machte, fiche, fo war es der befle
Wein (a). Unter einer großen Menge Käufer und Vers
Fauffer, die den Tempel zu Jeruſalem entheiligten , und im
demſelben mit großem Laͤrmen einen Jahrmarkt hielten war
fein Einziger, der ihm widerſtehen konnte, da er eine
Geiſſel nahm, fie ſaͤmtlich aus dem Tempel tagte, und
ihre Tiſche mit allem Gelde ummwarf (b). Zu irnen Mat—⸗
rhaͤus, ber anfangs ein Zolbedienter war, und ehe gute
9662 Ein⸗
⸗
| 3600 Neun und dreyßigſte Tafel.
Einihmehafte, durfte er nur ſagen: folge mir! fo.
gleich rühltefderfelbe einen folchen Zug der Gotthett im fei.
ner Seele, daß er alles verließ, und ihm machfolgte (e);
weiche Kraft alle feine Jünger fühlten. Kinige unter
denſelben waren Fiſcher. Einſt bemüheten fie ſich vie gan⸗
ze Nacht vergeblich, Fiſche zu fangen — ſobald aber
Jeſus zu ihnen kam und befahl, fie ſollten es noch einmal
verſuchen, 10 firngen fie augenblicklich eine ſolche Menge
Suche, daß die Neze zerriffen , und kaum die Schiffe
dieſelben faſſen Fonnten (d). Als allgewaltigen Herrn des
Meers und aller Elemente bewieß er ſich bey ienem ſchreckli—
chen Sturme, den ſeine Juͤnger auf dem Meere litten.
Er ſchlief anfangs ganz ruhig dabey — endlich, da die
Sünger den gewiffen Tod vor fi fahen, und ihn auf
weckten, gebot er den Winden und Wellen, daß fie ru-
hen ſollien, und augenblifiih war alles file (f). Als
Herrn der Erde und allır Frucht derſelben zeigte er ſich,
da er zweymal etliche taufend Menſchen, mit wenigen
leinen Broden, an denen kaum Zehne fich fatt effen Fonts
ten, dermaffen wunderbar fpeißte, daß fie nicht nur ge-
ug hatten , ſondern noch uͤberdieß erliche große Körbe
voll aufheben fonnien (g). Eben fo wunderbar war jein
Gang auf dem Meere — Petrus lief ihm voll Freude,
und geſtaͤrtt durch Gottes Wunderkraft, gleichfalg auf dem
Waller enigegen — aber er ſank, da er fi) vor dem
Winde entſezte, und wurde von Jeſu freundfchaftlich bey
der Hand ergriffen, und mieber in das Schiff gebracht (h).
Wie maieftärtich wunderbar war feine Verflärung auf
dem Berge, da er ın Gegenwart feiner Jünger, und vom
Moſes und Elias begiritet, fo helle und Flar, mit einem
Sonnenglanze vor ihnen fund, daß die Jünger vor Ers
fiaunen uud Klarheit ihn kaum anfehen Fonnten — unb
ihnen
Zweyte Klaffe der Wunderwerke Chrifti. 301
ihnen fo wohl dabey war; daf fie beffändig mit ihm auf
dieſem Berge bleiben wollten (i). Aber defio fchrecflicher
für die ganze Natur ift Jeſu Zorn , Fluch und Eifer, —
Sobald er ienen Seigenbaum , Ber feine Frucht frug,
ſchalt — fo verdorrete er (k) — Sobald er ienen Kriegs—
Fechten, die ihn binden wollten , zurief x, Ich bins,
ven ihr ſuchet! ! fo erſchracken fie dergeftalt , daß fie zu
Boden fielen (1).
Durch) fo viele und noch unzehlig mehrere Wunder
wollte fi) der Heiland der Menfchen den Suͤndern ſcheeck⸗
lid, den Frommen aber liebenswuͤrdig machen, «ls ein
Sc;öpfer aller Hülfe, alles Ueberfluffes — aller Stärke,
aker Erquickung, alles Troftes, aller lache aller
zreude — O! wie triefen feine Fußſtapfen vom,seh
ie ? Wie bat er die Leute fo lieb!
D ! tie liebt du Herr, die Deinen!
Zaͤrtlich, ewig liebft du fie!
Tröfteft die, die troſtlos weinen,
Nie verlaͤſſeſt du fie, nie!
Sreudig darf ich vor dich treten,
fiebreich fiehbeft du mih an.
Maͤchtig bift du ſtets zu rerfen,
Wo fein Menſch fonft retten kann.
Jeſus Chriſtus, Duell des Kebeng !
Freundlich ift dein Angefiche !
Dir vertrau' ich nicht vergebens,
Wer dir glaubet, ſtirbet nicht!
Hbhh 3 — —
— m — —
802 Neun und dreyfigfle Tafel.
a un ——————————
2;
Wunderwerke der Heiligen.
M. erzehlt vieles von Wunderwerken, welche heilige
Menſchen in den vorigen Zeiten ſollen verrichtet haben.
Man ſagt, z. E. vom heil. Hilarius, der im vierdten
Jahrhunderte lebte, und Bifchof von Poitiers in Frank—⸗
reich war, daß er einen Ort in Seleucien, der von Schlen:
gen angefuͤllt und aufferft unfiger war, ducc fein Gebet
wider rein gemacht (a), auch ein Kind, welches vor der
Taufe geſtorben, wieder lebendig gemacht habe,
Bon ber frommen Kaiſerin Runigunde, der Gemah—
lin Kaiſers Heinrich des zweyten, weiche zu Anfange
des eilften Jahrhundertes lebte, umd allezeit den Ruf eis
ner großen Heiligkeit hatte, wird folgendes erzehlt: Alg
fie einft bey ihrem Gemahle von gottloßen Fäfterzungen vers
laͤumdet wurde, PU fie freymillig auf glüendem Eiſem
gegangen ſeyn, und badurch ihre Unfchuld bewiefen has
ben (b). In der Eafriftey der Domficche zu Merfeburg,
will man noch den Mantel haben, melden fie umhatte,
als fie diefe Feuerprobe ablegfe. Sie und ihr Gemahl lies
gen zu Bamberg begraben.
Srancifins de Paula, Etifter des Pauliner, Dr-
dens, Icbie im funfzehnten Jahrhunderte , und war, wegen
feiner aufferordentlichen Frömmigkeit, wegen feines firens
gen beftändigen Faſtens und vieler Wunderwerfe fo berühmt
und beliebt, daß die Könige von Franfreih, Spanien und
Neapel feine Sreundfchaft ſuchten und ihn zu fich beriefen,
Unter feinen Mirakeln ift dieß das befanntefle, daß er, fo
oft
Zweyte Klaffe der Wunderwerke Chrifli 803
oft er wollte, auf dem Waffer geben , und Fniend auf
demfelben fein Gebet verrichten Eonnte (c).
Vom Marcellus, einem frommen Bifchoffe zu Paris,
wird folgendes erzehlt ; Es fiarb eine vornefme Dame,
die ihrem Manne treulog war — und täglich ſtellte fih ein
abſcheulicher Drade auf ihrem Grabe ein und fing any
an ihrem Körper zu nagen. Da nun bag Üoif über dieſe
Begebenheit in großes Entfegen gerieth, und niemand fich
mehr getraute in diefer Gegend zu wohnen , fo begab fich
der heil. Marcellus, ohne Furcht, zum Grabe, gieng auf
den Drachen log, warf ihn fein Kleid um den Hals, und
führte dieß Ungeheuer, gleich) als im Triumphe, vor allem
Belfe, mit fich herum (d).
Ja, fie ift nicht zu befchreiben die Menge von Wıms
dern oder Mirsfeln, die von mehr als taufend Heiligen
owzehlt werden — Ob, und wie viele von denfelben wahr
find, bleibt dem Nachdenken und der Brüfung eines ieden
Bernünftigen überlaffen.
—4
— WESER
er mm
a,
Heidnifche Gefchichte,
D. Heidenthum befteht in einem Gottesdienfte, ber
den wahren Eigenfchaften Gottes zumider läuft und uUnan—
fändig ift, welcher die Abgötterey genennet wird, Dar—
unter wird verfianden; 1) die allereigentlichhe Vielgoͤtte⸗
rev, weldhe in Berehrung mehrerer Grundweſen beſteht,
und 2) die eigentliche Abgötterey, wodurch sem hoͤchſten
Weſen Untergoͤtter bengefüget, und zufammen unie te
Hhh4 baren
1
304 Neun und dreyßigſte Tafel.
baren Zeichen verehret werden, welches den Gözendienft
ausmacht. Beydes kann in dag ältere, und in dag new
ere Heidenthum eingetheilet werben.
. Zum älteren Geidentbume gehoͤret: bag magifche
oder perfiiche, das zabiſche und phönicifche, das gries
chiſche und römische, das euyptifche, dag mitternäht
liche und abendlaͤndiſche.
1. Die magiſche und perfifche Abgötterey hat
in Perfien und den benachbarten Gegenden am meiften und
laͤngſten überhand gensinmen, big fie durch den Goͤzen⸗
dienft ſowohl, als durch die chriftlihe und mahomedanifche
Keligion verdränget, und auf die geringe Anzahl der noch
sorhandenen Gauren oder Seuerverebrer eingefchrenft
worden if. Sie haben nach den Lehren des Zendaveſta,
das Geftirn, und vornehmlich die Sonne oder Mithra,
als eine Wohnung Gottes verehret, das Feuer in eigenen
Tempeln heilig gehalten, und eine Seelenwanderung anges
Kommen.
2. Der Zabier und Phönicier Abgötterey , ift
der ältefte Goͤtzen- und Bilderdienft, der anfänglich ben den
Ehaldäern , Babileniern und Arabern entftanden ; darauf
aber auf eben die Weife wie die magiſche, verdrangt wor«
den, big auf geringe Ueberbleibfel in Syrien und Arabien.
Sie verfertigten dem Geſtirne und ihren Geiſtern und ans
bern geiftigen Werfen Bilder, und verehrten fie unter den,
felben , wodurch die Teraphim und Talismane verurfas
chet worden. Ihre vornehmften Gottheiten waren : der
Baal, die Baalta, der Azar, Nebo und Bad, Win
loch, die Aftarte, der Dagon, Miplezeth, Thamuz,
Kium und Remphan. Denfelben opferten fie, und er
gaben ſich dabey ber Woabrfagerey.
3. Der
Zweyte Klaffe der Wunderwerke Chrifli. 805
3. Der Griedyen und Römer Abgötterey. Die
grie Hiſche ift anfänglich aus der phoͤniciſchen entflanden,
dernach aber durch viele Zufäze der egyptifchen und mitter—
naͤchtlichen, auch eigene Erfindungen, ſehr vermehret wor⸗
ben. Cie haben ı) zwölf größere Gottheiten: Ju—⸗
piier, Juno, Neptun, Ceres, Merfur, Bella, Vul—
au, Apollo, Mars, Pallas, Venus und Diana; 2)
geringere Gottheiten und geiflige Weſen, z. €. den
Heolur, Atlas, Aeſculap, die Mufen ꝛc. 3) vergötterte
Helden, z. E. den Perſeus, Herkules, Thefeug re. 4)
Schuzengel und vorftehende Geifter angebetet. Die
roͤmiſche ift aus der griechifchen entflanden, wurde aber
darch verfchiedene Zufäze, fowohl der fibykinifchen Vuͤ⸗
ber, alg fremder Gebräuche und neuer Vergoͤtterungen
erweitert.
4. Die egyptiſche Abgäötterey ift durch die hiero⸗
glyphiſche Lehrart diefes Volks, durch die Borurtheile
vom Einfluſſe der Sterne in die Geſchoͤpfe und von der
Seelenwanderung ſehr vervielfaͤltiget, und bis zur unge⸗
reimteſten Verehrung lebendiger und lebloſer Dinge getrie—
ben worden. Ihre vornehmſten Goͤtter waren: Oſirio,
Ammon, Serapis, Apis, Iſis, Anubis nebſt dem
Yül. (Tab. XIV, 8.)
5. Die Abgötterey der deutfchen und mitters
naͤchtlichen Völfer, iſt gleichfals aus der Verehrung des
Geſtirns und anderer Theile der Koͤrperwelt fowohl, als
alter Helden entfianden. Sie haben vornehmlich durch
die Druiden, Barden und Aunen, angebetet: Die
Sonne, den Mond, den Teut, den Othin, ven
Thor, die Sreis, den Satar , die Hertha, die Kafter,
den Niord und Herman, fonderlich in Wäldern auf Ber:
gen und an Slälfen (Tab. L, 8.)
2b55 u.
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Fre Zen nn, none nern ——— —
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06 Neun und dreyfigfte Tafel.
IT Sum neuern Heidenthume gehoͤret (um daſſelbe
kuͤrzlich und deutlich zu faffen und zu - überfchauen) : "ber
noch uͤbliche europaͤiſche, aſiatiſche, afrikaniſche und
amerikaniſche Goͤzendienſt.
1I. Selbſt in Europa giebt es noch, in den
aͤuſſerſten mitternaͤchtlichen Gegenden, heidniſche Voͤlker.
Hieher gehoͤren viele Einwohner von Lappland und Zinn
land. Sie verehrten ſonſt, als die hoͤchſte Gottheit, einen
Jumala, welcher unter menſchlicher Geſtalt, mit einer
Krone, auf einem Altare ſizend vorgeſtellet wurde (a).
Der Goͤze war von Holz, und hatte eine Schale auf ben
Knien, worein man das Opfer legte. Jezt verehren fie
vornehmlich den Thoron, als Herrn ded Donners, und
den Storiunfate, feinen Stadthalier. Sie opfern ihren
Ghitern, und gebrauchen zu den Dienft derfelben und zu
allerley zauberifchen Dlendwerk, die Zaubertrommel (e),
an welcher fie allerley Figuren und Ringe anbringen, durch
deren Berührung und Bewegung fie manche Dinge vor-
herwiſſen und ausrichten wollen.
2. Das afiatifche Heidenthum, oder die oftindis
fche Abgötterey begreift drey Hauptarten des Ödzendien-
fies in fi, nehmlich: die ältefte Abgötterey der ns
dianer, den Gözendienft der Braͤmanen und die Abs
götterey des Schekia.
a. Die ältefie Abgötterey der Indianer ift
vermufhlich aus der Sabier Irrthuͤmern entflanden , und
fonderli) unter den Tatarn beybehalten worden. Sie
verehrten durch die Lamas einige Götter, auch boͤſe Gei-
ſter, unter unfoͤrmlichen Geſtalten.
b,
Zweyte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 807
b. Der Gözendienft der Bramanen iſt aus
einer Mifchung diefer alten Abgoͤtterey mit egyptiſchen Lehr-
fügen und Gebräuchen entſtanden. Ihre vornehmſten Goͤ—
zen waren: Biven, Brama, Iſuren, Kingum und
Wiſchru; deren Anhanger fh in Iſuren Verehrer, und
in Wiſchtnupaddikarer theilen. Jene halten die Afche
von Buhmiſt für heilig, und beftreichen fich damit ; diefe
gebrauchen dazu rothe Erde. Insgeſamt glauben fie die
Seelenwanderung, enthalten fich aller Toͤdtung und Ges
niefung lebendiger Dinge, befleißigen ſich großer Neinig-
feit und Bußübung, vornehmlich die Fakirs, und geben
vor, ein altes Geſetzbuch Wedam zu baben.
e. Die Abgötterey des Schefia bat fich in den
meiſten morgenländijchen Grgenden, big in China und Sa-
pan ausgeoreitet. Sie beten vornehmli den Amida
an (b), durch Bonzen und Telspoinen; opfern fich off
demjeiben ſelbſt auf, und richten fi) nad) einen gewiſſen
Geſetzouch Fokekio.
3. Zum afrikaniſchen Heidenthum gehoͤret, auſſer
den Goͤzendienern in Kongo, Madagaſkar, und Mono⸗
motapa ;, vornehmlich die Religion der Asffern, oder der
Hottentoten, Man hat lange geglaubt, daß fie gar Fein
hoͤchſtes Wefen anbeten, aber num ift es befannt, daß fie
vornehmlich dem Mond göttlihe Ehre erweifen. Wenn
ee neu wird oder voll ift, tanzen fie, demfelben zu Ehren
ganze Nächte hindurch, unter großem Gefihreye (c).
Auch thun fie einer gewiffen Gattung Räfer gottesdienſt⸗
liche Ehre an, und halten viel auf Zauberwerke.
4. Der amerikaniſche Goͤzendienſt, bey welchen
die Priefter zugleich Aerzte und Gaufler find, ift bep
einigen fehr granfam eingerichter gewefen. Sn Brafilien,
; Mexiko
828 Neun und dreygigfte Tafel.
Mexiko und Deru war die Verfeffung bes Gdzendienftes
mit wicht Menſchenopfern begleitet. Man bat unter
ihnen thetls Die Sonne und andere natürliche Dinge, uns
fer mancherley Gdzenbildern verehret, deren vornehmfteg
Vizlipuzli (d) hieß; theild hat man nebft den höchften
Weſen, einen boͤſen Gott, durch verfchiedene auch menfche
liche Opfer verehret, fs ben lleberneindung diefer DVolfer
von den Chriſten ausgerottet worden. Die Abgötterey der
"roquefen, Huronen, Karsiben und Rannibalen des
ſtehet ın Verehrung theils des hoͤchſten Weſens, theils des
Geſtirns, fonderlich der Sonne , theils boͤſer Geifter und
Untergstter. Die Verehrung dieſer Gegenflände wird
mehrentheilg durch einige goftesdienftliche Handlungen, bey
bürgerlihen und häuslichen Begebenheiten verrichtet, weil
ihre Lebensart feinen feyerlichen Gottesdienſt verſtattet.
Diefe heidniſchen Voͤlker zu befehren, werden fo-
wohl von der Fatholifchen als evangeliihen Kirche, Priefter
ausgefandt, welche deswegen Miflionairs genennet wer,
den. Wie denn insbefondere vom Könige in Dänemark,
feit 1706, viele Prediger , nicht ohne Nuzen, nad Trans
quebar, auf die Küfte von Zoromandel in Afien gefchickt
werden, um den beibnifchen Malabaren das Wort Got
tes dafeldft zu verfündigen.
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4.
Ein falfcher Meſſias der Zuden,
Ri das iüdifche Volk Jeſum den wahren Meſſias
verworfen hatte, und befländig in der Einbildung jtund,
daß ein anderer Meffins Fommen würde, fo Famen von
Zeit
Zweyte Klaffe der Wunderwerke Chriſti. 309
Zeit zu Zeit Betruͤger zu ihnen, bie ſich für den wahren
Meſſias aufgaben.
Shen im erften chriftlihen Jahrhunderte that fich
Simon Magus hervor, und gab fich für die Kraft Got—
tes aus, Das folgende brachte Barcochebas dureh
feine Betrügereyen, über das iuͤdiſche Volk die abfcheulichfte
Verfolgung, die ed iemals erlitten hat. Um bag Sahr
434 ſtund ein falſcher Meſſias, mit Namen Moſe in ber
Inſel Kansia auf. Er nannte fich den alten Öefesgeber
der Juden, und gab vor, er wäre vom Himmel gekommen,
die Juden auf diefer Inſel in Freyheit zu ſezen, und fie
durch das Meer in das verheiffene Land zu führen. Die
Suden in Kandia waren auc fo einfältig, daß fie ihm
glaubten; und viele von ihnen flürzten fich ins Meer, und
hofften , eg follte fi von einander theilen, und ihnen einen
freyen Durchgang oͤfnen. Eine große Menge mußte er-
faufen , die übrigen rettete man, fo gut man konnte.
Auch die folgenden Jahrhunderte waren an dergleichen
Betrügern fehr fruchtbar. Ein Julianus in Paläftina
gab fi) vor einen großen Helden aus, und verficherte fei-
sie Anhänger , er wollte fie mit gewafneter Hand von der
Unterdrücdung der Chriſten befreyeu; wurde aber vom Kai—
fer Juſtinian ergriffen, und zum Tode verurtheile, Ein
Serenus in Spanien verſprach feinen Glaubensgenoffer
fie nach Paläftina zu führen, wo er fein Reich aufrichten
würde, murde aber noch bey Zeiten als ein Betrüger ents
deckt. Ein David Al: Roi fol fogar durch einige Wun-
bermwerfe eine große Menge Juden bintergangen haben.
Man warf ihn ind Gefängniß, er entfam aber wieder —
man feste ihm nach, er verichwand — man hörte feine
Stimme, und fahe dach niemand — Man füchfe ihn mie
eine
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810 Neun und dreygisfte Tafel.
einem Kriegsheere auf, und man traf ihn an dem lifer
eines Flußes an, und-hörte ihn rufen, 0 Thor! fabe
aber nichts weiter. Bald darauf wurde man ibn gewahr,
wie er mit feinem Mantel das Walter des Fluſſes von cin
ander theilte, und hindurch gieng. Endlich lockte ihn fein
eigener Schwiegervater durch cine große Summe Geldeg
heim , machte ihn frunfen, und Heß ihm ben Kopf vor
die Füße legen. Durch ſolche und andere Betruͤgereyen
hintergieng auch Jacob Ziegler A. 1559, und Zabatal⸗
Tzevi 1666, und noch unzehlich mehrere dag iuͤdiſche Bei,
daB fihlechterbings nicht einfehen und glauben will, daß
ihr Meſſias fon erfchienen iſt.
— ——————— — RN NL
5.
Das Mikroſcop.
U, die Wunder Gottes in der Fleinen Welt kennen
zu lernen — in ben kleinſten Gefchöpfen, oder den klein—
fien Theilen derfelben, in melde das Auge zu dringen
nicht vermag, giebt es Vergröfierungsgläfer oder Mi—
kroſcope, einfache und zuſammengeſezte.
Die einfachen Mifrofcope (3.4.5.6. befichen nur
aus einem einfachen ‚glafernen Kuͤchelchen, oder einen cons
veren Gläschen. Damit man aber die Cache, bie man
vergeöffert fehen will, ganz genau gegen das Elas ſtellen
und dem Auge nach Oefallen naher ruͤcken kann, bat man
verfchiedene Inſtrumente, Glaͤſer und Geſtelle dazu verfers
figet. Zu denfelben gehoͤret das Sonnenmikroſcep. (2)
Man laͤſſet auf daßelbe, vermittelſt eines kleinen Spies
als,
N E- RHEER 00 No. — OR
— Zweyte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 311
geld, die Sonnenſtrahlen fallen, ba ſich dene das ver
foichem gebrachte Dbiect, an der Wand einer verfinfterten
Kammer , fehe gros praͤſentirt.
Ein zuſammengeſeztes Mikroſcop beſteht aug zwey,
drey oder vier convexen Glaͤſern, welche in Roͤhren zus
fanmiengefe;t find. Das Vollfommenfte diefer Art hat man
der Gefchicflichkeit eines vortrefjlichen englifhen Kuͤnſtlers,
Georg Sterrop zu danfen. Es ift auf der Tafel (1)
abgebildet, und bejteht aus folgenden Theilen ; a b .find
drey Roͤhren von Meffing, in denen drey erhaben ges
fehliffene Gläser find. Diefe Röhren genau gegen dag
Dbiect zu fielen, iſt die vierefigte Stange (c d) mit
ihrer Schraube (e f) vorhanden. Die Dbiecte genugfam
zu erleuchten, dienet der Spiegel g, den man gegen den
Himmel fielen und den Schein dipelben duch h aufs Dbs
iect werfen Eann. Auf ſolche Art werden die burchfichkia
gen Sachen erleuchtet. Für die undurchfichtigen iſt dag
erbabene Glas (i) angebracht, das ebenfals nad) der Ark,
wie der Spiegel g, bewegt werden kann. Um gewiſſe
flüßige Körper zu betrachten, ift ein eingefaßtes Hohl—⸗
glas vorhanden, das in h gefieckt werden fann. Das
Sufgeftelle (k ) ift alfo eingerichtet, daß die Röhren, die
Obiectivglaͤſer, und alle dazu gehörige Inſtrumente bineins
gelegt werden koͤnnen.
Mit diefen Vergrößerungs: Gläfern fann man im.
Reiche der Natur die herrlichſten Entdeefungen machen —
Schönheit, Bollfommenheit, Drduung, Manchfaltigkeit
und Weisheit in den Eleinften, oft unfichtbaren oder verächts
lichen Geſchoͤpfen bemerfen, und den Schöpfer derfelben
groß umd herrlich , aller Anbetung und Liebe würdig finden.
Auf der Tafel find etliche vergleihen Vergröfferungen
Rs ur
912 Neun und dreykigfte Tafel.
jur Augen: und Gemüths- Beluftigung angebracht, nehms
lich: die fonft fo abfcheuliche, aber mit fchesen Augen,
Fuͤhlhoͤrnern, Füfen und Blutgefäffen verfehere F..us
(7) ; fie hat einen Stachel, und Fuͤſſe wie Krebsſcheeren —
Der Floh (3), mit feinen ſechs Fuͤſſen, die an den dufs
ferften Enden krumme Krallen heben , welche bay Kizelm
auf der Haut verurfahen. Er hat ein rumdes hrligläns
gended Auge , das aus unzehlich andern zufammengefezt
ifi, einen Schnabel, Stachel und Fühlsörner. Er ſpringt
wohl etliche hundertmal weiter, als er lang ift, ſcheint ine
wendig hohl zu ſeyn, und fein ganzer Leib flieht aus, als
wenn er mit einem Panzer von zwoͤlf breiten Schuppen übers
zogen wäre — Die flinfende Wanze mit ihrem breiten
Maule, Fuͤhlhoͤrnern, geperrlten Augen, und Eingemeide,
(9) — Eine miilbe im Mieble, die fo ducchfihtig wie
Glas ift, ſechs Füffe, ein helles Paar Augen und ein Fans
gengebiß hat (10) — Die Kıyflallifirung des Rüchenfals
zes (11), wenn das Fluͤßige von einem Salztropfen gänzlich
vertrocnet ift, fo flieht man die berrlichfien Diaman'en,
welche fein Künftler feiner fchneiden fann. — Ein Schüpp:;
chen von einem Fifche, welches eine Hand mit ausgebreite—
ten Fingern vorfielet (12) — Ein Tropfen Urin, mit
feinen Punkten, Spigen und Vierecken. (13) — Das
Menſchenhaar, mit feinen Wurzeln, Röhren und Safte
fanälen (14) — Die Schlänglein im Eſſig (15) —
Die Menſchenhaut mit ihren Schuppen und Schweißlds
chern (16), deren es im menfchlichen Körper zwey taufend
und fech;ehn Millionen giebt — Salztheilchen im Bur—⸗
gunder : Weine (17) — Der Muckenfluͤgel (18) mit
feiner vegenbogenfarben zarten Haut, fpljigen Faden und
Nerven — Ein Tropfen Blut (19), mit feinen bern
und Küchelchen, deren iedes 25000 mal Eleiner als das
kleinſte
ee a a tm
Zweyte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 813
flein?e Sandkorn iſt — Ein Bienenſtachel nebſt der Spize
der feinſten Naͤhenadel (20), und ein Spinnengewebe
mit einer aͤuſſerſt feinen Brabanter, Spize (21) vers
glichen; den großen Unterſchied zwiſchen den Werken Got—
tes und der Menſchen zu ſehen. Dieſe verlieren allezeit
bey der Vergroͤßerung, wenn iene durchaus bey derſelben
gewinnen — Abgeſprungene Stuͤckchen vom Feuerſteine
und Feuerfunken vom Stahl, die ſich als geſchmolzene
Stahl» und Silbertheilchen praͤſentiren (22).
Ungehlich find die Beobachfungen, die Entdeckungen
und Geiſtes- Freuden , die diefe und ähnliche mikroſcopi⸗
fhe Verſuche machen. Durch unermübdete VBervielfältie
gung und aufmerkffame Wiederholung derfelben,, hat man
fhon erftaunlihe Proden der Maht und Weisheit des
Schöpfers entdeckt. Naturforfcher haben 3. €. gefunden:
dag man bey dem Schmetterlinge 34650, und bey ber Flie—
ge 16800 Augen zehlen kann — daß eine einzige Fliege
in einem Sommer mehr ald zwey Millionen Stiegen bers
vorbringen kann — daß der Faden einer Spinne aus et-
lihen taufend fubtilen Faden zufammen gefezt iſt — daß
ein kleines Meblftäubchen fih in fo viele Eleinere Stäubs
hen zertheilen läffet, daß Feines Menſchen Leben binlänge
lich feyn würde, fie zu zehlen, und wenn er auch tale
fend Jahre alt werden könnte — daß fich das Holz, der
Länge nach gefchnitten, als eine enge neben einander
gelegten Faͤſerchen darſtellt, zwifchen welchen durchfichtige
Kuͤchelchen erfheinen — daß der Schimmel auf einem Stüd
Brod ein dicker Wald von Frucht » tragenden Bäumen if,
an welchen man bie Zweige, die Blätter und bie Frucht
deutlich unterſcheiden kann — daß die Thierchen int
Pfefferwaſſer der taufende Millionentheil von einem Sand
korne IE — daß die weiſſe Materie, welche fi) von ber
rn SE Speiſe
8 14 Neun und dreyßigſte Tafel.
Speiſe an den Zaͤhnen veſt ſezet, viele kleine Thierchen
enthält; und man hat gefunden, daß in einem Naume,
ber jo groß it, als ein kleines Schießpulverforn, Millio-
nen folder Thierchen fich aufhalten.
Wie unerforfhlid find Gottes Werfe! Wie
groß im Rleinften? Man denke fi nur die faft undenk—
liche Feinbeit der Kichtfirablen — Wenn es möglich
wäre, ein Menfchenhaar in fo viele Fäden zu zerfpalten ,
als Tropfen Waſſer im Meere ſind, und wenn man durch
Papier ein Loch bohren koͤnnte, deſſen Durchmeſſer dem
Diameter eines ſolchen Faͤdchens des geſpaltenen Haars an
Groͤße gleich kaͤme; fo würde durch dieſe kleine Oefnung
zwar ein undenklich feiner Theil des Lichts fallen koͤnnen,
aber dieſer wuͤrde demohngeachtet immer noch lange nicht
ber feinſte unter allen ſeyn, indem er ſich abermals in fei«
ne einfachen Beſtandtheile auflöfen ober zertheilen läffet —
dabey übertrift die Gejchwindigkeit der Lichtffrahlen 40000@
mal die Gefchwindigkeit einer Kanonkugel.
Die Röfemilbe, die dem bloßen Auge als ein Fleiner
beweglicher Punft, als ein unfsrmliches Dunftbläschen
vorkommt, enthält die Kunft eines ganzen Weltgebäudes,
wenn man fie mit einem guten Vergroͤßerungs⸗-Glaſe be-
trachtet. In diefem Naume, welcher der Spize einer Nas
del gleicht, lebt ein Thier mit acht wichtigen Füffen, defs
fen Leib mit ungeheuren Stacheln verfehen if. In dies
fem fiemen Näumchen find ale Mafchinen angebracht, wel
che zur Bewegung des Leibes, der Füße, des Mundeg,
zue Verdauung der Speifen, zum Umlaufe der Säfte, zu
den Empfindungen, zum Sehen, und vielleiht zu allen
fünf Sinnen nothwendig find. Wie klein müffen nicht als
le diefe Mafchinen feyn, da das Thier felbft unfern Aus
geu
Zweyte Klaffe der Wunderwerfe Chrifti. 815
gen beynahe unmerklic ift ? Nimmt man noch ein beffes
re3 Vergrößerungsglag, und betrachtet einen einzigen Fuß
dieſes Thieres , fo findef man daran Gelenfe, Klauen,
Haare, fur; alles, mas zu einem wohlgemachten Fuße
einer Käfemilbe gehoͤret.
Dan hatte einmal ein ſolches Thierchen in ein Vers
geößerungsglas eingefchloffen, und es lebte in demfelben
fieben Monathe, ohne daß ihm iemand die geringfie Nabe
rung gereicht hätte. Es hatte beftändig etwas zu ſchaf⸗
fen, und wenn man es cin wenig an die Sonne fejte, ſo
machte e8 tauſend wunderliche Bewegungen. Endlich ftarb
das Milbchen , und ſelbſt ihre Eleine Leiche gab einer neuen.
Kreatur das Leben. Einen Tag nach ihrem tödlichen Hits
tritfe verwandelte ficy ihre weiße Sarbe in eine rothe,
Diefes Eleine Gerippe vertrocknete, wie der Balg eined
Seidenwurmes, und nad) zwoͤlf Tagen fam daraus eine
Ziege zum Vorfcheine , die eben fo groß war, als bie
Milde, und nad) zehn Tagen wieder verfchied.
Die Allmacht Gottes ift an Feinen Aaum ge
bunden — Ein uns unfichtbarer Punkt iſt für fie eine
Wuͤſteney, die fie mit Gefchöpfen erfüllet, welche die
innerftien Winkel der Natur anfüllen — und wo fid) die
Gottheit an Meifterftücken vergnügt, von welchen mir
kaum mehr willen, als , daß fie vorhanden find.
“ii 6.
.
816 Neun und dreyßigſte Tafel.
LS ———— ——— I NN NH 7 —
6.
Etwas aus der Experimental⸗Phyſik.
DT). Phyſik oder Naturlehre ift dieienige Wiffenfchaft,
melche fich mit der Unterruchung der Körper befchäftiget.
Eie wird in die eigentliche oder allgemeine Naturlehre,
und in die Maturgeſchichte eingetpeilt. In iener wirb
meiftentbeils nur von den allergemeinftien Eigenſchaften
ber meteriellen Dinge, von den Weltgebäude, und von
den einfahen Körpern gehandelt. Hingegen bie Natur—
gefchichte begreift alfe übrigen Körper unter fih, die aug
biefen einfachen zuſammen gefezt, und durch die Kunſt der
Menfchen noch nicht verändert worden find. Diefe na—
türlichen Körper oder Naturalien find von den Raturfors
fchern unter drey Hauptabibeilungen, denen man den Nas
men ber Naturreiche gegeben hat, gebracht worden.
Dieienige Art die Phyſik zu lehren und zu fiudiren, ba
man fich der Verſuche von einzelnen Dingen, ober der
Erperimente bedient , um dadurch gewiße Lehrfäze zu bes
weifen, wird die Erperimientalphyfif genennt — eine
Wiſſenſchaft, die dem denfenden und die Gottheit auf ihren
Gängen nachwandelnden Geifte unausſprechlich viele Nah—
gung giebt , und himmlifche Freuden machet. Die Vers
ſuche ſelbſt, die dieſe Wiſſenſchaft lehrer, laſſen fih in
gemeine, die ein ieder ohne Zubereitung machen kann,
und in kuͤnſtliche, wozu zum Theil, koſtbare Werkzeuge
erfordert werden, abtheilen. Dahin gehoͤren, (um aus
Vielen nur Etliche anſchauend zu machen) die Verſuche
mit der Luftpumpe, mit ber torricellaniſchen Aöbre,
dem
—
Die —
Zweyte Klaffe der Wunderwerke Ehrifli. 817
dem Magnete, dem Brennſpiegel, dem Sprachrobre,
dem cartcjianifchen Teutelden, wid dergl.
Die Luftpunpe (a), welches ein Sufteument iſt,
durch deſſen Hilfe man den Körpern bie kurt goͤſtentheils
benehmen kann, ruͤhret von einem magdeburgiſchen Bur⸗
germeiſter, Otto von Guerike her, welcher im Jahre
1654, in Gegenwart des damals regierenden Kaiſers und
anderer fürfilichen und anfehnlichen Berjonen febe merfs
wuͤrdige Verſuche damit angeſtellet hat; in den folgenten
Zeiten aber hat fie durch die vereinigen Bemühungen der
Naturforſcher und Kuͤnſtler, nach und nach, fehr anfenuliche
Merbefferungen erhalten. Die Einrichtung diefes fchäzbaren
Inſtruments, wie man daßelbe iezt zu machen pflegt, iſt
ohngefehr folgende : Man läßt einen hohlen Eylinder
(i. K.) aus Meffing gießen, und inwendig fo gut als
möglich poliren. Aug etlihen Scheiben von Hirfchleder,
sder Büffelleder, die man vorher mit Baumsl oder ausge
iaffenem Schweine» Fette tränfet, fezet man den Stempel
zuſammen, der genau in den Cplinder paffen, und zwi⸗
ſchen zwey meffingen Platten gefaßt werden muß, Diefer
Stempel wird an die eijerne Stange bevefliget, in wels
er Zahne auggefchniiten find, damı man fi: , nenft dem
Stempel, durch Hülfe des eifernen Rreuzes (1), mes
durch ein Stirnrad bewegt wird, Das ın dieſe Zähne
greift, leicht heraus und wieder zurück winden Fann. Am
Ende des großen Cylinders loͤthet man eine Röhre any
weiche (m m) mit einen Hahne verfehen wird, womit
ſich die Luftpumpe nad) Belleben verfchliegen und aufmachen
läffe.. Gegen das Ende ver Roͤhre wird der Teller (n)
angebracht , aus deſſen Mitte ein Kanal in die Röhre ges
bet. Auf dielen Teller werben die gläfernen Gloden (0).
ober andere Gefäße gejezet, welche mar von Luft leer ma—
LTR en
818 Neun und dreyßigſte Tafel.
chen will. Mit dieſer trefflichen Maſchine kann man,
was die Eigenſchaften, und insbeſondere den Druck ber
Luft berrift, die ſchoͤnſten Verſuche machen. Stellt man,
j. E. ein Thier umter die Glocfe, und puupt die Luft aus
derfelben, fo verliert es nah und nach alle Lebenstraft —
ein angezündetes Licht verliſcht — eine zugebumdene Blaſe
fhmwillt aufs aufferfte auf — 5a, märe es möglich, vers
mittelſt dieſer Maſchine, alle Lust aus einem Menſchen zu
pumpen, fo wurde ihn die Auffere Luft, von der er ſtets
etliche taufend Zentner über Fi) fragen muß, augenblick
lich zermalmen. — Werden zwey hohle meraliene Halb⸗
Fugeln, etwa von ciner Elle im Durchmeſſer, deren
Rand genau auf einander paßt, als eine hohle Kugel zus
fammengefejt , und wird dieje Kugel von Luft ausgeleeret,
und die Defnung verſchleſſen; fo koͤnnen viele Pferde die
Halbkugeln nicht aus einander ziehen (b). us dieſem
Drucke der Luft laſſen ſich unzehlige Erfcheinungen und
Maſchinen ertiäcen, z. E. alles Puisperwerf, die Wir⸗
fungen der Feuerſprizen, “und dergl.
Die rorricelläniſche Röhre, oder das Barometer
(e)-ift eine mit Queckilber gefühlte glaferne Roͤhre, wo⸗
durch fich der Druck der Luft beſtimmen laͤſſet. Den er
ſtern Namen bat fr von Torricelli, emem geſchickten
Mathemarifug zu Florenz, der fie 1643 erfand; und bem
legten von der Schweren: Wieffung Weil man zum
aus der Schwere oder Keichte der Luft die Witterung
beurtbeilen fany, fo wird es aud) Wetterglas genennf.
Iſt Das Steigen bes Queckſilbers ſehr merklich, fe pflegt
gemeiniglich gute Witterung, auf das Sallen des Queckſil⸗
berg aber fogenannte fchlechte Witterung zu folgen, Res
gen, Schnee oder Wind, Es wird diefe Röhre an ein
Bret bevefliget, und oben mit einer Tabelle mit Abthei⸗
Jungen
Zweyte Klaffe der ZBunderiwerte Ch:ifi 819
ungen verfehen, in welcher das Steigen und Faller nach
Graden beſtimmt wird. Die Wärme ımd Rälie der
Luft zeigt das Thermometer (e) an; weiches gleichfals
cine mit Dueckfilber oder gefärbten Weingeift gefällie und
ganz zugefchmolzene Glasroͤhre iſ. Wird es warmer in
‚ten Naume um baßelbe, fd dehnt fi) Bas Queckſilber oder
der Spiritus aus, und ſteigt hinauf; wird es aber Fäl
tee, fo falle er tiefere herunter. Der Aygrometer iſt
eine an ein Holz beveftigte und um Rollen gefiplagene Darm—
faite, mit einem kleinen Gewichte. Wird die Luft feuch—
ter, fo fhiwillt die Saite an, und zieht dag Gemicht hoͤ—⸗
ber ; wird fie trockener, fo finft es tiefer.
Der befannte Verfuch mit dem fogenannten cartefias
niſchen Teufel (h), deffen fich die Markſchreyer bisweis
len zu bedienen pflegen, um Säufer berbey zu locken,
gründet fich ebenfals auf die Elafticität der £uft. Han
laͤßt eine Eleine Figur aus Glas verfertigen , und giebt ihr
‚gemeiniglich dietenige Geftalt , welche die Maler dem Teu-
fel zu geben pflegen. Der Körper , welcher ohngefehr
eine Länge von zwey Zollen hat, ift inwentig hohl, cin we—
nig leichter al8 das Waſſer, und in der Dritte mit einer
Defnung verfehen. Sell nun diefer cartefianifche Teufel
feine Kunftftücke fehen laffen , fo fezt man ihn in ein lan
ges cnlindrifcheg Glas, mwelhes mit Waſſer angefüft, und
bernach mit einer Blaſe veſt zugebunden wird. Weil er
leichter ald das Waffer ift, fo ſchwimmt er darinnen;
man kann aber auch machen, daß er bald nicderfinken
bald in die Höhe kommen muß, ohne daß man dag Glas
wieder öffnet. Denn, will man baden, dag er nieder
finfen fol, fo darf man nur auf die Blafe drücken, weil
dadurch auch dag Waffer gedruͤckt und in die Oefnung des
hohlen Leibes getrieben. wird, welches ihn fchwerer macht,
RITA und
— a ——— —
— —
— —
$20 Neun und drenfigfte Bafel.
und zum Sinfen bringe. DBerlangt man aber, baß er
wieder in die Höhe kommen ſoli, fo muß man mit Dru-
den nachlaffen , weil alsdenn das hineingetrettene Waffer
von der in dem hohlen Leibe befindlichen und duch daſſel⸗
be zufammen gedruckten Luft , vermöge ihrer eusdehnenden
Kraft, wieder berausgefrieben wird. Er verliert alfo,
dieienige Laſt, melde ihn zu ſinken nöthigte, und wird
wieder gefchickt in die Höhe zu fleigen.
Das Sprachrohr (f), deſſen Erfinder ein Engläns
der, Samuel Morland, feyn fol, ift eine aus Blech oder
Pappe verrerigte Röhre, die oben enge zugeht, unten aber
eine weite Defnung bat. Man giebt diefer Roͤhre auch
noch veriihiedene andere Geſtalten, aber doch allemal eine
folche, vermöge welcher die hineinfommenden feballenden
Strahlen (10 nennet man eine Reihe von zitternden Luft—
fl;eilchen ) bey der weiten Defnung perallel heraus gehen
muͤſſen, und nicht rings herum fid ausbreiten. Durch
diefe Einrichtung erhält man den Vortheil, daß der Schall
die Worte, die man ganz fachte hineinredet, beynahe nieis
lenweit ungefhwächt foripfianzen kann.
Der Brennipiegel (g) ift ein heller , nach einer ges
wiffen Nundung, von Glas, Metall und Hol; gemachter
hohler Spiegel; welchen man gegen die Sonne ſtellet,
darinnen fich die Sonnenfirahlen fammlen, zurücprallen ,
und wieder in einen gewiffen Punkt zufammen ſteßen, wel—⸗
her vor dem Spiegel iſt, und der Brennpunft bheiffet,
weil die in diefen Punkt gebrachte Materien fich entzunden.
Die Gewalt der Hite ift fo groß, daß nicht nur. Die hats
teften Metalle gefchmolgen, fondern manche Dinge auch in
Kalk und Glas verwandelt werden. Bey den Alten war
der Brennipiegel des Archimedes .befannt, welcher bie
feind »
— ——
u in a u
Zweyte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 821
feindliche Flotte vor den Mauren der Stadt Syrakuſa da—
mit angezuͤndet haben ſoll. Zu unſern Zeiten hat der Herr
von Tſchirnhauſen die vollkommenſten Brennſpiegel ges
macht, weiche erfiaunlihe Wirkungen gethan haben.
Der Magnet ift cin fchwärzlicher, eifenbaltiger Stein,
welcher dieſe beyden merkwuͤrdigen Eigenſchoͤften befizt,
daß er Eiſen und eiſenhaltige Koͤrper an ſich zieht, und
wenn man ihn auf ein Bretchen legt, das auf dem Waſ—⸗
fer schwimmt, oder ihn an eine Schnur aufhaängt, ſich
immer mit einerley Seite gegen Mitternacht kehret. Wenn
man daher eine ſtaͤhlerne Nadel mit einem Magneten bes
ftreicher und fie auf eine Spize leget, auf welder fir ſich
leicht umdrehen Fann ; fo wendet fich dieſelbe mit der einen
Spize beftändig gegen Norden. Eine ſolche Nabel wird
eine Magnetnadel, und mit ber gehörigen Einfafung ein
Compas genennet, deffen ſich die Schiffer bedienen, um
den Weg des Schiffes auf dem Meere zu wiffen. Wenn
man den Magnet mit Eifenfeile beſtreut, fo hänge fich dies
felbe vornehmlich an zwey Punkten, die einander entgegen
gefezt find, ſehr ffark an. Diefe beyden Punkte pflegt
man feine Pole zu nennen. Derienige Punkt, welcher ſich
nach Mitternacht Fehret , heiſſet der Nordpol; der andes
re, welcher nac Mittag gerichtet iff, der Suͤdpol; und
die gerade Linie zwifchen diefen beyden Polen , die Are
des Magneten. Man Fann die magnetifche Kraft Leicht
und ſehr anfehnlich verſtaͤrken, wenn man die Seiten
des Magnetes, wo fich die Pole befinden, abfchleift,
und fie mit dünnen eifernen Platten belegt, an bie
man gemeiniglich wuürfelförmige Süße zu machen yflegt.
Diefe Fuͤſſe heiffen die Fünftlihen Pole, und das cifers
ne Delege überhaupt die Armatur des Maͤgneten.
Durch diefelbe laͤſſet fih ein Magnet in den Stand fezen,
| Jiis daß
Te —
——
|
822 Neun und dreyßigfte Tafel.
-
daß er ein Gesicht von vielen Pfunden fragen kann; zu—
mal wenn man ihn fren hängen läßt, und dad Angehäng-
te nach und nad) befiändig um etwas vermehrt. Man:
kann auch an die Füße eine Menge Nähenadeln oder Zins
gelchen dergeftalt eines an das andere hängen, daß fie
sich endlich felbft fchließen und einen Creiß formiren (d).
Auſſer dem Eiſen und Stahl ift bisher kein Körper für
fähig gehalten worden , die mugnetifche Kraft anzunehmen.
Allein Hr. D. Mesmer in Wienn , welcher dur Huͤlfe
des Magneten -verfchiedene Krankheiten geheilet hat, vers
ſichert in einem gedruckten Schreiben an einen ausiwättis
gen Arzt, daB auch Papier, Wolle, Eeide, Leder,
Glas, Waſſer, Holz, einige Metalle, und felbft die
Menſchen magnetifc werden koͤnnen. So wie man Flas
ſchen mit eleftrifhee Materie ladet, bat er \lafchen mit
magretifcher Kraft geladen, und magnetiſche Schläge, nach)
Art der eleftrifchen, angebracht.
T
Der Eber, und das Rehe.
En Eber, der ſchon manches Jahr
Im dicken Wald gemaͤſtet war,
Pflag taͤglich unter einer Buchen
Die Nuͤſſe fleißig aufzuſuchen.
Hiezu kam einſt ein frommes Reh,
Und ſprach: Kennſt du auch dieſe Früchte?
Und hebſt du dankbar dein Gefichte
Nach ihrem Baum auch in die Hoͤh,
Zweyte Klaſſe der Wunderwerke Chriſti. 323
Der dich ſo reichlich ſpeiſt und naͤhret,
Und taͤglich dir die Koſt beſchehret?
Was Baum? Was Frucht ließ ſich dag Schwein
Mit aufgeworfnem Ruͤſſel hören ;
Sch fomm hieher, um fait zu ſeyn,
Nicht aber , mich erſt zu belchren ,
Wer mir die Früchte geben mag —
Schon gnug, dag ich auf ieden Tag
Hier meinen Tifch und Futter habe;
Was get mich Baum umd Geber an,
Wenn ich indeß nur Feucht und Gabe,
Don ihm, mit Luft, genießen kann!
Ah! daß die Fabel ehne Lehre, :
Zum wenigſten nicht vor die Menfchen wäre —
So grunzt zwar bier ein dummes Schwein,
Und ift ihm gerne zu verzeihn:
Doch follte dieſes fromme Reh
Die Meiſten von den Menſchen fragen,
Wenn ihre Tafel aufgetragen:
Ob ſie ſodann auch in die Hoͤh
An iyren milden Schoͤpfer daͤchten,
Und ihm ein dankbar Dpfer brächten ;
Was würden fie zur Antwort fagen ?
Gott nähret ung im Ueberfluß;
er aber denft , bey dem Genuß
Der Gnadengaben , an den Geber ?
Wie viele giebts dergleichen Eber,
Die täglich von den Nuͤſſen effen,
Und dach des Baums dabey vergeffen ?
824 Neun und dreyßigſte Tafel.
nz TOR U
8:
Memnons Bildſaͤule.
Mennon, Thitons und der Aurora Sohn, war ein
aͤthiopiſcher König, der ein groß Stuͤck von Aßen unter
feine Botmaͤßigkeit brachte. Er iſt feinem Bruder, dem
Priamus, bey Troia zu Hülfe gefommen, wurde aber in
einem Zweyfampfe mit dem Achilles umgebracht. Auf dem
Plaze, wo er umgekommen ift, fol ein Brunnen ent
fp ungen ſeyn, aus weichem iährlick an deffen Todestage,
fast des Wuffers , Blut hervorgequollen if. Als deffen
entſeelter Koͤrper auf cinem Scheiterhaufen verbrannt wur—
de, fd iii, auf Vorbitte feiner Buster bey dem Jüpiter,
aus feiner Afche erſt Ein Vogel, hernach mehrere hervor
gefingen, weiche ſich in zwey Haufen getheilet und auf
das heftigſte wit einander giftritten, und mil ihrem Blu⸗
te, ihrem Urheber, dem Mermnon, einen Trauerbienft ers
wieſen baden. Diefes. Traueripiel follen fie hernach iaͤhr⸗
lich auf feinem Grabe wi.derholer haben.
In Abydus war fein Schloß , fein Labyrinth und
insbefondere feine Bildſaͤule berühmt. Dieſelbe war bey
Theben zu fehen , und ut geößtentheild noch iezt vorhan—
den. Nach der Erzehlung der Alten war fie von fchwars
zem Marmor, und wenn bie Sonne frühe aufgieng und
fie befchten, fo gab fie einen anmuthigen und fröhlichen
Klang von fi, nicht anderſt, als ob fie ſich über bie
Morgenroͤthe freuete ; gieng ſie aber unter, ſo war ſolcher
Klang ganz traurig, als ob fie ſich uber dieſen Untergang
beirübte. Man gieng in der Erzehlung diefes Wunderbas
gen foweit, daß man fie fogar reden und fingen , auch
wohl
Zweyte Slaffe dee Wunderwerke Chrifti. 825
wohl Threnen vergieffen und das Echo ihrer Freuden und
Klaglieder wiederholen, auch ein Drafel von fieben Verſen
ausfprechen lich. Die Vernünftigiten jagen indeſſen nur
fo viel, daß fie bey dem Aufgange der Sonne einen hellen
Klang von fih gäbe, den man wit dem Ton einer Saite
vergleichen fünnte, die auf der Laute oder der Leyer zer—
fpringt. Diefee Klang wurde meiftentheild um die erfte
Stunde des Taged, zumeilen etwas früher oder etwas ſpaͤ—⸗
ter gehöre. An manchem Tage hörte man ihn nicht, an
einen andern wohl zwey bis dreymal.
Eigentlich find es zwey Koloffen , die aus einen fons
derbaren Steine von der Art eines fehr harten Granites ges
bauen worden , deſſen Farbe etwas ing Roͤthliche doc)
mehr Dunkle fiel. Sie wenden dag Geficht meift gegen Süs
den. Einer ift aus Einem Steine gehauen, der andere aber
aus fünf Steinen zufammen gefezt. Der erfie fiellet einen
fizenden Menfchen vor, der feine beyden Hande auf den
Knien liegen und zum Hauptſchmucke hinten eine Art eines
Palnıendblattes hat. Don feiner Größe zu urtheilen, fo iſt
fein Fuß, von der Sohle bis an das Knie ohngefehr neun.
zehn Fuß hoch. An ieder Seite deffelben find zwey Bild»
fäulen, und die drikte in Menfchengröße, zwifchen beyden
Schenfeln halb erhaben ausgehauen. Einer von dieſen
Koloffen fol durch ein Erdbeben zerfolfen fenn; oder Cam.
byſes ließ ihn zerfchlagen, meil er Betrügereyen dabey
argwohnete. Die obere Hälfte blieb liegen, die untere
aber fiehen, welche noch big in das vierdte Jahrhundert
den vorgegebenen Laut hören ließ. Man muthmaſſet aber,
baß derfelbe vor der Zerffümmelung deutlicher gemefen iſt;
und halt die fieben Verſe oder Worte, die fie full ausges
forocyen haben , für vie fieben Lautbuchftaben, womit die
egyptiſchen Priefter, als mit einem Lobgefange, die Östter zu
ie ver
———
826 Neun amd dreyßigfte Tafel.
verehren pflegten. Unterdeſſen zweifelte man fchon in, ben
lien Zeiten an den Wundern diefer Bildfäule, und hielt dies
ſelben für ein mechaniſches Kunſtſtuͤck — und die Bildfäule |
felbft für ein Sinnbild der Frühlings» Sonne.
9.
Der wohlthätige Mann,
LITER |
4
DEM Verona in Italien war vor einigen Jahren, bie
Etſch, ein großer Strom, ;ugefroren. Ein plözlich cinfals
lendes Thauwerter aber brach das Eis, und machte den
Strom auf einmal anfchwellen. Die Gewalt des Grum»:is
ſes riß eine der Brücken an beyden Ufern ein, und nur der
mittelfte Bogen bderfelben that noch einigen Widerftand,
Huf demfelben rubete ein Fleines Häuschen, in welchem ſich
der Zöllner mit feiner ganzen Familie befand. Natürlich
fiengen diefe Ungluͤcklichen iämmerlich an zu fchreyen, mels
ches Geſchrey wohl viele Menfchen herbey zog, aber feinen
einzigen der es wagen wollte, ihnen zu Huͤlfe zu fommen —
Es fanf ein Stuͤck diefes lezten Bogens nach dem andern
bin, und man erwartete mit iedem Augenblicke den gänzlie
chen Einſturz deffelben.
Ploͤzlich fprengte unter die Menge ber mitleidigen Zus
fchauer ein edler Graf (Spolverini) und hielt einen Beu-
tel mit Gelde empor , den er demienigen zu geben verfprach,
der den unglücklichen Zöllner mit feiner Familie retten würs
de. Aber es fand ſich Feiner, denn die Febensgefahr, die
damit verbunden war, fchien Allen zu groß und zu fehreck
lich zu feyn.
Endlich
Zweyte Klaſſe der Wunderwerke Chrifli. 827
Endlich drängete fih durch den Haufen ein armer Land—
mann, dem wohl niemand fo viel Edelmuth zugetrauet hät
te. Derfelbe forang in einen Kahn und ruderte, ber Ge—
walt des Eifes und bee Wellen ohngeachtet, hin zu dem ein—
ffürzenden Bogen. Die fchon von Todegangft ergriffene Gas
milie des Zoͤllners ließ ſich eiligft an einem Seile herab in
feinen Kahn, und glücklich brachte er fie ang Ufer. Und
Faum waren fie gelandet, fo flürzte der Bogen mit dem
Häuschen ein — und bie Luft erfholl vom Frolocen der
Zuſchauer.
Nun bot der Graf dem edelmuͤthigen Erretter die vers
heiffene Belohnung dar — aber wie fehr erflaunte er und
icder Zuſchauer, da diefer Faltblütig zuruͤcke trat, und fich
weigerte ben Beutel anzunehmen. Fuͤr Geld, ſprach er,
babe ich mein Keben nicht gewagt. — Hier ift eine
unglüclidhe Samilie, die iezt ihr Hab und Gut ver
lohren bat — ihr geben Sie, was Sie für mich be
ftiimmt hatten. Mit diefen Worten fehrte er fi) um,
und verlohr fih unter der Menge — und fein Name iff
nicht befannt worden — aber im Himmel ſteht er ange
fchrieben.
Vierzigſte
Vierzigſte Tafel.
I.
Jeſus und Nikodemus. Die Samariterin.
Maria ımd Martha.
We die Sonne ihre fruchtbaren und erquickenden
Strahlen nicht nur uͤber den ganzen Erdkreis, ſon—
dern auch über die kleinſten Pflanzen ausbreitet; fo er—
leuchtete Jefuß, die Sonne der Gerechtigkeit , alle Mens
fhen — gieng ihnen nad, und fuchte auch das Heil
Einzelne. Es war ihm nicht genug, öfters vor einer
großen Menge zu predigen — nich: genug, leiblich Kranke zu
heilen — er liebte auch den Umgang mit einzelnen Menſchen,
und war in demfelben, uns zum Vorbilde, ungemein
leu ſelig und lehrreich Er ſahe es gerne, wenn man zu
ihm kam — beſuchte dieienigen, die ihn vorzüglich liebten,
uno fireuete allenihalben den Samen wahrer Frömmigkeit
in die Herzen feiner Freunde.
Einft fam Nifodemus , ein Mitglied des hoben
Raths zu Jeruſalem, zu Jeſu. Er hatte viele und grofs
fe Dinge von ihm und feinen Wundern gehoͤret — aber
meil ihn die Dienfchenfurcht abhielt, oͤffentlich ein Schüler
dieies großen Lehrers, der von vielen angefeindet wurde,
zu feyn, fo Fam er bey der Nacht zu Jeſu Ca). - Er ger
fiano dem Heilande aufrihtig, daß man in Serufalem in.
nerlich überzeugt wäre, Gott müßte, ihn zum Lehrer auf
die
- r
Te
Sefus und Nikodemus. Die Samariterinse. g29
die Welt geſandt haben, weil er fonft unmöglich fo viele
Wunder verrichten Fönnte. Cr glaubte e8 ebenfals: allein,
er hatte nicht Muth genug fi) Öffentlich taufen zu laſſen,
und fich vor feinen Jünger zu befennen. Der Heiland fahe
ihn mit Mitleiven an, und erklärte ihm aufrichtig und
deutlich den ganzen Nath Gottes von der Seligfeit der
Menſchen. Er bezeugte ihm, daß iedes Menſchen Seele
müßte ganz und gar verändert, geheiliget und durch dem
Seift Gottes gleihfam neu gebohren werden, wenn ders
felbe in dag Reich Gottes kommen wollte. Denn dag
menfchliche Herz liebte und fürchte eigentlich, nach der Era
fahrung eines ieden, nichts ale irdifhe Dinge — alle
Begierden, Neigungen und Gedanfen feyen bife, bag
heift , nicht vollkommen der göttlichen Vorfchrift und der
menjchlihen Befimmung gemaͤs. Denn alfo ein
Menfch den allerheiligften Gott gefallen ſollte, fo müßte
der heilige Geift die verdorbene Seele von aller Unkeuſch⸗
beit, von allem Stolz, Daß, Zorn, Neid, Geis und
feindfeligen Sinn gegen Gott und feine Gebote reinie
gen, biefelbe zu einem Tempel Gottes wieder einwei—
ben, und das geifiliche Leben in derfelben hervorbringen.
Wer fi) nun son dem Geifte Gottes ganz verändern lieffe,
und mer an den Sohn Östtes glauben würde, der follte
nicht, mie bie Gottlofen ewig verlohren gehen, ſondern
das ewige Leben haben. Denn eben darum hätte Gott
feinen einzigen:Sohn in die Welt gefandt, daß alle und iede
Menfchen durch ihn wieder felig würden.
Ein andermal fazte ſich Jeſus, da er durh Samas
rien reifete , an einem Brimnen , ganz abgemattet nieder.
Indem fam eine Samariterin, um aus dem Brunnen
Waſſer zu fchöpfen (db) Nun mar allezeit der Haß ber
Juden gegen die Samariter , die doch auch Juden waren,
SEE aber
830 Dierzigfte Tafel.
aber im einigen Lehrfäzen von ihnen abgiengen, fo groß,
daß fie nicht einmal mit ihnen reden wollten. Es mußte
ſich alfo dag famaritifche Weib nicht wenig wundern , ba
Jeſus freundfchaftlich mit ihre rebete, und fie bat, ihm
einen Trunf Waffer zu reichen. Weil er nun gerne von
- natürlichen Gegenſtänden eine Anwendung auf geiftliche
himmliſche Wahrheiten machte; fo fagte er dem Weibe:
daf bey ihm ein Waffer, eine Duelle wäre, die den Geift
reinigen , erquicken, flärfen könne — feine füße Lehre,
fein herrliches Evangelium von der Vergebung der Sünden
und vom ewigen Leben — baf er der verheiffene Welthei-
land fey, und gerne ale Menichen glüclich und felig ma—
chen möchte. Das Weib mard göttlich gerührt bey diefer
Uinterredung — und eilere in die Stadt, und mad)fe eg
allen Leuten befannt, daß fie den Meſſias fehen und fpres
chen koͤnnten. Froh über diefe Botſchaft Famen viele
Samariter zu Jeſu umd glaubten an ihn. Seine Jünger
aber, denen dieſes Betragen Jeſu gegen andere Neligiong +
Verwandte befremdete, befamen durch dieß Verhalten ihres
Herrn und Meifters ein fehönes Beyfpiel der Dultung
und des freundlichen Weſens gegen alle, die anders denken,
als fie.
Eben fo liebvol und erbaulich war der Beſuch Jeſu,
mit dem er die Maria und Martha, die Schweftern des
P.azarus beehrte, den er aus dem Örabe wieder lebendig
bervorfommen ließ. Wiaria fezte fi) bey dem Heilande
nieder , und hörte ihm mit der größten Aufmerkſamkeit zu —
indem ſich Martha alle Muͤhe in der Kuͤche gab, eine ſo
hohe und geliebte Perſon mit Anſtand zu. bewirthen (e).
Da es ihr nun feltfam vorfam , daß ihre Schweſter fie
ganz alleine arbeiten ließ, fo befchwehrte fie fich darüber
bey dem geliebten Gaſte. Allein Jeſus fagte zu ihr:
Martha,
Jeſus und Nifodemus. Die Samariterine. 83x
Martha, Martha, du bat viele Sorge uno Muͤhe —
Eines aber ift notb! — Mich fennen, hören, lieben,
anbeten, mir gehorchen — bey mir bleiben — Maria bat
das gute Theil erweblet, das fol nicht von ihr ger
nommen werden!
LI 7 N 7 1
Suche Wahrheit, Licht und Leben!
Mer da bat, dem wird gegeben.
Eile , Jeſu Chriſti Lehren
Stil und redlich anzuhoͤren.
Laß dich früh in deinen Pflichten
Billig von ihm unterrichten!
Er giebt Ruhe, Kraft und Licht —
Was die Welt auch immer fpricht,
Schäme du dich Seiner nicht !
RI TE MN ELLE
2,
Anſtaͤndige Srauenzimmer + Befchäftigungen,
Nr Töchter von einer guten Erziehung giebt eg mancherley,
ihnen anftändige, rühmliche und 'nuͤzliche Befchäftigungen;
z. €. die Keftüre, das Naͤhen, das Alöppeln, das
Stricken, und bergl, -
Hier (a) fist eine Sreundin der Keftüre, und hat
einen ihrer Lieblings⸗Schriftſteller vor fih. Sie weiß zwar
fehe wohl, daß fie, um ihre übrigen Berufsgefchäfte
nicht zu verfäumen, nur wenige Zeit auf das Kefen guter
Bücher wenden darf — aber deſto größer ift ihre Begierde,
aus ben beten geiftlichen, hiſtoriſchen und wizigen Schriften
Stfs ſich
332 Vierzigſte Tafel.
fi allerley Kentniße zu -fammlen — befto forgfältiger
ift fie in glücklicher Anwendung ieder leeren Viertelfiunde —
und flug in der Auswahl weniger, aber vorzüglic guter
Schriften. Sie prahlt aber nicht mit ihrer Belefenheit —
fie ift fo mweit davon entfernt, mit derfelben in allen Ge
feufchaften Lärm zu machen, daß fie vielmehr mit allen
Vernuͤnftigen behauptet, es ſey nichts lächerlicher alg eine
belefene Pedantinn — nichts unleidlicher, als ein foges
nanntes gelehrtes Srauenzinmer. —
Naͤhen (b) nennt man dieienige weibliche Werrichs
tung, da das Frauenzimmer, theils zur Veftigfeit, theils
auc zur Schönheit und Zierde, vermittelt ber Naͤhenadel,
gemeiniglich an der Naͤhrame oder dem Vahkiſſen, auf
verfchiedene , und ojt ſehr Fünftliche Weiſe, mit einem
Saden, allerley Zeug, als Leinwad, Kattun, Kannevaß,
Meffel » oder Kammerfuc und dergl. bald faumen, bald
fchlechtweg beftechen, umfchlingen, durchziehen, auszäcen,
hohlnaͤdeln, fieppen, Sinspfchen oder Knoͤtchen auffezen,
Marjeillen: Nath machen ; bald aber, nad) Art der Mahler,
allerhand Figuren, Blumen, Gänge, Zeuge, u. f£ w. mit
Hlarem meißen Zwirn , oder auch mit bunten Fäden zu
entwerfen gefchiekt if. Sticken ober Stickerey ift eine
Kunſt, mit Gold, Silber oder Beide, allerhand Blumen,
Figuren, Laubwerf oder andere Nangagen , auf feidene,
mwollene und leinene Zeuge erhaben zu nähen, und felbige
damit zu belegen.
Rleppeln oder Fnüppeln (Ce) heißt : Spizen,
Kanten, Zaͤckchen oder Schnüre, von Gold, Silber, Seide,
Zwirn, Meftelgarn, und bergl. nad) einem vorgeriffenen
Mufter, auf dem Aleppelfiffen, durch Fortſtreckung und
Umſchlingung der dazu gehörigen Stecknadeln, vermöge
der
Jeſus und Nikodemus. Die Samariterin ec. 833
der an den Faden herabhängenden Bleppel, Finftlih in
einander flechten und zuſammen fezen.
Stricken (d) nennet man dag Geſchaͤfte, Strümpfe,
Handfchuhe, Kamiſoͤler, Müzen, ia ganze Nachthabite und
Kleider von Seide, Wolle, Baumwolle, Zwirn oder Garn,
vermöge der dazu gehörigen Stricknadeln, dergeftalt aus
Einem Faden kuͤnſtlich in einander zu fchlagen , daß iedes |
Stück die gehörige Form befommt.. Zu unſern Zeiten if
befonders das feine Tez » oder Silet » Stricken eine ſehr
gewöhnliche und beliebte Befchäftigung des Frauenzimmerg;
und werden aus Silet oder Nezchen von feinem Zwirne,
vermittelft einer eigentlich dazu gemachten Silet » oder ges
meinen Strict » Kradel nicht nur Manſchetten für Frauen»
zimmer, und Mannsperfonen , fondern auch Haubenflügel,
Haubenneze, ia fogar Halstücher, Mantillen zur Sommers
fracht, und Ueberzuͤge zu Nöcden und ganzen Kleidern
geſtrikt.
Dieſe und aͤhnliche Beſchaͤftigungen, dazu vornehmlich
die Wißenſchaft in Rochen und Bachen gehoͤret, find den
wohlerzogenen Toͤchtern weit anſtaͤndiger, als wenn ſie
zuſammenkommen zu ſpielen — oder ihre manchmal leeren
Köpfe mit faden Nichtsreden noch mehr auszuleeren, oder
als Recenſentinnen der Witterung, der Moden, des
Puzes und der Handlungen anderer ſich zu zeigen.
— —————
—
3
Chineſſche Geſchichte.
— iſt — der groͤßten und ſchoͤnſten Weltreiche,
velches faſt den ganzen oͤſtlichen Theil von Aſien einnimmt,
Kkk3 und
2
834 Vierzigſte Tafel.
und gleichwohl vor feine Einwohner nicht geräumig gemig
if. Denn China ift volfreicher als gun; Europa , und
man fchäzt die Menge der Einwohner auf 150 Millionen.
Es giebt Dörfer und Flecken in dieſem Lande, die nicht
weniger als eine Million Einwohner aufweifen können,
und es find derfelben unzehlidy viele. Gegen die Eimfälle
der Tatarn ift es mit einer großen , 250 beuffche Meilen
langen, acht Klafter dicken und zehn Klafter hohen Mauer
gefichert , welche noch heutiges Tages im dauerhaften
Stande if. Es ift ein fruchtbares und gefegnetes Fand,
und insbefondere reich an Seide, woraus die fchönften
Zeuge gemacht werden. Es ift Feiner Hand breit Land
darinnen, fo nicht angebaut oder bewohnt wäre — und die
Einwohner find Flug, höflich, arbeitfam , und lieben die
Gelehrfamfeit , Künfte und Wiffenfchaften. Das ganze
Sand wird feit Jahrtauſenden von Raifern (ec) beherrfchet,
und foll der erfte Kaifer und Stifter dieſes Reichs, nicht
lange nad) Noah gelebt und Sobi geheiffen haben, Er ift
auch umter dem Namen Quantecong befannt, und wird,
nebft feinem Keibdiener Lincheou alfo vorgeftellet , wie er
auf der Tafel (a) abgebildet iſt. Nach viefem kamen die
Hoangeti, und unzehliche Kaifer und Fürften in etlich
breyfig fogenannten Dynaftien ; unfer denen die Dynaflie
ber Tfiing, einer aufländifchen Familte, von 1644 an, big
auf ben heutigen Tag den Thron befisf,
an Asficht auf die Neligion findet man in diefem
mweitläuftigen Neiche drey Hauptſekten. Die erfte ift die
Religion der Gelehrten, die fih auf die alten Fanonifchen
Bücher der Chineſer, z. E. den Chu king, und auf die
kehre deg Confucius gründet. Die zweyte iſt die Sekte
der Schüler des Laokium, die ein gewirrtes Gewebe
von allerhand Ausſchweifungen und Gottloſigkeiten iſt.
Die
Jeſus und Nifodemus. Die Samariterigac. 835
Die dritte ift die Sefte der Goͤzendiener, die einen gewiſſen
Goͤzen, mit Namen So oder Sohe anbeten. Die erſte ven
diefen Sekten macht die Religion zu einen Mittel, fich zu
ben höchften Staatsbedicnungen empor zu ſchwingen; die
beyden andern herrſchen unter dem geringen Pöbel und mas
chen eigentlich die Volfsreligion der Chinefer aus,
. Die alten Chinefer machten zum erften Gegenftand ihrer
Verehrung ein hoͤchſtes Weſen, einen unumjchränften
Herren und Urheber allee Dinge, den fie unter dem Namen
Chang ti, d. i. höchfter Kaifer, oder auch Tien anbeteten.
Sie verehrten auch eine Art Geifter, die dem höchften
Weſen unterworfen wären, und unter deren Aufficht die
Städte, Flüffe, Berge und dergleichen finden. Lookiun
(b. 3.), ein weifer Gefezlehrer, ber ohngefehr ſechſthalb
hundert Jahre vor Chrifti Geburt lebte, ermeiterte diefe
Lehre, und ie mehr neue. Geifter in dag Neich eingefübrt
wurden, in einen deflo tiefen Grund des Aberglaubeng
und der Abgstterey fielen die Chinefer. Abſonderlich dieje—
nigen, bie fi zur Sekte des Fo oder Soe (b. 2.) befennen.
Don diefem Goͤzen erzehlen fie, unter andern, daß er adıt
taufendimal gebohren worden — daß er durch die Leider
verfihiedener Thiere gewandert fey, und dag er fich bald in
Geſtaͤlt eines Drachen, bald eines Affen, lephanten und
bergl. fehen laffe. Daher werden auch dergleichen Thiere
wirklich von ihnen oͤffentlich verehret und angebetet,
Diefem reißenden Strome der Abgötteren und des
Aberglaubens widerfezte fich ihr größter Lehrer, Confucius,
oder, mie ihn die Chinefer fchreiben, Bong: Su: tfe (b.r.).
Er lebte 500 Jahre vor Chriſti Geburt, und fund eben in
einer anfehnlichen Staatebetirnung, da er als ein gelehrter,
Kuger und frommer Mann, ducch eine Reformation, dem
erg Ver⸗
836 Vierzigſte Tafel.
Derfalle feines Vaterlandes aufhelfen wollte. Nach langen
vergeblichen Bemühungen und vielen Verfolgungen, wurde
er enblich fo groß, daß er für den vornehnifien Lehrer deg
Meich8 angefehen wurde. Beine ganze Lehre gieng dahin:
dag der menfchlichen Nafur ihr erfter Glanz und ihre erffe
Schönheit wieder beygelegt werden follte, die fie zuerft vom
Himmel empfangen hatte, und die, durd) bie Finſterniß ber
Untiffenheit , und durch die anftecfende Seuche ber Laſter
gar fehr wäre verderbt worden. Zu bem Ende lehrte er
bey aller Gelogenheit : man follte dem böchften Heren deg
Himmels gehorchen, ihn ehren, ihn fürchten, den Nächten
fieben als fih feloft — die böfen Neigungen befiegen, und
die verderbten Leidenfchaften der Vernunft unterwerfen.
Da er mit feiner Lehre und mit feinem Leben einerley pres
diste, fo fand er allgemeinen Beyfal, und wurde nad
feinem Tode vergöttert. Ihm zu Ehren hat man faft in
allen Städten große Säle errichtet, in welchen fih die
Noandarinen und Dornehnften des Volkes au gewiſſen
Tagen im Jahre zu verfanmlen pflegen. an befingt
an bdenfelben fein Lob , und bringt ibm eine Art vom
Opfer dar.
Nach dem Confucius kamen von Zeif zu Zeit neue
Lehrer, Bie den Lehrbegriff der Chinefer bald verbefferten,
bald verfehlimmerten — Und noch halten ſich einige blog an
ben Grumdtert ihrer alten Fanonifchen Bücher, andere an
die Auslegungen derfelben ; die meiften aber fezen fich aus
allen den verſchiedenen Seften ein eigenes Keligiong - Sy»
ſtem zuſammen — denken immer neite Arten des Nberglau-
bens und der Abgoͤtterey aus, welche, weil ihr National»
ftolz groß ift, das Befehrungs.Befchäfte unter ihnen ſchwehr
und beynahe unmöglich macht.
Ihre
Jeſus und Nikodemus. Die Samariterinze. 837
Ihre vornehmften Tempel find auf Hügel gebaut
und werden Pagoden (Tab. XVII, 3.) genennet. In
denfelben verehren fie, auffer dem So, auch den Kim und
Quey, einen guten und böfen Geift — Tanquanı, der den
- Degen giebt — Teiquam, der der Geburt, dem Ackerbaue
und dem Kriege vorfieht — Tſuiquam, den Waſſergott —
Quonin, die Goͤttin des Hausweſens — Chan: Fo, bie
Göttin der Gelehrten — Ninifo, den Ödzen der Woluft —
Hoaguam, ber Gemalt über die Augen bat — Pu356,
auf einer Lotosblume, welches die Iſis der Ehinefer iſt —
Busnnie, Neoma, Yuiumfinzc.ıc. Den Gottesdienſt
verſehen meifiens die Bonzen, auffer welchen fie aud) viele
Ordensgeiſtliche, Mönche und Einfiedler haben. Unter ih—
ren Selten ift das Katernenfeft dag sornehmfie. Am
demfelben, welches auf den funfzehnfen Tag des erfien
Monathes fällt, merben Laternen von allerley Werth
ausgefezt. Einige fonımen auf 2000 Thaler; und eg giebt
darunter ſolche, die 25 bis 30 Schuhe im Durchſchnitte
haben. Sie ſchreiben den Urſprung dieſes Feſtes dem Su
chen der ertrunkenen Tochter eines Mandarinen zu.
Unter allen nüzlichen Kentnißen ift der Ackerbau in
China in dem größten Anſehen. Um daßelbe zu erhoͤhen,
gehet der Kaifer felbft alle Jahre einmal mit großer Pracht
auf das Feld. Die Prinzen feines Haufes, die Prafidenten
ber fünf hohen Tribunale, und eine große Menge von
Mandarinen begleiten ihn. Sobald der Kaifer auf dem
Felde angefommen ift , fo ftellet fih an beyden Seiten die
Leibwache, an der dritten die Mandarinen und. an einer
vierdten eine große Menge Ackerleute. Hierauf tritt der
Kaiſer allein hervor, fällt vor allen Anmwefenden auf die
Knie, und berühret mit feiner Stirn neunmal die Erde,
feine tiefite —— gegen den Tien, den Gott des
Keks Himmels
838 Vierzigſte Tafel.
Himmels zu bezeugen — verrichtet auch mit lauter Stine
ein Gebet, woͤrinn er den Himmel um den Segen über ihn
und fein ganzes Land, und aber feiner Unterthanen Arbeit
anflehet, und opfert darauf als oberfler Priefter der oberfien
Gotiheit einen Ochſen. Während vem aber, daß man dag
Sleifh des Ihieres zerlegt, und zum Dpfer bereitet, wird
ein Plug und ein paar prächtig angefpannte Ochſen herge—
bracht. Alfobald legt der Kaifer den Faijerlihen Schmuck
ab, und pflüget felbft mehrere Furchen durch dag ganze
Seld herunter, alsdenn übergiedt er den Pflug den vors
nehmften Mandarinen, von welchen einer nad) dem andern
pfluͤgt, bis alle vom Dberfien bis zum Niedrigften Hand
angelegt baden. Worauf der Kaifer dann feibft Geld und
Kleivungsfiücke unter die gegenwärtigen Acferleute austhei-
let, welche in Gegenwart deſſelben das Stücfe Land vollends
umpflügen. Kine gleihe Ceremonie wird bey der Sägzeit
beobachtet; und ber Kaifer in China ift dieienige Perfon in
den ganzen Lande, melde alle Jahre die erfie Zurche zieht,
und den erfien Saamen ausſtreut. Iſt diefe heilige Gere,
monie vorbeg , fo muͤſſen in allen Provinzen die Vicefönige
ein Öleiches thun.
Endlich, fo ift Fein Volk in der Welt, welches in
feinem Umgange mehr unnuͤze Komplimente und Gebräud)e
beobachtet, als die Chinefen. Sie haben ein befondereg
Gefezbuch , darınn alles , was man bey Befuchen, bey
Geſchenken, die fih gute Freunde machen , und bey Gafte-
renen zu beobachten hat, auch fogar die Art, wie einer
ben andern gruͤſſen fol, vorgefchrieben ift.
In diefen Buche ift verordnet, wie man fich ſowohl
gegen Vornehmere, als gegen feines Öleihen baͤcken fol,
Es follen über 3000 Regeln darin enthalten feyn, umd er
iſt
Jeſus und Nikodemus. Die Samariterinsce. 839
ift ein eigenes Gericht eingeſezt, welches über die Beobach»
tung dieſer Gefeze hält. Unter dem Grüßen iſt dieſes
feltfam :_ Wenn iemand einem Befanten, nach einer lans
gen Abmwefenheit begegnet, fo knien beyde vor einander
nieder, neigen ſich zur Erde, ſtehn wieder auf, und wies
derholen dieſes zwey bis dreymal. Wenn ſich zwey kayſer⸗
liche Bediente zu Pferde begegnen, ſo muß der geringere
abſteigen, um den Vornehmern mit einer tiefen Verbeugung
zu gruͤßen. Wer iemanden beſucht, meldet ſich bey der
Thuͤre durch einen geſchriebenen Zettel, darinn fein Name
ſteht. Den iedem Beſuche beſchenkt einer dem andern,
und dieſes Beſchenken ift mit unzehlichen Ceremonien ver—⸗
bunden. Der, welcher den Beſuch abſtattet, überreicht,
nach den erften Höflichfeitöbegengungen , einen Zettel, ber
ein Verzeichniß der Sachen enthält, welche er zum Gefchenf
anbietet. Wenn der Befuch zu Ende ift, fo wird der
Zettel durchgefehen, und das, mas man von ben Gefchen,
fen behalten will , angemerft. In dieſem Falle wird ein
Dankfagungs » Schreiben zuruͤckgeſchickt. Bisweilen fihickt
ber, welcher ein Geſchenk machen will, einen Zettel, das
rauf ein Verzeichnis von vielerley Sachen fleht. Der,
bem das Gefchenf angeboten wird, zeichnet fi die Dinge
an, melde er annehmen will, und ſchickt den Zettel fo
wieder zuruͤcke. Alsdenn merden erft die angejirichene
Sachen eingekauft und überreicht.
Die Negeln, welhe man zu beobachten hat, mens
man einen Brief an iemanden fchreibt, find fehr manchfaltig.
Papier, Schrift, Schreibart, Zufammenmickelung deg
Driefeg, Fur; ieder Umſtand muß fich nach dem Range def
fen richten, an den man fchreibt — Die EChinefer find alfo
unftreitig unter allen Völkern des Erdbodens, bie größefien
Komplimentenmacher (d).
4
849 Vierzigſte Tafel.
nz ne CU ENDE
A.
Andere Srauenzimmer - Belchäftigungen;
vornehml. Die Waͤſche.
N: eine Mädchen bier fpinnt mit einer Spindel, wie
eg fcheint, Flachsgarn. Eine andere fpinnt vermiftelfi des
Spinnrades, vermuthlih Wolle, oder macht Zwirn aus
zweyfachen Öarnfäden. Diefer Spinnerinn zur Seiten fizt
eine Naͤtherinn, welhe einen Saum zu nahen fcheinf.
Es wird aber genähet, theils um aus neuer Leinwad
Hemde, Dberhemde, Schürzen, Betttücher, Ueberzeuge der
Kiffen, Serviettenzc. zu machen; theild das alte £einenzeug,
befonders vor ber Waͤſche, auszubeflern, zu flifen, oder
zu fiopfen. Zwey Mädchen flehn ſehr vergnügt bey dem
MWafıhfaffe auf dem bölzernen Dreyfuffe, mit aufgefiuzten
Handarmeln. Sie haben das Leinenzeug erft mit Seife
befchmiert ; denn Seife und Lauge macht das Waffer fchär-
fer, den Schmuz aufzulöfen, welcher hernach herausgetries
ben wird, und mit dem Waffer abläuft. Um dag Eeifen-
waffer mit dem Reſte des anflebenden Schmuzes ganz von
dem Zeuge weg zu fchaffen,, wird die Waͤſche hernach ges
foült. Aber ohne Bleiche würde fie doch nicht recht weiß
werden. Daher wird, wenn es nicht Winter iſt, die ges
mwafchne Wäfche auf die Bleiche gelegt, und wenn es fehr
heiß und trocen Vetter ift, unterfüjiedenemal angefeuchtet,
damit die Ausdünffung, melche von der Sonne und dem
Winde befördert wird, allen unmerklichen Schmuz wit ſich
fortnehme. Nach dem Bleichen wird dag Zeug wieder ges
ſpuͤlt, und alsdenn zum Trocnen auf Sciien aufgehängt,
und
Jeſus und Nikodemus. Die Samariterinec. 341
und gegen den Wind mit Nadeln oder Fleinen Kneipen beves
ſtiget, wie bier auffer ber Thüre, im arten gefcieht.
Alsdann wird e3 geglättet, wenn es großes und grobes
Zeug ift, auf Walzen, weiche unter einer Laft hin und
bergerollt werden. Das ganze Werkzeug dazu heißt eine
Zeugrolle, auch wohl eine NTangel. Alsdann wird eg
zuſammgelegt und verwahrt. Aber feine Wäfche wuͤrde
dadurc zu fehr abgerieben werben; dieſe wird alſo anges
feuchtet, und alsdann mit einem heiffen Platteiſen ge
plättet, und in die gehörige Falten gebracht. Mit Päts
ten befihäftiget fich hier auch eine Perſon, welche den Roſt
zum Plätteifen vor fih, und den Zeugforb neben ſich fliehen
hat, und welche die Hausmutter zu feyn fcheinet,
WARSTTRITE EEE HAND
5
Geſundbrunnen und Baͤder.
Sy Waſſer reiniget, erquicfet und ernaͤhret nicht nur
die Menſchen, es hat aud) einen medieinifchen Nuzen; vor⸗
nehmlich Die Gefundbrunnen, und alle die mineraliſchen
Woafjer, die eniweber zum Trinken oder zum Baden, zu
gewijfen Zeiten und Abfichten gebraucht werden,
Die Gefund + ober Sauerbrunnen find Iebendige,
ſchoͤne, Elare und helle, aus der Erde hervorſpringende,
mineralifche Waffer, welche von unterfchieblichem Geſchma⸗
de, doch insgefamt fäuerlic) find, und von einem fcharfen,
unterirdiſchen Sale, welches der Geſundheit ſehr dienlich
ift, zubereitet werden. Nach dem Unterfchied der Metalle
und Erdfäfte, davon die Wafler ihre Tugend annehmen,
find-
342 Vierzigſte Tafel.
find fie nicht nur im Geſchmacke, fondern auch in der Stärke
und befondern Wirfungen unterfchieden. Sie dienen vors
nehmlich wider die Verflopfungen, in allen hypochondrifchen
und fcorbutifhen Befchwerben , Hauptweh , Wahnmwiz,
Schmindel und fchmwehre Noth, Gelb - Waflers und Schwind⸗
fucht, Stein und dergl. Die berühmteften Sauerbrunnen
find : der zu Eger in Böhmen; zu Pyrmont, im Wald»
ecifchen , mofelbft eine mineralifche Fontaine über zwanzig
Schuhe hoch fpringt , auch die fchönften Brunnengebäude,
Alleen und Promenaden anzutreffen find; zu Schwalbad
in Heffen, woſelbſt fechzehn Brunnen, unter welchen der
fogenannte Weinbrunnen der vorzüglichfte ift; zu Spaa in
Luͤttig, welcher wegen feiner Güte, der vielen und vornehs
men Brunnengäfte und prächtigen Gebäude und Promenaden,
der beruͤhmteſte iſt; zu Sedliz in Böhmen, welcher eigente
lich ein bitterer Purgierbrunnen ift, aus welchem aud) ein
Purgierſalz gefotten wird; zu Gelters im Trierifhen,
weicher daher auch Selterwaffer heißt. Anfangs wurde
diefer Brunnen für zmey Gulden und dreyßig Kreuzer vers
pachtet, bald hernach für fünf Gulden. Vor zwanzig Jah⸗
ren gab man 14000 Öulden Pachtgeld. Nun aber wird
alles von der kurfuͤrſtlichen Kammer felbft verwaltet, und die
Einnahme wird auf 80000 Gulden angefchlagen. Diefe,
und die übrigen Sauerwaffer, werden in RArügen an alle
Orde verfandt ; Doc) finden ſich auch in ben Sommermo-
nathen, bey den Gefundbrunnen felbft viele Brunnengäfte
ein (A), die dad Waffer aus der Duelle trinfen; ſich dabey
in angenehmen Gefellfchaften ruhig und heiter unterhalten,
und durch eine mäßige Bewegung bie gufe Wirkung biefer
Kur zu befördern ſuchen.
Die Gefundbäder (B) find Waffer, bie von Natur
warn und mineralifch find, und wenn fie zum Baden ges
braucht
&*
Jeſus und Nikodemus. Die Sımariterinze 843
braucht werden , vielerlen Leibesſchwachheiten abhelfen koͤn—
nen. Sie werden warme Bäder genannt, weil fie nicht
nur in der That warn find, fondern auch eine erwärmende
Kraft haben. Etliche derfelben find felzicht, etliche ſalpe—
tricht u. fe mw. Einige beftehen aus einem, andere aug
mehren Minern, darnach fie auch ihre Wirkung thun. Die
mertialifhen eröfnen und zertheilen, die antimonialis
ſchen purgieren, sie alaunifcben troefnen und Fonfiringiren,
die falperrichten fühlen und wehren wegen ihres Purgierens
den Grimmen des Leibes — Die berühmteften warmen
Baͤder find : das zu Carlsbad in Böhmen, weiches 1370
zur Zeit Carls des vierdten erfunden worden, daher eg den
Namen führt; deſſen Moffer mit heftigem Geraͤuſche fieds
heis aus der Erde Mannes flarf, hervoranillt, und ſowohl
zum Zrinfen als Baden gebraucht, auch ſtark beſucht wird;
dag zu Töpliz in Boͤhmen; das Schlangenbad in Helfen,
welches in einem tiefen Thale liegt , und mit prächtigen
Gebäuden und Alleen verfehen ift; das Embſerbad in der
Wetterau; bie Bäder zu Wisbaden bey Maynz; bie be—
rühmten Bäder zu Aachen in Juͤlichiſchen; bie fehweiseris
fben Bäder, vornehmlich zu Baden. Man badet ents
weder ben ganzen Körper bis an den Hals , in der Bad
weanne, welches ein ganzes Bad heißt; oder nur big an
den Dberleib , welches ein balbes Bad genennet wird;
oder man gebraucht ein Sußbad, da man nur die Beine ins
Waſſer fezet.
Meberhaupt ift die Gewohnheit zu baden fo alt,
als die Menfchen felbft ; indem der natürliche Trieb die
Menfchen zu Abwafchung der Unreinigfeiten antreibt. Wann
Öffentliche Bäder zu erbauen angefangen worden , kann man
fo genau nicht fagen. Das tüdifche Volk hatte von Gott
felöft den Befehl, daß fich bieienigen,, fo unrein waren,
baden
57
RER nn
844 WVierzigſte Tafel
baden mußten — und die Römer und Griechen haben fo«
wohl zu ihrer Gefundheit , als zu ihrem Vergnügen viele
prächtige, oͤffentliche und Privatbäder erbauet. Auch grüns
den die Türken noch iezt einen großen Theil ihrer Religion
und Heiligkeit auf das Baden und Neinigen. des Leibes —
Und noch findet man in allen mwohlbefiellten Städten Sffents
liche Badftuben ‚, barinn bie dazu beftellten Bader, bie
Badgäfte mit Baden, Schwizen und Schroͤpfen zu bedie-
nen pflegen. Unter allen aber ift das Baden in friſchem
Ruß » Bad) » oder Duellwaffer dag gefundefie, das alle
Glieder ftärkt, und den ganzen Leib rein, gefund und daus-
erhaft erhält.
6,
Der Faͤrber. Der Seifenfieder.
De Faͤrbekunſt lehret die faͤrbenden Theile verſchiedener
Subſtanzen, welche ſie enthalten, herausziehen, ſelbige
auf die Zeuge oder Materien, welche gefaͤrbt werden ſollen,
bringen, und machen, daß ſie auf die dauerhafteſte Art,
die nur moͤglich iſt, ſich an ſelbige anhaͤngen. Der Alaun
iſt eines von den vorzuͤglichſten Mitteln, wodurch viele
Farben veſtgeſezt werben fönnen. Allein weder der Alaun,
nod) irgend ein anders Salz, fo fiatt deſſen als ein beis
zendes Mittel gebraucht wird , hat die Eigenfchaft, allen
Sarben einerley Grad der DBeftigfeit zu geben. Es giebt
deren viele, welche durch diefe beigenden Mittel nur in fo
weit verwahret werden, im mie meit es möglich iff, daß
fie nicht mehr von dem Wafler angenommen werden ; da fie
aber
Sefns und Nikodemus Die Samariterinzc. 945
aber nur allzumenig den Farbeproben, und der bloffen Wirs
Fung der £uft eine gewiffe Zeitlang twiderfichen. Diefe
lezten Farben heiffen das Falſche⸗, Unaͤchte- oder Schledhts
färben , um es von dem dauerhaftern zu amterfcheiden,
welches allen diefen Proben widerficht, und dag Aechte⸗
oder Schönfärben beiffel. Es giebt daher Schwarz
Särber, Schönfärber und Seidenfärber.
Es wird aber von einem veriiändigen Särber (A)
erfordert , daß ſich feine Wiſſenſchaft vornehmlich dabım
erfirecfe, wie er alle Farben auf Seide, Mole und Leinen
fhön und befländig zu bringen, und von bergleichen ans
derswo gefärbten Waaren ein gutes Urtheil zu fällen, allen
Sarbfägen ben beſten Grund zu legen, die fünf einfache
Sarben, welche die Faͤrber die erſten oder die Hauptfarben
heiffen, nehmlich: blau, roth, geld, braun und ſchwarz
aufs beſte zu verfertigen, die Zeuge und Tuͤcher, damit
ſie die Farben deſto leichter von den faͤrbenden Draterialier
annehmen, wohl zu bereiten wife — Daß er die aus dieſen
fuͤnf Hauptfarben entſtehende Mittelfarben proportionirlich
zu vermiſchen, und andere dergleichen Handgriffe mehr
vollkommen wiſſe — und mit dem noͤthigen Handwerkszeug:
Farbkeſſeln, Butten, Schragen, Pleuel, Rollen,
Hacken, Wand, Alaun, Lauge, Waffer, und mit vielen
und mancherley Sarben verſehen fey.
Die Sarben felbft entfliehen von der unterſchiedenen
Natur und Beſchaffenheit der Lichtſtrahlen, welche durch die
Refraktion und Reflexion ſeparirt werden. Die Farben,
deren ſich dieienigen Kuͤnſtler, die mit Farben umgehen,
zu bedienen pflegen, werden in Mahler- und Särbers
Sarben eingetheilt; ferner in einfache, erſte oder Haupt⸗
farben, weil die andern alle von ihnen herkommen, um
gl m
J
846 Vierzigſte Tafel.
in vermifchte Farben, welche aus zwey Hauptfarben
zuſammengeſezt find , und eine bitte Farbe ausmachen,
3. €. die Roſenfarbe, Violenfarbe, bie afchgraue , bie
graue Karbe, welche lestere aus himmeiblau und gelb bes
ſteyt. — Herner werben fie eingei;eilt in Waffer » und
tesekene » oder Dehl - und Üujchel » Farben , geriebene
und-ungerichene, Geiden » feinen » und Welifarben : umd
diefe. wieder in hohe, belle oder dunfele, farfe oder bleiche,
feine oder grobe, friſche oder verfchloffene, natürliche oder
gefünftelte, Eoft- oder Stein» und Mineralfarben. Ihre
Namen find : Weiß, Roth, Gelb, Grün, Blau, Braun,
Schwarz, Dofenfarbe, Bittig, Meer » und Grasgrün,
Baille, Siabel, Drange, Aurora, Gold. Bley» Defer»
Rauſch-⸗ und Echwefelgelb , Bleumourant, Turchino,
Indigo, Bergblau, Scmalte, Laſur, oder Ultramarin,
Scharlach, Ponceau, Zinnober, — — Mennige,
Drachenblut, Kugellak, rothe engliiche Erde, Rothſtein, Brauns
roth, Kochenille, Fernambuk oder rothe Braſilie, Gummi
Guttaͤ, Auripigment, Schuͤttgelb, Safrangelb von unreifen
Kreuzbeeren, gelb Hol, Schmack, Gruͤnſpan, Saftgruͤn,
Cramoiſin, Paſtel, Silber , over Perlenfarbe, Umbra,
Braunholz, gemahlnes Gold und Suber, Lackmuß, Kuͤhn⸗
ruß, gebranntes Elfenbein, indianiſche Dinte, Schiefer und
Bleyweiß, weiſſe Kreide, Bolus, u. ſ. w.
Die Seife, welche dazu dienet, den Schmuz aus den
Kleidern und vom Leibe abzuwaſchen, iſt eine von Unſchlitt
oder andern Fette, und ſcharfer aus Aſche oder lebendigem
Kalk gezogenen Lauge, durch genugſames Sieden bereiteter
zuſammen geronnener Teig. Dieſe genannten Materien
werden unter einander gemenget, und in einem großen ein—⸗
gemanerten Reffel gefotten, darauf aber in Sormen ges
wen , getrocknet und in Heine Stücke zerſchnitten. Dieß
geſchieht
Jeſus und Nikodemus Die Samariterinie. 847
gefchieht entweder durch den Seifenfieder (B), oder durch
eine fleißige Hausmutter. Die gemeine Seife iſt zweyerley,
weiß und ſchwarz. Jene wird von Unfchlitt , diefe in
Spanien und Stalien von Oehle, in Holland und ander
nordlichen Diten aber von Thran gemacht. jene ift veſt
und hart, und läffet fich in Stücde formen; diefe ift fchmies
sig wie Butter. Die venetianifche und fpanifche Seife iſt
die feinfte. Zum Bartpuzen und Wafchen der Hande und
des Angefichtes, werden befondere Arten woblriechender
Seifen zugerichtet, die theils in Kugeln formiert, theilg
weich in Töpfen erhalten werden ; dergleichen fonderlich zu
Florenz, Rom und Neapel zu befommen find.
——
Tr
Phoͤbus und fein Sohn.
9), Mond trat zwifchen Sonn und Erde,
Sein Schatten deckte Hoͤh und Grund,
Und auf die Trift, wo bey der Heerde
Ein Hirt und Sohn des Phobus fund.
Der Hirte rief voll Furcht und Zagenz
Mein Dater dus verlierft den Schein —
Wie kann der heitern Gottheit Wagen
Des Fichtes Duell, und Dunfel feyn?
Du irrſt, fprach Phoͤbus, deine Hürden
Eind blog der Det, der dunkel ift —
Du fuchft mir Fehler aufzubürden,
Womit du- felbft umnebelt bift.
LANENLTR
glla Zwiſchen
—— 0—0
2 Bierzigfte Tafel.
Zwiſchen Gott und unfern Sinnen
Steht die Menfchheit mitten innen —
Und verbirgt vor uns fein ficht;
Wir find dunkel, und Gott nicht.
ne —— CE
8.
Die Baͤder der Alten.
Da Baͤder der Griechen bey den Gymnaſien beſtunden
aus ſieben abgeſonderten Theilen. Erſtlich kan das kalte
Bad; darnach das Elaͤotheſium, oder der Ort, wo
man ſich mit Oehle reiben und ſalben ließ; drittens das
Frigidarium, mo man ſich abkuͤhlete; vierdtens das
Propnigneum, oder Praͤfurnium, oder das Zimmer vor
der Feuerkammer (Hypocauſtum); fuͤnftens die Schwizſtube;
ſechſtens das Laconicum oder die Trockenſtube; ſiebentens
das warme Bad. Was die Bäder auſſer den Gymnaſien
betrift, fo waren bdiefelben meiltentheils zwiefach und ges
doppelt angelegt ; ein Theil für die Diannsperfonen, ber
andere für die Weibsperfonen. Diefe beyden warmen
Bäder flieffen fehr nahe an einander, damit fie ein Dfen
heizen Fonnte. In der Mitte derfelben war ein großes
Waſſerbecken, dahin dag Waffer in verichiedenen Röhren
geleitet wurde, und man flieg auf einigen Staffeln im
dafelbige hinunter. Dieß große Wafferbefen war mit
einem Geländer umgeben , binter dem fidy ein bedeckter
Gang befand , der, dieweil man fi) darinn aufhalten,
auf das Bad warten und alfo noch mäfjig feyn Fonnte, die
Schola genennet wurde. Diefe Bäder waren gewoͤlbt,
a1 *
Sefus und Nikodemus. Die Samariterin ze 849
und empfiengen das Licht von oben Ber, durch eine Art
son Kuppel. Die beyden Badfluben , das Laconicum
und Tepidarium, maren bier mit einander verbinden.
Sie hatten eine zirfeleunde Form, damit ſich der Dunſt
von allen Seiten gleich frarf ausbreiten Eonnte. In der
Mitte, wo bie Oefnung fuͤr das einfallende Licht gelaffen
wurde , bieng gemeiniglich ein Schild von Erst, welchen
man hinaufziehen und wieder herunterlaffen Fonnte, um den
heiffen Dunft für das Schwizen entweder zu verffärfen;
oder zu mindern. Der Fußboden dieſer Badſtube war
hohl, damit er die Hize der Feuerkammer, deito beffer ans
nehmen konnte. Diefe Feuerkammer oder Hipocauflum
heizte nicht nur die. beyden Babıluben ,„ fondern auch dag
fogenannte Vaſarium, worinnen ſich die Milliaria, oder
die großen kupfernen Gefaͤſſe befanden, aus denen das
heiſſe, das laulichte und kalte Waſſer, nicht nur fuͤr dieſe
Milliaria ſelbſt durch Heber, ſondern auch fuͤr die Baͤder
durch Noͤhren vertheilt werden konnte.
Bey den Roͤmern find beydes die oͤffentlichen und
beſondern Baͤder ſpaͤt eingefuͤhrt worden; entweder weil
dieſes Volk erſt ſpaͤt auf die uͤppige Weichlichkeit verfiel,
oder weil es ſehr viele Muͤhe koſtete, das Waſſer in die
Stadtquartire und in bie Haͤuſſer zu leiten. Erſt als ſich
die Waſſerleitungen vermehrten, d. i. eine geraume Zeit
nach dem 4aıften Jahre bee Stadt, bauete man hier und
da einige Düber un® Thermas; fo wurden nehmlich die
Herrenbäder genennet , zum linterfchtese der oͤffentlichen
gemeinen Bader, melche Baͤlneaͤ hieſſen. Zu ihrer Ver—
vielfältigung und Allgemeinheit trugen die Aerzte, weiche
verſchiedene Krankheiten durch Bäder heileten, vieles bey,
Aber erſt unter dem Auguft und den nachfolgenden Kaifern
erhielten fie zueift die Pracht, die wie noch iezt mit
— Erſtau⸗
te ee ——
850 Vierigſte Tafel.
Erſtaunen in ihren Truͤmmern bewundern. Einige roͤmiſche
Schriftſteller vergleichen dieſe von den Kaiſern erbauete
Baͤder, wegen ihres ungeheuren Umfanges, mit Provinzen —
und man wird dag Uebertriebene dieſes Ausdrucks weniger
empfinden, wenn man bedenkt, daß dieſe Gebaͤude in ihrem
ungeheuren Bezirke, auſſer einer erſtaunlichen Anzahl von
Zimmern und Saͤlen, ganze lange Gallerien und Hallen, in
denen ſich die Athleten übten, ganze große Teiche von flieſ—
fendem Waffer, ganze Terraffen, Garten und Walder eins
gefchloffen haben,
Die Einrichtung der roͤmiſchen Bäder mar ohngefehr
die nehmliche, wie bey den Griechen, &emeiniglich fand
man bdarinnen einen Teich, der an der Norbfeite lag.
In denifelben Fonnte man fich nicht allein baden, fonbern
er mar auch groß genug zum Schwimmen. Yuc) die Bäder
der Privatleute haften zuweilen folche Teihe, Der Bad
bau in den Thermis lag gemeiniglic) gegen die Mittags,
fonne , und hatte eine fehr breite Hauprfeite, worinn fich
die Seuerfammer in ber Mitte befand ; darneben waren zur
echten und Linken, auf beiden Seiten, vier gleichfoͤrmige
Zimmer , die Gemeinfhaft mit einander hatten. Diefe
Theile des Baues wurden vorzugemweife mit dem allgemeinen
Namen der Badzimmer belegt, und beflunden aus ber
Baͤdſtube, aus dem warmen und Falten Bade, und aus
der Schwisftube. _ Der Saal des warmen Babes war
noch einmal fo groß, als ein ieder anderer in den übrigen
Badzimmern, weil ſich da die größte Menge des Volkes
einfand. Das Apodyterium, wo man die Kleider ablegte,
hat in den Thermis des Diocletians eine fchr prächtige
Bauart gehabt. Es war ein großer achtecfigter Saal von
länglichter Figur, worinn die beyden Hauptfeiten ſich nad)
einem halben Zirfel bildeten, und das Gewölbe war von
etlis -
Jeſus und Nifcdemus. DieSamariterin: . 851
etlichen Reihen Saͤulen von aufferortentliher Hoͤhe gefra-
gen, Dieſe verfehwenderifihe Bracht fand man nicht blog
in Öffentlichen Bädern ; auch vie Privatgebaͤude kicfer Urt
waren nicht jelten damit verfchen, und bis zum Ueberfluße
mit Spiegelglag, mit Marmor 1:0 mit dem fofibarften
Metalle ausgeſchmuͤckt.
(BEREEEDET EIETEEN ER TSUT TEE TREE DEEDTZEERUSTN
0.
Der unerwartete wohlthätise Beſuch.
I London Ichte einſt die Witwe eines‘ rechtfchaffenen
Mannes, der fie durch feinen Tod, nebſt zwe ey Toͤchtern
und einem Knaben, in dag grißie Elend verſezet hatte.
Denn bey feinem Leben begleitete er ein Amt, das ihn mit
feiner Familie gemaͤchlich naͤhrte; bey dem er aber nicht
nur nichts zurücklegen fonnte, ſondern wobey er auch dag
Feine Vermögen , das ihm feine Frau zugebracht hatte,
bey manchen zugeftoffenen Ungluͤcksfaͤllen, bafte aufzehren
müffen. Ein reicher, aber fer hariherziger Bruder hätte
fie demfelben durch eine Kleinigkeit entreiffen Finnen — er
verfchloß aber feine Thüre und fein Herz vor ihr, und fie
durfte fich ihm nicht nahern , wenn fie fich nicht den haͤr—
teften Begegnungen ausfezen wollte. Zum Glüde hatte fie
ihre Kinder zur Frömmigkeit und zum Fleiß erzogen. Cie
und ihre beyden Töchter arbeiteten alfo Tag um) Nacht,
und erhielten fi ehrlich, obgleich unter Hunger und
Kummer. e
—
Eines Morgens kam ein Mann von ohngefehr funfzig
Jahren, ſchlecht doch reinlich gekleidet, an ihre Thuͤre,
—— der
852 Vierzigſte Tafel.
ber fie zu ſprechen verlangte. Sie noͤthigte ihm, in ihr
Heines finſteres Stuͤbchen, und fragte nach feinem Anbrins
gen. Er fagte : Sie werde ihn zwar nicht kennen —
ob fie ſich aber nicht eine Verwandien, Namens Werner,
zu erinnern wüßte, x vor 25 Jahren nach Weftindien ge-
gangen ? Lie beishete dieß. Nun fuhe er fort: Sie
ſehen diefen Ungluͤcklichen vor fi — Ihr Vater mar meis
ner Mutter einziger Pruder. Auf meiner Nücfreife hieher
verlohr ic) dag Wenige, was ich 25 Juhre lang mühfam
‚erworben hatte, das aber zureichend gemwefen wäre, mich
lebenslang zu erhalten. Das Echiff, auf dem ich mar,
fiel einem frangsfifchen Kaper in die Hande, der mir alles
bis auf die Kleider nabın, mih an der fpanifchen Kuͤſte
ausſezte, ımd von da aus bab ich mich bis hieher durchge—
betteit,, und hoffe nun von meinen übrig gebliebenen Pers
wandten einigen Beyſtand. Die Witwe, bie fich erinnerte
feinen Ramen öfters gehoͤret zu haben, zweifelte nicht an
der Wahrheit feiner Geſchichte; aber, feste fie hinzu, fo
fehe ich mich freue, fie feteder zu fehen, fo ſchmerzt eg
mich doch in der Seele, ie in fo fraurigen Umfländen zu
wien, ohne dag Vermoͤgen zu baben, Ihnen ſo kraͤftig
beyzuſtehen, als ich wohl wünfchte. Indeſſen laffen Sie
uns mit einander fruͤhſtuͤcken — Sie ließ Kaffee machen,
und einige Zioiebacf holen. Wahrend befjelben fragte fie
ibn, wie er fie in diefem elenden Winfel, mo fie vor aller
Welt ımbefannt lebe, habe ausfragen koͤnnen? Er erzehlte
ihr hierauf, daß er ihren Bruder, der durch feinen Neich-
thum befennt genug ſey, ausgeforſcht habe. Diefer,
fezte ex hinzu, begegnete mir ſehr hart, ſchalt mich einen
Betrüger, einen Beitelferl, und wollte mich dutch feine
Hedienten zum Haufe hinauswerfen laffen. ch bat mir
endlich nur fo viel aus, mir die Wohnung feiner Schmwefter
anzu⸗
Jeſus und Nikodemus. Die Samariterinac. 853
anzuzeigen. — Verdruͤßlich gab er mir zur Antwort: Er
wife viel, in welchem Winfel fie fäfe — fie babe einen
lüderlichen Mann geheyrathet, der ihr nichts als Kinder
und Elend hinterlaffen, und fich dadurch feiner Wohlthaten
unwuͤrdig gemadıt habe. Seine Frau ſagte mir endlich
Shren Namen und Ihre vorige Wohnung, und fo habe ich
mich nach vieler Mübe hieher gefragt — Ach, fürchte in-
defion, daß die Nachticht von ihrer Armuth nicht ganz uns
gegründet fey — Er mollte weiter reden, ober die arme
Witwe geftund fogleih, daß er die Wahrheit gefagt habe,
daß fie aber ohne ihre und ihres Mannes Berfchulden arm
fey. Sch bin indeffen, fuhr fie fort, gottlob nicht fo
arm, daß ich nicht noch ein Weniges durd) nieine Spar»
ſamkeit folte erübrigen koͤnnen. Wollen Sie ein Fleineg
Etübchen in der Nachbarſchaft miethen, und mit mir fo
lange verlieb nehmen , bis Eie etwas Beſſers für ſich
ausgerichtet haben, fo follen Sie mir willkommen feyn,
und id) will es fchon möglich zu machen ſuchen, dag ich
das erfie bezahlen fanın — Vielleicht find Sie etwas wes
niges an dem Drte fchuldig, wo Sie die beyden Nächte,
die Sie bier find, gefchlafen haben — bier langte fie
ihr Feines Giübergeld heraus, welches ohngefehr zwanzig
Grofchen betragen mochte, und fezte hinzu : Wenn dieß
nicht zureichen follte, fo fagen fie es frey, ich habe noch
ein Fleines Goldſtuͤck, dag meiner Tochter gehoͤret. — —
Salt, free ee — Gott! gütiger Gott! !
vergieb mirs — vergeben ie mir , daß ic) ein folcheg
Herz wie das Ihrige ift, auf die Probe gefest babe —
aber reichlich , reichlich fol es Ihnen belohnt werden.
Die Witwe war über diefen neuen Auftritt fo gerührt,
daB ihr bie Thränen über die Wangen rollten —
£lls Ach,
854 Vierzigſte Tafel.
Ah, daß ich doch auch Meinen koͤnnte, fagte fie;
aber es iſt mie unmoͤglich: Doch — Die mäffen auch
die lezten Threnen feyn , die Sie iemals zu vergiefen
Urſache haben moͤgen, fagte der Fremd, und zog zus
gleich eine Brieftafche heraus , und gab ihr einen Wech,
fel auf 2000 Pfund Sterling , ohngefehr 12000 Thaler,
an die Bank in England, in die Hände — Vergeben
Eie, faute ee, daß ich Sie hintergangen habe. Es
ift aber aus gufer Abficht gefcheben. — Sch wollte den
würdigen Verwandten von dem Unwuͤrdigen, dag gute
Herz von dem fehlschten unterfcheiden lernen. Sch bin
nicht der arme Perlaffene , für den ich mic, ausgab,
fondern vielleicht einer der reichften Privatleute im ganzen
Königreiche. — Was ich ihnen iezt gegeben habe,
ift blog ein kleines Handgeld gemefen. Ich merde fie
nebft ihren Kindern reichlic) verforgen. : Tags darauf
fam er, und holte fie in einem mehr als fürfilichen
Magen ab, den er ihe fogleich ſchenkte — und führte
ſte in eines der prächtigft meublirten Haͤuſſer, in deſſen
Befiz er fie mit allem Zubehör ebenfals feste,
Da er enblich ftarb , vermachte er der Witwe fein
ganzes ungeheures Vermögen. As fie fi im Befize
deffelben fahe , bat fie Gott täglich , daß er ihr Muth
und DVerftand geben möchte, ihr Glück mit Danfbarkeit
und Demuth zu ertragen , daſſelbe zu feiner Ehre, und
nicht zu ihrer Eitelfeit anzuwenden , die Armen zu uns
terfiigen , und eine gute Haushälterinn der ihr verlies
benen Gaben zu feyn. Und Gott gab ihr Verſtand und
Gnade , im Befize irdifcher Neichthämer , auch ein an
Tugend und Nechtfchaffenheit reihes Herz allenthalben
zu zeigen — Sie vergab ihrem Bruder mit Freuden,
feine
Jeſus und Nikodemus. Die Samariterinzc. 855
feine Abfichten mochten feyn welche fie wollten. And
alg er , theils durch WVerfchwendung , theils durch Un—
glücksfälle fehr herunter Fam, vergalt fie nicht Boͤſes
mit Boͤſem, fondern unterflüzte ihn auf das Fräftigfte —
Ihre Kinder erzog fie zur Tugend und Glückfeligkeit —
über alle edle Arme und Elende breitete fie ihre wohl—
thätigen Hande aus, umd erndtete noch ſpaͤt die feligften
Früchte der MWohlthatigfeit und des guten Herzens ein,
wodurch fie fo viele glücklich gemacht hatte.
En
Ein und vierzigſte Tafel,
I,
Ehrifti Liebe zu den Kleinen.
& Ye SreundlichFeit und Keutfeligkeit Jeſu Chriſti
erfbien allen Menſchen — fie ofjenbarte fich
insbefondere in feinem Umgange mit den Kleinen. Wenn
fromme Eltern ihre Kinder zu Jeſu brachten, mit der Bitte,
daß er fie fegnen wolle; fo hatte er eine herzliche Freude
daran. Er nahm fie auf feinen Schoss , umarmte fie,
legte die Hände auf fie, und gab ihnen feinen himmlifchen
Segen. Und wenn feine Sänger unwillig darüber wurden,
daß fih Eltern und Kinder zu ihrem Heren und Meifter
drangen, ſo vermwieß er ihnen dieß Bezeigen mit Diefen
Worten: Laſſet die Rinder zu mir Fommen, und
webret ihnen nicht — fie haben wegen ibrer Unſchuld
Das nechſte Hecht zu mir und meinen Reihe — und
wenn ihr nicht den Rindern aͤhnlich werdet in der
Unfhuld, Ruhe und Beugfamfeit , fo koͤnnet ihr
nimmermehr in mein Jimmelreih Fommen. —
Ueberhaupt bediente ſich Chriſtus, der nach feiner
gewohnten Herablaffung mehr durd) Handlimgen, als durch
Horte redete, oͤfters der Kinder, feine Jünger zu demüs
thigen und ihnen gute Lehren zu geben. Wenn fie nach
vornehmen Ehrenftellen in feinem Reiche trachteten, dag
fie fich lange als ein hewpliches irdiſches Neich vorflellten —
| wenn
Chriſti Liebe zu den Kleinen. 857
wenn fie ihn in dieſer Erwartung fragten, wer wohl von
ihnen der groͤßeſte in demſelben ſeyn werde? ſo ſtellte er
ein kleines Kind in ihre Mitte, und ſagte: Sehet dieſes
Kind da ! Noch weiß es nichts vom Unterſchiede des Ran—
ges oder Anfehend. Hat e8 feine natürlichen Bebürfniffe
befriediget , fo find ihm Golb und Eilber, Pracht und
Ueberfluß vSllig gleichgültig. — Wenn ihe num fo in den
Zuſtand eines einfältigen fchuldlofen Kindes zurückkehrer,
fo feyd ihr die größten und wuͤrdigſten unter meinen
Nachfolgern.
In den niedrigſten Umſtaͤnden, wenn ein Menſch
rein und unſchuldig, wenn er gelaſſen und folgſam, wie
ein Kind iſt, ſo iſt er vor Gott groͤßer, als die groͤßten der
Erde. — Ihr duͤrfet, fuhr der weiſe Erloͤſer fort, euch
ſeyn laſſen, ihr nehmet mich auf, wenn ihr einen ſolchen
aufnehmet. Der Welt mag er noch fo klein und gering«
fchäzig vorkommen, euch fen er theuer und ehrwuͤrdig!
Was ihr für ihn thut, das will ich vergelten, als wenn ihe
es für mich gethan hättet; und was ihr wider ihn thut, das
ift eben fo viel, als hättet ihr es unmittelbar wider mich
ſelbſt gethan. Wehe demienigen, welcher ihn aͤrgert!
Beſſer waͤre es ihm, daß er in die Tiefe des Meers ver—
ſenkt wuͤrde!
So viel gelten die Kleinen, die Niedrigen, die
Demuͤthigen bey Jeſu. Herzlich ſollte ſich die Jugend
freuen, von ihrem Chriſto ſo vorzuͤglich geliebt zu werden —
Kindlich ihn wieder lieben, alles Gute ihm zu Liebe thun,
alles Boͤſe ihm zu Liebe haſſen, ihn bald und gerne gehor—
hen, anzuffen, vertrauen lernen — dieß Jugend laß deine
Weisheit, dieß laß deine Freude feyn.
VRIRSITERTLREL
Nicht
858 Ein und vierzigfte Tafel.
Nicht erfi, mann des Alters Sorgen
Dich zerfireun;
Jugend, nein!
Schon am frühen Morgen,
Sn der Blüthe deines Lebens
Dien ihm gern!
Und dem Herrn
Dienft du nicht vergeben.
Gluͤck, Gefundheit , langes Leben,
Wird dafür
Willig dir
Gott, dein Schöpfer , geben.
Weisheit nur fen bein Begehren,
Dann Mmwird er
Dir ſchon mehr,
Wenn dirs nmuͤzt, gewähren.
LI ——— missen —— EZ FE
2.
Kinderſpiele.
SS, muß man unfchuldige Rinderfreuden gönnen.
Sowohl ihr Gemüthe als ihr Körper braucht Hebung, Erwe—
ckung und feitung , zur Gelenkfiamfeit , zum Aufmerfen,
und zur erlaubten Munterkeit. Dazu find die gewöhnlichen,
ſchon binlanglich befannten Rinderfpiele ungemein fchicks
lich — und, wenn fie unter einer guten Aufficht vernünfs
tiger Eltern und Lehrer vorgenommen, und weislich dirigiert
werden, fehr bequem, fie bald mit ben beften Lebensregeln
befannt zu machen,
Hier
Ehrifti Liebe zu den Kleinen. 359
Hier (a) fpielen Sungfern Regel Dabey ſollten
fie freylich nicht fo gepust ſeyn, und feine fo lange Schleppe
baben. Der Knabe da bey den Kegeln ifi ver Auffezer,
Er fcheint ſich zu wundern, daß auch Jungfern diefes Spiel
machen, denn ſehr gewöhnlich iſt esnicht. Aber dag Spiel -
iſt gefund und befördert die Gefchiclichkeit der Glieder,
Der Auffezer fpielt nicht , fondern arbeitet ; er verdient
alfo eine Belohnung dafür — Seht in der Mitte drey
bewafnete Rnaben, den Trommtelfchläger, den Örenavier
und den Pfeiffer. Die Kinder vergnügen fi) im Spielen dag
nachzumachen, was fie an Ermwachfenen fehen, wenn fie
auch nicht wiffen, warum biefes oder ienes zu gefchehen
pflegt. Seht wie diefer mit einem Bogen, der aud) eine
Armbruft heißt, nach dem Vogel zielt. Er will denfel
ben durch den Pfeil tödten, welchen bie zurück gefpannte
und hernach losgelaſſene Saite wegſchnellt.
Hier, im zweyten Quartiere (b) wird luſtig
gefahren, geritten und geſchaukelt. Seht, fo muͤſſen
die Altern Kinder die ungern vergnügen, wie dieß Mädchen
ikren Bruder , den fie führt, und zuruͤcke ſieht, ob er
Schaden nehme. Aber eben darum muß auch dag iüngere
Gefchwifter dem aͤltern folsfem ſeyn. Der auf dem
Steekenpferde kommt meiter alg ter andere auf dem
Schauckelpferde. In der Schaufel aber ſollen Kinder
einander nicht ſchwingen. Sie verfichen es nicht fo zw
machen, daß fein Schade gefchehe. Auf dem driffen
Quartiere (c) wird getanzt und gefprungen , von Kna—
ber und Mädchen, die fih einander anfaffen. Dieſe
unverfländige Sungfer da fpringe zu hoch, melches fich für
Mädchen nicht ſchickt. Es iſt ihr vermuthlich gefagt, aber
die Unbedachtfame denkt nicht daran. ı
Glaubet
360 Ein und viersigfte Tafel.
Glaubet nicht, daß die Finder da im vierdten Quar⸗
tiere (d), auf dem Tabourett , Thee oder Kaffee haben.
Es ift alleg nur Spielzeug. Über fie verderben doch viels
leicht das Tobourert mir Waſſer — alödarn folgt auf Spiel,
Verdruß. Einige fpielen da mit Puppen. Das iſt gut,
wenn ſie ſich gewoͤhnen, mit den Puppen und mit ihrem
Anzuge eben ſo umzugehen, als ſie ſehen, daß die Waͤrte—
rinnen mit den kleinen Kindern thun. So werden ſie bald
geſchickt kleine Knnder, ohne ihre Gefahr, zu warten, fie
anzufleiden, fie zu vergnügen — und alsdann können fie den
Müttern und Muhmen helfen, wenn diefe etwa Feine Zeit
haben bey den Fleinen Kindern zu bleiben.
——— — EELAN ÄLTER
3 |
Silhouetten der berühmteften Pädagogen.
Es merke ſich die Jugend bey Zeiten die ehrwuͤrdigen
damen und Verdienſte derienigen Gelehrten und Kinder—
freunde, welche zu unfern Zeiten Licht über das Bildungs,
Geſchaͤfte aller die wohl erzonen werben folen, ausges
breitet , und zu ihrem Wadsthume in alerley Erkenntniß
und Freude fo vieled beygetragen haben — Sie jeyen und
bleiben heilig in ollen Herzen und Denfmälern der gegen«
waͤrtigen und der zukünftigen Zeit — Die Namen:
wiiller, Braun, Were, Bajevow, Feder, Seiler,
Lampe, Fedderſen —
Herr Johann Peter Miller (2), Doftor und
Profeſſor der Theologie zu Göttingen, iſt zu Leipheim bey
Ulm 1725 gebohren. Als Schulreitor zu Helmſtaͤdt hat er
ich
Chriſti Liebe zu den Kleinen. 361
ſich 1749, und als Rektor des Gymnaſiums zu Halle 1756,
um die Jugend ſehr verdient gemacht. Seit 1766 iſt er
oͤffentlicher Lehrer zu Goͤttingen; und er hat, nach ſeinem
liebensw uͤrdigen Eifer für das Wohl der Kinder, vieles ges
ſchrieben, das auch Eltern zur häuslichen Erziehung nüzlich
if. Seine Schriften, die hieher gehören, find folgende:
Hiſtoriſchmoraliſche Schilderungen zur Bildung eines
edlen Herzens in der Tugend — Erbauliche Erzehs
lungen der vornebmfien biblifhyen Geſchichte —
Chreſtomatia Iatina — Grundfäze einer weifen und
chriftlihen Erziehungskunſt — Religionsbuh —
Gedanfen über die befte Art der Ratechifationen —
Ausführliher Abriß ver Naturkentniß, und ſowohl
der natürlichen als geoffenbarten Religion, wie auch
der Philoſophie für die Jugend —
Herr Heinrich Braun (b), Doftor der Theologie
und General» Direktor der Bayerifhen Schulen, ift 1733
zu Burghaufen in Bayern gebohren. Auch diefer vortrefe
lihe Mann hat durch) feine paͤdagogiſchen Schriften viel
Gutes geftifte. Er bemühet fich feit 1761 feiner vater⸗
ländifchen Jugend, vornehmlich in den Anfangsgründen
ber deutſchen und lateinifchen Sprache, den deutlichften und
faßlichften Unterricht zu geben. Er fchrieb: Eine Götters
lehre — eine Sprach: und Redefunft — ein LKefes
büdlein für Rinder — Anfengsgründe zur Isteinis
{hen Sprache — und entwarf den Plan zum Prediger
Inſtitut, das zu München errichtet worden, in welchem die
Studierenden in öffentlichen Reden geübt werden und Präs
mien erhalten — Er gab auch fchon foldhe Ausarbeitungen
iunger Leute heraus, unter dem Titel : Tugendfrüchte —
Und Bayern Eönnte durch Ihn und mehrere erleuchtete treffe
Rmm liche
802 Ein und viersigfte Tafel.
liche Männer, die es hat, in Wiffenfchaften und Kuͤnſten
unendlich vieles gewinnen,
Herr Cbriftion Selig Weifje, (ec) ift su Altenburg
1726 gebohren, und Kurſaͤchſiſcher Kreigs Steuer» Einnchmer
zu Leipzig. Als Cohn eines verdienten Schuldireftorg ,
erbte dieſer Kiebenswürdige einen wirffamen Eifer, für
lehrreiches Bergnügen der Kinder zu arbeiten; wozu fein
geläuterter Öefchmad, und feine gefaligere Schreibart ihn
vor andern To fähig machten Er ſchrieb: Kieder für
Rinder — das Keipziger Wocenblett— Abtbuch
für Rinder — den ZRinderfreund — und fein Name
bleibe im Himmel: und auf Erden mit unfterblichen Nuhme
big zur großen ewigen Ernte feiner Vaterliebe, ange
fchrieben *
Herr Johann Bernhard Baſedow (d) zu Ham
burg 1724 gebohren , feit 1753 Eönigl. Dänifcher Profeffor
zu Soroe, feit 1761 zu Altona, feit 1771 zu Deffau, wo
er 1774 dag erfte Pbilantropinum,, oder eine menfchens,
freundiiche Schule eröfnete. Er war der erffe, der durch
feine vielerley- Schriften für das Beſte der Erziehung. vor—
nehmlich durch fein KElementarwerf , die Herzen der
Großen] mit Wärme für die michtigfte Angelegenheit des
Menjchheit , für ihre Erziehung und Erleuchtung , era
füllete.
herr Johann Georg Heinrich Feder (e); zu
Schoͤrnweißach im Daireuthifchen 1740 gebohren, iſt ſeit
1768 Profeſſor der Philoſophie zu Göftingen. Diefer lies
benswürdige Sinderfreund fchrieb nur ein einziges , aber
defto wichtigereg Werk für Erzieher, nehmlich; den neuen
Aemil, oder, von der Erziehung nah) bewährten
Grundfäzen, Als Chriſt fuchte er bie veftere Grundſaͤze
E su
Chriſti Liebe zu den Kleinen. 863
zu beftätigen, als dieienigen waren , welche ber Philoſoph
Rouſſeau in feinem Emile angenommen hatte. Da aus
übende Weisheit der Hauptgegenfland feiner Forfchuns
gen ift, fo "nd alle feine übrigen Schriften gleichfale
unentbehrliche Handbücher derer; welche Nathgeber anderer
Menfchen werden wollen.
Here Georg Sriedrih Seiler (), iff zu Kreuffen
bey Bayreuth, 1733 gebohren, und feit 1770 Profeffor der
Goftesgelahrtheit zu Erlangen , auch nachmals geheimer
Kirchenrath, und wirkiicher erſter Nath im Konfiftorium zu
Bayreuth. Seine für die Jugend hoͤchſt vortheilhafte
Schriften find: Geſchichte der geoffenbarten Religion —
Religion der Unmündigen — biftorifcher Ratedhifs
mus — Lehrgebaude der evangeliichen Glaubens s
und Sittenlehre — über die Unterweifung der Jugend
im Chriſtenthume — ein Plan zur Einrichtung deuts
fiber Stadt ; und Kandfehulen. Aud) feine gemeins
nüzigen Betrachtungen ber neueften Schriften, welche
Religion, Sitten, und Befferung des menfchlichen Geſchlechts
betreffen , und die Sortfesung derfelben, enthalten immer
viel Lehrreiches über den großen Gegenſtand der Erzies
bung.
herr Joachim Heinrib Campe (8), zit Deerſen
der Deitersheim im Braunfchweigifchen 1746 gebohren,
wurde 4776 hochfuͤrſtl. Anhalt » Deflauifcher Educationg-
kath, und Curator des Philanthroping , und feit 1778
Direktor einer neuen Privat » Erziehungsanftalt zu Hams
burg. Er fchrieb : verfchiedene Abhandlungen in dem
pbilanthropinifchen Archive, und in den paͤdagogiſchen
Unterbaltungen — Sittenbüchlein für Rinder aus
- gejitteten Ständen — neue Wietbode, Rinder auf eine
Mm 2 neue
864 Ein und vierzigſte Tafel.
neue Weife Iefen zu lehren — Fleine Rinderbibliothek —
Robinfon der jüngere — Fleine Seeleniehre für Bin
der — Die Entdeefung von Amerika —
Herr Johann Jakob Friedrich Sedderfen Ch),
zu Schleswig 1736 gebohren, war zuerſt Prediger und
Pagenlehrer am Hofe des Herzogs zu Holftein, Sonderburg ;
Bann Seelforger der Lutheraner in Beknburg, Ballenfkärt
und Harzgerode; darauf Prediger an der Hauptkirche
St. Johannis zu Magdeburg, und num Domprediger zu
Braunſchweig und Beichtvater der herzoglichen Herrichaften.
Auch diefer wuͤrdige Geiftliche ſucht die gettliche Religion
den iungen Herzen einzuflöffen, vornehmlich durch folgende
Schriften : Das Leben Jeſu für Rinder — Lehrreiche
Erzehlungen aus der biblifhen Geſchichte, mit Erin
Herungen für Rinder — Beyſpiele der Weisheit und
Tugend aus der Geſchichte — Den ber Kefebibel für
Rinder, die Hr. D. Seiler beforgt, hat er dag Gefchäfte
übernommen, die erbaulichen Anwendungen und Gebete für
die kleinere Klaffe der Bibellefer ausjuarbeiten.
—
4.
Kinderſpiele.
A, dem erften Felde ficht man ein Befuchzimmer ; denn
diefe Mädchen fpielen Beſuch. Die vörderfie von dem dreyen
fieet die Hausfrau vor , welche ihre Fremden mit freunds
lihen Pienen und Gebärden annimmt. Die beyden,
welche bey ihre ftehen , find fehon früher gefommen. Die
eine Fremde mit dem großen Sacher hat eine Halbſchuͤrze vory
einen
Chrifti Siebe zu den Kleinen. 865
einen Sultan auf dem Kopfe, Perlen um ben Hals, und
ein. frifirteg Kleid an, mit einer furchtbaren Schleppe.
Die zweyte fcheint eine Saloppe um zu haben. Ih glaube
die Beſuchenden haben gefagt : Liebſte Sreundin, wir
Fommen mit großem Vergnügen dich zu beſuchen.
Die Hausfrau feheint mitten in der Antwort zu ſeyn:
CLiebſte Freundinn, dein angenehmer Beſuch verſpricht
mir viel Vergnuͤgen. Sie muͤſſen die gewoͤhnlichen
Kniebeugungen gegen einander ſchon gemacht haben. Es
ſcheint mir aber die gute Hausfrau ſollte ihr Zimmer noch
etwas ordentlicher gemacht haben, ehe fie Beſuch arıger
nommen haͤtte. Die Stühle ſtehen nicht in Drduung, und
ihrer find nicht genug; auch weiß ich nicht, was dee
Schemel mitten in der Stube fol. Wenn er noch bey dent
fehr hoben Stuhle fünde ! der Koffeeriich iſt gededt —
Er ſtehen darauf Leuchter mit Lichtern, Schäden und
Kannen —
Auf dem zweyten Felde zeigt fih ein angenehmer
Garten. Einige Kınder fpielen Blinde Kuh. Wäre ed
nicht beffer Blinder Mann oder Blinde: Sram zu fagen?
Das Spiel ift fehr angenehm. Die Augen find der Blin—
den-Frau verbunden ; und fie ift nicht aufrichtig wenn Ne
(eben kann, und es nicht fagt. Man muß ſogar im
Scherz aufrichtig feyn, wenn das Vergnügen deſſelben
dadurch befördert wird. Seht, wie diefe Blinde » Frau
geneckt und gesupft wird. Faßt fie iemanden, fo muß ver
ſich die Augen verbinden laſſen. In diefem Spiele wäre
es unrecht , wenn man dem, ber den Blinden vorſteilt,
einen Verdruß machen wollte. Merken kann man ihn, aber
feiner Perfon und Rleider muß man fe&bonen. Er
Fann ohne Dies leicht fallen. Weder im Scherze noch im
Ernſte muß man dem Blinden einen Anſtoß ſezen.
Wirm 3 Zeibf
866 Ein und vierzigſte Tafel.
Selbft aus diefem fcherzhaften Spiele kann man fehlieffen ,
wie viel Gutes einem Blinden fehle,
Das dritte Feld ftelt eine Gegend auf dem Lande vor.
ir ſehen ein halb Duzend Knaben. Ein ieder hat fein
eignes Spiel oder Vergnügen. Der eine läuft mit feinem
Drachen von Papier an einem Gaben. Der Wind, oder
die bewegte Luft hält denfelden in der Hehe, Der Schweif
macht durch feine Schwere, daß er nicht herumtaumelt,
fondern in derfelben fage erhalten wird, Mer einen fols
hen Drachen haben will, muß ihn felbft machen lernen,
Denn es it ein Vergnügen, ficb frin Spielzeug felbft
zu verfertigen. Wenigſtens muß ein Knabe jelbit Hand
anlegen, wenn er auch des Raths und der Hülfe anderer
bedarf. Wie eifrig peisfchet der eine Knabe feinen Aräufel,
daß er ſich immer herumdrehe und nicht umfalle. Er muß
dag eine Bein von fich ſtrecken, und das andere beugen,
fonft würde er mit der Peitfche nicht hinreichen. Der
Kleine da, der die Füße zu einmwärts ſezt, vergnugt fid an
einem Brummfräufel. Die obere Kugel ift hohl, und
hat ein och. Wer Fann nun errstben, warum er in
dem fehnellen Herumdrehen fo brumme? So lange er
fich bewegt, muß man in dag Loch nicht mit dem Finger
Sreifen, fonft kann man Schaden nehmen. Der Knabe
bat den hölzernen: Schlüffel und den Bindfaden in der Hand,
wodurch der Kräufel in eine ſolche Bewegung gefezt werden
kann, daß er fich beftändig dabep umdrehe. Die beyden,
die eine fehr gebogene Stellung haben, fpielen mit Schnell
Fugeln von Ihon ober Alabafier. Es fommt darauf an,
wer ing Loch treffe, oder die Kugel des andern hineinfteße,
oder fie wenigfteng berühre. Wie fliegt das Haar dem klei—
nen muntern Knaben, ber hinter dem Reifen berläuft, den
er mit dem Stocke treibt, daß er wie ein Rad umlaufen muß.
| Auf
Chrifti Liebe zu den Kleinen. 867
Auf dem vierdten Felde fieht man zwey Mädchen und
zwey Knaben Ball fpielen , und den Sederball ſchlagen,
in ciner Gartenſtube, welche hoch genug dazu ſeyn muß,
Zwey werfen fic den Ball zu, fo daß er immer aufgefangen
werde. Fährt er gegen den Fußboden, oder an die Wand,
fo prallt er zurüde. Denn duch den Anſtoß wird bie
Figur eingedrückt, und wenn das gefchehen iſt, ſo dehnt
fie ſich mit Deftigkeit wieder aus , welches nicht geſchehen
fann, als wenn der Körper zurücd prallt, ‘ Diefe Kraft,
mit welcher er feine Figur wieder zurück befomme , heißt
Schnellkraft oder Sederfraft:, ben darum, weil der
Ball diefe Kraft bat, kann man mancherley Spiel mit ihm
vornehmen, wenn man Ihr an die Wand oder auf den
Boden wirft. Man faun auch mit zweyen, dreyen over
mehrern Ballen fpielen, daß einer nad) dem andern in bie
Hand falle, und wieder in die Höhe geworfen werde, fo
- daß dennoch feiner an die Erde fomıme, Zwey fpielen Fe—
derball mit Raketen, deren Neze fehr gefpannt find und eine
Schnellfraft haben; daher ber leichte Federball durch einen
ſchwachen Schlag fo hoch fliegt. Man fann zwar auch allein
fpielen und den gefchlagenen Federball immer auffangen.
Es fönnen ſich aber auch zwey, drey und mehr Perfonen
zu diefem Spiel vereinigen, die fich den Federball zufchlagen,
daß er niemald an die Erde falle. Dieß Spiel ift eine
vortreflihe Uebung des Rörpers für Alte und Junge,
Vormals ergoͤzte man fi) oft damit, aber iest verderben
fi viele durch Stilfisen bey Karten und Würfeln,
bey dem Dambrste, und bey dem Schachfpiele die
Gefundbeit.
imma 27
868 Ein und vierzigfte Tafel.
— ——
5.
Das Zuckerrohr. Die Zuckerſiederey.
Zuckerrohr (A. a.) waͤchſt am haͤufigſten in Bra⸗
ſilien und den umliegenden Inſeln; man hat es aber auch
in großer Menge in Oſtindien, und auf einigen afrikaniſchen
Inſeln. Es iſt ein hohes Schilf, das aber ſehr ſaftreich
iſt. Jedoch hat man in Oſtindien eine Art davon, die wie
eine Baumflaude waͤchſt, und woran man natürlichen Zucker
findet, den die Sonne aus dem ausgeſchwizten Safte ſelbſt
auf der Rinde des Gewächfes gekocht hat. Diefe Staude
heißt Bambu oder Mambu.
Die Bereitung des Zucers ift nicht Fünftlich aber
muͤhſam. Man fehneidet die Kohrhalme, wenn fie zeitig
find; ab, reiniget fie von den Fleinen Blättern , legt fie
in Bündeln zufammen, und quetichet auf einer befondern
Zucfermüble (A. b.) den Saft aus. Diefen fammlet man
in einen großen fleinernen Krug oder Bottich, aus welchen
er durch Ninnen in die Zucferfiederey (B) geleitet wird,
roofelbft man ihn auch fogleich verſiedet, weil er fonft in
furzer Zeit gähret und verfauret. Waͤhrend dem Kochen
wird die Unreinigkeit abgefchäumet, und um dag Schäumen
zu befördern, thut man etwas Lauge hinzu. Man wies
derholt das Sieden einigemal , und wenn ber Saft bie
gehoͤrige Dichtigfeit erlangt hat, fezt man ihn in frifchen
Keffeln zum Ubfühlen hin. Wann er laulicht geworden,
gießt mun ihn in eigene Sormen , worinn er gerinnet,
und die noͤthige Förnigte falzartige Trockenheit erhält. Aus
diefen Formen kommen die fogenannten Zuckerbäte. Es
würde
Cheifti Liebe zu den Kleinen. 869
wuͤrde aber der Zucfer niemals trocken werden, wenn man
nicht dem Safte währendem Sieden Kalk zuſezte. Diefer
alfo bereitete Zuefer ift doch noch fehr ſchmierigt und unrein.
Deswegen wird er entweder in Amerika, oder in Europa
raffinirt oder geläutert. Daher rührt die Eintheilung in
rohen und raffinirten Zucker. Die vielen andern Namen,
womit man die verfchiedenen Sorten des Zuckers bezeichnet,
z. E. Lanarienzuder , Sarin « oder Thomaszucker,
Kochzucker, Meliszuckerze. find theils von den Drien
hergenonmen wo das Nohr wacht, theild von der Feine
oder dem linterfchiede der Sorten. Das Raffiniren bes
ſteht in der Auflöfung des Zucers in Kalkwaſſer, welchen
man mit Eyweiß oder Blut, unter befiändigen Sieden und
Umrühren fchäumen , und feine Unreinigfeiten noch mehr
von ſich ffoßen laffe. Den Zuckerkant macht man aug
dem beften gereinigten Zucker , den man im Wajfer ſiedet,
big er did wird. Diefen diefen warmen Saft thut man in
ein thoͤnernes Geſchirr, und läßt ihn am die darinn ges
bängten hölzernen Staͤbe oder Zwirnfaͤden Fandiren oder in
Kriftallen anſchießen. Syrup ift der flüfige oder fchmies
rigte oder fetfe Theil, welcher vom Zucker, wenn derfelbe
aus dem Zucferfafte gekocht oder geläutert wird, übrig
bleibt , und ſich duch Kochen zu Feiner mehrern und dich»
tern Konſiſtenz hat wollen bringen laffen. Er ift braun
oder ſchwarz. Der Kandisfyrup aber, oder weiße Syrup
ift dag dicke Ueberbleibfel bey Verfertigung des Zuckerfantg,
Mmms | 6,
870 Ein und vierzigſte Tafel.
6.
Der Konditor oder Zuckerbaͤcker.
Der Docken- oder Puppenmacher.
9. Zucker kann allerley angenehmes und zierliches Ges
backenes und Konfekt zugerichtet, und in demfelben Früchte,
Wurzeln und dergl. eingemacht werden. Dich alles ges
ſchieht durch den BRonditor oder Zuckerbäder (a),
Seine Beſchaͤftigung theilet fh in die Stadt- und Hofarbeit
ad, Unter der Hofarbeit find alle Verzierungen der Tafel
begriffen, vornehmlich beym Defert, und bie Tragant:
arbeit, die mit Poußiren und Modelliren der Bildhauer
viele Verwandtfchaft bat. Zur Stadtarbeit gehöret;
1) die fogenannte feine franzöfiibe Baͤckerey, die fich
über alles, was aus Zucker, mit einigen Zufäzen gebacken
wird erfirecfet, dahin z. E. Mandelſpaͤne, Mandelſchalen,
Zimmetberge, Zitronen » und Pomeranzen-Schalen, Mas
karonen und alles andere Ronfekt oder Ronfituren gehören;
2) die fogenannte Schwengfeffel- Arbeit, oder die Kunſt /
gewiſſe Früchte, 4 E. Mandeln , Piltaeien, Koriander,
Kubeben, Zimmetſtangen mit weiffen Zucker zu überziehen;
3) die gebrannte Arbeit oder Grillade, womit es beys
nahe eben die Bewandtnig als mit der Schwengfeffel «
Arbeit hat; zu welcher Arbeit die gebrannten Mandeln,
Drangeblüthe und alle Arten von Samenförnern , als:
Kümmel, Anis und dergl. gehören; 4) die Fandirte
Arbeit, wenn durch die Wärme der Zucker gensihiget wird ;
in Körnern und Stoͤcken anzufhießen. Zu biefer Arbeit
gehören : Dragees, Früchte von allerley Art, lombardifche
Nußferne,
Chriſti Liche zu den Kleinen. 871
Nußferne , von Aepfeln verfertigte Züge, Feilchenblumen,
und dergl, 5) Die Zuckerpuppen » Arbeit , welche aus
geläutertem, und ſtark zur Probe gefochten Zucker verfertis
get, in Formen gegoffen, und mit Farben ausgemahlt
werden ; 6) die eingemacdhte Arbeit, oder die naffen
Konfituren, wenn nehmlich allerley Früchte, in geläuterten
und einigemal aufgefochten Zucker erhalten werden; 7)
die gefrorne Arbeit. Sie entfteht aus Obſtſaͤften, die im
Eife gefrieren, Die verfüßten Säfte werden in eine Biss
büchfe gebracht, die mit einem Deckel verfehen iſt, und
in einem mit Eife angefüllten Seffel gefezt werden. Die
Kälte des Eifes wird durch zugemiſchtes Salz verftärkt,
Aufferdem braucht der Zucferbäcer zu feinen Arbeiten; den
Moͤrſer, ‚eine eiferne Nöhre, die einem Bratofen gleicher,
eiferne Platten, Keffeln, dag Tablirholz, Loͤffeln, einen
Mindofen, allerley Formen, Schränfe und dergl, Hieher
gehöret auch noch die Auchenbederey , auf welche fich
auch die Köche und Koͤchinnen, und iedeg mohlerzogene
Srauenzimmer verftehen, nehmlich die Kunft alle Arten
von Kuchen und Torten, Biscuit und dergl. zu vers
fertigen. .
Duppenwerf , Dockenwerk oder Spielfacben,
nennt man überhaupt ales Epielwerf, woran die Kinder
ihre Luft und Freude haben, und womit fie fich die Zeit
zu verfreiben pflegen. Die Materie, woraus dieſe Spiel.
und Docken-Waaren beftehen, ift entweder Eilber, und
dann werden fie von dem Gold , oder Silber „ Arbeiter
verfertiget ; oder Zinn und Bley, Kupfer, Eifen oder
Stein; oder fie ift auch Holz, diefe werden von den ges
meinen Bildfchnizern und Drechglern gemacht; oder Alabafter
und Marmor, und dann find fie eine Arbeit der Alabafterer,
Andere werden von Wachs poußiret, mie auch aus
Kraft.
872 Ein und bierzigfte Tafel
Kraftmehl oder gegoßnem Zucker formiret, welches von den
Zuckerbaͤckern geſchieht, die -allerley Figuren und Thiere,
der Natur gemäß, zu verfertigen und abzubilden wiffen,
auch diefelben öfters mit Felle, oder mit Federn auszupuzen
pflegen. Derienigen Docken zu gefchweigen , die nad)
icder Fandesart , mit allerhand Zeugen, mit Sammet,
Seibde und Wolle bekleidet, ia gar nach den neueften Mo-
den des Frauenzimmers augftaffıret, hier und dba zum Mos
dell verfchickt werden ; tie aud) der foflbaren und Fünftlis
chen Docken , die oft durch ein werfiefteg Uhrwerk, allerley
Bewegungen machen. Man macht auch allerhand Docens
und Puppenwerf von Pappenzeuge , welches von auffen
bemahlet , und mit einem Firniße beftrichen wird. Ja es
iſt Faft Fein Handmwerf, das nit von den Sachen, die es
groß zu machen gewohnt it, oͤfters, im Kleinen, Modelle
und Puppenwerke verfertiget. Daher findet man zumeilen
ganze Puppenbäuffer, mo alles, was bey einer Haus,
haltung theils zur Pracht und zZierde , theils zur Nothmwen-
digkeit dienlich ift, ganz zart und fauber im Modell nach»
gemacht, und iedes Siüc an feinen Drt in den Gemächern,
Zimmern und dahin gehsrigen Schränfen und Behaͤltniſſen
auf dag gefchicktefte eingetheilt und angebracht if. Wegen
Verfertigung folher und anderer faft unzehliger , artiger,
fünftliher , und zum Theil wohlerfundener Spiel » und
Puppen » Sachen find vor allen andern die Parifer , bie
Nürnberger und Augfpurger fehr berühmt, melche auch faft
die ganze Welt damit verforgen.
Man fann aus folckem , der jugend vorgelegtem,
Buppen » und Spielwerk öfters ihr Gemüth kennen lernen,
und aus ihrer Wahl beurtheilen, wozu fie geneigt find,
ob fie weibifche , Eindifche oder ernfthafte, ihrem Stande
anfländige Dinge lieben ; wie fie fid) damit aufführen und
da
Chrifti Liebe zu den Kleinen. 873
fie verwahren, ob fie diefelben recht anzumenden und zu
gebrauchen wiſſen — ob dem kleinen Frauenzimmer die
Puppenkuͤchen angenehm, und ob fie Liebe zur Fünftigen
Haushaltung daben blicken laffen ; ob fie fchon die Haus.
gefchäfte aus Begierde nachzuahmen fuchen, und fich das
durch zu allerley Guten anführen lafien. Eine Fluge Mut.
ter kann die Begierde ihrer Kinder, mit Puppen zu fpielen,
fehr gut nüzen, ihnen eine Menge beutlicher Begriffe von
ben Sachen beyzubringen, womit fie künftig umgehen follen.
Dergleichen Puppenwerk und Spielfachen pflegen die Kinder
insgemein zur heil. Chriſt-Beſcherung, Marting + Zeit, zu
Namens » oder Geburts „ Tagen als ein Gefchenf zu bes
fommen.
N m IT
T
Kinder müffen folgen, fonft werden fie
unglücklich,
&. alter Löwe, welcher nicht mehr fort konnte, und von
einem iungen Löwen ımterhalten werben mußte, gab dem.
felben die Lehre, daß er niemals mit einem Menfchen fech.
ten follte, teil diefer flärfer alg alle Thiere wäre. Der
iunge Löwe empfand feine Stärfe, verachtete feines Vaters
Lehre, und gieng aus, um doch einen Menfchen zu feben,
Er fand zuerft zwey Ochſen bey einander, welche über ein
Joch zufammen gebunden waren. Der Löwe fragte fie,
ſeyd ihr Menihen? Dein, fprachen fie , fondern ein
Menſch bat uns zufanımen gebunden. Er gieng weiter ’
und fand-einen muntern wohl befihlagenen Hengft , welcher
einen Sattel auf dem Rücken und einen Baum im Maule
hatte,
874 Ein und viersigfte Tafel.
hatte, und an einen Baunı gebunden war, Auch zu dieſem
fprach der Löwe : bift du ein Menfh? Nein, antiwortete
er, ein Menjch hat mich gebunden. Er fam weiter, und
fand einen Bauern vor einem Walde Holz hauen. Diefen
fragte er: Dift du ein Menih? Ja, antwortete der
Bauer : Wolan denn, fo rüfte dich, erwiederte der Loͤwe,
wir wollen mit einander Fämpfen. Der Bauer fprach zu
ihm : Guter Gefelle ! hilf mie zuvor das Holz zerfpalten,
fo will ich dir deinen Willen darnach erfüllen. Der Bauer
fhlug mit der Art in den Baum und machte eine Spalte,
und lehrete den Löwen, mie er mit feinen Klauen den Baum
von einander reiffen follte, Nachdem der Löwe die Klauen
in die Spalte gefteckt hatte , zog der Bauer feine Art bers
aus, und der. Baum begab fich wieder zufanimen, wodurch
der Löwe gefangen ward, Als fic) diefer in der Todesges
fahr erblicfte, und den Bauer nach Hülfe eilen fahe, zog er
die Süffe mit Gewalt heraus, fo daß bie Klauen in dem
Holze ftecken blieben, entlief dem Bauer mit großer Marter,
zeigte feinem Vater bie blutigen Füffe und fagte : Water !
hätte ich deinem Nathe gefolget, fo wäre es mir nicht alfo
ergangen — ich have mit Schaden erfahren, daß es wahe
ift, was du gefagt haft.
RR LTD
8
Etwas überhaupt aus der Lehre won den
mythologifchen Sietionen und
Verwandlungen.
Au⸗ Voͤlker hatten zu allen Zeiten einen großen Hang zum
Wunderbaren. Nach demſelben war es ihnen denn auch
ganz
Chriſti Liebe zu den Kleinen. 875
gung natürlich, lieb und auffallend, wenn fie allerley wun—
derbare Verwandlungen der Menfchen und TIhiere oder an:
derer Gefchspfe glauben durften. War bier eine Duelle
entftanden , zeigte fi) ein Stein von befonderer Form,
ließ ein vorher unbekanntes Thier fich fehen, fo waren dieß,
nach der Meinung der Leichtgläubigen, Menfchen, die fo
fehr geweint hatten, fo frozig und übermüthig, fo wild und
graufam geweſen waren, daß fie von den Göttern in folche
Geftalten vertwandelt wurden. An dergleihen Hiftörchen
hatte ingbefondere der einfältige Theil der alten Griechen
und Römer ein großes Wohlgefallen; und man findet unter
ihren mythologiſchen Fictionen eine Menge dergleichen
Verwandlungen , von denen insbefondere Ovid ein gan⸗
ges Buch gefchrieben hat. Man kann wohl viele derfelben
alg lehrreiche Allegorien anfehen , aber im Grunde find
fie doch nichts anders , als Volfsglaube ber alten Gries
chen und Roͤmer.
Der Fabeln, welche diefe Märchen von Verwand⸗
lungen enthalten , find ungehlich viele, Man kann fie
zufammenhängend lehren, oder auch auf folgende, gleichſam
fpielende und zur Wiederholung bequeme Weife, leicht faß
fen ; Da nebmlih in allen Reichen der Natur, unter
den vierfüßigen Thieren ;, Vögeln, Snfecten , Bäumen;
Blumen, Bergen und Slüffen viele Gegenftände vorkommen,
die fich durch dergleichen mythologiſche Fictionen berühmt
machten , fo Elafjificire man biefelbe kuͤrzlich alfo;
i. Verwandlungen in vierfüßige Thiere, In
Löwen wurden Atalanta und Hipomenes verwandelt;
-weil fie den. Tempel der Cybele entheiligten , nach welcher
Verwandlung fie den Wagen diefer Goͤttin ziehen mußten —
In einen Stier Achelaus , da er mis dem Herfuled
ſtritte —
376 Ein und vierzisfte Tafel.
firitte — In eine Kuh die Fo, melde Jupiter zu
nerführen fürchte — In einen Hirſch Akteon, weil er
fich gelüften ließ, die Göttin Diana im Bade zu belaufchen —
Sin eine Barin die Kaliffo , weil fih Zupiter mit ihr
auf eine unerlaubte Weife bekannt machte — In einen
wolf, £yfaon , weil er fih mit Menfchenopfern vers
fündigte — —
2. Derwandlungen in Vögel. In einen Adler
wurde Dädalion verwandelt, da er fich aus Betrübniß über,
den Tod feiner Tochter von Parnaffe herabfiürztee — In
einen Storch Antigone, weil fie fich wegen ihres ſchoͤnen
langen Haares der uno gleich fchäztee — Sn einen
Schwan Cygnus, da er fih aus Verdruß in einen
See flürzte — In ein Rebhun Perdir, nachdem ihm
fein Lehrmeifter Dadalus von dem Schloße zu Athen herab«
ſtuͤrzte — In Elftern , die neun Töchter des Könige
Hierug, nachdem fie aus Stolz den neun Mufen gleich
gehalten feyn wollten — Sin eine Nachteule die Nyftis
mene, weil fie fi an ihrem Vater verfündigte — In eine
Nachtigall Philomele, welche das graufame Verfah—
ren ihres Gemahls gegen fie, nachdem er ihr die Zunge
ausfchnitte, in ein Tuch webte, und daßelbe ihrer Schwes
fer der Profne zuſchickte — und Profne wurde deswegen,
weil fie diefe Geſchichte allenthalben ausbreitete, in eine
Schwalbe verwandelt — In Kispögel, Ceyr und
Alcyone, welche fih im Leben liebten, aber durch einen
Schiffbruch von einander getrennet wurden — — |
3. Verwandlungen in andere Thiere. In
Schlangen murden Kadmus und Nermione , ober
Harmonia verwandelt, nachdem fie lange in der Welt
herum irrten — In eine Kidere, Abas oder Stellio,
ba
Chrifti Liebe zu den Kleinen. 877
da er der Göttin Ceres fpottete — Sin Froͤſche iene
Bauern, welche die Latona auf ihrer Flucht nicht aus eis
nem See wollten trinfen lafen — In eine Spinne
die Arachne, nachdem fie aus Stolz ihre Lehrmeifterinn im
Wirken, die Göttin Palas, übertreffen wollte,
4. Verwandlungen in Bäume und Blumen,
Sn eine Eiche und Kinde wurden in ihrem Alter Philemon
und Baueis verwandelt , nachden fie vom Jupiter, ber
fie einft befüchte, ihrer Gefäkigfeit und Eintracht wegen
gefegnet wurden — In einen Korbeerbaum Daphne,
indem fie vom Apollo verfolgt wurde — in einen Cys
preſſenbaum Cypariſſus, da er fi) aus Verdruß über
einen geliebten zahmen Hirſchen, ben er unverfeheng ers
ſchoß, das Leben nehmen wollte — Sin ein Schilf
Spring, weil fie der garflige Pan an allen Drten verfolgte —
Sn eine Hyacinthe Hiacynthus , nachdem er durch
eine Wurficyeibe getödfet wurde — Sn. eine Nareiſſe
Narciſſus, nachdem er feine Schönheit in einem Bache
erblickte, und darüber fehr fEol; wurde — In eine Ane—⸗
mone Adonis, nachdem ihn auf der Sagd ein wildes
Schmweint ddtee — In eine Sonnenblume, Cipthie,
nachdem fie etliche Tage unverrückt nach dem Himmel und
der Sonne fahe — in eine Weihrauchſtaude die feufge
thee, als fie ihr Vater lebendig begraben lief — —
5. VDerwandlungen in andere Gegenftände der
Natur, 3. E. in einen Berg Atlas, der Anführer
iener Niefen, die den Himmel beftüenten. Er mußte
dafür zur Strafe, ale der größte Berg, den ganzen
Himmel tragen — Sin einen Sels die Scylla, meil fie den
Glaukus liebte , welchen die Zauberin Circe heirathen woll⸗
te — An eine Duelle Arethuſa, nachdem fie von dem
Rn Alpheng
878 Ein und vierziofte Tafel,
Alpheus verfolgt wurde — In einen Fluß Acheron, weil
er das Tageslicht nicht vertragen konnte, und deswegen
binab in die Hölle flieg — In einen Wieerfirudel Cha.
rybdis, wegen ihrer aufferordentliden Gefraͤßigkeit u. ſ. m.
u —⏑—⏑ ——
9.
Geſpraͤch eines frommen Vaters mit feinem
Kinde,
En frommer Vater hielt es fuͤr ſeine Pflicht, bey ſeinem Kin⸗
de den erſten Grund zur wahren Gottesfurcht ſelbſt zu legen.
Er nahm in diefer Abficht ieden Augenblick zu Hülfe, der ihm
von den Gefchäften, und von den nöthigen Erholungen
übrig blieb, um den Geift feines Kindes aufzullären, und
daßelbe zu einem mwohlgefitteten und tugendhaften Ehriften
zu bilden.
Es liegt mir nichts ſo fehr am Herzen, ſprach er einft,
als daß du ein glücklicher Dienfch werden mögefl. Aber
ohne Religion, mein Kind, ift niemand wahrhaftig glüclich.
Kenn er auch noch fo viele Güter befäffe, oder von einem
noch fo hohen Stand in der Welt wäre;. fo ift er doch nie
gang ruhig im Herzen, und noch weniger getroft im Tode,
ohne Religion. Rind. Was ift denn nun das, Religion?
Vater. Das ıft die Arc umd Weile, wie wir Menfchen
Gott dienen. Du meift doch, daß ein Gott fey. R. Sa,
ic) habe es fchon oft gehört. Aber wer ift denn der Gott,
den wir dienen folen? V. Davon wirft du zwar noch
nicht alleg, was uns Menfchen zu erkennen nöthig iſt,
aber doch fo viel lernen und begreifen Eönnen , daß du
dadurch
Ehrifti Liebe zu den Kleinen. 879
dadurch. fromm und fugendhaft werdeſt. Was mennft dus
denn wohl; iſt diefes Haus, oder diefer Tiſch von fich
felbft entfianden? R. Nein ! Diefe Dinge find von ie—
mand gemacht worden. V. Wo fommen denn die Bäume
auf dem Felde, die Früchte, dag Gras und das Getraide
ber? R. Aus der Erde. V. Und diefe ganze Erde, die
nichts Lebendiges ift, muß diefe nicht auch von jemand ges
macht feyn? BR. Ohne Zweifel. V. Du haft recht,
mein Kind ! denn wie Finnte eine Cache, die Fein Leber
bat, fich felbfi heroorbringen. Aber fo muß fie doch ies
mand gemacht haben? K. Ja wohl. V. Und diefen,
der die Erde, und alles, was du font am Himmel fichft,
hervorgebracht hat, diefen nennen wir Gott, unfern lieber
Schöpfer und Verforger. Haft bu nicht auch fchon viel
Gutes auf Erden genoffen ? BR. Ja recht viel Gutes an
Speife und Trank... V. Bon wenn haft du nun bieß alles
empfangen? BR. Bon Gott, der bie Erde, und was
drinnen iſt, gefchaffen hat. V. Liebſt bu denn deine El«
tern nicht, oder die, welche dir Gutes thun? R. Ja,
ich liebe fie. O®. D mein Kind ! Wie folltefi du Gott
nicht zärtlich lieb haben , der dir fo viele Wohlthaten erzeigt,
dir manchen frölichen Tag, viele gute Speifen und Getränfe
- gegeben hat ? Komm, laß uns ihn anbeten : Gütiger
Gott ! ich danfe dir, daß du mir fo reichlich Eſſen
und Trinken und fo viele fröliche Tage geichentt Haft.
ch will gerne tbun, was dir gefällt. Mache du nur
felbft mich fromm, und dir recht zu danken gefchiskt!
üB
Rnnz Zwey
330
ERRTEN a —
Zwey und vierzigfte Tafel,
I.
Die Sleichnige: vom Saamen, vom Warzen
und Unfraut,
1: feine Lehren allen Menfchen recht faßlich und anges
nehm zu machen und vorzutragen , prebigte Jeſus die
wichtigsten Wahrheiten durch Gleichniße — das iſt, er
erzehlte feinen Züngern und Zuhoͤrern alerley lehrreiche
Geigichten , auch Fabeln und felbft erfundene Parabeln,
daß fie aus denfelben mit leichter Mühe felbft die nöthigften
Lehren ziehen Fonnten.
Dom Worte Gottes, und deffen theils guter, theils
fhlechter Anmendung , gab er unter andern folgendes
Gleihnig : Kin Scemann beiaete feinen Ader (a).
Ein Theil des Saamens fiel auf den Weg, und die Vögel
frafjen denfelben. Ein anderer fiel auf fieinigten Boden;
diefer gieng wohl aljobald auf, aber weil nicht viel gute
Erde da war, fo Eonnte es nicht recht einwurzeln; und
als die Sonne auf dag ſchwache Hälmchen ſchien, ward eg
bald welk und verdorrete. Auch fiel etwas von dem Saamen
unier Dornhecken und Unkraut, und weil das Unkraut und
die Dornhecken mit oufwuchfen,, erſtickten fie den Saamen,
daß er Feine Frucht gab. Ein anderer Theil aber fiel auf gut
Land, umd gab fo viel Frucht, daß die einen Koͤrner ſich
drepßig, andere fechzig, andere gar hundertfaͤltig vermehrten.
Allein
Die Steichnige vom Saamen, vom Waisenze. 88?
Allein die Juͤnger fonnten nicht gleich felbft die Lehre
aus dieſer Erzehlung ziehen; fie fragten Jefum, was eg
bedeute, und berfelbe erklärte eg ihnen alfo: Der Saamer,
von dem ich rede, iſt der Unterricht, den ich den Menſchen
gebe. Der betretne Weg, worauf ein Theil des Saas
mens fällt, fellc die vor , melde die guten Lehren un
Ermahnungen der Prediger, der Eltern und der Lehrer
anhören , aber gar nicht davon gerührt werden, und dens
felben gar nicht foigen. Da nimmt die erfte Verführung,
das erfte böfe Exempel, der erfte böfe Gedanfe dieß Gute
fogleich wieder weg. Das feinichte Erdreich, auf welches
ein andrer Theil des Saamens fallt, bedeutet diejenigen,
die meine Lehren hören, und fie obenhin annehmen, aber
fie feine tiefe Wurzel bey fich faſſen laffen; fie find gar zw
ſchwach und unbefländig — infonderheit, wenn fie beym
Bekentniße oder bey der Ausübung dieſer Lehren etmag
Unangenehmes ausfiehen muͤſſen, fo iſt alfobald der gute
Vorſaz hin. Der Saamen, der unter die Dornen fällt,
und von bdenfelben erſtickt wird, ift ein Bild derienigen,
denen meine Lehren wohlgefallen, und die recht tugendhaft
werden könnten, wenn nur die Fiebe zum Geld und zu aller
len Koftbarfeiten, oder die eiteln und ausgelaſſenen Luſtbar—
feiten — oder auch die plagenden Sorgen nicht alles bey
ihren verhinderten. Der Saamen endlich, der in den guten
Boden fällt, zeiget die an, bie ein gutes folgfames Herz
haben, und alle guten Kehren, Ermahnungen und Beftras
fungen ihrer Fehler, mit Liebe und Dank annehmen , oft
daran denfen , und fich immer mehr befireben, gute und
gottgefällige Menfchen zu werden.
Auch Folgende Erzehlung und Lehre des Heilandes gab
feinen Jüngern zu vielem Nachdenken Anlaße: Ein Haus,
vater ließ feinen Acker mit dem beften Weisen beſaͤen.
Fun 3 Dieß.
882 Zwey und vierzigfie Tafel.
Dieß merkte fein Feind. In einer Nacht, da ber Hefiser deg
Ackers mit feinen Leuten ruhig ſchlief, geht er ihm auf den
Acker, fäet Unkraut unter den Waizen, und macht fich da-
von (b). Sezt kommt der Waizen zum Vorfchein, aber zu
gleicher Zeit auch dag Unfrauf. Die Knechte fehen eg, und
fagen es ihrem Heren. Haft du ung, fragen fie, etwa
nicht guten Saamen gegeben? Oder wie kommt eg, daß
Unkraut hervorfommt? Der Herr jagte ihnen, e8 habe am
Saamen nicht gefehlt; ein feindfeligeer Menfch müffe das
gethan haben. Jezt riethen ihm bie Knechte, den Acker
fiusern, und das Unkraut, che es aufwüchfe, ausieten
zu laffen (Ce). Nein, ſprach der Herr, es iſt zu dichte mit
den Waizen vermifcht, ale daß ihr eg iezt, ohne dem Waizen
zu fchaden, ausjeten koͤnntet. Laffet beyde vollends big zur
Erndte neben einander aufwachten. Wenn ich dann die
Echnitter auf diefen Acker ſchicke, fo will ich fie heiffen,
erfi daß Unkraut beyfeits thun und zufemmen binden — bag
iſt zum Doͤrren und Einheizen gut — den Waizen aber müffen
fie mir forgfältig auf die Tenne bringen, und auffchätten,
Die Fünger fragten, was dieſe Erzehlung zu bedeuten
haͤtte; und Jeſus erklärte fie ihnen : Der Kandmenn,
fprach er, der feinen Acer mit gutem Saamen befäste,
bin ich. Der Acker bedeutet die Well. Der Saamen find
die Menfhen, Der gute Saamen find bie, die fich zu
meinem Reiche ſchicken, weil fie gut und rechtichaffen finv.
Das Unkraut find die, welche der Satan zu Werkzeugen
braucht, Boͤſes in der Welt zu flifien. Wie der Hausvater
guten Samen ausftreut, fo find auch die, Die ich in mein
Keich oder unter meine Junger aufnehme, auf. Aber es
wird der Macht der Bosheit gelingen, viel Boͤſes einzufüh-
ven. Wie num berfelbe Herr nicht rathſam fand , dag
Unkraut alfobald auszureuten, fo werde auch ich nicht gleich
\ die
Die Hleichniße vom Saamen, vom Waizenꝛc. 883
bie böfen Menfchen von den Guten abfondern. Sch laſſe
fie noch unter einander leben. Die Guten müßten oft mit
barımter leiden, wenn bie Boͤſen allemal mit Gewalt weg»
genommen würden. An der großen Erndte aber werde id)
meine Diener und Boten herumfenden, die denn mit einmal
alle Verführer und Lafterhafte von den Nechtfchaffenen abs
fondern werden. Jene werden dann als Unfraut ing Feuer
geworfen, mo fie die größte Dual leivenimüffen. Aber die,
welche Gutes lehren und Gutes thun, merden leuchten wie
Sonnen in bem Reiche ihres und meines Vaters —
Trost des Richters nur , ihr Frechen !
Enblih firaft er doch Verbrechen —
Sein wird er die Seinen nennen ;
Boͤſe von den Guten trennen —
Wird das Lafter laut verſchmaͤhn,
Und zum Necht, zur Tugend fichn.
2,
Schlechte Andacht beym öffentlichen
Gottesdienſte.
©, fchändlich verfennen und verfhwenden viele, in ber
Öffentlihen Gemeine, die ſchoͤnſten Stunden ihres Lebens —
die golduen Stunden der Effentlichen Belehrung und Ermuns
terung — Nur wenige merken auf den Vortrag des, durch
den Glanz der göttlihen Wahrheiten gerührten, Redners.
Er giebt fich ale Mühe diefelben in ihrem Lichte den lichtbe—
duͤrftigen Geiffesfräften feiner Zuhoͤrer vorzuhalten — er
bittet — er warnt — er troͤſtet — er mahlt das Blick der
| Nun 4 Tugend
834 Zwey und vierzigfte Tafel.
Tugend und bes ewigen Lebens mit Farben aus dem dritten
Himmel ab — und doch — nur wenige ſinds, die ihn faſſen,
ihn lieben, ihm Beyfall geben.
Hier fcheinen wohl einige aufzumerfen — fie thun es
aber nur darum, die Nedefunft, die Einfleidung und Wahl
der Materien, die Stimme, die Öeberden und den ganzen
Karakter deg Redners zu beurtheilen — mit andern zu ver-
gleihen — ihn entweder enthufiaftifch zu loben, oder tadelnd
zu nermerfen. Dort — viele, denen diefer Vortrag gar nichtg
anzugehen fcheint — Sie fchlafen fo fanft, fo ruhig als
in der Mitternacht » Stunde — ie unterreben fich mit
andern über neue Begebenheiten — ftatt ihres Herzens ſcheint
ein Zeitungsblatt in ihrer Bruft zu liegen — Sie ſehen ſich
allenthalben un, nad) Befannten, nach dem Puze und dem
Detragen anderer — gerade als wenn fie von den Kirchen:
vorftehern zu Auffehern in den Verfammlungen beftellt waͤ—
sen — Die ganze Stellung und Lege anderer verräth ihre
Gfeichgültigfeit gegen alles, was num geprediget wird, und
die Nuhe ihres eingefchläferten Gewiſſens. Hier — bes
Phariſaͤers Schwefter — Mit heuchlerifchen Haͤndeaufheben
und Augenverdrehen, hebt fie fi) aug den vier übrigen auf-
der zweyten Bank fo andähtelnd Heraus, daß man ihre
anfieht, fie will als bie andächtigfie in der Verfammlung
weit über den Lehrer — ia über die Sterne erhaben
werben,“ Dort, an ber Säule — ein erfigebohrner Sohn
der Zerfireuung — dent Leibe nad) ſteht und lehnt er da,
aber feine Seele ift im Planbuche — Er entwirft fich bie
Heihe feiner Gefchäfte auf alle Fommenden Mochentage —
er wehlt, verwirft, befchlicht, ordnet — eben als wenn dieß
bie dazu beftimmte, bequemfte Stunde wäre, Er fegnet fich
mit der Selbfiberuhigung ; dem Gottesdienſte dennoch beys
gewohnt zu haben, wenn gleich fein Derz bald vor feinem
Pulte,
Die Sleichniße vom Saamen, vom Waizenec. 885
Multe, bald beym Golde — in der Küche — im Keller — auf
dem Felde — am Spieltifche war —
Weg mit ſolchen die Menfchheit entehrendben Bildern —
und hin zu den Guten — dem Pfade der Vernünftigen, der
Frommen nad — die gerne hören, und leınen —
und felig find!
———
3.
Die ſchwebenden Garten zu Babilon.
N im Sabre der Welt 1950, regierte in der herr,
lihen Stadt Babilon bie prachtliebende Koͤniginn Semira:
mis, welche fich überhaupt durch die Verſchoͤnerung diefer
Reſidenzſtadt der affyrifchen Könige, insbefondere aber durch
die auſſerordentlich feltfamen fhwebenden Gärten berühmt
machte, welche mit unter bie ſieben Wunderwerfe der Welt
gezehlet wurden.
E8 waren aber biefelben auf einer 22 Schuhe dicken
Mauer angeleat, deren Zange, als eines richtigen Vier .
eckes, auf ieder Geite 400 Schuhe betrug. Eigentlich
machten fie vier Gärten aus, melde fid) in eben fo vielan
ber Höhe immer machfenden Terrafien erhuben, darunter
die oberfte der Höhe ber Stadtmauer gleich Fam. Man
fonnte von einer zu der andern auf fehr bequemen Stufen
gelangen. Dag innere Gebäude ruhete auf ffarfen von dicken
Pfeilern unterftüten Gewoͤlben, deren eines über dem ans
dern aufgeführet war, nachdem nehmlich biefe Erderhoͤhun—
gen fliegen. In denfelben waren prächtige Zimmer ange⸗
bracht, worinnen man einen kuͤhlen, und wegen der freyen
Nnns Aus
886 Zwey und viersigfte Tafel.
Ausficht über die Stadt, ergoͤzenden Aufenthalt fand. Da
aber eine icde Terraffe Blumen , Geſtraͤuche und Bäume
beherbergen follte; fo mußten fie ale mit Erde beſchuͤttet
erden. Zu dem Ende wurden die Gewoͤlbe erſtlich mit
flachen Steinen beleget ; auf diefe folgte eine Lage von
Schilfrohr mit Harz wohl vermenget, ferner eine doppelte
Reihe von Gips gemauerter Backfteine und endlich bedeckten
dieß allesı vicfe bleyerne Platten. Auf dieſe Grundlage
wurde die Erde fo häufig geſchuͤttet, daß in derfelden Bäume
vor zo Schuhen in der Höhe, ihre Nahrung finden konn—
ten. Zu deren Wäfferung, wie auch zus Unterhaltung vieler
Springbrunnen, war auf der oberfien Terraffe ein Waffers
yehAliiß, wohin das Waſſer aus den Eupheat durch Bump-
werf getrieben, und von dannen weiter von einem Garten
zum andern geführer wurde.
Eben fo berühmt waren auch die Mauern zu Babi—
Ion, melde 200 Schuhe hoch und 50 Schuhe breit waren;
alſo, daß etliche Wägen neben einander, auf denfelben,
um die in Duadrate prächfig erbauete, und mit 100 Thoren
versehene Stadt, herumfahren Fonnten.
ee a un, ARZT
4.
Wahre Andacht beym oͤffentlichen
Gottesdienſte.
Mn fiegt bier eine Gemeine, in dem enffernfen Alethi—
nien, die Pflichten des Öffentlihen Gottesdienftes auf
eine vernünftige, fruchtbare Weife ausüben. Diefer Vers
fanmlungs» Saal ift an iedem Tage einige Stimden offen,
unter der Aufficht eines Kuͤſters, welcher einen Kleinen
Vorrath
Die Sleihniße vom Saamen, vom Waizenꝛc. 887
Vorrath von Büchern hat, wovon er das eine oder andere
auf Verlangen zum Gebrauch giebt. Es Eommen nehmlic)
täglich Einige, welche diefen von ihren Geſchaͤften entferns
ten Drt der Stille erwehlen, um ihr Leben und ihre Vorſaͤze
zu prüfen, ober zu beten, und beydes durch Leſung einiger
Buͤcher zu befördern. An gewiffen Feftragen aber find dir
fentlihe Verfammfungen, melde nicht über eine Stunde
dauern. Denn bie Mitglieder der Gemeine find von Jugend
auf in der Sittenlehre und Neligion fo gut unterrichtet,
dag in den VBerfammlungen der Erwachfenen Fein weitläuftiger
Unterricht , und Feine flundenlange Predigten noͤthig ſind.
Wenn die Gemeine verfammler ift, fo fagt ber Lehrer:
„eilig ift unfer Gott ! — Yeilig ift unfer Gott! —
Heilig ift unfer Gott ! — Bey ieder Wiederholung diefer
orte von der Gemeine, muficirt dag Chor der Sänger
oder der Mufifanten dem Inhalte derfelben gemäß. Als—
dann antworten einige Ausgefsnderte im Namen der ganzen
Gemeine: Wir wollen vor Gott wandeln, Gutes
tbun, auch unfern Seinden. Diefes wird dreymal mit
Zwifchenmufif wiederholt. Alsdann liest der Kehrer etwas
vor, bald aus dem heiligen Archive, bald aus dem Lehrbuche
ber Gemeine. Zwifhen den Abfäzen werden einige dazu bes
ſtimmte öffentliche Gebete mit einigen abgefungenen Strophen
eines Befanges angefangen und geendiger. Ihr feht aber in
der gezeichneten Verfammlung, dag während des Gebetes
Einige ſizen, Einige fiehen, und Einige fnien. Diefer Frey»
heit bediente fi) anfangs die Gemeine. Man erzehlt aber,
daß fie hernach eine Gleichförmigfeit der Stellung eingeführt
habe, bey gemiffen Handlungen zu flehen, bey einigen zu
fnien, und bey andern zu fisen. Denn, wenn in Efentlichen
Verfammlungen das Verhalten nicht gleichfsemig iſt, fo
Fönnen Einige die Aufmerffamfeit auf fich ziehen und den
Zweck
828 Zwey und vierzigfte Tafel.
Zweck der Andacht verhindern. Der Gottegdienft wird be.
ſchloßen, wie er angefangen war. Die Werte aber haben
folgende Bedeutung : Wendelt vor Gott, das ift, bebenft
in allen euren Handlungen, daß fie nur dann gut find und
Wonne ſchaffen, wenn fie mit Gottes Gefezen übereinftims
men — daß er allwiffend iſt, und richtet — Thut wohl,
auch Seinden, d. i. ſeyd auf eine gemeinnüzige Art dienfts
fertig duch Rath, durch Hülfe und durch Freygebigfeit ges
gen dieienigen, die es bedärfen und euch vorzuͤglich Gelegen«
heit dazu geben. Schlieffet eure Beleidiger oder Feinde
sicht aus, fondern vergelter zum gemeinfchaftlichen Beſten,
e
Boͤſes mit Gutem! —
zT —— GN
5.
Die Saamenkoͤrner. Die inwendigen
Theile der Pflanzen. Die Blaͤtter.
M an kann aus der Betrachtung einer Erbſe, oder Bohne,
oder eines Melonen Kürbs » oder Citrullen-Kerns (20),
fish einen Begriff von allen Saamentörnern machen (A).
Es ift überall einerley Strufiur, mit weniger Veraͤnderung.
Nenn man bie däuffere Haut von einer Bohne oder einen
andern Saanıforn abgefcheelet, fo bleiben gemeintglich zwey
Stücke in der Hand liegen, die fih von einander thcilen,
und man die beyden Kappen (22) nennet. Diele find
nichts anders , als ein mehlichtes Weſen, welches nach
feiner Vermiſchung mit dem Nahrungsfafte oder Exb—
mark, zu einem milchaͤhnlichen Safte wird, melcher dem
Pränzlein oder Zeime feine Nahrung giebt. Diefer fleckt
zu oberſt zwifchen den Lappen, wie etwa ein Nagel. Er
befteht
Die Öfeichnige vom Saamen, vom Ißaizenze. 889
beſteht aus einem Stamme, umd deffen Ötiele, aus welchen
hernach die Wurzel wird. Der Stamm oder Körper bes
Keims fteckt zum Theil inwendig im Saamkorn. Der Stiel
oder die Feine Wurzel iſt dieienige Spize, die allezeit am
erften aus der Schaale bervorficht. Diefer Stiel ift mit
zweyen Bändern an die Kappen beveffiget, oder vielmehe mit
zweyen Roͤhren, aus welchen eine enge Heiner Aeſtlein
fi in-beyde Lappen ausbreitet und aus felbigen den zum
Unterhalt des Pflaͤnzleins nöthigen Saft fäugel. Der Stamm
oder Körper des Yflänzleins ift in zwey Blätchen gewickelt,
die ihn auf allen Seiten einhüllen, und wie in einer Schach—
tel, oder zmwifchen zwey Schaalen eingefchloffen halten.
Diefe beyden Blätter fommen am erften aus dem Saamfern
und aus der Erde zum VBorfchein (23. 24.). Sie bahnen den
Reg für den Stanım des Pflänzleins, und verwahren feis
nen zarten Körper vor allen fchadlichen Anftoffen anderer
Körper; vieleicht haben fie auch noch mehrern Nusen.
Weil, bey fehr vielen Pflanzen, diefe beyden Blaͤtter von
den andern Blättern ganz unterfchieden find, und am erſten
aus dem Saamen hervorwachfen , damit fie die Pflanze in
ihrem erften Auffchieffen bedecken, fo nennet man fie Herz⸗
blötter. Bey vielen Pflanzen treiben die Lappen ſelbſt aus
ber Erde hervor, und thun eben das, was die Herzblätter
bey andern thın. Wenn fih das Wirzelein von dem Safte
der Lappen genähret hat, fo findet es an der Schale, oder
dem Häutchen des Saamkorns, eine Eleine Deffnung, die
fidy für feine Kleine Spize fchicfet, und die man durch das
DVergrößerungs » Ola bey dem allerhärteften Steinfernen
eben fo wohl wahrnimmt, als an den Hülfen ber Saamen.
Durch diefe Deffnung Feimet dag Wiirzelein hervor, und
treibet viele Fäden in die Erde, fo man Wurzelhaare oder
Wurzeläfte nennet (21). Jedweder Wurzelaft ift ein Roͤhr⸗
fein,
‘
899 Zwey und viersigfte Tafel.
lein, wodurch der Erdfaft in dag Wuͤrzelein geleitet wird,
von da er fich in den Stamm des Pflänzleing ſelbſt ergieffer,
und ihn zum Sproffen bringet. Findet diefer ein veſtes und
hartes Erdreich, ſo wendet er fid) davon ab (17. 18. 19.),
meil er nicht durchſtechen kann; ia er verdirbt zuweilen,
wenn er nirgend einen Ausgang findet. Trift er aber auf
lockeres und weiches Erdreich, dergleichen in einem bearbei—
teten Felde meiſtentheils iſt; ſo kommt er ohne Hinderniß
zum Vorſchein. Wenn die Lappen allen ihren Saft zur
dahrung des tungen Pflaͤnzleins hergegeben haben, fo vers
trocknen fie gaͤnzlich. Eben fo geht es auch mit den Herz⸗
blättlein, welche durch ihre Dunftlöcher aug der Luft, folche
geiftige Feuchtigkeiten , als den Pflanzen dienlich find, an
fich ziehen ; wenn fie ihre Dienfte gethan haben, fo ver.
welken fie — Die iunge Pflanze fauget fodann durch ihre
Wurzel, und die an felbiger hangenden Wurzelhaare oder
Aefte, einen Fräftigern und häufigern Nahrungsfaft aug der
Erde, als fie anfänglic) aus dem Saamkorn erhalten Fin.
nen; wird alfo immer flärfer, und fängt an, ihre verfchies
denen Theile aus einander zu breiten, bie vorher in einander
gerollet und verftecket waren.
Die Saamengehäufe, ober Kapfeln und Fächer,
in denen fich der Saame befindet, find von verfchiedener
Geftalt und Befchaffendeit. Bald ift derjelbe in einer leder
artigen Schaale, mie die Eichel (16), bald in einer harten
Schaale, wie die Nüffe und Mandeln; bey einigen befommt
die Saamenkapfel Löcher, bey andern Haͤckchen, wie die
Kletten, vermittelft welcher er ih an Thiere anhängt,
und zur Fortpflanzung weggefchleppt wird. Einige Arten
diefer Gehäufe find auf der Tafel, N. 25. 26. 27. 28. 29. 30.
31, 32. 33. 34. abgezeichnef.
Eben
Die Steichniße vom Suamen, von Waisenze, 891
Eben fo wunderbar ift der Bau der Kflanzen,
insbefondere der inwendigen Theile derfelben CB). Die
Wurzeln, welche bey einigen Fuollige, bey andern ſchuppig
‚oder fpindelfsrmig ſind, dienen flatt eines Mundes, den in
der Erde liegenden Naͤhrſaft durd) die Kleinen Faferchen an
fich zu ziehen, und weiter dem Stengel dienlich zu verferiigen.
Die Rinde, welche die Wurzel, Stengel und Aeſte zu aͤuſ—
ferft umgiebt, wird wieder abgetheilt in ein dünnes Hauts
chen, und feine innere Subſtanz. Das Äufferfie Haͤutchen
(39, a.) wird aus vielen an und neben einander liegenden
Heinen Bläschen formirt. Daß innerfte Wefen der Rinden
(39, b.) befteht : 1) aus vielen hölzernen hohlen Roͤhrchen
(37), durch welche ein dünner Saft in die Höhe geführt
wird; 2) aus Heinen Bläschen oder Saͤckchen (39, ec),
welche voll diefes Saftes find; 3) aus befondern Nahrungs»
gefäßen , die den Nahrımgsfaft zuführen. Die bolzige,
vefte, innere Subftanz des Stammes oder Stengels wird
wieder zufammengefejt : 1) aus hölernen, boblen, buͤſchel—
weiſe beyfanımen ſtehenden, und in Geftalt eines Nezeg
verwickelten Zafern (35. 36.) oder Zivergfafern (38);
2) aus fleinen Saͤckchen oder Bläschen, die zwifchen diefen
Zafern liegen (40, 8-8: 8); 3) aus befondern Waffergefäffen
(40, i. i.), und dann 4) aus ſubtilen Luftroͤhrchen, melche
nichts als Luft in ih haben, mie die lungen » und Lufts
röhren der Thiere, und die unvermeidlihe Nothwendigkeit
diefes Elements zur Erhaltung bes Lebens der Gewaͤchſe,
zur Genuͤge darthun. Endlich find in dem innerſten Mark
des Saamens, der Länge nach, lauter kleine rothe Blaͤs—
chen oder hohle Küchelchen zu fehen, welche die Meinung
beftärken : daß, gleichiwie in den Thieren fich verſchiedene
affer » Blut» und Luftadergefäße finden, alfo auch in den
Pflanzen dergleichen wahrzunehmen feyn.
Auch
892 Zwey und vierzigſte Tafel.
Auch an der Bauart und manchfaltigen Geftalt der
Slätter offenbaret fich viele ABeisheit Gottes. Man fieht mit
Vergnügen den wunderbaren Bau eines Blattgerippes,
das man fich felbft machen Fann, wenn man im Sommer ein
Blatt etwa zwey Wochen in einem Waffer ganz untergetaucht
biegen läßt. Dann verzehrt ſich das Fleifch des Blattes,
und die verfchiedenen Nibben, bern, Nerven, und bag
ganze Gewebe zeigt fich, an ieder Blatt» Sorte anderg, in
bewundernswuͤrdiger Ordnung und Manchfaltigkeit. Bey
einigen Pflanzen find die Blätter glatt, bey andern mollig,
haarig, flachlich oder warzig. Bey ieder Pflanzenart ift die
Figur und Größe der Blätter anders. Einige find pfriemens
foͤrmig (A. 1.), andere langettenförmig (2), nierenfsrmig
(3), herzfoͤrmig (4), kreisfoͤrmig (5), ausgefchweift (6),
geferbt (7), fägeförmig (8), gejähnt (9), pfeilfoͤrmig
(10), lappig (11), fcheideförmig (12), fingerförmig (13),
drey gedrittet (14), zweyfach gefiedert (15) u. f. w.
6,
Der Gärtner.
an
er Gärtner (A) iſt ein Künftler, welcher den Gar—
tenbau wohl verſtehet, in vielerley Arten der Gärten,
nehmlich in dem Luft» Küchen» Baum » und mebicinifchen
Garten wohl erfahren ift , und einen Garten theild von
Neuem gut anzulegen, theild einen bereits angelegten in
gutem Stande zu erhalten weiß. Es wird aufferdem von
demfelben gefordert : daß er den Grund und Boden feines
Gartens wohl Fenne, die mancherley Arten der Winde recht
zu unterfcheiden amd die Witterung wohl zu beurstheilen und
zu
&
Die Steichniße vom Saamen, vom Waigenze. 893
zu nuͤzen wiſſe — daß er nad) berfelben feine Gartenarbeiten:
graben, düngen, fäen, pflanzen (c) verfezen , begieſſen (b)y
pfropfen (a), oculiren, abfäugen , befchneiden , Früchte
abnehmen, Saamen einfammlen und dergleichen, wohl atte
fielen und verrichten koͤnne — daß er ſowohl die natürliche
Zuneigung , als die natürliche Feindfhaft der Gewaͤchſe,
ihre Veränderung, Ziebung und Fortpflanzung, wohl vers
ſtehe — daß er von den vielerley Arten und Sorten der
Blumen gute Kundfchaft habe, die raren und fremden Ges
waͤchſe in guten Stand erhalte, foiche gegen den Herbfi,
daß fie nicht erfrieren, in bag Gewaͤchshaus bringe, und im
Minter mit nöthiger Feuerung verforge — daß er frifche
iunge Bäume nachziehe und ſtets auf deren Vermehrung,
und Anfchaffung vieler und mancherlen ihm noch mangelnder
Sorten bedacht ſey — baß er bie in gewiſſe Figuren gezo⸗
gene Bäume, auch Hecken und Spaliere zierlich befcneide,
und gehörig unter der Scheere (d), ingleichen die Allen,
Sand - und Wafen » Öänge und Rabatten reinlid, auch
überhaupt den ganzen Garten fchön und in guter Drdnung
halte — daß er fih auf die Geometrie, Architektur und
Zeichenfunft verftege, damit er felbft etwas inventiren, und
feiner Zeichnung nach abftecken koͤnne; oder wo er an ander
Drten etwas felteneg gefehen, ſolches abzuzeichnen oder or⸗
dentlich in Grund zu legen und aufs Papier zu bringen wife —
daß er gereifet fen, und fonderlid) die ausländiichen Gemäche
fe, ihre Pflanzen, ihren Saamen, ihre Anlage und Wars
tung wohl verfiehe ; und überhaupt ein im Pflangenreiche
mwohlerfahrner Naturfündiger fey —
Pfropfen (a), welches auch impfen und pelzen
genennet wird , heiffet beym Gartenbau dieienige Arbeit,
dadurch ein milder und unfruchtbarer Stamm, vermittelft
eines darauf gefezten , non einem fruchtbaren Baume ges
209 broche⸗
894 Zwey und viersigfte Tafel.
brochenen Zweiges oder fogenannten Pfropfreifes verbeffert
wird. Das Ablaktiren oder Abfäugen der Bäume fommt
mit dem Pfropfen mehrentheilg überein, nur daß im Ablak—
firen der Zweig, melcher aufgefest wird, noch an dem le—
bendigen Etamme fijet. Okuliren oder Aeugeln ift die
Bereinigung des verfchiedenen Holzes von zweyerley Baus
men durch Kinfezung eines gefunden frifchen Auges von
einem guten Baume in den Einſchnitt eincs andern.
Die vornehmſten Garteninftrumente oder Werks
zeuge find; eine Baumſcheere, cin Raupeiſen, ein Pfropfs
mejjer, eiferne und hölzerne Rechen, Spaten; Grebeifen
oder Grabjeheite, eine Grabfchaufel, eine Gartenhaue, ein
Spateiien, eine Mifigabel, eine Dandfäge, Baſt, Pinfen,
MWeidenbänder und vergl. Auch muß der Gärtner ein wohl
eingerichtetes Gewächshaus und Mifibeete haben, auch
die Drangerie wohl zu warten wiſſen. Das Gewäds;
sder Glaͤshaus (B. a.), in welches im Winter die fremden
Gewaͤchſe, welche die Kälte nid;t vertragen Finnen, ge
bracht werden, muß gegen Mittag alſo gebaut feyn, daß
es gegen der NMorbfeite eine zugemachte Wand oder Mauer,
gegen Mittag. aber lauter Fenſter hat, die man bey gulem
Wetter ersfnen kann, um frifche Luft hinein zu laſſen.
Es hat einen Dfen, und wird daher auch Die Winterung
genannt. Miſtbeete (B. b.) find ablange, wit Holz ober
Steinen ausgefütterte, und mit Pferdemiſt und gutem Erd-
reiche angefüllte Gruben, worinn allerley zarte Pflanzen,
Hlumen und ausländifhe Gewächfe im Fruͤhlinge zeitig
aufgebracht werden Fönnen. Orangerie (B.c.c.) beiffet
der von Kitronen, Pomeranzen, und allerley andern außs
laͤndiſchen Bäumen ımd Gcewächfen bey einem Garten vors
handene Vorrath, melcher feiner Herkunft nad), ein wärs
meres Land, als das unfrige iſt, erfordert, dabey aber
dems
Die Dleichniße vom Saamen, vom Waizenec. 895
demfelben eine große Zierde giebt, mit vielen Fleiß und
Koſten unterhalten, und im Winter unter das Gewaͤchshaus
gebracht wird.
N u GET
Ts
Die Grilfe und die Ameiſe.
Ehr⸗ faule Grille ſang
Einen ganzen Sommer lang,
Und war immer ohne Gorgen
Für den andern Morgen. A
Weil der Summer Nahrung bat,
Wurde fie auch täglich fatt;
Aber als der Winter fan,
Der der Flur das Leben nahm,
Und nun alles oͤde fland
Und Fein Wuͤrmchen fih mehr fand,
Schlenderte fie endlich bin
Zu ber Fleinen Nachbarinn,
Zu der Amis — Ach ich bin,
Sa fo hungrig, gieb mie doch,
Ein Elein wenig nur zu leben.
Deine Sammer hat ia noch
So viel Vorrath, und ih mill
Alles ehrlich wieder geben
Mit den Zinfen, im April — — —
Schweſterchen, antwortet ihre
Die Ameife, fage mir
Doch nur erfi, wie brachteſt de
D008 Deine
896 Zwey und vierzigfte Tafel,
Deine Zeit im Sommer zu,
Gage mir, mas thateft bu?
Was ich that? du weiſt es mohl!
Sich , die Freundinn von poll,
Sang beftändig — Haft du mich
Nicht gehoͤrt? Und konnte ich,
Schmeiterchen, was Beſſers thun?
Grillchen, nein — Doch tanze nun!
nn EEE ARINIAN LER
8.
Epimenides.
nl war aus Knofjus in Kreta gebürtis. In
feiner Jugend wurde ec von feinem Water aufs Feld ges
fchickt, das Vie) zu hüten. Eines Tages verirrte er fich
bey Auffuchung eines verlohrnen Schafeg, und Fam in eine
Höle, woſelbſt er von einem Schlafe überfallen wurde,
der funfzig Jahre hinter einander fortwaͤhrete. Als er
wieder aufmwachte, fo fuhr er fort fein Schaf zu ſuchen,
wunderte ſich aber fehr, daß er alles fo verändert auf dem
Seide antraf. Er gieng alfo nah Haufe — Doch bier
fragte ihn fein tüngfter Bruder, der intzwifchen alt worden
war, was er wollte. Endlich erkannte ihn derfelbe und
erfuhr feine Gefchichre, welche ſich bald nach Griechenland
ausbreitete. Man hielt ihn für einen Liebling ber Götter,
und 309 ihn wie ein Diafel zu Rathe. Die Athenienfer
holten ihn auch bey einer mütenden Peſt, daß er ihre
Stadt ausfshnen und reinigen ſollte. Er that folches,
und nahm ſchwarze und weiſſe Schafe, die er aufdas Feld
trieb. Hier ließ er fie binlaufen, wohin fie wollten; und
befahl
\
Die Sleichniße vom Samen, vom Waizenꝛc. 897
befahl denen, die ihnen nachfolgten, an iebem Dite,
wo fie file liegen werden, dem nechſten Gotte Eines zu
opfern — worauf die Peſt aufhoͤrte. Daher fol es ges
fommen fenn, daß man an verfchiedenen Drten um Athen
herum , Altäre ohne Namen eines Gottes angetroffen hat.
Zue Belshnung wollten ihm die Ahenienfer eine große
Geldſumme fchenfen — er nahm aber nidits an, als einen
Oehlzweig. Er farb in einem Alter von 299 Jahren,
und wurde in eben fo viel Tagen alt, als er Jahre ges
ſchlafen hatte.
Hieher gehsret auch die Fabel von den fogenannten
Siebenfchläfern. Diefelben waren fieben Trabanten von
der Leibivache des Kaiſers Decius, der 250 jahre nad)
Chriſti Geburt renierte, und die Chriſten grausam verfolgte,
Er ließ einen Goͤzentempel zu Epheſus bauen, und bey
Lebensſtrafe befehlen, darin zu opfern. Die fieben Tra-
banten, welches angefehene Perfonen und Ehriften waren,
machten ihr ganzes Bermögen zu Gelde, theilten es unter
die Armen aus, entflohen, und verjteckten fich in einer
Steinfluft auf dern Berge Celion. Sobald folches befannt
mwirde, ließ man fie darinnen vermanern. ie verfielen
aber in einen fiefen Schlaf, und erwachten nicht eber,
als nach 200 Fahren, zur Zeit Kaifers Theodofius des
zweyten, der im fünften Jahrhunderte regierte. Man
glaubt aber, dieſe Fabel fen daher entfianden, daß dieſe
fieben Leute, (deren Namen man fogar aufbehalten hat),
weil fie Ehriften waren, vom Decius zufammen hingerichtet
und begraben, und als man ihre Öebeine unter bem Theor
doſius wieder gefunden, als Martyrer unter die Zahl der
Heiligen aufgenommen wurden.
9002 9,
898 Zwey und vierzigſte Tafel.
— TER
en
9. £
Der Nachtwanderer,
—JD oder Nachtwaͤnderer nennt man bieienis
gen Keute , die des Nachts aus dem Bette fteigen, und im
Sclafe ihre gewoͤhnliche oder auch wohl ungewohnte Arbeit
verrichten — die an bie gefährlichfien Oerter, iedoch mit
großer Behutſamkeit fteigen, und nicht eher in Lebensgefahr
gerathen, als wenn man ihnen zu der Zeit, da fie fih an
gefährlichen Orten befinden, zurufft, und fie aus dem
Schlafe erwecken will. Die Urſache diefes Detragens if
theils in den dicken und fcharfen Lebensfäften folder Perſo—
nen, tbeild in ihrer gewohnten beftändigen Unruhe zu fuchen ;
mozu noch der flarde Eindruck kommt, den fih dergleichen
Leute von ihren taͤglichen Seſchaͤften machen.
Mar muß erſtaunen, wenn man die Handlungen mans
cher Nachtwanderer beobachtet. Nicht nur, daß fie, ohne
eg zu wiſſen, im Schlafe aufftehen, ſich ordentlich ankleiben,
vernünftig reden, fingen, Tuba fchnupfen, alles an feinen
Dit ftellen — man fann auch manche kneipen, fiechen,
ſtoßen, ihnen die Augenlieder von einander reiffen , eine
Piſtole vor dem Gefichre wegſchießen — ein brennendes
Licht auf einen Augenblick unter die Nafe halten — fie wifs
fen von Allem nihts — Man hat Beobachtungen von Leu—
ten , bie in ihren Phanfafien Sprachen redeten, die fie nies
mals gelernt haben — Ein Schüler ſtund im Schlafe auf,
verfertigte fein Erercitium, und legte fich wieder gu Bette,
ohne am andern Morgen etwas davon zu wiffen — Ein
iunger Menfch legte fich auf die Dichtfunft, konnte aber einft
mit einem Gedichte nicht Fertig werden. Die folgende Nacht
fteht
Die Gleichniße vom Saamen, vom Aßaizenzc. 899
ſteht er vom Bette auf, fchließt fein Pult auf, fchreibt,
und liegt oft laut ber, mas er gefchrieben hat. Endlich
lacht er vor Freude über den Fortgang feiner Arbeit, legt
das Gefchriebene wieder bey Seite und begiebt fich zu Bette.
Als er frühe erwachte, weiß er von Allem nichts, mas er
des Nachts gethan hatte. Er will fein Gedicht gar vollen»
den , und erfiaunte, daß es fehon fertig, daß eg mit feiner
eignen Hand gefchrieben ift — Ein gewiſſer iunger Edel
mann flieg des Nachts aus dem Bette, nahm fein Hemd
unter den Arm, flieg zum Fenſter hinaus, ergrief ein vor
dem Fenfter hangendes Seil, woran er bis zum Gibel des
Haufes hinanklettert, dafelbft ein Neft iunger Vögel auss
nimmt, fie in fein Hemde wickelt; wieder zurüffommt, fein
Hemd unter das Bett legt, und ausfchläft. Er erzehlte des
Morgens daß ihm geträumet, er habe ein Neft ausgenoms
men, und fand mit Erſtaunen die iungen TIhiere wirklich in
feinem Hemde — Bon einem andern wird erzehlt, daß er
mit dem Degen an der Seite im Schlafe über einen Fluß
gefhmwommen und demienigen ums Leben gebracht habe,
den er zu ermorden ſich wachend vorgenomnien haffe, und
daß er nachher wieder durch denfelben Strom nach, Haufe
zurück gefchwonmen fey — Ein franzsfifcher Edelmann
pflegte alle Nacht im Schlafe aufzuftehen, und mit feinem -
Selfen zu baizen. Er entfchuldigte ſich deswegen, im Bors
aus, des Abends in einem Gaſthofe bey einem Fuhrmann,
der mit ihm in eben dem Zimmer fchlafen follte. Der Fuhrs
mann war fo boshaft, feine Kur zu verfuchen, und fagfe
ihm, daß er ebenfald des Nachts aufzufiehen pflege, und
feine Pferde antriebe, wenn er meinte, daß fie in einem Loche
fiachen. In der Nacht fleht der Edelmann im Hemde auf,
fpricht feinem Falken zu, thut, als würfe er ihn von der Kauf,
und fchrept, was er faun : Aapafa! Hapaſa! Hapaſa!
D094 Der
900 Zwey und vierzigſte Tafel.
Der Fuhrmann, der dieſes Spiels uͤberdruͤſſig wurde, ſteht
endlich auch auf, ergreift ſeine Peitſche, und thut, als
fpräche er den Pferden eifrig zu: Harri, ju, ju, Alter,
Brauner, obo, obüf, nun dran, bar , weiß von der
„and, ſtreck dich, daß dir Gott belfe, knall! knall!
und was dergleichen Fuhrmanns Sprüche mehr find, wobey
er den Edelmann mit der Peitſche geißelte, daß er nach
Gott hätte fchreyen mögen. Hierdurch ward der Edelmann
auf Febenglang von feiner Thorheit befreyet, und diefeg ift
dag Mittel, wodurd) man fchon oft Nachtmanderer kurirt
bat. L
4
Drey und vierzigfte Tafel.
I
Das Gleichniß vom barmherzigen Samariter.
er Menfchen , wer fie immer feyn mögen, und ment
fie auch anders benfen als wir, müffen wir nich! mur
Gutes gönnen und wuͤnſchen, ſondern auch, fo viel in
unfern Rräften ſteht, Gutes thun. Dieß ift der Wille
unfers göttlichen Lehrers Jeſu Chrifti ; und in diefer Ads
ſicht erzehlte er einmal folgende Geſchichte:
Es reifete ein Mann von Terufalem, ber Haupfs
ſtadt des iübifchen Landes, in eine Stadt, die Jericho hieß.
Auf einer einfamen Straße ward er von Mördern liderfal-
len, die ihn nafend auszogen, erbärmlich fchlugen, und
halb todt an der Straffe liegen liefen. Bon ungefehr
gieng ein iuͤdiſcher Prieſter diefelbe Strafe; der erblickte
den armen vermundeten Mann, ber fo ſchwach war, daß
er ihn nicht einmal um Huͤlfe anfleben fonnte. Aber der
iämmerliche Anblick diefes Menſchen ruͤhrte ihn nicht, —
Er gieng vorüber, ohne fich um den Elenven zu betuͤmmern.
Ein Gleidyes that ein anderer iuͤdiſcher Mann, der biefe
Straße gieng, er ließ den Verwundeten liegen, ohne dag
Geringfte zu feiner Erquicfung beyzutragen.
Demohngeachtet fand der Elende doch noch einen Hel⸗
fer. Denn eg ift gewiß, daß, fo groß auch bey vielen Mens:
fohen die. Unbarmperzigfeit feyn mag, es doch immer auch
Ppp noch
vor . Drey und viersigfte Tafel, ,
noch menfchliche und mitleidige Herzen giebt, die bey der
Noth anderer nicht gleichgultig feyn koͤnnen. Ein fo mits
leidiger Dann war ein Samariter , ber iezt auch vorbey»
reifete. Es ift betannty daß Samariter und Juden nicht
beyfammen wohnten, und fehr feindfeiig gegen einander
Helinnet waren. Sie gingen in ihrem Haſſe gemeiniglich
fo weit, daß Feiner dem andern einen Biffen Brod gegeben
oder abgenommen hätte. Sie flohen, in fie verabicheus
tes einander, und man hätte glauben follen, daß, ba
die miorichen Geifilichen den DVermwundeten, der ein Jude
war, fo Hulflos liegen gelaffen, der Samariter nun uns
febibar ein Bleiches thun würde. Allein diefer Fremdling
dachie ganz anders, Er erblicte den Elenden, der ein
Menſch war — Das war ıhm genug fein Mitleiden rege
zu machen. Es iſt ein Menfch, muß er bey fich felbft ges
dacht baden, und ich bin auch ein Menfh — wenn ich fo
elenb .und verlaffen wäre, wie froh wäre ich, wenn mir
ien and zu Hülfe tüme . Er gieng zu dem Elenden hin,
nicht nus um einige Augenblicke bey ihm zu verweilen, nicht
nur um über fein Elend zu weinen; fondern er behandelte
jene Wunden mit aufferfter Sorgfalt, wuſch fie mit Weine
aud, goß darauf Del hinein, und verband fie. Er vers
wallte ſich alfo lange bey dem Elenden. Er fürchtete fich
rucht, daß etwa die Näuber noch in der Naͤhe feyn, und
ibn felbft angreifen möchten — Denn warum fid) fürchten
au einen Drte , wo Bott ift, und mo man Gutes thut?
Yun war der halb todte Mann überall verbunden,
und es war nocd einige Hoffnung da, daß ser fich vielleicht
erholen moͤchte. Der Scmariter, der fehon jo viel an
19 3 geihan Hatte, blieb hiebey noch nicht ſtehen — er ließ
ihn Sicht liegen — Er bot allen feinen Kräften auf, um
ihn Som Boden aufzuheben, und auf fein Thier zu ſezen.
Das Gleichniß vom barmherzigen Samariter 903
Er gieng neben ihm her, hielt ihn, daß er nicht ſank, und
führte ihn in die Herberge, wo er ibn in ein Bette legen
und verpflegen ließ. Kinen Tag blieb ee noch bey ihm;
feste dann feine Neife fort, zahlte aber den Wirth erji vor
ihn aus, und fagte zu ihm: Pflege feiner, ſorge für ion,
ih will alle Unfoften auf nich nehmen ; ich werde bald
wieder zurücke fommen. — Co liebreih war biefer Sama—
£iter gefinnet. So liebreih fey auch du, ſchon in deiner
Jugend, wenn du elende Menfchen ſiehſt! Gen mitleidia,
Thue was du thun Fanft, ine Elend zu erleichtern, und du
wirft deinen himmliſchen Freund Jeſu Chriſto fo lieb ſeyn,
als dieſer von ihm geruͤhmte barmherzige Samariter.
Einen Armen ſchmachten ſehen;
Kalt vor ihm voruͤber gehen;
Ihm nicht ſchnell zu Huͤlfe eilen,
Nicht mit ihm fein Leiden theilen,
Das ift Unbarmherzigfeit !
Eid) zu feinem Sammer neigen ;
Sic als Bruder ihm erzeigeny
Saͤufte Threnen laſſen flieffen,
Oel in offne Wunden gieſſen;
Dieſes iſt Barmherzigkeit!
— ——— ———————
2.
Werke der Barmherzigkeit.
— Mitleiden, Barmherzigkeit, Gefaͤlligkett, find ber
ſchoͤnſte Schmuck frommer Seelen. — In dem Herzen des
Barmherzigen verloͤſchen nie die himmliſchen Gebote bes
Pppoa ewigen
904 Drey und vierzigfte Tafel.
ewigen Erbarmers : Brich den Kungrigen dein Brod!
Dürfier ihn, fo tränfe ihn! Die fo im Elende find,
fübre ins „aus! Mache die Kranfen sefund ! Er—
rette die, fo man tödten will, und entzeuch Sich nicht
von Venen, dieman würgen will! Tröfter, tröfter
mein Volf ! Geber, fo wird euch gegeben ! Seyd
bermberzig, wie auch euer Vater barmperzig ift!
Der Bormberzige nimmt mit Begierde, mit Dank
und Freude iede Gelegenheit wahr, die ihn durch Aus.
übung reiner brüderlicher Liebe, dem hoͤchſten Vater immer
ähnlicher machen kann, und ihm Gottes Freuden erndten
läffet. Er fpeifet und tränfet die Hungrigen und bie
Durſtigen (a.b.) — Er erquifet auf mancherley Art ben
Arbeiter, den Mühfeligen, den Armen. — Er nimmt un.
ter fein Dach die Muͤden, die Guten, den Sremdling ger
xe auf (ce) — Er Pleidet von feinem Ueberfluffe die Vers
achteten, die Nothleideuden (d) — Er führt die Seele
des Rranfen zu den Troftquellien der Offenbarung und der
Ewigkeit, und verfagt auch feiner hinfälligen Hütte, bie
Unterſtuͤzung nicht, die er ihn geben Fann. (e) Er
fucht, foviel an ihm iſt, die Noth des wunfchuldig verfolg—
ten und beleidigten Bruders zu heben — die Gefangenen
zu befreyen oder mwenigfteng zu ermuntern; (f) allenthalben
Licht und Seegen, Schatten und Stärfe, Freude und Les
ben unter den Betrübten zu verbreiten.
Einft wird ihm der barmherzige Jeſus mit aller Freunds
lichfeit entgegen geben, und fügen : Willfommen, Ge
fegneter meines Vaters! ererbe das Reich, das dir
von Ewigkeit zu Ewigfeit bereitet iſt. Denn ich bin
hungrig gewefen , und du baft mich gefpeifet — ich
bin durftig geweien, und du haft midy getränfet —
ih bin ein Gaft geweien, und du baft mid beher⸗
berget —
'
|
Das Gleichniß vom barmherzigen Samariter. sos
berget — ich bin nafend gewefen, und du baft mich
befleidet — ich bin Franf geweien, und Du baft mich
beſuchet — ih bin gefangen gewefen, und du bift
su mir gekommen. — Ta, Kieber ! was du dem Ge:
ringen, dem Armen, dem Elenden gethan haft, das
baft du mir gethan ! Gebe nun ein zu deines Herrn
Sreude !
— ———— — ———— —2—0002—
3.
Etwas von der wolthaͤtigen Geſellſchaft
der Freymaurer.
J— Freymaurer, ſind Worte, welche fchon
lange Zeit die Neugierde einzeler Menfchen, ia ganzer Ges
ſellſchaften und Societäten befchäftiget haben.
Da fih die Mitglieder diefer Geſellſchaft Verſchwie—
genheit zur erften Pflicht gemacht ; da fie alle ihre Lehren in
ein heiliges Dunkel Hüllen ; da fie ihrem Urfprunge und ihrer
Geſchichte, die einen groffen Theil ihres Geheimniffes auss
zumachen fcheint , ein muftifches Gewand ummerfen; ba
felbft nur den wenigen geprüften , erfahrenften und aͤlte⸗
fien ihres ausgebreiteten Drdens die Archive der Gefell
Schaft offen fiehen ; wie konnten Profane (fo neniten bie
Freymaurer alle dieienigen , fo auffer ihren Orden leben,
ohne deswegen einen verächtlihen Begriff damit zu verbins
den) mit Gewißheit alle diefe Punfte erörtern ? Es laͤſ—
fet fich alfo von diefer Geſellſchaft nur dag anführen, wo—
sinn fie zu allen Zeiten und an allen Orten überein ſtim—
men; und was ſowohl die Profangeſchichte als auch ihre
Pppz eigene
906 Drey und viersigfte Tafel.
eigene Schriften und gedruckte Gefezbücher dason Ichren —
und um den gemwiffeften Weg zu gehen, ift es am beften
fie nichts nur nad) ihren Worten und Schriften , fondern
nach ihren Handlungen gegenwärtig zu beurtbeilen.
So wie bie Freymaurerey iezt in England, Deutfch-
land, Frankreich, und überhaupt in ganz Eurdpa beſteht;
ſo iſt ſie eine geheime Geſellſchaft, welche wegen ihres
Duldungs-Geiſtes, ihrer Menfchen - und Bruderliebe, we⸗
gen ihrer Wohlthätigkeit und Verbreitung einer reinen Mor,
al die fie zum Zwecke bat, unfre Hochachtung verdienet‘;
die ihre auch deswegen noch nicht verfant werben Fann,
wenn fie gleich nicht in ihe Innerſtes ſchauen, fonderu
fih, nebſt Rechtſchaffenheit, Verſchwiegenheit zur örften
Pflicht gemacht hat. *
Wir übergehen die verſchiedenen fabelhaften Meinum
gen von ihrem Urſprunge, den einige von Adam, andere
von Noah und wieder andere vom Koͤnige Salomo, den
weißeſten Mann und groͤßten Baumeiſter feiner Zeit ableis
ten; ſondern gehen vielmehr von dem Zeitpunkte aus, wg
ſie zuerſt in Europa oͤffentlich bekannt worden iſt.
Zu Ende des vorigen Jahrhundertes wurde zuerſt bie
Gefellfchaft der Freymaurer in England Sffentlich bekannt;
wie denn auch noch iezt alle Freymaurer-Logen ihren lrs
fprung aus England ableiten. Im Jahre 1723, da fie
unter dem Könige Georg I, und unter der Aufſicht bes
Herzogs von Montagü,- ber damals ihr Großmeifter
war, eine Conftitution oder allgemeines Geſezbuch fuͤr
die ganze Brüderfchaft durch den Druck befannt machen:
lieſſen, welches in allen Kogen gültig und rechtsfräf:ig
ſeyn folfte, zeigten fie fih zum erflenmale der a Welt im.
nähern Lichte; erregten die Neugierde der größten Männer,
und
Da? Gleichniß vom barmherzisen Samariter. 907
und gaben durch diefe Sffentliche Hervortretung iedem Geles
genheir und Anlaß fie nach MWilltühr zu beurtheilen. Sie
wurden auch auf verfhiedenen Seiten beleuchtet, und um
fo ungleicher, da fie alle ihre Kehren unter Bildern und
Spmb.in vortrugen, bie fich meift auf die Baukuſſt bezo⸗
gen, zu benen fie fih den Schluͤſſel vorbehalten haben,
Gie jejten fih durch diefes Benehmen fchiefer Urtheile über
ihren Zweck und Abfihten aus. Es gab Leute, die fie
für Atheiften verfchrien, ob fie gleich auf allen Seiten deg
Conſtitutions Buches Die Bibel citiren; andere gaben ths
nen Schuld, daf fie gefährliche Abfichten gegen den Staat
hätten, ob gleich ihr Eid die ausdruͤckliche Formel enthält,
daß ulle Brüder ihren Souverain unb dem Staate getreu
feyn fellen. — Wieder andere wollten fie zu Goldmachern,
und oc) andere zu Öeulerbannern ‚machen. Sie mußien
deswegen in Dolaud, in der Schweiz, und fogar in
Frankreich harte Bedrüfungen und Verfolgungen ausftehen.
Nur nach und nach, obgleich langfam , verlohren fich
diefe irrigen Meinungen und Borurtheile, fo wierman fie,
und ihre Lehren beffer kennen lernte, und fo wie ſich die
ebelfien und rechifchaffenften Männer in dieſen Diden bes
gaben und eifrige Aibänger und Verfechier deffelben wurden.
Anno 1731 wurde in dem Haag eine neue Loge erriche
tet, um ben Herzog Sranz ven Lothringen, nachmaligen
roͤmiſchen Kaifer zum Freymaurer aufzunehmen, welcher
noch iin nehmlichen Jahre zu Londen in ber großen Loge
zum Meifter: Grad befördert wurde. Durch den Schuß
Diefes «ind anderer mächtigen Fürften , befonderg des iezi⸗
gen Boͤniges von Preußen, ber fich als Srenprinz den
10 Aug. 1739, in Braunfchweig, zum Freymaurer einweihen
ließ, erhob die Seiellfhat: , vorzuͤglich in Deutschland ihr
Haupt empor; fo daß es in kurzer Zeit eine nothwendige
PppPa Eigen⸗
98 Drey und vierzigſte Tafel.
Eigenſchaft eines ieden rechtſchaffenen und artigen Mannes
zu ſeyn ſchien, Freymaurer zu heiſſen. Dennoch fehlte es
noch immer nicht an uͤbler Nachrede und thaͤtiger Verfols
gung aller Arten, befonders in kleinen Freyfiaaten, mo
man noch immer das Vorurtheil nährte,, Daß die Frey—
maurerey ber Staatsverfaſſung nachtheilig wäre ; fo wie
auch in Farholifchen Ländern, mo man fie für eine Seze—
rey erfiärte; mie denn Anno 1738, Papſt Clemens XL
eine Bulle ausgehen ließ, woriunen alle Sreymaurer ſamt
und fonders als Kezer ın ben Bann geihban wurden.
Inzwiſchen, anftatt Daß dieſe traurigen Schickſale
ber Ausbreitung des Ordens hätten fchädlich feyn ſollen,
fo befoͤrderten fie vielmehr biefelbe. Im Jahre 1742 ſtif⸗
fete der ruhmvoll regierende Margraf Friedrich zu Bay»
seuch im feiner Mefidenz zwey neue Logen, weihete fie feibft
mit allen Feyerlichfeiten ein, und wurde ihr eifriger Be—
fehüzer, — Und von nım an wurde Deutfchland. der Sig
wahrer und Achter Freymaureren, mo fie noch bis iezt
unter dem guädigen Schuße vieler menfchenfreuntlicher
großer Fürften, befonders des Durchlauchtigen Prinzen
Ferdinands von Braunſchweig , der feit 1772 bie Wuͤr⸗
de eines Öroßmelfters angenpnimen, ohne einige Verfol
gung blühet; ſich täglich mehr ausbreitet, und durch die
wohlthaͤtigſten Handlungen ſich den Segen aller Unglüdlis
chen und den Benfal der Edlen des Volks nicht nur zu
erwerben, Sondern auch ununterbrochen zu erhalten ges
wuſt hat,
Aber noch werdet ihr vielleicht begierig ſeyn bie ges
nauere Schilderung eines Achten Freymaurers zu haben —
Das ausgemahlte Bildwig eines Maurers zu entwerfen
möchte zu weitläuftig feyn 5, aber die Hauptzuͤge dazu find,
nad) dem, was wir aus ihren Geſezen und ſelbſt aus ih⸗
ren
Das Gleichniß vom barmherzigen Samariter, 909
ren Thathandlungen wiſſen, _ in folgendes deal zufummen
zu ziehen : Ein ächter Freymaurer fol ein freyer Menſch
feyn, welcher die Verehrung und reine Anbetung des ers
ften Urhebers der Natur, als bie erſte Pflicht eines denk⸗
enden Wefens erfennet — welcher Frömmigkeit , und Dxi-
tung, wo er kann, zu befördern fuchet — welcher im
Glück nicht übermüthig, im Unglück nicht zaghaft wird —
ber feine Menfchenfuccht kennet — Wahrheit fudt, Vers
dienft für feinen hoͤchſten Adel hält, und es in icdem
Menfchen gleich fchäzet, er mag Monarch goder Bauer
feyn— Der allee Orten, mo er fi) aufhält, feiner Ob⸗
rigkeit und feinem rechtmäßigen Souverain getreu ift , ſich
den Gefezen des Landes unterwirft, Menfchenliebe gegen
alle Menichen übt, befonderg feine Brüder liebt, und mo
er kann, unterjlüget, ohne daß der Unterfchied der Meis
nungen feine Wohlthaten mehrt oder mindert. — Die
fordern die Geſeze, dieß fordert ber Eid eines Maurers.
Alle die diefe Grundfäze nicht in Ausübung bringen, find
unächie Glieder des Ordens.
Eine Loge ift ein Drt, wo fich die Maurer verſamm⸗
len, und arbeiten; und iede hat ihr Zeichen und ihre Bes
nennung. So beiffen 5. €. die vornehmften :Logenzzu
Berlin : 3u den drey Weltkugeln, zur Eintracht, zum
flammenden Sterne, Verfchwiegenheit zu den drey
geſchloſſenen Haͤnden; die Loge zu Würnberg , Joſeph
zur Einigkeit, u. f. w. Jeder Bruder iff verpflichtet
ſich zu einer zu halten, fie fleiffig zu befuchen und fo,
wie den allgemeinen Gefezen, auch befonders den Local⸗
Gefezen ieder Loge gebührenden Gehorfam zu leiften. Die
Gefeze aͤchter Maurer erlauben übrigens den Logeninicht, dag
ein anderer, als ein Ehrift in denfelben zum Maurer anges
nommen werden darf; ob fie gleich befehlen, gegen alle Ne-
ligionen dultfam zu feyn. ‚Die
9Io Dreh und viersigfte Tafel.
Die Freymaurer pflegen ihre Verſammlungen bey ders
fchloffenen Thüren zu halten, unter der Hülle deg Geheim—
nißes, mit vielfachen Ceremonien , welche ihnen "heilig
find, weil biefelben von ihren Vorfahren , einer edlen
Stachfommenfchaft Dinterlaffen wurden. So haben fie,
zum Erempel, ihre Unſchuld und Begierde nach mögiichfter
Vollkommenheit zu bezeichnen, eine weiffe Schuͤrze, die
Belle, das Winkelmaaß, die Bleyſchnur, vinen Cirs
fel, einen Compaß und dergl. zu Ordenszeichen. Sie
laffen ihren neu aufgenommenen Gliedern einen Eib hide
ven, ber ihnen Ehrfurcht gegen Gott, Treue gegen ıhren
Souverain und die Geſeze des Staates, Verfchwirgenheit,
und Kiebe gegen bie Brüder, aber nichts gegen Religion
und Moral auferlegt. | ne
Die Freymaurerey ift m drey Grade, nehmlich in
den Grad der Kebrlinge, der Gerellen und des Meiſters
abgerheilt ; weil es thörigt und unvorfihrig wäre, ale
Kentniße auf einmal einem Menfchen anzuvertrauen, - den
fie noch nicht genugfam zu prüfen Öel:genbeit harten,
Die Logen entfernen das weibliche Geichlecht aus ihr
zen Derfammlungen, um der Welt feinen Anlaß zu Ichlims
men und fchiefen Urrheilen zu geben; und weil vin Srauens
zimmer nie ganz frey und unabhängig if. : Denn frey
muß der Mann feyn, den die Maurer zu ihren Bruder
weblen ; weil nur ein folcher. aus freyem Triebe und aus
tern Abfichten edle Ihaten thun Fann.
Sie fennen einander an gewilfen Z’ichen und Wors
gen; fo daß ein Maurer , ohne die Eprache des kan
des zu kennen, fich feinen Brüdern an allen Orten Fennts
lich machen, und fich dadurch überall Freunde und Schuz
zu verſchaffen weiß.
Wenn
Das Gleichniß vom barmherzigen Samariter. 911
Menn die Diaurer von Gott fprechen, fo nennen fie
ihn gewöhnlih den großen Baumeifter, um fi ſtets
feinee Schoͤpfungskraft und Allmacht zu erinnern. Die
Freymaurer tragen überhaupt ihre Lehren und Geheimniße
unter Bildern vor, um defio weniger in Gefahr zu. kom—
men, daß diefelben vercathen werben koͤnnen. Diefe Ges
beimniße aber, wornach num ſchon fd lange geſucht wor—⸗
den, und welche noch fletS unentdeckt geblieben find , fcheis
nen nichts anders zu feyn, ald Wohlthätigfeit und Mens
fchenliebe und Sitten, vielleicht auch Rellgion, Wiffene
haften und Künfte, fo fehr unter den Menſchen auszu⸗
breiten , daß fich die durch Lurus und Lafter von der Na—⸗
tur unſrer erſten Exiſtenz entfernte Zufriedenheit und Ruhe
de8 Gemuͤthes wieder einfinden, und bag goldne und uns
feyuldige Alter der erfien Patriarchen, wovon die Maurer
in allen ihren Liebern fingen, wieder einfinden moͤchte.
Auf der Tafel ift als ein Sinnbild dieſes Ordens,
eine Medaille abazbildet, welche der Bruder €. &. v. Br.
ein fiebenbürgi;cher Edelmann , damaliger Meifter der Loge
zu Halle im Magdeburgifchen 1744 prägen ließ, und auf
weicher die Verbindung des Lehr, Wehr» und Naͤhrſtandes
zur Ausuͤbung der maurerifchen Tugenden und Wiſſenſchaf⸗
ten vorgefteller ift. - Dieſe wird durch den bey einem Glo—
bus figenden Bruder mit allen feinen Drdenszeihen, auf
der einen Seite, und jene durch drey einander veflhals
tende Hände auf der andern Seite abgebildet.
Nun zum Beſchluße noch ein Kied bey der Auf
nabme sines Maurers von & I. Grafen zu Stok
berg:
Wader,
912 Drey und vierzigfte Tafel.
MWacer , Brüder, flinimet an!
Auf ! begrüßt den braven Mann ng
Der in unfern freyen Drben,
Eben aufgenommen worden ;
Der nicht meiß, wie ihm geſchah,
Ob der Wunder, bie er fah !
Lieber Bruder, freue dich !
Wir auch freu'n ung inniglich !
So du als ein Maurer handelſt,
Und der Meisheit Pfade twandelft ,
Huͤllet mit der Zeiten Lauf
Neue Wahrheit dir fih auf.
Senke , Bruder, nicht den Blick
In die Finſterniß zurück !
Forſche tiefer in die Wahrheit!
Von der Daͤmmrung geb zeir Klarheit!
Wandle ſicher, ſtrauchle nicht!
Bis du fleuchſt von Licht zu Licht.
Sey getroft, und achte nicht ,
Mas der Thor und Heuchler fpricht ;
&ie , bie ung im Finftern richten ,
Ligen an die Wahrheit dichten !
Was gehn einen braven Mann
Alle. Splitterrichter an ?
Höre was die Weisheit fpricht :
Thue Recht und zitfre nicht !
‚i Ob ihm tauſend Feinde dräuen,
Wird der Redliche nichts feheuten ;
Weichet weder links, noch rechts,
ouolt ſich goͤttliches Geſchlechts.
Bruder,
Das Steihnig vom barmherzigen Samariter. 913
Bruder , gieb ung beine Hand,
Unfeer Freundfchaft Unterpfand !
Unfer Buͤndniß zu verneuen
Sol fid) unſer Bruder freuen !
Maurer, ſchenkt die Gläfer voll!
Trinkt auf unfers Bruders Wohl.
BEREITETE En LOL ET GR
4.
Gute und fehlechte Sitten der Kinder bey
Tiſche. (Elem. Tab. II. )
Ehige Menſchen haben alles genug — einen guten Tiſch,
ein gutes Einkommen, Kleidung, Anſehen, Bergnis
gen. — Andere aber leben in ſolchen Umſtaͤnden, daß ſie
Speiſe, Kleidung und andere nothwendige Dinge nicht ers
haiten Eönnen , wenn fie ihnen nicht von andern, umſonſt,
aus Mitleiden gegeben werden; dieſe heiffen arme Wiens
fben. Sie müffen zuweilen herumgehen, und bald die—
fen , bald ienen bitten , ihnen etwas zu geben, woran
fie Mangel leiden — oder Geld, mofür fie eg faufen Eön-
nen. Alsdenn heiſſen fie Bettler.
| Ein folcher Bettler fommt hier in dag Zimmer eineg
| zechtfchaffenen Mannes , eben ba derfelbe mit feiner Fa—
milie Mittags bey Tifche fizet. Bey diefer Gelegenheit zeis
gen fich einige gute und fchlechte Sitten feiner Kinder.
| Der ältefte Sohn fieht fogleih , als er den Armen er
| blickt, auf, und giebt demfelben feine Speife, die ihm
‚ eben recht wohl ſchmeckte — Die ältefie Tochter nimmt
ihr Bierglag, und reicht e8 dem Bettler — Aber deſto uns
gezo⸗
914 Dre und viersigfie Tafel,
gezogener ift das übrige Gefchmwifter. Ueber den Anblick
des armen Mannes und feiner zerlumpten Kieider fängt
das kleinſte Kind ein Zetergefchrey an, und wirft aus laus
ter Unruhe und Unvorfichtigfeit fein Biergias um. — Hier
beleidigt ein Knabe feinen Bruder, und nimmt ihm etwas
von dem Teller weg — Gegen über zwey aͤuſſerſt unges
fchliffene Kinder — das eine greift mit der Hand in bie
Schüffel, das andere ſtuͤzt fi) fo auf den Tiſch, als
wenn es nicht munter feyn, ſondern fchlafen wollte.
Bauren, welche fchwere Arbeit thun, nehmen fi) das
einander fo übel nicht, aber bey ung ift eine ſolche Stel—
lung mißfällig — Man nennt ein dergleichen übelgefitte-
tes Kind gemeiniglih einen Grobian.
Vater und Mutter , fo fehr fie über das ſchoͤne Bes
zeigen ihrer mitleidigen Kinder entzückt find, fo fehr be,
trüben fie fich über dag unartige Wefen der übrigen — Drey
von ihnen werden wohl von Tifche auffiehen müffen : der
fleine Dieb, der Grobian, und der Knabe, der im die
Schüffel greift.
RETTET IE FIT KERZE EHETANERENTN 35
REIN m
5.
Heilfame Wurzeln und Säfte, Balfame
und dergl.
Va allen Produkten , welche das Pflanzenreich zur Er⸗ |
haltung der Menfchen darreichet, verdienen dielenigen
Wurzeln, Frücdte und Säfte den erſten Plaz, melde
beg dem größten inmerfichen und aͤuſſerlichen Sa merze
umd in den vornehmſten Leibes - Gefahren die beſten und
ficherfien
k
Das Gleichniß dom barmbergigen Saniariter gIs
fiherftien Dienfte leiſten. Man zehli zu denſelben haupfs
fählih folgende :
{ 1. Hypecacuana, indisnifche Ruhr, und Spey⸗
wurzel. (a) Sie ift eine lange, duͤnne, gebogene, kno⸗
pfichte Wurzel , die viele Eleine Eicher hat, auffen braum
und inwendig weiß iff, ohne fonderlichen‘ Geruch , «ber
von einem bittern und winerroärtigen Gefchmade Die
gelbe folk die befte feyn ; man findet diefelbe auf ber Höhe
der Goldbergwerke — alle aber werden aus Amerika, vors
nehmlich aus Trafilien gebracht. Ihre vornehmſte Kraft
beſteht darinn, daß fie Brechen erregiy zugleich aber auch
etivag Anhaltendes hat, das den Magen und die Gedaͤr—
me wieder ftärket. Man gebraucht fie wider die weite und
rothe Ruhr ; fol auch wider das Fiber und zu Pefizeiten,
gute Dienfte fhun.
2. Edle Rhabarber (b). Sie ift eine dicke, groffe,
dunfelgelbe Wurzel, die wicht gar leicht, und immer mit
toeiffen und röthlichen Adern durchlaufen if. Ste hat
einen ganz bejondern Geruch, und einen fehr ſchleimigen
bittern, anziehenden Geſchmack auf der Zunge. Man
bringet fie meiftens. aus China und Aſien, auch aus Si—
berien und Rußland. Ihre vornehmſte Kraft befeht das
rinn, daß fie gelinde laxirt, und zugleich etwas flärfeg
und anhaͤlt, daß ſie die Galle ausfuͤhrt, und die Wuͤrmer
toͤdtet.
3. Jalappenwurzel (e). Sie iſt dick, laͤnglicht,
zaͤhe und harzicht. Man bringt fie in Scheiben zerſchnit—
ten aus Amerika, und vornehmlich von Madera , wo fie
am haͤuffigſten vortommt. Sie iſt eins der gewoͤhnlichſten
ſtarken Purgirmittel, deren ſich heut zu Tage die Aerzt
bedienen; ſie ſoll aber auch zugleich Schmerzen ſtillen unb
den Schlaf befoͤrdern. 4 Cd ina⸗
in
916 Drey und viersigfte Tafel,
4. China « China, Sieberrinde (d). Sie iſt die
wirkliche Ninde eines Baums von mittelmäfiger Dicke, der
häufig in Amerika , meiftens auf den Peruvianifchen Bers
gen mwächfet. Sie ift raub , und etwas weißlich oder
vielmehr graugelb, moofigt, ven innen glatt wie ein
Zimmet ; von einem ziemlich ſtarken, bittern, widerwaͤrti—⸗
gen Geruche , und einem Gittern, fcharfen gemürzmäßis
gen Geſchmacke. Sie hat ihren Namen nicht von China,
fondern meil die Gemahlin des fpanifchen Viceroi, Grafen
del Chinchon dadurch von dem Fieber geneſen, und bey
diefer Gelegenheit den Furopdern befannt worden iſt. Sie
hat etwas flärfendes, Krampf: fiilendes und balfamifcheg,
und wird daher nicht nur wider bie falten Fieber , fondern
auch wider die gefährlichften Entzündungen gebraucht.
5. Maſtix (e). Es ift ein fihönes, durchſichtiges,
gelblicht weißes und gleichfam in rundliche Tropfen zufams
men gefloffenes Harz, von einem zaͤhen, anhaltenden und
harzigten Gefchmade, und einem angenehmen Geruche,
wenn es angezündet wird. Das befte wird aus Chio, eis
ner Inſel des Agäifchen Meeres gebracht; oder auch aus
Egypten, Syrien und Franfreih. Mean fchreibt ihm eis
ne ermwärmende, flärfende und anhaltende Kraft zu, und
brasicht ihn aͤuſſerlich viel unter ftärfendem Nauchwerfe,
und innerlich zur Stärkung des Magens.
6. Manna (f). Alfo wird ein befonderer, füffer ,
trockener und weicher Saft genennet , der in Kalabrien,
Dftindien, Syrien, Perfien und Ceylon, von einer
rt iunger Efchenbiume, die eine glatte Ninde haben ,
gefammlet wird. Die Materie ift etwas weiß und gelb«
lich , nad dem Argreifen etwas fett, dabey von einem
Honiggerucht, hund im Eeſchmacke ganz füffe. Ihre
vornehmfte Kraft beſteht darinn „dag fie gelinde laxiert,
erweichet
Das Gleichniß vom barmhersigen Samariter, 917
erweichet und auflöfet; daher es gemeiniglich bey Kinders
Krankheiten verorönet wird.
7. Peruvianiſcher Balfam (8). Derfelbe ift ein
ſchweres, flüfiges, harzigtes, natürlihes Del, duns
Eelcoth oder fehwarz, dem Geſchmacke nad) ziemlich fcharf,
und etivag bitter, wach dem Geruche aber angenehm und '
ſehr ſtark, bdurchdringend. Man bekommt ihn von einem
Baume aus Neufpanien, indem man bie Stämme und
Zweige deffelben in ganz Fleine Theile zerfchneidet, diefels l
ber in einen groffen Seffel wirft und wohl mit Waffer auge
focht, und dann den überfchwimmenden Balfam zufants
menfäft. Er ift hisig, zertbeilet und zeitiget die Gefchwis
se, heilet zuſammen und fldrft; ein ganz vortrefflicher
Wundbalfam, der ungemein zugleich reiniget und die grofs
fen Wunden fehr ſchnell zu heilen im Stande if.
8. Momordica, Balfamapfel Ch). Iſt ein bes
fonders Gewaͤchſe, das haufig in Gaͤrten gepflanget wird,
und fehöne, laͤnglichte oder runde, weiche, rothe oder
pomeranzengelbe Aepfel trägt, welche, wenn fie zeitig findy
aufipringen, und ovale, rothe Saamenkoͤrner von fich ges
ben. Das Mark in diefen Aepfein ift Fühlend,, beilend
und anhaltend ; wegen diefem brauht man fie hauptfächs
lich in Apotheken, und macht davon das BalfamäpfelsDel.
Man rühmt daffelbe als ein treffliches, heilendes, line
derndes und Fühlesdeg Wundoͤl, und braucht ed vornehm⸗
lich äufferlich.
D2gg 6,
918 Drey und vierzigfte Tafel. En
en — — nn DE EL a0
6,
Das Hofpital,
9*
sn iedem wohleingerichteten Staate wird nicht nur durch
Stiftungen, Spenden, Allmofen, und allerley Töbliche
Verordnungen für die Armen und Bettler geforgt ; fon«
. dern vornehmlich durch Aufrichtung Öffentlicher Gebäude für
eine ganze Menge fogenannter Hausarmen und Aranfen
die nöthige Verpflegung veranftaltet. in folches Gebäus
de wird Spital oder Kofpital genannt, und befteht aus
vielen geräumigen Zimmern. Dahin gehören vornehmlich) :
die Hoſpital⸗Kirche, welche alfo gebauet feyn muß,
daß auch die Kranken und Bettlägerigen die Predigt mit
anhören Finnen ; die KAranfenftube, in melder eine
Menge kranker Perfonen zugleich beherberget und gewartet
werden Finnen ; die Apotheke, die Zimmer, für ein
gele, etwas bemittelte Hofpitäler, die Wohnzimmer für
den Spitalmeifter, Prediger, Doftor , Chirurgus, Frans
fenwärter und alle dieienigen Leute, die dem Spitale dienen.
An manchen Drten, z. E. in £onden, Paris, Bers
lin, Würzburg ıc. findet man viele und große Hofpitäler,
welche mit unbefchreiblihen Koften und mit Föniglicher
Pracht, zur Verpflegung vieler hundert’ Armen und Kran.
fen erbauet wurden. Die größten Eöniglichen Hoſpitaͤler
find, auffer dem nvalidenbaufe und dem Lazareth la Chas
rite zu Berlin, bie zu Chelfes und Greenwid in Kings
land. Das erftere ift für unvermögende und beiahrte
Soldaten befiimmet, deren Anzahl fich auf 400 und drüber
belauft, welche alle, nicht nur gekleidet, und gefpeifet,
fondern
Das Gleichniß vom barmherzigen Samatiter. 919
fondern auch wöchentlich mit einem Solde verfehen werben,
Das prächtige Hofpital zu Greenwich ift für Seeleute
geftiftet, welche, wegen ihres hoben Alters, oder wegen
Bleffuren nicht mehr zur See dienen fünnen. Auch diefe
befommen iährlich ein gutes Gehalt an Gelde und allen Des
dürfniffen, indem der König aus feinem eigenen Schaze,
von Jahr zu Sahr, eine große Summe zu diefer Abficht
beſtimmt. Die Gebäude felbft, die dazu gehören, find
mit den prächtigften Gärten verfehen und haben durchaus
das Anſehen koͤniglicher Paläfte.
| Noch prächtiger ift dag Invaliden Hoſpital zu Das
vis. Daßelbe ließ der König Ludwig X7Y7, mit großen
Koften, 1671, am Ende der Vorſtadt St. Germain aufs
richten. Es befieht aus einem regulairen Vierecke, mels
es ı7 Morgen Lands einnimmt, 4 Stociwerfe hoch ift
und fünf Höfe hat, davon der mittelffe viermal fo groß
iſt, als die zween Höfe auf beyden Seiten. Hinten ſtehet
eine prächtige Kirche mit den vortrefflichfien Mahlereyen
und Statuen. Der König wollte in diefem Gebäude feine
alten, duͤrftigen, preßhaften Soldaten verforgt wiſſen,
und es murden beftändig über z00 Dfficierg und 3000 Ges
meine darinnen unterhalten. Bon ienen find allezeit zwey,
von diefen 4, 6, auch ıo in Einem Zimmer, Die Off
ciers fpeiffen in einem Eßſaale, an verfchiedenen Tafeln ;
die Gemeinen in etlichen fehr großen Eßſaͤlen, in welchen
an den Wänden die vornehmfien Schlachten, Eroberungen
und andere große Krieggbegebenheiten des Koͤniges abges
mablet find. _ Sie werden alle zwey Jahre blau gefleider
und befommen ihren Sold. Die Kranken und Bertlägeriz
gen befinden fich in verfchiedenen Sälen, in welchen alleg
fehr reinlih und fauber gehalten wird. Es wird
allen auf das .fhärffte verbotten zu fluchen , zu faufr
Daga fen
920 Drey und viersigfte Tafel.
fen und andere Thorheiten zu begehen, und merben die
Uebertretter hart beftrafl. Die Gefunden müffen entweder
die Kuͤnſte und Arbeiten treiben, die fie in ber Jugend ges
lernet haben, oder Tapeten wirfen — und es wird ihnen
alle Arbeit bezahlt, in eben dem Preiſe, als man diefelbe
von andern Handwerkern befonmt. Kurz, die Einrichtung
diefes erften Gebäudes in feiner Art ift fo gemeinmüzig ale
bewundernswuͤrdig.
In kleinen Städten muͤſſen ſich die Spitäler einkaus
fen, und Eoftet ihnen diefe Wohlthat bald mehr, bald wes
niger , ie nachdem ihre Verkoͤſtung und Pflege mehr oder
weniger gut und Foftbar if. Lie müffen unter einander
file und zufrieden leben. — Dieienigen aber, welche
die Aufficht über das Hofpital haben, ſtrenge über gute
Ordnung und Neinlichkeit halten, und burch Gewiffenhafe
tigkeit, Mitleidven und Gedult fih Dank, und Segen von
Gott erwerben.
Hieher gehoͤren auch noch: 1) Die Kazaretbe, wel«
ches gemeiniglich aufferhalb der Stadt angelegte Kranken,
und Siech- Häuffer find, in welchen fowehl zu Kriegs» al®
Sriedeng » Zeiten alle unbrauchbare.. blefjürte Soldaten, auf
Anordnung und Koften der Stadfobrigfeit verpfleget und
gewartet werden; 2) Die Kontumaz⸗Haͤuſſer, oder
dieienigen Derter, die von der Dbrigkeit dazu angemiefen
find, dag Perfonen und Waaren, melde aus Gegenden
fommen, die anſteckender Kranfheiten halber verdächtig
find , defelbfi Die Quarantaine halten, d. i. 40, oder
weniger, Tage, oder überhaupt fo lange verweilen müffen,
als e8 ver Gefundheitd.- Math oder Sanitäts: Rollegium
des Ortes für gut und nöthig findet ; 3) Die Peſt-⸗Haͤuſ⸗
fer, wohin vornehmlidy zur Zeit der Peſt, oder anderer
anftectenden Krankheiten, die ärmfien und elendeften Kran«
fen
Das Sleihniß vom barmherzigen Samariter. 921
fen gebracht werden; 4) Die Sindels und Waifenhäufß
fer, in welchen ganz arme, verlaffene Sundlinge, d. i.
von unbekannten Eltern weggefezte Kinder, big zu dems
ienigen Alter verforgt werden, da fie fich felbft durch eine
Handarbeit ernehren, ein Handwerk lernen oder fonft eine
Lebensart wehlen können. Das merfwürdigfte Waifens
baus ift das zu Halle, welches aus vielen groffen, zum
Theil aufferordentlich langen und hohen Gebduden befteht,
viele Güter, Gärten, zwey Buchdrucdereyen (in deren eis
ner lauter Bibeln gedruckt werden) einen groffen Buchla—
den, £reffliche Apothefe, Seidenfpinnerey hat. Zweyhun⸗
bert Waifenfinder erhalten bier umſonſt ihre Kleidung, ihr
Eſſen, ihren Unterricht, und alles was fie nur nöthig has
ben. Etliche Hundert fremde Schüler wohnen bier für ihr
Geld, und gehen in die Schule, wo fie alleriey nüzliche
Sachen lernen koͤnnen. Endlich gehören noch bieher
5) wolthätige Privat» Anftalten, z. €. die berühmte
Senfenbergifhe Stiftung in Franffurt am Mayn, wos
rinn arme Bürger der Stadt ihre Verſorgung finden.
Senfenberg, ein Frankfurtiſcher Arzt, ſchenkte 95000
Gulden zu Aufführung eines Hoſpitals, zu Unterhaltung
der Armen, und zu Beſoldung der Aerzte, Aufmwärter und
anderer Perfonen, die bey ſolchen Anftalten nöthig find.
Diefer wolthätige Dann hatte aber nicht das Vergnügen,
die vollfommene Einrichtung davon zu erleben ; er fiel, da
er einft dee volldrachten Arbeit nachſehen wollte, von eis
“ nem hoben Geruͤſte herunter; blieb, weil bazumal niemand
im Gebäude war, etlidhe Stunden lang halb fodt in feinem
Blute liegen, bie man ihn endlich fand, und nach Haufe
trug, worauf er bald ſtarb.
Q2qg3 —
622 Drey und viersigfte Tafel.
7:
Eine Biene und eine Taube,
G.. Biene fiel in einen Brunnen , bag arme Tihierchen
arbeitete aus allen Kräften, wieder ans Land zu fommen,
aber vergebeng!
Noch zu rechter Zeit ward eine mitleidige Taube ih—
rer Roth gewahr, warf ihr eilends ein Aeſtchen von
dem Baume herunter, der an dem Brunnen fiand, und
errettefe fie damit von dem nahen Tode.
Nach einigen Minuten, als ihre Flügel wieder tro—
cken waren, zielte ein Jäger hinter einem Strauche, mit
feiner Slinte, nach diefer gutherzigen Taube.
Das fah die Biene, fchwang ſich gefhmwind auf bie
Hand des Jaͤgers und flach ihn, daß er vor Schmerz jähr
lings mit dem Arme zucte. Ueber dieſes Geräufch ers
fchrad die Taube, und flog fehnell davon.
Niemand findef in Noth leichter einen Helfer, ad
der, welcher felbfi den Nothleidenden gerne benfteht.
Und wer wollte dag nicht ohnehin mit Sreuden thun ?
EEG IER
we u IE TI
=.
Gaftfrenheit der alten Griechen und Römer,
HN, es in ben älteften Zeiten Feine öffentlichen Herbergen
und Gaſthoͤfe gab, in welchen Fremde und Neifende, mie
beut
Das Sleichniß vom barmherzigen Samariter. 923
heut zu Tage, mit aller Bequemlichfeit bedient werden
fönnen, fo entffund gar bald unter allen Voͤlkern die
Saſtfreyheit, das ift, ein gefälliges Beftreben, Neifende
aufzunehmen und zu bewirthen. So verbanden fich z. €.
unter den alten Griechen und Roͤmern, gewiſſe Perfonen,
die an umterfchiedenen Orten wohnten, zufammen, auf
Reiſen einander niht nur in ihre Wohnungen aufzunehs
men , fondern auch mit Speife und Trank, und was fonft
nöthig war, beſtens zu verforgen. Diefer Vertrag wurs
de das Gaftrecht genennet, weil beyde Theile durch Auf:
richtung deffelben, ein. Necht erlangten, frey bey einans
der einzufehren, und allerley Vortheile aus diefem Buͤnd⸗
niße zu ziehen.
Die Aufrichtung diefes Bundes wurde auf eine ges
doppelte Weife gleichfam geheiliget und feyerlich gemacht;
fowohl durch Anruffüng der höchften Gottheit, welche ihre
Rache am demienigen ausüben follte, der die Gaſtrecht
verlegen würde; als durch Erwehlung eines gewiſſen aͤuſ⸗
ferlihen. Kennzeihens, das allen Betrug in diefem Vers
trage verhüten follte, und welches fie Tefferam bofpitas
lem nannten... Dieß war ein Täfelchen von gebranntem
Thon, das man zerbrach, und beffen einen Theil fodann
ber Eine,: den andern. Theil aber der Andere nahm, bie
Beyde mit einander eine . Gaft»-oder Herbergungs , Sreunds
fchaft errichteten. Wenn dann der Eine z. E. zu Nom,
der Andere aber zu Athen wohnte, und es Fam biefer,
oder einer von feinen Leuten oder Nachkommen zu Tenem,
oder jener zu Diefem, fo nahm ieder fein halbes Täfels
chen, und hielten beyde Theile oder Stücde zufammen,
welche Handlung auf der Tafel abgebildet if. Wenn nun
der Bruch recht zufammen traf, fo wurde die Tefjera für
süchtig erkannt, amd folglich dem Anfommenden Herberge
2994 und
924 Drey und vierzigfte Tafel.
und alles gegeben, was er ald ein Fremder nöthig hafte,
Eine ſolche Freundſchaft Texte man hernach auf. Kinder und
Nachkommen, felbft auf Bediente, und fo lange fort, ale
nicht von einem oder bem andern Theile wider den geirofs
fenen Vergleich gehandelt wurde. Geſchahe dieß, fü hats
te die gegenſeitige Freundſchaft ein Ende — Die Teſſera
wurde zerbrochen. FERN
Aufferdem Fam es bey diefem Gaſtrechte nicht auf bie
bloffe Bewirthung an; die Eontrahirenden Theile verbanden
fih) auch, einander im Fol der Noch, mit Haab und Güs
tern, ia mit Leib und Leben beniuftehen. Und man muß
e8 den alten Römern zum ewigen Ruhme nachfagen, daß
fie auch in diefen ihren Verſprechungen Wort hielten, die
Gaſtfreyheit aufs Hoͤchſte trieben, und benienigen für ben
allerfchlehteften Drenfchen hielten, ber diefen ihnen fo hei«
ligen Gerechtſamen entgegen handelte,
Auch wurde dieſes Gaftreht nicht nur mit Privat⸗
Derfonen, ingleichen nicht nur mit einzelen Königen und
Hrinzen, fondern felbft mit ganzen Städten und Kenigreis
chen von ben Griechen , Römern und anderen Nationen
aufgerichtet, welches oft weit mehr auf fich hatte, als
die heutigen Allianzen. Könige und andere Stanbed.Pers
fonen pflegten auch an Einem Drte mehr als Einen Gaſt⸗
freund zu haben — Big endlich diefe loͤbliche Gewohnheit,
durch die Untreue ber Freunde, nad) und nah fich verlohr,
und öffentliche Gafthäuffer angelegt wurden, in welchen
die Keifenden, anfangs umfonft, auf Koften des Staats,
in der Folge aber vor ihe Geld bewirthet wurben.
5
Das Sleichnig vom barmherzigen Samariter. 925
en mn nn rn a
9.
Edles und edel belohntes Mitleiden.
Ein Landprediger bey Verdun in Frankreich, der etwas
abgelegen wohnte, fand im Winter 1779 am Wege eine
reiſende Judenfamilie, die aus Mann, Frau und zwey
Kindern beſtund, und beynahe erfroren war. Hundert
andere hätten vielleicht gedacht, was gehen ung bie Ju—⸗
den an — finds doch feine Chriften — Feine Glaubensverwands»
te — vielmehr oͤfters Feinde und Betrüger der Chriſten —
laßt fie umfommen — und fo teiter. Allein unfer
Geiftlicher bewies, daß er verdiene ein Jünger des groffen
Lehrerg zu feyn, der ieden Schritt feineg Lebens mit
Wohlthun bezeichnete. Er nahm die Ungläcklichen in fein
Haus, und erwärmte fie wieder zum Leben.
Anden dieß geſchahe, fo fühlte die Frau die Zeugen
ihrer nahen Entbindung. Der Pfarser ließ fofort ein Wo,
chenbette auffchlagen , und in furgem kam fie mit einen
Sohn nieder, ber aber, aller vom gütigen Wirth ihm
verfchafften Huͤlfe ohngeachtet , am britten Tage ftarb.
Der Pfarrer ließ die Sjuden zu Mez davon benachrichtis
gen , bie den Körper abholten, um ihn nach ihrer Weis
fe zu beerdigen. Noch drey Wochen behielt dieſer Ehr⸗
würdige die arme Familie bey fih, pflegte ihrer aufs bes
fie, und gab ihre bey ihrer Abreife, noch Geld und Les
bengsmittel auf den Weg. Dran denfe fich felbft, mit
welchem Strome von Freubenthrenen biefe fo unerwartet
mit Wohlthat überhäufte , gerettete Ungluͤckliche dem
Meunfchenfreunde beym Abfchiede dankten. —
QDq495 Aber
926 Drey und vierzigſte Tafel.
Aber auch die Judenſchaft su Mez bewies , daß fie
fähig fen das Schöne diefer That zu fühlen. Sie befchloß h
diefen Schuzgott der Ihrigen nicht nur lebensling mit
Kaffee und Zucker zu verforgen, fondern fchenfte ihm auch
eine prächtige goldne Uhr, mit der auf dem einen Gehäus
je emallirten Gefchichte des barmberzigen Samariterg.
Vier
927
VETERAN TEUER TEN
Bier und vierzigfte Tafel,
I,
Das Gleichnig vom verlohrnen Sphne.
A⸗ Chriſtus einmal bie Phariſaͤer und Schriftgelehrten,
die ſeinen oͤftern Umgang mit verderbten Menſchen
tadelten, von der Unrichtigkeit ihrer Vorzuͤge uͤberzeugen,
und ihnen zeigen wollte, wie angenehm ihm, und Gott
dem himmliſchen Vater, die Buſſe eines reuenden Suͤnders
ſey, ſo erzehlte er ihnen folgendes Gleichniß:
Ein reicher Mann hatte zwey Soͤhne. Der iuͤngere,
welchem die Aufſicht ſeines Vaters und die gute Ordnung
im Hauſe nicht mehr anſtehen wollte, entſchloß ſich, ohne
weiteres Ueberlegen, in die Fremde zu gehen. Zu dem
Ende forderte er von feinem Vater benienigen Theil feines
Vermögens, welcher ihm, nac) feines Vaters Todt, als
fein Erbtheil fonft zugefallen wäre, um mit demfelben nad)
SHerzensluft zu ſchalten und zu walten. Der gute Vater wils
ligte, vermuthlicy nach vielen Borftellungen, in das uns
geftümme Anhalten des Sohnes, und gab ihm feinen Ans
theil. Nach dem der Juͤngling groffe Zuräftungen zu feis
ner vorhabenden Neife gemacht hatte, fo zog er endlich
weg, und begab fich in fremde Länder (c).
Nunmehr war er fein eigner Herr und Meiſter. Bis
dahin hatte er noch niemals fo viel Geld in feiner Gewalt
gehabt — er glaubte alfo, er Finde damit gar nicht fers
tig
928 Bier und viersigfte Tafel.
tig werben; unb fieng daher ein dufferft Iüderliches Leben
an (a). Freßen, Saufen, Spielen, prächtige Kleider
und befonders der Umgang mit lüderlichen Weibsperfonen
brachten ihn in kurzer Zeit um alles, mag er hatte. Jezt
far er ärmer als ber gemeinfte Bettler. Seine falfchen
Freunde verlieffen ihn, ſobald fie nichts mehr zu zehren fan«
ben; er ward von benen verachtet und verftoffen, bie ihm,
als er noch rei war, die tiefſten Komplimente gemacht
hatten. Diefe plöglihe Neränderung — ber Gedanke,
wie gut er eg vormals bey feinem Water gehabt und noch
haben Eönnte, wenn er ed nicht auf die unverantwort⸗
lichfte Weife verfcherzt Hätte — wie er ba unbeforgt geef-
fen, und unter feinen Freunden ruhig und freudig gelebt
hätte — Alles diefes zufammengenommen, machte ihm feis
nen iegigen Zuftand noch unleidentlicher ; dazu Fam, baß
er fich der Hülfe und Barmherzigfeit anderer durch böfe
und ſchwere Zeiten beraubt fahe, weil eben in den Lande,
da er ſich iezt aufbielt , eine große Hungersnoth einfiel,
und feine Bekannten Faum Brod genug für fich feldft hats
ten. Bol Verzweiflung , halb verhungert und ausgezehrt,
weiß er nicht wo aus noh an. Heim zu kehren, und
feinen Vater um Vergebung zu bitten, dazu bat er, mits
ten in dieſer Aufferffen Noth noch zu viel falfhe Schaan ;
und er entfchließt fich zulezt, lieber einen Einwohner bies
ſes Landes zu bitten, daß er ihm. feine Schweine hüten
börfe, in Hoffnung dafuͤr doch fo viel zu erhalten, daß er
nicht für Hunger flürbe. Diefer Mann erlaubte es ihm —
ba häfte er gerne mit Kleyen, und Speifen, bie man
fonft nur den Thieren giebt, feinen Hunger geflilt; aber
man gab fie lieber den Schweinen , als ihm.
Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 929
In diefen Umftänden (b) gieng endlich der elende
Menfch in ſich felber. Da er meiftend, während bem er
feine Heerde hütete , alleine war, fo hatte er Zeit genug
zum Nachfinnen. Sch bin in den erbärmlichfien Unfiäns
den, mußte er denken, aber durch meine Schub. Die
einzigen, die e8 in der Welt recht gut mit mir meinfen,
meinen Vater, meinen Bruder und meine Berwandte babe
ich böchlidy beleidiget , und darf mid) nicht vor ihnen fe
ben laffen. Doch — mein Vater ift auch ımausfprechlich
gut, und wer weiß, menn ich nach Haufe kehre, und er
fieht , daß mir meine gottlofe Aufführung recht von Hers
zen leid ift — vielleicht verzeiht er mie dann, und nimmt
mich zum wenigſten auf die Probe wieder, für einige Zeit
in fein Haus auf. Er hat viele Taglöhner, die fih von
ihrem Dienfte nähren, und ich verderbe vor Hunger und
Mangel. Ih will ihm doc gerne Kuechtesdienfte thun,
wenn er mich nur wieder zu Önaden annimmt. Dieſe gu—
ten Gedanken ließ der arme Sohn nicht erfalten, fondern,
nachdem er von feinem Herrn Abſchied genommen hatte,
macht er fich fogleich auf vie Reife — Als er nun nach
einen befchwerlichen Maͤrſch, endlich in feiner Heimath anges
langet war, fo erblickte ihn von ohngefehr fein Vater
fhon von ferne, und erkannte feinen Sohn, ob er gleich
vor Hunger ganz abgezehrt, und von zersiffenen Kleidern
vollends entfiellt war. Der Anblick eines ehemals fo lies
ben Kindes, das er für verlohren hielt, erbarnte ihn
inniglich, umd ließ ihn nicht Zeit, an die Vergehungen
feines Sohnes zu denken. Er läuft ihm entgegen , fällt
ihm um den Hals und Füffet ihn (d). Der Sohn Fann
fo viel Güte nicht begreifen, und ruft, vol Empfindun.
gen feiner Unwuͤrdigkeit, unter lautem Seufzen aus: Bas
ter ! Vater ! Ich babe mich gegen Gott und bich ſchwer
Dars
930 Vier und vierzigfte Tafel.
verfündiget, ich bin nicht mehr werth, bein Sohn zu heiſ—
fen — Mad) aus mir — Der gute Vater läßt ihn nicht
weiter reden, fondern führt ihn fogleih in das Haug,
heißt ihn von feinen DBefchwerlichfeiten ausruhen, und
ruft feinen Knechten, baß fie ihm SFeftkleider bringen, mie
man nur ben aufferordentlichen freudigen und wichtigen
Anläffen zu tragen gewohnt if. Nachher befielt er, eine
Malzeit zu rüften. Der ehrlihe Vater läßt feiner Freude
ungeftört den Lauf — er zeigt allen feinen Hausgenoſſen,
wie groß biefelbe ſey. Schafft alles berbey, fagt er,
was meinen lieben Sohn, der mir fo unverhofft aus frems
den Landen zurück Fommt, erfreuen und erquicken fann.
Nehmt alle an meiner Freude Theil, und macht euch an
diefem Tage luſtig. Die Hausgenoffen laſſen ſichs nicht
zweymal fagen. Alles war frölich und guter Dinge, als
eben der ältere Sohn, welcher bey der Anfunft feines Bru-
ders auf den Guͤtern feines Vaters war, nad) Haufe Fam.
Als er nım das Singen und Frohlocken im Haufe hörte,
fo rief er einem Hausfnechte, und fragte, mag das für
ein Lärm fey ? Diefer fagt eg ihm! Sein Bruder fey
wieder gefund nach Haufe gefommen ; der Vater fey dartis
ber voller Freuden und habe eine Föftlihe Mahlzeit zube—
reiten laffen. Als der Bruder das hörte, ward er ganz
verdrüßlich , und mollte nicht hineingehben. Es däuchte
ihm, daß es nicht recht wäre, mit einem durch eigne
Schuld verdorbenen Menfchen, fo viele Umftände zu mas»
chen, ber vermuthlich nicht aus Neue, wegen der began—
genen Fehler, fondern vielmehr nur darum nach Haufe Fäs
me, um von feinem Vater frifches Geld zu holen, und
ihn, ben ältern Bruder, an feinem Antheile zu verfürzen.
Als
Das Gleichniß vom verfohrnen Sohn. 921
Als nun der Water erfuhr, daß er nicht bineinffons
men wollte, gieng er zu ihm hinaus, und ſuchte ihn zu
befriedigen und eines Beffern zu belehren. Allein anſtatt
den Bitten des Vaters nachzugeben, machte er ihm Vor—⸗
wuͤrfe, und fprach zu ihm : Sch Fann es doch auch nicht
begreifen, mein Vater , von meiner Kindheit an bin ich
dir gehorfam gemwefen, und habe mich immer fill und ors
dentlich aufgeführt, und du haft mir mit meinen Freuns
den nie ein Zreudenfef gegeben — haft mich auch fonft ,
auf feine Weiſe, im Geringflen vorzüglich betrachtet. Und
nun kommt der Bruder heim, nach dem er fein Erbtheil
in lüderliher Geſellſchaft verſchwendet hat — und eg ift
eine Freude, als ob ein Engel vom Himmel fime —
Nein, ich mag nicht hineingehen — dag nagt mir faft dag
Herz ab. Der gute Vater aber , ben diefe unbilligen Bors
würfe zwar ſchmerzten, aber nicht bife machten, erwies
derte ihm : Mein Sohn, du bift ia von Kindesbeinen an
bis auf iezt beftändig bey mir gewefen ; und alles was
mein war, dag war auch dein. Wo habe ich iemalg etwas
vor dir verborgen, oder dir eine Freude, um bie du mich
gebeten haft, abgefchlagen ? Du haſt alſo Feine Urfache
mißvergnügt zu feyn, fondern vielmehr dich zu freuen,
daß dein Bruder, ben mir für zeitlich und ewig verlohren
fchäzten, über fein lüderlihes Leben in fich gegangen ,
und wieder bey uns ift. Einmal mir iff, als wenn mir
‚mein Sohn von einer Krankheit, an welcher er wahrs
-fcheinlicher Weife hätte fterben follen, wieder genejen waͤ—
re — Komm hinein, mein lieber Sohn! und fidre die
Sreude diefes Tages nicht durch deinen Unmutb !
EATLISTERR
Mie
932 Vier und vierzigfte Tafel.
Wie bey den Threnen feiner Kinder
Kein Vaterherz verhärtet bleibt;
Sp Ffehrt dein Herz fi gegen Sünder,
Die wahre Demuth zu dir treibt.
Kein Vater fieht dem Kind, wie bu,
Dem reuevollen Sünder zu !
Vol Liebe, voll Barmherzigkeit,
Biſt du ihm zu verzeih'n . bereit !
— GREEN
2,
Unbefonnene Söhne.
—
I bier (a) ein Saufgelag von iungen Leuten, bie
zum Theil zu viel getrunfen haben. Bier, Wein, Kar
ten, Tobackspfeifen und einige Stoͤcke liegen auf dem Ti-⸗
fche. Einer droht dem andern mit dem Stode. Diefer
andere hat an den Erften fo viel Geld verfpielt, als ihm
ber Vater gefendet hatte, einige Monate davon zu leben.
Sm Werdruße und halber Trunfenheit befchuldigte er den
‚ Gewinner, betrügerifche Künfte gebraucht zu haben. Der
Beleibigte droht mit dem Stoce. Der Beleidiger aber mil
fih wegen diefer Befchimpfung mit dem Degen rächen,
und die Sache. kann bis zum Morde gehen, wenn nicht |
Klügere in der Gefellfchaft find, die den Duell verhindern.
Doch zwey davon fcheinen fo vernünftig zu feyn und Fries
ben machen zu wollen. Dan hat gefagt, dieſe beyden
waͤren gut erzogen und folgfam gewefen. Der Eine hät |
te fih damals ſchon für einen Kandidaten eines anfehnli-
hen Lehtamtes angeſehen, und der Andere hätte gehofft,
Präfivent in dem Rathe einer großen Stadt zu werden; |
und
Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 933
and diefe Hoffnung haͤtte fie beyberfeitd zum Sleiffe im Stus
diren und zu ordentlichen Eitten angetrieben. Aber fie
waren doc) jo unvorfichtig, fi in dieſes Gelag zur begeben.
Echt (b) einen elenden zerlumpten Menſchen in
die wohlgezierte Stube feines glürflichen Bruders kommen.
Der Bettler hatte im zwey und zwanzigſten Jahre eben
fo viel ererbtes Vermögen, als fein Bruder, Aber er
hatte fich zur Verſchwendung und Lüberlichkeit verwöhnt.
Und weil er bis ins vier und zwanzigſte Jahr Vormuͤnder
hatte, benen er feine Ausgaben nicht entdecfen Fonnte,
fo borgte er von Wucherern auf eine fo unbefonnene Weis
fe, daß er ihnen hernach das Fuͤuffache bezahlen mußte,
Durch fortgefezte Verfhwendung und Faulheit wurde er
bald fo arm und fo Fränflich, daß das Elend ihn endlich
zwang, aus entfernten Landen zu feinem Bruder zu Fonts
men, und ihn um Hülfe zu bitten. Man ſeze nun vors
aus, baß fein Bruder ein gütiges Herz hat, mag kann er
dem zur Faulheit und Lüderlichfeit verwoͤhnten Bruder
thun ?_ Er wird ihn fo gut ald möglich, von feinen Kranf-
heiten heilen laffen, in diefer Zwiſchenzeit nothdürftig naͤh—
ven und kleiden, und alsdann ihm Gelegenheit vers
fchaffen, fich durch Arbeit, die ihm wegen der Ungemohtts
heit fehr fauer werden muß, felbft zu helfen. Denn durch
geöffere Hilfe wird ein Menfch, der lange Zeit ein Tauges
nicht gewefen ift, gemeiniglich zur Fortjezung feiner Lafter
veranlaffet und deſto elender. Wie wird es biefen Mens
fchen Fränfen, durch eigene Schuld fih zu einer folchen
Lebensart erniedriget zu fehen, welche denen, bie feldft
Schuld daran find, fchimpflich und befchwerlich iſt, meil
fie nicht von Jugend auf, wie bie Kinder des groffen Hau—⸗
fens daran gemöhnt find !
Nee 2.
934 Dier und viersigfte Tafel.
N Tr A TELETIEER
er
Beruͤchtigte Straffenräuber und Betrüger,
om hier in der Mitte Cb), an einem fehr hoben eis
fernen Galgen den berüchtigten Juden Joſeph Süß Op—
penbheimer, welcher 1738, d. 4. Febr. zum Frohlocken
Vieler, in einem ſechs Schuhe hoben Käfig, vor Stutts
gard gehangen wurde. Diefer Mann, deffen Glück und
Unglü in wenig Jahren auf das Hoͤchſte gefliegen iſt,
mar aug der Pfalz gebürtig, und ſchwang fich durch tau⸗
fend Betrügereyen immer höher, und endlich bis zum
bochfürftlich - Würtenbergifchen fogenannten geheimen Fins
anzrath und Kabinets. Fiffal. Er misbrauchte die Gnas
de und das Vertrauen feines Fürften auf das fchandlich«
fe — verurfachte durch Verſchlimmerung des Münzwefeng,
Berkauffung der Aemter und gewinnſuͤchtige Verpachtungen
ein allgemeines Murten, und fchweifte in allen nur ers
dentlichen £aftern aus; bis er endlich zum Galgen reif,
und zu demſelben, im benannten Jahre, auf- einem
Schinderfarren geſchleppt wurde, ohne nur die geringfte
Reue oder Anzeige der Befehrung zu Auffern.
Lips Tullian (a) oder eigentlich Elias Erasmus
Schoͤnknecht aus Strasburg gebürtig. Ob ihn gleich feis
ne Eitern fieißig zue Schule fchickten , fo lernte er doch
nichts, umd wurde ihm daher von feinem rechtfchaffenen
Vater oft gejagt, daß er endlich, weil er ihm nicht fols
gen wolle >dem Henker werde folgen müffen. Er nahm
anfangs Sriegsdienfte an, mußte aber diefelben nach eis
nem Duelle verlaffen; darauf er unter eine bife Rotte
fan;
Das Gleichniß dom verlohrnen Sohn. 935
kam, und gar bald feine erjte Probe bey umterfchiedenen
Sirchenräuden und Diebeſtaͤhlen in Prag machte. Er bes
gieng darauf, in Einem fort, die anſehnlichſten Diebes
reyen, vornehmlich in Sachſen; wurde etlichemal gefan«
gen genommen, fund bie fchreeflichfien ZToriuren aus,
machte fich aus den ficherften Gefängnißen frey, fieng feis
ne Schandthaten allezeit wieder aufs Niue an, und wurde
endlich dag Haupt einer großen Diebsbande. Nachdent
er num gegen funfzig große Naubereyen, und dabey auch
einige Mordthaten begangen hafte, wurde er enblich ers
griffen, und nachden er fi) noch recht gut zu feinem En⸗
de vorbereitet hatte, 1715, vor Dresden mit dem Schwerds
te vom Leben zum Tode gebracht. Ihm war Feine Mauer
zu dicke, Feine Thür, feine Kette, Fein Schloß zu flark; er
wußte überall durchzutommen und feine Befreyung zu fin
den.
Cartouche (c), ber feinfte Spizbube, den iemals
die Welt geſehen bat — der, Wenn er fi von Jugend
auf einer guten Leitung überlaffen hätte, ohne Zweifel alg
einer der größten Geifter und der nuͤzlichſten Weltbürgee
auf dem Erden⸗Schauplatze erichienen ware. Er zeigte eis
nen jo ducchdeingenden Verſtand, gefchwinde Befonnenheity
unverzagies Werfen und Höflichkeit, daß die größten Rechts⸗
geleheren in feinen Verbören oftmals erfiaunten — und
viele Prinzen, Staatsmänner und Gelehrte ihn in feinem
Gefängniße befuchten , die bewundernswuͤrdige Fertigkeit
feines Verftandes in den Flügften Neden und Antworten
wahrzunehmen. Seine Diebereyen waren fo feltfan, und
er führte diefelben durchgehends mit foicher Liſt und Bes
hendigfeit aus — und viele feiner Unternehmungen waren
ſo vol DVermeffenbeit und Uebermuth, daß das gemeine
Volk ihn fehr lange für einen Zauberer hielt. Denn oft
RNrr2 hörte
936 Vier und vierzigfte Tafel.
hörte man an vielen Drten zugleich von ihm und feinen
Diebereyen; und Paris , und andere groge Städte in
Frankreich wurden durch ihn in die größte Furcht geſezt.
Er war das Haupt einer nach und nach auf tauſend, an«
wachſenden Bande, unter welchen er fich das Anfehen ei-
nes Generals zu geben wußte. Er und feine Nette führe.
ton öfters Kanonen mit fi, und fezten damit ganze Dorf⸗
ſchaften in Contribution. Er hatte die befte Erziehung
von der Welt; da er aber frübzeitig fih zum Spiel gewoͤhn⸗
te, fo wurde ihm daßelbe bald zur Leidenfchaft, und da
fein Geld nicht hinreichte, zur Gelegenheit zu fehlen und
fich mit Diebggefellen zu verbinden. Er wurde bald mit
den verfchlagenften Feuten bdiefer Art befannt, und feine
natürliche Anlage half ihm fchnelle, fie alle zu übertreffen,
und durch Liſt, ſchnelle Verkleidungen, unglaubliche Ges
ſchwindigkeit und unbeweglichen Muth allgemeines Erfiaus
nen zu erregen. Sehe oft ward fchon das Haus oder
das Zimmer, in welchem er war, mit Wache befezt, nd
er entkam glüclih , und fagte es daben allezeit den Um—
fiehenden, daß er Cartouche wäre. Es wurde ein grefs
fer Breis auf feine Gefangennehmung gefezt, und gemeis
niglid) machte er dem das hiflichffe Kompliment, der ihn
ſchon gewiß zu arretiren glaubte, und entfam — Standes⸗
perfonen entdeckten oft in Affambleen den Wunſch, Lars
touchen fennen zu lernen, und es fund nicht lange an,
fo war er, in irgend einer Verfleidung, in der Gefeufchaft ; ober
er befuchte fie als ein ausiänbifcher Fürft sder Graf, er⸗
gehlte vieles von Cartouchens Streihen, fagte es endlich
beym Weggehen, daß ers felbft fey, und dankte für alle
kiebe und Zuneigung. Bo hinfergieng er felbft den dama⸗
figen König und die Königinn von Franfreih, und man
fagt, daß ex oͤfters, unerkannt, bey der Föniglichen Fa
milie
Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 937
milie Audienz hatte, und bey Hofe als ein fremder Las
vallier fehr beliebt war. Ueberhaupt verdient fein Leben,
das weitläuftig in einem eignen Buche befchrieden ift, geles
fen zu werden — um den Echluß beftätiget zu finden:
Fann es Kift und Verfiblagenbeit fo weit bringen,
wie viel wird erit Ducdydringender DVerftand, mit Tus
gend verbunden, s«usrichten Fönnen ! Endlich Fam
doch feine Stunde — er wurde gefangen genommen, und
1721 zu Paris, im as Jahre feines Lebens, gecädert.
/ Fohann David Wagner, gemeiniglih Mauſeda⸗
vid genannt (d), war gleichfals einer der liftigffen und vers
ſtockteſten Diebe und Kirchenräuber. Er war von Pro»
feſſion ein Müller, kam aber frühzeitig unter boͤſe Gefells
fchaft, da er fih anfangs an das Spiel, und in der Kol
ge an Diebereyen gemöhnte. Db er gleich darüber etliche—
mal ertappt, und gefänglid eingezagen wurde, ward er
doch nicht anders Sinnes. Er blieb hartnaͤcktg bey feiner
Bosheit — läugnete gemeiniglic, alles das wieder, was er
bereit8 unter der Tortur eingeftanden hatte — lief fi ,
auch bey feiner lezten Gefangenfijung, durch Feine Vor—⸗
ftellung zur Reue und Befferung bewegen, und machte als
len, die mit ihn zu thun hatten, insbefondere Nichtern,
Prieftern und Advocaten unbefchreiblih viel zu fchaffen.
Leztere ermahnten fegar in den Predigten die Gemeinen, für
diefen Aufferft verflockten Sünder zu bitten, daß ihn Gott
befehren wolle — fie gaben fih, fowohl im Gefaͤnzniße,
als am Tage feiner Hinrichtung ale Mühe, ihn zur Ers
fentniß feiner Sünden zu bringen — aber alles war ver«
gebend. Er blieb in feiner Unbußfertigkeit bis auf den
lezten Augenblick, da er noch ein paar Sprüche betete, in
der thörigten Meinung, als wenn nun alles damit bey
Gott vergeben und vergeffen wäre — tarauf wars er mit
| Nrrz3 benz
938 Vier und vierzigſte Tafel.
dem Schmwerdte, auf zivey Diebe, getödtet ; welches 1721,
vor Leipzig geſchahe.
Nikel Lift (e), ein Erz: Kiechenräuber und Haupt
der beruͤchtigten Nette, melde 1698 die ſogenannte goldes
ne Tafel zu Lüneburg plünderien. Es iſt dieſelbe das
berühmte Altarblatt in der Kirche zu St. Michaͤlis in Luͤne⸗
burg, in weichem feit etlichen Jahrhunderten eine Menge
unſchaͤzbarer Kleinsdien, goldene Monftranzen und andere -
ö d
mit Diamanten reich beſezte Kiechengefäße und Reliquien
aufbewahrt, in gebachtem Jahre aber feines meiften Schas
zes beraubet mwurbe. Dieter Nikel Kift zeigte in feiner
Jugend vielen Scharffinn und Gelehriateit, ward aber
bald, wegen Armuih feiner Eitern, aus der Schule gethan,
und mußte Herren» Dienfle annehmen. Er gieng darauf
unter die Soldaten, wurde aber auch diefer Lebensart über:
druͤſſig, verheirathete ih und trieb die Wirthſchaft.
Dieß war die erſte Gelegenheit, die ihn mit boͤſen Buben
bekannt machte, deren luͤderliches Leben ihm fo fehr gefiel,
daß er fih allen Ausichweifungen überließ, "und einige
Jahre hindurch faſt bey allen gewaltſamen Einbruͤchen und
Raͤubereyen in Sachſen mit Hand anlegte. Kr kleidete
ſich gemeiniglich vornehm, und ließ fid) Here von Moſel
nennen; unter welchem Namen er fich vornehrilich auf der
Leipziger Meſſe befannt machte. Endlich, nachdem er viele
Kirchen beftoplen hatte, wurde er, nad) dem Raube zu Lines
burg entdeckt, gefangen genommen, und weil er fich im
Gefängniße etlihemal das Leben nehmen molte, gar enge
gefchloffen. Er befannte darauf freywillig alle feine Rau—
bereyen, befehrte fich zu Gott, und wurden ihm vor Zelle
1699, nebft mehrern feiner Diebsgefellen, mit eijernen
Keulen feine Glieder zerfchmettert, darauf enthaupter, der
Körper verbrannt, und der Kopf auf einen Pfahl gefteckt.
Johann
Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn: 939
Johann Scheppard (f), ein beruͤchtigter Spizbube
zu Londen. Der Grund zu ſeinem Verderben war ein la—
ſterhafter Umgang mit ſchlechten Weibsperſonen. Dieſel—
ben zu unterhalten, wurde er bald mit pflichtvergeſſenen
tungen Burfchen befannt, die ihm im Steblen und endern
Ausfchweifungen Unterricht gaben. Er murde oft ergrifs
fen, mußte fich aber aus verfchirdenem wohl verwahrten
Gefängnißen und von den fchwerften Fefein durch allerley
Kunftgriffe zu befreyen. Einſt faß er fihon in der Ar
menfünder » Stube, an Händen und Füffen gefchloffen, und
dennoch fand er Mittel von denfelben los zu Fommen, und
durch bie ffärkften Mauren und verriegelten Thuͤren zu bres
chen. Endlich aber Eonnte er feinen Banden nicht mehr
entlaufen — Er wurde, ob man gleih noch im Hinauss
führen zum Gericht ein Federmeffer in feiner Taſche fand,
um fich damit noch in den lezten Augenblicfen zu retten,
1724 , zu £onden gehangen.
Sa, fo tief ift die Menfchheit herab gefunfen, daß es
der ungerathenen Söhne und Töchter in der Welt vie
le giebt — Daß iedes Land, iede Stadt eine Menge bey
ihr berüchtigter Diebe und Mörder, von Jahr zu Jahr auf:
fellen Fann !
4.
Unbefonnene Töchter.
Dis ſchoͤne Frauenzimmer von fechjchn Jahren Ca) hats
fe fi) von einem Cavalier, in einer Geſellſchaft, von fei-
ner Liebe und von ihrer Schönheit vorſchwazen laſſen, oh—
Ar 4 ne
940 Bier und vierzigfte Tafel.
ne diefe Begebenheit ihrer erfahrnen Tante zu erzehlen, bey
der fie im Haufe war. Der Cavalier hatte Feine erlaubte
Abſichten auf ihre Schönheit, aber die Unerfahrne und
Unbedach ſame glaubt eg, und ift fchon für ihn eingenoms»
men. est hat fie von ihm den Brief gelefen, der vor
ihr liegt. ‚Und ihre Aufwärterin, die von dieſem verfuͤhreri—
fen Schmeichler beftochen ift, redet ihre zu, nad dem
Wunſche dieſes DVerführers zu antivorten. Aber zum
Gluͤcke hat die rechtfchaffene Tante in dem Nebenzimmer
bey offener Thüre, ohne Wiffen ber Redenden, alles gehoͤ—
ret, und wird fie vielleicht durch Nath, Belehrung und
Anftalten ihrem Ungluͤcke entreiffen.
Sehr unglücklich find bieienigen Frauenzimmer, die
fich zur Unfeufchheit verführen laffen. Seht diefe Elen«
de (b), biefe verzweiflungsuolle Perfon, welche die Stadt»
fnechte ſchon gefangen nehmen wollen. Sie War eine
mwohlgebildete Dienftmagd gewefen, ward aber umter allers
ley Vorwand verführt, und gebahr heimlich. Durch den
Tod ihres Kindes wollte fie ihre Schande verbergen. Aber
ihre Sache ward ruchbar, und die Obrigkeit bemächfiget
fich dieſer Unglückjeligen, um der Mörderinn einen Pros
ceß zu machen, und ihr dag Haupt abfchlagen zu laffen.
Was wird fie im Gefängniße von ihren eignen Vorwürfen
auszuftehen haben ? Sie mird als eine Verurtheilte vor
vielen faufend Menfchen zum Nichtplaz geführet werden,
und auf eine fchimpfliche Art flerben. Welchen Kummer
verurfacht fie ihren Eltern (ſeht bdiefelben mit ringenden
Händen bey der Wache fiehen ) und ihren Verwandten, von
denen fie geliebt wurde. Auch dann, warn fie ihr Sind
nicht umgebracht hätte; fo hätte fie doch die Ehre ihrer
Keuſchheit, und die Hoffnung zu einer glüdlichen Ehe vers
lohren, und ihre Familie gleichfals beſchimpft. Diefes
Ungluͤck
Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 941
Unglück ift defto größer, von ie vornehmern Stande ein
Frauenzimmer ift, das fich verführen läffet. Eine iede
Sungfrau aber ift in diefer faft unvermeidlichen Gefahr,
fobald fie von Liebe, ohne Wiffen ihrer Eltern, oder derer,
die elternmäffige Gefinnungen gegen fie haben, fih Etwas
vorfagen läffet, eg glaubt, und durch) Worte und andere
Handlungen fich darnad) richtet.
WETTE SITE
5
Meerwirbel und Strudel. Scylla und
Charybdis.
— die Merkwuͤrdigkeiten der See gehoͤren auch die
Meerwirbel, welche zuweilen die groͤßten Schiffe mit in
die Tiefe reiſſen. Die gewoͤhnlichen Urſachen ſolcher Wir,
bel ſind: Vertiefungen in der See, wo Ströme anju«
treffen, Enge der Ufer, Klippen ꝛc. Der beruͤhmteſten ei—
ner iſt der Mahlſtrom, an den Norwegiſchen Kuͤſten.
Ein Strom, der gegen die Ebbe und Fluth laͤuft, und
von einigen Inſeln und der Kuͤſte gedraͤnget wird, verur—
ſachet ihn. Ein Stuͤck Holz wird in demfelben fo lange
herum getrieben, bis ev unten, in ber Spize ganz flille
ſteht. Die Schiffe duͤrfen fih demfelben auf eine Meile
gegen Oſten und auf fünf Meilen gegen Weften darum
nicht nähern, weil der Boden aleich dabey untief und vols
ler Klippen if. Bey voller Fluth und gefallener See ift
er fo flille, daß man darinn fifchen fann. Der Strums
boͤmoͤnch bey den Federinſeln ſoll auch bey der größten
Stille Schifie in ben Grund ziehen. Sein größter Ums
Rerrs kreis
ee ⏑⏑——
942 | Bier und viersigfte Tafel.
freis ift bi8 90, und bie Tiefe bis 12 Faden (Klafter).
Er macht vier Schnecfengänge in der Runde.
An meiften hat man, vornehmlich in den älteften
Zeiten, zwey gefährlihe Drte in ber Meerenge zwiſchen
Italien und Sicilien gefürchtet, welche unter dem Namen
Sıylis und Charybdis bekannt find (a). Scylla if
ein felfigtes Vorgebürge gegen Sicilien über, welches ein
wenig in die See hervorrücdt, und der ganzen Gewalt des
Waſſers, das an bie italienifche Küfte einen geraden heftis
gen Anlauf hat, blos gefezt if. Alles, was ber Strom,
der gerade gegen biefen Selen feine Richtung nimmt, mit
ſich führt, muß unfehlbar an benfelben getrieben, und obs
ne Rettung gerfchmettert werden. Gleich dabey giebt es
viele Fleine Selfen, die mit ihrer Spize nahe an dem Fuße
des großen hervorragen. Der berühmte Schlund Cha:
rybdis liegt gegen Über, nahe an dem Eingange des Has
fens von Mieflina, und verurfacht oft eine ſolche unor-
dentliche innere Bewegung des Waffeıs , daß dag Öteuer-
ruder faft alle feine Macht verliert, und bie Echiffer die
größte Mühe haben, felbft bey dem beften Winde, einzus
laufen. Diefer Wafferwirbel entſteht wahrſcheinlich durch
das Heine Vorgebirge oder die Erdzunge, die vom Öfllichen
Ende der Stadt fortgehet, bie Geftalt einer Sichel hat,
und das ſchoͤne Becken bed Hafens bildet. Da diefes Bors
gebirge die Meerenge an dieſem Drte noch mehr verenget,
fo muß nothmwendig die Gefchwindigfeit des Stroms wach—
fen. Doc find ohne Zweiffel noch andere unbefannte Ur⸗
ſachen vorhanden. Das große, von der unordentlichen
Bewegung des Waſſers an dieſem Orte herkommende Ge—
toͤſe machte, daß die Alten dieſen Strom mit einem ge—
fraͤßigen See» Ungeheuer, das beſtaͤndig mach Beute
bruͤlle, verglichen, und ihn als den gefaͤhrlichſten Durchgang
von
Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 943
von der Melt befchrieben haben. Eben fo dichteten fie
vor dem felfichten Vorgebirge Scylla, und dem beftändigen
Wellen-Getoͤſe an demfelben, daß mitten in der Klippe ,
in einer dunklen Höle, ein Ungeheuer wohne, deffen
Stimme dem Geheule iunger Hunde gleihe — das zwoͤlf
Füße, auch zwölf lange Haͤlſe, und eben fo viel ſchreckliche
Koͤpfe habe, in deren, mit drey ſtarken, dichtgefchloffenen
Reihen Zähnen vesfehenen , Rachen, der fchwarze Tod
fi;et.
Weil diefe zwey gefährlichen Drte nicht weit von
einander waren, und man dem Einen fehr nahe kommen
mußte, wenn man den Andern vermeiden wollte, aud)
öfters, aus Furcht vor dem Einen, bey dem Andern Ges
fahr lief, entſtund das Sprichwort: Dderienige geht
bey Seylia zu Fruneen der den Schlund Charybdis
vermeiden will — er kommt vom Regen unter die
Träufe. Den, teit dem jchrecflichen Erdbeben, das am
5 Sehr, diefes Jahrs (1783) den uniern Theil von Ita,
— un) Meſſinag in-Sicilien verwuͤſtete, und in daſiger
Meerenge große Se inberimas, machte, iſt daß feifigte
Vorgebirge Scylla nicht: mehr zu faͤrchten. Die Erdſtoͤße
haben es theils eingeflürst, theils zerriffen, und feldft
den Fuͤrſten, der auf biefem unuͤberwindlich fcheinenden
Felfen auf einem Schloße wohnte, zum Fliehen genoͤthiget,
bey) weicher Gelegenheit er auf dem Meere mit allen feis
nen Schäzen ven Untergang fand — Dft pflegte diefer
Herr zu fagen ; Wenn aud die Welt unfergienge, fo
koͤnnte doch fein Kaſtell keinen Schaden leiden. — —
Eine halbe Meile unter Grein in Oberoͤſterreich, nicht
weit von der Kapelle St. Nicolas, iſt ein Strudel (b)
und ein Wirbel (c) in der Donau, deffen Durchfarth
wegen der vielen Klippen, die daſelbſt unter dem Waſſer
find,
944 Bier und vierzigſte Tafel.
find, und bey niedrigem Strome hervorragen, bedenklich
it, Der Mirbel ijt gefährlich, weil daben ein unter.
wärts gerichteter Zug if, alſo, daß kleine und große gar
zu ſchwer beladene Schiffe unterfinfen fömen. Wenn ber
Strom groß iſt, fo hats bey dem Strudel feine Noth,
denn das Waffer gebt alsdann hoch über die Klippen weg,
aber der Wirbel ift alsdenn defto ungeftümmer und gefährlis
cher, meil er ſich flärfer unidrehet und anzieht, und fein
Umfang gröffer it. Diefe Gefahr vermehrer alsdenn noch
ein Gegenftrom, der rechter Hand von dem fogenannten Zoch,
dazu fommt, welches em ſchmaler Gang iſt, der fich um
den groffen Selfen herumfchlingt, und bey niedrigem Waſ—
fer ganz trocken iſt; mächit aber daßelbe an, fo fönnen
dafelbft die kleinern Schiffe durchfommen, umd bem MWirs
bel folchergeftalt ausweichen. Auf der rechten Seite bes
Strudelg geht auch ein folder Fleiner Arm der Donau für
£leine Fahrzeuge herum , welcher der Heßgang genennet
wird, und bey hohem Waſſer befahren werben Fann.
Iſt das Waffer niedrig, fo halt ſich der Wirbel ganz rus
hig, und man kann ohne alle Gefahr, ſewohl drüber als
darinnen herumfahren — zu ber Zeit aber fommt man bey
dem Strudel, wegen bes hervorragenden Zelfen, befto
ſchwerer durch, und muß man einen. des Dris wohl er—⸗
fahrnen und nüchternen Schiffer haben.
rs STELLTEN
6.
Das Zuchthaus, Das Tollhaus.
Za othau oder Werkhaus iſt ein Gebaͤude, das von
F Obrigkeit unterhalten wird, daß darinn trozige und
unge⸗
Das Gleichniß vom verlshrnen Sohn. 945
ungehorfame Kinder , ermachfene) unbändige, in den, Muͤſ⸗
fisgange und in der Besheit verwilderte £eute, famt den,
durch rechtlihen Ausſprnch zur Arbeit verwicfenen Mifle-
thätern, unter ber Aufficht eines Zuchtmeiſters und ande»
rer hiezu beftellten Leute, bezwungen, gebejlert und firenge
gehalten werden. Ben der Anrichtung dergleichen Haͤuſſer
welche in iedem Lande und in ieder Stadt unvermeidlich
nothwendig ſind, muß hauptſaͤchlich darauf geſehen werden,
daß die Wohn» und Arbeits-Zimmer der Straͤflinge oder
Züchtlinge wohl verwahrt find, damit fie der Strafe und
Arbeit nicht entlanfen Finnen — daß fie gleich dabey eine
Kirche haben, und in ihrem Gefängniffe eine Predigt oder
Kinderlehre auhoͤren Finnen — daB auf bie, auch bier,
hoͤchſtnoͤthige Dronung , Neinlichkeit und Stille ‚gefehen
werde. Die Zichtlinge werden entweder auf eine beffimms
te Zeit, ober auf lebenslang in biefe Schulen ber ſtrengſten
Zucht und Arbeit gebracht ; die Arbeiten felbft werden ie-
dem nach feinem Alter und Vermögen zugemeffen, und
wenn er. fie nicht zur gefezten Zeit vollendet, oder fi.
fonft allzu halsſtarrig und mwiderfezlich bezeiget, erfolgt durch
den dazu beftellten Zuchtmeifter und deſſen Gehülfen, bie
Strafe umausbleiblih, durch Berminderung der Speife,
der durch Zächtigung am Leibe. In Holland ift das Ra:
fpeln over Feilen und Bearbeiten des Brafilienholes die
gewoͤhnlichſte Arbeir in den Zuchthäuffern der Männer, und
das Spinnen in den Zuchthäuffern der Weiber; daher ie-
ne Bafpeihäuffer CA), und diefe Spinnhäuffer genannt
werden. Ueberhaupt laͤſſet man gerne die bärtefte und be—
ſchwehrlichſte Arbeit von den Zuͤchtlingen verrichten, daß
fie thaͤtig und kirre werden, z. €. Glasſchleifen, Holz⸗
ſpalten, auf der Chauſſee arbeiten, und dergl.
Sieiem⸗
9,6 Pier und viersigfte Tafel.
Dieierigen, welche gewöhnlicher Weife an dergleichen
Drte gebracht werden, find: Faullenzer und Muͤſſiggaͤn—
ger, welche nicht arbeiten wollen, da fie doch Eimifen ;
ftarfe und gefunde Bettler, die lieber reichliches Bettels
brod eſſen, als fich ehrlich nähren wollen ; herumlaufende
Handwerkspurſche, bie nicht in Arbeit gehen wollen; ab-
gedanfte herumfihmweifende Soldaten , berrenlvie Knechte,
welche gemeiniglich an allerley Untreue und Stehlen fich
gewoͤhnet haben ; Vagabunten, Zigeuner, Kartenfchlager,
Taffenweiber und bergl. ungehorſame Kinder, Praſſer,
Verfchwender, muthwillige Banferotirer, Verlaͤumder,
weil diefe giftigen Schlangen den Nechtfchaffenen, mehr
Schaden bringen koͤnnen, als Diebe und Mörder — end»
lich allerley Uebertretter der göttlichen Gelege, ſelbſt Delin—
quenten und große Verbrecher. Und wie beträchtlich find
nicht die Bortheile, die durch dergleichen weile obrigfeitlis
che Anjtalten dem Menfchen Geſchlechte verfchaft werden?
In Zuchthäuffern Finnen rohe, verwilderte Gemuͤther oft
ehe gebeffert und auf den Weg der Tugend gebracht wer—
den, als in den Tempeln — Das Land wird von aller.
len Iofem Gefindel, von Tagbieben und ungeftümen Ans
läuffern gereiniget — und, obgleich die Dbrigfeit fehr viel
auf den Unterhalt der Züchtlinge wenden muß, fo bringen
fie e8 doch mit ihrer Arbeit, und Verfertigung allerleyr
Haaren mehr ald doppelt wieder ein.
In Rom ift ein eignes Zuchthaus für ungehorfane
Rinder von 10 bis 18 Jahren. Darinnen ift unter ans
dern ein langer Saal, den man Galeere nennet. Dieſer
ift der Länge nach durch einen 5 bis 6 Fuß breiten Gang
geiheilt, auf deifen beyden Seiten bis an die Mauer
Bänfe find. Hier fizen die Kinder an einem Fuße gefchlofe
fen, und müffen vom Morgen big zu Abend arbeiten. Eis
nige
sh
Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 947
nige müffen Baummolle ſpinnen, andere Strümpfe flrichen,
und andere bergleichen Arbeiten verrichten. Indeß bes
kommt iedes auf den Tag feine Urbeit beſtimmt, die eg am
Abend aufmeifen muß, wenn eg nicht Strafe haben will.
Sie fhlafen in befondern Kammern auf einem Strohſacke
nebfi einer Dede. Die Daare werben ihnen, fobalb fie
hinein kommen, abgefchnitten ; alles wird ihnen abgenoms
men, und man giebt ihnen ein paar Hofen von grober Peins
wad, und wenn es Winter if, Strümpfe, ein Hemde,
ein Kamifol, einen Ueberrock von groben Tuch und eine
twollene Muͤze. In diefem Aufzuge werden fie in die Gas
leere gebracht , wo fie von den andern bewillfommt mer.
den. Unter den Komplinienten läßt man fie den Ueber—
rock abziehen, und auf eine Bank legen , bie dag Pferd
genennet wird, wo fie zum guten Anfange, gut durchge»
ſchmiert werden. Dieſe Züchtigung, die auch in andern
Zuchthäuffern ieder Ankoͤmmling auszuftehen hat, heiſſet
der Willkomm — D, befte Tugend, laß eg nie darauf
ankommen, daß deine Befferung in diefen angſtvollen Treib—
häuffern machte ! Die tanften Seile ber Liebe, des Ge-
horfams, der Unterwerfung und der Verleugnung, find
ia taufendmal beſſer und leichter als dieß eiferne Soc!
Haft du Vernunft und Liebe für dein Leben und für deine
Nube, jo folge!
Aber nicht alle Menfchen gelangen zu den Gebrauch
ihrer Vernunft, nicht ale behalten ihn, wenn fie ihn
gleich erlangt haben. Einige wenige Kinder, die man an
der Seele als Mißgeburten betrachten fann, bleiben, ob
man fie gleich menſchlich zu erziehen trachtet, viehiſch⸗
dumm oder viehiſch wild, Andere verlieren im erwach⸗
ſenen Aiter dieienige Befugkeit und Mannigfaltigkeit der Ge—
danken und Vorſaͤle, dieienige Abhaͤnglichkeit einiger Be⸗
gierden -
/
948 Vier und vierzigſte Tafel.
sierden von andern , folglich bieienige Lenfbarfeit durch
gewoͤhnliche Bewegungsgruͤnde, welche man die Geſund—
beit der Vernunft oder das Bewuftfeyn feiner Selbft
nenne. Sie verfallen entweder in eine befpnbere Uns
empfindlichFeit, oder in Wahnfinn Cin welchem ihre
Phantafie oft ſtaͤrker iſt, als die Sinnesfraft) oder in
fonderbare Albernheit der Wünfche und Handlungen, oder
endlich in eine gemaltthätige Raferey und Tollbeit, wels
che gemeiniglich mit ungewöhnlichen Leibesfräften verbun
den ift.
Seht bier (B) auf einem NHofplage ein Tollhaus,
welches zur Verwahrung und Verpflegung folcher Unglück
lichen beftimmt if. Die gänzlid) Rafenden And in Zellen
eingefchloffen, und zumeilen, wie wilde Thiere, mit Fels
feln belegt. Mean nimmt ihnen, fo viel als möglich iſt,
alles, womit fie ſich oder Andern fchaden Finnen. Dies
. fer mit der Perücke, bie er ienem vorübergehenden Manne
abgenommen hat, und mit einem hölzernen Degen auf der
rechten Seite, ift nur albern, oder wenigftens nur mahns
finnig. Jezt ift feine Iuflige Laune, darum tanzt er herum;
diefe wechfelt zumeilen mit einer traurigen ab; alsdenn
meint und heult er beftändig, und zwar ohne erdenkliche
Urfachen. Jener, der in das Waſſerbehaͤltniß fpringen
will, und den der Wärter, der die Schlüffeln in der Hand
hat, zu ergreifen ſucht, iſt aus feinem Kerker losgebro—
chen. Der Sizende fcheint auch rafend zu werden, denn
er reißt fich vor Wuth die Kleider vom Leibe.
D wie glücklich) ift dag menſchliche Geſchlecht, daß
nur fo’ wenige albern, mwahnfinnig oder vafend werden !
Durch diefe wenigen Exempel lernen die Uebrigen dag grof
fe Glück ihrer gefimden Vernunft fchäzen, und werden
‚gor den Laſtern, Affekten und Unvorfichtigfelten gewarnet,
i1sig weiche
Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 949
welche den Verluſt derfelben nach fich ziehen koͤnnen. Kin.
der, hütet euch vor dem erften Grade heftiger Affekten —
laßt feinen zur Gewohnheit werden — zerfireuet eich bey
dem Anfange berfelben durch gute Thaten, oder durch uns
fhuldige Ergäzlichfeiten — befteht nicht eigenfinnig darauf,
entbehrliche Wuͤnſche zu erfüllen, deren Erreichung, nach
bem Urtheile eurer Vernunft und eurer Freunde ober Kath:
geber, zu ſchwer oder unmöglich ift. — — Bewahret euren
Körper fo viel ihe Fönnt, vor hizigen Krankheiten, und ſeyd
vorfichtig in den feltnen Fällen, da ihr Hirt, daß raicade
Thiere in der Nähe find, deren Biß alles Lebendige ra—
fend machen fann. Mehr ift nicht in eurer Macht, um
ber zum (Gluͤcke) fehr feltnen Gefahr des Wannfinnes
und der Naferey zu entgehen.
L 7 202 SR 27 Eminem „ FE SE
wi
Das Tullen und der Pachter,
€. feuriges und unbändiges Füllen, welches eitel auf
feine iugendliche Stärke und Schönheit war, steigerte fi ih,
dem Zügel zu gehorchen.
Umſonſt feßte der Reitknecht feine gefchäftige Wiſſen⸗
fchaft dem Stolge des Füllens entgegen, und ſuchte fei
nen Willen zu brechen ; umfonft belegte es des Herrn bil.
dende Sorgfalt mit Drohungen, oder fchmeichelte ihm mit
Bitten. Stolz auf feine Srepheit, und vol Verachtung
gegen den Menfchen iagte eg über die weiten Gefilde,
und entflohe.
Sss Wo
y50 Vier und viersigfte Tafel.
*
Wo nur die verſchwenderiſche Natur ihren blumenreis
chen Teppich über die Wiefen ausgebreitet hatte, oder
fhäumende Stroͤme fonft vorbey fioffen, um dem, Gräfe
Kuͤhlung und Feuchtigkeit zu verſchaffen, brach es banden⸗
108 die Biätier ab, und fprang muthwillig auf dem Rau—⸗
be herum, den e8 machte. |
So eilte im Ueberfluße der Sommer vorüber. End»
lic) Fam der wiederkehrende Winter; die Bäume gaben kei—
ne Bedeckung mehr, bas ſchoͤne Grün mwelfte von den Fels
dern weg, ein beftändiger Schnee hülete den Boden ein,
und die Ströme wurden mit Feffeln von Eis gebunden,
und kalte, fchneidende Winde und braufender Hagel fchlus
gen um feine ſchlanken, unbedeckten Seiten,
indem es nun Fläglich feine Augen umher warf,
fah es die Strohhuͤtte von ferne liegen, die es in feiner
Unbefonnenpeit verlaffen hafte. Der Anblick erfüllte fein
Herz mit Freuden, und verfprad) ihm eine nahe glückliche
Zufucht. Ein Stall, erſt feine Berachfung und fein Haß,
war ihm iezt eine gewünfchte Sreyflatt geworben. Jezt,
da feine Hize gefühlt, und fein Stolz vergeffen war, ſuch—
te er den warmen Hof des Pachters.
Der Herr ſahe feinen klaͤglichen Zuſtand, feine Glies
der, die Faum ihre Luft ſchleppen Fonnte, führte es freund-
fchaftlich in den Stal, ließ ihm eine Streu machen, es
puzen und füttern. Su träger Ruhe lag es die Nacht
durch; aber mit Anbruce des Tages ftunden die Knechte
auf, denn der nahe Markt rief fie. Längft der Straße, muß—
te fein Nücfen die preffende Laft tragen. Vergebens ſtraͤub⸗
te oder klagte es Nich ; unaufhoͤrliche Streiche belohnten
fein Leiden. Der morgende Tag veränderte nur feine Ar
beit. Am Pfluge gefpannt, zermalmte es ben Erdboden,
worauf
hr
Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 951
worauf eine duͤrftige Mablzeit des Nachts die kummervolle
Arbeit des Tages bezahlte.
Kon Arbeit unterdrückt und von Anaft gequält, brach
es endlich in diefe Vorwuͤrfe aus: Ich ungluͤckſeliges Thiery
von Stolz und Thorbeit verfäher! Harte ich in meiner erften
Jugend den Unterricht angenommen, den mich die Natur
lehrte, fo hätte ih, mie meine Vorfahren, den Preis bey
manchen Wotfrennen davon getragen. Die Männer bäte
ten mich erhoben und belohnet, und die Weider hätten
meine lezteri Tage gekroͤnet. Jezt ift eine ewig dauernde
Stlaverey ment Looß, meine Geburt veracdhtet, meine.
Lebhaftigkeit v rgeſſen, und ich bin verdammt, für meinen
Stolz; ſo lange ich lebe, Schmach und Verachtung zit
leiden.
| —— IRRE LEE —
8.
Bacchus. Bacchanalien.
N. Kunſt, den Weinſtock, der in ben älteffen Zeifett
wild wuchs , in Menge zu verpflanzen, ordentlich zu
warten und ein Getränfe aus den Trauben zu machen y
ſchrieben die alten heidnifchen Voͤlker einem gewiffen Bacs
bus zu. Begeiſtert durch das Feuer des Weins, und
entzückt über deffen Kräfte, vergötterte man in den dltes
fien Zeiten bald den Urheber deffelben, und baufe ihm ums
ter unendlichen Frohlocken Tempel und Altäre = und noch
fnieen vor denfelben Myriaden — Juͤnglinge und Greif
fe — vom Könige bis zum Taglöhner — vom Dichter Bid
zum Leichenbieter, —
Sss2 Bat
|
|
{
-
j
92 Vier und biersigfte Tafel.
Bacchus fol ein Sohn Jupiters und ber Semele,
-einer Thebanerin gemwefen feyn ; welche aber noch vor ber
Geburt ihres Sohnes, durch Sjupiters Blize, meiche fie
gerne einmal in aller ihrer Stärke fehen wollte , getöbtet
wurde. Noch ein Monat fchloß darauf Jupiter dieß Kind
in feine Hüfte ein — und weil es hernach bey ber Ge
burt zum zweytenmale dag Tageslicht erblickte, murde dag
Kind auch Dithyrambus genennel. Da Bachus groß
wurde, beirathete er die Ariadne, des Koͤnigs in Kreta,
Minos, Tochter; welche TIhefeus anf der Inſel Naxus
figen ließ. Nach ihrem Tode feste er fie unter die Goͤttin⸗
nen und ihre Krone unter die Sterne.
Bacchus wird abgebildet als ein ſchoͤner Knabe, wel⸗
cher eben aus dem Lebens. Frühlinge in die Juͤnglings⸗
Sahre tritt — bey welchen bie Negung übermäffiger Freu⸗
de, tie eine zarte Spize der Pflanzen zu Feimen anfängt—
Seine Züge find voller Süßigkeit — Sein Gewand ift
meiß und feine Locen fließen ihm, wie bem Apoll, fanft
auf die Schultern herab. Zuweilen erfcheint er auf einem
Wagen von Yantherihieren oder Tiegern gezogen, unb hat
einen Tyrfusftab in der Hand, d. i. einen mit Weinre⸗
den oder Epheu ummundenen Stab. Bald reitet er auf
wilden Thieren, Panthern und Leoparden (zum Zeihen
daß der Wein mild machen, aber auch wilde Gemüther
zähmen kann), und ift mit Epheu oder Nebenlaube bes
fränzt. Er hat kurze, flumpfe Hörner über der Stirne,
welche ein Bild des Muthes feyn follen, den der Wein
machet — kurz aber find fie, weil der vom Weine erfchafs
fene Muth von feiner Dauer ift.
Es wird vom Bacchus ein Zug erzehlet, den er
durch Afien, bis in das entlegenfte Indien gethan haben
fol. Und, weil er diefen Zug in dreyen Jahren zu Ende
brach⸗
Das Gleichniß vom verlohrnen Sohn. 953
brachte, nad) deren Verlaufe er auf einem Elephanten mit
vielem Reichthume, in Zuumphe wieder nach Haufe Fam,
wurde ihm alle drey Fahre ein"großes Feft, das Trietes
ris genennet wurde, gefeyert. Auf diefem Zuge führte
er nicht Kriege, fondern lehrte die Volker den Wein» und
Kornbau, nebſt Gottesdienft und Gerechtigkeit: Auch er⸗
zehlt man Vieles von allerley Wundern und Heldenthaten,
die er auf diefer Neife verrichtet hat. Er war alfo ein
Wohlthaͤter des menfchlichen Geſchlechtes, nur zu firenge
gegen dieienigen , welche fid feine Anftalten, und insbes
fondere die Einführung des Weinbaues, miderfezten ; da⸗
ber die Könige, Luͤkurg in Thragien und Pentheus in
heben, welche gegen den Mißbrauch des Weins eifer⸗
ten, bacchiſche Wuth fühlen mußten.
Bon dem Bezeigen derer, bie zu viel Wein trinfen
und frunfen werden, bat man das Gefolge des Bac—
chus gebildet. Daßelbe beftund aus dem S:len, den
Satyren und Backhhantinnen. Silen war des Erzieher
und beftändige Gefährde des Bacchus, und’ der Anführer
des Chors der Satyren. Daher wird er ältlich vorges
ſtellt, und kahl, mit einem Barte, und einer eingedrück
ten Nafe. Er pflegte auf einem Ejel zu reiten — aber,
weil er groößtentheilg betrunfen war, bieng er mehr von
dem Efel herab, als daß er darauf ritte. Doc mußte er
fchöne Geſaͤnge. Die Satyren, welche im Alter Silenen
genennet wurden, waren Mitteldinge zmifhen Menichen
und Ziegenboͤcken, mit einem Menfchenfopfe, einer gekruͤmm⸗
ten Nafe, aufgemorfenen Lippen, einem Büfchel Haare
unter dem Finn, ſpizigen Ohren und aufrecht fiehenden
Hoͤrnern. Der größte Theil des Leibe war rauh, und
* endigte fich in Beine eines Ziegenbocks. Ihre Eitten mas
| sen wild und frey. Die Backhhantinnen waren betrun.
©3983 kene
954 Vier und vierzigfte Tafel,
fene und halb rajende Weiber. Sie folgten dem Bacchuss
zuge mit Thyrfus. Sräben, die ſie ſchwungen, ſchlugen
das Tympaeum, und ſezten fich durch Geſchrey und Wein
in eine Art von Wuth, die fie der größten Ausſchweifun⸗
gen fähig machte. Sie tanzten den Zug und den Triumph
des Bacchus, mit aller Lebhaftigkeit und Zügellofigfeit, —
(Denn überhaupt war der Lanz der Griechen eine figuͤrli⸗
he Nechahmung der Handlungen und Eitten Ihrer Helden.)
Aufferdem ſagten noch die Kabeidichter von diefen Weibern
das fie rohes Loͤwenfleiſch affen, und wenn fie bürffete,
bie Erve mit ihrem Stabe fchlugen, da denn ſogleich Wein,
Honig over Milch heraus Iprang,
Die Feſte des Baͤcchus deren eins alle drey Jahr
re gefehert wurde un Triererifa , dag andere Dionyfiar
Fa oder die Backanalien hieß, und in die größere und
fleinere eingetheilt wurde, hat man mit. allen möglichen
Ausſchweifungen der Freude und der Zügellofigreii began⸗
gen, Anfangs fcheinen fie nur von den Srauenzimmern
alleine , auf abgelegenen Bergen gefenert worden zu ſeyn.
Nach und nach aber, wurde die Feyer allgemein. Alles
fief, mir Tyrfus. Stäben in der Hand und mit Epheu
befrän;t, mit fliegenden Haaren, und faft halb nafend
umher, und rief bag befannie Evoe Bacchus! Ganze
Haufen vereinigten fich, um einen Zug bes Bacchus vor-
zuftelen. Einige kleideten ſich als Satyren, andere ale
Saunen, noch andere als Silenen, und bier fahe man
oft die gemaltfamften Verzuckungen und Stellungen bes
Körpers. Ihnen folgten Bildfäulen des Bachus und der
Siegesgättin; auf diefe, Wägen mit Thyrſen, Waffen,
Sonnen, Kraͤnzen, und zulezt Chöre, die der Gottheit
Hymnen fangen. Daher famen die Dithyramben, d. t.
iene Art der Gedichte, deren Inhalt die Gefchichte des. Got.
tes
Das Gleichniß vom verfohtnen Sohn. 955
tes, und deren Sprache und Eilbenmach raub und zügellog
war, tie die Sänger , die nad) wilden phrygiſchen Id»
nen beflamirfen, oder vielmehr fangen, uns bie alfo in
allen Stücken ein Bild icner Zeiten der Wildheit und Trun—
fenheit waren, in denen fie fi) aus der Bruft, voll ber
Gottheit ergoffen. Eben diefe Feſte gaben auch zu den
Schaufpielen Gelegenheit, die in den folgenden Zeiten von
den Griechen fo fehr verfeinert wurden Es pflegten
fi) nehmlich ganze Gefelfchaften zu vereinigen, um durch
Aktion aus dem &tegreife irgend eine That des Bacchus
anfchauend vorzuftellen, oder fonft Handlungen und Ge—
berden ihrer Mitbürger nachzuahmen. Denn bey dergleis
chen Feyerlichkeiten, die eine gänzliche Erholung von alfer
Arbeit feyn follten, hielten fich die Alten alles erlaubt.
Meil es aber endlich gar zu tolle bey biefen Seften
zugieng , an welchen, unter dem Deckmantel der Religion,
alle nur mögliche Schand » und Lafterthaten vollbracht wurs
den, fo fahen ſich ſchon die heidnifchen Obrigkeiten gends
thiget diefelben abzufchaffen. {
Unter diefer Gottheit wollen einige den TToch, ans
dere den Kimrod, wieder andere den Moſes verfteben;
und es Fann feyn, daß vom Weinbau des erften ein grofs
fer Theil diefer Fabeln, menigftens der Name Bacchus
genommen wurde.
Sss 4 | Q.
956 Vier und vierzigfte Tafel.
BETRETEN EEE EEE 1 GER Lan 0—o
9.
Ein Iüderlicher Student wird der Mörder
feines Sreundes,
En Student auf einer beruͤhmten Univerſitaͤt hatte ſich
in den zwey erſtern Univerſitaͤts-Jahren fo wohl aufge⸗
fuͤhrt, daß ihn nicht nur ſeine Lehrer hochachteten, ſondern
auch alle angeſehene Leute wegen ſeiner Artigkeit liebten.
Allein zum Unglück gerieth er in eine Geſellſchaft luͤderli⸗
cher Leute. Er verfiel aufs Spiel, und verlohr in dem.
felben in furger Zeit fo viel, daß er vor feinen Glaubis
gern nirgend mehr ficher war. Er bielt fich demnach die
meifte Zeit in den Dorffchenfen auf.
Ein Reifender blieb einft in einer berfelben über Nacht,
und nahm feine Schlaffammer neben dem Zimmer des
Studenten. Che der Fremde ſich fchlafen legte, überzehlte
er noch dag Geld, daß er bey fih führte Der Stu
dent hörte diefeg. Dein Vater, dachte er, wird bir
doch fein Geld mehr fchiefen, meil er dir erft neulich eis
nen anfehnlichen Wechfel uͤbermacht hat. In — barfft
du dich auch nicht mehr fehen laſſen. Spielen fannft du .
auch nicht mehr. Dein lüverlicher Aufzug macht, daß
dir niemand mehr traue. Wie, menn du das Geld die,
fe8 Unbekannten hätteft, märe bir nicht auf einmal gehol«
fen ? Allein du mußt ein Dieb werden — Doch, bu
wirft weder der erfte noch ber lezte feyn. Unter diefen
unruhigen Gebanfen verftriech endlich die Nacht, in mels
cher er das allergrößte Bubenflück ausgedacht hatte.
Der
Das Gleihnig vom verlohrnen Sohn. 937
Der Keifende begab fi beym Aufgange der Sonne
wieder auf den Weg, um feine Anfunft in — zu befchleu.
nigen. Der Student zog ihm nach, und ermorbete die⸗
fen Unfchuldigen , nachdem er vorher mit der größten Muͤ⸗
he alle Einwendungen feines Gewiſſens unterdruͤckt hatte.
Der Mörder eröfnete, zitternd und bebend, in einem
Bufche, das Felleifen des Entleibten,, der inzwifchen in feis
nem Blute Jag , und mit dem Tode rang — und fand da⸗
sinn, zu feiner größten Beſtuͤrzung, einen Brief von feie
nem Water, nebft 200 Thalern, in welchen folgende Wor⸗
te fin.iden. „Ich ſchicke dir hiemit das leste Geld, um
„damit deine Schulden zu tilgen, und eine beffere Wirthe
„ſchaft anzufangen; und ich hoffe, daß du dich durch
„meine Guürigfeit endlich einmal gewinnen laffen, und
„mich Unglücklihen , der ich dich ia niemals beleidiget z
„nicht ferner bis auf den Tod fo quälen werdeſt. Deine
„Mutter vergiefet beinefwegen viele taufend Threnen.
oo Ihr Bruder, ber dich ale feinen Pathen, da du noch
„ein Kind wareſt, fo oft auf feinen Armen getragen,
„dat ung befuchet. Und weil er dich von deinem fechften
„Jahre an nicht mehr gefehen hat, fo bat er mich ihm
„das Geld mitzugeben, damit er dich doch einmal wieder
„ſehen Einnte. Er ift Willens, dir und deinen Geſchwi⸗
„fern fein ganzes und anfehnliches Vermögen zu vermas
„hen. Ehre ihn, als beinen andern Vater, und erzei
„ge ihm ale nur mögliche Gefähigkeiten. Erquicke ibn
„nach einer für fein Alter fo befchmwerlichen und weiten
„Reiſe, die er blog deinetwegen über fich genommen hat. Les
„be nun Ffünftig beffer, und mache mir doch einmal mie
mer Freude. Trockne durch dein fünftiges Wohlverhals
„in deiner frommen Mutter bie Threnen abl, bie ihr
„beine Schlechte Aufführung bisher ausgepreſſet hat —
©8835 „» Denn
958 Hier und vierzigſte Tafel.
„Denn eg ift mir fchlechterdings unmöglich zu fehen, mie
„du dich felber auf Zeitlebens fo unglücklich machen Fön.
„neſt, und dich als einen offenbaren Feind Gottes und
s„ aller Tugend bezeigefl.„ —
Hier gerieth der unglüklide Menfh in Verzmeif,
lung — und wuͤhlte nunmehr mit mörderifchen Händen in
feinem eigenen Dlute, nachdem er fi fur; vorher mit dem
unfchuldigen Blute feines alten und liebreichen Vetters be>
fleckt hatte,
Fe
Fuͤnf
959
Fuͤnf und vierzigſte Tafel.
I,
Das Gleichniß vom reichen und armen
Manne.
Rs fagte einft feinen Züngern, es fen fehr ſchwer
—J daß ein Reicher in das Reich Gottes eingehe, weil
die meiſten reichen Leute nicht ſo leben, wie man leben
muß, wenn man will ſelig werden. Denn anſtatt daß
fie mit ihren Gütern ihren armen und nothleidenden Brüs
dern beyfeben, und fie mit Wohlthaten erfreuen und un-
terfiügen follten, menden fie biefelben lieber zu einen ges
mächlihen wolluͤſtigen Leben, und zu allerhand Luftbarfei-
fen an. . Da nun der menfchenliebende Sefus wußte, daß
folche Reiche dem lieben Gott mißfellen, ımd daß biefer
Mißbrauch ihrer Güter fie auch nach dieſem Leben unfelig
mache, fo konnte er nicht ohne Mitleiden und Traurigkeit
an biefe Elenden denken, und wandte alles Mögliche zu
ihrer Bekebrung uud Errestung an. In dieſer Abficht
feug er auch folgendes Gleichniß vor ;
Es war ein reicher Mann, ber fich koſtbar Fleidete,
und täglich alles that, was feiner wolluͤſtigen Seele gelüftete.
Ein armer Mann, mit Nomen Lazarus, der am gan⸗
zen Leibe Frank war, und deßwegen fein Brod mit Arbeis
fen nicht verdienen konnte, lag vor diefes reichen Mannes
Thöre, und hätte gern auch nur mit dem Eleinften Allmo⸗
fen
960 Fuͤnf und vierzigſte Tafel.
ſen vorlieb genommen, und Gott und Menſchen gedankt,
wenn man ihm auch nur die Broſamen, die von des Rei—
chen Tiſche fielen, haͤtte zukommen laſſen. Der Reiche
blieb bey allem Elende des Armen ungeruͤhrt — er ließ
ihn huͤlflos an feiner Thür liegen, und war nicht einmal
fo freundlich gegen ihn, mie die Hunde, bie ihm feine
Sefhmäre leckten (a). In kurzem aber änderte fich dies
fer Beyden Schickfal — der arme Aazerus flarb, und
wurde von allen feinem Elende erlöit, und, weil er aud)
in Noth und Elend fromm und tugendhaft war, von Gott
in die ewige Freude und Herrlichkeit aufgenommen. Der
reihe Mann farb auch, er mußte fein Geld und Gut
verlaffen, und wurde als ein harter , unbarmherziger und
durchaus boͤſer Menſch in die Hoͤlle verfioßen, wo er iezt
Dein und Marter leiden mußte. Als nun diefer reiche
Mann einft feine Augen aufhub, ſahe er von ferne den
vorhin von ihm verachtefen Lazarus in dem Schooße Abs |
rahams, in dem Genuße unausſprechlicher Glückfeligfeit (b).
Er fchmacdhtete auch nur nach der geringften Erleichterung
feiner Pein — er wendet fi daher an Abraham, und
zuft ihm zu : Vater Abraham, erbarm' did) meiner, unb
fende Lazarum, daß er nur aud) das Aeuſſerſte feines Fine
gers ins Waſſer tunke, und meine Zunge fühle, deum
sch werde in diefer Flamme gepeiniget. — Allein zu gerech«
ger Beftrafung feines in Woluft und Ueppigfeit zugebrach«
ten Lebens wird ihm die Bitte abgefchlagen. Abraham-
fprach zu ihm : Gedenfe, Sohn, def bu in beinem fe
ben, anftatt das wahre Gute zu fuden, und di um
dein ewiges Heil zu befümmern, bein Herz an die Güter
der Melt gehängt, und in biefelben bein ganzes Gluͤck
gefezt haft; Lazarus hingegen mar in feinen aͤuſſern Um⸗
ftänden elend, aber er hatte ein zedliches Gott ergebenes
Herz.
Das Gleichniß vom reichen undarmen Manne. 96x
Herz. Nun empfangt ihr beyde nach euren Werfen, La—⸗
sarus wird getroͤſtet, umd du wirft gepeiniget. Und üben
dieß find wir von dir, und du bift von ung ſo ſchrecklich
weit entfernet, daß Lazarus eben fo menig zu dir, als
dur zu uns fommen koͤnnteſt. Hierauf that der reihe Mann
noch eine Bitte an Abraham, und fprad zu ihm:
So bitte ich dich wenigſtens dafür, daß du den Lazarus
wieder auf die Erde in dag Haus meines Vaters fchidkeft;
ic) habe noch fünf Brüder im Leben; denen follteft du die
Dein und Dual beichreiben, in welcher ich mich iezt zur
gerechten Strafe meiner Lafter befinde, damit fie dadurch
in Schreden gerathen, fich beffern, und fo dieſem Orte
ber Pein entgehen mögen ; denn, wenn einer von den
Todten zu ihnen Fänie, fo würden fie gewiß Buße thun.
Abraham fchlug ihm auch diefe Bitte ab, und fprach zu
ihm : Was du hier von mir begehrft , ift zur Seligkeit
deiner Brüder unndthig ; fie haben die Schriften Mofis
und der Propheten ; wenn fie biefe nicht hören, menn fie
dieienigen Mittel, die Gott ihnen in diefen Schriften an
die Hand giebt, nicht zu ihrer Seligfeit anwenden , fo has
ben fie Feine Entfehuldigung ihrer Laſter, und wuͤrden fich
auch duch Wunder nicht überzeugen und aufrichtig befehe
ren laffen. i
. Meberhaupt, ſprach Jeſus bey einer andern Belegen,
heit, hütet euch vor dem Geize. Sein Menfch hat ie
fein Leben, Gluͤck und Wohlfarth dem zu daufen, daß er
mehr hat als er braucht ! Es lebte ein reicher Mann,
dem feine Felder iaͤhrlich fo viel Früchte brachten, daß er
fie nicht alle zu behalten wußte. Beine Vorrathshaͤuſſer
waren fchon bis oben voll. Da habe ich iezt, dachte er
einmal nach einer reichen Erndte, wieder einen ſchoͤnen
Vorrath ; aber was fol ich damit anfangen ? Meine
Scheuren,
962 Fuͤnf und viersigfte Tafel.
Scheuren, fo groß fie find, find zu Elein noch mehr zu
faffen. Dun wolan ! Man fann aufs Künftige nicht zu
viel fparen — ich Fönnte ia noch fo und fo viel Jahre
leben — und dann iſts doch auch Freude, den geoffen Hau—
fen immer noch gröffer zu machen. Ich will dieſe Maga—
gine niederreiffen, und folhe an ihrer Statt bauen lafjen,
die groß genug find, daß ih von Jahr zu Jahr meinen
Vorrath darinn auffhütten Fan. Und dann — o dann
will ich mir recht wohl feyn laffen ! Gur, ſoll es dann
bey mir heiffen, iezt laß andere jürgen — du haft auf
manch ſchoͤnes Jahr Nahrung beyfammen. Nun mohls
auf! SE, trink, was gut und Fiftlih it — Aber was
meinet ihr, daß Gott dazu gedacht habe ? Gott. dachte,
id will den thoͤrigten Mann gleich dieſe Nach: fierben
laffen — wo wird dann fein Vorrath Hinfommen ? Wag
wird es ihm nüzen, auf Jahre hinaus geſammlet zu has
ben ? Wirklich ſtarb er gleich dieſelbe Racht — So ein
elendes Ding iſt es um das Schäze Sammlen, mern man
dabey arm bleibt an Erkentniß Gottes, und an der Se—
ligfeit, welche daraus enijpringt.
Und bey eben dieſem Anlaffe fagte der Heiland zu
feinen Juͤngern: Du meine liebe fleine Heerde, laß dich
das Ängftliche Sorgen um zeitliche Güter nicht anfechten.
Fuͤrchte nicht, daß Gott nicht ſelbſt für dich forgen werde.
Euch, meinen Juͤngern, bat Gott das Neich wahrer
Gluͤckſeligkeit beſtimmt. Entladet euch denn lieber deffen,
mag ung beunruhiget, aber nicht glücklich macht. Vers
faufet, mas ihr noch befizet, und theilet den Werth das
von den Armen aus? Sammlet euch beffern Vorrath, als
den man im Beutel herum trägt ; einen Vorrath, der fich
nie vermindern kann, einen Schaß von Tugend und Selig.
keit. So, vom feinen irdiſchen Sorgen gehindert, laßt _
euch
Das Gleichniß dom armen undreihen Manne. 963
euch immer bereit finden, euren Herrn, den himmlifchen
Vater, auf dem erfien Wink zu Gebote zu ſtehen, zu als
lem, wozu er fih euer bedienen will — Steht gleichfam
ieden Augenblick zu feinem Empfange bereit, wie Knechte,
die mit der brennenden Fackel in ber Hand des Nachts das
beim warfen, bis der Herr vom Gaſtmahle heimkommt,
um ihm, fobald er anflopft, aufzumachen und feine Bes
fehle zu vollziehen. Gluͤckliche Knechte, die ihr Herr fo
bey feiner Rückkunft nah Haufe, wachend und in guter
Hereitfchaft antrift ! Wie wird er fich über fo brave Bes
diente freuen ? Weit über ihren Stand wird er fie ch«
ren — Er, der Herr, wird fich nicht ſchaͤmen, fie ale
Freunde an feine Tafel fizen zu laffen, ia ihnen felbft noch
aufzumarten. Ja, das wird er thun, wenn er auch
fpät in der Nacht, wenn er auch erft gegen Morgen Fäs
me. Denn ungemiß iſts, wann er kommen wird — eben
fo, als es ungewig ift, um weldhe Stunde in der Nacht
der Dieb einbrechen werde, Wüßte der Hausvater dag
vorher, er würde freylich wachen, und den Einbruch ver-
hüten. Aber da er num einmal nicht weiß, fo ift er ent
weder immer in Öefahr, oder er muß auch auf. den bloßs -
fen Sal bin, auf guter Hut feyn. Und dag müffer ihr
auch, weil ihr nicht wifjet, wann der Meſſias ale Rich—
ter wieder kommt.
So unvermerkt kommt der Heiland, in feinen Ges
fprächen, von einer fchönen Lehre auf die andere, von
einer Warnung auf die andere — Die Junger und alle
Menſchen folen fih vor Geiz und Eigennuz hüten —
Warum ? Weil es die größte Narrheit if, Schäze auf
Erden fammlen, da man feinen Augenblick ficher iſt, wenn
man davon weg muß — Und dann auch darum, teil dag
ber Seele viele Unruhe und eitle Sorgen macht, wenn fie
immer
964 Fünf und bierzigfte Tafel.
immer dem Sammlen und Meichwerben nachfinnt ; und
weil fie dann in dieſer Unruhe gar nicht aufgelegt ift, ſich
auf dag Fünftige Leben, auf die Wiederfunft des Nichterg,
auf dag Wichtigere, was er von ung getan haben will,
und auf die Nechenfchaft, die wir ihm geben müffen, vor»
zubereiten.
EAST,
Nicht trachten will ich, bier auf Erben,
An Gold und Gütern reich zu werben.
Has den Augen mohlgefällt,
Geiz und Luft nah Gut und Geld,
Macht daß uns die beffern Freuden,
Gott und Himmel leicht verleiden —
Raubt zur Tugend Luft und Kraft,
Macht ung elend, laſterhaft.
Drum bin id bienieden
Immerdar zufrieden,
Wenn ih bis and Grab,
Nahrung nur und Dede hab.
[7797 — — — Ne IN W 9:
2,
Der Wolluͤſtling.
Su bier einen Wollüftling auf meichen Polftern.
Seine ganze Miene fagt ung, daß er feine ernfihafte Bes
fchäftigung fenne. Aber fobald einer feiner Sinne mit
Ergoͤzlichkeit uͤberladen iſt, fo denft er fchon auf bie Rei—
zung und Stillung anderer finnlicher Begierden. Lecker⸗
biffen umd tbeure Weine, mie ibe auf dem Tifche feht ,
müffen
Das Sleihniß vom reichen und armen Manne. 965
muͤſſen beffändig bey der Hand: ſeyn. Der Duft der lieb⸗
lichften Gerüche darf ihm nie fehlen, Hinter feinem Stuh—
le hängt die Violine 5; denn Fertigkeit in der Mufif und
Zanzfunft ift faft das Einzige, was er von den Lehrern
feiner Jugend angenommen und behalten hat. Aber Ars
muth, Verachfung, Deue werden dad Alter dieſes Wol,
luͤſtlings verbittern, wenn die Woluft ihn nicht fung dem
Grabe überliefert. — Geb‘ die kommenden Mahner, des
nen er für Arbeit, für Waare, oder gelichenes Geld
ſchuldig ift, die des Shrigen bedürfen, und denen er oft
fein mündlich und fihriftiih) gegebenes Wort, zu gewiſſer
Zeit zu bezahlen, gebrochen hat. Mit dem angeboinen Glaſe
Mein wird er fie nicht befriedigen. Sie murren und dro—
ben. Dieſes wundert und erfchreeft den hinter ihnen
fommenden Süngling, den Mirgenoffen feiner Wolluſt,
der eben fo verächtlich iſt, und unglücklich wird, als er.
3
Solon und Croͤſus.
His mas von Solon in ber Gefchichte ſteht, belehret
ung, daß er ein febr Eluger und guter Mann gemefen
fen , umd daß die Alten recht gehabt, bie ihn als einen
der berühmteften unter den fieben weifen Maͤnnern Grier
chenlandes geachtet haben. Er lebte ohngefehr 700 Zah:
re vor Chriſti Geburt; und fehon in feiner Jugend war
ihm nichts -lieber, als viel Nüzliches zu lernen Blog
deswegen foll er auch ein Kaufmann geworden ſehn, das _
mis ex viel herum reifen, und auf feinen Reifen mancher⸗
| Ss (eg
066 Fauaͤnf und vierzigſte Tafel.
ley Sachen ſehen und erfahren moͤchte, die er zu Hauſe
nicht haͤtte kennen gelernt. Durch ſein ganzes Leben war
es fein groͤßtes Vergnügen, immer noch mehr nuͤzliche
Kenatniße, und Wilfenfchaften zu befommen. Er ſogte
fogar noch in feinem Alter von fih : Unter beſtaͤndigem
Lernen werde ih alt. Den Reichthum veradıteie er
nicht, wie es wohl nad) feiner Zeit einige von den Leuten
tbaten, die fich für weife Mäni.cr hielten. Darinn hans
delte er aber Flüger wie fi. Denn Reichthum, welchen
man von ehrlichen Borfahren und Eltern geerbet hat, oder
welchen man fih durch Fleiß und Arbeit erworben, wors
unter fein Pfennig iſt, den man andern burch Beirug
und Unrecht genommen, ein folcher Reichthum ift Gotteg
Segen. Wer wollte aber einen Segen Gottes verachten ?
Das wäre große Suͤnde. Für ein foiches Geſchenk muß
man Gott immer danfen. Der beftie Dank für irdifchen
Reichthum aber beſteht darinn, daß man fein Geid und
Gut nicht verfchiwende zu einem lüberlichen Leben, zur
hoffärtigen Kleiderpracht und unverſtaͤndigen findifchen Aus—
gaben, mworüber Fluge Leute lad;en, und bie weder ben,
der fie macht, ned) andern Leuten Nuzen bringen.
Aber weil Reichthum eine fehr vergängliche Sache
ift, die man heute befizen und morgen verlieren kann; Die
ung nichts hilft, Gottes Gnade und die Liebe guter Men—
ſchen zu erlangen, wenn wir nicht verfländig und fromm
dabey find : fo müffen wir auch einen reihen Menſchen
nicht für den glüclichfien Menfhen halten. Kein Menfch
in ver Welt muß in unfern Augen glücklicher feyn, ale
der viel Gutes weiß, und viel Gutes thut. Wäre er auch
noch fo arm, und von einem geringen Stande, fo muͤſ—
fen wir ihn für mweit glückticher halten, als einen reichen
Menichen, der dumm it, der viel Thoͤrichtes und Boͤſes
thut.
Das Gleichniß vom reichen und armen Manne, 997
thut. Ach dieſer ift bey allem feinen Geld und Gut, ein
elendes, nichtswärdiges Geſchoͤpfe. Gerade fo dachte ber
weife Solon:
Er ſagte: Ich wuͤnſche reih zu ſeyn, aber
ih ſuche mir Feine Schäze mit Ungerechtigkeit zu
famnilen,, darauf folgt Unglüdk und Strafe — Oft
werden die Höfen reich und die Frommen leiden Man—⸗
gel, und doch wollte ih die Tugend nicht für alles
Bold wegaeben. Die Tugend ift ein beiiändtges
Sluͤck, aber der Reichthum ift eine veränderiihe
Sache — Wer Gold und Silber, viele Aecker, Wie
fen und große Vichbbeerden bat, der iſt reich, aber
nicht fo reich als derienige, der geſund iſt, und mun⸗
tre, jböne und gute Kinder bat:
Er kam einmal nach Sardes, zu dem reichen Könige
dröius. Er ſahe denfelden in der groͤßten Fdniglichen
Pracht, umgeben mit jeher vielen Hofleuten, die alle auch
ſehr koͤſtlich gekleidet, und von vielen Bedienten begleitet
waren. Aber alle die praͤchtigen, Die mit Gold geſtickten
und mit Edelfteinen befeztin seleiber, Wie das anſehnliche
Gefolge des Königes, rührten Solon utcht; er dab es
weder mit Worten noch Mienen zu erkennen, baß er ein
Vergnügen daran finde Darauf ließ Eröfus ihm feine
Schazkammer oͤffnen, ihm fein vieleg vorraͤthiges Gold,
und alle die andern Koftbarfeiten in feinem Schloffe ſehen.
Aber auch über diefe anfchulihften Reichthuͤner und manche
faltigfte Pracht, ließ Solon weder einiges Wohlgefallen
noch Berwunderung merken; hingegen gab er einigen vers
ftändigen Leuten deutlich zu verſtehen, daß er alles dieß für
Eitelteit und unnuͤze Pracht eines Fürften hielte, ber nichtg
Größers und Beſſers zu ſchaͤzen wife, Als Selen alles
gefehen, fragte ber König: ob er einen gluͤckſeligern
Ktta i Men
de
968 Sünf und viergigfte Tafel.
Yienfben als ihn, gefunden habe ? Solon antworte.
te tiemmühig ı Ja, einen atbenienfifhen Bürger mit
Amen Eellus. Diefer war ein ſehr ehrlicher Mann;
er hatte ſo viel, als er zu feinem Unterhalt gebrauds
te, er binterließ woblerzogene Rinder, er flarb mit
Ruhm, zum Beften feines Vaterlandes,
Eröjus, der einen zu ſchwachen Verftand hatte, ald
daß er einſahe, wie ſchoͤn und richtig diefe Antwort war,
hielt Solon für einfältig, weil er einen geiingen ehrlichen
Hann glücklicher ſchaͤzte, als ihn, bey feinen unausſprechli⸗
chen Schäzen und großem Königreihe. Dock fragte er
ibn noch zum andernmale : wen er denn nach dem Tel:
Ius am glückfeligfien gefunden ? dieobis und Byton
von Argos, antwortete er, zween Brüder, die fich
felogt unter einander, und ihre Mutter auf Das zaͤrt⸗
lichſte iebren. Einſt als ihre Mutter, eine Priefters
inn, an seinem boben sefte, fid in den Tempel der
uno begeben follte, und die Ochſen zu lange aus
bireben, \pannten fie firh felbit vor den Wagen, und
zogen ibn bie an den Tempel, zwey Yieilen weit.
Alle Leute wänfbten ihr Gluͤck, zu ſolchen gehorfas
mien guten Rindern. Sie jelbft war voll Sreude,
und vetete für Nie, daß fie Das befte Glück der Men—⸗
ſchen zum Kohn ihrer Findliden Treue erlangen
möwten. Sie ſtarben bald darauf fanft und frölich,
und nach ibrem Tode, blieb ihr Andenfen zu Argos
in groſſen Kuren. Wlan ſprach beftändig von ihnen
fit Hoͤhachtung, als von liebenswürdigen frommen
Serlen.
Croͤſus ward zornig darüber, daß Solon ihn bey
fernen Reichthuͤnern und feiner Pracht nicht unter die
Gluͤckſeligen rechnete. Uber fehmeicheln Fonnte Solon
nicht,
Das Gleichniß vom armen und reihen Manne. 949
nicht, denn er liebte die Wahrheit über alles. Er gab
ihn noch mit aller Befcheidenheit einige gute Kehren, bie
den Croͤſus zwar traurig, aber nicht Flüger und beffer
machten. Unter andern fügte er zu ihm: das Keben
der Menſchen ift manderley Zufällen unterworfen,
und ihre Glück ift ſehr veränderlih. Reiner Fann
mit Gewißbeit fagen, ob er bis an fein Ende reich
und, glüclich bleiben werde — Gidjus verachtete zwar
damals diefe Lehre, und glaubte nicht, daß er ie würde
unglücklich werden Finnen. Als er aber vom Cyrus,
dem Könige der Serfer, in einer Schlacht überwunden,
gefangen genommen, undan einen Pfahl gebunden wurde,
um verbrannt zu werden, da esinzerie er ſich an alle diefe
Lehren und rief , da ihn eben die Flammen ergreifen woll«
tn: O Solon, Solon ! Cyrus ließ fragen, mas
das bedeute ? und befam zur Antwort : diefer weife Mann
hätte ihm vormals gefagt, vor feinem Tode fen Fein Menfch
glücklich zu preifen. Die machte fo viel Eindruck beym
Eieger, daß er ihm das Leben fehenfte, und das Feuer
auszulöfchen befahl. Allein es hatte ſchon Üüberhand ges
nommen; daher die Lydier den Apollo, melchen Croͤſus
allezeit fehr verehrer harte, anricfen ihren König zu erhals
ten. Da foll denn ein pigzlicher und ſtarker Plazregen
das Feuer ausgelsfcht haben, daß Croͤſus erreftet werden
fonnte.e Cyprus machte ihn barauf zu feinen Raih und
zum Herrn der Stadt Borene,
Ttt 3 4.
970 Fünf md viersigfte Tafel.
RE ET EEE
4.
Der Geizige, CElem. Tab, XXVII, 2.)
©. bier einen Lafterhaften und Unglücklichen , ben
Geizhals, mitten unter feinen Schaͤzen. Er ift fo reich,
daß er von einem Theile feines Geldes mit ben Seinigen
hundert Sjahre, nach den guten Sitten eines Wohlhabenden
leben fönnte, wenn er auch in aller der Zeit nichts mehr
ermürbe, Aber ſeht, mie er lebt ! Er bat feine Freu—
de, als in dem Andenfen an feine Geldbeutel und Kaften;
und felbft diefe hat er nur felten, weil er feinen Begiers
ben nie genug gewinnt und erfparf ; und meil er in beſtaͤn⸗
diger Angft ift, feines häufig bey ihm verwahrten Geldes
wegen umgebracht zu werden. Diefes fürchtet er faft
von iedem Menfchen : darum liegt eine Piftole auf dem
Tiſche. —
Was Könnte er mit feinem Neichthume nicht Gutes
fchaffen, wenn er einen Theil verfchenfte, und dem uͤbri⸗
gen mit Sicherheit an rebliche Menſchen ausliehe, die durch
den Gebrauch beffelben auch eimas erwerben Eönnten ?
ber nein ! alles wird entweder ängftlich verwahrt, ober,
ohne einen Liebesdienft zu thun, auf Zinfen verliehen. Da
liegt die Goldwaage vor ihm, Soll er etwas ausgeben,
fo ſucht er Geldſtuͤcke, die das rechte Gewicht nicht haben,
und woran der Empfänger Schaden leiden Fann : ift aber
ein Stück zufäligerweife zu ſchwer, fo legt er es zu ber
Summe, bie er nach bem Gewichte verkaufen ober eins
fhmelzen mil, Er ift mager, weil er ſich felten fatt iſ⸗
fet, und immer forget; zerlumpt und fchmugig, weil die
Auss
Ta ni
Das Gleichniß vom reichen und armen Manne. 971
Ausbeſſerung der Kleider etwas Foftet, und im Waſchen
das Zeug zerrieben twird- Kerzenlicht mag er nicht beens
sen , fondern bultet lieber den übelziecchenden Dunft der
Lampe. Auch im Winter wird er lieber frieren als Holz
Esuien wollen — Deun einen Dfen tieht man nicht in Tele
nem Zimmer. Bequeme Stühle fann er auch nicht haben ;
denn Stroh ift vergängliher als Holz, - und Leber viel
theurer — Gebt das durch) feinen Geiz verurfachte Elend
in dem Gefihte und dem ganzen Aufzuge feiner Frau.
Sie giebt den Kindern ein paar Nepfel. Verſchwenderi—
ſches Weib, ruft er im rafenden Zorne, du wirft mich
noch arm und ungluͤcklich machen; aus diefen Aeps
feln, und einem guten Stücke Brod hätte eine Abends
malzeir werden Fönnen — Wie wird er feine unjarle
digen Kinder erzichen ? Mit Härte und Öraufamkeit — ch»
ne linterricht, und ohne Angewoͤhnung zu ſolchen Sitten,
bey weldhen fie zu ihrem und anderer Vergnügen einmal
ben Neichthun brauchen Fönnten, den er ihnen ungern zus
rücfe läßt, nach dem er arm genug gelebt hat, um reich
zu ſterben, und mit der Schuld eines Lafterhaften in das
zweyte Leben uͤberzugehen.
— — ——— ————⏑ ——“— —
5.
Steine, vornehmlich, koͤſtliche Steine.
Verſteinerungen.
den Mineralien (Tab, XXVI, 5. XXVIII, 5.) .
machen die Steine die zweyte Hauptklaffe aus. Sie uns
terſcheiden fich von den übrigen Mineralien dadurch, bag
Tita ibre
972 Fuͤnf und vierzigſte Tafel.
ihre Theile einen flarfen Zuſammenhang haben, und fid)
weder durch, Waffer von einander trennen, noch aud)
buch den Hammer in eine andere Lage bringen laſſen. Sie
entſtehen durch die Verbindung verfchtedener Erdarten;
doch läßt fih die Urt und Weife, wie die erdicdhen Theil-
chen burg) ihre Vereinigung die mancherley Arten von Stei-
nen bilden koͤnnen, noch nicht völlig erflären. Nach Bes
fhaffenheit diefer Verbindung der Erdarten unter einander,
giebt es auch verfchiedene Steine, und man fann die ganze
Klaſſe terfelben bequem in fünf Ordnungen eintheilen ,
nehmlich in Falchartige, alasartige, feuervefte, felor
artige oder vermwifchte, und gebildete Steine.
I. Durch kalchartige Steine verffeht man alle Sat,
fungen win Steinen , welche die Eigenfchaft befizen, daß
fie im Feuer locker werden, und hernach in einen Staub
zerfallen, mit: Waffer vermifcht, aber micder erhärten.
Hieher gehören: 1) Der gemeine Raldftein, aus wels
chem der zum Bauen ndihige Kalch gebrannt wird ; der
aber auch von den Aerzten, ingleichen von den Faͤrbern,
Seifenfiedern und Eerbern gebraucht wird. 2) Der Miarı -
mor (A. q.), welcher ein dichteres und vefieres Gewebe
bat als der Kalchſtein, und eine ſchoͤne Politur annimmt.
E8 giebt, vornehmlih in Stalien, verſchiedene Arten
deſſelben, faft son allen erfinnlichen Farben ; und bie
meiften haben allerley Streifen, lecken und Figuren, aus
denen eine geübte Einbildungsfraft Schlöffer „ Städte,
Baͤume und Landfihaften zu machen pflegt. Er wird ges
meiniglich nur zu den praächtigften Gebäuden genonmen ;
3) Ralchſpath, ein blättriger Stein, der hie und da
blos zu Silberſand zerfchlagen oder gebrannt wird. Kine
rt davon wird islaͤndiſcher Kryfiall oder Doppelftein
genannt, weil iman die dadurch betrachteten Gegenflände
boppelt
Das Gleichniß vom reichen und armen Manne. 973
doppelt ſieht; 4) Der Stinkſtein, melcher nach Kazen«
urin riecht, wenn er gerieben wird; 5) Der Ducs ober
Tufſtein, welcher raub, leicht und Iöchricht iſt, vielerley
Geflalt und Farben hat, und in den Helen von den her-
abtröpfelnden Waffertropfen entfteht, daher er auch Tropfs
fein heiffer. In der berügmten Baumanshöle, nicht weit
von. Halberftadt, hat diefer Stein die feltenfien Figuren
j. €. Tiſche, Stühle, Werkzeuge, Statıren, Thiere ıc.
gebildet ; 6) Die gypsartisen Steine, welde fich leicht
in ein meblartiges Pulver verwandeln laſſen, und mit
Waſſer vermifcht, ohne Erhisung wieder verhärten. Hie—
her gebören: a) der gemeine mweiffe oder graue Gypse
fein, deſſen fi) die Deaurer, Bildhauer und vornehmlich
bie Stuffatur» Arbeiter bedienen; b) der Alabaſter CA. o.)
von verfchiebenen Farben, welcher zu Statuen und allerley
Ziguren gebraucht wird; ec) das Srauenglas oder Mari
englas, ein ganz durchſichtiger biätteriger Stein, aus
welchem in Rußland Fenſterſcheiben gemacht werden, befa
fen Mehl auch als der reinſte Gyps gebraucht wird; d)
der bononifche Stein, oder der bolognefer Spatb,
ein halb durchſchtiger faferiger Siein. Wird er gwifchen
Kohlen calcinirt, fo erbält er dadurch die befondere Eis
genfhaft, daß er, nach dem er wieder erfaltet ift, bag
Licht von audern leuchtenden Körpern an fich zieht, und
hernad) im Finftern einen Schein wie ghiende Kohlen vor
ſich giebt.
H. Die glasartigen Steine find meiftens durchfichtig
und werden im Feuer geſchwinder als andere zu Glafe,
Man rechnet zu denfelben die Edelſteine, die Rieſelar⸗
ten, die Hornfieine, den Sandftein und den Schies
fer,
ztts5 1. Die
974 Fuͤnf und vierzigſte Tafel.
1. Die Edelſteine find ſehr harte, durchſichtige
Steine, die ſich ſchleifen und ſehr gut poliren laſſen. We—
gen ihrer vorzuͤglichen Haͤrte und vortrefflichen Glanzes
werden fie auch fo hoch geſchaͤzet. Man rechnet zu den⸗
felben: a) den Diamant (A. k.). Er iſt der koſtbarſte
unter allen Edelfieinen. Beine Schönheit wird nad) dsey-
erley Kigenfchaften beurtheilet, dem Wafler, ober ber
Durchfichtigfeit, der Neinigfeit, dem Glanze oder ber
Lebhaftigkeit feines Seuers. Der grüne Diamant ift der
zarefte und koſtbarſte. Der rofenfarbe und blaue, mie
auch der gelbe werden nicht weniger gefchäzt. Die fchwar-
zen Diamante find die gemeinften. Diefe Farbe wird für
einen Fehler angefehen, welcher den Preis des Steind
ſehr vermindert. Die Juwelirer theilen die gefchliffenen
Diamanten in Tafelfteine, Hofenfteine und Brillanten
ein. Die Tafelfteine, welche am menigften koſten, find
oben und unten platt gefchliffen, und haben nur an den
> Seiten Facetten, oder edige Flächen. Bey den Nofen»
fteinen oder Roſetten ift der untere Theil ‚platt, der
obere hingegen läuft fpisig zu, und bat etliche Reihen
Facetten über einander. Die Brillanten, weldye das meis
fie foften, find oberwärts und unterwärts eben fo, mie
die Rofenfteine an dem obern Theile gefchliffen, Sie endis
gen fich unten allemal in eine Spige, oben aber auch oͤf⸗
ters in eine ecfige horizontale Fläche. Man findet zuwei⸗
len Diamante, die in fchnellen Strömen unter dem Saite
be fortgeführet, und dadurch von Natur poliref und voll
fommen burchfichtig worden find. Die eigentlichen und
vornehmflen Diemantgruben aber find in den Staaten
des Öroßmogols, im Königreiche Golconda und Pifapur.
Veberhaupt ift Indien das Vaterland der größten und koſt⸗
barſten Edelfteine , befonbers Peau, Bengalen, Ceylon und
Bornep,
Das Gleichniß vom reichen und armen Wanne. 975
Hormeo, Die größten Dismanten in ber Melt find:
1) der Stein des Brosmogeld, der auf 2930819 Thaler
geſchaͤzt wird; 2) der Diumant des Großher;ogs von Tos
fcana, 652083 Thaler am Werth; 3) der fogenannte grofs
fe Sancy , der fih in der franzöfifchen Krone befindet, und
150000 Thaler werth ift ; 4) ber beynahe unichäzbare
Diamant, der in ben Gewoͤlbern der amflerdamer Banf fo
lange vermwahrlich aufgehoben wird, big fic) jemand fins
bet, der reich genug ift, ihm zu Faufen; 5) der Stein,
tselcher einen Theil des Schazes des Königes von Portu⸗
Hell ausmacht, der auf 224 Millionen Pfund Sterling ger
fhäzt wird, b) Der Rubin ift nad) dem Diamant der
haͤtteſte Edelftein. Die Geile greift ihn nicht an, Er
miderfieht dem ftärfften Feuer, Der prientalifhe Nubin
bat entweder eine lebhafte Cochenille- oder Kirſchfarbe.
Wenn er fchön blutroth iſt, und über 20 Karate miegt,
fo bekommt er den Namen Rarfunfel. Cr muß aber eis
ne brennende Nöihe haben. Der Rubin Ballas iſt hell-
got), auch pomeranzenfärbig. Der Rubin Spinel hat
eine fehr ſchwache helleothe Farbe. Der Rubizell ift blaß—
roth, und fält in das Strohgelbe, c) Der Sapphir
kommt nach dem Rubin, dem Diamant am nächiten in
der Härte. Er bat ein vortrefflihes Himmelblau, dag
wie der fchönfte blaue Sammt fpielt , fo daß es weder zu
bel noch zu dunkel ausfällt, Der occidentalifche ift weis,
mit einer bimmelblauen Mifhung, und hat fehr oft den
Sehler, daß er weich oder frübe ift, wie derienige, wel—⸗
cher aus Echlefien, Böhmen und Elfaß gebracht wird
Der waflerfarbige Seppbir , welcher aus Ceylon kommt,
foH bey den Juwelierern sfters die Stelle des Diamanten
vertreten, dem er fehr gleich fommt, Sin Perfien finde:
man auch einen grünlihen Sapphir, der unter wis
blauen
976 Fuͤnf und vierzigfte Tafel.
blauen Farbe, einen grünlihen Anftridy bat. d) Der
Topas iſt goldgelb, mit einem ſehr lebhaften und wenigen
oder mehr dunklen Gruͤn vermiſcht. Der arabiſche iſt der
koſtbarſte, und feine Farbe faͤllt in das Citronen » oder
Jonquillengelb. Der welcher in ben boͤhmiſchen und ſaͤch—
ſiſchen Gebirgen gefunden wird, iſt mehr durchſichtig und
blaßgelb. e) Der Smaragd hat den fünften Rang uns
ter ben Edelfteinen. Der orientaliſche hat ein lebhaftes
Grin und ein fchönes firahlendes Waſſer. Dieienigen nens
net man occidentalifche Steine, deren Farbe mehr vers
duͤnnt erfcheinet, die nehmlih ein. belieres und dem Yuge
angenehmeres Grün haben. f) Der Chryſopras ifi ein
ducchfichtiger goldgrüner Edelſtein, mit welden der Chrys
folith ein grünlichgelber Stein eine große Aehnlichkeit hat.
Man findet beyde Arten nicht nur in den mergerländifden
Gegenden, fondern auch in verfchiedenen europäiichen Laͤu⸗
dern, z. E. in Schleſien und Böhmen. g) Der Amethyſt
ift entiveder ganz violet, ober von einem Violet, das ins
purpurfarbige fallt. Es giebt auch gelbliche, blaffe oder
tveinfarbige mit einer Fleinen blauen Miſchung, röthliche
eber violste, mit purpurroth gemifcht. bh) Der Gras
net ift dunkelroth. Einige haben ein lebhaftes Koch, ans
dere fallen ins Violete sder Dickblaue. i) Der Hyacinth
hat ein ing Gelbe falicndes Neth, Einige fallen ind Vio—
kete, andere find fafraugelb, gelblich weis, bernfteinfars
big , honiggelb ec. K) Der Berill oder Aquamarin hat
eine blaugrüne oder mzergrüne Farbe, die man Seladon
nennet, 1) Der Turmalin, der erft feit ohngefehr 60
Sahren in Eurepa befannt iſt, hat eine rothbraune Farbe,
Er wird in Ceplon gefunden und hat die befondere Eigen»
ſchaft, daß er durch die Wärme und vorzüglich im fieden«
den Waſſer eleftrifch wird, Man nennet ihn baher auch
Aſchen⸗
Das Sleihnig vom reichen und armen Manne. 977
Aſchentrecker oder Afchenzieber, weil er, tvenn mar
ihn auf glüende Kohlen legt, die Afche an fich zieht.
2. Die Fiefelsrtigen Steine, welche fehr hart find,
und gegen den Stahl Feuer fchlagen. Dlan rechnet dar«
unfer a) den gemeinen Kieſel, welcher zum Pflaftern
und Glasmachen gebraucht wird; b) den Guarz oder
Ries; c) den Kryſtall (A. 1.); d) den Slinten: ober
Feuerſtein; e) den Ehalcedon, ein halbburchfichtiger,
gemeiniglih weißgrauer Stein; f) den Carneol, ein
fleifchfarbiger oder rother, ziemlich durchfichtiger Stein ;
g) den Onyx oder Onych, der halb durchfichtig, und
mit allerley Adern durchlaufen iſt; h) den Opal oder Ele—⸗
mentitein, ber roth, gen, blau und gelb ausficht,
nachdem er gebrehet wird, Kine Urt deffelben wird Welt⸗
auge genennet, welcher im Waſſer wie eine glüende Koh—
le leuchten fol; i) den Sardonir, if eine Vermifchung
von Onyr und Carneol; k) den Achat, von verfchiedenen
Farben. —
3. Die Hornfteine, welche beym Zerfchlagen mei»
ſtentheils Eugelförmige, erbabene, faft wie Mufcheln ges
fialtete, Brüche geben, und zu denen vornehmlich der
Jaſpis von verſchiedenen Sarben, der Porpbyr, ein
rothbrauner Stein, mit weiſſen, fchivarzen und andern
Flecken, und der blaue mis gelben. Punften und Streifen
verfcehene Kafurftein gehören. Eine Art von Porphyxr iſt
der Granit, der in Egppten von ungebeurer Eroͤße ge
funden wird, aus melden die meiften Obeliſken erbauet
wurden. Diefe erfiern Arten ber glagartigen Steine wers
den gemeiniglich entweder zierlich in Gold und Silber sin,
gefaßt, ober etwas darauf geſchnitten. Die gefafften
_ Steine werden insgemein Schmuck oder Seſchmeide ae
nannt, babin z. &, Agraffen, Armbaͤnder, Bazen, Braſ—
felettew,
———
978 Fünf und vierzigſte Tafel.
feletten, Kreuzchen (A. ©.) Dhrensehänge, Ninge und
dergl. gehoͤren. Unter den gefchnittenen Steinen find
vornehmlich die Antiten, aus der riechen und Roͤmer Fels
ten befannt und beraͤhmt. Auf der Tafel ficht man einige
folche gefchnittene Steine, z. E. einen Eolon (A, a.),
einen Socrates (A. b.), einen Heraflitus (A. d,) der
über alles weinen fonnte; einen Demokritus ( A, e.), der
über alles lachte ; Bachhanalten (A, f.), die Aurora (A. 8.)
den Kaiſer Augufius (A. h.), feine Gemaͤhlin Kivie.
(A.i.) Endlich gehören unter die glasrtigen Steine uch
4. Die Sandfteine (A. n.), trelche aus den Steine
brichen gefprengt und zu Quatern schauen werden; zu
denen auch die Muͤhlſteine, Scleifiieine, und Siltrir:
fteine gehören.
5. Die Schiefer ( A. p.), welche fid) durch ine blätts
tiges Gewebe von den übrigen unterſcheiden; zu denen ber
feine Wesftein und der Probirftein gezehlt wird,
11], Die feuerveften Steine find dieienigen, welche
im Feuer immer härter werden. Einige derſelben werden
in derben Stüden gefunden, ;. E. der Serpentinftein,
der eine grünliche Farbe, mit vielen Fleinen weißlichen und
fchwarzen Flecken hat. Es giebt auch rothen, gelben,
grauen, braunen und fchivarzen; und werden Moͤrſel,
Dintenfäffer und andere Gefäffe daraus gemacht — der
Nierenſtein ift grün und ein wenig durchfichiig; und der
Speckſtein, der ſchluͤpfrig und ziemlich weich iſt. Andere
feuervefte Steine find blättrig, 5. E. das Weiler + umd
Reißbley, das Bazengold und Ziazenfilber, dag ruffie
ſche Marienglas. Einige befichen auch aus Faben, 5. € |
der Amiant oder Asbefi, Bergfladhs , Federweis, Bergs
Fort — Endlich find auch einige ſchwammigt oder Iöchericht,
j. €. der Bimſtein. IV. |
Das Sleihniß vom reihenund armen Manne. 979
IV. Die Selsfteine, aus welchen gemeiniglich die
Selfen und Gebirge beftehen, welhe auch Waden und
Bruchſteine genennf werden; von denfelben Fommen auch
die meiſten geld s und Pflafterfieine ber.
V. Die gebildeten Steine, dazu die Naturſpiele,
die Aborücke und die Verfieinerungen gehören. Dur)
Vaturfpiele werden alle bieisnigen Steine verftanden ,
welche durch einen ungefähren Zufall eine große Aehnlich—
feit mit der Bildung eines folden Körpers, der nicht in
das Mineralreich gehoͤret, erhalten haben; z. E. die Bes
lemniten ober Singerfieine, (B.k.) Zungenfteine, (B.e.)
Alapper: oder Adlerjteine von ceyfsrmiger Geftalt, in
deren inwendigen Höhle ein anderer kleiner beweglicher
Stein fich befindet. — Die Abdrüde find Steine, welche
Abbildungen von Thieren und Pflanzen enthalten, ( Bas.
b.c.£.h.i.) welche genieiniglih Dentriten heiffen , und
baher entitehen, wenn der Schlamm oder die Erde, 10
rinn ein dergleichen Thier oder Pflanze begraben liegt, zu
einen veften Stein verhärtet, wovon man in Naturaliens
Kabinerten die herrlichſten Stüde findet. Die Verfteis
nerungen find eigentlich Körper aus dem Thiex » oder
Pianzenreihe, welche aber durch die im Waffer enthaltes
ne Sieinmaterie duchdrungen, und nachdem dag Waſſer
abgedunftet, mit der Zeit in einen Stein verwandelt mors
den find, Dabin gebören z. E. verfteinerte Knochen von
Thieren, verfleinertes Holz, Würmer, Mufcheln, oder
Pektiniten, Rücrade von Tieren, (B. d.) Schnecen,
welche gemeiniglih Ammonsbörner (B. g.) genennet ver:
ben, und dergl. Kinige bekommen nur eine fieinige Rin—⸗
be und werden daher incruftirte Rörper genannt. Das
merfwürdigfte biebey ift diefer Umfiand, dag man oft auf
febr hoben Bergen dergleichen verfleinerte Seethiere in groß
fer
930 Sünf und viersigfte Tafel.
fer Menge ausgräbt, woraus fich fehlieffen laͤſſet, daß dies
fe Berge entweder ehemals den Boden des Meeres ausges
macht haben, oder burd) eine ſehr aroße Ueberſchwem—
mung, dergleichen die Sündfluch geweſen iff, ganz mit Waſ—⸗
fer bedeckt worden find.
Endlich werben auch Sfterd einige Körper Steine ge
nennet, die wirklich Feine find, z. E. der Blutſtein,
(A. i.), welches eigentlich ein röthliches figurirtes Eifens
erzt ift, das die Kraft haben fol, das Blut zu flillen.
6.
Die Münze. Zurichtung der Edelfteine,
D. Münze oder das Geld find Stüde Metall, nad
einem von der höchften Obrigkeit verordnetem Getwichte mit
einem gewiffen Zeichen bedrückt, und auf einen gemiffen
Werth gefezt, damit es im Handel und Wandel gebrancht,
und darnach der Werth aller Waaren beitimmt merden
Fann. Um ber Bequemlichfeit willen bey Auszahlung grof-
fer Summen, bat man bie theuerften Metalle, Gold und
Silber zu Münzen ermehlet ; obgleich auc Kupfer und
Zinn, Eifer, Papier und Leber fchon hin und wieder,
theils aus Noth, theils aus andern Urfachen zu Münzen
gebraucht murden. Es giebt, überhaupt genommen,
verfchiedene Arten bderfelben nehmlih : Denfmünzen ober
Schauftücde und Miedaillen, die zum Andenfen eine:
merkwürdigen Begebenheit gefchlagen werden ; gangbare
Muͤnze, die zum allgemeinen Handel und Wandel beftimmf
ift, und auch hartes ober grobes, und in den Hanbeis:
frabten;
Das Gleichniß dom armen und reihen Manne. 981
ſtaͤdten, Banco und Speciesgeld genennet wird; Scheis
des oder Kandmürze, bie zum taͤglichen Handtauf unter
beni gemeinen Volke dienet, und ſelten Meiter gilt als in
dem Lande; wo es gefchlägen tmorden. Der innerliche
Werth ber Münze berupet auf ihrem Zeug ünd Gewicht ;
ober Schrot imd Korn; beit dufferlichen aber ſezet def
Muͤnzherr nad) Gutbefinden, und wie es Bie Zeit und Um⸗
fände erfordern: |
Die Verfertigung ber Muͤnzen war in den aͤtteſten
Zeiten ſehr ungekuͤnſtelt. Man grub, aus freyer Hand;
einen Kopf, ein Kreuz, cin Schild oder andere Fiont ;
had) Gemohnbeit ber Zeit; mit einer kurzen Randſchrift
us. In dei neuern Zeiten hat man mehr Fleiß auf dag
Muͤnzpraͤgen gewandt, und eiane MWerfflärte bazu ers
richtet, welche gemeiniglich die Muͤnze genennet Werden;
Jede derſelben hat einen von der Obrigkeit aufgeſtellten
und verpflichteten Muͤnzmeiſter und Geſeilen. Ihre Ars
beit beſteht in Gold » und Silberſcheiden, Abtbeilen,
Schmelzen, Gieffen, Schmieden, Plattenſchneiden,
Praͤgen, Gluͤhen, Adiuſtiren, Probiren. Denn erſt—
lich muß der Muͤnzmeiſter dem Gold oder Silber dag bes
nöthigte Pagament ind den Zufaz aeben, bdamit es bei
Muͤnzordnungen ‚gemäß fchret = Und kornmaͤßig werde;
bierauf wird es in Zaine gegoſſen und probitet, ob es adj
Fichtige Probe halte: Nach diefeni pflegten es die Alten
mit dem Hammer in die Breite und Fänge fehr muͤhſam zü
ſchlagen, damit es nicht ati einen Orte dicker werde, als
an dem andern, welches aber heut zu Tage durch die neu⸗
erfundenen Streckwerke viel leichter und beffer geſchiehet.
So pflegteii fie auch ſolche zu gehoͤriger Dicke gebrachte
Schienen mit der Scheere in beſondere viereckige Stuͤckchen/
etwas ſchwerer, als die Münze werden ſollte, iedoch alle
Yuu in
|
|
982 Fünf und viersigfte Tafel.
in einer Größe und Gewicht zu fchneiden, nachmals auss
zugluͤhen, zu abiuftiren und rund zu fchlagen ; welches aber
durch die heutigen Schneidwerfe, womit fie durch einen
Druck in ablange Platten gar leichtlich gefchnitten werben,
mit Erfparung obiger Mühe auf einmal zu gefchehen pfleget.
Dann werben fie adiuſtirt, gegläht, und in geftoffenen
MWeinftein, Salz; und Waffer gefotten und getrodnet; ale,
denn, nach der alten Art, vermittelft be8 Stempels,
mit dem Jammer (A. a.), ober nad heutiger Manier,
durch befondere neu erfundene Stoß« oder Druckwerfe
und den Anwurf (A. b.) gepräget, und bie verlangte
Figur und Aufſchrift eingebrude.. Wenn folches gefche-
hen, werden die unvollfommenen Stücke augsgefondert, und
wiederum eingefchmolzen, die gar Fleine Scheidemuͤnze aber,
wie viel Stüde derfelben auf eine Mark gehen müffen,
ausgerechnet, und fodann ber Marf nad) abgewogen und ges
gehlet. Darauf nimmt der NTünzwardein , ber zur Pro«
be des ausgeprägten Geldes verpflichtet if, unter den vie
len gemüngten Sorten ein Stüf nah Belieben heraus,
ſchneidet folche® entzwey, ftdfet die eine Hälfte in eine ber
fondere Büchfe , um ſolche bey den im roͤmiſchen Reiche ans
geordneten Miinzprobations. Tagen vorzulegen, ba er
inzwifchen die andern, ob fie Schrot und Korn halten, auf
das fleißigfte probiret.
Ein iedes Land hat feine eignen Muͤnzſorten, deren
Cours oder Werth bald um etwas fleigt, bald fält. In
Deutichland wird in den meiften Greifen nach Thalern
und Groſchen, in andern nad Gulden und Krezern ges
rechnet. Nach dem fächfifben Suß hält der Thaler,
24 Grofben, der Ducate 2. Thl. 18. Gr. die Mark
3 Gr. der Goldgulden 2. Thl. der Kouisd’or ober Pis
ftolette 5. Ihl. der Carolin 6, Ihl. 8. Gr. der Souver⸗
i ain
Das Gleichniß vom reichen und armen Manne. 983
ain 8. Thl. der Maxd'or 4. Thl. der meißniſche Gulden
21. Gr. der Raiſergulden 6. Gr. der fraͤnkiſche Gul⸗
den 60. Rreuzer, der Reichsthaler 90. Kr. der Com
ventions: Thaler 2. Gulden und 24. Sr. der Bazen 4.
Fr. der Kreuzer 4. Pfennige, der Pfennig 2. Heller,
In Portugall giebt eg Lruifaden zu 1. Thl 4. Gr
(ſaͤchſiſch), Realen zu 25. Gr. In Spanien: Stück
“von Achten, zu 1. Thl. Maravedis zu 1. Pfennig,
Dublonen zu 5. Thl. Kronen zu 1. Thl. 13. Gr, In
„holland: Gulden, zu ı2. Gr. ober 20 Stüver, Stüver
zu 7 Pfennigen, Patacon zu ı Thl. 4. Gr. FEnglund
münzt nah Pfunden, Schillingen und Pfennigen. Kin
Pfund Sterling hat 6. Thl. ein Schilling 6 Gr. 9. Pf.
Roſenobel 5. Thl. 20 Gr. Guinee 5. Thl. 18. Gr,
Eine Dänische Doppelfrone hält 2. Ihi. In Rußland
giebt es vornehmlih Aubeln, weldhe in Gold 2. Thl. und
im Silber ı. Thl. 6. Gr. machen; auch haben fie daſelbſt
Ropeidfen, bavon zo einen Thaler machen. Die fchwe;
diſchen Thaler fiehen mit ben beutfchen in einerley Werth;
die andern Münzen find Markſtuͤcke in Silbergeld zu 4.
Gr. und in Kupfergeld 1. Gr. 8. Pf. ein Oehr gilt z,
Pf. In Polen wird gemeiniglih nach Tümpfen ges
zehlt, melde wie die Sledermaufe, 5. Ör. betragen,
Kin Brummer hält 4. Pf. In fransöfifchen Silbermün;
zen maht der große » oder Kaubtbaler ı TIhl. ı2. Gr,
der Fleine Thaler ı8. Gr. der Couisblanc 1. Thl. 8,
Gr. der halbe Louisbiane 16 Gr. der Kivre 8. Gr, fünf
Sols 2. Gr. Unterden übrigen Gelbforten beträgt ein Portins
galeſer 10 Ducaten; in Italien eindiafter 1. Thl. 8. Gr, ein
Sfudi ı. Thl. 8. Gr. ein Zehin 2. Thl. 18. Gr. Serner: ein
Schilling 3. bis 6. Pf. ein Schock in Böhmen 18. Er. ein
Ropfſtuͤck 20. Kr. Den den Türken find die Afper gebraͤuch⸗
uuua lich,
.
984 Fuͤnf und vierzigfte Tafel.
lich, deren so, 1. Thl. machen. Auch zehlt man bdafelkft
nach Beuteln, deren einer soo. Thl. macht. Bey ben
Juden mar ber gemeine Seckel Goldes 4. Thl., und der
gemeine Seel Silbers 6. Gr. (Nach dem Gewidt
des Heiligthums galt alles doppelt); und der Silber⸗
ling 12. Gr. Zu den alten griechiſchen Münzen gcheren
vornehmlich die Drachmen, deren eine obngerehr 3. Gr.
galt. Ein Talent machte nach unfern Gelde 150. Thl. auch
mehr. Der römifche Denar betrug auch ehngefehr 3.
Gr. der Sefterz 9. Pf. der AK nicht gar 4.Pf. Der Obol
einen Heller. Die alten Deutfchen yfiegten am häufigften
Hohlmünzen oder Brafteaten zu prägen, deren eine Seis
te hohl, die andere erhaben, dünne, aber von dem feinften
Silber war;
Das Gepräge auf den Münzen und Medaillen verfers
tiget der Stempelfchneider, oder Siegelgräber. Er
fchneidet mit dem Grabflihel in Stahl, der auf einem
Stode von Eifen beveftiget if. Er verfertiget auf zweyen
Stempeln, die Vorderfeite (Avers), und die Rückfeis
te (Revers) der Münzen und Medaillen, welche hernach
in ber Münze, in Gold, Silber ever Kupfer geprägt wer⸗
den, und ſich erhaben zeigen, Auf gleihe Weife macht
er Petſchaften mit Wappen, Einnbildern und Namen, die
in Siegellack abgedruckt werden. Leute von Vermögen
ftellen fi) ganze Sammlungen von dergleichen Abdrücken,
Muͤnz und Miedaillen : Rabinete an.
Mit der Bearbeitung der Kdelfteine befchäftigen
ſich fünf verfchiedene Künftler : 1) der Steinsober Dias
mantſchleifer (B). Derfelbe fchleift den Ebelfteinen nicht
nur ihren Glanz, fondern auch die verfhiedenen rautigen,
tafligen und dreyeckigen Flächen an, wodurch ber Stein
gezwungen wird feine firalende Sarben, unter vielerlen Win⸗
tel
Das Sleihni vom reichen und armen Manne. 985
kel gebrochen, ben ber Fleinften Wendung deſſelben, viele
fach dem Auge, entgegen zu blizen. Er reibt zwey rohe
Digmanten an und mit einander, und fehneidet bierdurd)
die Anlage zu Fleinen Flächen oder Facetten, die er dieſem
harten Steine geben will. Den Diamantflaub , der hiebey
abgeht, flreift er, mit Baumsl vermifcht, auf bie eiferne
Scheibe feinee Schleifmafhine (B), und fchleift dem
Diamant zu Brillanten, Rofetten, Tafel» und Dickfteinen ;
2) der Steinfbneiter, welcher die übrigen Edelſteine
nach den nur gedachten Figuren bilde. Seine Schleife
muͤhle ift faft die nehmliche, und er beftreicht die Scheibe,
nach der Härte der Steine, mit Diamantftaub, oder mit
Schmergel; 3) der Wappenfchneider und alle übrigen
Kuͤnſtler, die auf der Fläche eines Edelſteines Figuren ausge
graben. Sie legen gleichfals Diamantftaub an die Schei⸗
ben oder Näder einer Fleinen Drebbanf, und der Diamants
ftaub an ben Scheiben reibt vertiefte Figuren in die Stets
ne; 4) der Tafeljchneider, welcher aug den Halbebels
fteinen Tafeln fchneidei, fie zu Gefäffen aushoͤhlet, und
auf ben Steinen erhasene Figuren bilbet, Seine Mas
fhine kommt voͤllig mit der Mafchine des Wappenfchneiders
überein, nur daß fie, nach der Abficht feiner Arbeit gröfe
fer it; 5) der Juwelirer, welcher die Diamantflächen,
bie er von dem Steinfchleifer mit dem voͤlligen Glanze bee
kommt, in fubtile Käftchen von Gold oder Silber einfaßt,
such mit Juwelen und? Schmud handelt.
Uuns nr
*
————————
986 Fünf und vierzigfte Tafel.
— —
7.
Lama und Zenith.
Wi weit ſtrebt unſer Stolz? Menſch, wuͤnſche dir auf
Erden
Nichts als der Wuͤnſche Maͤßigung.
Wie bald kann nicht der Weiſe gluͤcklich werden!
Wann aber hat ein Thor genug?
Durch lange Duͤrre ward Arabien verbrannt.
Die Fluren ſtarben bin , den Bad) fraß heiſſer Sand,
Die Brunnen kochten ein, auf den durchgluͤhten Erden
Verſchmachteten vor Durſt die Hirten und die Heerden.
Don Hize, Sram und Durft, und beiffen Threnen maft,
Bon Todesangft erflarrt, und ihres Lebens fatt,
Stund Lama und Zenitb an ihren nahen Hütten,
Und feammelten zu Gott der Nettuns ihre Bitten.
Weit um fie zeichnete ihr Vieh mi, Schaum bie Bahn,
Und bruͤllte fürchterlicd den fchwülen Himmel an.
Schnell drang ein b:itrer Glanz durch bie entlaubten
Heden ’
Und wuchs zu einen Geift —
Ehrfurcht und heilig’ 8 Schreden
Warf Lama und Zenith zur Erde — Goͤttlichs Licht!
Allmaͤcht'ger! riefen fie, Erbarmer, toͤdt ung nihe!
Gefchleht des Staubs! ſprach er, und warum folt
ihr fterben ?
Steht auf, was zittert ihe? Ich feßle das DVerberben.
Der euch erfchuf und nährt, erböret euer Flehn —
Lebt! Bitter was ihr wollt; ich kann — es fol gefchehn !
A
Sprih , Lama! fprich getroſt. —
Das Sleihniß vom reihen und armen Manne. 987
Surcht feßelte die Glieder.
Dreymal erhub er fih, und dreymal fanf er nieber.
Geift! fieng er bebend an, wenn deiner Maieftät
Der Staub fi) nahen darf, fo hoͤr' was Lama flebt ;
Gewaͤhr' mie einen Bad, der meinem Viehe gnuͤget,
Mir nie im Winter ſchwillt, im Sommer nie verfieget.
Es ſey, ſprach er. Ein Blick von feiner Allmacht drang
“in bag zerlechfie Land. Es riß — ein Bach entfprang.
Schnell grünte Gras und Laub, es trank bie durſt'ge Tide,
Und trank dag durſt'ge Vieh von unfers Lama Heerde.
Und du Zenith, ſprach drauf der wunderthaͤtige Geiſt —
„Daß fih der Euphrats Strom dem elten Strand ent⸗
- reißt;
„Die Thiere feines Reichs und feine folgen Wellen. _
„Durch meine Wiefen gehn, an meiner Hütte fchwellen ;
„Und wo bie Fluth fih theilt —
Verblendeter , Halt ein!
Mag mwillft du ? rief ber Geift,
„Der Herr bed Euphrats ſeyn —
So ſeys, ſprach er, fe ſeys!
Schnell bonnerten die Wogen
Des Euphrats. Er dringt ein. Sn feine Fluth gezogen
Ertranf Zenit) —
Vergnuͤgt genoß noch lange Zeit
ein Lama feinen Bach, den Lohn ver Mäßigkeit.
Aun 4 8.
988 Fünf und vierzigſte Tafel,
8.
Maas war König in Phrygien, und ein Sohn bes
Gordius, deſſen Knoten aus der Geſchichte des Aleranders
befannt ifl, Er regierte ohngefehr 400 Jahre vor Chrifti
Geburt, und fol einer der reichfien Könige geweſen feyn,
der durch feine Klugheit und Wachfamfeit große Schäge zu
häufen wußte, welche Faͤhigkeiten aber durch allerley
Fabeln entftellt wurden,
Man fagt nehmlich, daß ihm ſchon in feiner Jugend
die Ameifen Getraide, Kerner in den Mund getragen ba«
ben; aus welcher DBegebenheit die Wahrfager den Schluß
machten, daß er fehr reich werben würde. Als er Koͤ⸗
nig ward, Fam einit Silen, melcer dem Bacchus, fer
gen Zrunfenheit, nicht meht nachfolgen Eonnte, zu ihm,
Da ihn nun Midas auf das Beſte bewirthete, fo wurde
Bacchus fo ſehr dadurch gerührt, daß er ihm veriprad),
ihm alies zu bewiligen, mas er verlangte; und Midas
verlangte von ihm, daß alles zu Gold würde, mas er
anruͤhrete. Bacchus gewährte ihm dieſe Bitte — aber
bald fahe Midas ein, baß fein Wunſch thoͤrigt war;
benn es wurde nicht nur Holz, Stein, Waller und dergl,
zu Gold, fondern auch bie Speiffen und das Getränfe,
Das er in den Mund nehmen wollte, verwandelte fi) in
diefes Metal. Wie ihn nun Hunger und Durfi graufam
plagten, fo rief er den Bacchus innigft an, ihn wieder
von diefer Roth zu befreyen, Diefer geftund ihm foldyes
zu, und befahl ihm, er fonte in dem Fluſſe Paktolus dem
Warfer
ni in
Das Gleichniß vom reichen und armen Manne. 989
Waſſer entgegen geben, und in befien Duelle den Kopf
tauchen , ſich aber fodann am ganzen Leibe in dem Strome
baden. Er that folhes, und wurde dadurch feiner Plage
log — ber Fluß aber fieng nun an reichli Gold mit fic)
zu führen, daher er auch ben Namen Goldfluß befam.
Kaum war Midas aus biefer Noth errettet, fo ges
rieth er in eine andere, da Apollo und Yan mit einander
flritten , mer der befte Meifter in der Mufif fy. Da
fih nun Apollo auf feiner Leyer, Pan aber auf feiner Pfeis
fe hören ließ, fo ſprach Tmolus, König in Lybien den
Vorzug dem Apollo zu; Midas aber meinte, er habe nicht recht
geurtheilet, und gab den Preis dem Pan. Dieß verbroß
ben Apollo bergeftalt , daß er ihm fiatt der Menfchenohren
ein paar große und lange Efelgohren an den Kopf feste,
Er ſuchte diefelben auf alle Art vor den Menfchen zu ver-
bergen, und infonderheit durch feine Fönigliche Muͤze zu
bedecken. Nein meil er feine Ohren doch nicht vor den
Barbier verbergen konnte, fo wurde bie Sache durch den,
felben gar bald allenthalben befannt, Zwar getraute fich dee
Barbier nicht dien Geheimniß feldft auszubreiten — weil
aber Schweigen nie feine und feiner Brüder Sache war,
fo grub er ein Loch in die Erde, und fagte ganz ſachte in
baßelbe ; der König Midas har Eſelsohren! und ſchar—
. tete die Erde wieder zu. Alleine bald darauf wuchs auf
dieſer Stätte eine Menge Schilfrohr, welches, menn eg
von dem Winde bewegt wurde, mit feinem Geräufche eben
‚biefe Worte hören ließ, wodurd die Sache gar bald alfente
halben ruchbar wurde.
Uuus 9
999 | Fünf und vierzigfte Tafel.
—
9. |
Der Ducatenregen.
NM. träumte, ich sieng an einem angenehmen Tage im
Malde fpazieren. Da ich aber fahe, daß fich eine fehr
ſchwarze Wolfe aufjog, fo befürchtete ich ein Gewitter,
und eilte daher nach Haufe. Kaum hatte ic) das Haug
erreicht, fo fieng es entfezlich an zu regnen — aber was?
lauter Ducaten ! In meinem Leben habe ich feinen ſolchen
Lärm gefeben, ale ben diefem Ducatenregen entflund.
Die Leute warfen die Gefangbüher an die Erde, melde
fie in den Händen hatten (denn eg hatte zugleich gebonnert)
und breiteten alle ihre Tücher und Kleider auf die Straffen,
ohngeachtet ihnen die Ducaten das Geficht und die Haͤnde
voller Eicher und Beulen fchlugen. Sie fuhren damit fort,
fo lange der Regen anbielt, welches etliche Stunden daus
erte , und fchleppten ganze Tonnen Gold zufammen. Hier⸗
durch wurden fie fo abgemattet, und zugleich für Freuden
über den erhaltenen Scha; fo auffer fich gefegt, daß viele
dahin fiurben. Die Hinterbliebenen tröfteten fich gar leicht
durch den Befiz ihrer Schäze, welche burch das ihnen zu⸗
gefallene Erbtheil ihrer Verwandten anfehnlich vermehret
wurden.
Daß fich iedermann in den erften Tagen für vollkom⸗
men glücklich hielt, braucht wohl nicht gefagt zu werden.
Allein zu allem Unglüde war diefer Ducatenregen burch
ganz Europa gegangen, und mail iedermann am Golde
Ueberfluß hatte, fo wurden die üb.igen Welttheile von ben
Europäern gar nicht mehr beficht, Doch dieſes mar nur
das
Das Gleichniß vom reichen und armen Manne. 991
dag Fieinfte Ungluͤck. Das größefte war, daß man für feine
Ducaten gar nichts mehr bekommen konnte. Nur bie aller
geizigften buchen noch Brod, und lieffen fich für eine Sem
mel zehn Ducaten bezahlen. Doc, wo follte man endlich
das Mehl hernegmen, da fein Bauer mehr den Acker bes
fielen wollte, weil ein ieder die Ducaten forgfältig aufs
elefen hatte, die auf fein Land gefallen waren. - Hier«
ducch gefchahbe ed, daß die Theurung endlich bdergeftalt
überhand nahm, daß man eine Kleinigkeit zu Eaufen, Pfer⸗
be mit Golvfäacfen beladen mußte Man fieng an dag
Elend fo ſtark zu fühlen, daß man fich entſchlieſſen muß⸗
te, anflatt des Geldes, papiernes Geld einzuführen.
Nun kam alles wieder. in den vorigen Zuftand, und iebers
mann mußte geflehben, daß ein Ducatenregen gar Feine
Gluͤckſeligkeit wäre,
Sch
— nn
992 |
Sechs und vierzigfte Tafel.
I,
Das Gleichniß von den zehn Jungfrauen.
sy: redete ber liebe Heiland zu feinen Juͤngern von
feinem Wiederfonmen, und daß er dann, Mie ein
gerechter Richter thur, die bifen Menfchen firafen und die
guten belohnen werde. Er fagt es beutlih ; der Tag
des Gericht8 werde gewiß einbrehen — Die Herrlichkeit
und Pracht deffelben merde groß fern — bie Menfchen
aber dann eben am ficherften zu ſeyn glauben. — Cs
werde dann in der Welt zugeben , mie vor der Sünbfluth,
da man fich nicht eher in feinen efchäften und Fuftbarfeis
ten habe ftören laffen, bis Noah in das groffe Schiff ge-
gangen, und die Wafferfluth eingebrochen fey ; oder ie
man in der Stadt Sobom bis auf den Tag ihres Unter«
gangs forglog in allen Wollüften gelebet bat — Daun
werde aber auch eine plözliche Scheidung vorgehen; Leute,
die einander die nächften gemwefen, in Einem Haufe gewoh⸗
net, auf Einem Felde gearbeitet, werden dann einander
von der Seite geriffen, die einen glücklich, die andern
unglücklich werden. — Man habe fi) wohl in Acht zu
nehmen, ia wie ein Wächter auf gufer Hut zu ftehen, daß
man nicht, zu feinem unvermeidlichen Verderben, von dem
Gerichte überfallen werde. — Man mwiffe ia nie, um wels
che Stunde der Herr komme — Was ich euch fage,
hieß es da, das ſage ih allen: Wachet! Y
m
Das Bleihnig von den sehn Sfungfrauen. 993
Um dieß Wachen noch mehr zu empfehlen, bediente
ſich Jeſus einer Erzehlung. Einft warteten zehn Jung:
frauen auf die Ankunft des Bräutigams und der Braut,
als weiche fie , nach den Hochzeitgebräuchen der vorigen
Zeiten, in der Braufnacht abholen und nach Haufe begleis
ten follten. Es mährte aber etwas lange, und fie ent
fchliefen ale — Fuͤnfe davon waren aber fo vorfichtig,
bag fie vor dem Einfchlafen ihre Lampen mit bem Dele
verfahen, damit fie beym Aufwecken ſogleich in völliger
Bereitfchaft feyn koͤnnten. Die andern fünfe aber waren
nicht fo klug. Was gefchahe ? Um die Mitternacht:
Stunde entftund ein farm: Auf, der Bräutigam
fommt! Auf, ibm entgegen — Die Zungfrauen ers
machten alle — aber nun merften erft die Unverftändigen,
tie thörigt fie gemefen, daß fie fich nicht mit Dele vers
fahen — Gebt uns doch, fagten fie. zu den Klugen , von
euren Dele, unfre Lampen wollen verlöfhen. Die Kius
gen aber twiefen fie ab, und fagten, mir Finnen von un
feen Vorrathe nichts verfchenfen , fonft würde eg ung und
euch fehlen — Gehet aber hin zu ben Kraͤmern und faufs
fet euch welches. Dieß thaten denn die abgemiefenen
Jungfrauen (b), aber zu fpäte. Indem fie hingiengen
zu Faufen , fam der Bräutigam mit feiner Braut — Die
Klugen ſtunden fchon in Bereitſchaft, giengen ihnen ent-
gegen (dA), wurden mit Ehren empfangen und mit zum
Hochzeitmahl genotimen. Schon läangft war die Thuͤre
wieder verfhloffen, da bie Unverftändigen auch kamen,
anklopften und fchrien, daß man fie doch einlaffen moͤch—⸗
fe (c) — Allein der Bräutigam rief, er wiffe nichts von
ihnen — Da fie nicht bereitet waren ihn zu empfangen,
fo koͤnnten fie iezt auch nicht mehr eingelaffen werden. —
&
-
994 Sechs und vierzigſte Tafel.
So wird es allen denen gehen, ſezt Jeſus hinzu,
welche fich nicht auf die Wiederfunft des Richters vorbes
reiten — nicht wachen, nicht beten, fich nicht befehren. —
HALTET
Drum, guter Bater ! Hilf,
Hilf mir, zu allen Zeiten,
Mich ieden Augenblick
Recht mürdig zu bereiten
Zum lezten Augenblid —
Sa mach mich felbft bereit
Zum Tod, zum iuͤngſten Tag
Zu deiner Herrlichkeit !
—— En
2,
Abbildung einiger Tuaenden,
J. Geſellſchaft dieſer Freundinen, der Sanftmuth, der
Demuth, der Treue, der Wachſamkeit, der Sreund:
lichFeit wird man nie die Thore der Seelenruhe, der Eh»
re, ber ewigen Wohlfarth verfehlen. Wenn Zorn und
Stolz die Lebenstage verkürzen, und einen nahen Sal
gebaͤhren, fo verlängert ein fiiller, gelaffener Geift dies
felben , und Demuth erhebt — Wenn Untreue feinen
eignen Heren fhlägt — Sicherheit das Verderben ſchnell
herbeyführet — und Wildbeit Engel und Menſchen ver,
fcheucht — fo wird, im Gegentheil, ein treuer Mann
viel gefegnet, der Wachende erreftet, und der Freund—
liche erfreuet.
Auch
Das Gleichniß von den sehn Jungfrauen. 995
Auch diefe Tugenden hat man, wie die übrigen ( Tab.
XXXIV, a. XLIX, 2.) einigermaffen ſichtbar zu machen
geſucht — mwenigften® haben die Kuͤnſtler bey deren Abbil-
dung Geſchmack und ihren Wiz gezeigt. Sie gaben z. €.
der Sanftmutbh (a) einen Oelzweig in die eine, und eine
Taube in die andere Hand ; denn die Ausübung dieſer
Tugend erhält das Band des Friedens unverlezt, und zeigt
fi) allenthalben ohne Falſch. Die Demuth (b) wird
mit gefenftem Haupte, bie Arme kreuzweiſe über die Bruſt
gelegt, vorgeftellt ; zu ihren Füffen liegt gemeiniglich eine
Krone — Gottes Gnade , in mir die Uebergeugung davon,
fpricht fie, ift mir mehr als Erben Hoheit. Die Treue
(ce) wird mit einem Schlüffel in der Hand, und mit eis
nem Hunde neben ihr abgebildet. Dft hat fie in der eis
nen Hand ein Siegel, und in der andern ein Horn. Zwey
Hände in einander gefhhlungen, find auf Münzen, das ges
wehnliche Kennzeichen der Treue. Die Wachſamkeit (d)
erfennet man leicht an dem Hafen, den fie in ber rechten
Hand Hält, und an ber Lampe, die fie in der linken trägt.
Zumeilen ftellt man fie auch als eine geflügelte Weibgper-
fon vor, die in einer Hand eine Sanduhr, und in der an«
bern einen Hahn, und einen Sporn, als Zeichen ber
Munterkeit halt. Oefters flellet man auch flatt des Hah⸗
nes einen Kranich an ihre Seite, der auf einem Fuße
fieht, und in der andern Klaue einen Etein hal. Die
Sreundlichkeit (e) beut mit gefälliger Miene Freunden
und Feinden bie offne Hand an, und legt die andere auf
ihr Herz, zum Zeugniß, daß ihr Anerbieten Wahrheit una
nicht Verftelung it — Denn
Ein Herz , von Eigenliebe fern,
gern von des Stoljes eitlem Triebe;
Geheiligt durch die Furcht bes Nesen,
| Durch
956 Sechs und viersigfte Tafel,
Durch Treue, Wachſamkeit und Liebe;
Dies iſts, was Gott von uns verlangk:
Und wenn wir nicht dieß Herz befizen,
Eo wird ein Leben und nichts nmuͤzen
Das mit den größten Thäten prangt,
NR — B—
3.
Beruͤhmtes Frauenzimmer der Vorwelt
insbeſondere Penelope.
—J ein Muſter der Treue und der Beſtaͤndigkeit,
war des Ikarus, eines lacädemonifchen Königes Tochter.
Ulyfies befam fie zur Gemahlin, nachdem er alle feine
Mitwerber im Laufen überwunden hatte. Sie liebte ihn
auch dergeftalt, daß fie in der ihr überlaffenen Wahl, ob
fie lieber bey ihrem Water bleiben, oder mit dem Germahle
nach Itaka ziehen wollte, das leztere wehlte. Cie ges
bahr demfelben den Telemach. Als aber Ulyffes wegen
bed treanifchen Krieges, zehn, und megen feiner ers
fahrt noch zehn Fahre ausdlieb, bekam fie alle umliegende
Prinzen und vornehme Leute zu Freyern. Allein fie wußte
biefelben mit einer lifiigen Erfindiing aufzuhalten. Denn
fie hatte ein Gewebe angefangen, und verfprach zu wahr
len, wenn felbiges fertig feyn wuͤrde — aber fie Isfete
des Nachts faft fo Viel wieder auf, als fie bey Tage ges
webet hatte. Endlich Fam Ulyſſes wieder heim, brachte
die meiften Freyer um, und befam von feiner Penelope
noch einen Sohn, den Italus.
Cueretia /
Das Gleichniß von den zehn Jungfrauen. 997
Lucretia, bie keuſche, war die Gemahlin eines
rechtſchaffenen Nömers, der Collstinus hieß ; eine Frau,
deren Schönheit ihrer Tugend vollfommen gleid) war. . Aber
zu ihrem Unglücke verliebte fi) ein Prinz des ſtolzen roͤmi⸗
fchen Koͤniges Tarquin im ſie, beſuchte fie. einſt, und bes
gegnete ihr mit unanffändigen Worten und. Handlungen.
Cucretia fand fih dadurch ſo entehrt und innigfk gerührt,
dag fie alle ihre Anverwandte „berief, ihnen; diefen Vorfall
entdeckte „und fich darauf ploͤzlich erſtach — Dieß war
nach der damaligen heidniſchen Volks » Religion. eine Heldene
that — Nach dieſem entſtund ein Aufruhr wider das koͤnig⸗
lihe Haus, und die Tarquinien wurden aus Rom vers
trieben „und die, Eönigliche Wurde auf ewig abgefchafft.
Rleopatra, eine egppiifche, herrſchſuͤchtige, moͤrde⸗
riſche und verfchiwenderifche ‚Königinn. Antonius, der
von Rom aus nach Egypten geſchickt wurde, lieg fich zu
fehr von ihr einnehmen, daß er feine Gemahlin, . welche
des damaligen Kaifers Auguſtus Schwejter war, von fi
ſtieß, und daruͤber mit den Roͤmern in einen gefährlichen
Krieg verwickelt wurde. Auch ward er in demſelben übers
wunden und erſtach fich ſelbſt. Kleopatra aber, welche
mit im Triumphe nach Rom gebracht werden ſollte, toͤdtete
fih mit Schlangen, bie fie an ihre Bruſt legte,
Dido, eine phönteifche Prinzeffin. Sie vermäßlte
fih an den reichiten Fürften in Lande ; weil aber derſelbe
zugleich der nechſte nach dem Könige war ,. fo ließ ihn ber
damalige König aus Argwohn und Habfucht ermorden.
Allein Dido! entflohe noch zu rechter Zeit mit feinen Schaͤ⸗
zen, im Geſellſchaft vieler Mißvergnuͤgten, und Fam gluͤck⸗
lich davon. Als man fie verfolgte, warf fie liffiger Weife
etliche Saͤcke mit Sand gefüllet ind Meer, und beredete
ea ihre Verfolger, : daß: dieß die entführten Schaͤze
Err gewefen
98 Sechs und vierzigfte Tafel.
gewefen wären. Die Feinde kehrten alfo wieder um, und
Dido fam nach Afrika. Dafelbft bauete fie die berühmte
Stadt Karthago. Ein benachbarter König warb eifer⸗
füchtig über die Zunahme dieſer Stadt, und fchlug ihe ei
ne Heyrath vor. Sie machte ihm Hoffnung dazu, wenn
fie vorher ihren erſten Manne einen Leichendienft abges
ftattet haben milrde. Ehe man fichs aber verfahe, ent«
leibte fie ſich ſelbſt, und warf ſich auf ben angezündeten
Holzſtoß. Was Virgil von ihe und bem Aeneas fchreibt,
ift! ein bloffed Gedicht, benn fie hat soo Jahre nach die,
fem gelebt. Gleichwohl ift bie Abbildung von ihr, uns
die Befchreibung ihres Todes ein Meifterfiücd der Kunft.
Semiramis, anfangs die Semahlin des Menon ,
Etadthalters in Syrien. Als einft bie Affyrer eine feind«
lihe Veftung nicht zu erobern wußten, betrachtete fie die⸗
felbe genau, nahm etliche iunge Leute zu fih, und er
oberte den Pla; glücklich. Dieß machte fie fo berähmt, daß
der damalige afiprifche König Ninus fie heyrathete, nach⸗
ben er vorher ihren Gemahl gottlefer Weife aus ben Weg
räumte. Er mußte aber bald den Lohn feiner Grauſam⸗
feit und Ungerechtigkeit empfangen — benn feine zur
Herrſchſucht aufferordentlich geneigte Gemahlin bat fich einft
von ihm das Regiment auf fünf Tage aus. Er bewil⸗
ligte eg ; allein am fünften Tage gab fie den Befehl ben
Ninus umzubringen , welches denn auch geſchahe. Sie
regierte lange in Mannsfleidern, ließ die Mauern und
Gärten zu Babylon, nebft prächtigen Schlöffern und Waſ⸗
ferleitungen bauen, auc große Armeen ins Feld fielen —
bis fie endlich, von ihrem eignen Sohne Ninyas aus dem
Wege geraͤumet wurde.
Die Amazonen ſollen kriegeriſche und tapfere Frau⸗
enzimmer geweſen ſeyn, welche theils in Aſien theils in
Afrika
Das Gleichniß von ben zehn Jungfrauen. 999
Afrika und in Scythien wohnten. Sie follen ihre Soͤhne
gleich nach deren Geburt zu Kruͤppeln gemacht, und ihren
Töchtern die rechte Bruft meggebranndt haben, damit ih⸗
nen dieſelbe bey Führung des Bogens und der Schilde
nicht hinderlich wäre. ie bedienten fich in den Schlach⸗
ten, berem viele von ihnen erzehlt werben, ber Pfeile,
einer Streitart und eines Eleinen Schilde. Endlich gien«
gen „Herkules und Tbefeus gegen fie zu Felde, fchlugen
ihre Armee, und nahmen ihre Königinn Hippolyta gefan⸗
gen,- welche nachher Theſeus heyrathete.
*
Jahrmaͤrkte und Meſſen.
(Elem. Tab. XXX, 3.)
RER wird bielenige angefezte Zeit genennet, zu
welder alle Jahre, an einem dazu befiimmten Orte, mit
mancherley Waaren, Kauf und Verfauf angeſtellet, und
ein Öffentlicher Handel getrieben wird. Dergleichen Sreys
heit wird einem ſolchen Orte von bem Landesheren insbes
fondere, iedoch in gewiſſer vorgefchriebener Ordnung vers
lieben ; dergeftalt, daß nicht nur die Zeit, wann und wie
lange der Handel dauern fol, beflimmet, ſondern nuch in
Anſehung der Waaren felbft und der Perfonen gewiſſe Vers
ordnungen. gemacht werben. Zu bdemfelben gehoͤren vor⸗
nehmlich alle Roßs und Vieh: MIärfte, nebft ben übrigen,
wie folche gemeiniglich in alphabetifcher Drdnung, ben
Drten nach, in den gemähnlichen Kalendern als ein Ara
bang anzufreffen find,
rp3 Die
000. Gehe und vierzigſte Tafel.
Die folennen und privilegieten Jahrmärkte in groffen
Städten werben Meſſen genannt, auf welchen eine ftanfe
Zufuhr an Gütern, und große Verkehr if. Der Name
Meſſe wird am mahrfcheinlichften von der in der -römifchen
Kirche gewöhnlichen Meffe hergeleitet. Daher denn auch
die Rirhweiben kamen, und biefe darum Kirchmeſſen
genannt worden, weil man fich bey einer fo großen Fres
quenz der Leute, die da einer folennen Einweihung einer
neuen Kirche beyzumohnen pflegten, nad) volbrachter Mief
fe und Andachtshandlung, gemeiniglich Lebensmittel ans
ſchaffte. Die berühmteften Meſſen in Deutfchland find:
Div zu Keipsig, Frankfurt am Mayn und an der Oder,
Braͤunſchweig, Naumburg, Breslau u. ſ. w. Auch
in andern großen Staͤdten in und auſſer Europa werden
iaͤhrlich dergleichen gehalten. Alle aber werden von un»
zehlig vielen Kaufleuten und Baͤuffern, aus allen Orten
beſucht. Jene verkaufen ihre Waaren entweder in Haͤuſ—
ſern, in gemietheten Gewoͤlbern, oder auf freyen Plaͤzen,
in gaſſenweiſe geſtellten Boutiquen oder Kramlaͤden,
Zu gleicher Zeit ſtellen ſich auf den Meſſen allerley Aerzte,
Marktſchreyer, Seiltaͤnzer, Gluͤcksbuden, Tafchenfpieler,
Kuͤnſtler und Schauſpieler ein, ſeltene Menſchen und ſel—⸗
tene Thiere — welche zur Beluſtigung der anweſenden vie—
len Fremden dienen ſollen. Die Meßfreyheit dabey beſteht
darinnen, daß alle dieienigen, welche die Meſſe beſuchen,
einer voͤlligen Sicherheit genieſſen, und kein Schuldner bis
in die Zablwoche, weder an feiner Perſon, noch an feinen
Gütern mit Arreſt belegt werden kann, mofern er fich nicht
ſelbſt dieſer Freyheit fchriftlich begeben hat. Das ärgere
lichite aber auf der Meffe ift die Menge Spizbuben und
Betrüger, welche ſich gemeiniglich dabey einfinden, und
af auf die feinfte Weiſe die importanteften Diebftähle be=
— gehen —
Das Gleichniß von den zehn Jungfrauen. 1001
Gar
geben — daher bey dem Befuche derfelden Klugheit, Lore.
ſicht und Verſchwiegenheit vorzüglich zu empfehlen find.
— E BINNSIRDAR
9
Der Oelbaum. Das Oel.
E— giebt wilde und zahme Oelbaͤume. Der wilde oder
boͤhmiſche Oelbaum iſt ziemlich groß, breit von Aeſten,
mit einer glatten aſchenfarbenen Rinde, langen, ſchmalen,
weißlichen und mit Wolle bezogenen Blättern, an deren
Stielen ſilberfarbene, wohlriechende Blumen, und im
Herbſte laͤnglicht weiſſe Beeren wachſen, welche iawendig
einen geſtreiften Stein haben, aber zu nichts nmuͤzen.
Der zahme und nuzbare Oelbaum (a) waͤchſt in wars
men Ländern, und wird gemeiniglich nicht dicker alg eines
Hannes Hüfte ift, aber voller Kuoten, weiche man Olis
veneyer nennet. Die Blätter. find. länglicht, wie bie
eidenblätter, doc) ungeferbt, ‚diefe, hart, oben ſchwarz⸗
grün, unten grau, falt ohne Stiel, und fallen ben. Wins
ter über nicht ab. Die Blüthe ift weißlich , beſteht aus
vier Blättern, amd fommt im Sulio hervor. Seine
Srucht (b) ift Iänglicht rund, von verfchiedener Größe,
im Anfange grün, und wenn fie zeitig iſt, fchwarzbraun,
fleifhig, und inmwendig mit einem ſehr harten Stein.
Wenn fie halb reif ift, wird fie abgenommen, in Waſſer
und Lauge geweichet, in Fäfler gethan, mit Salzwaſſer
und einer Eſſenz von Gewuͤrznaͤgeln, Zimmt, Soriander
und dergl. beſchuͤttet, und alſo verfuͤhret. Dieß ſind die
Oliven, die an Speiſen, vornehmlich zu den gebratenen
DEN 3 genoſſen
1002 Sechs und vierzigfte Tafel.
genoſſen werden. Sie find, nach den Ländern, da fie
wachſen, verfihieden. Die fvanifhen find bie größten,
aber etwas bitter; die aus Provence mittelmäßig, und bie
italienifchen die Fleinften, aber von lieblichem Geſchmacke.
Sie ftärfen den Magen und erwecken den Appetit.
Aus der reifen Frucht mird das fogenannte Baumöl
gemacht, und zwar auf folgende Weife : Erftlih werden
die Oliven gereiniget, und auch gelefen, hernach in einem
runden Troge (c), durch Huͤlfe eines Miplfteines zer,
fnirfchet, welcher aufrecht fichet, und an einer Welle um:
läuft. Diefer Trog gleichet demienigen,, worinn man bie
Nepfel zerfnirfchet, ehe man fie auf die Obſtkelter bringet,
und den Aepfelmoft heraus preſſet. Ein Junge muß Ach»
fung daben geben, und bie Dliven mit einer Schaufel
vor dem Müplftein haͤuffen. Sind fie zum Brey gearbeis
tet, fo nimmt der Delmüller einen Binſenſack, hält befs
fen untere Defnung mit der Höhlung feiner rechten. Hanb
zu, und füllet ben Olivenbrey mit der linken Hand hinein,
wornach er den Sack mitten auf ben Stein leget. Auf
diefen Sad kommt noch einer zu liegen, und fo weiter,
ſechs bis fieben, immer einer auf ben andern, hernach
feget man bie Scheibe und den Blod darauf, viele Ar-
beiter greifen an bie Zugflange, bie man in ben Spins
belfuß ſtecket, und drucken bie Diele fo weit herab, bie
alles ausgepreffet worden, dieſes ift das Jungferndh
Das gemeine Oel ift, wenn man die Delfäcfe mit heif-
fem Waffer begieffet, und fodann auspreffet. Was bies
von in das Gefäfe ablaufet, wird in eine Kufe zuſammen
geſchuͤttet, worinn fich nach Verlauf etlicher Stunden das
Oel vom Waſſer abſondert, und oben auf ſchwimmet, da
man es dann mit einem blechernen Loͤffel abſchoͤpfet. Wird
es von der Kaͤlte verhindert in die Hoͤhe zu ſteigen, ſo
kommet
|
Das Gleichniß von den sehn Zungfrauen. 1003
fommer mar ihm mit einigen Eimern heiſſen Waffers zw
Hilfe. Der Saz aus biefen Kufen läufft in ben Keller
ab, wo man ordentlich darnach fiehet, damit eg nicht ver
derbe. Was man won diefem Saze befommt, nennet man
ſchlechtes Del.
Heberhaupt ift dad aus Stalien und Provence beffer
als das fpanijche und liffabenifche ; und wird ſowohl das
eine ald dag andere in großen Pipen oder Fäffern nad)
Deutfhland gebracht, und nicht nur zum Brennen in ber
Kampe, fondern auh an Salaten, an verichiebenen
Speifen, Fiſchen und Backwerk, anjtatt der Butter,
auc) zu Arzenepen in den Apotheken genommen.
Auch aus dem fein, Hanf, und Ruͤb⸗ Saamen wird
Del gefchlagen, und Leinoͤl, Ruͤboͤl genannt, welches
die Mahler zu ihren Delfarben, und geringe Leute zum
Brennen gebrauchen. Man fann auch aus Mohn, Mans
deln, Nüfen, Muffaten, Sonnenblumen » Kernen ı. f.
w. Del machen, und trift man in ben Apotheken eine groſ⸗
fe Menge Del: Arten an, 5. E Caieputoͤl, Ziegelöl,
Canangeoͤl, Palmendl, Steinöl u. dergl.
ng
Der Uhrmacher,
Ubren find Maſchinen, die zur Eintheilung ber Zeit in
Stunden, Biertelftunden, Minuten u. f- w. gebraucht
werben. Es giebt Stadtuhren, Wanduhren und Sack,
uhren. Die exften find auf den Thuͤrmen, als gemeine
Euer welche ſtuͤndlich durch gewiſſe Schläge an.
Era zeigen,
1004 Sechs und viersigfte Tafel.
zeigen 7 tie wiel die Uhr ſey; auch wohl vorher, um] bie
Leute zum Aufmerken zu präpariren, die vier Viertel fchlas
gen, oder auch ein geiftlihes Lied fpielen ; dabey denn bie
fünftliche Hand des Uhrmachers allerley Inventionen, alg
etwa einen Fraähenden Hahn, den Tod mit der Genfe, eine
Proceffion der Apofiel, die an die Stundengioce ſchlagen⸗
de Zeit — ingleichen an der Scheibe, den Lauf des Mon»
des und ber Planeten, und andere aftronomifche Obſerva⸗
tionen mehr anzubringen wiſſen. Wand:oder Stuben
uhren werden dieienigen genannt, die man in den Zim«
mern, entweder an die Wand hänget, ober neben fich auf
den Tifch feget. Der Saduhren, melde man bey fich
trägt, find vielerlen Gattungen, unter welchen die engli-
fchen , fonderlich die fogenannten Repetiruhren, mie auch
die welche die Secunden, Mondsveränderungen, ber Son⸗
nen Auf» und Niedergang, den Monatstag u. f. m. Meir
fen, für die Foftbarften gehalten werden. Diefe machen
die Kleinuhrmacher, und iene die Großuhrmacher ;
und ift unter ihrem Werkzeug, das mit dem Werkzeug ans
derer Metallarbeiter überein kommt, bag Schneidezeug,
womit die Zähne der Mäder eingefchnitten werden, dag
vornehmſte.
Unter den Uhrmaͤchern haben ſich insbeſondere bie
ſchweizeriſchen vorzuͤglich hervorgethan, von denen man
viele fonderbare Meiſterſtuͤcke aufzuweiſen hat. Einer ber;
felben verfertigte einft eine Uhr, welche nicht nur bie
Stunden, Minuten und Secunden zeigt, fondern auch
die Stunden, Bierteiftunden und Minuten fchlägt und res
petirt. in der Mitte des Zifferblattes fieht man dem Lauf
ber Planeten, dee Sonne und des Mondes, den Monath
und Tag des Jahrs, und mehrere Himmelgzeichen. Dben
auf dem Mittelpunfte zeiget fih das Gewoͤlhe deg Him—
weils,
Das Gleichniß vonden zehn Sungfrauen. 1005
meld, an welchem die Sterne erfcheinen und mieber ver-
ſchwinden. Wenn die Stunde gefchlagen hat, fo hört
man ein Carillon (Glocenfpiel) von neun mufifalifchen
Stücken, von denen einige mit einem Echo fpielen. Ein
Srauenzimmer, welches mit einem Buche in der Hand da,
bey fist, zeigt durch ihre Bewegung den Tackt des Stücks,
das gefpielt wird, und hat die Noten in der Hand. Sie
nimmt unferdeffen bisweilen eine Prife Tabacf, und madıt
auch dem Zufchauer eine Verbeugung. Nach dieſem pfeift
ein fünftliher Canarienvogel acht mufifalifche Stüce, bie
er mit der natürlichen Bewegung des Schnabelg, des
Schwanzes und des ganzen Leibes eines fingenden Vogels
begleitet. ft diefes vorbey, fo fpielt ein Schäfer einige
Sruͤcke auf der Flöte, und maht mit dem Leibe den Takt
dazu. Neben dem Schäfer fleht ein weidendes Schaaf,
weldes ganz natürlich bloͤckt, und neben bdemfelben ein
Hund, der durd) feine Bewegungen dem Schäfer zu fchmeis
cheln ſcheint. Diefer Hund bewacht ein Körbchen mit
Fruͤchten angefült. Sobald iemand etwas davon nehmen
will, fo bellt er, und hört nicht auf, big man folches
wieder hingelegt hat. Diefe Uhr ift iezt in Spanien, und
wurde mit 450 Louisd’or bezahlt.
Ale Uhren aber beftehen aus Fünftlich zufammenges
fegten Rädern, durch deren wohl abgemeffenen Fortgang,
von gemwiffen Zeigern, ander Scheibe, oder dem Ziffers
blat, die darauf gezeichnete Stunden, Wochen» und Mes
natstage und bergl. gewiefen werden. Etliche haben da«
bey ein Schlagwerk, meldes die Stunden und Piertel
durch gewiſſe Schläge an eine Glocke anmeldet, und heif-
fen Schlaguhren. Andere haben ein Gemwerf, welches
zu der begehrten Stunde ein flarfes Geflingel macht, wo»
durch man aus dem Schlafe erwedet wird, und beiffen
KErS Werker
1006 Sechs und vierzigfte Tafel.
Weder oder Weduhren. Die, melde nicht ordentlich
fchlagen ‚,. fondern allein, wenn ein gewiffes Werf baran
gerühret wird, beiſſen Repetir Uhren. Die Bewegung
diefer Mafchinen wird durch Gewichte nder Sedern zuwe⸗
ge gebracht. Die erfien dienen allein bey Stadt» und
Wanduhren, die lesten vornehmlich bey ben Sackuhren.
Das vornehmfte Stück aber in der Uhr ift die Unruhe,
welche durch ihr Hin» und —— die Bewegung
abmißt.
An dem Aeuſſerlichen einer großen Uhr iſt zu bemer-
fen: ı) das Gewicht (A. h.) 2) die Bette ober
Schnur, 3) das Gehaͤuſe (A. g.), mit ber Ziffer:
ſcheibe, dem Zifferringe, dem Zeiger, dem Dber + und
kinterboden, den Pfeilern und Säulen. Was ben in»
niern Bau derfelben betrift, fo. bat eine vollfommene Uhr
ein Gehwerk, Weifewerf, Viertelwerf ımb Schlag:
wert. Zum Gebwerf gehöret: 1) das Walzenrad.
(A. a.), daran bie Zähne, Welle, Getriebe, Gefperre und
Sperrkegel; 2) das Mittel » oder Bogenred (A. b.),
3) das Minutenrad (A.c.), 4) das Aronrad (A.d.),
welches mit feiner Welle unten in der Pfanne und oben
im Steigradfolben gehet; 5) der Perpendifel (A, f.)
mit feiner an der Spindel hängenden Stange.
Die inneriichen Theile einer Sackuhr, welche ges
mieiniglich aus zwey ober drey Gehaͤuſſen beftcht, und ein
fehöneg Zifferblat (B. a.), eine Rette mit dem Schlüßel
(B. 0.) Petſchaft und allerley Berloquen hat, find:
Die Seder im Federhauſe (B. b.}, die Rette (B.c.),
die Schnecke (B. d.), das Schneckenrad (B. e.), das
Minutenrad (B,f.), das Fleine Bodenrad (B.g.),
das Rronrad (B.h.), das Steigrad (B. i.), die
Spindel (B.k.), die Spiralfeder CB. 1.), der WERE
(B. m.), 949, Betriebe. CB. n.) 2
Das Gleichniß von den gehn Jungfrauen. 1007
Es giebt auch Sanduhren. Man hat nehmlich eine
Menge des trodenen, gleichförnigen Sandes fo abgemef
fen: daß er während einer oder zwey Stunden, durch ein
Löchlein, aus einem gläfernen Gefäffe in ein anderes läufft,
und durch ben bemerfbaren Abgang die verfloffene Zeit an⸗
geist. Man fann auch Waſſeruhren von eben ber Ast
machen.
Weil fih aber alle Zeiteintheilung und folglich iede
Uhr nach dem Verhaͤltniß des Erde gegen die Sonne und
ihren Lauf um diefelbe richten muß, fo find unftreitig die
Sonnenubren die erften und vorzuͤglichſten. Es find dies
felben kunſtmaͤßige Verzeichniße gewiſſer Linien auf‘ einer
gegebenen Flähe, darauf der Schatten bes eingefiecdten
Zeigerd eine Stunde nad) ber andern anzeigt ; ober folche
Werkzeuge, welche bey dem Sonnenfcheine durch den Schat⸗
ten eines Zeigers die Stunden zu erkennen geben. Es
giebt beftändige und beweglihe Sonnenuhren. Sene
werden twieder eingetheilt in Aequinoktial⸗Horizontal⸗
Dertifalsund Polar :Uhren; zu diefen gehören die "Som
nenuhren, welche auf einer Augel, auf einem Eylinder,
in einem Ringe, auf einem Areuze, auf einem Sterne
und dergl. beſchrieben merben. Die Wiffenfchaft, bie
Sonnenuhren nach gemwiffen Regeln zu verfertigen und
biefelben nach der Mitaglinie und Polhoͤhe aufzurichten,
wird Gnomonif genannt.
Eine befondere Art Uhren, die aus Rädern und Fe—
bern beſtehen, und durch diefelben allerleg menfchliche und
thierifche Handlungen hervorbringen, find bie fogenannten
Avtomata, oder fich felbft bewegende Kunſt⸗Stuͤcke.
Es gab zu allen Zeiten aufferordentlich erfindfame Kuͤnſtler
bie vergleichen verferfigten, In Londen lebt ein Kuͤnſtler,
weicher Core heißt, und eine große Sammlung von bers
gleichen
1008 Sechs und vierzigſte Tafel,
gleichen Uhrmerfen hat. Unter andern fieht man bey ihm
einen kleinen Einfilihen Wagen, ber ungefehr einen Fin.
ger lang, mit den daran gefpannten Pferden, der nicht
allein für fi frey auf den Raͤdern rogt, fündern die
Pferde heben auch im vollen Jagen die Beine mechfelsweis
fe’ in die Höhe, und fegen fie wieder nieder — Ein
Schwan, ber auf der Spiegelfläche fist, drehet feinen
Kopf und Hals nach allen Gegenden, und bewegt feine
Fluͤgel, ſtoͤßt zuweilen auch den Schnabel auf die Flaͤche.
Eben fo merkwuͤrdig iſt ein Palmbaum, um welchen ſich
eine Schlange herauf windet, und indem ſich dieſe im Lau—
be des Baums verkrochen, ſo kommt unten eine andere
zum Vorſchein, die ber erſten nachfolgt. Ein Klephante
trägt einen Thurm, bewegt Augen, Nüffel, Kopf umd
Schwanz, inden unterdefien Fleine Leute in den Thurm in
voller Bewegung find. Am allerartigften ift wohl darım«
ter einer, der auf einer goldenen mit Edelfteinen befezten
Flöte bläft, und mit den Zingern die Löcher an der Flöte
bald auf bald zu halt.
Das allermerfwürdigfte unter den mechanifchen Kunſt⸗
ſtuͤcken ift aber das, welches Herr von Rempele, Königl.
Math bey ber Kammer zu Presburg, verfertiget hat. Die
Mafchine beftebt aus einem Tifche, woran eine menfcli-
he Figur fist, welche mit iedem, der Luft hat, im Schach»
bret fpielt, das fich darauf befindet, und welche nod)
alle Parthien gewonnen hat. Die Figur läßt den Spie-
ler ſo lange nachſinnen, als er will, ergreift aber einen
ihrer Steine fobald iener gezogen hat. Wenn der Spieler
einen Zug wider die Regeln des Schachfpield thut, hält
fie fo lange mit Ziehen inne, bis die Ordnung wieder herges
ſtellt iſ. In der Mafchine entdeckt man eine in ber Her
belunſt ganz neue Erfindung, indem der Arm der Figur,
wenn
Das Gleihnig von den sehn Zungfrauen. 1029
wenn fie nach gewiffen Steinen greift, "fi in einem Halb⸗
zirfel bewegt. Die Maſchine wirft ohne allen fremden
Einfluß, allein duch fich felbf. Wenn man den innern
Bau betrachtet, ſieht man eine Menge Fleiner Rollen, 109
rüber Saiten geſpannt find.
;
’
u ——
7» Jane — b
Die Gelegenheit
Er kam die Gelegenheit, Glück, Ehre und Reichthum
zu erlangen, zu einem Landmanne — Hang, rief fie,
fomm, geh’ mit — Um welche Zeit. rief Hand aus feinem
Bette ? Sezt gleich, war die Antwort. — Wohin denn
fo Burtig ? Wirſt's ſchon ſehen, komm nur — Se nun
rief Hans, fo wartet doh, bis ich meine Stiefeln gar
angezogen habe. Das dachte Hans nicht, daß die Geles
genheit fobald wieder abmarfchiren würde. — Er 309: fi
alfo ganz langfam an, und fagte: zu feiner Frau :' Hoͤre
Weib, raum" indeſſen ale Kiften und Kalter aus, daß
ich , wenn ich Mitags wieder Fomme, alle das Geld, das
ich mithringe, dareim verfperren kann. — Und nım:sffnete
er. mit Verlangen die Thüre; aber. — weg war die 6%
legenbeit. Er gieng ums ganze Haus, buschfischte alle
Zimmer, rief, fchrie — zerfrazte ſich iaͤmmerlich, aber—
weg war die Gelegenheit ! Ä
Icto Sechs und viersigfte Tafel.
8.
Die Veltalinnen.
HD. Priefterinnen der Goͤttin Veſta ( Tab. XXXIL, 8.)
waren ſechs Jungfrauen, welche von ihrer Beſtimmung veitalis
ſche Jungfrauen genennet wurden. Ihr Amt beftund vor⸗
nehmlich darinn, daß fie bag heilige Feuer im Tempel der Veſta
erhalten folten, damit es nicht verlöfchen möge ; daher man
auch Jungfrauen zu dieſen Dienft befiimmt hat, meil man
glaubte, daß diefe hiebey vor andern forgfältig und wachſam
fenn wuͤrden. Sie wurden anfangs von ben Königen,
hernach aber von ben oberften Prieflern, aus den vornehm-
fen Familien erwehlet, unb von bemfelben bey der Hand,
als eine Gefangene, aus der Hand und Gewalt ihres Bas
terd unter die Gewalt der Göttin gebracht; und burften
nicht unter ſechs und nicht über zehn Jahre feyn , auch am
feibe kein Gebrechen haben. Ihr ganzer Dienft dauerte
in allen dreyßig Jahre, davon fie die zehn erften mit Ler-
nen zubrachten, die zehn folgende ben Dienft wirklich vers
fahen, und in den zehn leztern Jahren wieder andere tms.
terrichteten.. Wenn diefe dreyfig Jahre vorbey waren;
konnten fie heyrathen; allein, da man bemerfen wollte,
baß bergleihen Ehen insgemein unglücklich ausfickn, fo
geſchahe es felten, und die meiften beharreten in dieſem
Dienfte bis an ihr Enbe. r
ihre Hauptforge mußte dahin gehen, daß das ewige
euer der Veſta nicht verlöfchete. Gefchahe dieß durch
ihre Unvorfichtigfeit, fo wurden fie von dem oberfien Prie-
fier , durch einen Vorhang, mit Ruthen gezüchtigek, Ih:
euer
|
N
|
|
Das Sleihnig von den zehn Fungfrauen. zorr
Feuer aber wurde mit beſondern Ceremonien wieder ange—
zuͤndet. Ihe Wandel mußte tugendhaft und unſtraͤflich
ſeyn, uf den geringften Fehltritt wurden fie gegeiflelt 5
und ließ eine ein größeres Verbrechen zu Schulden fommen,
z. €. Unfeufchheit, To wurde berienige, mit dem fie fündigs
te, zu Tode gepeitfcht, fie felbft aber lebendig begraben.
Die Beftalinn nehmlich wurde, wie eine Leiche, von ihren
Eltern und Verwanndten, unter Zulauf einer großen Mens
ge Velfes, mit einer großen Procefion, nach ben collinis
fhen Thor, vor die Stadt Roms geführt, woſelbſt dee
oberfte Priefter dis Hände gen Himmel hub, und ein Bes
fonderes Gebet verrichtet. Hierauf wurde fie von ihrer
Saͤnfte herab genommen, und dem Scharfrichter überge>
ben — welcher fie auf einer Leiter in eim umnterirbifches Ges
woͤlbe fleigen lie, und ihr eine brennende Lampe, ein
wenig Del, eine Slafhe Waſſer ımb etwas Brod mitgab,
damit es nicht fcheinen möchte, als ob eine fo heilige. Pers
fon Hunger geftorben wäre. Zugleich wurde ihr auch ein
Bette mitgegeben, darauf fie fih legen Fonnte. War
dieß alles gefchehen, fo machte der Scharfrichter die Defa
nung biefer Hole wieder zu, und alles eben, daß man fein.
Merfmal von dieſer Begebenheit erfennen konnte. Die
ganze Stadt aber bewies bey berfelben ein tiefes Trauren,
indem alles file war, niemand etwas redete, und wer
dem traurigen Aufzuge begegnete, entweder folchem gänz-
lich auswied), oder mit Wehmuth nachfolgte.
Unterdeffen hatten fie boch, bey ihrem fo fehr einge»
fohrenften Leben, auch große Vorrechte. Sie hatten bas
Hecht ein Teftament zu machen — wenn fie ausgiengen ,
gieng ein obrigfeiclicher Knecht vor ihnen ber, wie vor ben
Magiftrats » Perfonen — begegnete ihnen ein Maleficante,
den man zum Tode führte, wurde ihm fogleich bag Leben
ge»
1012 Sechs und viersigfte Tafel.
gefchenft — in den Schaufpielen faffen fie oben an, und
dergl. Sie trugen einen Schleyer und weiffe Kleider mit -
Purpurftreifen; und erhielten fih, auch bey zunehmenden
Ehriftenthume, bis auf die Zeiten des Kaifers Theodofius.
9.
Der Koͤnig auf ein Jahr. J
E. wohlthaͤtiger Mann, der einen von ſeinen Sklaven
gluͤcklich machen wollte, ſchenkte ihm die Freyheit, ließ
hernach ein Schiff fuͤr ihn ausruͤſten, und gab ihm eine
anſehnliche Summe Geldes; er ſollte nun gehen und ſein
Gluͤck ſuchen, in welchem Lande es ihm beliebte. Der Skla—
ve dankte ihm und ſegelte ab. Kaum war er auf das ho⸗
he Meer gekommen, als ſich ein fuͤrchterlicher Sturm er⸗
hub, der ihn an eine Inſel warf, die er fuͤr unbewohnt
hielt. Seine Waaren hatte er verlohren, feine Kleidung
und Geräthe waren verfunfen, er war allein, ohne Bey-
ſtand, und der Ungewißheit einer Zufunft überlaffen, die,
allem Anfcheine nach, nicht anders als ſchrecklich ſeyn konn⸗
te. Er gieng, ohne zu wiſſen wohin, ganz in Betrach—
tungen verlohren — und endlich kam er auf eine gebahnte
Straße. Er geht ihr mit Freuden nach, und entdeckt end⸗
lic) von weiten eine große Stadf. " Seine Hoffnung’ wird
belebt — ‘er nimmt feinen Weg auf fie zu. Wie groß aber
war fein Erſtaunen, ald er näher hinzu kam, und fahe,
dag alle Einwohner ihm entgegen liefen und ihn Umringe⸗
ten. Herolde fiengen an augzurufen : Beute , febet da
euren Monarchen! Die Zuruffe giengen vor ihm her in
Re die
—
Das Gleichniß von den zehn Jungfrauen. 1013
die Stadt, in bie er mit großen Anftalten eingeführt wird.
"Man bringt ihn in den Pallaft, der die ordentliche Woh⸗
nung der Könige des Landes war ; man hängt ihn einen
Purpurmantel um, und frönet fein Haupt mit Kleinodien.
Die vornehmften Herren Fommen, im Namen des ganzeu
Volkes, ihm zu huldigen. —
Kaum Fonnte fich der neue Monarch überreden, daß
nicht alles was vorgieng, ein Traum wäre. Endlich ale
er durch eine lange Erfahrung von der Mirflichfeit alles
deſſen, mag er erfährt, überzeugt wird, fragt er fi
felbft : Was bedeutet das alles, und mas will das hoͤch⸗
fie Wefen von mir haben? Diefer Gedanke, der ihn ums
aufhoͤrlich beunruhiget, noͤthigt ihm zulezt, ſich eine Erlaͤu—
terung über dag alles zu verſchaffen. Er rufft von den
\ Herren des Hofes denienigen, der am meiften zu ihm kam,
der ihm feine Natbfchläge ertheilte, und den die Dorfes
hung dazu befiimmt zu haben fcheinet, daß er die Kegies
zung mit ihm theilen folk Vezier, fagt er, wer bat
mich zum Rönig über euch gemacht? Woher Fommts,
daß man mir gehorcht, und was wird aus mir wer;
den ? Prinz, antwortete ihm der Staatsbediente, Dit
mußt wiffen, daß die Genien, bie biefe Inſel bewohnen,
Gott gebeten habeny ihnen alle Jahre einen Sohn Adams _
gu ſchicken, der über fie regiere. Der Allmächtige hat fie
gewürdiget, ihre Bitte zu erhoͤren, und alle Jahre lange
an dem nehmlichen Tage ein Menſch allhie an; bie gefchäfr
tigen Leute laufen ihm entgegen, wie Du gefehen haft —
fie erfennen ihn für ihren Oberherrn — feine Negierung
aber kann nicht länger dauren, denn ein Jahr. Iſt diefe
beftimmte Zeit verfloffen , fo wird er vom Throne gefloßen,
feiner Eöniglichen Zierrathen beraubt, und mit groben Kleis
ı dern befleidet — unbarmherzige Soldaten fohleppen ibn am
| Vyv ba
1014 Sechs und viersigfie Tafel.
bad Ufer des Meeres, werfen ihn in ein Schiff, und fo
wird er nach einer andern Inſel gebracht, die von Natur:
wuͤſte umd dürre ift. Derienige, der vor wenigen Tagen
noch ein mächtiger König war, findet weder einen Unter
than, noch einen Freund, noch Troͤſter, und führet ein
ſchmerzhaftes, trofiistes Leben.
Haben meine Vorgänger, ſagte hierauf der König,
gewußt, daß ein fo firenges Scickfal ihrer warter?
Es ift Feiner unser ihnen, der es nicht gewußt hätte ,
verfezte der Vezir, fie hatten abes nicht Muth genug, ihr
re Augen, die durch den Glaͤnz des Thrones verblendet
waren, auf eine fo widerliche Zufunft zu richten; die
Trunkenheit vorüber eilender Frruden hafte ihre Gedanken
von einem bauerhbäften Gluͤcke abgewandt, und fie befaßen
nicht die Öabe, dem Ende, dag ihnen deohete, zuvor zu
Eommen — dag Jahr ihrer Gluͤckſeligkeit lief allemal vord,
ber , ohne daß fie cs wären gewahr worden — endlich
fam der entfcheidende Tag heran, und fie hatten nicht dag
geringfte unternommen, ein umvermeibliches und unglüdlis
ches Schickſal fih angenehmer zu machen.
Der Prinz erfchrickt und fragt den Staatsbedienten,
durch was für Nittel man diefem Unglüde zuvor:
kommen Pönnte ? Cs giebt nur ein Mittel, antwortete
diejer, Du mußt Arbeitsleute in die Inſel fchicken, in die
du Fommen wirft, daß fie große DVorrathshäuffer bauen,
und fie mit den noͤthigſten Beduͤrfniſſen des Lebens anfüls
ln. Mache Dir den Augenbliet deiner Glückjeligfeit zu
Nuze — die Zeit ift dringend, ber verfioffene Augenblick
wird nicht wieder kommen. Bor allen Dingen erinnere
bih, dag Du an dem Dite, Dun u fe lange Zeit bewohs
nen wirft, nichts findeft, ald was Du in den wenigen Tagen,
bie du übrig haſt, wirft haben hinuͤber bringen laſſen.
Der
Das Gleichniß von den zehn Jungfrauen. 1013
Der Koͤnig machte fich diefe Anfchläge des Staatsbes
dienten zu Nuze, und ließ alles auf iene Inſel Sringen ,
was feinen Aufenthalt dafelbft angenehm machen Finnte;
Unterdeffen nahete der Augenblick heran, da er fein Neich
verlaſſen folte — allein der Prinz war fo weit davon ents
ferst , diefe Veränderung zu beflagen, daß er vielmehr
ſehnlich nach dem Augenblicke feufzte, da er von feinen
neuen Staaten follte Befig nehmen: Der enttbronte Mo—
narch Fam glücklich dafelbft an, und lebte da noch glück
licher, vermittelft des Beyſtandes, den feine Weisheit ſich
bort verfchafft hatte.
Es iſt nicht ſchwer die Deutung diefer morgenländis
ſchen Allegorie zu finden. Der Sklave bezeichnet den Mena
ſchen überhaupt — der Staatsbediente, der ihm vor
dem ungluͤcklichen Schiefale Nachricht giebf, das auf ihm
wartet, ift die Weisheit und die Offenbarung — das
Fahr, das er regieren foH, ift der Lauf des menfchlichen
Cebens — die Sinfel, wohin er geführt wird, iff die ans
dere Welt. — Die Arbeiter und Güter bie er voraus
ſchickt, find Glaube und guse were — =
-
Yyya Sieben
1016
ERTL FREE TEN
Sieben und vierzigfte Tafel,
IL,
Das Fußwaſchen. Einfezung des heil.
Abendmahls.
ns Chriftus, der Sohn bes hochgelobten Gottes
a) hatte einen geboppelten Auftrag von feinem Vater,
da ihn berfelbe im fichtbarer menſchlicher Seftalt, zu den
Menfchen auf Erden fandte. Theile follte er ald Lehrer
der Menſchen, ihnen Tugend predigen, den Weg zum ewi⸗
sen Leben zeigen, auf demfelben ihnen mit einem göttlichen
vollkommen guten Beyſpiele vorangehen, und feine Pre
Bigten mit großen Zeichen und Wundern befräftigen und
verberrlihen — theils follte er aud), als Krlöfer der
Menſchen Sffentlih fterben — nicht nur als ein untabel-
baftes Beyſpiel der Gedult ımd ber Demuth, feine Lehre
mit feinem Tode verfiegeln, fonbern auch, als das einzige
Dpfer für die Sünde, mit Blut und Tod, Verſoͤhnung,
Vergebung und ewige Gerechtigkeit aufrichten.
Nachdem er alfo gleichfam den erſten Theil feines
großen Gefchäftes ausgerichtet, und die lejten drey Jah⸗
re feines Lebens auf Erden, im iüdifchen Lande umher ges
sangen, und fein Licht allenthalben leuchten laffen, durch
große Wunder und trefflihe Predigten, fo fam ber Zeit-
punft immer näher herbey, daß er leiden und fterben, auf⸗
erfiehen, und wieder heim zu feinem Water gehen follte.
Den
Das Fußwaſchen. Einfezung desh. Abendmahls 1017
Bon biefen michtigften Auftritten feines Lebens redete er im»
mer deutlicher zu allem Volke, und vornehmlich zu feinen
Juͤngern, ie mehr ſich fein Lebensende, und mit demfelben
die Erfüllung aler Weiffagungen näherte. Den Jüngern
war es freylich gar nicht recht, baß fein Neich und feine
Herrlichkeit , und ihr Antheil an bevden meh“ im geiftlicher
als in fichtbarer Gluͤckſeligkeit fich offenbaren folle — fie
hätten es, wie Lie meiften Menfchen, lieber gefeben,
wenn er ein glänzendes Königreich auf Erden gefliftet, und
fie mit Neichthümern und Wilrden in demfelben begnadiget
hätte — Aber feine Ubfichten giengen meiter — Er ents
deckte ihnen diefelben auf das beutiichfte, vornehmlich in
der lezten Woche feines Lebens, in ben lezten Abenden
beffelben, als welche fich in feiner Lebens, und Öterbens:
Gefchichte durch vorzüglich merkwürdige Neden und Hand⸗
lungen augzeichneten.
Es war Mittwoche Abends, in der legten Oſterwo⸗
he Jeſu Chriffi auf Erden, als er mit feinen Juͤngern,
vermuthlic zu Bethanien, in der gewohnten Herberge, zu
Nacht ad. Indeſſen, daß fie fid) um ihn verfammelten,
fielten fih ihm alle die Auftritte, die fo nahe waren, in
ihrer ganzen Deutlichkeit vor. Er mußte, daß er bald
aus der Welt zu feinem Vater gehen follte. Der Anblick
feiner Schüler, die er immer fo zärtlich liebte, und von
denen er iezt im Begriffe war abzufcheiden, gieng ihm tief
zu Herzen. Es iſt fchwer zu fazen, mag vor einen Ein⸗
bruck die bisherigen Ankündigungen feines Leidens in ihren
Gemuͤthe machten; vermuthlich Feinen fo gar tiefen, da ih⸗
nen die Sache immer ganz unwahrſcheinlich vorkam. Al-
lein, über dem Nachteffen nimmt er etwas vor, das fie
noch mehr befremden mußte. Seiner Größe wohl bewußt,
und daß er aus einer Welt, bie feiner nicht werth war,
9993 zu
1018 Sieben und viersigfie Tafel.
zu Gott, der ihn auf die hoͤchſte Stufe der Ehre erheben
würde, zurück Fehre, thut er etwas, das er bei) aller
feiner Herablaffung bisher nie gethan hatte. Ex fleht von
dem Abendeſſen auf, indeffen daß die jünger zu Tifche
fiten bleiben, zieht fein DOberfleib aus , legt eg bey Seis
te, nimmt ein zu biefem Gebrauche baliegendes Tuch, und
ſchlaͤgt es um den Leib; gießt dann Waſſer in ein zum Fuß.
bade befiimmtes Gefäß, und fchickt fi an, den Schüs
lern, fo wie fie da, um die Tafel hergelagert, ihre Füfs
fe finfen laffen, bdiefelben, nach Art eines Bedienten oder
Gaftwirths, zu waſchen, und mit dem Tuche, daß er um
fih gefchlagen, wieder abzutrocknen (b). Die Schüler
ſahen dem Lehrer mit Befremdung zu, doch fagt noch Feis
ner nichts. Als Jeſus, der Neihe nach, zu Petrus Tam,
molte diefer eg nicht gefchehen laflen. Herr, fagt er,
was fol das? Du willft mir die Füfle wafchen ? —
eins: Du weiſſeſt iezt nicht, in was Abſicht ich diefeg
thue, du follft es aber bald erfahren. Petrus: Herr,
das laß ich nimmer gefchehen, daß du mir die Fuͤſſe was
{hei — Jeſus: Wirft du dich nicht von mir waſchen
laſſen, ſo achen wir einander wenig an. Petrus: Wenn
es ſich fo verhält, fo will ich gerne nicht nur bie Fuͤſſe,
fordern auch Hände und Haupt von dir waschen laſſen —
Jeſus: Es iſt genug, wenn du nur bie Fuͤſſe wafchen
laͤſſeſt; Haͤnde und Haupt haſt du ia ſchon vor dem Eſſen
gewaſchen; du bedarfſt alſo dermalen weiter feinen Dienſt
als dieſen. Ich ſehe dich nicht für unrein an — Sch fee
he euch Juͤnger, doch nicht alle, für rein an.
Jeſus erklärte fich hierauf deutlicher — fügte, daß
er, als ihre Lehrer und Here ſich fo tief erniedriget und
ihnen die Füffe gewafhen habe, um ihnen ein Bepfpiel
zu geben — baß aber ſelbſt unter ihnen einer ſey, ber all
fein
Das Fußwaſchen. Einfegung des h. Abendmahls. 1019
Shun und Lehren nicht achten, fondern Aufferft feindfelig
gegen ihn handeln werde. Judas, nehmlich, fuste den
graufamen Borfaz, feinen Lehrer zu verrathen — für et—
was Geld ihn in die Hände feiner Feinde zu liefern. Je—
ſus fahe den Vorſaz in feinem Herzen lange vorher, ehe
er ihn ausführte. Aber er fagte nichts davon bie dies
fen Abend. Er fah feine Juͤnger um fich ber verfanmm-
let — fah umter ihnen den Verraͤther — mit bewegten Ges
müthe brach er in bie Worte aus: Meine Jünger! Wag
mug ich euch ſagen? Eier von euch wird mich verrathen!
Die Finger fahen einander voll Beſtuͤrzung an; fie
mwußten nicht, welchen Jeſus meyne — Nädft bey Je—
fir, gegen feine Bruſt hinlehnend, lag oder faß Johannes.
Hetrus, der etwas enferuter faß, minfte ihm, er moͤch⸗
te Jeſum fragen, wer der Unſelige wäre. Geſchwind und
leife fragte Johannes ; Herr, wer iſts? Der iſts, gab
ihm Sefus leife zur Antwort, dem ich biefen Biffen Brod,
ben ich iezt in die Schuͤſſel eintauche, überreichen werde.
Jezt zog er den eingetauchten Biſſen Brod aus der Schüfe
fel und gab ihn dem Judas Iſchariot. Judas nahm den
Biſſen Jeſu ab, und aß ihn Er dachte nicht: Wie
gut es Jeſus doch mit mir meint! Sch müßte der ums
dankbarſte von alfen Menſchen feyn , wenn ich einem ſo
guten Herrn und Meifter etwas zuleid thun wollte, — Er
aß den Biſſen; aber was er gleich hernach dachte, mar
fo boͤſe, als wenn ihm mit dem Biffen lauter Gift und
Galle wäre eingegeben worden. Er dachte: Jh will
ihn doc) verrathen !
Sefus fah ihm ing Innerſte. Die meiften Aünger
gaben noch nicht auf ihn acht. Es iſt einem, der ein bis
ſes Gemiffen haft, in der Gallſchaft dee Guten bang und
wehe. Er fürchtet ale Augenblicke, entdecht zu werden — —
Dy9a Judas
En
1020 Sieben und vierzigſte Tafel.
Judas weiß nicht, ob er ſizen bleiben, oder fortgehen
fol. Jeſus gab ihm iezt ſelbſt den Anlaß fortzugehen;
er fagte zu ibm : Was bu zu thun im Sinne haft, bag
thue ie eher ie lieber — Judas fieht geſchwind auf und
entfernt ſich — und bie meilten Jünger glaubten, Jeſus
hätte ihm cin Gefchäfte aufgetragen, z. E. daß er efmag
auf das Feit einfaufen, oder aus dem Beutel, den er für
die Gefelfchaft bey fih führte, den Armen etwas geben
follte. Judas aber fuchte die erfte, die befte Gelegenheit
ſich bey den Häuptern des Volkes, den Hohenprieftern, zu
melden, für einen Jünger Jeſu darzugeben, und zugleich
fih ihnen zum Gehülfen bey ihren Abfichten auf Jeſum,
bie Schon lange auf feinen Untergang gerichtet waren, ae
ubiethben. Er fand fie — und ber Lohn, den man ihn-
fir diefe Verrätheren voraus bezahlte, mar dreyfig Silk
berlinge, d. i. funfzehn Thaler. Nun fpähet er forgfäls
fig die Gelegenheit aus, -feinen Herrn und Lehrer, der
ihm heute die Fuͤſſe gewaſchen hatte, zu verratben.
Den folgenden Tag, welches war der Tag vor feis
nem Ende, widmete Jefus ganz feinen Juͤngern. Er mad).
te an demfelben Anftalt, auf dem Abende das Dfterlamm
mit ihnen zu effen, und den lezten Abend feines Lebens
mit feinen Freunden auf das feyerlihfie zu begehen.
Geht hin, fagt er zu zweyen feiner Jünger, in bie
Stadt — bafelbfi wird euch iemand begegnen, der einen
Mafferfrug trägt; dem geht nach , und wenn ihr ihn in
ein Haus hinein gehen fehet, fo folget ihm dahin, und
faget zu dem Hausvater : Euer Lehrer (er wird mich gleich
kennen) laffe ihm fagen, er welle mit feinen Schülern bey
ihm Paſſah feyern, weil die für ihn beftimmte Zeit vor⸗
benden fey ; er möchte euch das Zimmer weifen, worinn
ihr die Zurüftungen machen koͤnnet. Sogleich wird er euch,
m
EEE
nn — — — — —
Das Fußwaſchen. Einfegungdesh. Abendmahle. 1021
in ein großes Speiſegemach führen, me ſchon bie Tafel
gedeckt iſt. Daſelbſt machet Anftalt, daß mir auf dem
Abend das Paffah genieffen Finnen,
Die Jünger fanden es alles fo, ieder Umſtand traf
genau, mie Jeſus geſagt hat, ein. Nun machten fie
Zuräftungen, fchlachteten und Eochten das Paflahlamm ,
fchafften Brod und Wein herbey; und um die beflimmte
Stunde fand ſich Jeſus und die übrigen Jünger, auch Ju—⸗
das, in dem verabredefen Haufe ein, und man lagerte
fih um die Tafel. So mil ich denn, fieng hierauf es
ſus an, dieß Paffah mit euch, meine Sieben, noch einmal
genieffen „ ehe ich ſtebbe. Ich habe es euch mehrmals ges
fagt, daß der Tod auf mich warte. Nun effen mir noch
zum lestenmale mit einander — binfort werde id) nicht
mehr mit euch Paſſah feyern — erit muß die höhere Be
freyung, die nicht (mie bie, deren man fich beym Paffah
erinnert) irdifches Glück, fondern die Güter des göttlichen
Reichs zum Zweck hat, die muß erft zu Stande gebracht
werden , che wir wieder fo zuſammen fommen,
Diefer Gedanke follte fie wieder mitten in bag hinein
führen, morüber er ihnen fchon fo viel Nührendeg, ins.
befondere Tags vorher, gefagt hatte — Man af bag
Paſſahlamm, und was, während dem Effen, geredet wur.
be, hatte alles feine Beziehung auf die nahen traurigen
Schickſale Jeſu. Wenn das Paffahlamm gegeffen war, fo
blieb man noch bey der Tafel, um, was von Brod und
Mein übrig war, vollends zu genieffen. Dieß war nun
bie bequenifte Gelegenheit, die Jeſus finden Fonnte, dag
Feyerliche der Paſſahfeyer, und die Empfindungen, womit
baffelbe von rechtfchafienen Iſraeliten genoſſen wurde, auf
ienen neuen gröfiern Gegenftand, der künftig in den Ge⸗
muͤthern feiner Anhänger alles Schwache und Siunliche der
Dyys alten
1022 Sieben und vierziafte Tafel.
alten Neligion verdrängen follte, gleichfam uͤberzutragen
die bequemfte Gelegenheit ihnen fein Andenken, beion-
ders in NRücficht auf das, mas iezt mit ihm vorgeben
follte, unvergeßlich zu machen. — Sie ſaſſen alle bey ein.
ander. Er, das Haupt der Gefelfchaft, follte dag leztes
mal, 'wie gewöhnlich, das Amt des Hausvaters verrich—
ten, das Brod austheilen und den Becher herum bieten,
Er verrichtet alfo das gewöhnliche , aber von ihm iezt mit
befonderer Empfindung ausgefprochene, Danfgebet über die
noch vorhandenen Speifen ; nimmt dann das flache Brod
in die Hand, und, indem ber Sünger Augen alle auf ihn
gerichtet find, fpricht er mit vernehmlicher Stimme, mäh-
rend er dag Brod entzwey briht ; Gebt da meinen
g.eib, wie er euch zum Beſten zerbrocdhen wird,
Nehmet, (indem ers ihnen überreicht) efiet es. So oft
ibe Künftig fo bey einander feyd, und eflet, feyd mei—
ner dabey eingedenk! Jezt nimmt er auch den Becher
in die Hand, in welchen Wein gegoffen ward; und fagt:
Seht da mein Blut, wie es für viele vergoffen
wird! das Blut, das ic) über der neuen Bundesfliftung
vergieffe, durch welchen den Menſchen Vergebung ber
Einden zu Theil wird — Dieſer Becher ſey dem Anden«
ken meiner Aufopferung geweihet! Trinket alle aus
demſelben. Ih ſage es euch, ich werde hinfort von
dem Gewaͤchſe des Weinſtocks nicht mehr mit euch trinken,
bis der Tag uns wieder vereiniget, an welchem das Reich
meines Vaters ſich in ſeiner Herrlichkeit offenbart.
Und nun ſagte er feinen Juͤngern alles auf das beuts
lichſte, was ſowohl an dem morgenden, als den darauf
folgenden Tagen mit ihm vorgehen werde — ermahnt ſie,
ſtandhaft zu ſeyn ben feinem ſchmaͤhlichen Ende — ſtand⸗
haft bey ihrem fünffigen Eeiden — — warnt Petrum, der
ſich
Das Fußwaſchen. Einfezung des h. Abendmahle. 1023
fich vermißt ihn bis in den Tod zu begleiten, und redet
mit fo vieler Zärtlichfeit und Wehmuth mit ihnen, daR fie
dadurch aufferft gerührt wurden. Zulezt betete er zu ſei—
nem Vater um Stärke und Segen zu feinem bevorfichen«
ben Leiden — um überfchwengliche Gnade, für feine Juͤn⸗
ger und alle feine Freunde, und um befländige Offenbar
rung und Ausbreitung feiner Ehre und Herrlichkeit —
Darauf verließ er die Stadt, und gieng mit den Seinen,
in ſtiller Nacht, nach feinem geliebten Aufenthalt, nach
Gethſemane, einem Meyerhof am Delberge.
a
O liebſter Jeſu, welche Güte
D welche Fuͤlle von Gedult!
Wie himmliſch ſchoͤn iſt dein Gemuͤthe!
Wie uͤberſchwenglich deine Huld!
O hoͤrte dich, wer hoͤren Fann,
O ſaͤhe dich, wer ſehen kann,
Wie betete das Herz dich an!
2.
Das Abendmahl der Katholiken und der
Griechen.
m der Communion der Fatholifhen Rirche (a)
wird es folgender Geſtalt gehalten. Wenn der Briefier
die Meſſe halt, und zu feinen Gebrauch dag Brod conſe—
grirt, ſo werben die Hoflien, welche vor die Communican-—
ten befiimmt find, zugleich mit confeerirt. Es iſt nicht era
laubt, Diefelbigen auffer der Meffe zu confecriren, «uch
nicht
1024 Sieben und vierzigfte Tafel.
nicht alsdann, wenn ein Kranker dag Abendmal verlangt,
und Feine confecrirten Hoftien mehr übrig wären. Wenn
Eoınmunicanten da find, fo werden biefe Hoftien, nebft der
gröffern, für den Meſſe haltenden Priefter beftimmten Ho
fie, vor dem Dffertorium, ober der Aufopferung, in ei«
nem Kelch, oder auch ohne denfelbigen, auf dag Corpo—
ral gelegt. Wenn die Confecration vorbey ift, fo nimmt
der Priefter , der die Meffe liefet, wie fonft, die Commus
nion unter beyderley Geflalten. Die Communicanten aber
eınpfangen biefelbe nur unter einerley Geftalt, und zwar
entiveder gleich nach der Communion des Priefters, oder
auch nach gänzlich geendigter Meſſe. Die Austheilung
verrichtet entweder der Priefter, der die Meffe gelefen
hat, oder auch ein anderer gegenmärtiger Prieſter oder
Diaconud. Mag übrig bleibt, wird in dem Tabernafel
zum Fünftigen Gebrauch anderer Communicanten in ber
Kirche, oder auch der Kranken aufbewahrt. Bey der Aus.
theilung wird der Priefter oder Diaconus, von einem firs
chenbedienten, der meifteng ein Laye ift, begleitet. Dies
fer jagt die Formul der allgemeinen und sffentlichen Beich—
te (denn die geheime Beichte einer ieden einzelen Perſon
ift bereits vorhergegangen). Jene befteht in folgenden
Worten ; Ich befenne dem allmächtigen Gott, der
feligen und beftändigen Jungfrau Maris, dem felis
gen Erzengel Michgel, dem feligen Johannes dem
Täufer, den beiligen Apofteln Petrus und Paulus,
allen Heiligen, und dir Pater (unter welchem Namen
er den Priefter verfieht) daß ich über die Maaſſen ge
fündiget babe, durch meine Schuld, durch meine
Schul’, Durch meine fehr große Schuld ; deswegen
bitte ich die felige und beftändige Tunafrau Maria,
den feligen Erzengel Midyael, den feligen Jobann
ven
Das Fußwaſchen. Einfegung des bh. Abendmahle. 1025
den Täufer, den heiligen Apoftel Petrus und Paw
Ius, alle Heiligen, und dich Pater, für mich zu bit
ten bey unfern Herrn Tefu Ehrifto. Der Priefter ers
theilt hierauf die Abfolution mit diefen Worten ; der ak
mächtige Gott erbarme fih über euch, vergebe euch
eure Sünden, und führe euch zum ewigen Keben.
Der Kirchendiener antwortet : Amen! Der Priefter faͤhrt
fort z Verzeihuna, Abfolution und Vergebung eurer
Sünden ertheile euch der allmädıtige und barmberzis
ge Gott, der Pater, der Sohn und der heilige Geift.
Bey den Testen Worten macht der Priefter das Kreuz in
der Luft, und der Kirchendiener antwortet : Amen! Der
Nriefter nimmt hierauf eine confecriete Hoftie, und zeigt
- biefelbe dem Volke, und fagt : Siehe, das ift Got
tes Lamm, das der Welt Sünde trägt. Sogleich
fügt er folgende Worte hinzu, melde er dreymal mwieder«
bolet : Herr, ich bin nicht würdig, daß du unter
mein Dach) geheft ; fondern fprich nur ein Wort, fo
_ wird meine Seele geheilet werden. Wenn er diefeg
gefagt hat, fo giebt er einem ieden Communicanten, tels
cher auf ber fogenannten Communicanten » Bank, die ges
nieiniglich bey dem Eintritt in das Chor ſteht, kniet, und
das darauf liegende Tuch vorhält, die Hoftie in den Mund,
und fpricht daben folgende Worte: Der Leib unfers
Herrn Jeſu Chriſti bewahre deine Seele zum ewigen
Leben, Amen ! Alsdann reichet der vorhin befchriebene
Sirchenbebiente einem ieden Commmmnicanten etwas Wein ,
melcher aber nicht confecrirt ift, fundern blog dazu dient,
was etwa von der Hoftie im Munde uͤbrig geblieben fepn
möchte, befto leichter zu verfchlucfen. Wenn diefes ge
ſchehen ift, und mit dem Ciborio, barinnen bie übrig ger -
bliebenen Hoſtien befindlih find, das Kreuz über bas _
Dok
1026 Sieben und vierzigſte Tafel:
Volt gemacht, und die Höflien aufgehoben worden, ſo
hat die Handlung ein Ende. Der conſecrirte Kelch, wird
nur von dem Prieſter, der die Meſſe geleſen hat, genom⸗
ten : alle übrige Geiſtliche, weldye etwa zugegen find z
und niit communiciren wollen, welchen infonderheit auf
dem grünen Donnerftag geichieht , befommen, wenn fie
auch gleich Priefter und Bifchöfe find , das Abendniahl
alsdann nur unter einerlen Geſtalt, welches auch bey
tanken Geiftlichen , um) überhaupt zu allen Zeiten gefchicht,
wenn der Geiftliche nicht felbft Meſſe hal. In Anſehung
ber Fayen befommen einige Monarchen bey ihrer Kıönung
die Communion ımter beyderlen Geftalt;
Beny ben heutigen Griechen (6) wird das Abentmal
auf einem Altar, oder Antimenfium gehalten. Siebe
dienen ſich dabey des gefäuerten DBrodes , welches fie mit
mancherlen Ceremsnien zubereiten, und glauben , daß Chris
fiug daffelbige auch gebraucht habe. Den Wein vermiſchen
fie bey der Einſegnung zuerft mit Faltem, hernach auch mit
warmen Waffer. Sie laffen einen ieden zum Abendmahl,
der nicht im Bann oder in der Kirchencenſur ſtehet; und
ein ieder ift verbunden des Jahrs viermal, infonderbeit
auf die hohen Feſte fich daben einzufinden. Cie bereiten
fih die Woche vorher zu, mit Befuchung der Kirchen,
Faſten, Allmofengeben, und mit der Beichte. Wenn die
Einfegnung geſchehen iſt, fo ruffen die Commumicanten
sen anweſenden Bolfe zu: Wir bitten euch, lieben
Brüder, vergebet uns, was wir mit Worten und
Werken nefündiger haben ! Worauf das Volk anımors
tet: Lieben Brüder, Gott wird uns vergeben!
Den Kindern reihen fie das Abendmahl gleich nach der
Zaufe, und hernach zum oͤftern. Sie haben das Abends
mahl, umter beyderley Öeftalten, Wenn biefe conſecrirt
find,
Das Zußwaſchen. Einſezung des h. Abendmahls. 1027
ſind, und der Prieſter und Diaconus in dem mit einem
Vorhauge verſchloſſenen Chor von dem Brode gegeſſen, und
aus dem Kelche getrunken haben, ſo wird das geſegnete
Brod in den Kelch geworfen, der Vorhang aufgezogen,
und ſolches dem Volke vorgezeigt. Der Diaconus nimmt
hernach einen Loͤffel, mit welchem er den Communicanten
Brod und Wein auf einmal giebt (b). Sie halten das
Abendmahl ebenfals, wie die Katholiken, fuͤr ein wah—
res Verſoͤhnopfer, und haben alſo auch eine Meſſe, bey
welcher der Prieſter allein communiciret. Die Conſekration
des Brods und Weins verrichten ſie durch ein Gebet an
den heiligen Geiſt, worinnen derſelbe angeruffen wird, das
Brod und den Wein zu ſegnen, und mit dem Leibe und
Blute Chriſti zu vereinigen und zu verwandeln. Das uͤber⸗
gebliebene Brod wird unter das Volk ausgetheilt. Die
Eommunicanten empfangen das Abendmahl nicht Eniend ,
fondern fliehen gebüct, und fagen: Herr, ih el:ube
und befenne, dab du feyelt Chriſtus der Sohn des
lebendigen Gottes, der in die Welt gekommen ift,
die Sünder felig zu machen, unter welden ich der
vornebmfte bin. Diefes ıft die Antwort auf die Wor—
te, welche ber Diaconus ihnen bey der Ueberreichung zu⸗
ruft, und in folgendem befichen: Es wird dir mitgetheilt
der ehrwuͤrdige, beilige, unbefleckte Leib unſers
Herrn und Heilandes Jeſu Chrifti zur Vergebung der
Sünden, und zum ewigen Leben.
1028 Sieben und vierzigfte Tafel.
3.
Die Meſſe der Katholiken.
Da⸗ Meßopfer wird in der roͤmiſchen Kirche fuͤr das
wichtigſte Stuͤck der goͤttlichen Verehrung, und für bag
fräftigfte unter allen Gebeten gehalten. Wach dem Lehr:
begriff derfelben, bittet bey diefer Handlung die Kirche nicht
sur für fich felbf, indem der Priefter dieß Opfer auf ei.
ne über alle Vernunft erhabene Weife Gott barbringt ;
fondern Jeſus Chriſtus opfert fich felbft durch ben Prie,
fter, als feinen Diener, feinem Vater auf, und giebt der °
Handlung des Priefters alle Heiligkeit und göttlichen Nach-
druck.
Am Sonntage vor einer feyerlichen Meſſe fegnet man
bag Weihwefler , und hält einen heiligen Umgang.
Denn die Slaubigen follen der Meffe nicht anders als mit
einem reinen Gewiſſen beywohnen — und zum Zeichen ber
Nothwendigkeit diefer Neinigung, werden fie mit dem ges
beiligten Waffer befprenget. Die Proceflion iſt eine Bor
bereitung der Herzen auf das heil. Meßopfer. Der Prie-
fter und die Geiftlichfeit machen biefe Vorbereitung noch
feyerlicher durch den Gefang , und die Ausftelung des Kreu-
zes, welches vor der Geiftlichfeit hergetragen wird, indem
man einen Umgang um bie Kirche, oder die dazu gehörigen
nechft gelegenen Drte macht.
Die Meſſe felbft befieht aus zwen Haupttheilen. Der
erfte begreift die Handlungen vom Anfange bis auf das
Opfer, und wurde in dem lporigen Zeiten die Meſſe der
Yreube:-
Das Fußwaſchen. Einſezung des h. Abendmahls. 1029
Neubekehrten genannt; ber andere erflreckt fih vom Dps
fer bis zum Ende, und wird die Were der Glaubigen
genennet. Den erften Handlungen durfte icdbermann bey⸗
wohnen , weil darunter die Leſung der heil. Schrift und
die Predigt des Evangelii begriffen war. Nach ter Yres
digt aber wurde niemand mehr gedulter, ale nur bie Glau—
bigen, die im Stande waren an dem Opfer Theil zu tch»
men ; deswegen hieß man die Neubekehrten, die Beſeſſe—
nen und Buffenden abtretten ‚ die man nicht nur von der
Theilnehmung, fondern auch felbft vom Zufehen gänzlich
ausſchloß. in biefer Abſicht mufte der Diacenus über.
laut ausruffen: die heiligen Dinge find nur vor Hei—
lige ! Ihr Unheilige machet euch von dannen!
Beym Meffehalten felbft muß der Prieſter alle feine
Aufmerktjamkeit und Andacht zufammen nehmen, denn er
bat etliche dreykig Handlungen dabey zu beobachten, insel;
che alle gewiſſe Beziehungen auf die Feidensgefchichte Jeſu
Chriſti haben, und erbauliche Erinnerungszeichen derſelben
feyn follen. 3. E. er gebt nach dem Altare Cbieh fell
den Hingang Chriſti an den Delberg bedeuten); er fängt
die Meſſe an (Chriſtus betet in Gethſemane); er Füffet
den Altar (Chriſtus wird vom Judas gefüffer); er deckt
den Kelch ab (Chriſtus wird entkleidet, um gegeiſſelt zu
werden); er deckt den Kelch zu (Chriſto wird tie Dors
nenfrone aufgefest); er waͤſchet die Haͤnde ( Pilatus er
'Härie durch fein Händewafchen Jeſum für unfchuldig) — —
Er hebt den Kelch in Die Hoͤhe (das Blur Chriſti fick
ſet vom Kreuze herab) — Kr communiciret (der Leiche
nam Chrifti wird in ein neu Grab gelegt) u. f. to,
Bey der Meſſe muß die Verfammlung vom Anfange
bis auf das Ayrie fnien ; unter dem Sprengen des Weih—
33: Wwaſſer⸗
1030 Eichen und viersigfte Tafel.
waſſers ſtehen; mährend des Gebets, das darauf folge
wieder fnien u. f. w. Mit dem Anfange ber Epiftel big
zum Evangelium darf man ſizen; unter dem Lefen des
Evangelium aber muß man fliehen. Das Knien fol die
Demüthigung der Glaubigen bedeuten, dag Ötehen aber
theils das Vertrauen, womit fie ihr Gebet zu Gott fchis
den, theils die Freudigkeit, mit welcher fie feinen Wil
len gu vollbringen gedenken.
Kine feyerliche, große oder hohe Meſſe ift, wenn
biefelbe von einem Biſchofe, Prälaten oder vom Papſte
felbft gehalten wird. Dabey berrfchet, wie auf der Tas
fel abgebildes if, Andacht, Fenerlichkeit, Pracht, und
Devotion im böchften Grabe.
RE RE — en CE
4.
Das Abendmahl der Reformirten
und der Zurheraner,
Te
ad der reformirten Rirche, find zwar die Gebräuche
bey Haltung des Übenbmabls (a) nicht durchgehend eis
nerley, doch beftent das MWefentliche in folgendem. Eis
nen oder etliche Tage vor dem Abendmahle wird eine Vors
bereitung gehalten, in welcher , nad) der Ermahnung des
Predigers, die Stücke vorgelefen werden, über welche
fid) die Commumicanten zu prüfen haben. Syn biefer Bors
lefung werden an einigen Diten etliche Fragen vorgehals
ten , welche fi) auf die zweyte Frage des heidelbergifchen
Katehismug beziehen, und von den Anweſenden laut mit
a beantwortet werden. Hierauf folge eine Art einer ers
klaͤrenden
|
N
Das Zußmwafchen. Einfesung des h. Abendmahls. ro2ı
flärenden Abfolution von Seiten des Predigerd, welche
von der Gemeine mit Amen beantwortet wird, Wenn
dag Abendmahl gehalten werden fol, fo wird der Gottes.
dienft wie gewöhnlich verrichtet, und nach der Predigt
und dem gewöhnlichen Gebete, die Commimion durch Wors
lefung einer gewiſſen Sormul angefangen. Diefelbige ents
hält die Worte der Einfezung aus 1. Cor. ı1. worauf ver⸗
fhiedene Vermahnungen folgen. Alsdann wird ein dazu
beſtimmtes Gebet hergelefen , welches mit dem Gebet des
Herrn befchloffen wird. Hierauf wird ber Glaube oder
das fogenannte apoftolifche Symbolum bergelefen , mit eis
ner furzen Ermahnung begleitet, und unmittelbar hernach
den Communicanten das Brod und der Wein gereicht , ale
welche durch Herfagung des angeführten Formulars und
durch die Werte, welche bey der Darreichung ausgelpros
chen werden, confeceirt worden. Das Brod ſelbſt ift
aus Weizenmehl, gemeiniglich länglich gebafen, und dee
durchgängig gewöhnliche Name, womit e8 benennet wird,
ift Brod, und nicht Kuchen. Dblaten oder Hoftien find
nirgends in diefer Kirche gewöhnlich. Es gilt gleich viel,
ob eg gefäuert oder ungefäuert Brod ift, und folcheg
hängt von ber an jedem Orte eingeführten Gewohnheit ab,
torinnen fein Prediger. für fih eine Yenderung vornehmen
faun. Das Brod wird vorher von dem Prediger in feis
nem Haufe in Iänglichte Stücke fo zerſchnitten, daß eg
hernach bey der Austheilung gemächlich abgebrochen werden
kann. Das Brod wird den Communicanten in die Hand
gegeben, und nicht in den Mund geſteckt. Diefe fommen
an den meiften Drten einzeln berbey, und empfangen eg
fiehend , nirgends aber kniend. An einigen Orten fisen
die Communicanter um einen Tiſch herum, ie zwölf und
zwoͤlf; am andern Orten bleiben fie in ihren gewoͤhnlichen
334; 2 Stühlen,
>
1032 Sieben und vierzigfte Tafel.
Stüplen, und in biefen Fällen wird das Brod und ber
ein von den meltlihen Kirchen » elteften überbracht.
Diefes ift vorzüglich in der Schweiz , ienes aber in den
Niederlanden gewoͤhnlich. Der Keldy wird ebenfals dem
Communtcinten in die Hand gegeben , es fey dann, daß
er gebrechlih wäre, mo er ihm an den Mund gehalten
wird An den Drten, wo die Communicanten um eis
nen Tiſch fizen, übergiebt ein icder den Kelch an feinen
Nachbarn. Sonft aber erhält ein ieder den Kelch aus der
Hand des Predigers, welchem er immer wieder zurück ge—
geben wird. Ben der Darreichung des Brodes ift an vie—
len Orten, folgende Formel, welche der Prediger aus—
fprıht : Das Brod, Das wir breden, ift die Gemein—⸗
ſchat des Keibes Jeſu Chriſti. An andern Drten fagt
dee Prediger: Vebmet bin und eflet, das ift Der
w.bre Leib Jeſu Ebrifti, der am Stamme des Rreus
zes gebrochen ift, zur Vergebung eurer Sünten.
Bey der Darreichung des Kelchs fagt er entweder :; Der
Reld der Danffagung, womit wir dankfagen, ift
die Gemeinſchaft Des Bluts Jeſu Ebrifti, oder : Neh—
met bin und trinfet , das ift das wahre Blut Jeſu
Chriſti am Stamme des Rreuzes für euch vergoffen,
zur Vergebung eurer Sünden. Die Franzofen gebrau«
chen rolgende Sormel : Erinnert euch, daß Tefus Chris
ftus für euch gefreuziget worden , und danft ibm
dafuür; und: SErinnert euch daß Jeſus Chriftus fein
Blut tür euch vergofien bat, und danft ihm dafür.
Waͤhrend der Kommunion wird von der Gemeine gefungen,
und wenn die Kommumicanten ale empfangen haben, fo
wird die Handlung mit einem Danffagungsgebet befchlof
fen. Bey der Communion der Kranken wird auf die nehme
liche Art verfahren, die Bekentniß ber Sünden , die
* Ab⸗
Das Fußwaſchen. Einfegung des h. Abendmahls. 1033
Abſolution, eine kurze Formel zu der Communion , und
ein Gebet verlefen, dag Abendmahl dem Kranfen gereicht,
und die Handlung mit einer Dankfagung geendiget.
Bey den Kutberanern (b) wird einen, oder aud)
wohl etlihe Tage vor dem bendmahle, zumeilen auch
wohl unmittelbar vor dem ordentlichen Gottesdienft, die
Beichte gehalten. Wenn dag Abendmahl gehalten werden -
fol, fe wird der Goitesdienft zwar mie ſonſt gewöhnlich)
verrichtet; nach der Predigtaber begiebt fich der Geiftliche an
ben Tifch, welchen man in biefer Kirche auch mir dem
Namen des Altars belegt. Dafelbft findet er bereits das
Brod und den Wein, welche Fur; vor dem Anfange der
Kirche aufgeftelt worden. Das Brod beſteht in Kleinen
Oblaten oder Hoftien, melden Namen fie auch führen.
Der Prediger fängt die Handlung mit einen vorgefchriebes
nen Gebet an, welches nach den Drten verfchieden , und
länger oder Fürzer if. An manchen Orten wird bios dag
Gebet des Herren bergefagt ; an andern eine Vermahnung
an die Communicanten , bey welchen am Ende nocdmals
bie Abfolution ertheilet wird. Nachdem dieß geſchehen,
fo werden dle Einſezungsworte gelefen oder gefungen, und
durch diefe gefchieht die Confecration, bey weicher auch an
manchen Drten das Kreuz über dag Brod und den Weir
gemacht , auch der Teller mit den Dbiaten und ber Kelch
in die Höhe gehoben wird. Nun fommen die Communis
canten an den Altar, die Maunsperfonen juerft, hernach
die Weibsperſonen, an einigen Deien Berheirarhere und
Ledige unter einander, an andern aber ein Theil nach dem
andern. An Fleinen Drten wird gemeiniglich einiger Nang
unter den Communicanten beobachtet, wach weichem fie
hinzufreten, an andern nicht. Der Prediger reicht einem ies
den Communicanten die Koftie in den Mund, und ſagt
3333 ge»
1024 Sieben und viersigfte Tafel.
gemeiniglich Folgende Worte ; (denn nicht allenthalben ift
einerley Formel) Nehmet bin und eflet, das ift der
wabre Keib unfers Herrn und Heilandes Jeſu Chris
fti, für eure Sünde in den Tod gegeben, der ftärfe
und erhalte euch im wahren Glauben zum ewigen
Leben, Amen! Ben der Austheilung des Keldys, wel⸗
chen er den Communicanten an ben Mund hält, fagt er:
Nehmet bin und trinfet, das ift das wahre Blut
unjers Herrn und Heilandes Jeſu Chrifti, das für
eure Sünde vergoßen; das ftärke und erhalte euch
im wahren Glauben zum ewigen Keben, Amen!
Henn die Communieanten alle hinzu gegangen find, fo
wird die Handlung mit einem kurzen Danfgebete befchlofs
fen , und die Gemeine mit dem Segen enileffen. Was
übrig bleibt wird als eine gemeine Sache angefehen, und
der Wein von den Predigern oder Kirchdienern zu Haufe
getrunken, oder auch an Kranke, iedoch nicht als cone
fecrirter Wein , fondern als ein gemeiner Wein zur
Erärfung ihres Körpers verfende. Denn fo oft ein
Kranker communicren will, wird Brod und Wein von
neuem durch die Einſezungsworte confecrit. Die Kranken
empfangen das Abendmahl zu einer ieden felbft belichigen
Zeit des Tages, oder des Nachts; da es, oͤffentlich,
nur des Morgens , an Felt. Sonn-und Feyerfägen, an
großen Drten, auch in bee Woche, vor oder nad) der
Hredigt gehalten wird. Die übrig gebliebenen Hoftien ,
werden zwar nicht als eine ſonſtige Speife nachher gegefs
fen, ſondern auf die naͤchſte Communion aufbehalten, aber
olsdann mit denen neu hinzu gefommenen wieder conſecrirt.
Die Communicanten follten bag Abendmahl fniend empfans«
sen; Daher auch an beyden Seiten des Altars Kniebanks
dien angebracht find, fie bleiben aber an vielen Drten ges
Fabe
Das Fußwaſchen. Einfegungbes h. Abendmahls. 1035
rade ſtehen. An einigen Drten treten fie einzeln vor den
Alter, an andern allezeit zwey oder drey zugleich. Waͤh—⸗
rend der Communion fingt die Gemeine ſchickliche Lieder,
oder es wird auch wohl cine Kirchenmufik gemacht. Es
brennen Kerzen auf dem Altare, und find zwey Knaben
vorhanden , welche den Communicanten ein Tuch vorhals
Sen, und Mimiſtranten vorſtellen.
— — DOES
5.
Der Wein-und Hopfenbau.
J einigen Laͤndern, welche von Natur und durch ihre
Lage vorzuͤglich dazu geſchickt find, gehoͤret unter bie
wichiigften Gefhäfte des Laudmannes, der Weinbau.
Der Weinberg (A. a.) iff ein gegen die Mitags, Sonne
gefehrter abhängiger Drt, wo viele Weinſtöcke (A.b.)
ſtehen. Die Zweige eines Weinſtocks beiffen Renten,
Fieinere Ranken find Reben ; an denen hängen die Traus
ben, oder Klumpen von Weinbeeren,, melde getrod->
net, Roſinen beiffen. In den Weinbeeren find die Boͤrn⸗
lein, als der Saame des Weinſtocks. Man darf. aber
biefelben, um iunge Weinſtoͤcke zu haben, nicht akymal
ſaͤen. Mean kann Rebhoͤlzer, oder iunge Sprößlinge von
den alten abjchneiden, welche, wenn fie gepfianzet wers
den, Wurzel ſchlagen. Man fann auch ſchoͤne Nanken
einfenFen, das ift, von dem Hauptfiamme tief niederbeus
gen, amd mit Erde bededen. Auch diefe koͤnnen entwes
der ftehen bleiben, nachdem fie Wurzel gefaßt baden, oder
abgefchnitten umd verpflanzt werden. Gegen ben Fruͤh⸗
3334 ling
1036 Sieben und vierzigfie Tafel.
ling wird der Weinſtock befhnitten, dag ift, man nimmt
die Üserfiäitigen Augen weg, aus welchen zu viel Sproͤß⸗
linge hervor ſchieſſen würden; damit die wenigen, melde
ſtehen bleiven, deſto flärfer werden. Im Merz, nad)
dem Ende ter Beſchneidung, bebadt man ben Meinberg,
nehmlich man hackt die Erde auf, rund um den Wurzeln,
und Lefchltter fie alsdann mit neuer Erbe. Wenn ber
Stock anfängt zu blühen, fo binder man ihn an Pfähle
und bezwickt ihn, das ift, man fchneidet abermals Flcis
ve Ranken, und bie Spigen von den Eprößlingen weg,
damit tie Trauben , die fih alstann zeigen, deſto mehr
Nahrungsſaft behalten. Wenn nun die Trauben ım Derb»
fie zur Deife gelangen, merden fie durch die Weinleſer
oder Winzer von den Neben abgefchnitten, in Gefäße ges
werfen, hinein getragen und in eine Kufe gefchüttet,
da fie denn von Menſchen mit FZüffen getretten werden
(A.c.) Was davon läuft, heiffet der Vorlauf; ber
nad) kommen fie unter die Relter (A. d.). Diefe Maſchine
ift eine Art einer mit Schrauben verjehenen Prefle, wo—⸗
durch der Saft der Weintrauben ausgepreßt wird. Je oͤf⸗
ter man dag Ueberbleibfel dir Weintrauben, woraus fhon
Saft gepreßt iſt, von neuem preßt, deſto fehlechter wird
der nee Saft oder Moll. Der Moft, wenn er 9%
gohren hat, wird zu Wein, welcher anfangs iung und
meriger gut ift, im mittlern Aiter an Güte zunimmt,
und zulest ein alter Wein wird, ber zwar großen Werth
hat, aber der Hize wegen nicht täglich getrunfen werden
Eann. Jeder Wein nimmt einen befondern Geſchmack von
ber Grgend und dem Erdftsihe an, in welchem vie Wein»
ſtoͤcke gepflanzt find ; und bie gewöhnlichften Weine find ;
weiſſer und rother Sranzwein, Frankenwein, Abeins
wein, Xurgunder, Champagner, Spaniſcher, Uns
gariſcher
Das Fußwaſchen. Einſezung des h. Abendmahls. 1037
gariſcher Wein und dergl. Der Wein wird in Säffern,
welche der Boͤttcher oder Safbinder verfertigt, auf Kür
gel virgeleg.. (Die Fäffer beflehen aud Dauben, melde
nit Reiien verbunden find, und zweyen Böden ; haben,
ein Spundloh zum Spund, ein Loch zum Zapfen,
oder zu der id re mit dem Hahne.) Un bdiefe Fäffer ,
welche fleiffig aufgefüllt werden müffen, fest fich inwen⸗
dig der irbiſche Theil de8 Weins an, melder Weinftein
genennet und in den Apothefen gebrauchte wird.
Den Aopfen (B), welcher in Sächfern gelegt
wird, vi eine Frucht, die an hoch hinauf ſich wendenden
Ranken waͤchſet, im Herbfte reif wird, und davon ab»
geblattet werden muß. Diefer Hopfen wird in ven Fän-
dern, welche feinen einbau, aber zum Hopfenbau
taugliches Erdreich haben , bäuffig in den Hopfengaͤrten
gebaut; erfordert gute Pflege, abfonderlich fleifiges Ya»
cken und Anbinden, und muß an hohen Stangen aufs
gezogen merden. Es giebt, unter dem Gerfienmale,
dem Getraͤnke, welches Bier genennet wird, eine befon.
dere Dauerhaftigkeit; und es wird dadurch gefchickt ges
macht, fich lange zu halten, ohne fauer zu werden. Mit
dem Bierbrauen felbft geht es alfo zu: Man läßt Ser
fie, oder auch Waizen und Haber, nachdem fie durch
Anfeuchtung zum Aufquellen und Auswachfen gebracht,
alsdenn aber über dem Dürrofen getrocknet, und in der
Muͤhle gebrochen, alſo zu Malz gemacht worden, in ets
nem großen Reffel fieden, und nimmt dazu Hopfen, um
bamit die lange Erhaltung des Biers zu befördern, Algo
denn wird es in den Küblfeffel gebracht, damit eg darin
nen abkuͤble. Das durch foldhe Zubereitung erhaltene
Getraͤnke beiffet braunes Bier, (und die fnlechtefie Art
deſſelben Rofent) welches man in Keller, und, wo eg
| 3315 ſeyn
1038 Sieben und vierzigfte Tafel.
feyn kann, in SelfenFeller bringt, und zum Gebrauch in
Faͤſſern aufbehält. Gerſten und Waizen, mit wenig Hop—
fen, geben das weiße Bier, welches nicht lange, oh.
ne fauer zu werden, kann aufbehalten werden. Die bes
rühmteften Biere find ; Das englifcbe Oel, die Braun:
fhweiger Wumme, das WMierfeburger, Regensbur⸗
ger, Herſprucker Bier, der Breyban u. f. mw.
Aus Wein +» oder Bierhefen, aus g:brochenem und
auf gewiſſe Art zugerichtetem Waizen oder Korn, aus fau⸗
lem Obſte und Obſtſteinen, wird der Brandtewein ges
brannt. Es werden nehmlic dergleichen Dinge in einent
fupfernen in den Dfen eingemauerten Keffel mit Waffer ans
gegoffen , über welchem der Brennfolbe, und unter dem
Keſſel dag Feuer if. Durch die Hise des Ofens fleiget
der Geift in den Kolben, und £röpfelt durch. die Roͤhre in
ein Gefäß aus. Diefes heiffet man Diftilliren ; und fo
wird nicht nurder gemeine Brandtewein, fondern auch, aus
Meis, Araf, und aus Zucker, Rum gemacht. Sodann
entſtehen durch oͤfteres Übziehen des gemeinen Brandte-
weins, Aquavit und Weingeift, und mit einigen Zufaß
von Zucker und Sräutern und dergl. allerley Kiquers
und? Wundwaſſer. Der gewöhnliche Brandtewein wird
durch biezu berechtigte Leute, welche Brandteweinbren,
ner heiffen, gemacht. Die Verfertigung ber übrigen ift
eine chymifche Kunft.
Auch wird aus Wein, Bier, Birnen, Aepfeln und an.
dern dergleichen Säften, ein Eſſig bereitet, der ſowohl in
der Küche, alg bey manchen Berufsgefchäften und in ber
Apotheke von unausfprechlihen Nuzen ifl. Es ‚giebt vor
nehmlich Weineflig und Biereflig.
6.
a
Das Fußwafchen. Einfezung des h. Abendmahls. 1039
Lu EN ELLE
’ 6,
Der Koh. Der Wirth.
Rise oder Koͤchinnen (A) werden dieienigen Perfonen
genennet , welche nicht nur überhaupt eine gute Erfennt-
nig von der Natur und den Eigenfchaften ber im Lande ges
woͤhnlichen Speifen haben, fondern auch icde derfelben
auf manchfaltige Art zurichten, und in gufer Drdnung zu
Tiſche bringen Eönnen, Die Gerichte, bie fie aus ben
vielerley Eßmwaaren zubereiten, find : 1) Suppen von
Sleifh , Milch , einigen Fifhen und Kräutern ; von
Mehl, Brod, Bier und Wein; 2) Mehlſpeiſen, als
Bey, Mus, Kloͤſſer, Pudding, Kuchen, Waffeln;
3) DPofteten; 4) Gerichte vom gefottenem Fleiſche, mit
I
dem Ueberguſſe, Fricaſſee, Ragout, u.f. w. 5) Ders
fehiedene Arten von Braten, mit Salat aus Lattig, Kohl,
Gurken, Rapunzen, Portulaf, Dragun, Boragenfraut
’ oder Kreffe, Endivien,, rothen Rüben, Selleriemurzeln ;
6) das Gemüfe von Erbfen, Linfen, Bohnen, Möhren,
weiffen, gelben und rothen Rüben, Paſtinacken, Kohl,
Kohlrüben, Spinat, Sauerampfer, Spargel, u. f. m.
Die Speifen des Nachtifches pflegt man Faum unter die
Gerichte zu zehlen, als Torten, Kuchen, Coufituren, Gals
ferfe, von angenehmen Säften durchdrungenes Eid ( Ges
lees), moblfchmedende Mufe , frifche , gedoͤrrte, und
eingemachte Früchte, Kaͤſe und Butter, u. f. w. Das.
Geräthe welches zum Küchenmwefen und zu den Mabkgeiten
gebraucht wird, ift mancherley : 1) Behältniße, Spuͤhl⸗
keſſel, Gießfannen, Scränfe, SKaften, Tonnen, Bal-
gen,
1049 Sieben und vierzigfte Tafel.
gen, Eimer, Butten, Mulden, Körbe und Side; Keffel,
Töpfe, Näpfe, Pfannen, Waffeleifen und andere For
men ; Cafferolen, Tiegel, Schüffeln und Teller, Scha-
len, Becher, Glöfer, Flaſchen und Bouteillen; Büchfen
zu Zucker und Pfeffer, und Salzfaͤſſer; Theefeffel, Thee—
töpfe, Kaffeekannen, Milchkannen und Theefhälchen.
2) Werkzeug : Zungen, Feuerschaufeln, Feuerfaͤſſer,
Roſte, Bratfpieffe, Dfengabeln, Biareröhre und. Blasbäls
ge zum Feueryeerde ; der Mörfer mit feinem Stempel, bie
Reibe, der Durchichlag und Sieb, ver Trichter und bie
Schaumkelle; das Hackemeffer, dag Hackebret, und der
Haublock; die groffen und Eleinen Loͤffel, Meffer und Ga—
beln zum Abfondern ; Beſen, Bürften, Federwiſche,
Tücher , Löcherfchwänme, Schabeifen , Vorſchuͤrzen,
Tifhtächer und Servietten zur Neinlihfeit. Der Hands
lungen, welde dazu gehören, find ſehr viele, alg:
fhlachten, rupfen, brühen, die Haaſen enthäuten, bie
Fiſche entfchuppen, vielerley baden, zerfchneiden und zer
fioffen ; die Speifen umrühren, daß fie nicht-anbrenuen ,
und fie abfchäumen , ihre Ueberfochen verhüten , gewiſſe
magere Braten mit der Specknadel fpicfen, Erbſen unb
Bohnen aushülfen, Früchte und andere Gewächfe abwa—
(hen, auslefen, fchälen und ſchaben; Nahrungsmittel eine
faufen, bis zur rechten Zeit erhalten und aufbewahren ;
ihre Güte und Unfchädlichkeit, ihr Maag und Gewicht une
terfichen, und dafür forgen, daß fein brauchbarer Lebers
geft umfomme — jn groffen Haushaltungen find Haus—
balterinnen, auc wohl Haushofmeiſter, um unfer ber
Herrfchaft die allgemeine Aufſicht über dag Hausmwefen ,
befonders aber über das Küchenivefen zu haben. Gemöhns
licher Weife aber ift die Aufſicht, und einige Beſchaͤftigung
in der Küche, eine Pflicht der Hausmuͤtter und der fie
nach»
— — — ————— —— ——
Das Fußwaſchen. Einfezung des h. Abendmahle. 1041
nachahmenden Tochter. Büchenzettel, Rochzettel find
fehriftliche Verzeichniße der Speifen, die dey einer Mahlzeit
zur Tafel getragen werben follen. Kochbuch nennt man
ein Buch, morinnen Anleitung gegeben wird, tie man«
cherley Speifen nicht nur am gemöhnlichfien vorzubereiten,
fondern auch wie eine iede, nach ihrer Urt, theils aufs
befie und ſchmackhafteſte durch gute Gewuͤrze, fauern,
Bruͤhen und dergl. zuzurichten — wie allerhand Paſteten
und Torten zu baden, ganze Auffäge und aus mancherley
Epeifen befichende Trachten wohl zu ordiniren, und dies
jenigen zuſammen zu nehmen find, die fich ihren Eigen
ſchaften nach zuſammen ſchicken. —
Auf der Tafel ſieht man einen Koch, der einen Bra,
ten begießt, und an dem Brutfpieffe wendet, der auf fe
nem Bocke über der Bratpfanne ruht, in welcher die aba
friefende Butter twieder aufgefangen wird. Der Kuchen»
tunge, der gemeiniglih, wenn man feine Mafchine hat,
den Braten zu wenden pflegt , ſtoͤßt bier eine Zeitlang Ges
wuͤrz in einem Mörfer. Noch fieht man eine Magd, wel
che Waffer herbey trägt; und vor der Thür einen Haug,
fnecht, melcher Hoi; ſpaltet; auf der Erde einige Stuͤcke
Holz; in dem Korbe einige Kuͤchenwaͤſche; ander Wand
einen Küchenfchranf ; über demfelben einige Bretter und
Leiſten, zur Hinſtellung der Schüffeln und Teller.
Auch giebt e8 an allen Orten gemwiffe Leute, melde
fih davon nähren, Wein und Bier, gegen Bezahlung in
ber Maaß, in welcher es verlangt wird, auszuſchenken.
Solche Leute, melde von der Obrigkeit. dazu berechfiget
find, heiſſen Wein: und Bierfchenfen; und wenn fie die
Freyheit haben Gäfte zu ſezen, auch Neifende mit Wagen
und Pferden aufjunehmen und zu bewirthen, Gaftwirtbe,
und
1042 Sieben und viersigfte Tafel.
und ihre Bewohnung Wirthshaus, Gafthof oder Hotel.
Ein guter Wirth muß alfo nicht nur ein geräumiges Haus
mit vielen Zimmern für alleriey Gattungen Menfchen, und
gute Ställe und Seller haben; fondern auch mit guten
Betten, Haus, und Tifchgeräthe, Speifen und Getränfe,
ingleichen mit gutem Gefinde und, Aufwärtern verfehen , er
felbft aber reinlich, höflicd und billig feyn — den Nuzen,
die BequemlichFeit und das Vergnügen feiner Gaͤſte auf alle
Weiſe zu befördern fuchen, und ſich dadurch eine hauffige
Einkehr verfchaffen. Gemeiniglich haben die Gafthöfe, ia
ſelbſt die Eleinften Schenfen, gemwiffe Zeichen und Schilde,
dadurch fie von andern unterfchieden, und den Paffagierg
und Fuhrleuten befannt gemacht werden Finnen.
E8 giebt auch Kaffeehaͤuſſer, wo die Gäfte gemeis
niglic) mit warmen Getränke, ingleichen mit Nofolis, fie
monade und allerley Erfrifchungen bedient werden. Man
fann über dieß in denfelben , nebft den neueften und bes
liebteften Zeitungen, Gelegenheit zum Spiele überhaupt,
insbefondere aber zum Billardfpiele, zu nüzlichen Gefpräs
|
chen und angenehmen Bekannffchaften fluden.
ze EEBINELNILIER
7.
Der Mann und die Uhr.
— EE
PL
— Afrika, dem Vaterland der Mohren,
War einſtens ein Genie gebohren,
Dag, mit der Zeit, gar viele Bücher ſchrieb;
Sein Volk durd) feine Weisheit lehrte ,
Des Poͤbels Worurtheil zerſtoͤrte,
Und gar gemaltiglich fein Weſen trieb. Pi
e
Das Fußwaſchen. Einſezung des h. Abendmahls. 1043
Der Mann non Fam auf eines Fürften Saal ,
Erblickte da, zum erfienmahl
' Sn feinem Leben, eine Uhr,
Höhrt ihren Schlag — er hört das Uhrwerk geben,
Und fonnte. doch den innern Bau micht feben.
Ha, rief ee aus, das iſt Matur!
Ein Toier ift in dem Kaſten da verſteckt,
Ein Thier, das, wenn es fich beweget,
Den Hammer an der Glocke wedt,
Damit es, wie fihg eignet, fchläget.
Kaum hat er dieß Syſtem erdacht,
So ward e8 zu Papier gebracht,
Und Alt» und Zungen gieng es ein,
Es möß ein Thier im SKaften feyn.
Das Scribler⸗-Volk, davon in ienen Zeiten
Es ganze Legionen gab;
Die ſchrieben, wie bey Werthers Leiden,
Und bey bes armen Siegwarts Grab,
Gar Vieles und gar Mancherley
Vom Thier , das in dem Uhrwerk ſey —
Und lieſſen, ohne fih bie Köpfe zu zerbrechen,
Das arme Thier in Kupfer flechen,
Drauf flarb der Mann, der das Spflem erfann,
Und fam in feinem Himmel an.
Sein Genius eilt ihm entgegen
Um feinen fchon befaunten Freund,
Das mas ihm bier noch dunkel feheint,
Sm hellen Fichte auszulegen.
Eie giengen ein’ge Schritte nur,
So drängte ſich ſchon Frag an Frag,
Was dich ? Was ien’d ?— Jezt hörte man ben Schlag
Von einer großen Sirchenuhr.
Nicht -
1644 Sieben und vierzigſte Tafel. |
Nicht wahr, Herr Genius , das hab ich gut gemacht,
Ohn' es zu fehn das Thier, zu abfirahieren ,
Mie es geftalt, daß es auf allen Vieren —
Sa, fiel dee Genius ihm ein,
Und Hächelte. — Der Ruhm ift dein.
Doh Form und fieh das Innre diefer ‚Uhr.
Hier zeigte fih die glatte Keder,
Die großen und die kleinen Räder;
Mie, rief er, das wär nicht Natur ? Ä
Dein, fprah fein Freund, doch iezt iſt dirg erlaubt,
Das Inure dieſes Bars zu fehen,
Wie alle diefe Mäder gehen,
Und wie, mas du ein Thier geglaubt,
Nichts mar als Künfilers Meiſterſtuͤckf — —
Laß mich zu meinem Wolf zurück
Daß ich dort meine falfche Lehre,
Jezt widerruff' und mein Syſtem zerſtoͤre —
Und wuͤrdeſt du zu deinen Bruͤdern kommen,
Was wuͤrde dein Erſcheinen frommen?
Auch Fein Geſpenſt halt fie vom Schreiben ab.
Umfonft erhielt ihe nicht des Forfchens Neigung,
Doch lerne iezt : die volle Ueberzeugung
Beginnt erft an dem Fühlen Grab,
Mit allem Wiffen, allem "Mühen ,
Das noch fo ſchoͤn auf eurer Erde glänzt,
ag Feiner es den Vorhang Megsizichen,
Der des Erfchaffnen Blick begränzt.
Die Menfchheit legt euch Teffeln an,
And fuͤhl's, es mar der Gottheit Wille,
Daß Euer Blik nicht durch die Hülle,
Die fie umfchlieffet , ſpaͤhen Fam.
Das Zußmwafchen. Einfegung des h. Abendmahle. 1045
REIT EEE EEE u NENNE
8.
Gaftmahle der Alten,
2
Ada ben erften fogenannten heroifchen Zeiten ber alten
Voͤlker, insbefondere der Griechen und Nömer, herrſchte
nicht viel Pracht und Luxus bey ihren Gaftmahlen — Aber
nach und nach zeigte fich berfelbe auf, eine außnehmende
Weiſe. Ueberhaupt waren fie gewohnt, mehr als einmal
des Tages zu ipeifen, abfonderlich da ihr eigentliches Haupt⸗
mahl des Tages, welches Cöna bie, immer fpäter auf
ben Abend oder in die Nacht vefigefezt wurde. Das foges
nannte Fruͤhſtuͤck genoffen dielenigen Leute, welche ihrer
Geſchaͤfte wegen frühe aufftehen und arbeiten mußten, wie
aud) die Kinder, deren Wachsthum oft wiederholtes Effen
erfordert. Die zweyte Mahlzeit hieß Prandium, und
murde gehalten, wenn das Abendmahl etwas fpäte zuges
Kichtet wurde. Man aß, ohne fi lange zu verweilen, nur
etwas trockene Speifen bey ben Gefchäften. Das Veſper⸗
brod machte die dritte Mahlzeit aus, welche aber nur aus
ganz Wenigem beſtund, bis endlich die Hauptmahl;eit oder
Coͤna folgte.
Dieſelbe beſtund bey den Griechen und Roͤmern aus
drey Abtheilungen, aus dem Voreſſen, dem Haupteſſen
und dem VNaͤchtiſche. Das Voreſſen, als ber erſte Gang;
folte den Hunger nicht flillen, fondern den Appetit reizen,
Die dabey üblichen Gerihte waren : Salat, Ey>r, Zwie⸗
bein, Senf, Seefiihe, u. fe w. Man trug dieſe Gerich,
te auf bejondern dazu verferfigten Auffäzen von Silber,
Gold und corinthifhen Erzie auf, welche auf einem Fußge,
ftelle von getriebener Arbeit fanden. Das Getxkaͤnke dabeh
sad war
1046 5 Sieben und vierzigfte Tafel.
war. Meth, oder Wein mit etwas Honig vermifcht. Die
zweyte Tracht, oder das Hauptefien beftund aus lauter
ausgeſuchten Speiſſen, von denen das vornehmſte Caput
Coͤnaͤ hieß. Bey demſelben war dem griechiſchen und rd«
miſchen Luxus nichts zu viel für die Tafel. Alles, was
Itglien, Gallien, Aſien und Afrika nur Koſtbares hervor⸗
braͤchte, zierte ihre Tafeln; abſonderlich bey den großen
Gaſterehen, melde fie auch Convivia nannten. Unter den
vielen trefflichen Speiſen, die daben aufgetragen wurden,
ge.chnete fich ieberzeit dag Fleifh von zahmen und milden
Schweinen und andern Thieren, die auserlefenften Fiſche
und das fchmackhaftefte Geflügel aus. Der Nachtiſch bes
ſtund aus koͤſtlichen in ⸗ und ausländifhen Früchten, Cons
fiusen, Haaſen, Krammetsvoͤgeln, Honigkuchen, Käfe
uud dergl. Während der Mahlzeit pflegte man hoͤchſtens nur
breymal zu trinken, über defto mehr ‚nach berfelben. Die
Trintgefaͤſſe waren von Gold oder Kryſtall, und unter den
Keimen, die gemeiniglich gebraucht wurden, der Cacubifche,
der Maſſiſche, der Falerner, und die von Ehiog und Les
bog, bie berübmteften. Da man fich oͤfters mit denſelben
beraufchte, fo gab es ordentlihe Trinfgefeze, und einen
Doerauffeber, oder Schmauefönig, deffen Verordnungen
uhr Befehle genau beobachtet werden mußten.
Ehe man zu Tifche gieng, pflegte man ſich vorher zu
waſchen, ſowohl den ganzen feib im Babe, eine Stunde
nor dem Übendeffen, ale auch ingbefondere die Hände kurz
vor Tiſche. Dach dem Wafchen begoß man fich mit wohl.
riehenten Waffern und Salben, und legte bequeme SKleis
der an, melde Syntbefes bieffen. Der Tifh, an welchem
die Mahlzeit gehalten wurde, mar vieredigt, an bem auf
dreyen Seiten Bettfielen herum fiunden, bie öfters von
dem prächtigfien Holge, von Elfenbein oder Eilber waren,
und
— — —
Das Fußwaſchen. Einfegung Desh. Abendmahls. 1647
und mit koſtbaren Decken aus Purpur mit Gold durchwirkt,
bedeckt waren. Auf ieder diefer Bettſtellen lagen drey Pols
er, für iede Perfon eine, damit iede ihren Elenbogen bes
quem darauf fügen Fonnte. (Denn in den alten Zeiten faß
man nicht, fondern man lag bey Tifche.) Die Tifchgeftelle
hieffen Triclinia, welches Wort sfters auch den ganzen
Speiſeſaal anzeige. So wie die Säfte gemeiniglich mit
Eränzen von Blumen geſchmuͤckt waren, fo freute man auch
diefelben auf den ganzen Saal, auf Tiſche und Bänke -
Mit dergleichen Blumen» Cränzen waren auch die Kuuben '
und Mädchen geſchmuͤckt, die bey dem Mahle, nebft den
Sklaven und Sflavinnen aufwarten, fingen, tanzen y
ober etwas Angenehmes vorlefen mußten — die ganze
Menge von Aufwärtern, deren einige den Gäften mit We—
dela von Pfauenfedern Aofüplung verfchaffen, andere vie
Speiffen zerlegen mußten, und dergl.
Der Tiſch feldft wat in ben Augen ber Alten fo heilig
als ein Dpferaltar. Daher wurde derfelbe, ehe man bie
Speifen auftrug, eingemweihet, welchese buch Auftezen des
Saljes und. der Bilder der Hausgs;en geſchahe. Nach
Tiſche ergoͤzte man ſich mit Scherzen, Spielen und Tan
zen — obwohl auch manche Roͤmer fo grauſam waren,
daß fie nach vollendeter Mahlzeit berühmte Zechter mit, eine
ander ringen lieffen, auch oͤfters mit allem Vergnügen
zufahen, wie fie fih die Hälfe brachen.
Bey manchen folchen Saftmablen herrſchte die Vers
fhmendung im hoͤchſten Grade ; und es koſtete mancher
Antritts -Schmaus eines vornehmen geiftlichen ober welt
lichen Beamten, nach iesigem Gelbe, über 100000 Thaler,
e
mE een
Yaagcaı 9.
2048 Sieben und viersigfte Tafel.
ET REES EEE EEE ETTEEEN 1 NE nie
9.
Auf's Wohl der Koͤniginn!
Er bot ein Jude der Koͤniginn Elifabery in England
eine Perle von ungemeiner Schönheit und Groͤſſe, für
20000 Pfund Sterling an; aber für eine Sache, welche
keinen wefentlihen Nuzen hatte, wollte die Königinn eine
fo veträchtiihhe Summe nicht geben. Der Jude war ſchon
im Begriffe, England wieder zu verlaffen, und fie in ans
bern Ländern augzubieten, als ihn ein Kaufmann zu Lons
don, Thomas Grosham, zu Gafte bat, und ihm für
feine Perie die 20000 Pfund Sterling, welche die Koͤni⸗
giun nicht hatte geben wollen, bezahlte. Er ließ fich biers
auf einen Moͤrſel bringen, flampfte die Perle klein, und
f&uttete das Pulver in ein Glas Wein, dag er auf bie
Geſundheit der Königinn austranf. Für Erffaunen wußte
der Jude nicht, mas er darzu fagen folltee Aber der
Engländer fprach zu ihm ; Nun koͤnnet Ihr fagen, daß
die Königinn im Stande wäre, biefe Perle zu Faufen ,
wenn fie wollte, weil fie Unterthanen hat, melde fie
auf ihre Gefundheit in einem Glaſe Wein trinfen Ein
nen. ei
1049
Acht und vierzigfte Tafel.
I.
ZJeſu Leiden, Tod, Auferftehung und
Himmelfarth.
Se fanftmüthig und demuͤthig auch Jeſus Chriſtus
die ganze 3::: ſein s Lebens auf Erden war; ſo vie⸗
fe Freundlichkeit und Leutſeligkeit er ın feinem Umgan⸗
ge, in jeinen Reden und Ihaten zeigte, da er nicht nur
den Weg zur Seligkeit leyrte, fondern auch durch viele
wohlthaͤtige Wunder die Herzen ber Menfchen zu gewinnen
fuchte ; fo fehlte es ihm dody nicht an Feinden, die liſtig
und mächtig genug waren, ihn endlid), weil ers nicht
mehr verhindern wollte, von der Erde zu vertilgen. Eben
dieienigen unter dem iidifhen Volke, die ihn am meiſten
lieben und ihm anhangen folten, die Gelehrten und Unges
fehenen, die Priefler und Schriftgelehrten, wurden ihm
und feiner Lehre gram. Weil er nicht, wie fte immer hoff⸗
ten, ein irdifches, glänzendes Neich aufrichtete — weil er
alle Heucheley und blos aͤuſſerliche Froͤmmigkeit fcharf bes
firafte und ihnen auf alle, aud) die fpizfindigften Fragen,
nachdrücklich antworten Fonnte, alfo, daß fie oft verftums
men mußten — und mweil ihm viel Volk anhieng, fo mach.
ten fie endlich ernſtliche Anftalten ihn zu flürgen und zu
tödten — Und Gott ließ es gefhehen, um ber über
ſchwenglich vielen, guten Früchte willen, die der Tod ſei⸗
nes Sohnes für den Dimmel und die Erde bringen follte.
Aadaa 3 Eben
1050 Acht und vierzigſte Tafel.
Eben in der Nacht, da er das lezte Oſterlamm mit
feinen SZüngern aß, und dad heil. Abendmahl einfegte,
wurde der fihwarze Anſchlag feiner Feinde, ihn als einen
Miffethäter gefänglich der Obrigkeit zu übergeben, hinaus
geführt. Jeſus wußte es wohl — Nachdem er alfo feine
legten Abſchiedsreden an feine Jünger gehalten, und fie feis
nem DBater in einem herrlichen Gebete empfohlen hatte,
gieng er mit innen aus der Stadt, an den nahe gelegenen
Delberg, in den Meyenhof Gethſemane, mo er fic) öfters
aufzuhalten pflegte — und fiel vor feinem Vater im Gebete
nieder, um fi) auf fein bevorflehendes Leiden wuͤrdiglich
vorzubereiten. ein Kampf, feine Angſt bey dem ſchau—
ervolfen Anblicke derfelben war dabey fo groß, daß er
während des Gebetes am ganzen Leibe zitterte und Blut
ſchwizte (a). Seite Jünger, von denen er fich einige
Schritte weit entfernet hatte, fchliefen ein — Er kam
zwey ⸗ dreymal zu ihnen, und bat fie mit ihm zu wachen
und zu beten, allein fie konnten fich nicht ermannen —
Unterdefien fuhr Jeſus fort in feinem Gebete, ben welchem
ihm ein Engel flärfte, und fagte zu feinem Vater : der
Bel ift fehr bitter, den ou mir zu trinfen giebſt —
Doc) ift es dein Wille, fo will id ihn dennoch trinfen.—
Eben gieng Jeſus wieber zu feinen ſchlafenden Juͤn⸗
gern, fie zu ermuntern, da eine Echaar geiwafgeter Ges
gichtödiener und Soldaten in ben Garten kam, die von
den iüdifchen Herren und Prieflern aus ber Stadt gefickt
wurden, Sefum in diefer Einfamkeit zu überfallen. She
Anführer war Judas, ber freulofe Jünger Jeſu Ehrifti,
der den ifraelitifhen Xelteften verfprach, Jeſum gegen 30
Silberlinge in ihre Hände zu liefern. Dieſer eilte feis
nem Herrn und Meifter entgegen, grüßete und kuͤſſete ihn,
nach damaliger Gewohnheit der Jünger und ihrer Lehrer —
aber
Sefu Leiden, Tod, Auferftehung u. Himmelfarth. 109%
aber eben dieß mar dag werabrebefe Zeichen, an welchem
Judas den Soldaten feinen Weifter zu erfennen geben welite,
Judas! fprah Jeſus vol Ernſt und Mitleiden, vers
raͤthſt du mit einem Kuße deinen Meiſter? — lieh ih
hierauf gutwillig gefangen nehmen und binden (b); nache
dem er fie zuerſt durch bie Rede: ich. bins, den ihr ſuchet,
zur Erde flürgfe, um ihnen zu zeigen, mag er thun koͤnn⸗
te, wenn er ſich von ihnen losmachen wollte — beilt
gleich darauf einen vermwundeten Knecht, den Petrus in
voller Hize beynahe den Kopf abgehauen hätte, und gab
feinen Juͤngern die Pehre, daß fi das Schwerdt und ats
gemaßte Gemalt nicht für fie ſchicke.
Nun führte die Wache den gebundenen Jeſum zu dem
damaligen Hohenpriefler Kaiphas, mofelbft fich ſchon der
ganze iuͤdiſche Kath zu feiner Verhoͤr verfammlet hatte (c).
Der Hoheptiefter legte Jeſu verſchiedene Fragen vor:
Mas er für eine Lehre getrieben ? Warum er fich fo viele
Anhänger gemacht babe? u. f. wm. Und Jeſus verantwor⸗
tete fih aufs Beſte, und ſagte unter andern, def many
weil er ia sffentlich gelehret babe, nur feine Zuhörer dar
rüber befragen follte. Ueber diefe Rede wurde einer der
Kriegsfnechte fo erboßt und breifte, daß er dem Hetlande
einen Backenſtreich gab — Jeſus litte alles gedultig —
und fagte endlich, da man ſtark in ihn drang und ibn
fragte, ober denn wirklich der verheiffene Meſſias und
Sohn Gottes fey ? Ja, ib bins ! Dieß hielt der gan—⸗
ze Nath für eine Sottesläfterung, ihn feibft aber für
todteswuͤrdig — gaben ihn den Soldaten Preiß, die ihn
Herfpotteten, anfpien, mit Faͤuſten in das Angeſicht ſchlu⸗
gen und endlich zum römifchen Landpfleger Pilatus führten,
als welcher allegeit das Todesurtheil der Iſraeliten befiätis
gen mußte, |
| Aaaa4 Indem
1053 Acht und vierzigſte Tafel.
Indem die in des Hohenpriefters Pallafte borgieng ı
fahe Petrus zu, und befand fich unter den SKnechten ımb
Mägben des Dberpriefters, die fich um ein Koblfeuer here
um gefezt hatten, denn es war fall. Mann erfanhte ihn
bald, theils am feiner Perſon und Sprache, theils an feis
nem begierigen Horchen und Herumfehen, - daß cr ein Jän
ger Jeſu fen — Man fagte es aud) öffentlich, dag er mit
zu dem Anhang biefeg Gefangenen gehöre — Allein Pe
trus, der fich vor einigen Stunden vermeffen hatie, als
les für Jeſu zu leiden, läugnete nicht nur, daß er fein
Sünger fen, fondern betheuerte es ſogar hoc) und theuer,
daß er diefen Jeſum gar nicht Fenne (d). Aber ein viels
bebeutender Blick feines Fehrers, der eben vor ihm vor
bey geführt wurde, Brachte ihn. bald zur Neue — Er
sieng hinaus und weinete Threnen wahrer Neue und götts
licher Traurigkeit.
Sinzwifchen wurde der Gefangene Sefus vor den roͤ⸗
mifchen Landpfleger gebracht, und bey demfelben als ein
Aufwiegler argeflagt , der fich felbft zum König mache,
das Volk wider den SKaifer aufheze, und bergl. Pilatus,
ber fich darüber mit Jeſu befprach, und in feinen Auffagen
nichts thsrichtes fand, behauptete: er, ber Beklagte häte
te nichts Tedesmürdiges begangen — er fände ihn ums
ſchuldig. Er fchidte ihn alfo zum galiläifchen Fürften
Serodes, ber eben damals zu Serufalem war, und mel
cher den Johannes im efängniße enthaupten ließ. Dies
fer Here hoffte ein Wunder von Jeſu zu fehen, da er
ſchon fo viel von feiner Wunderkraft gehöret hatte. Da
er fi) aber in feiner Hoffnung betrogen fand , ließ er
Jeſu, weil er fih einen König nannte, zum Spotte, ein
glänzendes Staatsfleid anziehen und in diefem fandte er
ihm Pilato zurücde. Pilatus machte hierauf dem erbite
terten
Jeſu Leiden, Tod, Auferfiehungu. Himmelfarth. 10573
teten Volke alle Worfiellung, er bat für Sefum — aber
fo oft er nur deffen Namen nannte und etwas zu feiner
Entfchuldigung vorbrachte, rief das boshafte Volk: Krems
ige, Freuzige ihn ! Er ließ hierauf den unfchuldigen
Jeſum bis aufs Blut geiffeln (e), um dadurch dag
Volk zum Mitleidven zu bewegen — Er ließ es gefchehen,
daß die Kriegsfnechte feiner fpofteten, ihm eine Arone
von Dornen aufs Haupt drücten (f), einen rothen
Mantel umlegten, und ein Rohr, flatt eines Zepters in
die Hand gaben — In dieſer bemeinenswerthen Geftalt
zeigte er ihn dem Volke und fagte: Sehet, weld ein
Menih! Aber alles war umfonft — das Volk beftund
darauf, er follte Jeſum Freuzigen laffen ; und endlich, da
fie ihn mit dem SKaifer drohten, mußte er ihrem Unges
ſtuͤmm nachgeben. Er bezeigte aber oͤffentlich feine Uns
fhuld an diefem Todesurtheile, wuſch die Hände, und
übergab denn Jeſum den FKriegsfnechten zur Sreuzigung.
Nun legten fie dem gebultigen und unfchuldig Ders
urtheilten feine Kleider wieder an, und führten ihn durch
die Gaffen der Stadt, gegen das Thor, durch welches
man bie Milferhäter ausführt. Er felbft mußte den
Breuzesftamm auf die Nichtftätte machfchleppen (2).
Zwey Mifferhäter wurden zugleich mit ausgefuͤhrt, um auch
- gefreuziget zu werden. Auf dem Wege tröftete er alle
feine Freunde und Freundinnen, und fagte zu ihnen, daß
fie nicht über ihn, fondern um fie und ihre Kinder weis
nen follten ; meil er ſchon mußte welch ein grofes Strafe
gericht über Jeruſalem und das ganze iüdifche Land ergehen
wuͤrde. N
Und nun ward Jeſus auf dem Berge Golgathe,
wder an der Schädelftätte, mit zwey Uebelthätern, unter
ben beftigften Qualen ans Kreuz genagelt. Doch bewieß
Aaaa5 er
1054 * Acht und viersigfte Tafel.
er fih auch da als ein gedultiges Lamm, das zur
Schlachtbank geführet wird. Er bar für feine Feinde:
Deoter, rief er, vergieb ihnen, denn fie willen nicht,
was fie thun ! Ueber feinem Kreuze fund bie Auffchrift;
Jeſus von Nazareth, der Juden Boͤnig! Bey bems
felben theilten die Sriegsfnechte durchs Loos feine Kleider
unter fih — und Er bieng nun zum größten Epoite
feiner Feinde, und zum empfindlichiten Schmerz feiner
Freunde, ausgefpannt, ganz mit Blut übergoffen, zwi⸗
fhen Himmel und Erde da (h) — der Echspfer Himmels
und ber Erde ! — Einer von den Mitgefreuzigien beſtraf⸗
te den andern, ber auch über Jeſum zu fpotten anfing —
und bat den Heiland, voll Slauben und Ueberzeugung von
feiner Gottheit und Unfehuld, er follte an ihn gedenken,
wenn er m fein Neih Fommt — Heute, antwortete ihm
Sefus fogleih, heute noch wirft du mit mir im Da
radiefe feyn ! Er fahe feine Mutter in Threnen ſchwim⸗
men, und ben Sobannes, feinen £iebling bey ihr ſtehen —
Weib,’ fagte er zu ihr, ſiehe das ift dein Sohn! und
zu bem Sjohannes : Siehe, das ift deine Miutter! Nun
nahm Angſt, Schmachten und Bangigfeit zu in feiner Sees
ie — Mid dürfter! ruft ee — und fie, bie Boͤſen, reis
chen ihm einen bittern Trauf — Mein Gott, mein
Gott, warum balt du mich verlaffen ! Flaget feine
Seele, aber nichts will bie Herzen feiner Feinde rühren —
Dep iedem feiner Worte fiengen fie auf dag Neue an zu
fpotten. Endlich fahe er dag Ende feiner Dualen kommen,
und rief: Es ift vollbracht! Er fahe das Ende feines
Lebens, und rief mit lauter Stimme : Vater, in deine
Sünde befeble ich meinen Geift! Und nun neigt er fein
Haupt und flirbt — Dieß alles gefehahe am Sreytage vor
Diern, pon neum Uhr an des Morgens, bis Nachmitag
um
Jeſu Leiden, Tod, Auferfichung u. Himmelfarth. 2055
um drey Uhr. Denn über ſechs Stunden bieng Jeſus uns
ter den grauſamſten Schmerzen am Kreuze. Waͤhrend die
‘fee Zeit ereigneten fich viele wunderbare Begebenheiten —
denn die ganze Natur erbebte ob der Dualen Jeſu Chriſti —
Schon gegen Mitag wurde es fo finfter, als in der Mitters
nech ſeunde, daß allenthalben großes Schrecken fish verbreis«
tere — und da Jefus ſtarb, verfpürte man in der ganzen
Gegend ein ſehr flarfes Erdbeben, daß felbft die Felſen zer
foraugen — Im Tempel riß ber bichte Fuͤrhang, vor dem
Allerheuigſten, von oben bis unten aus entzwey — Und eg
öffneten fi) die Grabhoͤlen, und Tode, die in ihren Graͤ—
bern gelegen hatten, wurden lebendig und erfchienen Dies
len — Selbſt der heidniſche Hauptmann fhlug bey diefen
ſchreckhaften Auftritten, vol Beſtuͤrzung und Ueberzeugung
an fiine Bruft — Fuͤrwaͤhr, fagfe er, der Mann wer
ein Gerechter ! Er war Gottes Sohn!
Weil dag DOfterfeft nahe war, fo wollte man die Ge—
freuzigten nicht lange hängen laſſen. Dan fchlug alfo die
beyden Uebelthäter vollends todt; Sefum aber, da fie fas
hen, daß er ſchon geflorben war, ſtach einer der Soldaten
fo tief in die Geite, daß er von dem Stiche hätte ſterben
müfen, wenn noch einiges Leben in ihm gemwefen wäre.
Durch biefe Wunde flog noch bag lezte Blut, nebft Waffer,
aus dem ganz ausgeblutefem Leibe Jeſu Eheifti.
Yun foßte fein Leichnam, mie gewoͤhnlich die Leichna-
me der Mifferhäter, ſchmaͤhlich hingeworfen werden — allein
Gottes Weisheit befihloß es anders, Ein indifcher Raths⸗
herr, Joſeph von Arimarbia, ber ein heimlicher Jünger
Jeſu war, gleng zu Pilato, und bat ihn um die Erlaubs
niß, den Leichnam Jefu vom Sreuze abnehmen und in fein
Grab, das er fih eben ganz neu in einen Fels hatte hauen
laffen, legen zu doͤrfen. Und Pilatus ließ es gefchehen,
Zo ſep h
1056 Aht und vierzigfte Tafel.
Joſeph, zu dem fi auch Nikodemus gefellete, nahm al.
ſo den todten Jeſum vom Kreuze herab, wuſch den Yeich-
nam, wickelte ihn in Tücher ein, und jenfte ihn, mit Bey«
mifchung vieler Myrrhen und Aloe in die Hoͤle, und mälze
te vor biefelbe einen großen Stein; und die Süngerinnen
Jeſu, indbefondere Maria Magdalena, fahen ın Joſephs
Sarten, der nicht weit von Öolgatha war, dieſer Beftate
tung zu (i). Der iüdifche Rath aber, ließ Wache vor dag
Grab ftelen, und den Stein verfiegeln; meil fie befürchte
ten, Jeſus Jünger möchten fommen, den Leichnam ihres
Meifters wegnehmen, und alsdenn fagen, ex fen wieder
lebendig worden.
Aber ale Hütung und DVerfiegelung deg Grabes war
vergeblih. Am dritten Tage nach der Begräbniß Jeſu,
Morgens frühe, gefchahe ein großes Wunder. Ein Engel
Bottes Fam herab — die Erde erbebte — der Engel mälzs
te den Stein vom Grabe, und fazte fih darauf — feine
Geftalt war mie der Bliz — die Hüter des Grabes erfchras
den, und liefen davon — und Sjefus trat lebendig, mit
großer Kraft und Klarheit, aus dem Grabe als der Herr,
der dem Tode die Macht genommen, und das Leben
an das Licht gebracht bat (k). Er erfchien hierauf feis
ven Freunden und Freundinnen. Zuerft der Maria Mag⸗
dalena, bie er ehemals von einer graufamen Xeibes- und
Seelen » Krankheit geheilet hatte; die eben am Sontage
frühe, mit mehrern Jüngerinnen Fam, den Leichnam Sefu
noch befjer zu balfamiren — dann der Salome, einer
Maris und den übrigen Züngerinnen. Sie fahen zuerſt
Engel Gottes , in heller Menichengeftalt, bey dem offnen
Grabe — dann Sjefum feibft, mie fie ihm fonft fahen ; der
fie grüßete und ihnen den Befehl gab, baß fie feine Auf⸗
esftehung feinen Brüdern und Freunden bekannt machen,
and
Jeſu Leiden, Tod, Auferftehung u. Himmelfarth. 1057
und nach Galilaͤa zurück reifen ſollten, ba fie ihn wieder ſe—
ben mwürden. Die Freude über diefe Begebenheit ward
nun allgemein.
An eben demfelben Tage gegen Abend giengen ein paar
Juͤnger, ganz betrübt, nah Emmaus, einen Rleden,
der ein paar Stunden von Sjerufalem entfernt war. In—
dem fie mit einander redeten, kam Jeſus zu ihnen als ein
Reiſender (1); fie Eannten ihn aber nicht. Er nahm for
gleich Theil an ihrem Gefpräche von der Kreuzigung ihres
Lehrers, wieß fie auf verfchiedene Stellen heil. Schrift,
nad) denen diefes alles fo gefchehen mußte — baben es den
Juͤngern ganz wohl ums Herz wurde — Endlich nöthigten
fie ihn, den Abend bey ihnen in der Herberge zu bleibe,
da er tich dann ihnen auf dag zärtlichfie zu erfennen gab:
Er verſchwand — und erfchien an eben dem Abende den
zu Jerufalem verfammelten Süngern, die fih aus Furcht
in ein Zimmer eingefchloffen hatten. Er grüßte fie freunde.
li — zeigte ihnen feine durchlöcherten Hände und Fuͤſſe,
und verfchwand — der Apoſtel Thomas, ber bey diefer
Erjcheinung nicht gegenwärtig mar , wollte: fie auch nicht
für wahr halten — Es fey denn, fagte er, daß ich meis
ne Hände in feine Wunden lege, ehe kann ichs nicht glauts
ben. Acht Tage hernach erfchien Jeſus abermal feinen
Süngern, da fie ale, auch Thomas, verfammelt waren.
Diefer fahe nun, was er nicht glauben wollte — Jefus
fagte vol Freundlichkeit zu ihm : Komm nun, und fiehe
meine Wunden — und Thomas gang betäubt und befchämt
gief : mein „err und mein Gott (m)!
Und nun erfchien Jeſus, mährend ber vierzig Tage,
als er noch auf Erden, nad) feiner Auferſtehung wandelte,
feinen Juͤngern bey mehrern Gelegenheiten — oft etlichen
hundert Ölaubigen auf einmal — gab ihnen noch die beiten
Lehren,
1058 Acht und vierzigſte Tafel.
£ehren , ermimterte fie zur Treue und Nachfolge, und mach»
te ſich endlich fertig wieder zu feinem Vater zu gehen. Er
berief alfo nochmals, und zu guter Lezte, feine Juͤnger zu
fi) auf ben Delberg, gab ihnen den Befehl, in alle Walt
auszugehen und das Evangelium zu predigen, zu faufen
und Wunder zu thun — hub noch einntal feine Hände über
fie auf und ſprach: Sriede fey mit euch! — und plöy
lich ward er wor ihren Augen empor gehoben (n) und eine
bellglängende Wolfe ungab iin — Sie fahen ihm nah —
ſahen ihn iezt nicht mehr — iezt auch die Wolfe nicht mehr —
doc) ſtunden fie noch da, und fchauten gen Himmel. Aber
iezt zeigten fich ihnen zwen Engel in Menfchengeftalt, in
fchönen meiffen Kleidern. Ahr galiläifchen Männer, fpras
chen fe, was ſteht ihre noch da, und fehet gen Himmel?
diefer Jeſus der von euch weg in den Himmel erhos
ben worden, wird wieder Fommen, eben jo, und
noch berrlicher, als ihr ihn gefehen habt gen Himmel
fahren. Nun verlieffen die Jünger denſelben Pla;, bete—
ten Jefum an, und fehrten baun getsoft und freudig nach
Serufalem zurüde, um bafelbf? Pas Evangelium von Jeſu
gu predigen und alle bie Stärfung zu erwarten, bie ihnen
chr Herr und Lehrer verheiffen hatte.
IRRE
Vollendet ift dein Werk, vollendet,
D du, den Gott herab gefendet,
Vollbracht der Schmerzen volle Lauf !
Drum nimmt dih nun der Himmel auf!
Doch einft fieigft bu vom Himmel wieder
In Gottes Herrlichfeit hernieder —
Dann ziehen die, die dir fit weyh'n,
Mit bir in. neue Himmel ein: 1
FETT ——v
| geſu Leiden, Tod, Auferftehungn. Himmelfarth. 1059
EL AMELIE
2,
Die Kirche zum heil. Grabe in Jeruſalem.
— merkwuͤrdigſte in dem heutigen Jeruſalem iſt die
Rirche des heil. Grabes, welche vor einigen Jahrhun⸗
derten von chriſtlichen Potentaten erbaut, und in den fol—
genden Zeiten von den Türken, als den gegenwärtigen Be—
fisern der Stadt an die Chriſten verpachtet wurde. Sie ijt
eine der größten im der Welt, meil fie alle in der Leidens» .
gefchichte Jeſu vorkommenden merkwuͤrdigen Orte, vornel m⸗
lich den Plaz ber Kreuzigung und ber Begraͤbniß Chriſti ent⸗
halten ſoll. Sie gehoͤret eigentlich den Roͤmiſchkatholiſchen,
den Griechen, Armeniern und Copten, welchen ſaͤmtlich
verſchiedene Theile der Kirche angewieſen ſind, und die fuͤr
ihre Antheile an derſelben einen ſtarken Tribut entrichten
muͤſſen. Jede Parthey hat auch Moͤnche in derſelben, die
darinnen wohnen, und denen die Lebensmittel durch eine
Oefnung, welche in der Kirchthuͤre iſt, hinein gereichet
werden; und durch zwey kleine Oefnungen in eben dieſer
Thuͤre, kann man mit ihnen ſprechen.
Wenn man in dieſe große Kirche eintreten will, fe
kommt man zuerſt in einen großen, mit Marmor belegten,
unter freyem Himmel liegenden Quadrat. Saal, der drey
Stufen niedriger als die Straße, und gegen achtzig Schi
he breit und tief if. Es ift gegenwärtig nur eine Thuͤr an
dem Tempel, von der Mitagfeite beffelben. Sie ift ſehr
Eöftlich gearbeitet, fieht aber von dem vielen Kuͤſſen der
Pilger fehr ſchmuzig aus, und wird von zwey Sanitfcharen
und zwey Kirchenbeamten bewachet, denen ieder Fremde
fuͤr
1060 | Acht und vierzigfte Tafel.
für den Eintritt vier Ducaten zahlen muß. Sobald man
durch diefe Thür gegangen, bat man etwa dreyßig Schritte
zu gehen, dann fieht man auf der rechten Seite gegen
Morgen den Hügel Golgathe ; vor fih dag Schiff und ben
Chor der Griechen, weiter vorwärts, gegen Norden, die
vielen Hallen, welche zwifchen den groſſen Säulen find,
auf denen der ganze Bau des Tempels ruhet. Linker Hand,
gegen Abend, ift das heilige Grab.
Der Selfenhügel Golgatha hat etwa die Hoͤhe eines
Hauſes von zwey Etagen, und theilet fih alfo : Aufferhalb
der Kirche ift ein. Klofter der Griechen darauf gebauet; in-⸗
nerhalb derfelben aber ift eigentlich der Ort der Kreuzigung,
wo nıan noch die drey Löcher zeigt, in denen bie Kreitze
follen geitanden haben. In diefer Gegend find auch bie
fieinernen Särge der Könige Godofredi und Balduini
welche einft mit der Eroberung des gelobten Landes befchäfr
figet waren. Das Grab Chriſti ift ein Duadrat, 24
Schuhe breit und eben ſo lang. Diefes Quadrat ift aus
Marmorfteinen zuſammen gefezt und an das eigentliche hei-
lige Grab angehängt , oder bdemfelben vorgebaut worden.
Es hat zwey Zimmer; in das erſte geht man durch eine ors
dentliche Thür und man fann darinn auf unb nieber gehen;
aber in dag heilige Grab felbft (a) muß man gebückt durch⸗
riechen, und denn richtet man fi) auf. In der andern
Kammer (b) zeigt man den Drt, wo der Engel gefeffen,
den die Weiber beym Grabe fahen. An den Grundboden,
Seitenwänden und der Oberfläche des eigentlichen heiligen
Grabes fieht man, daß es eine Grotte ift, die im einen Fels
fenpügel gehauen war. Rachher, da die Kaiferin Helena,
und die beyden erften chriftlichen Könige von Sjerufalem,
Gottfried und Balduin den Tempel und diefe heilige Stätte
theils gebauet, theils ausgezieret haben, ift ber Huͤgel bes
Grabes
FJeſu Leiden, Tod, Auferfiehang u. Himmelfarth, 1067
Grabes rund um abgehalten worden, und man hat nur fü
viel ſtehen laffen , als zum Gedächtniß diefer heiligen Sas
che noͤthig war. Damit nun der blofe Felſen nicht möchte
allein gefehen werden, fo hat man ihn mit Alabafter » und
Marmorfäulen vergieret, Um den Deldampf von dem vielen
Lampen, die im Grabe Tag und Nacht brennen, zu vers
treiben, find oben etliche Loͤcher durchgebrochen, über wels
chen ein auf Aabafter» Säulen ruhendes kupfernes Dach
angebracht if. Weber diefer heiligen Stätte ift eine Kuppel,
der rund gewoͤlbte Thurn der Kirche, über welche eine Kas
pelle erbauet iſt. Dieß ganze Gebäude ruht auf fehr hohen
Säulen aus Granit, feinen Marmor und Borphyr, und
find die Wänden mic den prächtigfien Gemaͤhlden, Infchrifs
ten und mofaifcher Arbeit gefchmückt,
\
Auſſerdem wersen in biefer Kirche hoc) gar viele Hei—
ligthuͤner gesagt, 5 E. der Det wo Abraham geopfert
bat — der Drt wo Maria und Johannes flunden, da
Chriſtus gefreitiige wurde — der Ort, wo man Adams
Haupt » gefunden hat — der Mittelpunkt der Erde — ber
Riß in den Selfen, da Chriſtus farb — der Det, wo
die drey Kreuze gefunden wurden — ein Stuͤck von der
Säule, an Welcher Chriſtus gegeiffelt wurde, u. fi 1.
Die Kirche hat ferner Unzählige Koſtbarkeilen und Schäze,
vornehmlich einen ganz goldnen Leuchter, über fechs Ellen
hoch, welchen eine Königinn von Neapel geftiftet hat, und
beffen DVerfertigiing allein, ohne den Werth deg Goldeg zu
rechnet, 72000 Ducaten gekoſtet haben fol« Auch werben
beftändig große Wallfarthen, abfonderlich, an den hohen
Feſten, zu dieſer Kirche gehalten, wobey denn eine iede
ber chriſtlichen Gemeinen ihre eignen Ceremonien zu beoßs
achten hat. Die merkwuͤrdigſte iſt, die der Griechen,
wenn he am heil, Dfierabende das heilige Seuer aus dent
Bbbb Grabe
1662 Acht und viersigfte Tafel.
Grabe Chriſti holen. Es geht nehmlich am gedachten
Abende der griechifche Patriard) in das heil. Grab, und
kommt nach einiger Zeit mit einer Menge brennender Lichter
wieder heraus. Diefelben hatte er an dem heil. Feuer an«
gezündet, welches ſich, ihrer Auflage nach, im heiligen
Grabe von felbft entzünden fol — Nun eilen viele rau.
fend Griechen dem Patriarchen zu, und zünden, unter grefs
fem Freudengeſchrey ihre Lichter an feinen brennenden Lich»
tern an; halten darauf mit benfelben eine große Proceſſton
um dag beil. Grab , und laffen von ihren brennenden Wachs»
kerzen, Tropfen, in Geftalt eines Kreuzes, auf hingebreites
te Tücher falen, melde Tücher alsdenn die Pilger um
viel Geld verkaufen, meil die Leute fich derſelben in Tod⸗
te8-Aengften mit vielen Ruzen zu bebienen gebenfen. Ueber.
Haupt (ol diefes Zeuer dem Patriarchen gu Jerufalem mehr
ale 20000 Thaler eintragen.
—
3.
Codrus. Curtius.
Mater den Helden des Alterthums, melche, ihre Vaters
land zu zeiten, freywillig ihr Leben bahin gaben, waren
Codrus unter ben Griechen, und Curtius unter den Rd.
mern, die berühnteften.
Lodrus (2) mar ein König ber Athenienfer, und leb⸗
te ohngefehr im Jahr der Welt 2900. Zu feiner Zeit wur⸗
de Athen von einem Kriegsheere anderer Griechen, bie aus
der benachbarten Halbinfel famen, angegriffen. Nun hat
te fidy unter ihnen die Sage ausgebreitet, daß fie gewiß
den Sieg davon tragen würden, wenn fie fih nur in Acht
nahmen,
Jeſu Leiden, Tod, Auferftehungu. Himmelfarth. 106g
nähmen, daß fie den König der Athenienfer nicht umbraͤch⸗
ten. Man gab diefe Vorherverfändigung gar für einen
göttlichen Ausſpruch aus; und ſowohl die Feinde der Aches
nienfer, als die Athenienfer felbft hielten fie für ganz uns
trüglih, Damit alfo Codrus feinem Vaterlande den Sieg
verfchaffen möchte, befchloß diefer großmüthige König, fein
Leben für daffelbe hinzugeben. Er verkleidete fich in einen
Bauer, gieng in das feindliche Lager hinaus, fieng mit eis
nigen Soldaten, bie ihn gar nicht Fannten , einen Zanf
an, und wurde von ihnen erfchlagen. Die Athenicnfer
forderten darauf die Leiche ihres Koͤniges von deu Feinden
zuruͤcke. Diefe, welche nunmehr erft erfuhren, was fie ges
than hatten, geriethen darüber in eine ſolche Beſtuͤrzung,
bag fie fogleih in ihre Land zurückehrten. Diele tapfre
That aber wurde von den Arhenienfern bermaflen hoch ges
halten, daß fie nimmermehr glauben EFonnten, einen fo
trefflichen Fürften mehr zu befommen. Sie lieffen daher
ihre Nepublif nicht mehr durch Könige, fondern durch ges
wiffe obrigfeisiiche Perfonen regieren, welche fie Archonten
nannten.
Unter den Roͤmern machte fi ein iunger Patrizier,
Lurtius (b) durch eine ähnliche große Vaterlands⸗Liebe
im Jahr der Welt 3622 berühmt. Es hatte fid) nehmlich
in demjelben Jahre auf dem Markte ;u Nom, die Erde,
durch die Gewalt eines Erdbebens von einander geriffen,
aus welcher Kluft ein tödtender Geflant aufflieg. Diefe
Begebenheit fezte die ganze Stade in die Aufferfie Defkürzs
ung. Man war bemüht die gemachte Deffnung auszufül«
len — die Augurs (Priefler und Wahrfager) aber fag«
ten, daß diefe Deffnung nicht eher wieder zufallen würde,
bis man dasienige in fie würde hinein geworfen haben, was
eigentlich die Stärke und die Wacht des roͤmiſchen Volks
——— waͤte —
}
10%4 NAcht und vierigſte Tafel.
wäre — und daß dieß Opfer tem roͤmiſchen Reiche eine ewis
ge Dauer verſchaffen würde. Curtius, der fein Vater—⸗
land liebte, und dabey glaubte, daß Rom nichts wichtigers
haben koͤnnte, als die Waffen und die Tapferkeit, empfand
einen ımüberwindlichen Trieb in ſich, dieß Opfer zu werden.
Er machte fein heldenmüthiges Vorhaben bekannt, ergoͤzte
ſich in feinen drey lezten Lebensſtagen mit feinen Freunden,
legte dann feine ganze Waffenruͤſtung an, feste ſich auf fein
beftes Pferd, und fpreugfe damit in vollem Kaufe, mit uners
ſchrocknem Muthe, vor allem Volke, in tie Kluft, welche
fogleich über ihn zufammen fiel. Man lage, daß darauf
die Seuche aufhärte, Die bisher, Wegen des giftigen Dame |
pfeg, der aus diefer Kluft aufflieg, in Nom wuͤtete; und
daß auf diefer Stätte nachher ein vortrefflicher Feigenbaum
von fich felbft heraus gewachfen fey, welcher viele Jahre
ſtund und ſich herrlich ausbreitete.
— ——————————
4.
Die Kreuzzuͤge.
J. ſiebenten Jahrhunderte nach Chriſti Geburt hatten die
Sarazenen, von denen die heutigen Tuͤrken abſtammen,
daB gelobte Land eingenommen, und alfo auch Jeruſalem
und bieienigen Derter, wo Chriſtus gefödtet und begraben -
wurde. Nun lieffen fie zwar anfangs zu, daß diefe Derter
von den Chriften, wie vorher, durften beſucht werden;
als aber nach und rad; die Walfartben zu fiarf wurden,
und die Sarazenen fich beforgten, es möchten die Chriften
ihnen endlich überlegen feyn, fo fuchten fie derfelben Got,
tesdienft auf alle Art und Weife zu verhindern. Die Chris
ſten
Jeſu Leiden, Tod, Auferſtehung u. Himmelfarth. 1055
ſten mußten die Erlaubniß, die heiligen Oerter zu beſuchen,
mit Geld erkaufen, litten aber doch dabey viele Drangſale,
wurden aud) wohl unter Weges beraubt, oder ſonſt gemiß⸗
bandelt, Peter-, ein Einfieblee aus Amiens gebürtig, wor
bey feiner Anweſenheit in Jeruſalein, im Sahe Chriſti j1094,
ein Augenzeuge des unausſprechlichen Elendes, unter deſſen
Laſt die dafigen Chriſten ſeufzten. Er faßte alfo den Ent.
ſchluß, von dem, was er gefehen und gehoͤret hatte, zum
Deften der Ehriften in Drient einen Gebrauch zu machen;
und er ward, nach feiner Auſſage, in diefen Vorſaze durch
einen Yuftrag vom Himmel, ben er auf eine aufferordent-
liche Art empfieng, nicht wenig beftärft. Der damalige
Papſt Urbanus, dem er dieſes alles eröfnete, unterfiüzte
feinen Berfchlag. Er verordnete, daß alle die, melde an
dem heiligen Kriege Iheil nehmen würden, ein vorbes
Kreuz auf ihren Schultern fragen ſollten; umd die Dis
ſchoͤfe wußten, auf feinen Befehl, diefen Zug nah dem ge
lobten Rande in allen Städten, Flecken und Dirfern ihrer
Gerichtsbarfeit, als eine Handlung, womit man Verge—
bung der Suͤnden und die Seligfeit erlangen Fünnte , her—
auszuftreihen, (So fieht man z. E. auf der Tafel einige
Nriefter das Kreuz predigen, und die Nitter ermähnen, bieje
heilige Eroberung mit ihrem Zutritt zu befördern.) Ganz
' Europa befam dadurch ein duͤrſtendes Verlangen die Sara;
genen und Türken zu befriegen. Es kam eine auſſerordent⸗
liche Menge Menfchen zufammen, darunter aber auch vie
les Gefindel und träge, zum Krieg gar nicht aufgelegte
Fandleute waren. Die vornehmften Befehlshaber biefer
heiligen Armee, die menigfiens aus 600000 Koͤpfen beftund,
waren: Hugo, Philipps, Königs in Frankreich Bruder;
Robert, Graf von Flandern; Raymund ven Touloufe;
‚Gottfried von Bonillon, nebſt feinen Brüdern Balduin
Bbbb 3 und
—
1066 Abt und vierzigſte Tafel
und Euſtachius; Stephan de Dalois, Graf von Char:
tres, Peter ver Einfiedler u. f. w. Nun eroberten fie
zwar, nachdem viele Taufende auf dem Wege flurben, end»
lih im J. €. 1099 Serufalem, und Gottfried von Bouils
Ion wurde zum Aönig von Terufalem erwehlt; es giens
gen auch bon Zeit zu Zeit mehrere Kreuzfahrten, in allen
achte, dahin; welche durch einige Nifterorden, z. E. der
Kreusritter, der deutfeben Ritter oder Tohanniterr
Ritter, unterflügt wurden — Allein, nichts zu gedenfen
von den vielen Niederlagen, welche die Ehriften von Zeit
gu Zeit erlitten, fo ift etwa 150 jahre, nah dem Anfange
Diefer Züge, dag ganze Land wieder in die Hände der Mus
hammedaner gefallen — und bie vornehmften Folgen dieſer
Croiſaden waren: daß Europa entvoͤlkert, der Geſchmack
des Religions-Haſſes veſtgeſezt, die Gewalt des Papſtes
vermehret, und einige Sitten, Kuͤnſte und Fruͤchte der
Morgenlaͤnder in die Abendlaͤnder gebracht wurden.
Schoͤn und ruͤhmenswerth bleibt unterdeſſen allezeit
dag demuͤthige Bezeugen Gottfrieds, des erſten chriſt⸗
lichen Koͤniges zu Jeruſalem. Wie ſollte ich, ſagte
er, da ihm eine goldne Krone, nach ſeiner Erwehlung zum
Koͤnige, uͤberreicht wurde, wie ſollte ich hier, in Jeru⸗
ſalem, in einer praͤchtigen Krone prangen — bier,
da mein Boͤnig und Herr, Chriſtus Jeſus, eine Dor⸗
nenkrone trug?
Ka
5.
Jeſu Leiden, Tod, Auferftehung u. Himmelfarth. 1067
— —— — —
5.
Sonnen: und? Monds-Finſterniſſe.
G, geht ganz natürlich zu, wenn fi eine Sonnenfin
fterniß ereignet. Sie entfleßt durch den Schatten des Mon⸗
des, welcher von ber Sonne auf die Erde geworfen mwirb,
Es kann dieß aber nicht anders gefchehen, als ment der
Mond (b), als ein dunkler Körper, in gerader, ober
doch faſt gerader, Linie zwifchen die Sonne (a) und unfre
Erde (ec) tritt. In diefem Sale bedeckt er ung entweder
nur einen Theil ber Sonne, oder er verdeckt fie uns ganz,
Jenes nennt man in den Kalendern eine partiale, dieſes
aber eine totale Sonnenfinfterniß. (So ıft ;. E. in der
Gegend unfrer Erdfugel (d), wo der ſpizig zulauffende
Gansfchatten des Wiondes Ch) gleichſam auffalit, eine
totale Sonnenfinfterniß , inden fie in den meiften andern
Gegenden entweder blog partial iſt, oder gar nicht geſehen
wird.) Kommt zur Zeit der Mitte ber Finfternig, der Mittels
punft des Mondes genau ver den Mittelpunkt der Sonne, fo
heiſſet folheg eine centrale Sonnenfinfterniß. Es ift alſo
die Sonnenfinfternig nichts anders, als derienige Zuftand
der Erde, melden fie erfährt, menn fie in den Schatten
des Mondes kommt. Aus diefer Urfache koͤnnte fie mit groͤſ⸗
ferem Rechte eine Brdfinfterniß genannt werden. Mar
muß alfo nicht glauben, daß die Sonnenfinfterniß eine wah⸗
‚se Derfinfterung der Sonne ift ; fie ift vielmehr nur eine Vers
decfung der Sonne; denn fie behält ihr voͤlliges Licht, und
die ganze Veränderung, welche mit ihr vorgeht, befteht das
zinn, baß die Strahlen berfelben, wegen des dazwilchen ſte⸗
benden Mondes, nicht auf die Erde Eommen Finnen,
2 Aber
1068 Acht und vierzigſte Tafel.
Aber die Erde (ec) wirft, wegen ihrer Größe, einen
viel breitern Gaͤnzſchatten (1), in welchem ber Mond,
wenn er mit der Sonne und ber Erde in eine Linie tritt,
zumeilen wohl ein paar Stunden lang fich verbirgt, und
baher fehr großen Sonnenfinſternißen unterworfen iſt.
Wenn er fi, ben e, in dem Schatten ber Erde befindet,
welches fehr leicht angehet, da diefer hinlänglich breit und
Jang iſt, um den ganzen Kleinen Mond in fich zu verbers,
gen, fo fehen wir auf ber nächtlichen Hälfte der Erdkugel
(1.1.1) eine totale Mondsfinſterniß, indem fie in f nur
partial ift, Geht der Mond bey feiner Verfinſterung mite
ten durch den Schatten ber Erde, fo heiſſet folches eine
eentrale Miondsfinfternif. Wenn wir ung aber auf
dem verfinfterten Theile des Mondes befänden, fo würden
mir unter diefen Umſtaͤnden eine totale Sonnenfinferniß
haben; meil bie Erbe vor die Sonne tritt, und nicht etwa
nur einige Öegenden, fondern oft beni ganzen Monde daß
Sonnenlicht entzieht, Unterdeſſen muß man fich doc) nicht
vorſtellen, als ob es nun ganz flocfinfier daſelbſt fen;
denn bie Erde bricht in ihrer Atmofphäre die vorbeyfahrens
den Sonnenſtrahlen, und fehickt fie dem Monde bin, ba«
mit fie ihn noch einigermaffen erleuchten Fönnen, ber dies
ſes Licht ift nicht mehr weiß, wie das gewoͤhnliche Sonnen» °
licht, ſondern vielmehr roth ; Daher Fommt eg denn auch
daß ber Mond, bey totalen Sinfterniffen, zumeilen ganz bluts
roth ausfieht; denn feine Bewohner ſehen faft allemal,
fo oft bey und totale Mondsfinfterniffe find, eine ſchwarze,
und mit einer feuerrothen Einfaffung begränzte Scheibe (g),
die ihnen por der Sonne zu fliehen, und fechzehnmai größer
ſcheint, ale ung der Mond, Aber wenn ſich auf ber Erde
eine totale Sonnenfinfterniß ereignet, dann feheinet ihnen
blog ein Fleiner ſchwarzer Flecken (d) über bie Erde (ec)
binzus
Jeſu Leiden, Tod, Auferftehungu. Himmelfarth. 1069
hinzulaufen. Denn ber Schatten bes Monds muß fich noth-
wendig auf der Erde fortbeiwegen, da weder Mond nod)
Erde felbit einen Augenblick ruhen,
Die Sonnenfinfterniffe Finnen fich nicht anders als. im
‚neuen Monde, die Mondefinfterniffe aber nicht anders
als im pollen Monde zutragen. Daß aber nicht bey ie-
dem Neumonde und Bollmonde Finfterniffe einfallen, fommt
daher, meil die Laufbahn des Mondes ſchief durch Die
faufsahn der Erde geht, und nur in gewiſſen Gegenden,
welche man Anoten nennet, mit der Sonnenftraße eintrift;
weiches um den Anfang des Herbſtes und des Frühlings
gefchieht, da denn aud) die Finfterniße fich ereignen. Die-
ienigen, welche an eisem Orte auf der Erde nicht gefehen
werden, es fen num daß bie Sonne ober der Mond, zur
Zeit der Finſterniß, fich nicht über dem Horizonte diefeg
Drtes befinden, oder daß eine Sonnenfinfterniß nur in den
Laͤndern, welche von dieſem Orte weiter abliegen, gefehen
werden koͤnne, werden in Anſehung eines folchen Ortes
vnfihtbere , dieienigen aber, melche dafelbft geſehen wer«
ben Eönnen, fichtbare Sinfterniße genennet. Die Größe
einer Finfterniß wird in den Kalendern nach Zollen beſtimmt,
beren 12 dem fcheinbaren Durchmeffer der Sonne oder deg
- Mondes zur Zeit ber Finſterniſt gleich find, 3. E. wenn in
ben Kalendern geſagt wird, bie Größe einer Sonnenfiniter,
niß werde 6 Zoll ſeyn, ſo bedeutet diefeg, daf der Mond,
zur Zeit, warn die Finſterniß am größten iſt, den halben
ſcheinbaren Duschmeffer der Sonne bedecken, folglich der
Hand des Mondes vor der Sonne bis an den Mittelpunkt
berfelben Eommen werde.
Der Merkur und die Denus Finnen ung eben fo,
wie der Mond, menn fie gwifchen der Sonne und Erde
burchgeht, und in eine gerade Linie: mit beyden Weltkoͤr⸗
Sbbb5 pern
1070 Acht und viersigfie Tafel.
pern kommen, ieboch wegen ihrer größern Entfernung won
ber Erde, nur einen Heinen Theil von der Sonne bedecken,
da fir uns dann als kleine ſchwarze Flecken erfcheinenr
welche fich über die Sonnenfcheibe bewegen. Diefe Er
icheinung wird ber Durchgang der Venus ober des Mer⸗
Fur durch die Sonne genennet. Auch die Irabanten
des Jupiter und Saturn werden, wenn fie in den Schats
ten ibrer Hauptplaneten fommen , eben fo, tie der Monb
verfinftert, wobey fie aber ganz unfichtbar werden. Diefe
Begebenheiten werden Immerſionen und Emerſionen
der Trabanten genennet. Singleichen werden die Fixſter—
ne Sfrers vom Monde, oder auch von den Planeten, und
inter diefen die entfernten bisweilen von den uns nähern
bedeckt, wenn fie in ihrer Coniunftion einerley Breite
baben , welches man eine ®ceultation nennet.
Der Mugen der Sonnen, und Mondsfinfterniffe, ben
fo viele Menfchen nicht einfehen koͤnnen und wollen, if
ſehr beträchtlich. Sie dienten zu allen Zeiten zur ges
gauen Beſtimmung der wahren Lage, Abtheilung und Ent
fernung der Städte und Länder — zur Veſtſezung und Bes
gichtigung ber Zeitrechnungen — und ben Seefahrern, zu
einen fihern Mittel, wodurch fie bemerfen Finnen, mie
weit fie von Morgen oder Abend entfernt find, u. fe w.
RR ee _____— 9 DE NER
6,
Aufbewahrung der Reliquien.
N ertanien oder Heiligthümer find in ber römifchen und
arierhifchen Kirche die Gebeine, Kleider and andere Meber
Bleibfel
Jeſu Leiden, Tod, Auferficehung u. Himmelfarth. 1071
bleibfel der Heiligen, tele mit großer Chrerbtefung, in
föfilichen, goldenen, mit Eveljteinen gezierten Gefäffen aufe
behalten, zu gemiffen Zeiten oͤffentlich ausgeſezt, mit vie
ler Andacht verehrt, auch öfters in Proceffionen herumge⸗
fragen werben. Jedes Klofter, iede Kirche, und insbe
fondere ieder Altar foll bey gedachten Religiond» Partheyen
etwas von Aeliquien haben. Es werden auch viele berr
felben von einzelen andächtigen Verfonen in Eoftbaren Bes
bältniffen forgfältig verwahrt, oder gar am Leibe getragen.
Es giebt vornehmlidy dreyerley Arten Reliquien.
Zur eriten Klaſſe gehoͤret alles dasienige, was noch aus
ben Zeiten des Martyrer-Todtes Jeſu aufbehalten wird —
zur zweyten, die Ueberbleibfel der Beil. Maria und anderer
Heiligen in dem erſten Jahrhunderte — umd zur dritten
Klaffe, Heliquien von Heiligen aus den folgenden, Zeiten
der altchriftlichen Kirche.
Auf der Tafel fieht man von bergleichen Reliquien
folgendeg :
1) Das Heil. Schweißtudh (a), mie es in einer eig.
nen Kapelle zu Turin aufbewahrt wird. Es ift nehmlich
eine gemeine Sage, daß eine gemiffe Frau, Namens Vero—
nifa, dem Herrn Chrifto, da er zur Nichtflätte geführet
wurde, ihr Schweißtuc gegeben habe, damit er fein; An—
geficht damit abtrocnen möchte — ber Heiland habe fol
‚ches gethan, bey dem Abmwifchen aber fein Antliz in dem
felben abgedruckt — Zur Zeit ber Sreuzjüge habe man es
endlich won Jeruſalem, ba es von einem Sahrhunderte
zum andern forgfältig verwahrt wurde, nach Turin ges
bracht. Es wird aber auch in Beſancon, in Rom unb
mehrern Drten das nehmliche gezeigt.
2) Ein Stuͤck von ber Dornenfrone Jeſu Epriffi (b),
welche in einer Kirche zu Trier gezeigt wird,
8) Einer
1072 Acht und bierzigſte Tafel. !
3) Einer von den Breusesnägeln (c) eben daſelbſt.
4) Das Stuͤckchen eines Nagels (d), welches in
der Kirche zu Tull zu ſehen iſt.
5) Die Lanze, womit die Seite des Heilandes ge—
Öffnet wurde (e), wie fie in einem Klofter, nahe bey Eris
van in Alten gezeigt wird,
6) Das Kifen des Speers (f), mie eg in Nuͤrn⸗
berg, mil den Heiligthuͤmern, dann und mann gezeigt wird.
7) Ein ziemliches Stück des heil. Rreuzes (g), wor
an die eine Hand Chriſti genagelt gewefen, wie folches dag
Loch ausmeifet, worinn der Nagel geſteckt — auch in Nuͤrn⸗
berg. Eben dafelbft fieht man auch in koͤſtlichen Kapſeln:
ein Stück von der Krippe, einen Zahn des heil. Johannes,
einen Arm der heiligen Anna, der Mutter der heil, Maria,
ein Stud vom Tiſchtuche, worauf Chriftug dag Nachtmahl
eingefezet bat, u. ſ. w,
8) Einige Reliquien in bee Frauenkirche zu Aachen,
2. € 1) ein Kaſten Ch), worinn etwas von dem Manna,
Blätter und Blumen von der Nuthe Aarons, und dergl. auf:
bewahrt wird; 2) ein Rock (i), welchen Maria anbatte,
da fie zu Bethlehem den Heiland gebahr; 3) in einen Kaͤſt—
chen (k) die Haare Johannis des Täufers, des heil. Step
aAanus Gebeine sc. 4) ein Stuͤck von einem Siride, womit
3
der Heiland gebunden wurde, in einer goldnen Kapſel (1);
5) ein anſehnliches Stuͤck Holz von dem Kreuze Chriſti, reich
eingefaßt (m); 6) ein Kaͤſtchen mit Steinen beſezt (u),
worinn ein Stück von der, mit dem Blute des Stephanus bes
nezten, Erde iſt; 7) ein Eleines Bildniß ber Jungfrau Mas
zia, dag ber heil, Evangelift Lucas gemahlt hat (0); 8)
der Kopf Kaifer Karls des Großen (pP); 9) allerley Büch«
fen (9) mit Eleinen Ueberbleibfeln der Heiligen u. ſ. m.
Nichts zu gedenken von lächerlichen Reliquien, bie man
bie
Srefu Seiden, Tod, Auferſtehung u. Himmelfarth. 1073
bie und ba beſizen will, z. E. von ber Sproße aus der Him⸗
meisleiter Jacohs — von der Feder aus dem Fluͤgel des En⸗
gel Gabriels — von dem Bischen egyptiſcher Finſterniß
u. dergl.
7-
Alceſt.
ER Ungluͤck mehr als durch Verfehn ,
Verlor Alceft im Kandel fein Vermoͤgen.
Er ſaß bereits der Schulden wegen.
Kein Freund erfchien , ihm beyzuſtehn,
So viel in London ihrer Maren.
Sein Sohn alkin, noch in den Juͤnglings-Jahren,
Wagts, feine Freyheit zu erflehn. SE u
Er wagt fich „zartlih vor Valeren,
Der dem Alceſe das meifte Geld geliehn,
Und bittet, mit ‚den. treuften Fähren,
Die fhanhaft von den Wangen flieht,
Den DBater doch. das Glück der Sreyheit zu getwahren.-
Nein, ſprach Valer, mit meinem Willen Nicht.
Sol mid ein ieder Bofewicht
Um fo viel taufend Pfund beirügen ?
Bezahlet mid) dein Vater nicht,
So fol er nie die Freyheit wieder kriegen.
Beftürmt von Schaam, von Zärtlichfeit und Pflicht,
Mirft fih der Sohn zu feinen Fuͤſſen.
D Gott, was hab' ich, hoͤren muͤſſen!
Schmaͤht meinen armen Vaͤter nicht.
Ungluͤcklich iſt er nur; allein Fein. Boͤſewicht,
Laßt mich an ſeiner Statt verſchließen:
RETTET
1074 Acht und vierzigfte Tafel,
Ach weiche nicht von euren Füffen,
As bis ih diefen Wunfh erreicht!
Daler bewunderte des Juͤnglings edle Triebe,
Empfand bie Macht bes Mitleid und der Liebe,
» Und warb mit einemmal ermeidt.
Er hob ihn auf mit zitterndem GErbarnen.
Ah, fprah er, babe dich durch meine Streng’ entehrt ;
Laß zur DVerföhnung dich umarmen ,
Dein Herz iſt deiner Bitte werth.
Dem Vater fol des Sohnes wegen
Die ganze Schuld erlaffen feyn ;
Allein wer wird bas andre Geld erlegen,
Um deinen Vater zu befzeyn ?
Der Aüngling Meint.
Hör an, ich babe viel Vermögen,
Und eine Tochter nur, bie lie& ich ungemein ,
Ihr Herz ift deiner werth ; mwillft du mein Eidam fenn ?
So habe fie und meinen ganzen Gen -:.
Die Schöne reicht die Hand dem edlen Juͤngling bar;
Und, o! wie glüclid mard dieß Paar !
Jezt aber giengen fie, ber Süngling und die Schöne,
Aus der Gefangenfchaft den Water zu befreyn.
Erft tritt der Sohn, und nun tritt fie berein.
Welch freudig Schreden nimmt fie ein!
Sch ſehe fie — — Doch dieſe Scene
Will nur gefuͤhlt, und nicht beſchrieben ſeyn.
u ————p0 — —
g.
Apollo erlegt die pythiſche Schlange.
nter ben Ungeheuern, welche nach den Fabeln der Alten,
die Erde, nach der Sundflutg Deufaliens, durch Hülfe der
Sonnen.
FJefu Leiden, Tod, Auferfiehung u. Himmelfarth. 1075
Sonnenhize ———— und die fie ſelbſt verabſcheute,
war die ungeheure Schlange, Python, das merkwuͤrdigſte.
Sie full fo groß gemwefen feyn, daß fie mit ihren Kruͤmmen
bie Berge bedeckte, mit ihrem Rachen ganze Fluͤſſe ausſoff,
und mit ihrer Mähne ober ihrem Halfe die Sterne beruͤhrte.
Sie hatte ihren Aurentbalt auf dem Berge Parnafius,
und diente den Menſchen flatt eines Orakels. Wei aber
diefer fchreclihe Drache wußte, daß er von dem Apollo
werde hingerichtet werden, fo verfolgte er deflen Mutter,
ehe fie ihn gebahr , auf daB beftigfte. Da fie ihm aber der
Nordwind, auf Jupiters Geheiß entrücte, ſo fehrte er
wieder nach dem Darnage zuruͤcke. Indeſſen fan Latona
mit dem Apollo nieder, der hernach (einige ſagen gieich
den vierdten Tag nach ſeiner Geburt) den Python mit
ſeinen Pfeilen erlegte, und ſeine Gebeine in des Orakels
Abgrund warf. Er bemaͤchtigte ſich darauf dieſes Oratels,
erhielte von dieſem Siege den Namen Pythius, und vers
ordnete zum Andenken dejjelben, die pythiſchen Spiele.
Ein ähnliches Ungeheur war der gräßliche Rieſe Ty⸗
pbon. Derfeibe war fo groß, daß er mit dem Kobfe ‚an
den Himmel fließ, und mit einer Hand gegen Morgen, mit
| der andern aber bis gegen Abend reichte. Auf den Schuls
tern ragten hundert Schlangenföpfe hervor. Sein feib
war mit Febern bedeckt; auf dem Kopfe aber hatte ex
häglihe Haare und einen großen Bart, ingleichen feurige
Augen; und aus feinem Machen fpie er Feuer aus. Seine
Kinder waren : Der Gorgon, der Lerberus, die Scyls
Ia, die Chimära, der Sphynx, die lernäifhe Schlan—
ge und der heſperiſche Drade. Er bat ben Jupiter
jelbft zum Streit herausgefordert, und die fämtlichen Götter
in die Flucht geingt. Endlich bat ihn Jupiter, nad) langen
Kampfen, dody noch uͤberwunden, und den Berg Aetna ,
auf ihn geworfen. So oft ſich nun Typhon unter bem«
felben bewegt, zittert gang Sicilien — und der Berg Aetna
fpeyet alle die Flammen aus, die diefer ſchreckliche Rieſe aus
feinem Rachen bläfet.
Br —
ce
9.
| Woltemade,
B. dem Vorgebuͤrge der guten! Hofnung lag ein
Schiff vor Anker, welches nach Batavia fegeln wollte,
und
un
1076 | Acht und vierzigfte Tafel.
und nur woch auf guten Wind wartete, Allein eg entſtund
ein enffezlicher Stuürm, welcher zwen Tage und zwey Naͤch⸗
te in einem fort wuͤthete, die Maften zerbrach, die Segel
und die Anferfeile zerriß und das Schi bald hoch in vie
Luft hob, bald wieder in den tiefften Abgrund hinunter
warf. Endlich blieb es auf einer Sandbank fizen, Und nun
wuerde ein Stuͤck deſſelben nady dem andern von den Wellen
losgeriſſen.
Das ſahen die Einwohner eines Dorfs, welches nah
an ber Kuͤſte lag. Gerne wollten fie den Ungluͤcklichen,
melche auf dem Schiffe waren, helfen ; aber fie hatten fein
Fahrzeug. Unter innen war Woltemade, cin alter Bauer
von 7o Jahren — tiefer lauft, obne ein Wort zu fegen,
nach jeinee Hirte, wirft ich auf fein Pferd, eilt nad) bet
Kuͤſte zuruͤck und ruft um fch ber, : Menſchen, laßt uns
Menſchen retten! Zugleich flürjt er jich mit dem Pferde
ins ſchaͤumende Meer, ſchwimmt mitten durch die hohen Wo⸗
gen auf 300 Schritte weit bis an das Schiff, und ruft den
Elenden Troſt und Huͤlfe zu. Zwey von euch, ſagt er, ſprin⸗
gen herab, und faſſen den Schweif meines Pferdes an.
Gott wird uns hinuͤber helfen; dann komme ich wieder und
hole noch Mehrere.
Eilig haͤngen zwey ſich an des Pferdes Schweif, und
der Greis ſchwimmt mit ihnen durch. Kaum hat er fie gluͤck⸗
lich ang Ufer gebracht, fo flürzt er fid, von Neuem in dag
braufende Weltmeer, ruft abermals zwey Gefährten zur feis
ner gefährlichen Reiſe vom Schiffe herab — Fommt aber,
mals gluͤcklich aus Ufer, und fährt auf diefelbe Weile fort,
bis er 14 Menſchen gerettet hat, N
Die Geretteten beten ihn beynahe an, und ſeine Anver,
wandte, jeine Freunde beſchwoͤren ihn mit Threnen, ſich der
Gefahr doch nun vicht abermals auszuſezen — Aber da war
fein Halten Woltemade hoͤrt und flieht auf mehts, als
auf dieienigen/ Die noch in Gefahr waren; reißt ſich abers
mals log, ſchwimmt wiederum zum Schiffe bin, um bittet
dort wiederum, wie zuvor. Unglaͤcklicher Weiſe wirft, feis
nem Verbote zuwier, ſich noch ein Dritter herab; ergreift
im Salen den Zügel bes ſchon entkräfteten Pferdes, zieht
mit bemfeiben das arme Thier in den Abgrund hinunter, und
erfäuft fich ſelbſt, ſeine beyden Gefährten, und — 0 Jam⸗
mer , auch den trefliihen Woltemade!
1077
Neun und vierzigite Tafel,
I,
Die Ausgieffung des heil, Geiftes.
Sr der Himmelfahrt Jeſu Chrifti waren feine Juͤn⸗
ger , feine Freunde und Freundinnen meift bey
einander, wie es ihnen Jeſus befohlen hatte, Sie beteten
in der Stille, und lobeten Gott über den herrlichen Auss
gang der Sache ihres Lehrers, über die glücklich vollendete
Erlöfung. Sie warteten in Gebult auf dag, was ihnen
ihr Freund und Lehrer verfprochen hatte — auf ben
Tröfter, und auf alle herrliche Gaben und Früchte feiner
Erhöhung zur Rechten der Kraft Gottes.
Am Pfingfifefte, das ift, am fünfzigfien Tage nach
der Auferfiehung, oder am zehnten nach der Himmelfahrt
Jeſu war es, da fie auf ihrem Saale bey einander maren,
in guten Gefprächen und im Gebete. Da hörten fie
fchnell, wie vom Himmel herab, ein fürchterliches Toben,
gleich dem Getöfe eines Sturmmwindes , und dieß Toben
erfüllete das ganze Haus, und den Saal, morinnen fie
faffen. Und fie ſahen Feuerflämmchen, mie Zungen, fich
auf ieden von ihnen niederlaffeen — fie alle befamen in
demfelben Augenblicke viele neue Kräfte von Gott, in
fremden Sprachen , die fie vorher nie gelernt haften, zu
keden, tie es ihnen ber liebe Gott eingab,
Ccec &
1078 Neun und viersigftek Tafel. ar
Es waren damals zu Serufalem aus allen Voͤlkern
Leute, bie fich dafelbft des Feſtes halber aufhielten; gufe
feute , bie den Gott des Volkes Iſrael, ben wahren
Gott fennen gelernt hatten und wirklich an ihn glaubten,
und von Zeit zu Zeit nad) Serufalem reißten, die Feſte ber
Juden mit zu feyern. Da nun dies Getoͤſe gehöret wurde,
lief alles beftürzt zufammen — und fie erffaunfen noch
mehr, ba ein ieder feine Landesfprache reden hörte. Voll
Bertvunderung fahen alle einander an , und fagten:
Sind die Leute da denn nicht alle aus Galilda, to man
ia feine von diefen Sprachen redet ! Wie kommt es denn
nun, daß wir alle, woher wir immer find , ieder, fie in
feiner Mutterfprahe reden hoͤret? Parther, Meder,
- Elamiter , Syrer , Kananiter , Kappadocier , Ponter,
Afiater , Phrngier, Pamphilier, Egypter, Afrikaner,
Roͤmer, Kreter und Araber — mir alle hören fie in unfrer
Sprache große Thaten Gottes verkündigen. — Was mil
doc) dag werden? Andere aber unter den Zuhsrern, boss
hafte, unmiffende Leute, fpotteten Über diefe Begebenheis
fen und fagten : Diefe Männer ba, die fehr viele Spras
chen reden, haben vermuthlich zu viel Wein getrunken. —
Um nun diefen Spottreden ein Ende zu machen, und
die Bewunderung aller Anweſenden auf die Hauptfache zu
leiten, trat Petrus, mit den übrigen Juͤngern, die Chris
ſtus zu feinen Zeugen und Geſandten beftimmt hatte,
hervor , erhub feine Stimme und fagte : Ihr uͤuͤdiſche
Männer, und ihr ale, die ihr euch diegmal zu Serufalem
aufhaltet, borchet , was ich euch zu verfündigen habe,
und behaltet wohl, was ich ſage. Es iſt nicht wahr,
bag diefe betrunfen find , mie einige aus euch denken.
Wer wollte betrunfen jeyn am Morgen um neun Uhr,
zumal amı einem Sefttage ! Sondern das iſts jezt, was
ung
Die Ausgieffung des heil. Geiſtes. 1079
ung Gott fhon lange durch ben Propheten Joel gefagt bat:
In fpätern Zeiten wirds gefcheben, Gott fugts:
Ab will aus der Sülle meiner Rräfte über alle
Menſchen von aller Art und Geſchlecht ausgieflen —
eure Nachkommen, Alt und Junge, Vorgejeste
und Gemeine, Rnechte und Maͤgde, werden allerley
görtlide Erſcheinungen und Dffenbarungen baben.
Und ein ieder, der den Herrn aufrichtig anbeten wird,
wird errettet werden. Nun, ihr ifraelitiihe Männer,
hoͤret iezt dieſe Worte: Eben den Jeſum von Nazareth,
einen Mann, den Gott unter euch genugſam Zeugniß ges
geben hat mit den großen goͤttlichen Kraͤften, durch die
er fo viele ſchoͤnſe Wunderthaten hat verrichten koͤnnen,
wie ihr alle ſelbſt wiſſet; eben den Jeſum, den ihr ſo
unſinnig zum Kreuz verurtheilet, und durch Heyden habt
toͤdten laſſen (Gott hat aber alles fo vorgeſehen und bes
fhloffen) — Eben den Jefum hat Bott wieder auferwedt,
E8 war unmsglih, daß er tobt bliebe Es iſt fon
lange vorher vom Könige David fo vorgefagt worden,
Und wir find alle Zeugen diefer Auferwerung Dieſer
Jeſus ift auch zu göttlider Ehre erhoben worden, und
hat Macht empfangen , wie ers im Namen feines Vaters
oft verheiſſen, diefe göttlichen Kräfte über ung alle gleiche
fam augzugieffen — und eben davon fehet und hoͤret ihre
iegt die Wirkungen. Und nun wiſſe alles Volk Iſrael
zuverläffig , daß Gott diefen Jeſum, den ihr ang Kreuz
gebracht , zum Heren und König gemacht hat, ber euch
fchon lange verfprochen war, und ben ihr alle erwartet
habet.
Da die Juden das hoͤrten, daß der, den ſie ſo
grauſam ermordet hatten, Herr und König fey ; gieng
ihnen ein Stich durchs Herz — md viele aus ihnen fpras
Cccc2 chen
1089 Neun und vierzigfte Tafel.
chen zum Petrus und zu den üsrigen Apoſteln, voH
Schaam und Neue: Ach lieben Männer, fagt, mag
follen wir anfangen ? Petrus antwortete ihnen : Merbet
anders Sinnes, und glaubet an diefen Jeſus, daß er der
Meßias fey, und laffet euch zum Zeichen beffen taufen;
fo wird alle Strafe und Schaden eurer Suͤnden getilgt
ſeyn und bleiben, und ihr werdet auch fo , mie mir,
diefes große Gefchene Gottes empfangen. Denn euch
und euren Nachkommen, und auch allen Heiden, die num
Gott herzuberufen wird, allen gehört diefe fchöne Verheiſ⸗
fung — Und nod viel anders hat Betrug fie gelehret,
nd fie ernftlich gemarnet , fie follen ſich doch los machen
von den verfehrten fehlimmen Menfchen ,„ wie leider die
meiſten waren.
Mer feine Lehren gerne annahm, der wurde, wie es
Jeſus befohlen hatte, getauft. Und fo fammleten fich an
demfelbigen Tage fchon dreytauſend Menfchen, bie bekann⸗
ten, daß fie an Jeſus den Mefias glaubten. Diefe waren
hernach immer einmüthiglich, in einem Saale des Tempels
bey einander, beteten, und haften einander fo herzlich lieb,
daß man von ihnen fagen Eonnte : Die Gemeine was
Ein Herz und Bine Seele.
ERST CE LIE ERLL NEN
O Geift des Vaters und des Sohns!
Gleicher Gott mit beyden , gleiches Throns
Komm, zu beiner Ehre,
Durch beine Lehre,
Im Beſtreben nach goͤttlichen Werken
Meinen Geiſt zu ſtaͤrken!
Fleuß,/
Die Ausgieffung des heil. Seiftes. 1081
Fieuß , Than ded Herrn, anf mich!
Wie ein gang erflorbener Baum bin id;
Ohne Kraft und Leben —
Du Fannft es geben!
Echaffe, daß es fi in mir ergieffe,
Und ich grünen muͤſſe.
6
&
Abbildung einiger Tugenden.
— Tiranney und Ungerechtigkeit, nicht Zorn und
Streit und Traurigkeit herrſcht in Jeſu Chriſti ſchoͤnem
Reiche, ſondern Gerechtigkeit, Friede und Freude,
and aller Ueberfſiuß. Gottes Geiſt, der ein Geiſt des
Herrn, ein Geift der Weisheit, des Verſtandes, 088
Baths, der Stärke, der Krfentniß, der Gottes
furcht und der Wohrbeit iſt, führt ieben, ber nur will,
in dieſes Koͤnigrcich — uͤberhaͤuft ieden Unterthan mit
alien Gottes , Sütern , und macht aus ben Erben des
Himmelreih8 Bäume der Gerechtigkeit, und ihre und
- feine Frucht iſt: Kiebe, Freude, Friede, Gedult,
SFreundlichkeit, Gütigfeit , Glaube, Sanftmuth,
Keuſchheit, Gerechtigkeit und Wabrbeit,
Auf der Tafel prangen einige biefer Tugenden in
ihrem feftlichen Anzuge, fo tie fich ihre Bildung der
ideenreiche Geift des Dichters und bes Künftlers fchuf.
(©. die übrigen : Tab. XXXIV, 2. XLIX, 2. XLVI, 2.)
Die Gerechtigkeit (a), melde einem ieden das Seine
aägt und giebt , und mit größter Genauigkeit Lohn und
Sec Strafe
1082 Penn und viersigfte Tafel.
Strafe, Ruhm und Tadel, kurz, das aanze Verhalten
gegen andere und ihre Verbienfte, gleihfam abwaͤget,
wird gemeiniglich mit einer maieftätifchen Miene , mit
einer Waage in der einen, und einem Schwerdte in ber
andern Hand vorgeftelll. Der Sriede (b) hat ein fanftes
Weſen im Ungefiht; er trägt in der einen Hand ein Horn
des Ueberfluſſes, und in ber andern einen Deljweig.
Die Sreude Ce) ſpringt und finge, und hat eine Trink—
fchale in der Hand — mird aud) alg eine iunge Bacchan⸗
tin gemahlt , die in der einen Hand Saftagneiten (Klap⸗
pern) und in der andern eine biegayifhe Trommel haͤlt —
neben ihe ſizt die Liebe und fpielt auf einem Inſtrumente;
fie theilt auch verfthiedene Kraͤnze von Blumen aug,
Die Barmherzigkeit (d) mird gemeiniglih durch ein
brennendes Herz, das fie in der Hand halt, vorgeftellt.
Defters ſigt fie, und bat Kinder auf dem Schsoſe —
oder wirft iungem Geflügel Körmer vor. — Die Wahr
beit (Ce) wird faſt ganz nackend, mit einer Sonne auf
dem Haupte, oder auf der Bruſt, auch öfters mit einem
Spiegel oder einem Buche abgebildet.
3
Die allgemeine Kirchenverſammlung zu
Nicea.
En merkwuͤrdiger Theil der Geſchichte der Chriſten ſind
die, in den erſten fünf Jahrhunderten von ihnen gehaltene
Roncilien oder Rirdhenverfammiungen. Unter biefer
Benennung werben alle dieienige Zufammenfünfte verſtan⸗
bey _
Die Ausgieffung des heil, Geiſtes. 1083
ben, melche mehrere mit einander verbundene Kirchen
durch Abgeordnete hielten, in denen man fich über wichtige
firchliche Angelegenheiten berathfchlagte , und dag alg eine
Tegel vefifezte, was entweder allen oder doch dem größten
Theile der Abgeordneten das Belle und Vortheilpaftefte zu
feyn fihien. Dieienigen Zoncilien , denen die Bifchsffe
und Lehrer aus allen, oder doch den meiften chriftlichen
Ländern beymohnten, auch gemeiniglich von den Kaifern
berufen wurden, werden allgemeine oder oͤkumeniſche
genennt.
In den erflen drey Jahrhunderten ber chriftlichen
Zeitrechnung gab es Feine dergleichen allgemeine Kirchen:
Derfanmlungen. War auch etwas auszumachen und zu
berichtigen, fo gefchahe es nur von den Lehrern einer oder
der andern Provinz ; und man häfte niemals dergleichen
Koncilien gebraucht, wenn bieiChriften alezeit der Lehre
Chriſti treu geblieben wären. So fanden fich aber von
Zeit zu Zeit, inSsbefonbere vom vierten Sahrhundert an,
allerley Irrlehrer, die enttveber aus Unsiffenheit oder
aus Bosheit, oder aus blofer Difputirfucht, Lehren
aufbrachten , die den Örunblehren , und der Behaupfung
der meiften zuwieder waren. So batte 3. €. um dag
Jahr 315, ein gelehrier Mann, mit Namen Arius, aller:
ley Meinungen von Chrifti Perfon ausgeftreuet , bie von
vielen unrichtig befunden, doch aber von andern ange-
nommen wurden. Er lehrte nehmlih, der Sohn Gottes
fey nicht von Emigfeit geweſen, auch nicht der hoͤchſte
‚Gott, fondern vom Vater, vor Erfchaffung der Welt
hervorgebracht — dann babe der Vater durch den Sohn
ale Dinge erfchaffen, und ihn zum Heren über ale
Kreaturen gefeget — ber heil. Geift ſey nicht gleiches
Weſens mit dem Vater und dem Sohne, und dergl.
Ecce4 Dieſes
1084 Neun und vierzigfte Tafel.
Diefes gab denn Anlaß zu ungemein vielen und langmieri-
gen Streitigkeiten unter den Chriften. Dieſelbe beyzulegen
berief der erfte chriftlihe Kaifer, Ronftantin der Große,
im 3. €. 325, eine allgemeine SKirchenverfammlung zu
Nicea in Sleinafien, auf welcher 318 Biſchoͤffe, bie
vielen Presbyters, Diaconen und andere FKirchendiener
nicht mitgerechnet, ih verfammleten, die arianifchen
Irrlehren unterfuchten und widerlegten und ein allgemeis
nee Glaubensbefentnig aufſezten, melces das nice
niſche genennet wird. In eben diefer Kirchenverſamm⸗
lung , welche überhaupt zo Ranones oder allgemeine
Regeln verfaffete , wurde auch die Feyer des Oſterfeſtes,
über welche damals geftritten wurde , beftimmt, und
veftgefest , daß daßelbe allemal am erftien Sonntage nad)
dem erften Bolmonde, wenn Tag und Nacht im Frühlahre
gleich geweſen, gefeyert werden follte.
Auſſer dieſem Boncilio waren die berühmteften‘;
I) bie drey zu Ronftantinopel, im 3. €. 381, 553, 681:
2) dag zu Epheſus 431, 3) zu Chalcedon 451, 4) noch
drey zu Ronftantinopel, 86i, 869, 879. 5) dag zu
Frankfurth 794 , 6) vier Kateranifche zu Nom, 1122,
1139, 1179, I215 , 7) ;twey Kionnifche 1245 und 1274,
3) das Viennifbe 1311, 9) das Pifanifche 1409,
10) das zu Rofiniz, 1414, auf welchen Joh. Huß,
und Hieronimus von Prag verbrannt wurden, 11) bag
zu Trident, von 1545 bis 1563 , welches die eigentlichen
Unterfcheidungs - Lehren der Fatholifhen Kirche beſtimmte
BRUNEI
Die Ausgieffung des heil. Geiftes. 1085
4.
Die Liebergabe der Augsburgiſchen
Konfeffion.
Miss die Meligiongftreitigkeiten in Deutfchland,
von 1517 an, da Lutber anfieng wider den Ablaß zu
predigen, fehr überhand nahnıen , fo ſtellte der damalige
raifer Karl der fünfte, im Jahre 1530, einen Neichstag
zu Augsburg an, um auf bemfelben , unter andern,
auch die Religions » Sache gütlicy abzuhandlen. Der das
malige Churfürft zu Sachſen Johannes befahl daher dem
Doctor Luther, Melanchthon, Pommer und Jonas,
fie möchten einen kurzen Inhalt ihrer Lehre zur Derants
wortung auffesen. Luther legte hierauf dieienigen ſieben⸗
zehn Artifel zum Grunde , welche 1529, von einigen pros
teftantifhen Gottesgelehrten, zu Schwabach, aufgefegt
tourden ; er fezte noch einiges hinzu und übergab es fo,
daun dem Melanchtbon, der dad fogenannte Augsbur.
sifhe Glaubensbefenntniß oder Ronfeffion daraus
verfertigte. Luther begleitete den Churfürften bie nach
Koburg, und blieb allda im Verborgenen. Die übrigen
oben genannten Theologen giengen, nebft noch einigen
andern, mit nad) Augsburg, Die Konfeffion wurde da-
felbft vom Melanchthon nochmals durchgearbeitet, dann,
nachdem fie Luther gefehen hatte, von Johann, Chun
fürft zu Sachſen, von Georg , Marggrafen zu
Brandenburg, Ernſt, Herzogen zu Lüneburg,
VPhilipp, Landgrafen zu Heſſen, Job. Friedrich,
Herxzogen zu Bamfen , Franciſcus, Herzogen zu
Ccccs⸗ CLuͤne⸗
1056 Neun und vierzigfte Tafel.
Lüneburg , Wolfaeng, Sürften zu Zinbalt , von
dem Rathe zu Nürnberg und zu Keutlingen, unter
fchrieben ; am ısten Junius aber , auf dem Biſchoffshofe
zu Augsburg, in Gegenwart des Kaiſers und aller Fuͤrſten
und Stände des Reichs, in einer groffen Kapelle, in
deutſcher Eprache, mit lauter Stimme verlefen, Nah
wenig Wochen ward diefes Bekentniß in die ätalienifche,
fpanifehe , franzsfifche, auch viele andere Sprachen überjezt
und in ganz!Europa befannt gemacht.
Es befteht daßelbe aus acht und zwanzig Artifeln,
baven ein und zwanzig bie vornehmſten Glaubensichren
und fieben, einige unter den Katholifen gewöhnliche Cere—
monien und Kirchenanftalten betreffen. Ueberhaupt wird
in dieſen Artifeln gehandelt: 1) von der heil. Dreyeinigfeit,
2) von ber Erbfünde, 3) von Chriſto, 4) von der Rechi-
fertigung , 5) vom heil. Predigtamte, 6) von guten
Werken, 7) von der chriftlichen Kirche, 8) von Heuchlern
und boͤſen Kirchendienern , 9) von der Taufe, Io) vom
heil. Abendmahle, 11) von ber Beichte, 12) von ber
Buße, 13) vom Gebrauch der Saframente, 14) vom
Kirchenregimente, 15) von ber Kirchenorduung, 16) vom
weltlichen Regimente, 17) vom iuͤngſten Gerichte, 18)
vom freyen Willen, 19) von der Urſache der Sünden,
20) vom Glauben und guten Werfen, 21) vom Dienft der
Heiligen , 22) von beyberley Geftalt des Abendmahls,
23) vom Eheftande der Prieſter, 24) von der Meffe,
25) von der Beichte, 26) vom linterfchiede bee Speifen,
27) von Kloftergelübden, 28) von ber Bifchöffe Gewalt.
Die Ausgieffung deg heil. Geiles. 1087
NT en u 5 (GE TZELERÄLAEN
5,
Sturmmwinde. Waſſerhoſen.
SF). Sturmwind (a) ift die heftigfte Hemegung ber
£uft , welche fowohl zu Lande, mit Ausreiffung ber
Bäume und Verlegung ber Gebäude, als vornehmlich auf
dem Meere unter den Schiffen große Verwuͤſtung anrichtet.
Einer der gemwaltigften ift der fogenannfe Orkan, ber
gemeiniglich ducch eine vorhergehende ungemeine Windſtille
angefündiget wird. Es brechen nehmlich ploͤzlich bie
Winde mit einem donnernden Getoͤſe von allen Gegenden
ber Welt aus, und flürmen gegen einander mit folcher
Gewalt, daß fie, gleih als vom Himmel herabfallend,
die Wellen bergeftalt nmiederdrücen , daB die See ganz
eben wird, wie bey einer Stille. Cie halten feinen Strich,
fondern lauffen um den ganzen Kompaß herum, bie fie
endlich) an einem Orte durchreiffen , welches die Seeleute
ben Schwanz des Orkans nennen. Dann teben fie fo
erſchrecklich, daß fie nicht nur die Seegel, fondern auch
das ſtaͤrkſte Tauwerk am Schiffe zerreiffen , die Maſten und
Seegelftangen zerbrechen , bie Willen wie Berge aufthüre
men und Mieter nieberfiürzen, und die Schiffe wie Staubs
federn auf denfelsen herumſchleudern.
Ein Wirbelwind befteht aus zwey ffarfen Winden,
welche einander entgegen biafen, und daher da, mo fie
zufammenfoffen , die Luft in einem Kreiſe berumtreiben,
Die Tromben oder Waflerhofen, Woafferfäulen ( b)
find groſſe Waſſerſaͤcke, die der Wirbelwind aus der See
in bie Höhe hebt, und bie Geſtalt einer Fegelförmigen
Säule
1088 Heun und viersigfte Tafel.
Säule haben ; sder Wolken , welche von zwey flarfen
Minden, die einander entgegen blafen, jufammen gebrinkt,
und in einem Kreife herum getrieben werden. Der in
einem Wirbel bewegte Theil der Wolfe fenft fih, vermit-
gelft feiner Schwere , herunter auf das Meer, und bie
ganze Wafferfäule beivegt fid) gemeiniglich mit großer
Geſchwindigkeit, fowohl uber dag Meer, als auch bie.
weilen über das Land, mo fie erſchreckliche Verwuͤſtungen
aurichtet ; Denn ihre Gewalt ift fo groß, daß fie die groͤß—
ten Baume, ganze Häuffer und Schiffe niederzeiffen kann.
Doch pflegt fie felten länger al8 eine Stunde zu wuͤten.
Sie zieht ſich zulegt entweder wieder in die Höhe, worauf
ein ſtarker Plazregen erfolgt, oder fie ſtuͤrzt ganz herunter,
in welchem Falle fie eine fchrecdliche Ueberfchwenmung
verurfacht, wodurch oft die größten Schiffe verfenft wor.
- den find. Um ihren gefährlihen Wirfungen zu enfgehen,
ziehen die Schiffer, wenn fie dergleichen Wafferfäulen in
einiger Entfernung erbliden, fofort alle Seegel ein, und
thun einige Kanonenfchüße auf diefe Säulen, die, wenn
fie getroffen werden , ihr Wafler mit lautem Srachen
fallen laffen.
Tr AED
6.
Schulen und Akademien.
Die. öffentlichen Derter, ba die Jugend in aller«
ey guten Kentuiffen unterrichtet wird , werden Schulen
genannt. in einigen derfelben werben bie Kinder bios im
Schreiben und Rechnen und in den Nnfanasgrüuben deg
Chriſten⸗
Die Ausgieffung des heil. Geiſtes. 1089
Chriſtenthums untermiefen, welche gemeiniglih deutfche
Schulen (b) genannt werden, und aus Einer Klaffe
beftehen , wie z. E. die Dorffchulen ze. In Städten hat
man Schulen von mehrern Klaffen, welche Trivialfchulen
und Gymnafien heiffen, in welchen, auffer dem Ehriften«
thume, auch die Anfangsgründe der vornehmfien Sprachen
und Miffenfchaften gelchret werden. Wird in denſelben
auch Anweiſſung zu den hoͤhern Wilfenfchaften gegeben,
die man gewöhnlih nur auf Akademien treibt, fo wird
eine folhe Schule Gymnafium illuftte, Lyceum oder
Seminarium genennet ; von welcher Art 5 E. Das
Gymnsfium su Roburg, dag zu ARlofterbergen, das
Rerolisum zu Braunfhweig , die MilitairaFademie
sa Stuttgard , Das Iherefianum in Wienn , die
Schulpforte md übrigen fächfifhen Sürftenf&hulen find,
Hicher gehören auch die feit einigen Jahren aufgefommenen
Philanthropine, Penſionen, und Krziehunasinftitute,
in welchen unter der Aufficht eines oder mehrerer Lehrer,
vornehmlich dieienigen iungen Leute, die fich nicht eben ber
Gelehrfamfeit widmen , zu allerhand MWiffenfchaften anae
füpret werden, wodurch fie entweder bey Hofe, oder im
Kriege oder in der Defonomie ihr Glück machen Finnen,
Die Lehrer in deutfihen Schulen heiffen Schulmeifter,
Schreib ‚, und Rechenmeiſter; die lateinifchen aber haben
gemeiniglih einen Rektor, Konrektor, Rantor und
mehrere Aollegen. Ueber die Schulen find gefezt :
Inſpektoren, Scholarchen, Paͤdagogiarchen und dergl.
Hohe Schulen, Akademien, Univerſitaͤten wer—⸗
den dieienigen Geſellſchaften der Gelehrten genannt, in
welchen Lehrer aus den ſogenannten vier Fakultaͤten ſind,
wohin Juͤnglinge der Erlernung der Wiſſenſchaften wegen
kommen, und welche die Gewalt haben, bie hoͤchſten
Wuͤrden
1090 Neun und vierzigfte Tafel.
Mürden in den Wiffenfihaften zu ertheilen. Die vir
Safultäten find: Die pbilofopbifhe, medicinifche,
inriftifche und theologiſche, und iede hat ihre eigenen
Lehrer — daher giebt es auf Univerfitäten Lehrer oder
ordentlihe und aufferordentlihe Profefforem und
Doktoren der Philologie, Philofophie, Phyſik, Mathe:
matif, Geſchichte — ber Medicin, ber Jurisprudenz und
der Theologie. Dieienigen Jünglinge , melche auf Afas
demien diefe Wiffenfchaften erlernen , heiſſen überhaupt
Studenten ‚, und insbefondbere Theologen, Turiften und
Mediciner, Die Lehrfiunden ſelbſt, in denen die Lehrer
über die Rompendien oder Lehrbücher , lefen , heiffen
Kollegia; und die Dite, wo dergleichen Vorlefungen
gemeiniglih gehalten werden, Hörfäle (a). Es hat
daher iede Afademi eihre Öffentlichen Gebäude, welche gleich»
falls Kollegia heiſſen, und in welchen iede Fafultät ihre
großen Hörfäle oder Auditoria hat, auch Wohnungen für
Profeſſoren, Magifters und Studenten begreiffen — Sin
denfelben findet man auch, bie und da, einen botanifcben
Garten, die Univerfitätsbibliothef , das Thestrum
anstomifum , das Kaboratorium chymifum , die
Sternwarte , oder das Obſervatorium, das Konvikt
oder die Rommunität, in welchem arme Studenten oder
Stipendiaten an Sreytifchen gefpeifet werden — und das
Rarcer, für ungezogene Studenten, melde der Pedell
zuerft für den Neftor magnifitus, oder ben ganzen afas
demiſchen Senat citiren und dann, auf Erfordern der
Umftände, in den Karcer verſchlieſſen muß. Auſſerdem barf
es einer wohl eingerichteten Afademie aud) nicht an allerley
Spread ; und Kpercitien« Meiftern, nid an Kaffee⸗
bäuffern und andern anfländigen Divertiſſements fehlen.
Die
Die Ausgieffung des heil. Geiftes. 1091
Die böhften Würden in ben Wiffenfchaften find
gewoͤhnlich Die Magiſter und Doftorwürde, wiewohl
einige Untverfitäten auch Kicentisten in allen Fakultäten
und Baccalaureos in der Theologie creiren , ingleichen
Poeten frönen. Die Erlangung afademifcher Würden
heißt Promotion, melde, mie die Rektorswahl, tähr-
lic) mit groſſen Solennitäten gehalten wird ; wenn fich die
Sandidaten vorher int Eramen und bey der Insugurals
Diſputation wacker gehalten haben.
Die berähmteflen Univerfitäten find, nad ber
Zeitordnung ihrer Errichtung, folgende : Aambridge,
Orford, Paris, Wienn, Erfurt, Keipzig, Noftock,
Greipbswalde, Bafel, Ingolitsdt, Upfal, Tübingen,
Maynz, Ropenhagen, Wittenberg, Sranffurt an der
Oder, Geneve, Marpurg, Strasburg , Königsberg,
Jena, Leiden, Helmſtaͤdt, Altdorf, Gieffen, Rinteln,
Utrebt , Duisburg , Riel, Halle, Göttingen,
Erlangen, Buͤzow, Stuttgard. Auf den meiften diefer
Univerfitäten, und in andern Hauptftädten, giebt es auch
gelehrte Societäten oder Akademien der Wifjenfehaf
ten, unter welchen bieienigen Geſellſchaften von Gelehrten
verftanden werden, welche fich zu gewiſſen Zeiten vers
famnılen , die Vervollkommnung der Wiffenfchaften , der
Künfte und Sprachen zu befördern. Die vornehmften
derfelben find : Die Akademie der Wiffenfchaften zu
London, Paris, Berlin, Petersburg, Stockholm,
Bologna, Göttingen, Erfurt, Muͤnchen zc. Die
Akademie der Naturforſcher, Handlungs » Erzie
Hungs + deutfebe » lateiniſche⸗Geſellſchaften, u. f.w. |
Die Gelebrfamfeit oder die Wiſſenſchaften ſelbſt,
‚ welche auf Akademien gelehret und getrieben merden,
machen ein faſt unendlihes Zeld aus. Um dafelde nur
einigera
|
1092 Neun und vierzigſte Tafel.
einigesmaffen zu überfhauen, kann folgende Tabelle dies
nen: (Sie ift nad) Sulzers JEncyElopädie entworfen,
aus welchem Buche der Lehrer die Begriffe aller bier, nur
dem Namen nach ankseigten , Wiffenfchaften und ihrer
Theile beym DVortrage erklären kann) .
Alles nemlich, was zur Gelehrfamfeit gehoͤret, kann
unter folgende acht Klaſſen gebracht werden:
T, Die Philologie. Sie begreift
1. die Sprachenfentniß.
2. die Lerifograpbie.
3. bie Srammatif.
4. die Alterthümer,
5. die Workkritik.
N. Die Hiftorie, begreift
1. die förmliche oder eigentliche Hiftorie, welche iſt
a. in Anfehung des Inhaltes: |
&., die bürgerliche Hiflorie,
2. die alte,
2. bie mittlere,
3. die neue.
b. Die Kirchenhiſtorie iſt:
n. die Hiftorie der Religionen,
=, die Hiftorie der Glaubenslehren,
2. die Hiftorie der Kirche,
+. Die Hiftorie der Gelehrfamfeit. |
g. bie eigentliche, allgemeine,
3. die Hifforie der einzelen Lehren und Det
nungen.
». in Anfehung ihres Umfangeg:
&. die allgemeine NHiftorie,
ß. die befondere NHiftorie.
9 Die
Die Auspieffung des heil, Seiftes, 1093
2. Die Beyträge zur Hiſtorie, ale
a. die Memoiren, Ä
b. die Sffentlichen Aften,
ce. einzele Erzehlungen von Begebenheiten,
d. fritifche Beyträge.
. Die nothwendigen Hülfgmittel der Hifforie, als
die Chronologie,
die Gengraphie, mit den Neifebefchreisungen,
die Erforſchung der alten Denfmale,
. die Öencalogie,
Ill. Die Rünfte, find
‚ mechanifche Künfte, und zwar
a. ber Feldbau,
b. die Handlung,
. die Kameral » und Finanz» Wiffenfchaft,
d. das Muͤnzweſen,
e. die Kriegskunſt.
freye oder ſchoͤne Kuͤnſte,
a. deren allgemeine Theorie, die Aeſthetik;
b. die vornehmften derfelben ſelbſt
a. die Baufunft,
ß. die Malerkunft,
Y% die Tanzfunft,
I. die Mufit oder Tonkunſt,
RK. die Harmonik,
2 die Melodif,
e. die Redekunſt,
. die Dichtkunſt.
IV. Die Mathematik, und zwar
I. bie reine Mathtatik:
a bie Rechenkunſt,
Dodd b. bie
.
epre
>
1094
Mreun und viersigfte Tafel.
b. die Analyfis
a. der endlichen Bröffen,
ß. der unenblichen ;
c. bie Geometrie,
a. bie gemeine,
ß. die höhere.
2. Die vermifchte Mathematik;
a. die Mechanik,
se. vie Statik,
L. die Dynamik.
b. die Hydrodynamik,
a. bie Hydroſtatik,
8. die Hydraulif.
e. die Aerometrie.
d. die DOptif:
&. die Diopfrif,
ß. bie Katoptrif,
Y. die Perſpektiv,
e. die Pyrometrie,
f. die Pyrotechnie,
g. die Aſtronomie,
a. bie ſphaͤriſche,
6. die mechanifehe.
ı. die mathematifche Geographie.
i. die mathematifche Chronslogie.
k. die Gnomonik.
1. die allgemeine, wozu auch gehöret
a. die Stoicheivlogie,
b: die Meteorologie.
2
bie
Die Ausgieffung des heil. Geiſtes. 1095
#, die befondere,
a. die Betrachtung ber in und auf der Erde liegen⸗
den unlebenvigen Körper :
a, bie Mineralvgie,
4. die Chymie oder Metallurgie,
Y. die Alchymie,
I. die phyſiſche EN
b. die Betrachtung des Pflanzenreichs;:
e. die Botanik,
6. die Phyfiologie der Pflanzen,
y. die Kentniß von den Kräften der Pflanzen in
der Materia medifa, und Defonomie,
c. die Betrachtung des Thierreiches:
«. die. Zoologie,
R. die Anatomie und Phnyfiolegie der Thiere.
7. die befondere Betrachtung des menjchlichen
Körpers in der Mebicin, zu welcher gehoͤret
n. dis Unatomie, \
2. die Phyſiologie,
2. die Patholegie,
+, die Therapevtik.
3. die phyſiſche Teleologie:
VI. Die Philofopbie,
1, bie theoretifche:
a. die Logik,
b. die Metaphyſik:
«. die Ontologie,
R. die Kosmologie,
Y. die Pnevmatologie und Pſychologie,
I. die philefophifche Theologie:
2. die praftiiche,
Odedds a, Die
096 Neun und vierzigſte Tafel.
a. die allgemeine',
b. die Theorie der allgemeinen menſchlichen Pflichten
&. die Moral, ° ⸗
. das Recht der Natur,
>. dag Voͤlkerrecht.
ce. die Theorie der ‚moralifchen PVerbeßerung des
Derftandes und Willens, oder die Erhik,
d. die Theorie der befondern menfchlichen Pflichten
in befondern Verbindungen :
«, bie Haushaltungs» Wiffenfchaft,
ß, die Staatsrwiffenfchaft :
2. die Politik,
2. die Nomologie,
2 die Policeywiſſenſchaft.
Y. die Paͤdagogik.
VI. Die Rechtsgelehrſamkeit,
1. die allgemeine Theorie der Nechte und Befeze,
2. daß befondere Recht gewiſſer Staaten ;
a. das bürgerliche Recht:
a. das Staatsrecht:
x. das natürliche ,
3. dag millfürliche.
ß. das Privatrecht;
x. das peinliche Recht :
aa. das allgemeine,
bb. das williührliche
2. das Eigenthumsrecht:
aa. das allgemeine,
bb. das willtuͤhrliche, unb zwar in
Deutschland: |
«we. das Fraͤnkiſche,
AB. bag
Die Ausgieffung des heil. Geiſtes. 1097
BB. das Sächfifche,
37. das Roͤmiſchiuſtinianiſche,
SS. dag Päpftliche.
3. daB Proceßrecht.
=, befondere Arten der Nechte:
aa. dag Wechſelrecht,
bb. dag Handlimgsrecht ,
ec. dag Lehnrecht,
ac, bag Longobardiſche,
PR. das Deutfdre.
b. das Kirchenrecht , und zwar in Deutfchland ,
a. das Paͤbſtliche oder Kanonifche,,
B. das Proteftantifche.
VIII. Die Theologie:
I. bie exegetiſche, welche begreift
a. die Hermenentif,
b. die eigentl. fogenante Exegetif.
2, die ſyſtematiſche,
a, die theoretifche,
«, in Abficht auf ihre Quelle s
8. die Dogmatif, dazu gehört
aa. bie afroamatifche Theologie;
bb. die ſymboliſche,
ec. die patriftifche.
3. die Polemik.
6. in Abficht auf den Vortrag:
x. die Homiletif,
3. bie Katechetik.
b. die praftifche Theologie : i
&. die Moral: Theolegie, |
R. die aſcetiſche,
Dded 3— *. die
1098 Neun und viersigfie Tafel.
Y% bie Fafuiftifche , 3
x. die Daftoral» Theologie,
2. die parakletiſche Theologie.
Tr
Der Wanderer und die Meilenfaufe,
I; bleidft du denn immer fo auf einem Slecke fiehen,
ſprach einfl ein Manderer zu einer Meilenfäule , die rich»
tig den Weg zur Hauptftadt anzeigte — So oft ich diefe
Straße wandele, fehe ich dich noch immer auf der alten
Stelle — Masft du denn nicht mit in bie Stabt
fommen ?
Sch bin an die Erde beveſtiget, fprach die Säule —
ich zeige den rechten Weg an, Fomme aber feldft nicht in
die Stadt —
Serade fo mancher Moralifte — mancher Lehrer —
8.
Apollo und die Muſen.
N oo oder Phöbus, ein Sohn Jupiterd und ber
Latona, war ber Gott des Gefanges und der Muſik,
Vorſteher des Mufenhors, und Schuzherr der Dichter,
Er wird inggemein als ein ſchoͤner Jüngling ohne Bart
gemahlt,
Die Ausgieffung des heil, Seiftes, 1039
gemahlt, der in der rechten Hand Pfeil und Bogen, in
der Finfen aber eine Leyer hält; denn durch Beydes machte
er fich vorzüglich berühmt. , Schon in feiner Jugend ers
legte er die pythiſche Schlange (Tab. XLVIII, 8.) —
Er erfhoß die Cyrlopen, welde bie Donnerfeule ges
fehmieder hatten, mit denen fein Vater den Aeſculap toͤdtete.
Darüber wurde er aus dem Himmel verfloffen, und auf
die Erde ins Elend verwielen. Er Fam bierauf in das
Haus des Kiniges Admetus in Arfadien, und hütete
feine Heerden. Um fich daben die Zeit zu verfürzen, ers
fand er die Cyther, und lehrte die Menfchen Gefänge,
welche die Wildheit und Barbarey der Bitten vertrieben —
Durch den Klang diefer feiner Leyer foll er die Mauern zu
Troia erbauet haben — Deu Marſias, der ihn zu einen
MWettfireit in der Muſik berausgefordert hatte, zog er,
nachdem er ihn Überwand, die Haut ab — Dem Könige
Midas machte er Efelsohren (Tab. XLV, 8) Bor
nehmlich aber machte er fein Anfehen groß und feine Vers
ehrung allgemein durch die Orafeln, mit denen er alle
Melt erfüllete , und insbefondere Delphi berühmt machte.
(Tab. XVII, 8.)
Er war Borficher der Muſen oder Pierinnen,
welche für die Göttinnen aller freyen Künfte und Bilfens
fhaften gehalten wurden. Sie waren Toͤchter Jupiters
und der Mnemoſine, an der Zahl neune, und wurden
ais ſchoͤne muntere Frauenzimmer, mit Kraͤnzen auf dem
Haupte , und mit allerley mufifalifchen und geometrifchen
Werkzeugen abgebildet. jede hatte ihren Namen und ihr
Amt im Meiche der Wiffenfchaften. Uranie forgte für die
Himme'stunde, Balliope für das Heldengedicht, Wiek
pomene für das Trauerfpiel, Thalia für das Luſtſpiel,
Polybymnis für den Gefang , Erato für Tanz und
Dddd 4 Muſik,
1108 Neun und vierzigfte Tafel.
Muſik, Wlio für die Gefchichte, Euterpe für das Floͤ—
tenfpiel, und Terpfichore für die Either. Ihr gewoͤhn—
licher Aufenthalt waren die Berge Helikon, Parnaflus,
Olympus, das pierifhe und aoniſche Gebürge, melde
Berge alle nicht weit von einander in Theffalten liegen.
Eine Duelle am Helifon hieß Hippokrene, und wurde von
dem geflügelten Pferde Degafus eröfnet — Diefe Quelle
fol die Kraft gehabt haben, ieder der davon tranf, eine
poetifche Fertigkeit mitzutheilen.
⏑⏑⏑
9
Die Huldigung der Wiſſenſchaften bey dem
Altare des Jeſus Meſſias.
Es freue ſich die gute Jugend, dag frohe Chor der Mu—
ſen-Lieblinge des güldnen Traums eines frommen Sehers!
Hingeriſſen durch mehr als eine unabſehbare Reihe
himmliſcher Betrachtungen uͤber Gottes Maieſtaͤt und Ehre,
über Jeſus Chriſtus Herrlichkeit und Liebe, ſtrebte
meine Seele auch im Traume fort, Freuden auszuſpaͤhen
an der Gottheit Stuhle. Ich ſahe — plözlich hingeruͤckt
in Zeiten der Vorwelt, auf Gefilde, die mit allen Reizen
der Natur prangten, das Heiligthum der Wiſſenſchaften,
den Tempel der Gelehrſamkeit — Seine Zinne reichte
bis an die Wolken, und laute Lobgeſaͤnge erfuͤlleten die
Luͤfte — Eben waren Gottes Herolde, Jeſu Juͤnger,
ausgegangen, durch Gottes Geiſt und Evangelium geſtaͤrkt,
aller Welt zu predigen: Jeſus Chriſtus iſt der erhoͤhete
mir Preis und Ehre gekroͤnte Here der Herrlichkeit, ein
Koͤnig
Die Ausgieffung des heil. Geiſtes. 1101
Koͤnig aller Könige, die Sonne der Welt! — und fchnell
eröfneten fih die Thore bed Tempels — Alle Wiffenfchafr
ten, mit Stärke und Anmuth der Jugend gefhmüct,
hatten fich in demfelben verſammlet, vor dem Altare des
Jeſus Meſſias,, ihn, dem Herrlichen , dem Urfprunge
aller Weisheit , den Eid der Huldigung , der ewigen
Treue zu ſchwoͤren. Mit einer Ehrfurcht, mit welcher bie
Seraphim ihren Schöpfer anbeten, ſtunden fie vor dem
Altare , und wiederholten mit göftliher Harmonie dag
Engellid : Ehre ſey Gott in der Hoͤhe! Drauf Eniete
mit maieſtaͤtiſchem Anſtande dre Theologie vor dem Altare
nieder — Sie hatte fieben Sterne um ihr Haupt, und
einen Ebelftein auf der Bruft, und rief : Allerbeiligfter !
Du bit würdig zu nehmen Kraft und Neichtbum und
Meisheit und Stärfe ! Sey mir willfommen, dur, den alle
Propheten und Apoſtel befangen ! Du bift der Inbegriff
allee meiner Lehren, meiner Auslegung, meiner Ermabs
nung. An deine Sonnenquelle will ich mich lagern, und
beine Kinder um mich fammlen und fagen : Sehet, bier
iſt eure Weisheit, eure Gerechtigfeit und Stärfe, eure
Heiligung und Erlöfung!
dit brennender Sehnſucht erwartete die Rechtsge—
lehrſamkeit die Gelegenheit, auch ihre Empfindungen dem
Sottmenfchen darzulegen — Herr, meine Gerechtigkeit!
ſprach fie, ich ſchwoͤre bey deinen heiligen Gefegen, beine
Rechte der Welt anzupreifen. Deine Kirche, die du ers
loͤſeſt, fol den Schuz meines Schwerdtes und die Gerech-
tigkeit meiner Wege erfahren. Sie Eegte die Buͤcher der
Geſeze auf den Alter, und ſprach mit beiliger Demuth:
Heilige dieſe Rechte, o Michter der Melt, oe Buͤrge der
Schuldigen, himmliſcher Fuͤrſprecher
Odde Auf
N. —
1102 Neun und vierzigfte Tafel.
Auf fie folgte die ArzneyFunft — ganz Mitleiden
war ihre Miene, mit welcher fie auf ihre Werkzeuge fahe,
die fie in den Händen trug. Allmaͤchtiger Arzt! fo fprach
fie, deine Dienerinn thut vor dir den Fußfal der Anbe—
tung. Du bift vom Himmel herabgefommen , ein Helfer
der Elenden zu feyn. Deinen fegnenden Händen empfehle
ich meine Kunſt, und die Nothleidenden , die dich fuchen
und lieben. Ich will zu deinem Kreuze die Lahmen, die
Blinden, die Schwachen, die Kranfen , die Sterbenden
berbeyruffen — Aug deiner Fülle follen fie Stärke, Licht,
Gefundheit und Leben nehmen !
Mit einem Blumenfrang auf dem Haupte näherte fich
nun die Weltweißheit dem Altare. Ein Strom von
Threnen fiel auf ihr weiſſes Gewand, durch welche ihre
Worte lange unterbrochen wurden, Endlich öffnete fie
ihren Mund — Sohn der ewigen Weigheit, rief fie, fey
mir mwillfommen ! Du breitet Licht und Wahrheit über die
Melt der Finfterniß und des Irrthums aus — Sch will
es nicht wagen die Geheimniffe der Weisheit zu durch—
fchauen — undurdhdringlich find fie mie — aber bewundern,
pretigen will ich fie —
Nah) diefer Fam die Aftronomie — D meine
Sonne, mein heller Morgenftern, rief fie, wie verdunkelſt
du Sonnen und Sterne ! Dein Ölanz iſt reiner und macht
unendlich mehr Freude als das Kacheln der Morgenröthe!
Deine Anmuth ift reizender als der Fruͤhlingsmorgen!
Sp göftlich leuchtet Fein Geftirn, wie du ! Sie erſtaunte,
verhüllete ihr Angeſicht, Eniete nieder und fezte eine Krone
von Sternen auf den Altar, Mein Schöpfer , redete
hierauf die Phyfif den Meffias an, du Werfmeifter der
veriängten Natur! Wie blühet die ganze Schöpfung vor
Dir!
Die Ausgieffung des heil. Geiſtes. 1103
Dir ! Wie lange firchte ich dich in deinen Staaten ! Jezt,
iezt habe ich dich gefunden. Du Schönfter! ih will did auf
ber Erde loben, deinen Namen der ganzen Natur predigen
und alle Gefchöpfe um deinen Thron verfammlen. Nun ift
der Himmel auf der Erde, und in der Wuͤſte ein blumen⸗
reiches Eden.
Welche Tiefen der Gottheit rief die Mathematik —
wie unbegreifih find feine Wege ! Unermeßlicher ! ich
bete dich un — Bol Erſtaunen verfenfe ich mich in bie
Tiefe , Länge, Breite und Höhe deiner Liebe ! Ich
durchdenke fie, und weine für Freuden , daß fie unere
meßlich ift.
Nun kam die Geſchichte. Diefe Verehrungswuͤr⸗
bige oͤffnete das Buch, in welchem die Geſchichte der
Welt aufgezeichnet war, und ſchwur mit aufgehabenen
Fingern: O Meßias! Die denkwuͤrdige Nacht deiner
Geburt, den denkwuͤrdigen Tag deines Todes will ich mit
guͤldnen Buchſtaben dieſem Buche einverleiben! Dein er—
ſtes holdes Laͤcheln, deine Threnen, deine Bloͤße, deine
Majeſtaͤt und dein Seegen ſollen der ſpaͤteſten Nachwelt
verkuͤndiget werden — Du biſt die Seele dieſes RER
und dieß Bud) ift ein Herold von dir —
Die Mahlerey war bey biefer ganzen Scene vom
Entzuͤcken ergriffen worden. Mit einem neuen Pinfel
mahlte fie den Schönften unter den Menfchenfindern —
fein Ungefiht, und in demfelben Klarheit Gottes — feine
menfchenfreunbliche , fanfte Miene — und die hülfreichen
Hände, die er nach) feinen Fiebhabern ausſtrecket. Siehe
bier , fprach fie, ift ein ſchwacher Schattenriß son dir,
Holdfeligfter unter Engeln und Menfchen ! Biel fiir,
fee und lebhafter fol dein games Bild in meiner
Seele
1104 Neun und viersigfte Tafel.
Seele abgedruckt feyn , und emig berfelben eingegraben
bleiben !
Die Redekunſt trauerfe, da fie e8 verfuchte mit ber
feurigften Beredfamfeit von dem Erlöfer der Welt zu re
den, und es umfonft verſuchte — Sie ſprach nur bie
Sorte des Pfalmiften: Dies ift der Tag , Den der
Herr mader ! Kaflet uns freuen und frölich darin.
sen feyn ! © Herr hilf, o Herr, laß wohl gelingen!
Hier ſchwieg fie ſtille, noch ſtatr gen Himmel blickend —
Immanuel! fprach fie von neuem, Immanuel, du bift der
Schmuck meiner Berebfamfeit , die Seele meiner Gedan—
Een, der Gegenſtand meines Feuers, der Preid der Engel —
und ich, ich Jehovah, bin dein.
Sie ſchwieg, und winkte ihrer Schweſter der Dicht:
kunſt. Sie trat näher zu dem Altare, und beugte fich
mit heiliger Ehrfurcht zur Erde, melde fie mit Roſen,
Lorbeeren und Palmen beftreut hatte. Sie blieb lange
Zeit in biefer demüthigen Stellung — endlich wurde fie
Fauter Feuer , und fieng in der Gefelfchaft ihrer Schwe-
fier, der Miufif , ein Lied an, auf den Gottmenſchen.
Sie fangen, und die Engel ſchlugen ihre Harfen beein:
Der Here ift König ! Sagts der Erde!
Sagt, daß die Voͤlker ihn erhoͤhn;
Sein Reich in feinen Welten werde,
Bon ihm gegründet, ewig flehn.
Groß iſt ſein Heil — O fagt mit Freuden
Sein Lob der Erde Voͤlkern an!
Verkuͤndigt unter allen Heiden
Die Wunder die der Herr gethan.
@
Die Ausgieffung des heil. Geiſtes. 1108
Es iauchze dir, o Gott, dein Himmel!
Die ganze Erde freue fih!
Der Oceane froh Getümmel,
Und fein Bewohner preife dich!
Laßt alle Felder „ laßt die Heerde
Mit Zauchzen, Huͤpfen, freilich feyn !
Merftärft die Jubel auf der Erde —
Sein müffe fih der Sunder freun !
Und nun mar der Auftritt vollendel, Alle, mit
einer Stimme , fangen mit englifhen Entzücken ihrem
Herrn und Koͤnige ein Lied bed erhabenften Jubels;
Amen ! Lob und Ehre, und Weisheit und Danf,
und Preis und Rraft und Stärke fey unſern Gott
von Ewigkeit zu Kwigfeit ! Amen!
H — — =
U ART — —
Fuͤnf
1186
a er
Sunfzigfte Tafer. |
I,
Die ‚heiligen Evangeliften und Apoſtel
Jeſu Chriſti.
N iieisen unter den Freunden und Nachfolgern Jeſu
Chrifti , die ihn allenthalben begleiteten , feine
Lehren annahmen , und von ihm felbft, nach Art der
Lehrer in den vorigen Zeiten, zu feinen Schülern ermäblt
wurden, bieffen Jünger Jeſu. Gar bald fonderte er,
während feines Lehramtes, fiebenzig Jünger aug, benen
. er fein Amt, feine Wunder und Lehren befannt machte,
und die er ausſandte, allenthalben im iuͤdiſchen Lande,
abfenderlich in den Städten und Dertern , wo er felbft
binfommen wollte , feine Ankunft und fein Evangelium zu
verfündigen. Auffer diefen hatte er fich noch , unter ben
Vielen, die mit ihm giengen , 3wölf Apoſtel, das ift,
folhe Männer augerlefen , die immer bey ihm ſeyn, und
alles , mag er redete, hoͤren, und alles, was er that,
fehen follten, damit fie es hernach andern Menfchen , als
Yugenzeugen , erzehlen Fönnten. (Die zwoͤlffache Zahl
derfelben fcheint ſich auf die zwoͤlf Erzuäter und Stämme
des ifraelitifchen Volkes zu beziehen.) Sie waren alle
aus Galilda, Juden, die meiften Fiſcher, ungelehrte,
aber ehrliche und freymuͤthige Leute, bie Jeſus nach feiner
Allwiſſenheit für nichtig erfannfe, bie Vertrauten feiner,
auch
Die heil, Evangelifien und Apoſtel Jeſuꝛc. 1107
auch der verborgenften , Geheimniffe, und die vornehmfien
» Diener feiner Religion zu feyn. Zwey von biefen Apoſteln
und zwey von den übrigen Juͤngern hieſſen zugleich auch)
Evangeliften , weil fie bie tröfilihe evangelifche Ges
fhichte von der Geburt und dem Leben, Lehren und
Wundern Jeſu Chriſti in vier Büchern befchreiben follten.
Diefe Evangeliften bieffen : Matthaͤus, Markus, Lu
Fas und Johannes. Wiattbäus , ein Anverwandter
Jeſu, war zuvor ein Zolbedienter, machte fich aber fo«
gleih auf dag Machtwort feines Lehrets : folge mirı
von feinen Gefhäften los, und begleitete Jeſum auf
feinen Wegen. Er fchrieb fein Evangelium unter den uͤbri—
gen Evangeliften zuerft, etwa zwifhen den Jahren, nad)
Chriſti Geburt, 40 bis 50. Seine Hauptabſicht ift, in
demfelben zu beweifen , daß In Jeſu alles erfüller ſey,
was die Propheten von dem Meßias gemeifjager haben,
Markus befehrte fi durch die Predigten Petri, aug den
Sudenthume zum Chriftenthum, begleitete auch zu verfchies
denen Zeiten den Paulus und Petrus auf ihren Reifen,
Sein Evangelium hat er wahrſcheinlicher Weife zu Kom
gefchrieben. Kufas, zuerſt ein Heide hernach ein ge⸗
lehrter griechiſcher Jude, ehe er ein Chriſt ward, ſchrieb
ſein Evangelium wohl etwas eher als Markus, zwiſchen
ben Jahren 40 und so nad) Chriſti Geburt; nach der Zeit
aber die Apoftelgefchichte zu Nom, als Paulus dag
zweytemal dafelbf gefangen faß. Johannes, der Bruder
des Jakobus, etwas iünger als Jeſus, der ihn zu feinen
Freund erwehlte. Er fchrieb fein Evangelium theils in
der Abficht, das zu ergänzen, was die übrigen Esangelis
fien, nad) ihrer Abfiht, weggelaffen haften; theils gegen
einige Srrlehree zu beweifen , dag Jeſus nicht nur ein
wahrer Menſch, fonbern auch der Sohn des Allerhoͤchſten
J fen,
1108 Funfzigſte Tafel,
fey. Er ſchrieb auch drey Brife, und das Buch der
Offenbarung, in welchem verfciebene fünftige Schickfale
der chriftlihen Kirche vworgeftelet werden. Alle diefe
Scyriften find vor ber Zerfiörung Jeruſalems, dag ift,
vor dem Jahre nah Chriſti Geburt 70 , gefchrieben;
ob es gleich ſehr wahrfcheinlid if, daß Johannes diefe
Zerfiörung erlebt hat. Er foil von dem Kaifer Domitian
in die Inſel Patmus vermwiefen , hernach aber in Afien,
unter allen Apoſteln olleine , eines natürlichen Todtes
geſtorben ſeyn. Was die Abbildung dieſer Evangeliften
betrift, fo haben ihnen die alten Kirchenvdter (nad
Ezech. 1, 5. 10. und Öffenb. Job. 4, 6.7.) vier Thiere
oder Figuren beygelege : Tatthäus (a. 3.) hat dag
Bild eines Menſchen, weil er den Anfang feines Evans
gelii von dem menfchlichen Gefchlechtäregifter Chrifti mat;
Markus (a. 2.) hat einen Löwen, weil er von Johanne
dem Täufer‘, als einen drülenden Löwen in der Wüffe,
feine Geſchichte anfängt ; Lukas (a. 3.) hat einen Ddys
fen , meil er den Eingaug von dem Priefter Zacharias
macht, melcher mit DOpferung folcher Thiere umgegangen
ift; Johannes (a. 4.) hat einen Adler , weil er im
Anfang feines Evangelii , gleich einem Adler hoch fliegetz.
und die ewige Gottheit Chrifti befchreibet.
Von biefen Evangeliften waren zwey, nehmlich
Wiettbäus und Johannes auch zugleid Apoſtel. Die
übrigen zehn waren : Petrus (b), Andreas (c), Tas
Fobus der größere (d), Dbilippus (e), Bartholos
mäus (f); Thomas (g), Jakobus der iüngere (h),
Judas Thadddus (i), Simon (k), Judas Iſcha,
rioth (1), zu denen nach der Zeit noch Matthias (m}
und Paulus (n) kamen. Petrus war ber erſte Apoftel,
und cohngefähr zehn Jahre älter als fein Lehrer. Er
währe
Die heil. Evangeliften und Apoftel Sefurc. 1109
nährte fich von der Fifcherey , und war ſchon ein Jünger
Johannis des Täufers, ehe er von Jeſu berufen wurde.
Seine Gemüthsart war ungemein heftig — Daher Fam eB,
daß er unter den übrigen Apofteln faft immer das Wort
führte, aber auch, daß er durch allzugroße Kühnheit fo weit
verleitet wurde, in ber Anfechtung feinen Heren und Meis
fter zu verläugnen. Nachdem er aber diefen großen Fall
fogleich bemweinte,, gab ihm Gott die Gnade, daß er dag
vornehmfte Werkzeug zur Defehrung ber Juden ward.
Er fchrieb zwey Briefe an die hin und wieder zerffreuten
Ehriften, vornehmlich an die, welche aus Heiden , Chris
ften worden find. Er fol zu Rom, unter dem Kaifer
Nero gefreuziget worden feyn. Jakobus der größere,
ein Bruder des Johannes, und beyde Soͤhne des Zebedäug
und der Salome. Er wurde, nebft diefem feinen Bruder
und Petro einer befondern Gnade und Vertraulichkeit ges
mwürdiget , indem Jeſus vornehmlich diefe drey, ale
Zeugen feiner Herrlichkeit, bey allen Gelegenheiten um fich
hatte. Er war ber erſte Märtyrer unter den Apofteln, denn
Herodes ließ ihn mit dem Schmwerbte tödten. Andreas
der Bruder Petri, wurde gleichfal® ans Kreuz gefchlagen,
welches wie ein lateinifches X geflaltet war , und an
welchem er noch zwey Tage lebte und predigte. Philips
pus fol aufgehängt, Thomas erfiohen, und Bartbos
lomaͤus mit dem Haupte nad) der Erde gefreuziget worden
ſeyn. Jakobus der iüngere war ein naher Anvers
mandter Jefu. Ohne Zweifel hat er den Brief gefchries
ben, den wir im neuen Teftamente haben. Er war lange
in Serufalem eine angefehene Perfon , ward aber doch ends
lich daſelbſt gefteiniget und erfchlagen. Don dem Judas,
des Jakobus Bruder , der fonft auch Thaddaͤus oder
Kebbäus heißt , ſteht ebenfals ein Fleiner Brief in den
——— Schrifs
1110 Sunfsigfte Tafel.
Schriften des neuen Teſtamentes. Er foll von perfianis
ſchen Gdzendienern graufam zu Tode gemartert morden
feyn. Simon Zelotes mar gleichfals ein Anverwandter
Jeſu, und fol in England gefreuzigt worden feyn. Des
Judas Iſcharioth fchredklicher Untergang ift befannt —
Matthias wurde an feine Statt durchs Loos zum Apoftel
erwehlt, aber zulezt enthauptel. Paulus, oder Saulus,
lernte in feiner jugend das Teppichmachen , und fiudierte
hernach zu Sjerufalem unter dem Gamaliel, einem vors
nehmen Lehrer und Mitglied des hohen Rathes zu Serufas
lem. Diefer Erziehung gemäß ward er ein Pharifäer. Lange
Zeit verfolgte er die Jünger und Anhänger Jeſu, bis er
endlich , im Fahre nach Ehrifti Geburt 36, duch ein
goͤttliches Geficht vom Himmel befehret und zu einen Apos
ftel berufen wurde. Er hat mehr als die übrigen Apoftel
für Chriſtum und die Ausbreitung des Evangelii gearbeitet
und gelitten. Er reiſete zweymal nach Nom, das erftes
mal im 3. €. 59 oder 6o, als ein Gefangener. Nach
zwey Jahren erlangte er feine Sreyheit wieder. Das
anderemal gieng er aus freyem Antrieb hin, und da wurde
er ing Gefängnis gefezt und enthauptet. Die mag um
das J. €. 65 oder 66 gefchehen feyn. Er fchrieb vierzehn
Driefe , und zwar in folgender Ordnung ; Zwey an bie
Theffalonicher, einen au die Öalater, zwey an die Korin⸗
ther , einen an die Roͤmer, an bie Ephefer, an die Phi-
lipper, an die Koloffer, an den Philemon, an die Ebräer,
zwey an den Timotheum und einen an den Titum, welche
beyde Mitarbeiter Pauli und vorzüglich treue Lehrer
waren.
Durch diefe von Bott eingegebenen Schriften fowohl,
als durch die nachdrüdlichften Predigten gründeten die
Apoftel Jeſu Ehriffi, als Pfeiler in dem Zempel Gottes,
die
Die heil. Evangeliften und Apoftel Jeſuee. 1111
die Kirche des neuen Teſtamentes. Sie giengen, nachdem
fie ducch die Ausgieffung des heil. Geiftes überfchmengliche
Gaben und Kräfte, insbefondere bie Kraft Wunder zu
thun empfangen haften, nachdem fie Sferufalem mit dem
Evangelio : Tefus lebt ! erfülleten, aus in alle Welt
als. Herolde des gröften Koͤniges — und ruffen gleichfam
noch in ihren Schriften und durch ihre Nachfolger, allen
Menfchen zu :
Jeſus Chrift , mit Preis gefröner,
erließ dag Grab — Gott war verfühner;
Der Fluch vom Berge Horeb ſchwieg.
Dein Triumph, o Top! o Hölle!
Wo ift dein Sieg, 0 Tod! vo Höfe}
Ihr ſeyd verfchlungen in dem Sieg!
Er hat's, er hars vollbracht,
Durch feine Gottesmacht!
Halleluiah !
Nun fürchten wie
Den Tod niht — Die
Dir, Jeſu Chriſte, felgen wir!
2.
Mönche,
De roͤmiſchkatholiſche Kleriſey beſteht theils aus dem
Papſte und den Kardinaͤlen, theils aus Geiſtlichen und
Ordensleuten. Die Geiftliben find entweder große oder
kleine. Zu ben erſtern gehoͤren: Patriarchen, Erzbi—
ſchoͤffe, Biſchoͤffe, Archidiakonen, Erzprieſter, Prieſter,
Eeeea Diafos
1112 Funßzigſte Tafel.
Diafonen und Subdiakonen. Zur Fleinern Geiftlichkeit
gehören :, Kerzenverwahrer oder Kadelteäger , Beſchwoͤ—
ver , Lefer , Thuͤrſchließer, Sänger und Haushaͤlter.
Ordensleute find die Domherren, Mönche, Geiftliche
Mitter und Sefuiten. Die Domberren oder Kanonici find:
der Domprobfi, der Dechant, die Kanonici mit ihren
Vikarien und Subflituten. Die geiftlichen Ritter find:
die Diden ber Tempelherren, der Marianer und der
Sohanniter » Ritter, melche fämtlich die drey Gelübde der
SKeufchheit, des Gehorfams und der Armuth haben. Die
Jeſuiten (6), melde fih mie die roͤmiſchen Priefter
Heiden, haben über diefe drey Gelübde noch tag vierdte,
nehmlich das Gelübde der Fortpflanzung der chriftlichen
Religion. Es wurde diefer fonft berühmte Drden von
Ignatius Koyola geftiftet, welcher ein fpanifcher Edels
mann war, aber im Sahre 1534. die weltlichen Kriegs—
dienffe mit dem geiftlichen Stande vermechfelte. Ueber
200 Fahre genoß dieſer merfwärdige Orden die herrliche
fien Vorzüge von Päpften, Kaifern und Königen — Er
befchäftigte fich vornehmlich mit Unterweifung der Jugend —
hatte die gelehrteften Männer aufzumeifen — wurde aber
fehon 1761 aus Franfreih, 1767 aus Spanien, 1768 aus
Neapel vertrieben, und endlich 1773, auf Veranlagung
der hohen Mächte, vom Papfte Alemens XIV ganzlid
aufgehoben.
Mönche oder Religiofen find Perſonen, fo die drey
Gelübde, des Gehorfamg , der Keufchheit und der Armuth
haben , und entweder durch eigne Profeßion oder Widmung
der Eltern dazu gebracht wurden, und in iedem Klofter
ihren Abt oder Prälaten haben. Anfangs waren Moͤn—
che und Einfiedler oder Eremiten (4) einerley, nehm⸗
lich folche Leute, die aus Furcht der Verfolgung, oder
aus
Die heil. Evangeliften und Apoftel Jeſuꝛc. 1113
aus genommenen Xergerniß an ber Bosheit der Menfchen
fih in eıne Eindde begaben, dafelbft einfam in Hoͤlen und
Klüften gelebet, und der Andacht, und dem Gebete obge⸗
legen haben. Mit der Zeit begaben fir fich in die Zrädte,
blieben beyfammen in einem Haufe, beteten und näyrten
fid) ihrer Hände Arbeit, und wurden Lönobiten genennef.
Nachdem aber die gottfeligen Väter Hieronymus , Bafis
lius, Benediftus und andere, innen gewiſſe Regeln vor—
gefchrieben, nahmen fie nach und, nach ben Priefterorden an,
bezogen bie Klöfter, und widmeten fih dem Studieren,
der genauen Abwartung des Gottesdienftes und der Untere
mweifung der jugend, In der Folge famen, insbefondere
feit dem fechften Sahrhunderte, eine Menge Orden auf,
deren ieder feine eigene Ordensregel und Kleidung hat.
Folgende merfen wir als die vornehmften : 1) Die de
nediftiner (2); fie wurden vom beil. Benediftus im
fehlien Jahrhunderte aeftiftet , und tragen eine ſchwarze
‚ weite Rutte, mit großen und meiten Aermeln, nebft
einer Kappe, die dag Haupt bedeft, aber zugeipist ift, und
ihnen auf den Rüden hängt. 2) Die Rartbeufer (3),
fic haben den Namen von dem Drte Cartreufe oder Cars
tbaufe in Sranfreich , und wurden von Bruno 1086 ges
ftiftet. Sie find weis gefleidet, werben ſelten auffer dem
Klofter geſehen, eſſen niemals Fleiſch, und tragen das
Eilicium, ober härene Tuch flets auf bem bloffen Leibe.
3) Die Rarmeliter (8) ; fie wurden 1160 im gelobten
Lande auf dem Berge Karmel geſtiftet, breiteten ſich aber
hernach auch in ganz Europa aus. Sie tragen einen
fhwarzen Hut, nebft einem meiffen Mantel, und unter
demfeiben einen Francifaner » Habit. 4) Die Srancifkas
ner (5); fie wurden 1205 vom heil. SrancifFus in Jtas
lien geftifter, und tragen einen langen grauen Rock son
Eeee 3 groben
1114 Bunfzigfte Tafel.
‚groben Tuche , nebft einer kleinen Kappe , und gehen in
Holzſchuhen ohne Strümpfe. Ueber den Rock binden fie
einen dicken Strick mit Kndten. 5) Die Dominikaner
(10); fie wurden ebenfalg 1205, vom beil. Dominikus
geftiftet, und find weig gekleidet, twenn fie aber ausgehen,
legen fie noch einen ſchwarzen Mantel und ſchwarze Kappe
an. Weil fie fih vornehmlicd aufs Prebigen legen, fo
nennt man diefen Drten gemeiniglich den Predigerorden.
Sie birigiren in Spanier die Inquiſition, und haben mit
ben Sranciffanern , wegen der unbeflecdten Empfängniß
der heil. Maria große Streitigkeiten. 6) Die Auguftiner
(9); ihnen wurde, feit 1256, bie dem heil, Auguftinus
zugefchriebene Negel zu halten auferlegt. Cie find weis
gekleidet , nebft einem Ueberrocfe von Tuch, und über
denfelben einen fchwarzen Mantel, welchen fie mit einem
ledernen Gürtel binden. 7) Die Auguftiner Bremiten
(4), welche ſchwarz gefleivet find, und in Frankreich
fchon 1200 ihren Anfang genommen haben. 8) Die Cös
leftiner (3) wurden vom heil. Cöleftinus 1274 geftiftet,
und folgen der Negel des heil. Benedikt. Sie tragen
einen weiffen Unterroc und ein (hivarzes SFapularium
oder Schulterrocf mit großen und weiten Ermeln. 9) Die
Pauliner (11); fie wurden um das Jahr 1435 von
Sranciftus aus Paula in Kalabrien geftiftet, heiſſen auch
Minimi, und fragen eine dunkelbraune Kleidung mit einer
zunden Kapuze, beren Aeuſſerſtes vornen und hinten über
die Senden berabhanget , welche fie neben dem Rocke mit
einem woͤllenen Striche von gleicher Farbe gürten. 10)
Die Rapuciner (7); fie find Mönche des Drdens des
beil. Franciſtus, welche unter allen andern bie firengfie
Megel haben und große fpisige Kappen tragen , daher fie
den Namen führen. Sie haben um bag Jahr 1525 ihren
Anfang
Die heil. Epangeliften und Apoftel Iefuzc. 1315
Anfang genommen und Fleiden fich in grobes braunes Tuch,
nebft einen Mantel von gleicher Farbe ; fie tragen Feine
Henden, gehen auf Holsfchuhen, und haben einen härenen
Gürtel über ihren Roͤcken.
Auferdem giebt e8 noch eine fehr große Menge
regulirter Chorberren, regulirter Geiftliben, Moͤnche
und Kinfiedler, 3. &, die Chorherren des heil. Srabeg,
des h:il. Antonius ıc. die Theatiner , die Brüder des heil.
Ambroſius, der Kreuzträger , der Sefuaten,, der heil.
Drenfaltigkeit , des heil. Baſilius, die Kamalduenfer,
Eiftercienfer , Prämonftrafenfer und dergl. Aber eben iezt
ift der Zeitpunkt, da bie meiften Orden reformirt, redur
eirt, und einige ganz aufgehoben werben.
DE NEN —————— —
3.
Beruͤhmte Weltweiſe und Gelehrte
Roms und Griechenlandes.
U den vielen Gelehrten, melde das alte Griechen:
land und Latien , in allen Theilen der Gelehrfamfeit , in
großer Menge aufzumeifen hatte, waren folgende die be>
rühmteften.
1. Lyfurgus (a), ein weifer Fürft und Gefesgeber
der Lacedämonier , welcher ohngefähr 1000 fahre vor
Ehrifti Geburt lebte. Er nahm niemals die Krone an,
welche ihm sfters angeboten wurde ; ſondern ſuchte fein
einziges Glück darinn , fein Volck durch eine weiſe Regie—
rungsart glücklich zu machen. Er forgte inghefondere fuͤr
eine gute Erziehung der jugend — und bewies fich unge-
Eeee 4 mein
1116 Sunfsigfte Tafel.
mein flandhaft und fanftmüthig bey Verfolgungen — Wie.
er denn einft einen ZJüngling , ber ihm im Tumulte ein
Auge ausgefchlagen hatte, zu ſich nahm, ihm beflere Sit,
ten lehrte, und ihn dadurch auf bie heilfamfte Weife beftrafte,
daß es ihm zeitlebens fhmerzen mußte einen fo guten
ann beleidiget zu haben.
3. Pytbagoras (b) der fih zuerft ben Namen
eines Philofopben gab , und ohngefehr 600 Jahre vor
Chriſti Geburt lebte. Er mar ein gebohrner Grieche,
that aus Liebe zur Weisheit große Neifen, machte fich
mit allen damals berühmten Gelehrten bekannt, und begab
fi endlich nach Stalien, wo er eine berühmte Schule er-
richtete. Seine Schüler mußten in den erfien Jahren ein
befiändiges Stillfchweigen beobachten, bis fie es in der
Natur » und Sittenlehre , welche beyde Wilfenfchaften er
vornehmlich lehrte, zu einer Fertigkeit gebracht hatten.
Auch er hatte wegen feiner Weisheit viele Verfolgungen
zu dulten , bis er endlich aus feinem Haufe, dag feine
Feinde in Brand fleckten, geiagt und, tie einige fagen,
ermorbet wurde.
3. Plato (se), ein gebohtner Athenienfer, welcher
ohngefehr 500 Jahre vor Chrifti Geburt lebte. Er wid—⸗
mete fich anfangs der Mahlerey und Dichtkunft , mehlte
aber in der Folge die Weltweisheit, und brachte eg in
derfelben, als ein Schüler des Sokrates, und durch feine
vielen gelehrten Neifen fehr weit; foll auch Mofis Schrife
ten gelefen, und baraus viele8 von feiner Gelehrfamfeit
gefchöpft haben. Das Altertbum nannte ihn den Götts
liben , und auch den Neuern find feine Schriften und
Verdienſte ſehr verehrungsmärbig , vornehmlich feine
vielen fchriftlich hinterlaffenen philefopbifihen und politifchen
Dialogen.
4 Ari
Die heil. Evangeliften und Apoftel Jeſuꝛc. 1117
4. Ariftoteles (d), des Plato vornehmfter Schüler
und Stifter der peripatetifchen Philofopbie in Sriechen.
land, aus Stagira in TIhracien gebürtig. Er hatte bag
große Verdienft , die meilten bisher vorgetragenen menſch—
lichen Kentnüfe in einen Zuſammenhang zu bringen , und
dadurch die meiften philoſophiſchen Syſteme zu gründen,
Auch Irch Me humanifiifchen Difeiplmen bat er fich durch
feine Rhetorik fehr berühmt gemaht. Er mar fünf Jahre
der lehrer des großen Aleranderg , ber ihn mit gtoßen
Geldſummen bey Ausarbeitung feiner Schriften unterſiuͤzte,
zulest aber bis auf ben Tod haffete,
5 Diogenes le), ein Philoſoph ohne alle Lebensart
und Konduite, welcher ebenfals zu Alexanders Zeiten, in
Griechenland fich berühmt machte, und eine eigne Sekte,
die eyniſche, ſtiftete. Er beſaß nichts als einen Mantel,
den er bey Lage ftatt eines Kleides und bey der Nacht ale
ein Bette gebrauchte — fchlug feinen gewoͤhnlichen Aufent,
halt in einem großen Weinfaße auf , lebte äufferft unges
mungen und unflätig, und machte fich durch allerley fel.
tene Auftritte lächerlich, wenn er z. E. bey Tage mit einem
Lichte ausgieng, Menfchen zu ſuchen, u. vergl.
6. Demoftbenes (f), ein berühmter griechifcher
Medner, welcher obngefehr 400 Jahre vor €, ©, lebte.
Er hielt und hinterließ viele Neden von bemundernswiürdi.
ger Stärke, Erhabenheit, Feuer und Eindringlichfeit,
durch welche er bey dem Wolfe alleg augrichten, Eonnte.
Er hatte anfangs eine harte Ausſprache, die er aber durch
unermüdete Uebungen nach, und, nach zu verbeffern und ſehr
angenehm zu machen wußte.
7. Theopbraftus (g), ein Schüler des Ariſtoteleg,
ein berühmter Weltweifer der vornehmlich glücklich, war. in
Eeee 5 Schil⸗
1118 Funfzigſte Tafel.
Schilderung der verſchiedenen menſchlichen Karaktere.
Er hatte immer gegen 4000 Schuͤler, war ungemein fleißig,
freygebig , und in netter Kleidung und Lebensart, des
Diogenes Antipobe.
8. Cicero (h), der berühmtefte römifche Staatsmann
und Mebner , lebte ohngefehr 70 Fahre vor C. G. Er
bildere fich in Griechenland nach den beften Philofophen und
Rednern, wurde darauf in Nom zu den hoͤchſten Würden
erhoben , that mit feinen Sffentlich gehaltenen Neden Wun-
der der Beredbfamfeit und Ueberredbung , und hinterließ,
im beften Latein , eine Menge Schriften al® Lehrer und
Beyſpiel der beften Nedefunft und Moral. Gegen das
Ende feine® Lebens trachfeten ihm feine Feinde nach dem
Leben — Er flüchtete auf eines feiner Landgüter, ward
aber auf bem Mege von feinen Verfolgern eingeholt, nnd,
nachdem er felbft ſtandhaft feinen Kopf zur Sänfte heraus
fireckte, im 64 Jahre feines Alters, hingerichtet.
9. Thales (i), ber erfte unter ben berühmten fieben
Weiſen Griechenlandes, machte fi vornehmlich durch
feine Meß - und Sternkunde berühmt. Er fol zuerft die
eigentliche Befchaffenbeit ber Sonnen - und Mondgfinfter
niffe entdeckt, auch das Jahr in 365 Tage eingetheilt Haben,
Sein Wahlfprudy war: Erkenne dich felbft! (Die übri-
gen Weifen waren : Solon, Ehilon, Pittafus, Aleo:
bulus, Bias und Periander.)
10. Sofrates (k), ber größte Weltweiſe Briechen«
tandes, Siehe von ihm in der folgenden Tafel, n. 3.
tr. Rato (1), ein ernfihafter und reicher Roͤmer,
der fich von Jugend auf übte, eine harte Lebendart zu
führen , Groß und Hize, Hunger und Durft und alle
Beſchwer⸗
Die heil. Evangeliften und Apoftel Jeſu ec. | a LG
Befchwerlichfeiten de8 Lebens gelaffen zu ertragen. Er
“ belleidete eine der vornehmfien Würben im römifchen Staate,
und hielt viel auf fein Vaterland — ia, er frieb es in
tiefer Vaterlandsliebe fo meit, daß er fich felbit dag Leben
nehm, da er den Verfall deffelben und Caͤſars Herfchfucht
nicht mehr aufhalten Eonnte.
12. Antoninus (m.), römifcher Kaifer im zweyten
Jahrhundert nach Chrifti Geburt. Er befam, ſowohl
wegen feiner Weisheit und Gelehrfamfeit, als auch wegen
feiner Iehrreichen , pbilofopbifcben Betrachtungen, bie
er in griechifcher Sprache herausgab , den Beynamen:
der Pbhilofopb.
1
4.
Tonnen.
en oder Rlofterfrauen werden in der roͤmiſchka—
tholifchen Kirche dieienigen Frauen oder Jungfrauen ges
nannt, bie fi aus Andacht der weltlichen Eitelfeit, unter
dem abgelegten, gewöhnlichen, dreyfachen Geluͤbde, bes
geben, ein Klofter beziehen, und fich den Regeln deffelben
unterwerfen. Insgemein wird die heil. Marcella, eine
Schülerinn des heil. Hieronymus, welche 409 flash, für
die Stifterin der weiblichen Kloftersifeiplin gehalten. Und
nun bat das Frauenzimmer , feit etlichen Jahrhunderten,
fo gut, wie das männliche Geſchlecht, feine geiftlichen
und weltlihen Orden, unter denen folgende die merkwuͤr—
digften find: 1) Die Eiftercienferinnen (1), welche
einen weiffen Habit , nebft einem ſchwarzen Sfapulier und
Weihel tragen (Skapulier beißt dag Schulterkleid,
dag
1120 Faunfzigſte Tafel.
das die Nonnen an feibenen Fäden und Schnüren umhan-
gen. Es befteht aus zwey Fleinen Breiten, oder vier
edigten Stückchen oder Fleckchen Tuch, wovon die eine die
Bruft und die andere den Nücken bedeckt. Weihel nennet
man ein son Schleier oder Flor gemachtes langes Tuch,
welches fi) die Nonnen, flatt einer Haube , über dag .
Haupt, um das Geſicht herum , zu ſtecken pflegen.)
2) Die Benediftinerinnen (2), deren Drden von ber
Scholaſtika, des heil. Benediktus Schweſter, 530 geftiftet
wurde. Sie Fleiden fih ganz ſchwarz, und haben über
ihren Habit einen fogenannten Mettenmantel mit weiten
Ermeln. 3) Die Rapucinerinnen (3) führen eine über;
mäßig firenge und faft unerträgliche Febengart, und geben
in grauer Kleidung , welche in einem mit einem Stricke
gegürteten Node, und einem kurzen Maͤntelchen von fehr
fchlechtem Zeuge befteht. Sie geben barfuß, und bedienen
fih feines Sfapulierd. 4) Die Urfulinerinnen (4),
welche eine italienifhe Jungfrau Angela von Brescia
1540 ftiftete, geben ganz weis, ‚und fird mit cinem ſchwar—⸗
gen Mantel umgethan. 5) Die Karmeliterinnen (5)
gehen in einem weißen Mantel und in einem grauen oc
gekleidet. 6) Die Wiskarinerinnen oder eoyptifche
Rlofierfrauen (6), welcher Drden von der beil Syn:
Zletifa fchon 318 geftiftet worden. Sie giengen auf
Einfiedler Art, im grauen Habit , mit einem fchwarzen
Mantel betleidvet. 7) Die Dominifanerinnen (7); ihre
Habit und Sfapulier ift weis, das Haupt aber mit einem
ſchwarzen Weihel bedeckt. 8) Die Philippinerinnen (8)
in Rom. Sie tragen einen fchwarzen , wöllenen Noc,
über welchem fie ein weiß leinenes Chorhemd tragen. Sie
guͤrten fich mit einem weiffen Stricke, haben auf der Bruft
ein ſchwarzes Kreug, auf dem Haupte einen ſchwarz und
weiſſen
Die heil. Evangeliften und Apoſtel Jeſuꝛrc. 11
weiffen Weihel, und bebecken ihre Angeficht mit einem
weiffen Tuche. 9) Die Sranciffanerinnen (9) haben
einen grauen Noch, den fie mit einem Stricke umgürten;
dabey gehen fie barfuß, und bedienen fich großer hölzerner
Schuhe. 10) Die Auguftinerinnen (10): Sm Jahre
390 foll diefen Drden bes heil. Auguflinus Schweſter, die
beil. Perpetua geftifter haben: Ihre Kleidung ift ein
fchwarzer Unterrock und ein weiſſer leinener Oberrock,
nebft einem weiffen vom Haupte bis auf die Füffe reichenden
Mantel , der mit lauter rothen Kreuschen geftickt ift.
11) Die Rartbeuferinnen (11). Sie Fleiden fih in
einen ſchwarzen Weihel, einen weiffen Roc, eine Patience
(Leibrock) und ein Sfapulier. Diefer Drden iſt der aller
firengite , denn die Nonnen tragen ein hären Kleid, effen
fein Fleiſch und leben fo enge eingeſchloſſen, daß ihnen
nicht einmal vergönnet wird, mit ihren Blutsfreunden zu
fprechen.
Veberhaupt werden die Nonnen, welche in iebeiti
Klofter unter einer Aebtiffin oder Priorin ftehen, unter
größerer Aufficht gehalten als die Mönche. Es darf nie
mand zu ihnen Eommen, und die fie fprechen wollen, müfs
fen diefes, in Gegenwart anderer, am Spraͤchgitter thun.
Ehe fie in das Klofter aufgenommen werben , müffen fie
zuerfi, wie die Mönche, das Probeiahr oder Noviziat
. aushalten, binnen welcher Zeit man die Novizen (melde
im Klofter aufgenommen zu werben begehren) zuerft pro,
birt , ob fie auch zur Ordensregel anhaltende Luft, Ernſt
und Fähigfeit Haben ; nach welcher Zeit eg ihnen frey ſteht,
entweder völlig Profeß zu thbun, oder das Konvent
wieder zu verlaffen.
Die Einfleidung einer Nonne ift mit vielen Feyer⸗
lichfeiten verbunden. Zuvoͤrderſt werden Kleidung, Schleyer
und
7 a =
7 : BE
SS ER
1122 Funfzigſte Tafel.
und Ring ber eingufleidenden Frauensperſon auf den Altar
gelegt, und fie felbft, unter der Begleitung ihrer nächften
Verwandten , vor ben Bifchof geführe. Zwey ehrmür«
dige Matronen bedienen fie als Brautmütter. Hierauf
folgt die Haltung dee Meffe und die Ermahnungs-Rede
an die einzufleidende Perfon, welche folche Eniend anhoͤret,
mwoben der Chor die gewöhnlichen Litaneyen anſtimmt.
Nun fpricht der Bifchof den Segen , meihet die neuen
Klofterkleider mit Weihwaſſer, und nachdem foldye von
der neuen Nonne angezogen worden, fingt lestere auf ben
Knien: Ih bin Ehrifti Magd zc. Hierauf empfängt
fie den Schleyer , den Ring (als ein Zeichen ber Ber»
maͤhlung mit Chriſto) und den Kranz ber Sungfraufchaft.
Endlich wird allen denen der Unfegen angefündiget, welche
die neueingefleidete Perfon zu Brechung ihrer Geluͤbde
verleiten wollen , und nach der Kommunion erfolgt die
Uebergabe unter die Aufficht der Aebtiffin.
Der RofenEranz oder Paternofter , den die Mönche
und Nonnen bier am Arme haben, ift eine lange Schnur,
die aus lauter runden Küchelhen und Kernern von wohls
riechenden Holz , Knochen, Korallen, Achat, Gold oder
Silber gedreht und gefchnitten find, und deren man fich im
Beten bedient, um die Vater unfer und Ave Maris
barnach zu zeblen (Das Ave Maria befteht in einer
Gebets » Formel, welche aus dem Gruße des Engeld
Gabriel an die Jungfrau Maria, und einigen angehängten
Bitten befteht.) Ueberhaupt hält der Roſenkranz funfs
zehnmal gehn Ave Maria in ſich, und ift iedes zehnte mit
einem Paternofter unterfchieden. Es bedeutet ſolches dag
Gedaͤchtniß der fünf freudenreichen , fünf fehmerzlichen,
und fünf glorwürdigen Geheimniße. Die fünf freudens
reiche Gebeimniße find ; Die Verkündigung und Beſu—
Kung
Die heil, Evangeliften und Apofiel Jeſurc. 1123
hung Maria, die Geburt Chriſti, die Reinigung Maris,
und die Lehre Chriſti im Tempel, wo ihn feine Eltern
wieder fanden. Die fünf ſchmerzlichen Gcheinmiffe find:
Die TIodesangft unfers Heilandes im Delgarten , feine
Geiſſelung, feine Krönung mit Dornen , feine Laſt dig
Kreuzes, weiches er an den Nichtplaz trug, und feine
Kreuzigung. Die fünf glorwärdigen Gebeimniffe find:
Die Auferftehung und Himmelfahrt Chrifli , die Sendung
bes heil. Geiſtes, die in ber Fatholifchen Kirche geglaubte
Auffahrt Marid, und ihre Krönung im Himmel.
5.
Zwoͤlf der beruͤhmteſten ausländifchen +
Baͤume.
N der Haupfeintheilung der Bäume ( Tab. I, 8.) find
unter ben ausländifchen Bäumen bie berühmteften:
3, Die Leder von Kibanon (a). Sie hat diefen
Namen daher, weil man fie auffer dem Gebirge Libanon
nicht häufig antrift; ob man gleich einigen, mehr. fichter:
ähnlichen Bäumen in Siberien und auf den Aipen den
Namen Ceder zu geben pflegt. Diefer Baum, welcher
vornehmlich durch die Gebäude des Königes Salomo be»
ruͤhmt worden ift, bat fleife, fpizige Nadeln, eine graus
braune Rinde, welche lange Zeit glatt und glänzend bleibt.
Er ift Höher und dicker als Tannen und Fichten , doch
trift man iezt auf dem Berge Libanon nicht über zwanzig
alte Eedern mehr an. Die größten darunter follen ſechs
und dreyßig Fuß im Umfange halten. Das Holz, welches
eine
b
ER
*
2124 Funfzigſte Tafel.
eine rothe Farbe hat, ift hart, wohlriechend und fehr
dauerhaft.
2. Der Granatbaum (b). Er wächft in Stalien,
Spanien und Frankreich hauffin, und trägt eine rımde
roͤthlichbraune Frucht oder Apfel, der fo arof als eine
Pomeranze ift ; ein röthliches , ſuͤßes Fleiſch, Saft und
Kerne hat, Und geeffen werden Fann,
3. Dei Raftenienbaum (c) waͤchſt ziemlich hoc)
und breit, und bat breite Blätter und ein fehr veſtes
Hol, das auh im Waſſer nicht faul. Seine Blüthe
fit an einem langen Style, daran jich vier big acht, und
oft mehrere runde fluchlichte Nüffe anfegen. Die vom
füffen Raftanienbaume, der in groͤßer Menge in Spa:
sien, Portugall und Italien waͤchſt, ift man mit Vergnü-
gen, aber bie bittere Frucht dee wilden Aaftanienbaus
nies, der häuffig in Deutfchland wächft, wird gewöhnlich
den Schweinen vorgegeben,
4. Der Korbeerbaum (d), waͤchſt in Stalien wild,
dag heift , in Menge auf freyem Felde und in Wäldern.
Er ift immer grün, und feine Blätter werben in der Küche
gebraucht. Es giebt verfchiedete Gattungen deffelden,
davon einige Firfchenähnliche Früchte tragen.
5. Der Muskatnußbaum (e), melder am häufig.
ften auf der oftindifchen Inſel Banda waͤchſt, ift fo groß als
unſre Apfelbäume, und trägt gewöhnlich dreymal des Jahre
Fruͤchte, die von auffen den Pfirihen ähnlich fehen.
Wenn die Frucht reif ift, plazt die aufferfie Schaale auf,
und fällt entweder allsin, oder famt der Nuß und ber
fogenannten Muskatbluͤthe ab.
6. Der
1
Die heil. Evangeliſten und Apoſtel Jeſurc. 1125
6. Der Palmbaum (f), unter denen, auſſer dem
Dattel : und Rofusbaum, der Areka oder Pinang ber
vornehmſte iſt, waͤchſt in Oſtindien, und hat einen gera-
den , ohngefehr 20 Ellen hohen, mit erhabenen Eirfeln
befesten Stammy deſſen Gipfel nur Blätter von einem fas
ferigten Gemebe ohne Zweige trägt. Der Stamm enthält
ein weiches, weiſſes Mark, umd die Frucht bat eine läng-
licht runde, gelbroͤthlichte Geſtalt. Die Palmen erreichen
bisweilen ein Alter von zwey bis dreyhundert Sahren.
7. Der Dattelbaum (8) gehoͤret unfer die Palnıen,
und iſt vornehmlich wegen feiner Frucht berühmt, welche
fo groß als eine Pflaume if, und einen fleifchernen
Umfchlag hat, den man eflen kann. Aus den Blättern
machen ſich die Indianer alles was fie brauchen,
3. Der Seigenbaum fh), wird in Portugal,
Spanien, Stalien und mehrern warnen Laͤndern, wo er
haͤuffig auf fregem Felde waͤchſt, viel größer als bey ung,
Die Frucht wird getrocknet, und in Menge verſchickt.
9. Der Litronenbaum (i) wählt ebenfals bäuffig
in Portugal, Spanien und Stalien, und iſt fo groß alg
ein Zwetfchenbaum , immer grün , und bat faſt immer,
zu gleicher Zeit, Blüthe, halb - und ganz reife Früchte,
Io. Der Pomeranzenbsum (k) Fam: urſpruͤnglich
aus Sina, und wurde allenthalben verpflanzt. Er ſieht faſt
ganz dem Eitronenbaum gleich, Er hat bittre und ſuͤſſe
Fruͤchte; und ſind noch immer die aus Sina, welche daher
auch Appel de Sina heiſſen, die beſten.
ı1. Det Mandelbaum (1) waͤchſt bäuffig ir Sraffon
und Frankreich, und Fommt dem Pferſichbaum beynahe in
Sfff allen
ı126 FFunfßigſte Tafel.
allen gleich. Bine Frucht it ein länglichter platter
Kern, und dem Gefchmade nach füge odır bitter. Es
giebt auch Krackmandeln oder bünnchalige, und bark
fhälige Mandeln.
i2. Der Rofosbaum (m) ift ein Dalmbaum, und
vornehmlich wegen feiner Frucht befannt. Diefelbe iſt eine
große faft dreyedigte Nuß, welche oft fo groß ald eim
Kindsfopf wird. Sie hat einen mandelfüffen Kern und
füße Milch, daher in Afien und Amerika viele faufend
Menfchen davon leben. Aus dem Eafte biefes und der
übrigen Palmbäume wird ein füller Wein gemacht.
6.
Der Schloßer.
N. Schloßer oder Kleinſchmied verfertigt aus Eifen
und Stahl, Schlöffer und andere Befchläge an Thüren
und Zenftern , allerley Arten Bänder , Riegel, Ringe
und Handhaben, eiferne Thüren, Geldkiſten, Gitter» und
Eprengwerfe, Bratenwender und Uhren, ingleichen aller
ley grobe Arbeit an Stüden, Pöllern und berg. Er
gebraucht dazu eine Eſſe, Zangen, Umboffe, Meiffel,
Blechfcheeren, Schraubftöce, Geſenke Formen) Kluppen,
Seilbogen, Feilen, Bohrer, und dergl.
Ein Schloß , als womit fich der Schloßer am meis
fen befchäftigen muß , befteht aus einem Bleche, moran
Bag Uebrige haftet, in einem ober mehr Riegeln, fo
burch das Gefieder Hefperret werben , einem einfachen
oder doppelten Eingerichte, Dorn, worauf der Schlüßel
einge.
vage
Die heil. Evangeliften und Apoftel Jeſuec. 1127 & J
X
*
F
eingeſteckt wird, und zugehoͤrigem Schluͤßel. Es giebt
deutſche und franzoͤſiſche Schloͤſſer. Kin Blindſchloß
heiſſet, das uͤberdeckt, und anders nicht, als mit dem
Schluͤßel, es ſey von innen oder von auſſen kann geoͤffnet
werden. Ein Vorhaͤngſchloß, das nicht an der Thür
veſt iſt, ſondern von einem Anwurf in bie Krampe ges
haͤngt, und alſo verſchloſſen wird. Der Schluͤßel wird
insgemein von Eiſen gemacht, und beſteht aus einem
Ringe, an welchem er angehaͤngt und aufgedrehet wird,
aus einer Roͤhre, welche uͤber den Dorn, durch das
Schluͤſſelloch in dag Schloß hineingeſtoſſen wird, und
aus einem Barte, der an dem andern Ende der Roͤhre
angenietet , den Riegel inmwendig im Schloße faßt, und
durch das Umdrehen oͤffnet. Diefer ift durchbrochen,
wenn das Schloß inwendig ein Gewinde hat.
Auf der Tafel fieht man : 1) im ekſten Fache (A),
die Werfitstt des Schloßers mit allem nothwendigen
Werkzeuge — 2) im zweyten Fache (B) folgendes: ein
englijhes Thüren: Schloß (a), ein Vorleafchloß (b),
eine Schloßpkstte (c), einen deutſchen Schlüffel (d),
einen franzoͤſiſchen Schlüßel (e), eine Cochſcheibe (f),
eine Kloppe zu den Holsfchrauben (g), ein Sperrhorn,
Sachen zu biegen (h) die Bogenfeile (i), den Schraus
beſtock (k) mit feinem Schlüßel (l), das Sperrzeug
(m) Schlöffer zu eröfnen.
——en CE
Sfffe 7»
ı123 Funfzigfte Tafel. |
m YENLTERELER
J
Der Nordwind und die Sonne.
Eon forderte , mit ſtarkem Braußen,
Yuf gute Renomiften » Art,
Wind Boreas von Sturm und Sauffen
Ganz aufgebläht, die Sonne aus.
Laß fehn, rief er, der Falte Mann,
er unter ung am meiften kann!
Du fiehft dort ienen Wandersmann,
Der einen Negenmantel trägt?
Laß fehn, mer ihn zuerft bewegt
Daß er den Mantel von fich legt.
Der Nordwind nahm nun beyde Backen voH.
Je mehr er aber blies und pfiff
Se mehr der Wanderer nach feinem Mantel griff,
So, daß er ihn nicht fahren liefle,
Und wenn fich diefer rafend blieffe —
Nun fam der warme Sonnenfchein
Und ließ von feinen beften Strahlen
Nur wenige auf unfern Pilger fallen —
Gleich) ward der Mantel abgenommen,
Um defto leichter fortzufommen.
Durch Sanftmuth und Gelindigfeit
gäßt fi) der Menfchen Herz viel eher noch bewegen
Die böfen Sitten abzulegen,
Als durch Gepolter , Sturm und Streis —
8.
Die heil. Evangeliften und Apoſtel Jeſuꝛc. zıar
8.
a und Gottheiten der alten
Deutfchen,
©. viel man von der nod) fehr dunfeln Gätterlehre und
Religion der alten Deutfchen oder Scythen weiß und
fagen kann, fo war diefelbe, wie überhaupt ihre Sitten
fehr einfach und ungefünftelt. Sie waren unter den üÜbris
sen Heiden in fo ferne die vernünftigften , weil fie lange
Zeit nur einen Gott anbeteten,, der wegen feiner linend«
lichEett in Feine Tempel eingefchloffen fey , vielweniger in
einem Bilde wohnen koͤnne. Sie hatten alfo anfangs
weder Untergötter , noch Goͤtter und Halbgötter — bie
endlich ihre Kolonien in Europa den Begriff von dem hoͤch—
ſten Wefen durch Zufäze änderten, und gleich den Römern
und Griechen, mehrere Gstter anbeteten,
Die berühmteften Gottheiten der alten Deutſchen
waren folgendes 1) Tuiffo (a), mwelder für ben
älteften Goͤzen und Stammvater ber Deutfhen gehalten,
auch Theuth , Thotb genannt wird. Er murbe
‚ als ein alter König abgebildet, mit einem grauen, gro⸗
großen Barfe, mit der rauhen und haarichten Haut
eines milden Thiere® umgeben — in der rechten
Hand hält er einen Zepter , und die linfe fireckt er aus,
als ob er feinem Volke etwas wichtiges vorzufragen hätte.
Bon ihm fol der Thustag oder Dienitag feinen Namen
haben, 2) Wodan oder Bdin (b), gleichfalg einer der
erften und älteften fenthifchen Götter. - Er fol anfangs
ein großer Kriegsheld und Schwarzkuͤnſtler geweſen ſeyn,
öfffs und
1130 Sunfzisfte Tafel,
und fich durch feine Berrügereyen ein großes Unfehen er.
worben haben. Er führte in feiner rechten Hand ein ent
bloͤßtes Schwerdt, und in der linfen ein kleines Schild.
Seine Schuhe waren länglicht zugefpizt , und fein Haupt
ſchmuͤckte eine fchöne Krone. Er war vornehmlid der
Gott deg Krieges, und fol von ihm ber MWodens
tag (Mittewoche) feinen Namen haben. 3) Frya,
Friga, Sreya (ce), Wodans Gemahlin , eine ber vor
nehmften Göttinnen ber alten Sadıfen. Sie wird halb
Mann und halb Weib abgebildet; der obere Leib war wie
eines gemaffneten Soldaten , der untere Leib als eines
Meibes mit einem langen Node. Sin der Rechten hält fie
ein entblößtes Schwerbt, und in der Linken einen Streits
bogen. Sie twurde vornehmlid am Sreytage, ber von
ihr den Namen hatte, angebetet. 4) Thor, Thur oder
Donnergott (d), Wodans Sohn, wurde ale ber All⸗
mächtige in prächtig vergoldeten Tempeln verehret. Auf
feinem Haupte trug er eine goldene Krone , und um bie
felbe waren zwoͤlf goldene Sterne angeheftet. In ber
rechten Hand hielt er einen Zepter. Er bewieß feine
Herrſchaft vornehmlich in der Luft, über Wind und Wols
fen, und gab, wenn er erzürnet war, Ungewitter; nach
feiner Berföhnung aber gutes Wetter und fruchtbare Zeiten.
Don ihm befam der Donnerftag feinen Namen. Auffer
biefen vier Haupt» Gottheiten war auch der Krodo oder
Satar (von welchem der Samſtag benennet wurde) und
die Irmenſul bekannt. (Tab. XVII, 3.) Die übrigen
aber, 3. E. Radegaſt, Flyns, Schwantovis, Siva,
Triglas , und Prono , find mehr ausländifhe , meift
felasifche oder wendifche Goͤtter gemefen.
Die Verehrung und Anbetung der Götter wurde won
den alten Deutfchen night in Tempeln fondern in Haynen
verrich⸗
Die heil. Evangeliften und Apoftel Jeſuec. 1131
verzichtet, dazu fie fih vornehmlich die Kichhayne vou
großen alten Eichen erwehlten. Die maieftätifche , ehr.
wuͤrdige Stille derfelben flößte ihnen heiligen Schauer und
Ehrfurcht vor der Gottheit ein. N Ihre Prieſter waren die
Druiden und Barden, und ihre Priefterinnen die Alvaus
nen, welche fämtlich von gutem Gefchlechte ſeyn mußten,
weil fie viel im Negimente zu fprehen hatten. Ste opfers
ten Thiere, Pflanzen, auch dann und wann Menfchen,
vornehmlich Miffethäter und Gefangene.
Ueberhaupt waren die alten Deutſchen ein gang
a rohes Volk, welches noch ziemlich) nahe an den Stand ber
MWildheit gränzte, und foiglih ale Tugenden und alle
Lafter eines ungefitteten Zuftandes hatte. Wenn fie bes
Morgens auffiunden , welches gemeiniglid lange nach
Anbruch des Tages gefchahe , fo babeten fie fih. Nach
bem Bade afen fi. Bey dem Effen Hatte ieder feinen
Pla; und feinen Tisch befonderd. Drauf gieng man bes
mwafnet zur Arbeit oder zum Schmauße. Tag und Nacht
mit Trinken zujubringen, mar bey ihnen Feine Schande.
Die häufig beym Trunke vorgefallenen Zwiftigkeiten wurden
mit den Degen , und nit mit Wortfireit abgethan-
Bey Gaſtmaͤhlern ſoͤhnten fic) Feinde aus, wurden Heys
rathen gefchloffen , Fürften gewählt ,„, über Krieg unb
Frieden beratbichlagt ; als ob zu Eeiner andern Zeit ihre
Gemüther zu ganz gemeinen Gedanken offen , und zu gro⸗
fen Gedanken warm genug wären. Ein Volk, baszohnes
dem zu feiner Arglift aufgelegt war, eröfnete die Geheims
niffe feines Herzens noch mehr an einem Drte, wo
Freyheit und Frölichkeit herrſchte. Wenn auf diefe Weife
die unverftellte Gefinnung eines ieglichen befannt war, fo
nahm man den andern Tag die Sache noch einmal vor?
und dieſe Behandlung ber Gefchäfte in fo verfchiedenen
Sifs Zeits
*
—
1132 | | Funfßzigſte Tafel.
Zeitumftänden war von großem Nuzen. Man Beraths
fhlagte ſich, wenn man zur Verftellung unfüchtig war,
und faßte einen Entfchluß bey nüchternem Muthe, wenn
man feinen Irrthum zu beforgen hatte. Zum Gerträufe
diente ihnen das Bier, wiewohl bieienigen , welche an
ben Ufern des Rheins wohnten , fih aud Wein zu ver⸗
fchaffen füchten. pre Speifen waren ganz fchlecht und
wenig Eoftbar ; Nepfel, Wildpret, genommene Milch,
das war alleg, Sie befriedigten ihren Hunger ohne gene
Zubereitungen , ohne erfünftelten Wohlgeſchmack. In
Vergnuͤgung des Durſtes waren fie nicht fo mäßig. Sie
haften nur eine Art vom Schaufpiele, welche bey allen
Verſammlungen wiederholt wurde. Nackte Sünglinge,
die fich daraus ein Vergnügen machten, fprangen zwiſchen
bloßen Schwerdtern , und den Spizen der Spiſſe herum.
Das mar erft eine bloffe Uebung, nachher machte man
eine Kunſt daraus, und vie Kunft lehrte e8 mit einem ge»
wiſſen Anftande verrichten. Unterdeffen gefchahe es nie um
eines Gewinftes willen, es fey denn, daß man dag Vers
gnuͤgen, welches die Zufchauer an biefem tolfühnen Muth«
willen fanden, für eine Belohnung anfehen weilte,
Das Spiel war bey ihnen , felbft wenn fie nüchtern
waren ; und mitten unter ernfthaften Geichäften , ſehr
gewoͤhnlich. Sie wagten auf Gewinn und Berluft fo viel,
daß wenn fie alles verfpielt haften, fie endlich ihre Frey—
“beit und ihre Perfonen aufs Epiel festen. Wer verlohr,
begab fi) ohne Widerrede in die Knechtſchaft. Er mochte
noch fo iung, noch fo ſtark feyn, fo ließ er fich gutwillig
binden und verkauffen.
EEE TE ET SEE,
Die heil. Evangeliften und Apoftel Jeſurc. 1133
9.
Eine Bekehrungs-Geſchichte.
En frommer Biſchof hatte eine ſehr boͤſe Mutter, welche
ſich auch in ihrem hohen Alter noch nicht beſſern wollte.
Sie hoffte immer auf ein langes Krankenlager — und
dann , glaubte fie, mar’ es noch Zeit genug, ſich zu
bekehren.
She frommer Sohn gab ſich von Zeit zu Zeit alle
Mühe ihr biefen gefährlihen Wahn zu benehmen, und fie,
durch die beften Vorſtellungen, auf andere Gedanfen und
auf den Weg des Lebens zu bringen. Aber al fein Bitten,
al fern Predigen war vergebens.
Endlich ſuchte er feine guten Abfichten durch andere
Mittel zu erreichen, und eg gelang feiner Klugheit, durch
folgende weiſe Veranftaltung feine Mutter zu retten; Er
bat fie, bey einem prachtvollen Mahle zu erfcheinen, das
er am nächften Abend anftellen wollte, und gieng, da die
Zeit herbey Fam, und es ſchon etwas finjter wurde, feiner
Mutter , mit einigen Bebienten entgegen ; aber feiner
durfte Licht anzuͤnden, oder Fadeln und Laternen mitneh-
men. Er bolte fie bald ein, und gieng immer , da eg
nun fehr dunkel wurde, neben feiner Mutter her. Diefe
verrounderte fich fehr darüber , daß ihr Sohn in biefer
Dunkelheit noc keine Lichter anzünden lieg — der Meg
war auch nicht der beſte, amd die Alte ſtieß fich faft alle
Augenblicke an die vielen Steine, die in demfelben lagen,
Sie wußte noch übertieß , daß fie einen weiten Graben
paßisen mußte, über welchen nur ein ganz fihmaler Steg
Seffs gieng —
2134 Sunfsigfie Tafel.
sing — Sie bat alfo ihren Sohn dringend, ex möchte
doch Lichter anzuͤnden laſſen — ber Weg waͤre ia gar zu
ſchlimm, und leicht koͤnnte fie den ſchmalen Steg verfehlen,
und unverſehens in den Graben flürjen —
Es Hat ſchon noch Zeit, fagte der fromme Sohn —
fobaldb wir aber an den Graben kommen, will ich Fichter
anzünden laffen — Wie tounderbar , flel ihm bie Mutter
vol Angft und Xerger in die Nede, mir fehen ia nichts,
und Finnen alfo auch nicht wiffen, mann wir an den
fhmalen Steg fommen — wir koͤnnen unglüdlich werden,
und benfelben serfehlen , ehe noch die Lichter angezündet
werden —
Da fie num file flund, und nicht weiter gehen wollte,
ftellte ihr der fromme Sohn unter dieſem Bilde ihr unbe
hutfames Verhalten in Unfehung der Emigfeit recht lebhaft
vor die Augen — Macht Ihrs doch, rief er, mit Eurem
Gange über die Bäche des Todes gleich alfo — Ihr wollt
das Licht der Vernunft und dee Offenbarung nicht annch.
men — She boffet auf bie legten Augenblite — aber
werdet She da, wenn Eure Simmen dunfel werden, und
Eure Kräfte verfchtvinden, ben Weg zum Himmel finden
koͤnnen?
Und nun erkannte das bisher unbeugſame Herz der
ſichern Mutter ſeine Thorheit — Vollkommen uͤberzeugt
von derſelben und von dem Werthe der Religion fiel ſie
ihrem Sohne um ben Hals, dankte ihm für feine unermuͤ⸗
Bete Treue und Liebe, gelobte Beflerung , und nüzte noch
Bie angenehme Zeit, zur Buße, und zur guten Vorberei⸗
tung auf die Ewigkeit.
——— —— —
Ein
1185
TER TREFFER at
Ein und funfzigfte Tafel,
I.
Die Steiniaung des heil. Stephanus.
Chriſten⸗ Berfolgungen.
W— Chriſtus ſeinen Juͤngern geweiſſaget hatte, daß
er fie ſende wie Schaafe unter bie reiſſenden Wölfe,
daß fie von allen Menfchen würden gehaffet und verfolet
werden — dieß traf alles ein. Die Apoftel hatten faum
angefangen zus bezeugen, Chriflus fey vom Tode erfianden,
fo murden fe ſchon von dem hohen Rathe zu Serufalem
besiegen mit Schlägen beftrafe. Sa, es währte nicht
lange , fo fieng man an, die glaubigen Befenner Jeſu
Chriſti zu tödten. Stephanus, ein Mann soll Geiftes
und Rechtfchaffenheit , war der erſte, der des Märtyrer,
Todes flerben mußte. Er war einer von ben heiligen
Männern, welche über bie Güter der erfien chriftlichen
Gemeinen gefezt waren , und für die Armen unter ihnen,
für die Wittven und Waifen zu forgen hatten. Derfelbe
predigte dag Evangelium mit großer Kraft und Freubdigkeit,
und beftätigte daßelbe mit herrlihen Wunbdern. Dieß
verdroß dem größten Theile Fer Juden, insbefondere die
Schriftgelehrten und Phariſaͤer. Mean führte ihn alfo mit
Ungeftümm vor die iüdifche Obrigfeit. Stephanus fagte
ihnen , eg fey nicht recht gemwefen , baß fie den guten,
frommen , son Gast gefandten Jeſum, ber in feinem
Leben
1136 Ein und funfjigfie Tafel.
Leben nichts ald Gutes gethan hatte, haben umbringen
laſſen. Ueber diefe Reden wurden fie noch mehr gegen
ihn aufgebraht — allein Stephanus achtete ihres Grims
mes niht — Gott, fein Helfer, erquickte ihn mitten in
feiner Verantiwortung auf eine aufferordentliche Weife —
Er fahe den Himmel offen, und Jeſum heller als die Sonne
im Himmel fieben — Gebet, rief er, ich erblicfe ben
Jeſum, an den-ihr nicht glauben wollt, mit unbefchreib»
licher Herrlichfeit umgeben — Zugleich gab ihm Gott eine
übernatürliche Schönheit, daß er als ein Engel Gottes in
der Verfammlung leuchtete. Uber feine Feinde achteten
dieſes alleg für nichts — fie waren einmal verblendet und
befchloffen feinen Tor. Einftimmig fielen fie alle über ihn
ber, ftieffen ihn zur Stadt hinaus , riffen ihm die Kleider
ab , ſtellten fidy um ihn herum, und warfen mit ſchweren
und fpizigen Steinen auf ihn (a). So ſchmerzlich es ihm
war , litte er es doc mit Gedult. Er gab feinen Peini«
gern Fein böfes Wort , fondern befete vielmehr für fie —
Er £niete nieder und rief : Herr Jeſu! Laß meine
seinde ſich von ihrer Gottlofigkeit befehren ! Kerr
Jeſu, nimm meinen Geift auf ! So rief er, und farb.
Die gefhahe ohngefehr im fünf und dreyßigſten Sabre
nad) Ehrifti Geburt.
Demohngeachtet hörten die Apoftel und Sänger Jeſu
Chriſti nicht auf, das Evangelium zu predigen. Sie res
deten unaufhoͤrlich von der Herrlichkeit ihres erhöheten
Lehrers, wurden aber darüber, nebft allen Ehriffen, fo
fehr verfolge „ daß fie fich größtentheils von Serufalem
entfernten , durd Judaͤa und Samaria fich zerfireueten
und allenthalben das Evangelium predigten. Aber ie mehr
hie Gemeine der Chriften zunahm , deſto heftiger wuͤthete
der heidnifche und indifche DVerfolgungg « Geift gegen fie.
Man
Die Steinigung des heil. Stephanus.zc. 1137
Man zehlt insbefondere zehn Hauptverfolgungen , welche
in den erften dreyhundert Jahren über bie Chriſten ergan-
gen find. Die erſte erhub fich unter dem ohnehin grau.
famen Raifer Nero , im J. E. 63. Derfelbe hatte einen
Theil der Stadt Nom anzünden laffen. Um nun die Rache
des darüber aufgebrachten Volkes von fich abzumenden,
ließ er vorgeben, es müßte dieß Feuer von den Ehriffen
angelegt worden feyn. Hierauf ergieng über die, ohne—
dem fchon verhaßten , Ölaubigen eine ber blutigften Wer.
folgungen. Die zweyte veranftaltere Kaiſer Domitianug,
im J. €. 90. Die dritte, SKaifer Traianug 107. Die
vierdte , Kaifer Hadrianus 124. Die fünfte, Kaifer
M. Aurelius Anteninug 170. , Die fehhfte, Kaifer Seve—
tus 200. Die jiebente , Kaifer Mariminus Thrar 236.
Die achte, Kaifer Decius 249. Die neunte , Kaifer
Valerianus 254. Die zehnte und graufamfte, Kaifer
Diofletianus 303.
Die Martern, welche bie Chriffen zu dieſer Zeit der
Derfolgungen auszuftehen hatten , find beynahe unbe,
fehreiblih. Sie wurden an den Füßen aufgehängt und
thre Köpfe mit Haͤmmern zerfhlagen (b). Man warf
fie in einen glüenden Ofen (c). Man brier fie auf
einem Roſte (d), ober in einem Oelkeſſel (e), Man
feste fie auf einen glüenden Stuhl, und feste ihnen eine
eiferne glüende Haube auf (F). Man ftürzte fie, an
Räder gebunden, von fleilen Selfen herab (g). Man
legte fie unter eine Preße, und zermalmte auch ihre Ge
beine (Ch). Man fchnitte fie ait einer Säge entimey (i),
Man zerfchlug ihre Gebeine mit eifernen Reulen CK
oder ließ fie von Bäumen zerreiffen (1). Sie wurden
in Thierhaͤute eingenähet und den wilden Thieren por.
geworfen (m). Man fledte fie in Säcke, that in die,
ſelben
>
1138 Ein und funfzigfte Tafel.
felben auch einen Hahn, Affen und Schlangen, und warf
fie alfo in dag Meer (n). Man übergoß ihren Leib mit
Pech und zündete fie bey ber Nacht als Fackeln an. —
Man beſtriech fie mit Honig, damit die Fliegen und
Dienen fie langfam zerftechen und verzehren möchten —
und wer kann alle die Martern erzehlen, welche ein raſen⸗
ber Aberglaube erbacht , und bie Graufamfeit vollbracht
hatte, um bieienigen von ber Erbe zu vertilgen , welche
Gottes Freunde , gute, fanftmüäthige Bürger , und der
Segen bed menfchlichen Geſchlechts geweſen find.
Aber eben diefe Wuth der Verfolgung ;» melche dag
Chriftentbum ausrotten wollte, hatte das meifte zur
ſchnellen Ausbreitung deſſelben beygetragen. Man ers
kannte immer mehr, ſowohl aus der wunderbaren Erhal«
fung der Kirche auch unter den größten Ungewittern, als
aus der bewundernswuͤrdigen Standhaftigfeit, Gedult und
Sreudigfeit "der Chriften, auch unfer ben beftigften Mars
tern, den überfchmenglichen Werth des Glaubens und des
Evangeli — bie Gottegfraft der chriftlihen Neligion —
Und endlich Fam bie Zeit, dba Gott feinen Slaubigen, mes
nigſtens in einem grofen Theile der Welt, nach fo vielen
ſchweren Verfolgungen, Friede und Ruhe verfchaffte. Inter
Kaiſer Ronftantin dem Großen , ber im Sabre Chrifti
306 den Thron beftieg , nahm diefer glückliche Zeitpunkt
feinen gefegneten Anfang — und noch ſteht bie Kirche Jeſu
Chriſti unerfchüttert auf ihren Felfengrund — ob fie gleich
in dieſer Welt eine ftreitende Kirche ift, und immer
Feinde hat, und immer kämpfen muß — denn alle die
gottfelig leben wollen, in Chrifto Jeſu, muͤſſen
Verfolgung leiden, um immer mehr gereiniget, geprüft,
bewährt, und ihrem Könige ahnlich zu werben —
Einft
Einſt aber ſchweigen alle ihre Klagen —
Da bringe, mit frohem Lobgefang,
Selbſt für die ausgeſtandnen Plagen
Dir ihre Seele Preis und Dan.
Dann iauchzet fie: es ift vollbracht!
Der Herr bat alles wohlgemacht!
Die Steinigung des heil. Stephanus.zc. 1139 ;
|
Forthin erwartet fie Fein Leiden,
Kein Schmerz und feine Schwachheit mehr.
- Gott führt fie zu vollkommnen Freuden, '
Und kroͤnet fie mit Preis und Chr.
O unaustprehlih füße Ruh!
Wie herrlich, Hoͤchſter, fegneft Du!
Te — —— ADLER
2
Die Toleranz.
N. Toleranz (Dultung), von welcher in den neueſten
Zeiten fo vieles geredet und gehandelt wird, beſteht
überhaupt darinn, dag man niemand, der einer andern
Neligion zugethan iſt, zur Nenderung berfelben auf irgend
eine Art zwingt, fondern ieden bey feiner Religion läßt,
und ihm um berentwillen feine Rechte verfagt. Insbe—⸗
fondere giebt e8 eine menſchliche, chriftlibe, Firchliche
und bürgerlihe Dultung oder Toleranz. Die menſch⸗
liche läßt einen ieden bey feinen Meinungen, fo lange
Eeine Beleidigungen damit verfnüpft find. Sie fchließt
Math und Belehrung der Irrenden nicht aus, aber fie
verabfcheuet allen Zwang, der mit diefer Belehrung vers
bunden feyn möchte. Die chriftiche Dultung fezt biefe
Soraug,
1140 Ein und funfzigſte Tafel.
voraus, geht aber noch einen Schritt weiter, und erweiſet
iedem Chriſten, er mag ſich zu dieſem oder ienem Syſtem
bekennen, alle die Pflichten, die ein Chriſt dem andern
ſchuldig iſt, alle Liebe und Freundlichkeit, die das Band
bes Friedens unter ben Chriſten fordert. Die kirchliche
Dultung befteht darinn, daß, wenn iemand in Ahficht
getiffer Lehren und Gebräuche und Anordnungen , die in
ber Neligionsparthen eingeführt find , andere Gefinnungen
äuffert, man ihn dennoch , noch ferner, ald Mitglied der
Gefellfchaft Hultet, und ihn an allen Rechten, die derfelben
zufommen, Theil nehmen läffe. Die bürgerlihe Dul
tung, als welche eigentlih unter bem Worte Toleranz
verftanden wird, beſteht darinn, daß niemand wegen fei«
nen Religionsmeinungen von den echten eines fonfiigen
Einwohners in einem Staate ausgefhloffen if. Sie er
ſtreckt fih auf einzele Perfonen und Familien ſowohl, als
auf ganze Gefelfchaften, und erlaubt iedem Ehriften, freye
Uebung feiner Xeligion und feines Gottesdienfles im
Staate zu haben — Sie ift eine Tochter des Himmeld
und der gefinden Vernunft, und eine Mutter unzehliger
Sreuden, Gegnungen und Neihthümer — das Eben,
bild Gottes — Denn, wo berrfht mehr Toleranz; ale
vor feinem Throne ? in feinem ganzen Reiche auf Erde :?
Mie wenig Esdenbürger würden wir zchlen, wem nur
dieienigen vor Gott, gleichfam in feiner Stadt, leben
dürften , die mit ihm Eines Sinnes find?
Nun ift die Zeit erfchienen, baß bie Aufrlärung in
diefem für einen Staat fo wefentlihen Punfte, von Tag
zu Tage immer mehr zunimmt, und endlich auch zu allen
Randesheren, und allen denen, die mit an ber geſezgeben—
den Gewalt und der Regierung der Staaten Theil haben,
durchdringen mirb.
Seht
Die Steinigung des heil. Stephanus.zc, 1141
Seht bier (a) einen Fatholifchen Sürften. Er iſt
überzeugt, daß zur Bevoͤlkerung, Aufklärung und Bereis
cherung des Staats, Dultung fchlechterdings noͤthig iſt —
und will alfo haben, daß ieder Rechtſchaffene und Fleißige
in feinen Staaten gebultet und geſchuͤzet werde, er ſey von
diefer oder von iener Neligionsparthey. Er läßt desiwegen
Toleranz s Edifte augfertigen,, und in alle feine Laͤnder
und Städte verfenden , dag iſt, ſolche Derorbnungen;
welhe ieder Relisionsparthen erlauben , das Burgerrecht
zu füchen , Öffentliche Verfammlungen und Schulunterricht
zu halten, Kirchen, Kollegien » und Schulhäuffer zu bauen,
Bücher, nach ihren Grundfäzen herauszugeben, u. f. w.
nur follen fie nicht die herrſchende Religion herabwuͤrdigen,
oder die Schranken der Ehrfurcht, der Ehrbarfeit und des
Gehorſams übertreten —
Seht hier (b) einen pröteftantifhen Sürften =
Er Hat Leute von allerley Neligion und Meinung vor fich,
und er nennet fie fämtlich feine lieben, getreuen Unterthas
nen — Wie liebreich unterredet er fich mit einem Priefter
der Fatholifchen Kirche — Baut euch Kirchen und, Schus
len, fagt er zw ihm und dem gegen über fiehenden refor—
mirten und englifchen Prediger — Kommt, und wohnet
in meinen Staaten, id) will euer Vater feyn ! Selbſt ver
Mennonite, der Herenhuter, der Duafer, der Jude, die
bier den gufen Sürften um Schuz bitten, erhalten ihn —
und des Fürften Staaten blühen wie eine Rofe, und
feine Wurzeln ſchlagen aus wie Libanon — Denn
ihre Grundveſten find Weisheit, Liebe und Dultung, Mils
lionen Bitten aus dem Herzen Vieler, die in denfelben
Brod und Schatten finden — Freudengefchrey, Dank und
Lobgefang !
rn en
999 3:
1142 Ein und funfzigſte Tafel.
3
Sokrates. Seneka. Aeſopus.
As unter den heibnifchen Voͤlkern gab es Märtyrer,
dag ift, Fromme rechtfchaffene Männer , bie um der Wahr»
heit und um ber Tugend willen angefeindet, verfolgt,
verfpoftet oder gar getödtet wurden. Ein ſolches Edjick
fal erfuhren , unter andern, Sokrates, Seneka und
Aeſopus.
Sokrates (a) war zu ſeiner Zeit der weiſſeſte Mann
unter den Griechen. Er machte ſeine Hauptbeſchaͤftigung
daraus, feine Mitbürger zu belehren, mie fie von Gott,
von andern Menfchen und von fich felbft richtig denfen,
und darnach ihre ganze Aufführung einrichten müßten,
wenn fie glüclid und ruhig leben wollten. Er {rieb dieß
Gefchäfte defto eiftiger, ie mehr er fabe, daß feine Mite
bürger fi) von Gott unanfiändige Begriffe machten, eg
- zur bey äufferlichen gottesdienftlichen Ceremonien bewenden
licffen , und fi) ben größten Ausfchweifungen ergaben:
Ze wandte alle feine, meift fanfte und reisende, Beredſam⸗
eit dazu an, fie auf beffere Wege zu leiten, und leuchtefe
ihnen auf benfelben mit feinem eigenen herrlichen Tugend»
wandel vor. Anfangs fand er allgemeinen Beyfall , und
men legte ihm den Ruhm bey, baß er zuerjt unter dem
"riechen die Philofophie vom Himmel herab gerufen und
unkr dem Wolfe eingeführt hatte. ber mit feinem Nuhme
rs auch der Neid, die Verläumdung und Bogheit feiner
Feinde. Eben weil er weifer mar ald alle feine Witbürger,
ımd weil er viele, die weiſe feyn wollten, beichämte,
ver ei
Die Steinigung des heil. Stephanus ꝛc. 1143
vereinigte fich eine Menge feichter Köpfe wider ihn. Are
fangs machten fie ihn in den oͤffentlichen Schaufpielen laͤ⸗
herlich ; da er ſich aber aus diefem nieberträchtigen Ans
geiffe nichts machte, fo wurde er von feinen Feinden vor
Gerichte als ein Mann verklagt, der bie Religion verfäls
fche und die Jugend verführe. Unerfchroden, und feinee
Unfchuld gewiß , vertheidigte fih Sofrates auf dag
Befte — Demohngeachtet wurde er in das Gefängnig
geworfen und zum Tode verurtheilt. Uber auch in Ketten
und Banden verließ ihn fein ruhiger, zufriedener Geiſt
nicht. Er verfertigte Loblieder auf die Goͤtter, troͤſtete
unterrichtete feine Freunde. — Un feinem Sterbetage
unterhielt er fich mit denjelben vornehmlich von der Unfterbs
Jihfeit dee Seele, wovon er vollfommen überzeugt mar —
Mein lieber Rriton, fagte er zu einem feiner Freunde,
fobald ich geitorben bin, Fommt mein Geift in die
Wobnungen der Glückfeligen ; und alsdann beerdiget
ihr nicht den Sofrates , fondern nur des Sofrates-
S.eihnam. Hierauf nahm er von den Seinigen Abfchied,
leerte getroft den Becher mit dem giftigen Schierlingskraut
aus, und bat Bott um einen glücklichen Ausgang aus ber
Melt, Er flarb ohngefehr 400 Jahre vor Chrifti Geburt.
Wenn ein Heide fo freudig flerben Fonnte, blog weil er
mit einem guten Gewißen auf Gott trauete, und ein befs
fers Leben hoffte; fo muß ein Chriſt, der Gott und feine
Pflichten weit heller erfennen kann, auch mit einer ungleich
größern Ruhe, feinen Geift dem Water über Alles zuruͤck
geben können!
Senefa (b), ein wegen feiner Berebfanifeit, Tu⸗
gend und Klugheit fehr berühmter Römer, war eigentlic)
ein gebohener Spanier, fam aber bereits in feiner Kindheit
nach Rom, und. hatte Beredſamkeit, Philofophie nnd
Sg999 2 Rechts⸗
1144 Ein und funfßzigſte Tafel.
Rechtsgelehrſamkeit gluͤcklich mit einander vereiniget. Er
verwaltete oͤffentliche Aemter, und wurde endlich Lehrer
des nachmaligen Kaiſers Nero. Als dieſer iunge Herr
auf den Thron gekommen mar , folgte er einige Zeit den
vortreflichen Ermahnungen feines Lehrerd. Allein nad)
und nach wurde er, bey feinen lafterhaften Ausſchweifungen,
eines folhen Nathgebers überdrüßig. Seneka murde
befchuldigt , daß er fich in eine Verſchwoͤrung wider den
Kaifer eingelaffen hätte — Daher fchickte ihm Nero den
Befehl zu, er folle felbft feinem Leben, auf welche Art ex
wolle , ein Ende machen. Standhaft und freudig ließ er
fich hierauf die Adern oͤfnen, und blutete alfo, nachdem er
fih zulegt noch in ein warmes Bad begab, zu Tode. Er
fagte in der Furzen Zeit, bie er noch durchlebte, feinem
Schreiber Berfchiedenes in die Feder, und fiarb, ohne
daß fih die Ruhe feines Gemütheg verändert hätte, ohn—
gefähr 65 Jahre nad) Chrifti Geburt.
Aefopus (ec), iener berühmte, ältefte , griechifche
Fabeldichter , der megen feines trefflichen Fabeln ſowohl,
als wegen feines ungeftalten Körpers befannt iſt, biente
als Sklave bald diefem bald ienem Herrn , vornehmlich
einem gewiffen Kanthus. Endlich verlangte ihn der Ks
nig Kroͤſus, der von feiner großen Weisheit hörte, an
feinen Hof, woſelbſt er einige Zeit blieb, und mit den
fogenannten fieben Weifen befannt wurde. Der König
gebrauchte ihm oͤfters zu Verſchickungen, und fandfe ihn
endlih nach) Delphi, an das Drafel. Allein dafelbft
hatte er das Unglück den Einwohnern , deren fchlechte
Eitten er in feinen Sabeln angrief, zu migfalen, und von
ihnen von einem Felſen herab gefiürzt zu werben. Er
hatte ohngefehr 570 Jahre vor Chrifti Geburt gelebt;
und man fagt Sofrates babe feine Fabeln ſo werth
° gehal
Die Steinigung des heil, Stephanus. ac. 1145
gehalten , daß er noch in feinem Gefängniße einige ber
felben in Berfe überfeste.
4.
Die Inquiſition.
G; giebt Ränder und Städte, mo Feine andere alg die
herrfchende Religion gedultet wird — proteftantifche Län«
der, die den Katholifen bürgerlihe Vorrechte verfagen,
und Fatholifche Känder , melche Feine Protefianten, wenig⸗
fiend feine freye Religions - Lebungen derfelben bulten.
So mußten ih z. E. in Portugal, Spanien und einigen
andern Orten, in den vorigen Zeiten Lie Lutheraner,
Meformirten und andere nicht Fatpolifche Chriften fehr ſtille
halten, und den vorfihtigffen Wandel führen. Man if
an diefen Drten nicht nur in Leibes - und Febeng - Sefahr,
wenn man wider bie Lehrfäze der Fatholifchen Neligion et—
was redet — man Ffann auch unfhuldiger Weife, duch
böje Leute, oder aus bloffen Argwohn, um feine Sreyheit
und Güter, ia gar um fein Leben Fonmen.
Sie haben cin eigenes Gericht, welches in Religie
ons » Sachen und großen Verbrechen fehr firenge richtet,
und die Inquifition oder das heil. Officium genennet
wird. Wer bey diefer geiftlichen Gerichtsbarfeit angerlagt
wird, er fey num fehulbig oder unfchuldig, Kezer oder eis
ner Kezerey verbächtig , ber wird fogleich in Verhaft ges
nommen , von allen feinen Freunden verlaffen,, und auf
das fchärffte befragt. Geſteht der Inquiſite fein Verbre—
chen, fo bat er vom Glüce zu fagen, wenn er mit einer
Leibesfirafe und Konfiffation feiner Güter davon kommt.
6999 3 Will
116 Ein und funfigfte Tafel.
Wil er nichts geftehen , fo wird er in einer bunfeln
Marterkammer auf das graufamfte gefoltert — und fährt
er fort zu leugnen, oder auf ſeinem Glauben zu bleiben,
lebendig verbrannt. Es wird daher alle zwey oder drey
Jahre ein oͤffentliches Gerichte über die Inquiſition gehals
ten, und gefchieht die Erefution der Verurtheilten mit
großem Geprange , gemeinigiich im December um die Zeit
bes andern Advents, damit dag iüngfie Bericht einigers
maffen vorgefiellte werben möge. Ein foldes öffentliches
Gericht wird Aptodafee genannt, und mit einer großen
DProceffion gehalten, bey welcher dicienigen, bie zum Feuer
verdammt werden, ein Gemwandt und eine Müze haben,
auf welcher Feuerflammen und Teufel gemahlt find —
Auch bat Sie Inguifition die Eenfur der Bücher, und
werden von berfelben alle von fremden Drten dahin ge«
brachte Echriften egaminirt. Die berühmteften Inquiſi—
tions » Gerichte find die zu Liſſabon, Madrit und zu
Boa, einer periugiefifchen Stasr in Oſtindien.
Seht hier (a) eisen ſolchen Ungluͤcklichen, welcher
bey anbächtigen Wuͤnſchen vieler Zufchauer lebendig vers
brannt wird, Sein Verbrechen befiund barinn, daß er
die Ausfprüche einiger Kirchenvaͤter getadelt hatte —
Seht bier (b) einen andern Unglücfihen auf einem Was
gen angefchlofien, begleitet von zwey Neufern mit gezoges
nem Pallaſche — Er wurde zu einer langwierigen Ges
fangenfchaft verurtheilt, weil er behauptete, daß bie
Sakramente, welche ein unbekehrter Prieſter austheilt,
von keiner Kraft und Wirkung ſeyen — Statt daß thn
Das Konſiſtorium hätte mit Gedult und Sanftmuth zus
sechtmweifen folen, begegnete ihm daßelbe fogleich mit äufs
ferfier Verbitterung, und beffund, ohne ihn vorher feines
Unrechts zu überführen, auf Widerruf ‘oder ewiger Ge
fongen
Die Steinigung des heil. Stiphanus. 2c. 1147
fangenfhaft — ſchnurgerade ber heil. Schrift entgegen,
die mehr als einmal fagt : man folle mit dem ivrenden
Bruder Gedult haben, und ibn mit fanftmütbigen
Geift wieder auf den rechten Weg bringen.
ee LT nt BONES ET
5.
Kreislauf des Blutes. Pulsadern und
Blutadern.
Pr ift derienige merfiwürbige rothe Saft, melcher fich
in den fogenannten Blutgefäffen lebendiger Körper befin«
bet, und von beffen Befchaffenheit und Bewegung bie
Gefundheit und dag Leben abhängt. Er ift aus verfchie-
denen Materien zufammengefezt, um vielerley andere
Söfte daraus zu bereiten, teil wir deren vielerley
bedürfen. Die beyden vornehmſten beſtehen in einen
gelblihen Waffer (Serum), und in Eleinen rothen Ads
gelchen (d.e.), die mit bloffen Augen nicht, fondern
nur durch Vergrößerungg » Gläfer deutlich gefeben werden
£önnen. Ueberhaupt fommt dag Blut aus den Speifen;
die der Menfch zu fich nimmt, welche durch ben Magen
in einen weiffen Wiildhfaft verwandelt werden, melcher in
dem Herzen eine rothe Farbe annimmt, und alsdenn Blut
genennet wird. Bey feinem Uimlaufe führt es allen
Theilen des Leibes die nöthige Nahrung zu , fo dag von
bemfelben die Speicheldrüfen den Speichel, die Leber die
Galle, die Magendrüfen den Berbauunnsieft u. f. m. ab»
fordern. Ein erwachfener Menfch has ohngefehs 25 Prund
69994 Blut;
1148 Ein und funfzigfte Tafel.
Blut, welche Menge in einer Stunde vier und zwanzigmal
durch das Herz läuft.
Die Gefäße, im welchen das Blut feinen Umlauf
Berrichtet, werben Adern (c.) genennet , und find ent
weder Pulsadern , Arterien (b.) oder Nlutadern,
Denen (a). Jene find viel flärfer von Haut, als biefe;
iene fehen weis, biefe aber, meil fie diinne find, von dem
durchfeheinenden Blute, blau. In ienem fieht das Blut
röther, in diefen dunkler, weil ienes noch mit Iympbatis
ſchen Säften vermehrt if. Die Arterien nehmen ihren
Anfang am Herzen, und vertheilen fid) von demfelben durch
elle Glieder des Leibes in unzehlbare Nöhrlein; Die
Blutadern hingegen nehmen ihren Anfang in ben Gliedern
bes Leibes, mit ungehlbaren Fleinen Aederchen, tie fich
ein Baum mit umzehlichen Eleinen Säferchen im Erbreiche
anhaͤngt, und enden ſich an einer geofen Haupfader am
Herzen. Durch die Arterien wird das Geblüt aug dem
Herzen in alle Theile des Leibes eingeführt, burch die
Venen aber aus allen Theilen mwieber gefammlet, und ing
Herz zuruͤckgefuͤhrt. Weil nun ſolches einen fieten Ab =
und Zufluß des Geblütes verurſachet, und die Bewegung
bes Blutes immer mieder da anfängt, mo fie aufhoͤret,
fo wird folheg der Kreislauf des Blutes genannt.
Die Arterien (b) innen gefühlt, auch bey man.
chen geſehen werben , wenn fie fehlagen , fonberlich an
Drten, da fie nicht tief liegen, melches man den Puls
nennet; und dieß Schlagen entfteht daher, daß dag Blut
aus der Herzkammer nad) und nach, mit Abwechflung, gleich»
fam ſtoßweiſe in diefelben gebracht, und fie alfo wechſels⸗
weiſe angefüllt und auggeleeret werben. Aus dem Schla«
genühat man gelernt die innere Bewegung des Geblütes
Au
Die Steinigung des heil. Stephanus.rc. 1149
zu erkennen, und burch Begreifung des Pulfes die Kranks
beit zu beurtheilen. Es find vornehmlich zwey Arterien —
die Zungenpulsader und. die große Pulssder. Jene
hängt an der rechten Herzkammer und führt das Geblät in
bie Lunge, und durch biefelbe in dag linfe Herzohr; dieſe
iſt an die linke Herzkammer beveftiget , und bringt dag
Geblüt in alle andere aus » und inwendige Theile. Diefe
große Pulsader fleigt vom Herzen, in einen Bogen, etwas
in die Höhe und giebt vier beträchtliche Aeſte ab, die theilg
zu den Aermen gehen dann fleigt fie längft dem Ruͤckgrate
berunfer, wo fie wieder viele Yefle zu den Nibben, zur
Bruft und andern Theilen von fich giebt. |
Don den Denen oder Blutadern (a) befinden fich
im Leibe drey Stämme, ald : die Kungenblutader,
welche das Blut aus der Funge empfängt, und zuräc in
bie linfe Herzkammer führet; Die hohle Blutader,
welche das Geblüt in großer Menge durch ihren offnen
Mund in die rechte Herzfammer ausſtoͤßt, welher Stamm
an ber rechten Herzkammer hängt, und wenn er ein wenig
vom Herzen abgeftiegen, theilet er fi in zwey Stämme,
davon einer aufwärts ind Haupt, der andere den Mücken
hinunter fleigt ; endlich die Pfortader, welche unten im
Bauche, gegen dem Ruͤcken zu, die Qurere liegt, Sie
empfängt das Blut aus den Eingeweiden, aus dem Mas
gen, Milz, Gebärmen u. f. w. und führet es in die Leber,
durch welche eg hindurch gehet, und hernach über bie
Leber und die hohle Blutader fließt. Dieienigen Blutadern
die aus dieſer hohlen Ader entſpringen, ſind inwendig mit
Fallthuͤrchen verſehen, welche verhindern, daß das in die
Blutadern gekommene Gebluͤt nicht wieder zurück kann.
Die Pfortader hat dergleichen nicht.
69995 Uebri⸗
1150 Ein und funfzisfte Tafel.
Uebrigens hat man, megen ber Aehnlichkeit, allerley
Zuͤge in leblofen Körpern, welche aus » umd in einander
laufen, ale im Marmor, im Hole, in den Blättern ber
Pflanzen — ingleihen auch bie Gange des Waffers und
der Metalle unter ber Erde mit dem Namen Adern
belegt.
— nn GENE
6.
Die Anatomie,
be ber Anatomie oder Zergliederung überhaupt
verfteht man die Wiffenfchaft organifirte Körper in ihre
Theile Eiinftli zu zerlegen. Da man num zwey Arten
von organifirten Körpern hat, nehmlich Thiere und Pflan-
zen, fo theilt man auch) bie Anatomie in bie thierifche » und
Pflanzen » Anatomie ein; und die thierifche wieder in Die
Anatomie des Menfchen , und in die Anatomie der Thiere,
welche leztere auch Zootomie genennet wird.
Die Anatomie des Mienfcben befchäftiget fi) alfo
mit Zergliederung des menfchlichen Körpers, und ſucht alle
Theile, woraus diefe unendlich kuͤnſtliche Mafchine zufam-
men gefezt ift, nach ihrer Zahl, eigentlichen Geftalt und
BHefchaffenheit , Lage und Verbindung mit ben übrigen
Theilen, deutlich zu erfennen und zu lehren. Durch diefe
Unterfuchungen lernt man den Siz, ben eigentlichen Urs
fprung und die Befchaffenheit der meiften Krankheiten ken—
nen — Daher ift die Anatomie der Grund ven der ganzen
Arzneywiſſenſchaft, und nicht nur in der eigentlichen Dies
dicin ; fondern auch befonders in der Wundarzneyfunft,
in der gerichtlichen Arzney-Gelehrſamkeit, u. f. w. vom
dem
Die Steinigung des heil. Stephanus.2c. 1151
dem größten Nuzen; und dienet noch überdieß zur Erfentniß,
Bewunderung und Anbetung des großen, guten und weißen
Schöpfers.
Da die Theile des menfchlichen Körpers gar verfchies
ben find, fo bat man die mandhfaltige Unterſuchung ders
felben von einander gefrennet ; und daraus find verfchies
dene Theile der Anatomie entftanden. Man nennet die
Betrachtung der Knochen Ofteologie , die Unterfuchung
der Muffeln Myologie, und der Bänder, wodurch die
Knochen und einige andere Theile zuſammen gehalten und
verbunden werden, Syndesmologie 53 die Unterfuchung
und Befchreibung ber Eingemweide und innern Theile des
Körpers, Splanchnologie; der Nerven, Neurologie;
der Puls» und Blut » Adern, Angiologie, und‘ der
Druͤſen, Adenologie. Die Eünftlihe Zerlegung des
Kopfes Heißt Cephalotomie. Dies Gefchicklichkeit getrock—
nete Knochen gehörig zufammen zu fügen, und ein SFelet
(Gerippe) daraug zu machen, wird SFeletopöia genannt.
Hieher gehoͤret auch die Kunft, die Gefäße mit einer ges
wiſſen Kompofition zu iniiziren , oder augzufprigen, die
Körper zu balfamiren , und entweder ganze Körper oder
Theile deßelben vor der Fäulniß zu bewahren ; daher die
Pollinftur und die Gefchicklichkeit anatomifhe Praͤpa—
rata zu verfertigen und vor dem Verderben zu bewahren,
entftanden if. Die allgemeinen Kentniffe diefer Wilfen«
fhaften find iedem Menfchen heilfam und ndthig, weil wir
daraus die innerliche Befchaffenheit unfers Körpers kennen,
und wie beffelben lange Erhaltung zu befördern iſt, lernen
koͤnnen.
Derienige Ort, mo gemeiniglich die Anatomie prak—
tiſch gelehret, oder demonſtrirt wird, heißt: Theatrum
anatomikum, ein Zimmer (ſ. die Tafel.) in deſſen Mitte
der
1152 Ein und funfziafte Tafel.
der große Drehe» Tifch ſteht, auf welchem die Körper
(Badavers) zergliedert werden. Um diefen Tifch herum
find in einem ganzen oder halben Kreiſe mehrere Neihen
von Standplaͤzen oder Sizen hinter » und übereinander
angebracht, damit die Menge Zufchauer darinn ihre Unters
£unft finden, und immer eine über die andere wegfehen
fönnen. An den Wänden herum pflegen Sfelete und
Schränke mit allerley Präparaten, anatomifche Inſtrumente
und andere Geräthfhaften aufgeftellet zu werben. Ferner
gehöret biezu ein Keller, um bie Körper im Sommer das
rinn aufsubewahren, und eine Küche um warmes Waſſer
darinn zu machen, die Knochen auszufochen, und bergl.
Sin diefem Zimmer werden die anatomifchen Vorlefungen
gehalten, entweder über den ganzen Radaver (a), nad)
allen feinen Theilen, oder über einzele Theile des menſch—
lihen Körpers, worüber den Zuhörern auf eignen Tifchen
demonfirirt wird, 3. E. das Herz (b), der Magen (c),
das Gebirn (d), die Wiuffeln des Ropfes (Ce), und
dergl. Die. vornehmftien Werkzeuge, welche man beym
Zergliedern braucht, find : Tiſche, Bretter, verfchiedene
Mefler, gerade und Frumme Scheeren, Pincetten, Zangen,
Blagröhren von Silber oder Mefing, Sprizen, Hacken,
Dadeln, Sägen, Schwänme, Vergroͤſſerungs-Glaͤſer,
Waſſerſchaalen, Töpfe, Schüffeln, Servieten, Bürffen
und bergl.
7%
Der Tod der Turteltaube,
M einem ſehr kalten Herbſtabende war eine Familie alter
und iunger Affen in großer Verlegenheit, wie ſie ſich gegen
ben,
EATLEULER
Die Steinigung des heil. Stephanus. ıc. 1153
den , ihnen fo fürchterlichen Froft ſchuͤzen koͤnnten —
der eine rieth dieß, der andere das — ie bedeckten
ſich mit Laub und Blättern, allein Nordwind und Regen
nahmen bald diefe leichte Decke mit fih fort — Endlich
fahen einige in der Ferne etwas fihimmern — Kommt
Brüder, riefen fie, feht mie erwänfcht ! dort glimmt ein
Funke — ben dörfen wir nur anblafen, und dürres Reiß
zur Unterhaltung des Feuers zutragen, fo mwird ung bald
marm werden — und dann — angenehme Ruh!
Wirklich liefen die Affen alle auf den Schimmer zu,
brachten Blätter, Holz und Stroh in Menge zuſammen —
legten alles über und neben den vermeinten Funken, und
bließen, was fie blafen Eonnten — Die Baden wollten
plagen — die Augen aus ihren Angeln dringen und Nez
und Lunge zerberften — aber der Funke ward nicht größer —
es kam Fein Rauch, feine Flamme —
Dieß fahe eine Turtelfaube, die ganz einfam in dem
nahen Laube faß, und von bem Lärm der Affen aus ihrem
Schlafe gewecdt wurde — Boll Mitleiden über der Affen
vergeblihe Anftrengung , voll Wahrheitgliebe, rief fie:
Spahrt, Lieben, euren Athem ! Das was ihr anblafen
wollt, ift fein Funke, fondern ein Fleiner Wurm, ber im
Dunfeln leuchtet —
Was Wurm, ſchrien die Affen ganz aufgebracht —
du wirft ung wollen Feuer Fennen lernen — dag Holzift
feucht, drum will es noch nicht brennen — ber Wurm,
von bem du und erzehlfi, fleckt gewiß in deinem Kopfe —
Und nun gieng es über die arme Turteltaube her , melde
ihren guten Rath, und dag Bekentniß der Wahrheit mie
dem grauſamſten Tode büffen mußte —
Und
1154 Ein und funfigfte Tafel
Und noch blafen die Affen fort — und mwürgen ieben,
der fie mit gutem Rathe Flüger machen will.
— —
8.
Pentheus.
WRITER
3. der Zeit, da Bacchus nach Theben in Griechenland
kam, und daſelbſt von dem Volke als ein Gott, unter
den groͤßten Ausſchweifungen verehret wurde, regierte
Pentheus, ein Enkel des Kadmus. Weil es nun bey
den Bachus-Feſten gar unordentlich zugieng, ſo wollte
derſelbe, als ein weiſer, rechtfchaffener König, nach
dem Exempel einiger andern griechiſchen Fuͤrſten, dieſem
Unweſen Einhalt thun. Obgleich Bacchus ſeiner Mutter
Schweſter Sohn mar, fo verbot er doc) bie Vergoͤtte—
zung beffelben in feinem Lande , und machte fih auf,
ihn gefangen zu nehmen , und den Haufen ber Bacchan⸗
tinnen von dem Berge Cithaͤron herab zu vertreiben.
Allein fein Eifer für Tugend und Ehrbarfeit foftete ihm dag
geben — Bacchus mußte bed Pentheus Mutter, und
die übrigen bacchifchen Weiber dergeflalt zu verblenden,
baß fie ihn in ihrer Naferey für ein wildes Schwein an⸗
fahen. Sie ſtuͤrmten alfo auf ihm ein, fchlugen ihn mit
ihren Thyrfusſtaͤben tobt, zerriffen ihn in Stüde, und
trugen feinen Kopf im Triumphe nach Theben.
gen „5
Ye
Die Steinigung des heil. Stephanus.tc. Irss
— — TE LTE
0.
Gott und Abraham,
A, einem heitern Abende faß Abraham vor feiner Huͤtte,
und ergsste fi) an dem Prachte der unfergehenden Sonne.
Ploͤzlich kam aus dem nahen Walde ein alter Greig,
deffen weißes Haar Ehrerbietung gebot, Auf feinen
Wanderſtab geſtuͤzt, wollte er eben neue Kräfte fammlen,
um feine Reiſe fortfezen zu Finnen. Kaum aber erblickte
ihn Abraham , fo lief er auf ihn zu, und bat ihn,
in feiner Hütte zu übernachten , und am folgenden
Tage feine Reife fortzufezen. Der Fremde weigerte ſich
lange ; doch gab er enblich dem immer dringender bittenben
Abraham Gehoͤr, und gieng mit ihm in die Hütte.
Der Hausvater ließ fogleih feinem Bafte Waller
und dicke Mildy vorfegen , und er felbft bolte von ber
Heerde das beſte famm zu einen Ubendeffen. Unter ber
Mahlzeit merkte Abraham, daß der Fremde Gott nicht
anbete. Voll Verwunderung fragte er iin: Warum
\eteft du denn Bott nicht an? Sch Fenne beinen Gott
nicht , fagte der Fremde, und bete ihn auch nicht an.
Ich machte mir einen Gott, und ſtellte ihm in meiner
Hütte auf. Diefen bete ich an, umd er verforgt mich mit
allem, was ich bedarf —
Bol Grimm iagte ihn Abraham fonleich aus feiner
Hütte, und trieb ihn in den Wald, Schnell aber rief
Sort : Abraham wo ift der Fremde, der zu dir Fam?
Kerr , antwortete er , ich iagte ibn aus meiner Hütte
in
1156 Ein und funfzigfie Tafel.
in den Wald, weil er dich nicht Fannte und nicht ver.
ehrte — Gh, fagte Gott darauf, ich trug dieſen
Mann 198 Jahre mit Gebult beſchuͤzte ihn, und gab
ihm alle Tage Speife und Kleidung , ob er mich gleich
nicht verehrte — Und dur fonnteft nicht mit ihm , ba
er bein Druber if, eine Nacht in deiner Hütte
fchlafen ?
DE wre
Zwey und funfzigfte Tafel.
I,
Das Ende der Welt.
Se Jeſus Chriftus felbft, der unumfchränfte
Herr und Herrfcher Über Tod und Leben, als auch
feine Apoftel und Bothen verfündigten in ihren Reden und
Schriften die lezten Schiekfale unfrer Erde und ihrer
Bewohner , eine allgemeine Auferftehung der Todten,
ein iüngftes Gericht, ein ewiges Keben , eine ewige
Verdammniß — Und, obgleich, vieles von biefen lezten
Begebenheiten in ein heiligeg , prophetifches Dunfel ein«
gehuͤllet ift, fo willen wir doc) auf eine hoͤchſt suverläßige,
unumftößliche Weife von denfelben Folgendes:
Es ift allen irdifden Dingen, in Anfehung ihrer
Dauer ein Ziel geſezt — Sobald fie dafelbe erreichen,
fo vergehen ſie — Ale Gewaͤchſe hören nach und nach
auf zu feyn — alle Thiere, alle Wienfchen müffen ſter⸗
ben, einige bald, andere foäte — Die Verbindung ihrer
Seele mit dem Leibe heret auf — der feib verfault, und
wird zu Staub — die Seele aber ift unfterbli , und
wird, nach ihrer Trennung vom Leibe entweder glücklicher
oder unglüclicher, als fie in diefem Leben war, Es
fommt aber eine Zeit, da die Seelen der Menfchen wieder
mit ihren feibern vereiniget werden — daß die Toten
rebendig werden und auferftehen — aber freilich mit ans
Hhhh dern
1158 Zwey und funfsigfte Tafel.
dern Leibern, als fie hier auf Erden hatten. Es wird
geſaͤet verweßlich, fagt ein Apoftel Jeſu Chriſti, und
wird auferfieben unverweßlich, in Herrlichkeit , in
Braft, ein geifiliher Leib — Die Frommen werben
leuchten wie des Himmels Glanz — wie die Sterne —
Zu dieſer Aufersiehung der Todten fowohl als dem
darauf folgenden Gerichte, bat Goft einen Tag gefest,
welcher. der legte, oder der iuͤngſte Tag der Welt genen,
nei wird. An demſelben werden mit unferer Erde und
allenfals den Übrigen Mlaneten unfers Sonnenreichs große
Veraͤnderungen vorgeben — es wird dieß ganze Syſtem
entweder umgeſchaffen oder vernichtet werden. Die Zeit,
wann dieß geſchieht iſt unbekannt, doch ſoviel glaubt man
mir vieler Wahrſcheinlichkeit, daß zur Dauer unfrer Erbe
nur eintge Jahrtauſende, (vielleicht fieben , nach ben
Schoͤpfungstagen) beftimmt find, und bag biefer este
ſchreckliche Tag ſchyell arbreden werde, Er wird in der
heil. Schrift der Tag der lezten Dofaune genennet,
weil ſowohl vom Himmel herab, als durch das Einſtuͤrzen
der Erdveſten ein ſchauervolles Getoͤne ſich allenthalben
verbreiten wird. Auf dieſen Schul erwachen alsdenn die
Todten, und gehen aus ihren Gräbern herfür — Der
Richter der Lebendigen und der Todten, Jeſus Chriftusy
erfcheint fichtbarlich in verflärter Menfchengeftalt , in den
Wolken, mit großer Kraft und Herrlichkeit, mit allen
Engeln und Auserwaͤhlten. Die Frommen ftehen zu feiner
Rechten ; werben öffentlich gelobt und der bimmlifchen
Herrlichkeit immer näher gerückt — Die Bottlofen , zu
feiner Linfen , vernehmen ihr Todesurtheil, und werden
auf ewig von Gottes Angeficht verſtoſſen — in ſchreckliche
Kelten — Und num zerfisren Feuer und Erdbeben alle
Herrlichkeit , alle Schäze und Reichthümer der Erde —
fie
Das Ende der Welt. 1159
fie ift nicht mehr — und ein neuer Himmel und eine neue
Erde fliehen da —
Das Glück der Frommen zu befchreiben, das fie in
den Wohnungen Gottes , in der ewigen Durchwans
derung von einer Million Welten zur andern, geniefe
fen follen, dazu hat Feine Sprache der Erde Worte. Die
Schrift bedient ſich der lebhafteften Ausdrücke und Bilder,
um nur einigermaßen dag Glück der Seligen zu ſchildern —
Sie redet von einer prächtigen Stadt, von Haͤuſſern und
Wohnungen des Sriedens , von einem großen Abends
mable, von einer unverwelklichen Arone des Lebens,
die der Herr den Seinen geben wird, von einer ewigen
und über alle Maaß wıdtigen HerrlicFeit, von
Dreis und Ehre und unveraänglihem Weſen - vor
einer Herrlichkeit, die Fein Auge gefeben, Fein Ohr
geböret hat, und in Feines Mienfchen Herz kommen
ift — in welchen den Erlößien alle Threnen abgetrocknet,
und ihre Herzen von Sreude und Wonne ergriffen mwer-
den —
Aber Ungnade und Zorn , Trübfal und Angft
wird über die Boͤſen fommen , die zur aͤuſſerſten Finſter⸗
niß, zum Heulen und Zäbnflappen verdammt werden —
zu einem Feuer, Das nicht verlifcht — bey melcer
Dualen Annäherung fie ruren werben : Ihe Berge, fals
let über uns, und ihr Hügel bedecet uns! — Denn
Gott wird geben einem Teglihen nad feinen Wers
«en — Gutes den Guten, und Böfes den Boͤſen —
Ehe aber diefe lesten Begebenheiten eintreffen werten,
folen fich große Veränderungen auf Erden, als Zeichen
der lezten Zeit , zufragen — fchreckliche und angenehme
Keränderungen. Wenn Mord, Aufruhr, Erdbeben, Krieg,
Hbbb 2 Irrthuͤ⸗
1160 Zwey und funfjigfte Tafel.
Serthümer und traurige Verwuͤſtungen die Erbe größten-
theild werden gerrüttet haben — fo fol noch auf eine
von Gott beftimmte Zeit, vor dem Ende der Welt, auffer-
ordentliche Ruhe und Gluͤckſeligkeit fich allenthalben aus.
breiten — alle Welt fol einerley Glauben haben, und
felbft das Volk Iſrael wieder in fein Land und zum Befz
feiner erften Würde und Glückfeligfeit gebracht werden —
wenn aber diefes anfähet zu geſchehen, fpricht
der befte Lehrer und Herr Himmeld und der Erden, fo
fehet auf, und hebet eure Häupter auf, darum daß
ſich eure Erlöfung nahet — und huͤtet euch, daß eure
Herzen nicht befehweret werden mit Unmäßigfeit und
Sorgen, und Fomme diefer Tag ſchnell über euch!
Wachet ftets und betet, daß ihr würdig werden mdı
get zu fteben vor des Menſchen Sohn!
REIT E LIDWELRNEL ER
Erd, und Meer und Mille beben;
Die Frommen ſtehen auf zum Leben,
Zum neuen Leben ftehn fie auf.
Sr Verföhner kommt, vol Klarheit;
Vor ihm ift Gnade, Treue, Wahrheit.
Der Tugend Lohn Erdnt ihren Lauf —
Licht ift um deinen Thron,
Und Leben, Gottes Sohn!
Hofianna !
Eridfer ! Dir,
Dir folgen wir
Zu deines Vaters Herrlichkeit!
9%
Das Ende der Welt. 1161
zz GLEN
2,
Menfchenfönfe.
DH. vornehmſte Verfchiedenheit der menfchlichen Geftalt
findet man an den Köpfen, ſowohl in Anfehung ihres
äufferlidyen Anfebene , ald ihres innern Baues. Mit
ienem befchäftiget fi) die Phyfiognomif , mit diefem bie
Anatomie.
Auf der Tafel find die Röpfe von viererley Lies
tionen nach ber Natur gezeichnet. (Was einerley Num—
mern hat, flelt einen und eben denfelben Kopf vor; einmal
von vornen, und einmal im Profile.) Gebt 1) einen
Schädel, der in Deutfchland gewachfen ift; und fo mie
diefer, find, einige geringe Abweichungen ausgenommen,
auch alle andere Köpfe der Europäer gebildet. Er un
terfcheidet fich von den Köpfen anderer Voͤlker durch feinen
länglichten Hirnſchaͤdel, der wie ein Ey ausſieht, deffen
dickere Hälfte das Hinterhaupt, die dünnere hingegen den
Vordertheil worftellet. Die ſchoͤne Wilbung der Stirn,
wie auch die geraden Nafenbeine, welche ziemlich meit
bervorfichen, und enblich die hübfche Kinnlade, zeichnen
fi) in unfern Augen an Schönheit, vor den nehmlichen
Theilen ber drey übrigen Abbildungen ebenfalg beträchtlich
aus. Man fagt daher auch, am dieſer fchönen Woͤlbung
des Hirnfchädels feyen die großen Fähigkeiten des Geiſtes
der Europäer zu erfennen. Kuren.
Aber in Ofiindien haben bie Köpfe fchon eine ganz
andere Geftalt, ale bey ung (2). Sie unterfcheiden fich
son ben Köpfen der Europder, erfllich durch die fpizige
2bb5 3 Wiloung
1162 Zwey und funfsigfte Tafel.
Woͤlbung des Hirnſchaͤdels, ferner durd) dag kurze Hinter,
haupt, und endlich durch die ungemein ſtarken Knochen der
Kinniade fomohl als des ganzen Angefikts. Der Afrts
Faner (3), untericheidet fih von ben beyden erſten Kb,
pfen nicht nur durch fein enges Hinterhaupt und breite
Baſis ſelben, die aus einem fehr ftarfen Knochen beftes
bet, der den Nacken vorfirler; ſondern auch durch bie
furzen Nafenbeine und weit hervorragenden Zabnhoͤlen,
welche die kurzen dickplaͤtſchigen Naſen und aufgeworfenen
Maͤuler dieſes Volkes verurfachen. An dem fafpiichen
See, und von ba yeiter gegen Norden hinauf wandern,
Ste nomadiſchen Tararen und Ralmücen umber, die
fit aroßentheils vom Pferdefleiſch und Müch nahren, und
in Auſehung ber Geftalt ihrer Angefihts von andern Nas
tioues ebenfals merklich verfchteden find (4). Bie haben
einen müzenfsrmigen Hirnſchaͤdel, eine niedrige Stirn,
wie die Affen, tiefe Augenhoͤlen und überaus Furze und
flache Nafenbeine,, die faſt gar nicht über die daneben bes
findiichen Knochen bervorragen — Defto weiter fichet ihr
fpizigeg Kinn hervor , welches aber aus einem ziemlich
fhwachen Beine beſtehet, und in dem Profile des ganzen
Angefihts einen unangenehmen einmärts gebogenen Umrig
verurfachet, da doch die Profile der drey übrigen Ange—
fihter vielmehr auswaͤrts gebogene Krümmungen vorftel:
fen — Die niedrige Stirn und tiefliegenden Affenaugen,
nebft dem eingebogenen Profile find, mwie man fagt, Merk—
male der Poltronnerie und Naubbegierbe ; die Eleine einges
drücte Nafe hingegen fol, mit dem fpizigen Kinne zu—
gleich , die Falfchheit und Untreue gedachter Völker ans
zeigen.
Die Geftalt der übrigen Glieder des menfchlichen
Lelbes ift nicht ſonderlich verichieden, wenigſtens find ba bie
Abwei⸗
Das Ende der Welt. 116
Abweichungen nicht fo national, wie an den Köpfen, weil
oft Perfonen von ſchoͤner und häflicher Bildung, oder von
fhlanfen und plumpen Gliedern, fogar in einer und eben
berfelben Familie zugleich gefunden werden. Aber wa? die
Statur anbelangt, fo fcheint fich diefe ebenfals wieder
nad) ganzen Nationen zu richten, indem die Menfchen in
einigen Gegenden faft alle fehr Fein, im andern hingegen
mittelmäßig groß , und in noch andern fehr groß find —
ivie denn auch in Anſehung der Gefichtsbildung , iedes
Land feine ihm eigne Phyfiognomien hat.
——— ee
— —
2.
Die Zerfiörung der Stadt Jeruſalem.
IB ,; Chriſtus der Stadt Terufalem und dem ganzen
iüdifhen Volke vorher verfündigte , daß fie nehmlich aus
ihrem Lande vertrieben werden ſollten, wenn fie nicht bes
denken würden, was zu ihren Frieden dient — das wurde,
auf dag genauefte, ohngefehr 30 aöehre nach feiner Kreu⸗
zigung erfüllet.
Immer berrfchte unter ben Juden Misvergnügen
und Verdruß über die Gewalt der Römer. und oͤfters gab
bas graufame Verfahren der römifchen Kandpfleger Aplaß
dazu. Se mehr fie fich aber weigerten denſeiben zu gehor⸗
chen , befto mehr Drangfalen batten fie von den Roͤwern
aussuftehen. Unter ihnen felbft wurden vermilderte Site
ten, Raubereyen und Mordtäaten zur Gewohnheit; fogar
die iüdifchen Priefter, unter welchen allerley Unordnungen
eingerifien waren, theilten fih endlich in feinsielige Data
Hhhh 4 theyen
1104 Zwey und funfzigſte Tafel.
theyen, und fuͤlleten Jeruſalem, manchmal ſogar den Ten;
pel, mit Blutvergießen an. Nach und nach kam es zu
oͤffentlichen Unruhen, und die Juden ergriefen, im Jahre
Chriſti 66, die Waffen gegen die Roͤmer, toͤdteten viele
Tauſende derſelben, und vertrieben bie Übrigen aus Pas
läftina,
Yun fehickte der damals regierende Kaiſer Nero ben
Seldherrn Veipafianus, mit einem großen Heere nad
Judaͤa, die Rebellion der Juden zu flilen. Sie fiengen
fon an die Stadt Jerufalem zu belagern; aber der bald
darauf erfolgte Tod des Kaifers Nero verzsgerte die Erobe—
zung des Landes. Indeſſen verfammleten fich alle misver,
gnügte Juden zu Jeruſalem, und die ganze Stadt wurde
mit Meuchelmördern dergeſtalt angefült, daß fich fein
Menſch mehr fiher fahe. Diefe Zeit aber machten fich Lie
Chriften, welche noch in Serufalem waren, ſehr wohl zu
nuze; verliefen, nach dem Befehle Jefu die Stadt, und
flohen groͤßtentheils in dag Städtlein Pella , über ben
Jordan.
Unterdeſſen war Veſpaſianus ſelbſt zum Kaiſer er.
wehlet worden. Er übergab daher feinem Sohne Titus
dag Kriegshcer , und gieng nad Kom. Titus , ein fehr
menfchenfreundlicher Felbherr, bot den Belagerten zweymal
den Frieden an. Die Juden aber fchlugen diefe Gnade
fol; und hartnaͤckig aus. ie verließen ſich theilg auf
ihre fehr wohl bevefligte Stadt, theils auf ihre Unerfchros
ckenheit und Entfchloffenheit, und tröfteten ſich vornehm⸗
lich mit dem eitlen Wahne, bag Gott fein Volk, feine
Stadt und feinen Tempel unmsglich mit feinem Beyftande
verlaffen koͤnue. Insbeſondere wiegelten die Eifrigſten
unter ihnen, welche fih Zeloten nannten, das Volk immer
mehr auf, daß fie ſich ſaͤmtlich entfchloffen hatten „ die
Stadt
Das Ende der Welt. ı1ds
Stadt gegen bie ee bis zur Verzweiflung su vertheis
digen.
Hierauf fuchte Titus die Stadt durch Sturm zu ge
mwinnen. Da er die erfie Mauer fehr bald erobert hatte,
fo entſtund, in der fehr eingefchloffenen und mit fo viel ta
fend Dienfchen erfüllten Stadt, ein ganz unbefchreiblich
großer Hunger. Auf der Zafel fieht man davon einen
Beweiß, wie nehmlich ein Weib ihr Kind, das ſie getoͤdtet
hatte, and Feuer ſezt, um es zur Speiſe zuzurichten —
Ein römifher Soldat fahre diefen Greuel , und erfchrad
auf bag heftigfie — So murden bie Juden durch ihre
Hungersnoth zu den unnatärlichften Speifen gezwungen —
Beydes erzeugte anfiecfende Krankheiten; und fie waren
nicht mehr im Stande die Leichname der in ungehlicher
Menge täglich verfiorbenen Einwohner in der Stadt zu
begraben. Sie warfen daher folhe über die Mauer; über
welchen Anblict der mitleidige Titus dermaffen gerührt
wurde , daß er feufjfe und Gott zum Zeugen antief,
dag er feine Schuld an einem folchen entfezlichen Elende
habe —
Aber die Aufrährer wurden durch feinen diefer fchauts
ervollen Auftritte gerührt. Die Rotten rieben einander
felber auf, andere ermordeten fid) aus Verzweiflung —
end das Elend wurde fo groß und allgemein, daß in ber
ganzen Gefchichte Fein ähnliches Beyſpiel zu finden iſt.
Endlich machte Titus demfelben ein Ende; er eroberte den
wohlbeveſtigten Tempel, fleckte die übrigen Theile der
Stadt in Brand, ließ die Mauern fchleiffen, einen grofien
Theil der Juden niederhauen, viele taufende an dag Kreuz
ſchlagen, und was wicht getödtet wurde, in die Gefan—
genſchaft weaführen. Gerne hätte der gute Feldherr deg
prächtigen Tempels gefchont — er eilte felbft, da er an
9hbh5 fieng
1166 Zwey und funfßigſte Tafel.
fieng in Brand zu gerathen, herbey ihn zu loͤſchen —
aber das Getuͤmmel war zu ſtark, als daß er es haͤtte
verhindern koͤnnen. Die Stadt wurde am achten Sep;
temb:r im 3. €. 70. gänzlich gerftört, und der iuͤdiſchen
Herrlichkeit, und vornehmlich dem levitifchen Gottesdienfte,
was die Dpfer und andere Ceremonien anlangte , ein
Ende gemacht — zugleich aber auch, durch genaue Erfüls
Jung fo vieler Weißagungen Chrifti und der Propheten im
alten Teftamente , die Wahrheit der chriftlichen Religion
augenfcheinlich beftätiger.
Und fo mußte ein Land , eine Stadt, verwuͤſtet
werden — fo ein Volk zertrefen und wie Staub in alle
Melt zerftreuet werden, das fich entfchliefen fonnte, ben
Heren der Herrlichkeit, feinen König und Meßias zu toͤd—
ten — zum warnenden Zeugniße der gewißen fchrecklichen
Zufunft aller derer, die nit an Jeſum Chriſtum glauben
wollen.
4.
Verſchiedenes Verhalten der Menſchen
bey der Erkentniß Gottes.
Eiementarw. Tab. XLVI.
DS eier mit mir, geliebte Fefer , auf der Grabftätte
vieler Menfchen ! Seht dafelbft (a) verfammlet die Lebens
digen , deren Feichen auch einmal daliegen und vermefen
werden — von beyderley Gefchleht, von allerley Stand
und Alter. Menſchen! Diefe Stätte fann euch) begierig
und ernfihaft genug machen, nad dem Lichte, nach ben
Erfent-
|
|
Das Ende der Welt. 1167
Erfentnißmittelm zu fehen , woburd ihr Gott, als die
erfte Urſache aller Dinge, die von Ewigfeit war,
als mächtig und gütig in Kwigfeit, und als den
Pater feiner unfterbliden Rinder Fönnt glauben lernen.
Seht ienen Nachdenfenden auf dem Leichenfleine, und eis
nen Andern nachdentend bey feinem Sohne ftehen. Dag
Nachdenken, dag fortgefezte Nachdenken ift eins der beiten
Mittel in diefem Glauben gewiß zu werden. Aber ohne
Beranlaßung durch andere Mittel, mürde vielleicht Fein
einziger Menfch ſich big zur Unterfuchung einer fo hoben
Erfentniß erheben. Geht, wie einige Menfchen, welchen
dieſes Licht ſchon fcheint, ihre Freunde, und ihre geliebten
Kinder aufmerffam auf die Strahlen deßelben machen.
Dieſes fehlt den wilden Voͤlkern! darum find fie ohne die
felige Erfentniß Gottes ganz in Finfterniß , oder in ben
urgereimteften Sjerthlümern. In diefem Zuftande waren
auch die Vorfahren der meiften Voͤlker, die Vorfahren
von uns, die wir iezt Gott erfennen. Aber es famen
weiſe und mohlthätige Männer Chier ftehen fie auf der
einen Seite), melde ihre Mitbrüder belehrten und ihnen
die Lehren von dem einzigen Gott und feinen Eigenfchaften
als ſolche, welche ihnen oder ihren Vorgängern auf eine
aufferordentliche Weife geoffenbaret wären , vorftellten.
Da ward nad und nach kicht in den Seelen diefer Volker,
und fie lernten den einzigen, ben allmächtigen, ben allgü-
tigen Gott, den Vater unfterblicher Seelen erkennen.
Man lehrte fie aber auch, daß feine Weisheit zwi⸗
fchen den Guten und dem Boͤſen einen Unterfchied machen,
und als Richter ihnen das Necht und Unrecht vergelten
würde. Gott richtet ! Gott richtet ! Seht (b) biefe
Verſammlung von Menfchen bey diefem neuen Lichte von
ber Gerechtigkeit des allwiſſenden, allmächtigen und allgüs
tigen
1168 Zwey und funfsigfte Tafel.
tigen Botted. Einige find vol Verwunderung über bag,
was ſie vormals nicht gehört, oder doch nicht lebhaft ges
glaubt hatten. Wie, dachten fie, ein allwıflender, ein
allguͤtiger Gott, wird der Menſchen Thun und Kaf
fen rihten? O, weld eine für uns unausſprechlich
wichtige Sache, wenn fie auch nur möglich, wenn fie
auch nur wahriceinlich wäre! So dachten fie, und
verfanfen auf eine Zeitlang (wie man an der Stellung eis
niger andern fieht) in Tieffinn. Da lernten fie bey andern
Beweiſen, die ihnen vorgehalten waren, bie Pflicht eines
vernünftigen Glaubens bedenken, und Gottes Vorſehung
und Gerechtigkeit eine Zeitlang glauben. Einige zweifelten
wieder — da rief die Glaubengpflicht fie zuruͤcke. Sie
glaubten von neuen und beftändiger , der Eine mit größe
rer, der Andere mit Eleinerer Lebhaftigkeit dieſes Glaubens.
Jener erinnerte fich deſſelben bey allen wichtigen Borfäzen,
diefer nur zumeilen ; iener handelte faft immer gemwiffenhaft,
diefer aber faßte zuweilen gute Vorſaͤze, erfüllte fie felten,
und mußte aledann die abfcheulichfte Gewiſſensangſt leiden.
Einige diefer Art, wenn ber oft wiederholte Vorſaz, ſich
zu beffern, ihnen eine Zeitlang mislungen iſt, wollen ber
Gerechtigkeit Gottes vergeffen, entfernen fih von dieſem
Gedanken, (feht einige Exempel vorgeſtellt) laſſen fih von
den Freunden ihrer Seelen nicht zurücke halten ; vergeffen
der Gerechtigkeit Gottes wirklich, müffen fich ihrer doch
wieder erinnern, verabfcheuen bie Erinnerung, fangen an
zu zweifeln an der Wahrheit derfelben , verfäumen die
Ausuͤbung der Glaubengpflicht, verneinen die göttliche
Gerechtigkeit, läftern fie, und verführen auch andere ein
Gfeicheg zu thun — aber frühe ober fpät beklemmt fie
wieder Neue und Gewiſſensangſt, woraus nach vielem
Iberftandenen Seelenleiden entweder Beſſerung folgt, oder
safende
Das Ende der Walt. 1169
raſende Verzweiflung — wie man hier, zur Seite, an
dem Ungluͤcklichen mit dem geſtraͤubten Haare ſieht, welcher
an ſich ſelbſt, als an einem Ungeheur, Gewalt auszuuͤben
ſucht —
O Kinder, fliehet ſchon von ferne dieſes entſezliche
Schickſal! Wandelt tugendhaft! Folgt auch der leiſeſten
Stimme des Gewiſſens! Eine iede Reue uͤber Suͤnden
werde Befferung ! So werdet ihr niemals verzweifeln,
niemals den veſten Glauben an die Gerechtigkeit Gottes
verlieren — und in der Uebung dieſes Glaubens auch ſei—
ner Macht, ſeiner Liebe und Weisheit froh werden!
5.
Raupen und Schmetterlinge.
Di Raupen ſind, wie z. E. die Seidenwuͤrmer ( Tab.
XVI, 5.), aus verſchiedenen Ningen zufammengefezt,
womit fie ihren Körper überall hin bewegen, wohin fie
ihre Bebürfniffe rufen, meil fich diefe Minge durch das
Verlängern und Verkuͤrzen, unter einander verfchieben
laffen. Sie haben eine gemwiffe Anzahl von Füffen, ges
meiniglich acht bis ſechzehn, die mit Hacken verfeben find,
um ſich damit an den Bäumen anzuflammern. Sie ziehen,
wie die Seidenwürmer , aus ihrer Kehle, Fäden, beren
Materie ein flüffigeg Gummi ift, das fie aus den Blättern
faugen , von denen fie leben. Es giebt fehr viele Arten
derfelben, welche fich durch ihre Länge, Dide, Farbe
und übrige Geftalt , von einander unterfcheiden. Einige
werden über vier Zoll lang, bie meiften aber erreichen nur
bie
1170 Zwey und funfzigfte Tafel.
die Länge eines Zoles. Einige find einfärbig, z. €. roth,
geld, grün, blau, ſchwarz ıc. andere hingegen ſind mit
©treifen, Flecken und Punkten von verichiedener Farbe
beſezt. Bey vielen hat der Körper einerley Dicke, audere
laufen in eine gerade Spige hinaus, wie z. €, der Pfeil;
ſchwanz. Einige find ganz glatt, bey andern ift der Leib
mit Haaren, Stacheln oder Borften befezt , daher die
Benennungen : Bärenraupen , Dornraupen, Sta
&elraupen und Büritenraupen.
Gegen das Ende des Sommers hören fie auf zu effen.
&ie weben fich einen Zufluchtsort, um darinnen den Raus
peitörper abzulegen. Sie flreifen ihre Haut, wie ein
altes Yergament ab , und es bleibt ven ihnen eine tleine
Puppe, oder eine länglichte braune Bohne übrig, welche
fi) in beweglichen Ringen, die immer dünner werden,
endigt. In dieſer Hülle befindet fih der Schmetterling
eingemwicelt. Sobald berfelbe feine voͤllige Ausbilbung
befommen hat, fo Friegt er am runden Eude feines Futes
rals aus, und fliege nunmehr von Blume zu Blume, Ges
gen dag Ende des Herbfteg legt er feine Eier, gemeiniglich
auf Blätter, und ſtirbt. Wenn nun die Sonne diefe
Eier erwärmet, fo Friegt eine Menge Fleiner Raupen hers
aus, welche ſich mit einer Art von Gewebe ein Dad mas
en, morunter fie den Winter über, in einer Art von
Starrfucht, zubringen.
Die Schmetterlinge , melde auch Papillonen,
Sommervögel, Butternögel und Zweyfalter heiſſen,
haben einen Körper mit vier Flügen, welche mit einem
feinen, mehlartigen Staube bedect find. Wenn man dies
fen Staub durch ein Vergrößerungsglas betrachtet, fo ſieht
many bag berfelbe nichts anders iſt, als eine große Menge
febe
Das Ende der Welt, 1171
ſehr feiner Foͤderchen oder Schuppen von mancherley Farbe.
Man theilt fie ein in Tagvogel, Daͤmmerungevoͤgel
und Nachtvogel. Die Tagvögel fliegen nur bey Zagı,
haben keulfoͤrmige Fuͤhlhoͤrner, und ihre Fluͤgel Itchn
fenfrecht in die Höhe, menn fie fizen. Won dieſem Ge—
fchlehte giebt es über 270 Arten, melde zum Theile, abs
fonderlid) die amerikaniſchen, ſo ſchoͤn gezeichnet find, Faß
auch ber gefchieftefte Mahler nicht im Stande iſt, abe
Farben volfommen aus zu zeichnen. Die Fuͤnlhoͤrger ver
Dämmerungspvögel find in der Mitte dicker als un beyben
Enden , und die Flügel fteif. Es giebt ohngefebr 50 Ar—
ten berfelben, und der größte iſt der ſogenannte Tocen:
vogel , welcher vielen Namen deswegen erhalten bar,
weil der auf dem Bruft- Stücke oberwärts befindliche les
den fo ziemlih einen Zodtenfopf ähnlich ficht. Die
Nachtvoͤgel haben bürftenartige Fuͤhlhoͤrner, und im &is
gen niedergebogene Flügel. Man zehit über 460 Arten
berfeiben, zu denen auc der Papillon. des Seidenwurms
gehöret. Unter den Fleinern Nachtodgeln wovon die mei⸗
fien Arten Motten genennet werben, find einige vorzüge
lich wegen des großen Schadeng merkwürdig, den fie ung
zufügen, tie z. E. der weiße Rornwurm, die Bienens
motte und die Pelzmotte.
Auf der Tafel fieht man einige Raupen , mit ihren
Puppen, Schmetterlingen und Eiern, nehmlich: Den
blaßgelben Obfibaum » Schmetterling (d) mit feinen
Kiern (v), aus welhen Raupen werden (k), bie off
in etlichen Tagen ganze Bäume kahl freffen; den gelb⸗
grauen Rohlſchmetterling (e), der feine koͤgelfoͤrmigen
Kier (q) auf die untere Seite der Kohlblätter fegt, daraus
grasgruͤne, geldgeftreifte Raupen werden (0); die!
Zirfhbaumraupe (2), aus welcher der ſchoͤne braune,
ſchwarz
1172 Zwey und funfzigfte Tafel.
ſchwarz und blau geflecdte Schmetterling (c) wird, ber
fich faft gleich zu Anfang bes Frühlings fehen läffet; den
Apfel » und Birnbaum: Schmetterling (t) , ber feine
Eier in Aepfel und Birne legt, aus denen hernah Wür:
mer werden (£), bie die Yepfel und Birne zerfreffen;
die fchädliche Pelsmade (u), deren Karve (i) die Pelz
werfe und viele andere Dinge befchädiget ; die Infekten:
made (h), deren CLarve (b) die Sinfeftenfammlungen -
fo fehr zerfrißt; einige Puppen oder Yiympben (I. m. p.);
ven Schwalbenfhwanz (n), den Todtenvogel (5) ꝛc⸗
6,
Allgemeines Berufsgefchäfte aller Menſchen.
Far theilen fih die Menſchen, in Anſehung ihrer
äuflern Berufsgefchäfte, ihres Standes, Amtes und
Gewerbes , in gar viele Klaffeen. Ihr Beruf, ihre
Befhäftigung, ihre Arbeit, fich Unterhalt zu verfchaffen,
iſt gar verfchieden — Doc, müffen fie alle, von der erfien
big zur lezten Menſchenklaße, vom hoͤchſten Herrſcher bis
zum geringften Diener, in Einem Hauptgefchäfte, in Einer
Arbeit und Sorge überein kommen, wenn fie wahrhaftig
olüskfelig feyn wollen. Dieß ift das allgemeine Bes
zufogefcbäfte aller Wienfchen, zu trachten und zu ar
beiten, dag man immer vollfommener, immer befjer,
immer frömmer werde — daß man es in diefer
und in der zukünftigen Welt, immer und ewig,
aut babe,
Vernunft
Das Ende der Welt. 1173
- Vernunft und Religion ermuntern zu. biefem allges
meinen Berufsgefbäfte, und zeigen die Mittel und
Mege an, baßelbe recht zu treiben, und dadurch glitcklich
zu merden. Laut ruffen beyde : Du bift ein Menſch!
Gefchäffen von einem unendlid guten Vater, beflimmt zu
unendlichen Glückfeligkeiten , und in diefe Welt, eine der
Wohnungen, deren der Emige viele Millionen hat, einges
führt — Eine gemwiße Anzahl Fahre ſollſt vu dich in der⸗
felben aufhalten , dann in noch fchönere Welten, als auf
immer höhere Stufen der Gottes: Erfentniß und der himm«
liſchen Wolluft gebracht werden — Nach deinen Bezeigen
in diefer Welt wird fich dein Ffünftiger Zuftand richten —
derfelbe wird unaugfprechlich vortheilhaft feygn, wenn du
bier gut wareft, aber Aufferft ungiückielig, wenn du deiner
Beftimmung nicht gemäg lebeſt. Nuze alfo dein Dafeyn,
deine Gaben, deine Zeit, deine Güter ! Du haft
Beibesfräfte, dich und deinen Nächften glüklih zu mas
hen — Seelenfräfte, Vieles zu erfennen, zu erforfcheny,
zu wählen, zu verwerfen — Wahrheit, Bollfommenheif
und Freude in immer größern Maaße zu faſſen — Du haft
Sinnen , die eben fo viel Quellen find, aus denen du
Kentniße , bimmlifhe Empfindungen, und Wonne eines
Engels fhöpfen Eanft — Sie fleht vor dir da, in Ei
niglicher Pracht, die ganze Natur — fchaue, umarme figz
fo wirft du bald ein Freund ihres Vaters , und feines
Willens, und feiner Wege werden.
Du bift ein Chriſt! Gefchaffen in Chriſto Jeſu zu
guten Werfen und zu einen ewigen Erbtheil— Bor bie
liegen die Gefeze und Offenbarungen beines Gottes — fie
find dein Licht, dein Seelenbrod , deine Rathsleute!
Lerne von ihnen dag Verderben deines Herzens und deine
unzeblichen Abweichungen erfennen — Sep befrübt über
| Jiii dieſel⸗
1174 Zwey und funfzigfte Tafel.
biefelben und fey auf deiner Hut! Du haft Feinde die
dich verführen wollen, Fleiſch und Blut, das dich unzeh-
lich oft täufchet — Aber du haft einen Freund, der dich
gu Gort führen, heilig, ſtark und glücklich machen will —
Jeſus Ehriftus iſt dein Bruder worden, bein Verföhner,
dein Ales — Glaube an ihn, halte dich zu ihm, richte
dich nad) feinen Vorſchriften — Sey nur recht begierig
nach deiner Heiligung , und bitte ihn um ein frommeg
Herz, um feine Gnade und Leitung, fo wird er bir Vers
fand und Tugend,” und feinen Geift geben, der dich in alle
Wahrheit leitet. Ueberwinde dich felbfi, fo wirft dur alles
andere überwinden Fönnen !
Und dann wird eg bir leicht werden alle Befehle
beines Gottes zu beobachten — ihn über alles zu lieben,
zu ehren, zu fürchten, zu vertrauen, zu erhöhen — dich
und deinen Bruder , auch Feinde zu lieben — auch bie
größten Widermärtigfeiten mit Gedult zu ertragen —
Dann mirft du Friede haben mit Gott, Freude des Herzens,
überfhmengliche Freude und Ruhe, Heiterkeit bey allen
Abmwechflungen des Lebens — alles genug, alles in
Einem , alles in Allen — Getroft wirft du felbft in
beiner Testen Lebensftunde feyn „ und im Derlieren aller
nnen und Kräfte, dein wahres Leben und die Hoffnung
wicht verlieren, in einer beffern Welt ein über alles Denfen
wichtige Herrlichkeit zu finden!
Froh über alle diefe Ausfichten wendet der Ehrift
allen feinen Sleiß daran, feinen himmlifchen wahren Beruf
- immer ernftlicher zu treiben. Entzuͤckt über das große
Heil Gottes und feiner Gnade fiebt feine Seele (f. die
Vorſtellung auf der Tafel) mit Scraphsblick in das Aller
beiligftie — Strahlen der bimmlifchen Erleuchtung machen
fie
F
Das Ende der Welt. 1195
fie weife und froh — Gottes Ofienbarungen find ihr
lieber als Gold und Silber — Der Gekreuzigte ift ihr
göttliche Kraft und göttliche Weisheit — ein Blick auf den
Tod und auf die feeligfte Verwandelung geben ihr Abends
mahls » Freuden — Ein frommes Herz ift ihr einziger ,
Wunſch, ihr unaufhörliches Beten ;
Ein Herz das dih , o Vater ! Jiebt,
Und deines Sohns fich freuet;
Das in dem Glauben Tugend übt,
Und fi) vor Sünden fcheuet;
Ein folhes Herz, das wird allein
Eich ewig beiner Güte freun,
Und einft bein Antliz fchauen.
Und fol ein Herze wollſt du mir,
Gott ! aus Erbarmen geben,
Damit ich möge auch fchon bier
Nady den Gefegen leben,
Die felbft im Himmel gültig find;
Dis ih, ale dein bewährtes Kind,
Zu beiner Freude gebe !
[| u ULDNELEZLLIEN
T»
Die Welten,
(CA Schmetterling flog in die Some, dann feste er
fih auf eine Lilie, und fahe mit großen Augen um ſich
ber. Was fiehft bu fo erflaunt, Kleiner Freund rief
ihm eine Taube von der Dachrinne zu. Der Schmetters
ling antwortete ; Sich febe eine Welt von Blumen um
Siiia mid
1176 Zwey und funfziafte Tafel.
mich her, von taufend Farben, taufendfacher Bildung und
Anlage — Die Taube verfezte : wuͤrdeſt du mein Auge
haben, fo wuͤrdeſt du noch eine Welt fehen, lange Korn»
Zelder, Auen, Berge und Thäler, und dagwifchen fchlän.
gelnde Bäche, fruchtbare Baume, Wohnungen ber Mens
Then und der Thiere —
Pin Rnabe hörte fie fo reden und rief : Haͤtteſt du
mein Auge, Taube, fo mürdeft du die aufgehende Sonne,
die befchneiten Alpen , das unabfehbare Meer, fegelnde
Häuffer , ſehen —
Ein artiger Herr ſagte: Auch bein Auge ift noch
ſchwach fiehe mit meinem, und betrachte eine Affemblee
von Damen, die von ihrem Throne, einem Sopha, Ges
fege geben — von Herren, die fih um fie herum trillen,
von Spieltifhen, von Büfets — das iſt bie artige, die
große Welt. |
- Ein Philofopb rief : Ich meine noch mehr von
der Welt zu ſehen — ich febe fie nicht blos mit dem leid»
lichen Auge, ich fehe fie mit dem innern Auge des Plato,
das Myriaden von £örperlichen Augen übertrift, und und
die Gedanken, den Entwurf und die Abfichten des Schoͤ⸗
pfers entdecket, das ganze Syſtem der Wahrheiten —
die Nichtfehnur aller Bewegungen unfter Seele , aller
Handlusgen des ganzen Menfchen, die Grundgefeze, durch
welche das ganze Wohl und Uebel des Menfchen , bie
Thaten und das Schickjal der Könige und der Bürger, ber
Nationen und der Privatperfonen beftimmet wird —
8.
Das Ende der Welt. 1177
NE ANLEGER
8.
a Rei der Todten, nach den Begriffen
der Alten.
ie gehe von der UnfterblichEeit der Seele fand zu
Hen, auch in den älteften Zeiten, auch unter beidnuchen
Voͤlkern vielen Beifall ; allein fie ward jederzeit (die Vils
fer ausgenommen, melche die göttliche Offenbarung haften )
durch viele Vorurtheile und Zufäze Aufferft entfiellt. So
glaubten 5. E. die Egyptier, mit der immermährenden
Dauer der Seele, eine beftändige Wanderung berfelben,
und lieffen fie, nach ihrer Trennung vom feibe, in vers
fchiedene Thiere fahren , und erft nach 3000 fahren in
einen menfchlichen Körper, und endlid in Gott oder in bie
Seele der Welt wieder zurüce kehren,
Nach) der Fehre der alten Griechen und Römer,
gelangte die Seele, wenn fie von Leibe abgefchteden war,
oder wenn die Parce Atropos den Kebensfaden abge
ſchnitten batte (Tab. IV, 8.), an emen gemiljen Dre
ihres Fünftigen Aufenthaltes. Diefen ftellten fie fih als
ein fehr geräumiges, fuͤrchterliches, tief unter der Erde
liegendeg, Behältniß vor, welches fie überhaups Tartarus
nannten , obgleich eigentlich der fürchterlihe Aufenthalt
für die Böfen alfo genannt wurde, Ehe aber die Seele
in das Reich der Todten Fam, mußte fie über etliche fürchs
terliche Flüffe wandern , über den braufenden Acheron,
ben fchlammigten Rocytus, den von Pech und Schwefel
zauchenden Styr und über deu Feuerfirom Pblegeton.
Ein alter verbrüßliher Mann , welcher Eharon 5b y
Jiii 3 mugte
1178 Zwey und funfzigfte Tafel.
mußte bie Seele über diefe Slüffe , vornehmlich über den
Acheron, in einem Kahne führen. _ Dafür befam er von
iedem Schatten ein Fäbrgeb — Doch Fonnte ihn die
reichlidyfte Bezahlung nicht bewegen, foldye Seelen in fein
Schiff zu nehmen, deren Leiber noch nicht begraben waren;
fie mußten hundert Sjahre warten, dann erft nahm er fie
- in feinen Kahn auf. Den Eingang in den Tartarus bes
macht der breyköpfichte Hoͤllenhund Cerberus, der zwar
die anfommenden Seelen mit freundlichen Geberden ein.
treten läßt , aber mit voller Wuth dieienigen anfällt,
welche ihr angewiefenes Behaͤltniß wieder verlaffen wollen.
Das Urtheil über die abgeichiedenen Seelen fällten brey
unterirdifhe Richter : Minos, Aeakus und Ahadas
mantbus , nady aller Gerechtigkeit und Wahrheit. Die
Buten wurden bierauf in äufferit angenehme Begenden ge»
wiefen , welche elifäifhe Selder genennet murden —
Da tranfen die Glükflihen aus dem Fluß Lethe, und
vergaßen alle ihre Mühe und Plage, die fie auf der Welt
hatten — Sie wohnten an fchattigten Haynen, an fühs
len Bähen, auf blumenreihen Sluren — ba berrfchte
goldne Zeit, ohne Kafter, ohne Uebel, ohne Befchwehr-
lichfeit, vol Vergnügen und Wonne —
Verurtheilten aber die Hoͤllenrichter eine Seele zur
Dein und Strafe, fo wurde biefelbe ſogleich, von
den Furien, in ben eigentlih fogenannten Tartarus
verfioßen , welches ein dunkler , falter Ort war, mit
ehernen Mauern und Thoren , und von einer dreyfachen
Tracht umgeben. In demſelben gab es, auffer den Zus
tien noch mehrere Ungeheur, melche bie Verdammten in
der Hoͤlle unaufhoͤrlich quälten, nehmlich: die Chimären
mit einem feuerfpeyenden Loͤwenkopfe, Drachenſchwanze
und Ziegenbauh — Harpyen mit Weibergefihtern, aber
mit
ee RE FE
Das Ende der Welt. 1179
mit feibern und Klauen eines Geyerd — fcheugliche
Gorgonen oder Medufen, Weiber mit Schlangen flatt
der Haare — Welche Miffethäter ihre Strafe in biefem
Leben nicht empfiengen, wurden der Rache biefer Plage»
geifter übergeben , welche fich daher immer bey dem Rich—
terfluhle des Minos in Bereitfchaft finden liefen. Aufs
ferdem benannten die Alten noch mehrere Strafen, welche
ben Verdammten auferlegt wurden, da muß z. €. Syfl
phus, meil er einft den Tod angefeftet hafte, ohne Aufe
hören, Steine bergan wälzen, bie allezeit wieder herunter
rolen — Da muß eine Anzahl Danaiden , weil fie
fämtlich ihre Männer in der Brautnacht ermordeten, durchs
loͤcherte Fäffer , die niemals vol werden, mit Waſſer
füllen — Da muß Tantalus , welcher bey einem Goͤtter—
befuche, lieder feines Sohnes aufgetifcht hatte, bis an
den Mund im klarſten Waſſer ſizen, und unaufhoͤrlich
Durft leiden — Da ift Ixion, der die Göttinn Juno
beleibigfe , an ein beftändig fich umdrehendes und mit
Schlangen umwundenes Rad gefeſſelt —
Aehnliche Strafen diktirten die Goͤtter oͤfters, noch bey
Lebzeiten, den Verbrechern, z. E. Prometheus hatte die
Menſchen gebildet, und entwendete, zu ihrem Beſten,
das Feuer aus dem Himmel. Dafuͤr ward er an das
Gebuͤrge Kaukaſus, auf Jupiters Befehl, angeſchmiedet,
wo ein Geyer ihm immer die Leber ausfraß, die alsdenn
von Neuem wieder anwuchs — Andromeda, welche
ſchoͤner ſeyn wollte, als Juno, wurde an einen Fels mit
Ketten angeſchloſſen, und von einem Ungeheur geaͤngſtiget,
u. f. mw.
Die oberften Sottheiten im Reiche der Todten waren
Pluto, und feine Gemahlinn Proferpina, eine Tochter
ber Ceres, melde er mit Gewalt raubte, umd mit fich
Jiii 4 in
1186 Zwey und funfzigfie Tafel.
in die Hölle führte, Er felbft fizet, ihr zur Nechten, auf
einem Throne von Schwefel, und hat eine Krone von
Ebenholz auf dem Haupte, ober eine Sturmhaube, welche
ihn unfichtbar macht , und flatt des Zeyrerd, eine Nuthe
in der Hand. Er wurde auch als der Gott aller unter
irdifchen Schäze und Neichthümer verehret ; dem zugleich
die nächtlichen DBlize, und die Einführung der Begräbniffe
und Leichenbegänaniffe zugefchrieben wurden.
9.
Brief eines vwerftorbenen frommen Sohnes
an feine Schweſter. Eine Fiktion.
Se, der mohlerzogene Sohn einen rechtihaffenen
Landgeiſtlichen, befam in feinem zwölften Jahre die Blat—
tern. Seine guten Eltern brauchten alle nur mögliche
Mittel, ibren Liebling zu retten ; und Tag und Nacht
famen fie nicht ven feiner Seite. Selbſt feine einzige
Schweſter Wilhelmine, wendete alle ihre Kräfte an, ib.
rem liebften Ferdinand , two möglich, feine großen Schmer-
zen zu erleichtern. Sie unterhielt ihn mit angenehmen
Erzehlungen , zeigte ihm Kupferſtiche und Stüde aug ih»
red Daters Naturalienfabinet, und mifchte ihm felbft die
Urzneyen , die er gebrauchen mußte. Aber die Vorſe—
bung, bie ihre weifen Abfichten den Furzfichtigen Menſchen
nicht allezeit befannt macht, nahm ben beften Eltern biefe
vortrefflihe Pflanze, um fie in berrlichere Gegenden zu
verfezgen. Niemand fühlte diefen Verluſt ftärfer als Wil.
belminhen. Sie war untröftlih. Wo fie ſich nur aufhielt,
da empfand fle, daß die Hälfte ihres Gluͤckes entflohen
war,
Das Ende der Welt. iier
war, da rief fie ihren Ferdinand; und felbft im Traume
befchäftigte fie fich mit ihrem zu den Engeln hinüber ges
gangenen Bruder. Wie fehr groß muß alfo ihre Freude
geweſen feyn, als fie einft den Morgen noch bem ſuͤſſeſten
Traume, folgenden Brief von ihrem verherrlichten Ferdi«
vond auf ihrer Bibel liegend fand :
Meine vortrefflihe Schmwefter !
Da du mich, mie ich noch bey dir war, mit der
größten Zärtlichkeit liebteſt, fo bin ich überzeugt, daß dich
meine Trennung in die tieflte Traurigfeit verfeset hat.
Aber traure nicht, gutes Mädchen. Diefer Brief wird
bir fagen, mie fehr di deine Liebe zu mir beleidigeft, wenn
bu nur noch eine Zähre um mich vergieffen toollteft.
Gleich nach jenem lesten Kuße, den ich von bir auf mei—
nen Lippen fühlte, empfand ich den fanfteften Schlummer;
den ich in meinem kurzen Leben gehabt habe. Er dauerte
nur einige Augenblide — ich erwachte und mein Geift
entiwallte dem Körper, dem du iezt, in Threnen ſchwim⸗
mend, bie Augen zudruͤkteſt. Und nun empfand ich, was
etwa, aber in unausfprechlich Fleinern Grabe, ein Ge»
fangener empfinden mag, ber mach einem zehniährigen
Aufenthalte im fchrecflichften Kerfer , und endlich am heis
terften Srählingsmorgen die Feffeln abwirft, und im
fhönften Kreife der lächelnden Natur die -erfle gefunde
Luft einathmet. Sch fahe mich auf einmal auf einer hell
blauen, gewoͤlbten Fläche, die fi) in weite Grenzen ver
lohr. Ueber der Luft, ber ich entgegen manbelte, ſchwebte
eine unausſprechlich reizende, purpurfarbene Dede, au
welcher Milionen Goldſtrahlen fpielten. Dft beſtes
Wilhelminchen, freuten wir ung des Glanzes der Morgen «
Sonne, und nannten bie Klarheit bed Morgenhimmels
Jill eine
1182 Zwey und funfzigfie Tafel.
eine bimmlifhe Morgenroͤthe — Aber ich fage bir,
Ecmefter, daß wir ung fehr irrfen. Es war das Mor
genroth ber Sterblichen , in ben dickſten Nebel gehuͤllet,
und viel zu weit von ung , als daß wir dag Entzüden,
bag in feiner Fülle wohnt, hätten fühlen Finnen. Nun
fab ichs, obne Hülle, in der Nähe, und mein Körper
erhielt einen neuen, für dich nod) namenlofen Sinn, ba
er fi) in dem purpurnen Meere beffelben badete.
Anfänglich herrſchte um mid) eine feyerliche Stille,
die aber faufendmal reizender war, als die Mitternachte.
file im Fruͤhlingshaͤhne, die der volle Mond beleuchtet.
In diefer füffen , reizenden Gegend verfuchte ich meine
Gefchwindigfeit, und ich erftaunte über mich feibff. Denn
es dünfte mir, als ob bisher taufend Feffeln an meinem
Körper gefchmiedet geweſen wären. ch fchmebte bald
taufend Meilen empor, bald flog ich feitwärte, bald drang
ich durch die Morgenröthe hindurch mit einer £eichtigkeit,
die dein eingeförperter Verftand noch nicht faffen kann —
Märe dag Bild eines Schmetterlingg, bey euch Sterblichen
nicht mit gewiſſen Nebenbegriffen verbunden , fo möchte
ich dir wohl fagen, daß ich taufendmal leichter wie er,
taufenbmal fchneller, durch dieſen goldgeftreiften, purpure
nen Aether flog, bald langfamer ſchwebte, im niegefühlten
Taumel die neue, fanfte Luft einzuathmen — bald mwieber
ſeitwaͤrts eilte, in das große, blaue, fi mölbende
Meer zu blicken — bald wieder im ftärfften Fluge durch die
Purpurfluthen raufchte, um ienes für dich namenlofe Ent:
zücen zu fühlen, das ich empfand , wenn meinem neuen
Körper das fühle Gewoͤlke der Morgenröthe badete, und
fo immer höher empor ſchwebte — So füße, o Schwefter,
war diefer erfte himmlifche Morgen, den ic; nach meinem
Echlummer erblickte.
Auf
Das Ende der Welt. 1183
Auf einmal ſtroͤmte ein Leben in biefe Gegend, bag
die Ankunft eines neuen Entzückens verfündigte. Und nun
fahe ich eine große Schaar unausfprechlich fchöner , froͤlich
zu mir herunter ſchwebender Geftalten um mich her. Es
waren Nerherrlichte meines Alters. Gefegner feyft du
uns , geläuterter Sohn der Erde, gefegnet feyft du
uns , deinen Gefpielen , den feligen Knechten des
Ewisgen ! fo thönte eg im hellen, freudigen, taufendftims
migen Silberton durch die ganze weite Fläche hin — Sich
verſuchte meine Wonne dur eine Sprache auszudruͤcken;
und, o Schmwefler, bisher hemmten Zentnerfteine den
Yurgang meiner fterblihen Bruft — iezt aber entfirdmte
meinen Lippen die Sprache mit einer Leichtigkeit und in
einer Fülle, die mich in Erfiaunen feste. Heil euch, rief
ih, Rinder des Ewigen ! Heil euch in diefen Gefil;
den des Friedens! Und nun drängten fie fich mit holdem
Laͤcheln zu mir heran, führten mich durch den purpurnen
Aether hindurch, und brachten mich in dieienige Sonne,
deren ſanfte Strahlen die ganze bisherige Gegend ſo un—
beſchreiblich ſchoͤn bemahlt hatten. Allenthalben begegne,
ten mir Verherrlichte, die fi) nach einer ber ungeblichen
Sonnen, ober in eine von ben Welten Gottes ſchwangen,
um bdafelbft die Wunder des Emigen zu betrachten.
Kaum hatte ich mit meinen Begleitern bie fchöne
Sonne betreten, als ich neue Seeligfeiten erblickte. Ein
reines tauſendfaches meifferes Licht als der Schnee, firalte
duch bie ganze Welt, und ic) fahe Myriaden von himm,
lichen Geftalten in einer Fläche von vielen faufend Meilen,
wovon mid) das helle Licht die entfernteften eben fo deutlich
erkennen ließ, als die nächften. Auch biefe Himmelsve,
wohner waren fämtlich von meinem Alter; und der erſte
der ſich mit mir unterhielt, war Heinrich, unfer Coufin,
der
1184 Zwey und funfzigfte Tafel.
ber mir vor einem Jahre in dieſe entzückenden Gegender
vorangieng. Du meift es, Wilhelmine, er mar nod) ale
Sterblicher dag Mufter eines fhönen Knaben. Aber wie
ſehr erftaunte ich iest über feiner verherrlichten Geftalt!
In feinen Augen ſtrahlte Himmlifche Weisheit ; fein Mund
lächelte mir mit einer Huld , mogegen die Freundlichkeit
unfrer Mutter nichts mehr ale matter Ernft it — auf
feiner Stirne wohnte eine Heiterkeit und Unfhuld, wovon
etwa derienige Sterbliche einen Theil befizen koͤnnte, ber
noch nie eine truͤbe Minute erlebt hat. Seine Wange
glühte von einem Feuer, bag mich fogleid) an ihn zog,
um mein Herz in dem feinigen zerfchmelzen zu laffen.
Seine ganze Geftalt war zwar nod) die vorige, denn ich
fannte ihn gleih; fie war aber taufendmal fchöner, ale
bie tunge, auffeimende Roſe — dag Anfühlen feines
Leibes war fo fanft, ale bag Eühle, feidne Gewand,
wenns vom Weſtwinde befächelt wird. Seine Schnellig-
feit war taufenbmal ftärfer , als die Bewegungen des iun⸗
gen fehlanfen Rehes. Seine Stellung verfündigte himm⸗
liſche Freyheit — fein Gang war edel und mit einer
Maieftät verbunden, die du nie an einem flerbfichen Könige
gefehen haft. Seine Stimme — ad) was foll ich fagen —
die herrlichfte Stimme eines irrdiſchen Sängers ift dagegen
wie Ton des Blechs gegen Silberton —
Noch ſprach er mit mir von ben Wundern des Ewr⸗
gen, bie feine Gefpielen heute in einer Sonne erblicen
würden, als eine tiefe Stille fi) in der ganzen unabfehs
lichen Schaar von himmlifhen Knaben verbreitete. Auf
einmal lag bie ganze Menge auf ihren Gefichtern, und
auf einer blauen, mit Purpur und Gold geftrahlten Wolfe
fuhr einer vorüber, deſſen Maieflät in alle meine Glieder
don heiligften „ entzuͤckendſten Schauder ergoß. Seine
Augen
Das Ende der Welt. 1185
Augen ſtroͤmten himmliſche Wonne tief in iede meiner Adern
hinab, und ieder ſeiner Blicke war eine Sonne, die einſt
die Todten beleben wird. Bein Lächeln war wie dag
Lächeln der Morgenrsthe nach einem fiebentägigen Donner:
furm — Gh hörte ihm mit unbefchreiblicher Huld die
Worte fprechen : Seyd mir gefegnet, ihr alle meine
Erlöfeten ! Und plözlich erfchallte im hellen, filber£lin.
genden, taufendflimmigen, gemaltig hinraufchenden Jubel,
ton von Millionen Lippen : Heilig ift Jeſus Chriftüst
“eilig iſt Jeſus Ehriftus ! Heilig ift Jeſus Chrifius!
und die entfernteften Sphären tönteng eben fo mächtig laut
wieder : Heilig ift Jeſus Chriftus ! Und nun alles
ihm nach im Triumphe — Die güldnen Thore einer neuen
Sonne ‚ der wir entgegen eilten, oͤffneten fih — und ich
fabe, # Wilhelminden — — |
Ber:
, 1186
Verzeichniß
J. der bibliſchen Erzehlungen:
*
Erſchaffung der Welt.
. Adam und Eva.
. Der Sünbenfall.
. Kain und Abel.
. Die Sündfluth.
. Der Thurnbau zu Babel.
Abraham.
. Sodom und Gomorrha.
Iſaack.
10. Jakob.
11. Erſter Theil der Geſchichte
Joſephs.
Zweyter Theil derſelben.
Moſes.
Die egyptiſchen Plag'n.
Iſraels Ausgang aus
Egypten.
Reiſe der Iſraeliten.
Stiftshuͤtte und Lager
der Iſraeliten.
Suͤnden ber Iſtraeliten.
Ende der Reiſe der Iſ⸗
raeliten.
20. Simſon.
21. Eli und Samuel.
Saul.
v.onaunı» wo %
12.
13.
14.
15.
23.
. Zwepter Theil derfelben.
. Dritter Theil.
. Salomo,
. Elia,
. Elifa.
Jonas.
. Hisfiaß.
.Nebucadnezar.
. Daniel.
. Eftber,
. Hivb,
. Ehrifti Geburt.
. Chrifti Jugend.
. Ehrifti Taufe.
. Ehrifti Wunder, I. Klaffe.
. EHrifti Wunder, II.Klafe.
Chriſtus und Nifodemus.
. Ehrifti Kinderliebe.
. Des Siemann.
. Der barnıh. Samariter.
. Der verlohrne Sohn.
. Der reihe Mann.
46.
. Das Abendmahl.
Erfter Theil der Gefchichte
Davids,
Die zehn Jungfrauen.
48.
Verzeichniß. 1187
48. Chriſti Leiden u. Sterben. 51. Martyrer.
49. Sendung des h. Geiſtes. 52. Ende der Welt.
so. Evangeliſten und Apoſtel.
II. Der Vorſtellungen aus dem gemeinen Lehen:
1. (Das Zedervieh.) 27. Das Luftſchiffec.
2. Der Akteur. 23. Begraͤbniße ꝛc.
3. Irrlichter. 29. Das Schiff, von auſſen.
4. Der beſtrafte Wolf. 30. Die Affekten.
5. Ein unfruchtbarer Baum. 31. Verwilderte Menfchen.
6. Das Pflanzen und Ge 32. Die Menagerie.
deihen. 33. Die Schminfe.
7. Folgſamkeit und Eigenmwille, 34. Glaube, Liebe, Hofnung:e.
8, Leichtfinn und Sicherheit. 35. £oretto.
9. Gehorſam, Häflichfeitze, 39. Tempel der Tugend.
20. Das Reiſen. 37. Taufe der Katholiken und
11. Dee Sklavenhandel. Griechen.
12. Inſignien, Wappenıc 38. Die Elektricitaͤt.
13. Lebensgefahren. 39. Wunder der Heiligen.
14. Taſchenſpieler ꝛc. 40. Frauenzimmer⸗-Arbeiten.
15. Der Pharos. 41. Kinderſpiele.
16. Die Schlacht zu Lande. 42. Schlechte Andacht.
17. Priefter , Trachten. 43. Werfe der Barmherzigkeit.
18. Indianiſche Goͤzenbilder. 44. Ungerathene Söhne.
19. Der Wafferfall. 45. Der Wollüftling.
20, Starfe Leute sc. 46. Sanftmuth, Demuth c.
31. Spartanifche Erziehung. 47. Abendmahl der Kathol:x.
22, Amuleten ꝛc. 48. Kirche zum h. Grab.
23. Das Turnier ꝛc. 49. Gerechtigkeit, Friede ꝛc
24. Pferde, Eſelꝛc. 50. Mönche.
35. Mufikalifche Inſtrumente. 51. Toleranz.
26, Der Porcellaintburn. 52, Zodtenföpfe. er
2188
Verzeichniß.
II. Aus der Profangefchichte:
. (Die vierfüßigen Thiere. )
a. Die verfchiedenen Natio—
son av B u
nei.
. Das Labyrinth zu Kreta.
. Romulus und Remus.
. Das Erdbeben zu Liffabon.
. Die Pyramiden.
. Kaifer Sjofeph II.
. Zroianifcher Krieg.
. Mexikanifches Menfchen-
opfer.
10. Artabazanes und Kerxes.
11. Saͤchſiſcher Pringenraub.
12. Kaiſer⸗Kroͤnung.
13. Cyrus.
14.
15.
16,
17;
18.
19.
20.
21.
22.
22.
24.
25.
26,
27,
Hatto.
MWalfarth nach Mecca.
Gefeze der 12. Tafeln.
Ehinefifche Pagode,
Karl der Große.
Columb.
Weiber zu Weinsberg.
Brutus.
Nero.
Das Stiergefedhte.
König von Pohlen.
Berühmte Dichter.
Alexander der Große.
Roͤmiſcher Triumph.
28.
29.
30.
31.
32.
33.
34.
35-
36,
37.
38.
47.
Das Maufoleum.
Der Doge zu Benebig.
Die donnernde Legion.
Perillus.
Beliſar.
Das Roſenfeſt.
Calas.
Roͤmiſche Geſchichte.
Juͤdiſche Geſchichte.
Chriſtliche Geſchichte.
Mahomedaniſche Ges
ſchichte.
. Heidnifche Geſchichte.
Chineſiſche Gefdichte.
. Pädagogen.
. Gärten zu Babilon,
» Die Freymaurer.
. Straffenrauber.
. Solon und Eröfus.
. Berühmtes Frauenzim⸗
mer,
Die hohe Meße.
Codrus und Curtius.
. Kirchenverfammlung.
, Gelehrte , Noms und
Griechenlands.
. ESofrates, Senefa x.
Zerſtoͤrung Serufalem.
IV.
*
Verzeichniß.
1193
VHI. Mythologie und Alterthünter,
1. (Das PMlanzenreich. ) 28. Abag.
2. Prometheus, 29. Die Argonauten.
3. Alcideg, 30. Telephus.
4. Die Parzen. 31. Wald , und Feldgötter.
5. Deufalion und Pyrrha. 32. Das Amphitheater.
6. Der Riefenfteeit, 33. Göttinnen der Griechen
7. Philemon und Paucis. und Römer.
8. Vulkan und die Cyklopen. 34. Die Grazien. Die Fur
9. Iphigenia. rien.
10, Hochzeiten dee Römer, 35. Phaeton.
11. Das Glück, der Neidic. 36, Der Dianentempel.
ı2. Flora, Cered, Pomona, 37, Neptum.
13. Oedipus. 38. Aeſkulap.
14. Egyptifche Gottheiten, 49. Memnong Bildfäule.
15, Des Ulyſſes Reifen, 40. Bäder der Niten.
16. Die Sibylien. 41, Vermandlungen,
17. Das Drafel. 42. Epimenideg,
18. Götter der Griechen und 43, Gaftfrenheit der Alten.
Römer, 44. Bacchus.
ı9. Mars, 45. Midas.
20. Herkules. 46, Die Veftalinnen,
21 Dpfergebräuche ber Örie- ,,, Gaftmahle der Alten.
chen und Roͤmer. 48. Die pythiſche Schlange.
22. Medea und Lirce. 49. Die Muſen.
23. Spiele der Griechen und Deutſche Setchgn
Römer. 51. Pentheus.
a4. Einige alte Ungeheuer. 52. Himmel unb He bex
25. Orpheus. Alten.
25. Der olympifche Jupiter.
27. Ikarus. Däbalus. Ga—⸗
nymed.
Krret
IX.
1194
3;
Verzeichniß.
IR, Moraliſche Erzehlungen:
(Die vier Elemente.)
. Die Weifen:
. Nicht beffer ‚denn Adam 30. Die drey Warnungen.
un: Eva.
. Kür dem Form.
. Robinfon.
. Entwürfe, -
. Der Lügnek,
. Kabeiciug,
. Das verlohrne Rind.
. Ein Traum.
. Die Schickfale.
Chineſiſche Anekdote,
Das errettete Kind,
. Dag Wahrfagen.
. Sanut.
. Die Rörigs- Rinder,
. Der belehnte Kirchgang,
. Der Fiucher. : |
. Der Bach.
. Befferung einer boͤſen
Frau.
. Der beitrafte Water,
. Der beftraffe Abgstter,
Verdienſt bringt Achtung.‘
. Die Sreundfchafts- Probe,
. Milltam Crotch.
. Der Nichterfprud.
. Taric und Thirza.
. Der Einfiebler.
29
31.
32,
33.
46.
47.
48.
ran kann nicht allen ge—⸗
fallen.
Der Weiſe und der Narr.
Der unfchuldige Minifter.
Klugheit erreffet vom
Tode,
. Reichtgläubigfeit.
: Der Exldfete.
. Dag unverhofte Wieders
feben.
Das Kind am Rheine.
. Dlindes Frauenzimmer.
. Der wohlihätige Mann.
. Der wohlthätige Befud).
. Gefpräche.
. Der Nachtwanderer.
. Edles Mitleiden.
. Der bife Studente.
45.
Der Ducascnregen,
Der König auf ein Fahr.
Koſtbare Gefundheit.
Moltemade.
. Eid der Miffenfchaffen.
‚ Eine Befehrungsgefchich-
te.
. Gott und Abraham.
. Ein Brief aus dem Him⸗
mel,
Regiſter.
Kegiiter
der merkwuͤrdigſten Sachen und Perſonen.
A.
Alkoran N
1195
Abas, 1 52. IL 781.
Abendmahl, Alraun, 388.
Einſezung deſſelben, Alter dee Menſchen, I. 30.
11. 1016, Amazenen, I. 998.
— ber Katholifen, I. 1023. Ameifenldwe, I. 436,
— ber Griechen, II. 1026. Amerifa, 1.1.5064
— der Reformirten, Il. 1030, Amphitheater, 11. 621.
— der Lutheraner, Il. 1033. Amputation, 1]... 784.
bel, 1... 572 Amuleten, 1, ‚387%
Aberglaube, I. 302. Ananas, 1... 334%
Abgerichtete Thiere, J. 415. Anakreon, 1. 453%
Abraham, J. 103. Anatomie, 11. ı1so,
— und Gott, U. 1155. Anton sy I. ‚1219,
Ackteur / 1. 25. polo, D. 1074:
Adam und Eva, I. 23. Apollo und Mi-
Aeneas, der jurin, I. 374. merva, I. 793.
Aeſkulap II. 794. Apollo und Muſen, IL 1098.
Aeſop, II. 1144. Apoſtel, II. 1106.
Affen, 1. 415; V. 590. Apotheker, — 5
Affekten, I. 563. Argonauten, J—
Akademien, ‚II. 1088.. Argus, 1. 442
Alceſt, II. 1073. Ariadne, — u48
Alcides, I. 52 Ariſtoteles, LEER
Alexander, I, 475, Armee, I. 266,
| Kkkt4 Armuth,
1196
Armuth, I,
Artabazanes, F
Arzt, II.
Aſtrologie, J.
Athos, I.
Auge, ID.
Augẽb. Ronfeffion, I.
Ausgang der Iſrae⸗
liten , I,
Ausgieffung des b,
Geiſtes, II.
Avtomata, IL,
B.
Babyloniſche Gaͤr⸗
ten, II.
— Thurn, J.
Bach, J.
Bacchus, 1I.
B.ıder und Barbier, 1.
Bäder / TI.
— ber Alten, I.
Bär, J.
Baͤumchen und der
Landmann, 1.
Balanziren, J.
Ballhaus, 1.
Balfam, II,
Barometer, II.
Barmh. Samariter, I.
Barmherzigkeit, II.
Vaſedow, J. B. U,
Regiſter.
78. Bauch und Glieder, J.
159. Bauchredner, J.
790. Bauern, I,
112. — bie fich über Me
272, erſten Menfchen
785. befchweren, J.
1085. Bauern, zwey auf
der Siraße, T,
244, — unterber@ihe, 1.
— mit den Früch»
1077, fen, II.
100%, — der abgebrannte, II.
Paufunji, J.
Baum,unfruchtbarer, I.
Baumwolle, J.
895, Bed, I.
87, Bearäbniffe der Alten, J.
342, Bekehrungsgeſchich⸗
951. te, ARE
64. Belagerung, J.
842. Belehrung, I.
848: Belifar, u.
415, Berge, feuerſpeyende, I.
— — / J.
378. Bergwerke, J.
232, Berill, II.
438. Berufsgeſchaͤfte, J
917. Beruf, aller Mens
818, ſchen, 1.
901, Beſuch, ber wohl-
903, tbätige } II,
862, Bentetbir, , TI.
185,
554-
619,
672,
289,
73:
334.
199
517,
1133,
329,
49,
608.
79%
271,
483,
645,
34:
1172,
851,
573,
Biber,
Verzeichniß.
11683
IV. Aus des Herrn Baſedows Elementarwerke.
I.
. Filinen
; Belehrung.
. Trieb zum Leben.
. Die Pet, Theurung ie.
. Das Haus.
. Die Wohnungen:
.Die Feuersbrunſt.
.Das Sterbebette.
. Die gute Fanulie—
. Die Birfe in Londen.
. Der Monarch.
. Die Geburt des Menſchen.
. Düs Balanziren-
. Das Fagef.
. Das Seetreffen.
. Die Säulenordnungen.
. Die Strafen.
. Die Belagekung.
. Unartiges Frauenzimmet.
. Kinderzüchr.
. Das Meerweib ,
. Der Riefe
. Sefahren zu Pferde.
. Das Koncert.
‚ Die Petersfirche.
. Die Todteserinnerung:
. (Das Klofter.)
(Die Fiſche.)
und
Menſchen—.
Alter der
Marnung;
die
Hereikc.
Der Zwerg.
29.
30.
PEE
32.
33
46:
Nee
Das Schiff, inivendig
Allerley Krüppel:
Der Stolze.
Der fromme Keaente;
Die gute Haugfran.
Freude und Traurigfeit;
. Die Wiederkunft des
Geliebten.
.Der Lehrmeiſter.
Die Taufe der Reformit⸗
ten und Lutheraner.
. (Chirurgifche Operatio⸗
niert. )
. Ein falfcher Meßias.
. Die Wilke
. Rinderfpiete;
. Wahre Andacht.
. Kinder bey Tiſche.
. Ungebhorfame Töchter:
. Der Geisige,
Die Meffe;
. Das Abendmahl der Ken
formirten und Lutheraner.
Die Kreuz;uͤge.
. Die Augsburgifche Kon⸗
feffion.
.. (Nonnen. )
. Die Inquiſition.
. Gottes + Exfentniß.
Ve
1190 Verzʒeichniß.
V. Aus dem Naturreiche:
1. Das kopernikaniſche Ey. 28. Sale, Erdharze.
ſtem. 29. Der Waͤllfiſch. Det
2. Der Menſch. Herina.
3. Ein Garten. 30. Krankheiten,
4. Das Krokodil. 31. Affen.
s. Der Vefup. 32.: Der fowe,
6. Vogelnefter. Der Biber. 33. Ülachs und Hanf,
7. Das DObfervatorium. 34. Der Elephant. Das
8 Das Herkulanum. Nafeborn,
9. Das Holz. 35. Die Sonne.
10. Kühe und "chra’e, 36. Der Mond,
11. Saba. Thee. Kaffee. 37. Perlen. Korallen.
12. Getraide. Hülfenfrüchte. 38. Das Auge. Das Ohr:
13. Der -Nilfteom. 39. Das Mifrofcop.
14. Die Inſekten. 40. Öefundbrunnen. Bäder,
15. Daß Meer. Mufcheln. 41. Das Zucerrohr,
16. Die Berge. Athos. 42. Feine Theile der Pflans
17. Der ©: denwurm. zen.
18. Schlangen ıc. 43. Deilfame Kräuter.
19. Morgenländifhe Ges _ 44. Wirbel. Strubel,
wächfe. 45, Steine.
20, Die Bienen. 46. Der Delbaum.
21. Die Gluckhenne ıc. 47. Weinbau. Hopfenbau,
22, Naubtbhiere. 48. Sonnen » und Mondes
23. Abgerichtete Thiere, Finſterniſſe.
24. Liſtige Thiere. 49. Winde.
26. Singvoͤgel. so, Ausiändifche Bäume.
26. Das Bergwerf. Metalle. sı. Blut us lauf.
27. Lufterſcheinungen. ” 52. Raupen. Schmetterlinge,
BZ
ao
Verzeichniß. 1191
VI. Berufsgeſchaͤfte.
1. Kuͤnſtliche Weltkugeln ꝛc. 27. Der Feuerwerker.
2. Der Töpfer, 28. Chymikus ꝛc.
3. Der Bauer. 29. Der Schiffs zimmermann.
4. Der Wundarzt. 30. Der Apotheker.
5. Der Scharfrichter. 31. Die Glashuͤtte.
6. Der Mäurerıc, 32. Der Fleiſcher. |
7. Der Tifchler. 33. Der Weber, Der Schneis
8. Der Schmied. der,
9. Der Jäger. ıc. 34. Det Drechfler ic.
10, Der Gerber ic, 35. Der Salender,
11. Der Kaufmann. 36. Der Zimmermann,
12. Der Miller. Der Beck, 37. Der Brunnenmeiſter.
13. Der Papiermacher. 38. Der Arzt.
14. Das Naturalienkabinet. 39. Experimental, Phyſik,
15. Der Wagner ꝛc. 40. Der Färber ıc,
16, Der Buchdrucker ꝛ c. 41. Der Zuckerbäcker:c,
17. Seidenzurichtung. 42. Der Gärtner,
18. Der Bildhauer. Der. 48. Das Hoſpital.
Maler. 44 Das Zucht » und Tol⸗
19. Der Rupferftecher c. Haus,
20. Der Wachgmacher :c, 45. Die Münze ꝛc.
21. Die Ordination. 46. Der Uhrmacher,
22,
23,
24.
25.
ö 26,
Der Schmwerdtfeger ic. 47. Der Koch. Der Wietp,
Das Fechten. Das 43. Die Reliquien,
Tanzen. 49. Akademien. Schulen,
Das Reiten. Das Balls 50. Der Schlöffer.
haus, 5I. Die Anatomie,
Die Mufif. 52. Algemeineg Berufsge—
‚Der Goldſchmied ic ſchaͤfte.
8Sitta vu
1192
3
4
5
6.
7
8
9.
10.
Vi.
. (Die vier Jahrszeiten. )
‚ Jupiter , die Thiere und
der Menfch.
3; Der Hund mit dem Sleifche.
. Der Wolf und dag Lamm.
. Die iunge Fliege.
Die Milhfrau.
. Die Reife.
. Der Beleidiger der Mas
ieftät.
Das Teftament.
Das Vergnügen unb der
Schmerz.
. Zwey Bauern.
. DerPauch und dieGlieder.
. DieSröfche und bie Kinder.
. Dee Mörder und ©e-
rapis.
. Die Lafter und die Strafe,
Die Froͤſche
und die
Stiere.
Der beſtrafte Verſucher.
Die unzufriednen Thiere.
Der Juͤngling.
Der Hirſch und der Hund.
, Die iungen Baunıchen.
. Der Metbiofe.
. Der grüne und der dürre
Perg.
. Der Hafe und ber Löwe.
05, Die Brenneffel.
26.
27%
28.
29,
30.
31,
32.
33.
34.
35.
36,
37.
38.
39.
40.
41.
42.
43.
4.
45.
46.
47.
48.
49.
80.
51J.
ES
Verzʒeichniß.
Fabeln.
Der Kaͤſe.
Die Diſtel und die Roſen.
Stephan Lau.
Der Bauer und die Eiche.
Das einfallende Haug.
Zufriedenheit der Dumfe.
Der perſiſche Bauer.
Berill und Fortima.
Der abgebrannte Bauer.
Der Mond und bie
Sonne.
Das Kind und die Rofen.
Der blinde Glaube.
Apollo und Minerve,
Der Eber und dag Rebe.
Phoͤbus und fein Sohn.
Der alte und ber iurge
Löwe.
Die Grille und die Ameife,
Die Biene und die Taube.
Das Füllen und ber
Pachter.
Lam und Zenith.
Die Gelegenheit.
Der Mann und die Uhr.
Ulcef.
Die Weogfäule.
Der Nordwind und bie
Some.
Der Tod ber Turteltaube.
Die Welten.
J.
Jaad,
Jahrmaͤrkte,
Jaberszeiten,
Jakob,
Jalappenwurzel,
Jaſon,
Jericho,
Ikarus N
Illumination,
Ingenteur,
Ingwer,
Inquiſition,
Inſekten,
Inſignien,
Sonag,
Joſeph/ 1.
Joſeph, Kaifer,
Iphigenia,
Irrlichter,
Irmenſaͤule,
Iſaack,
Iſmael,
Jud Süß,
Juͤdiſche Gefchichte,,
Süngling y der /
Jungfrauen, zehn,
Jupiter, Thiere und
der Menſch.
K.
Kaͤſe und Kazen,
Kaffee,
Kain und Abel,
bi
I
——
—
—
+ — a)
— —
—
— Da
— —— — —
—S—
—
Pe u ou
: m» a
[en — —
— — 5
* 0
—
Regiſter. 1201
Kafıo, 1. 334,
Kalender, I, 697,
146. Kaͤmmacher, IE? TE
Pe? Karl der Große, I. 365.
— Kaſtanienbaum, U, \r122,
150 Kaufmann, 1.’ 188,
hin Kazen, J. 395.
55 Kind, dasverettete, Ro 22.
373. —;, das verlodine, 1. 151.
> — und die Kofen, Ix. 725,
599. — am Rbeinftro,
337. Me, U. 7606.
— Kinder, geſittete
1145. und ungefittere. U. 313
224. Sinderipiele, II 858. 664.
a Kinderzucht , de a
Er — ber Spartaner, 1. 368.
Kirchenverſammlun—
F gen, IE, 1082;
150. Kirchgang, der
49. belohnte, l, .297;
300. Kleopatra, I. 997.
— Kleppeln, ı. 834.
105. Kloſter, IL, 521.
* Klugheit, rettet
715. vom Tode, U. 649.
338. Koch, U, 1093.
de König, von Polen, I. 430.
„ — aufein Jahr, U. 1012,
2° Königskinder, 1. 280.
Kofosbaum , II. 1126,
Koloſſus, J. 542.
490. Kometen, I. 111.
179. Koncert, I. 456,
57. Kopernik. Spflem, I. 12.
Koral⸗
1203
Korallen, 8
Korn, T.
SKranfheiten, I.
Kreuzzuͤge, it.
Krieg N 1.
Kriegskunſt, J.
— der Alten, I.
Kroͤnung eines rim.
Koͤniges, J.
Krokodill, 1.
Kubeben, I
Kühe y TI.
Künfte f U.
Kürfchner, I.
Kupferfihmied, I.
Kupferfiecher, I
F
Labyrinth,
Laͤuffer, I.
Lager,
Lama und Zenith, I.
Landcharten,
Laſter und Strafe,
Lau 1
Legion, die donnerns
de, Fr
Leib des Menfchen, I
Reichtglaubigfeit, U.
geichtfinn,,
— — —
Gr
”
Leopard, J.
Lichterzieher,
Liebe zum Leben, 1.
Lips Tullian, U,
Liſſabon, I,
Regiſter.
758.
197.
569.
1064.
79.
267.
340,
193.
63.
334
163.
1095
165.
488.
535»
47»
347.
252,
936.
16,
258,
529.
566,
31.
674.
125,
394.
357.
61,
934:
7%
Liſtige Thiere,
Loͤwe r
forbeerbaum ,
Loretto,
Loth,
Lukrezia,
Lufterſcheinungen,
Luftpumpe,
Luftſchiff,
fügner,
Lykurgus,
Maͤrtyrer !
Maurer,
Magnet,
Mahomed,
Maieſtaͤts Belei—
diger,
Maler/,
ann und die Uhr,
Manna,
Mandelbaum,
Maria und Martha,
Mars j)
Maſtix j)
Materialifte ,
Mathematik,
Maulthier ,
Maufedavid;
Maufoleum,
Mecca,
Medea,
Medina,
Meer,
Meerkazen,
Meilenſaͤule,
Memnon,
Menagerie,
Menſchen,
— Leib und Seele,
— Anzahl,
— wilde /
Menichenopfer ,
Meilen,
Meße der Katho—
liken /
Meßias, falſche,
Metalle,
Midas,
Mifroffop,
Milhfrau,
Miller, 5. P.
Mitleiden
_ belohnteg,
Moͤnche,
Moͤrder und Sera⸗
pis,
Momordika
Monarch,
— der Fromme,
Mond,
Mondsveränderun.
gen,
Mond und Sonne,
Mondefinfterniffe,
Moſes,
Müller,
Münze,
Mumie N
Regiſter. 1203
I. 594. Murmelthier, L "416
I. 1098 Mufıheln, L,14254
11. 824. Mufen, II. 1098,
1. 607. Mufikalifche In—
I. 26. -firumente,: I. 450, 461,
1. 312 — Wunderfind, : "1: 467:
I. 214. Muffatnußbaum,: II. 1124.
1. 585 Muthloſigkeit, 1.399)
T. "Ta
IL, 999, N.
II, 1028, Vachtigau, Te, ‚460
RIESE Nachtwanderer, II. 898.
ag, ben, IL... 832,
1 o8R, Ragelfchmied, I, ‚130;
I. 810, Nafenhorn, Il. 668,
— Naturalien, I. 236.
11.8 Rebucadnezar, IL. 383,
ill 0 ED, U 183.
In Neptun, u. 764.
; " Nero, 1. 300
Il. 1111, Nefter, —
1. 238. Nicea, II. 1082,
I. 917, Nikel Liſt, U. 938.
—T8 — U. 828.
Ril/ IE,
ie a Noah, - : *
A 22, Nonnen, ır. — 7*
rag Noerdſchein, —A——
rei Nordwind und |
I, 1067, ‚Söhne; 1. ar
1. * 208,
1. 198, O.
. 980. Obſervatorium, IL1609.
L. 318, Ochſe, eberner, 1, 597,
Oedi⸗
1204 Degiftet‘
Dedipud, J. 221, Peterskicche, 1, 479.
Del, II. 1001, Pfeffer, 333%,
Ohr, U. 788: Pferd; i., 428,
Olympiſche Spiele, I. 422. Pflanzen, TR
— Jupiter, 1. 492. Pflanzentheile, II. 888.
DOpfergebräuce, 1. . 379% Phaͤdrus, TE
Orakel, 1. 295. Phaeton, it- . 702.
Drden, I. 192. Pharus, 1. 247.
Ordination, I. 375. Philemon und
Oreſtes, 1. 151. Baucis, 1. ıi5,
Drgel, 1. 452, Philologie, 1. 1092.
Defan; 14. 1087. Philoſophie, II. 1095.
Orpheus, 1. 466. Phoͤbus und fein
Ovidius, 1. 454. Sohn, rl... 847.
Phyſik, IL. 1094.
P. Pindarus, 1.4536
Pädagogen, 1. 860. * AR. AR
autuß, 1 453%
Magode, 1. 288, Pluto, 1
Palmbaum / II. 1125. Moehie, vn.
Dan, Ei 522. polypen, 1. 236.
e— 49° Pomeranzenbaum, AT. 1125.
Papagepen, | 47. Pomona, 1. 201,
Papiermacher, J 217. Porcellain⸗ Thurn, 1. 474
Papierſtaude/ He Drieftertrachten , %: „287,
Paris, —— Prieſterweihe, N. A
Parzen, ı 67: Nrinzenzaub, 1. BZ
Pelikan, I. 374 Prometheus, 1.39.
Penelope, U. 996. Hulvermuͤhle, l 398.
Pentheus/ —— Pyramiden, 1. 89.
Perilus, — — Pythagoras/ II. 1116.
Perlen, 2. 129. Pythia , 1. 296,
—— Porbifche Schlan ·
Balfam, N. 917. 9, 11. 1074
Dei, I, 77.
Biber,
Dienen,
Biene und Taub',
Bildhauer ,
Binder Glaube,
Blindes Frauenz.
Bliz,
Bilut⸗Umlauf,
Boͤrſe in Londen,
Braun, H.
Breaneſſel,
Breunſpiegel,
Brief eines Ver⸗
ſtorbenen,
Brunnen;
Brutus,
Buchbinder,
Buchdrucker,
Buchhändler,
Büchfenmad)er,
C.
Calas,
Campe, J. H.
Canut,
Carrouſel,
Carteſ. Teufel,
Gartoudhe,
Gato,
Ceder,
Gereg,
Charybdis
Regiſter
3a,,.98:
I, 351.
II. 922.
1.:"339,
ll. 763.
II. 796.
1307;
II. 1147.
T. "176.
I. 861.
I, 464.
II. 820.
IL 1180.
3.76%
1.- 369.
1,20%
1073,
1.7978,
I. 398.
II. 657,
Il. 863,
I. 261,
I. 407.
II, 819.
I. 935.
I. 1118.
Ih, II23.
J. 058
I. 941.
1197
Chimära , IL 4.
China - China , II 9ı6,
Shineifhe Aneft, I. 202,
— Pagode, I. 288,
— Geſchichte, ll. 833.
Shirurgifche Operat. 1. 783.
Chriſti Geburt, ll. 677,
— jugend , ll. 709:
— Taufe, il. 73%
— Wunder, 1. 767. 799%
— Rinderliebe, II, 856.
— feiden x. II. 1049.
Chriſtliche Geſchichte, II. 740.
Chriſtenverfolgung, Il. 1137.
Chymiſches Labora⸗
torium,
Cicero,
Circe,
Gtronenbaum/
Codrus,
Columb ,
Gonfuciug ,
Crotch in Englanb,
Croͤſus N
Gurtiug,
Eyflopen,
Cypus/
D:
Häpalug ,
Daniel,
Dattelbaum,
Kkkhz—
IJ. 526.
Il. 1118,
J. 401,
Il, 1125,
il. 1062,
I. 326,
ll. 835.
I. 467.
965.
. 1063,
]l. 133.
1. 209,
I. sm,
II, 603,
11, 1125,
David,
Regiſter.
1193
David, 1 403. 425. 447. Entwürfe, vergeb⸗
Demoſthenes, Il. ııız. liche, uni
Deukalion, J. 83. Epimenides,
Deutſche Goͤtter, IL 1129. Erdbeben,
Diamant, II. 974. Erde,
Dianentempel, II. 726. — £aufbahn ber,
Dichier der Alten, J. 452. Erbharze,
Dichrfunft, J. 454. Erfentniß Öotteg,
Dido, I. 997. Erloͤſete,
Diogenes, U. 1117, Erſtickte, Rettung
Diſtel und Rofen, J. 310. berfelben,
Dockennacher, 1. 871. Eifel,
Doge zu Venedig, I. 343. Eſther,
Drechfler, II. 670, Etna,
Ducatenregen, II. 990. Evangeliſten,
Experimental⸗
E. Phyſik,
Ebbe und Fluth, . 254.
Eber und Rehe/, Il. 822 F.
Er chfteine, U, 974. Fabricius,
Egpbüifche Mertw. J. 216, Faͤrber,
— Plagen * I. 226. Familie, die gute,
—Goͤtter, J. 239, Farben,
Eigenmille, I. 106, Faunen,
Einſiedler, I. 533. Fechten,
Elektricitaͤt, II. 771. Feder, J. G. H.
Elemente, I. 21. Fedderſen J. J. F.
Elephant, Il. 665. Feigenbaum,
ei, I. 365. Selbbau,
Eliaß, T. 497. Feſte,
Elifa, I. 515. Seuerfreffer,
Ende der Welt, II. 1157.) Feuerordnung,
I.
I.
525.
1166,
270 ·
784.
428.
627.
8%
. II0o6,
816,
135.
844
161,
845.
600,
418.
862.
864.
1,
50.
698.
229.
107.
Feuers,
Seuersbrunft , I.
Seuerfp. Berge, J.
Feuerwerk, J.
Fieberrinde, II.
Finſterniſſe, I.
Suche, I.
Fifherey, I.
Flache, Il.
Fleiſcher, II,
Sliege, die iunge, 1.
Slora N I.
Flucher J.
Folgſamkeit, 1
Frauenzimmer,
unartiges, J.
Srauenzimmer» Des
fchäftigungen, LI. 931,
beruͤhmtes, II.
Sreßer , Bar
Freude und Trau—
rigkeit, II.
Freun ſchaft,
Freundſchaftsprobe, J.
Freymaurer, II.
Froͤſche und Kinder, 1.
— — Btiere, I;
ums; J.
Fuͤllen und der
Paͤchter, II.
Furien,
Fußwaſchen, Il,
Kegifter.
2:5)
125. G.
79%
508. Galeeren, J. 308,
916, Ganymed, 1. 5ı2,
1067. Garten, L. 5.
10. Gaͤrtten zu Babylon, II. 885.
148. Gartner, II. 892.
639. Gaſtfreyheit, 1l. 922.
616. Saftmahle der
82, Alten, Tl. 1045,
201, Gebote Gottes, I. 263,
318, Gebrechen. des
“ 106. feibeg, 1... 567,
Gebunt des Mens |
349. fen, I. 212;
Gedeihen Gottes, J. 88,
840, Gefahren, 1. 207,
— im Reiten, I. 432.
995. Gehorfam, I. 139.
348. Geizige, II. 970.
Geldforten, dl. 982.
663. Gelegenheit, Il. 1009,
213 Gelehrſamkeit, I. 1092,
443. VBerber, 1. 164.
905. Geſchoͤpfe, —J
220. Geſeze der zwoͤlf
278. Tafeln, I. 268.
433. Beſpraͤche eines Va⸗
ters und Sohns, II. 878.
949. Geſundheit ı die i
673, theure, I, 1048,
1016. Geſundbaͤder, 14: 842.
Geſund⸗
1200
Befundbrunnen, II.
Getraide, I.
Gewicht, J.
Gewurznelken, T.
Geyer, I.
Giganten, J.
Glashuͤtte, II.
Globus, J.
Gluckhenne, J.
Gluͤck, 1,
Goͤtter der Griechen
und Roͤmer, 1
— ber Deutfhen, IT.
Gsttinnen der Gries
chen und Römer, I.
Goͤzenbilder, J.
Goltfchlager, I.
Goͤldſchmied N J.
Gorgonn,
Grab Coriſti, u.
Granatbaum, II,
Grazien, IF,
Gyille und Anteife, 1,
N.
Haafe und Live, 1,
Hagar, —J
Hammerwerke, 1.
Handwerke, T.
nf, II.
Haͤrniſchmacher, ]
Hepyen, J.
Nie, I.
Kir- ; 1
Regiſter.
841.
197.
181.
333.
395.
99.
594.
15.
373:
183.
317.
1129.
647.
304.
439,
488.
441.
10:9.
1124.
673.
895.
439.
105,
487.
3
640.
TIT,
442.
an
r
SE,
21.
*
— einſtuͤrzendes, 1,
Hausfrau, die gute, I],
Hecht, %
Heering, J.
Heidniſche Geſchich⸗
te, 11.
Herkfulanum, J.
Herkules, I.
— — — auf dem
Sceitemwege, I.
Heſiodus, I.
Himmel der Alten, 1,
Himmelsfugeln, 1.
Diob, U.
Hrfh und ber
Hund, I,
Hiefiag,
Hiltorie, Il.
Hochzeiten der RE.
mer, 1,
Höflichkeit, I.
Hoͤlle der Alten, I
Holz, I.
Homerus, ],
Hopfenbau, it.
Horatiug, I;
Hofpital, I.
Huͤgel und Berg, 1.
Hunde, I. 416.
Hund mit dem
Fleiſche, I,
Hyäne, I,
Hyperacuang , u,
575.
638.
396,
549,
807,
128.
359.
52.
452.
11775
16,
651,
358.
561,
1092.
167,
140,
Ta
143.
452.
1037.
454.
918,
434.
52.
395.
915.
Regiſter.
R. Salze, 1
Raubthiere, I. 394. Samuel, L.
Raupen, it, 1169. Satprens nt.
Recht machen, fann Saul, I.
mans nichtallen, I. 559 Schafe, I.
Nechtögelehrfamteit, ir. zogs. Shrrfeichter, ME
Reich der Todten, I. 1177. Scheiterbaufe , 1.
Reicher Mann, IL 959. Scheppard/, I.
Reigerbeize, 1. 147. Schickal, 1. 68.
Reis, J Schieſſen/ T-
Reiſen, der vorigen Schiffe, I.
und iezigen Zeit, 1. 158. 7 auswendig, I.
— berSjfraeliten, 1. 262. 321. —! inwendig, I.
Keitfchule, 1. ag7. Schiffs zimmermann , 1.
Reliquien , It. 1070. — Pumpenmacher, I.
Rhabarbar, I, 915, Schlacht zu ande, I.
Rheinfall, 1 325. — zu Waſſer, 1.
Richterſpruch, 1. 494. Schlaf, I,
Riemer, 1. 166. Schlangen, 1.
Rieſen, I, Schleuber, I-
Niefenftreit; 1799 Schleffer , | I
Ningrennen, I. 407. Schmelzwerke, 1.
Robinſon Cruſoe, 1 885. Schmetterlinge,
Kombis Remus, 1. 39. Schmied, *
Roͤmiſche Geſchichte, II. 682. Schminke, Ile
Roſenfeſt, In 654. Schneider, II.
Nofenkrang , I, ra, Schoͤpfung, 1.
Schulen, II.
S. Schuſter, 1.
Saame, 11. . 888. Schwerdtfeger, 1.
Saͤemann, 1. 880. Schwunmer, 1.
Säugtbiere, 1. 1.2, Genlla, 1.
Säulenordnung, 1. 290. Seegelmacher, ä
Safran, 1. 334. Seele des Menfhen, I
Sago, 1. 333. Seidenhandlung I
Salome, 3. en L.
Us I
291.
Seife/
1206 Regiſter.
Seife, Me 846. Sternbilder, Bio,
Geiler, ır- 644. Sternwarte, 1. 109,
Seiler, ©. Fr. ”*: U. 863. Stiergefechte, I- 408.
Semiramis, II. 998. Stiftshuͤtte, J. 234,
Genefa, II. I143. Stolz, 1I- 588. „
Sibyllen, ı 278. Strafen, Li: 302,
Eicherheit , I. 122. Stricken, bad, TI 838.
Siebenfhläfer, TE 897. Strudel, 11. 941.
Simfon, 1. 343. Student, ein Mörder, IL 956.
Singvoͤgel, J. 459. Sturmwinde, lg. 1087.
SinnenderMenfh. J. 28. Sünden ber Sfrael 1. zor.
Sirenen, : L 443. GSündenfall, 1. 42.
Sklavenhandel, 1. 173. Suͤndfluth, ——
Sodom u. Gomorrha, J. 119. Sylvanus, 11. 600.
Sofrateg, U. 1118. 1142. Syſtem, Ffopern. I 1%
Solon, U. 965. T
Sonne, II. 688. Tabak, en : )
— ber Alten, I 702. Taͤucherglocke, 1. 501.
— und Nordwind, II. 1128. Tageszeiten, 11. 692,
Somnenfinfterniffe, II. 1067. Talisman, 1.' 387.
Sophokles, 1. 463. Tanzen, I. 420.
Spartanifche Kinder Tarif und Thirza, I. sı2,
sucht, 1. 368. Tafchenfpieler , I. 229.
Sphynx/ I. 122. Taufe der Katholik. IL. 736.
Spiele der Alten, I. 422. _ Griechen, 1. 738,
Spinnen, bie, I 435. — Reformirten, 1. 753.
— das, I. 640. — Lutheraner, IL. 753.
Sprachrohr, U, 820, Telephus, 1, 576,
Staarflechen, ı. 783. Terentiug, 1, 452.
Starke Menfhen, J. 347. Teftament , I. 199.
Steine, M. 971. Thales, U, 1118,
Steinmez, I. 96, Thee, 198
Steinfchneider, II- 984. Theofritug, 1 453.
Stephanus, U. 1135. Theologie, II. 1097,
Sterbebette, I 1499, Theophraftug, I, 1117,
» Theſe⸗
Theſeus / —
Theurung, I,
Thiere, vierfüßige, 1-
— Raub» I.
— liſtige, I:
— abgerichtete, I.
Thurn zu Babel, I,
— von Porcellain,. 1.
Tieger, I,
Tifchler, I,
Titanen, J.
Tod, derTurteltaube, IT
Todtenföpfe, IL,
Todeserinnerung, 8
Töpfer, 1.
Toleranz, I.
Tollhaus, JI-
Tournier, J.
Traͤume, J.
Transport, 1.
Trepaniren, N,
Trieb zum £eben, 1.
Triumph , 1.
Teota, 1.
Tugenden, Il. 655. 994.
Zugendtempel, IL,
Tuͤncher, ERCH, ©
Türkifhe Gefchichte, I.
%
Uhrmacher, II.
Ulyſſes, J.
Ungeheuer, 1. 392.
Ungehoͤrſam, I,
— macht unglücklich, IL.
Ungerathene Söhne, II.
Regiſter. 120;
48. — Töchter, I 939.
78. Univerfitäten, IL. 1091,
7. Unfchuld. Minifter, 1. 623.
394. Unterricht, Il. 720,
433. Unzufriebne Thiere, ı1- 316
415.
87. Vanille, I- 324.
474. Vater, ber beftrafte, 1. 382.
394. Berdienft ,e bringt
113 Achtung, 17 3438,
100, Verfolgungen, I. 1137.
1152. Vergnuͤg. u. Schmerz. 1. 166.
1161. Perlohrner Sohn, I, 927
504. Verlaͤumdung, 1... ı183
34: Verfailleg, II. 762
1159. Verfleinerungen, IT 979.
944. Berfucher, beflrafter, I. 294.
406. Verwandlungen, IL 874.
169. Beftalinnen , lj. ro1o.
257. Veftungen , I. 329.
734. Birgiliug, I., 454.
61. Voͤgel, Ta
501. Bogelfang , 1 447.
122. Dogelnefter, 1.93.
1081. Vulkan, 8.039.
733 W.
2 Wachgmacher, I. 356,
775. Waͤſche, il. 840.
Wagner, I
1003. Wahrſager, NR SAT.
259. Waizenu.Unfraut, II 881.
441. Waldgötter, II. 509,
49. Wallfarth nach Mecca, J. 248.
873. Wallfiſch, J—
932. Wanderer u. Meilenſ. I. 1098.
£llla ap.
1208 Regiſter.
191. Wolluͤſtling, HM. 94.
Mappen, T.
Warnungen, 1. 49. Woltemade, II. 1075.
— drey, 1. 578. Wohlthaͤtiger
MWaflerfall, 1. 5325. Mann, Il. 826.
Mafferhofen, II. 087. Münfchelruthe, \. : 388,
Waſſerſpeyer, I. 230. Würmer, 1." 235.
Weber, m. 641. Wundarzt, 1. 64.
Meiber zu Weins⸗ Wunder der Heilig. IL. 802.
berg, . 1348 Wunderwerfe, der
— böfe , gut zu Welt, I 90,
machen, #206,
Weinbau, If. 1035. 3.
Meife, und Rare, IL 601. Zebra, X: 429,
— die inden Mond Zeit, Eintheilung |
reifen, 1. 41 derſelben, II. 694.
Meiffe, Ch. F. 11. 862. Zerfisrung Jerus.
Welten, 1. 1175. falemg, Il. 1163,
Meltfugeln, I. 13. Zeurig, 1.35%,
Merfe ver Barm. II. 903. Zigeuner, 1. 242.
Welpen, I, 94, Zimmermann, ıI. 724.
Miederfehen, 11. 728. Zimmet, I. 338.
Winde, 1. 16. Zirfelfchmieb, 5 131.
. Wirbel, 11: 941. Zorn, Mittel wider
Mirth, T. 1041. denſelben, 1. 6.
MWiffenfchaften, IL. 1092. Zuchthaus, II: 944,
— NHuldigung ber, It. 1100. Zucerrohr, II. 868.
Wohnungen, I, 108. Zuckerbäcer, I. 870,
Wolf, 1. 394. Zufriedenheit der
— wird erlegf, 1. 58 Dunſe, II. 588,
— undfamm, 1. 66. Zwerge, L 411.
—— — 1223
2355655
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Titie Bilderakademie für die Jugend. Vol.R. u.
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